Donnerstag, 2. September 2010

Ode an den Biber

Was für ein wunderbares Tier der Biber ist! Fleißig nagt er Tag für Tag Bäume nieder, um daraus Dämme zu bauen, Bäche aufzustauen und somit einen sicheren und lebensgünstigen Wasserstand zu schaffen. Er lebt in Einehe und beherbergt seinen Nachwuchs, bis dieser alt genug ist, die elterliche Burg zu verlassen und selbst für den Bestand der Art zu sorgen. An sein Leben im Wasser ist er mit seiner Kelle (dem paddelartigen Schwanz), den Schwimmhäuten an den Hinterfüßen und seinen 23.000 Haaren pro Quadratzentimeter Fells bestens angepaßt; er existiert in vollkommener Harmonie mit seiner Umgebung, seiner Familie und seiner täglichen Beschäftigung.

Harmonie und Sicherheit... das zeichnet so ein Biberleben aus. Eine monogame Beziehung, liebende Brutpflege, tägliches Werken am sicheren Damm und das zufriedene Dasein in einer artgerechten Umgebung. Ein ebenso bescheidener wie berechtigter Anspruch ans Leben; eine freiwillige Selbstbeschränkung, in der für diese Tiere das ganze Glück der Welt liegt.

Beneidenswert, irgendwie. Ein Lebensentwurf, der von Beständigkeit, von verläßlichen Größen und festen Werten definiert wird. Keine Ablenkungen, keine Zweifel, keine hochfliegenden Ideen, Phantasien und Ambitionen, die den eigenen Horizont und letztlich auch die eigene Lebensfähigkeit weit überspannen und am Ende zum Scheitern verurteilt sind... Ein realistisches, in den dieser Spezies gegebenen Möglichkeiten und Normen verwurzeltes Dasein. Wunderbar.

Hasen hingegen, um ein konträres Beispiel zu geben, hoppeln nur blöd herum, boxen sich ebenso wichtigtuerisch wie albern mit Rivalen, rammeln, was nicht bei drei weiß Gott wohin geflüchtet ist, und leben in der ständigen, ohrenspitzen Panik, etwas zu übersehen oder zu verpassen. Sie bauen noch nicht einmal unbedingt ein dauerhaftes Nest, sondern suchen in zufälligen Bodenvertiefungen ihren kurzfristigen Schutz. Recht erbärmlich, wenn man es mit der soliden Lebensweise der Biber vergleicht. Aber eben Hasennatur. Wer wollte darüber urteilen?

Zu vermuten ist jedoch, daß mancher Hase, der weiter als seine durchschnittlich begabten Artgenossen zu blicken und tiefer als jene zu empfinden imstande ist, sich heimlich und gegen seine offenkundige Natur nach einem Biberleben sehnt. Nicht nach dem Wasser vielleicht, auch wenn Hasen sehr gute Schwimmer sind und letztlich wohl sogar mit dem nassen Element zurecht kämen. Aber doch nach der dauerhaften Gültigkeit der Verhältnisse, nach der Verbindlichkeit des Lebensmodells, das den Verlust an launenhaften, unbegrenzten Selbstverwirklichungsmöglichkeiten tausendfach mit Halt und Verläßlichkeit entgilt.

Vielleicht hat der Biber das Zuhause, das der Hase sich wünscht. Ob sie aber jemals zusammenleben könnten, steht dahin.

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