Mittwoch, 28. Juli 2010

Die Kraft in der Ruhe (Teil 1)

Wien ist keine beruhigende Stadt. So gemächlich die Wiener erscheinen, so langsam das Leben vonstatten geht, und so sehr die imperiale Pracht der Bauwerke Kontinuität vorzutäuschen versucht - so dunkel und stark ist doch die Beunruhigung, die einem unsichtbaren, tödlichen Nebel gleich aus dem Boden aufzusteigen und unbemerkt bis in die Seelen der Menschen zu sickern scheint, jener Menschen zumindest, die Wien ganz zu spüren vermögen...

Wien hat etwas Bedrohliches, etwas Mystisches, und das vielzitierte "Morbide" der Stadt, das in allen Gassen hängt, beunruhigt allein dadurch, daß es uns die Vergänglichkeit allen Seins und damit auch irgendwie die verzweifelte Sinnlosigkeit unseres Strebens auf so subtile und doch deutliche Weise spüren läßt. Denn so sehr wir uns an den alten Bauten erfreuen, und so prächtig und mächtig die Anlagen, Plätze und Palais uns erscheinen, so sehr kann sich etwas in uns nicht gegen die Erkenntnis wehren, daß all dies eine tote Zeit repräsentiert, eine hochfliegende, selbstherrliche Epoche, deren Ewigkeitsanspruch in einem düsteren Blutfest ruhmlos unterging...

Genau dieser tiefen Abgründigkeit wegen, die Wien hinter seinem fröhlich-modernen Stadtleben verbirgt wie ein peinliches Gespenst in einem Schloßhotel, ist seine Wirkung nachgerade mephistophelisch. Es vermag einen Menschen genial zu machen, aber es fordert dafür seine Seele.

Ziemlich trübe, hm? Wie läßt es sich leben in einer solchen Stadt?, mag mancher fragen. Nun, gar nicht schlecht. Fordern kann Mephisto ja, was er will. Meine Seele bekommt er nicht, und das Gespenst läßt sich bestens ignorieren, wenn es einem gut geht und man - der beunruhigenden Wirkung Wiens zum Trotz - gerade ganz ruhig und ausgeglichen ist. Dann werde ich eben nicht genial, sondern bescheide mich mit der Hausgebrauchsbegabung, die mir auch ohne das kurzsichtige Eingehen teuflischer Pakte mitgegeben wurde.

Denn in der Ruhe liegt tatsächlich alle Kraft, ganz besonders in jener Ruhe, die sich inmitten der latenten Ruhelosigkeit zu behaupten vermag. Und ruhig bin ich zurzeit.

Doch dazu mehr im zweiten Teil! (Das wollte ich immer schon mal sagen!)

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