Samstag, 9. Oktober 2010

Streitkultur

Haben Sie mal versucht, mit einem Menschen zu diskutieren, der auf jede Aussage ausschließlich emotional und ohne einen Hauch rationaler Überlegung reagiert, in jedem Wort nicht ansatzweise den Kern dessen, was gemeint ist, sondern nur die Kränkung seiner Person sucht und in jeder noch so sanften Kritik, ja in jeder abweichenden Meinung nichts als eine Beleidigung sieht, die ihn sofort berechtigt, alles Gesagte abzuwehren und als unzulässig zu denunzieren?

Mir sind in meinem Leben drei Menschen begegnet, die auf diese Weise gesprächsunfähig waren und mit denen ich gleichwohl eine Verständigung gesucht habe - zuerst mein Vater, dann ein Borderline-Syndrom in Menschengestalt, an das ich drei Jahre meines Lebens (und meiner Liebe) verschwendet habe, und schließlich jemand, mit dem ich gestern in eine solche Situation geraten bin.

Es ist schon recht anstrengend, wenn jemand so überemotionalisiert ist, daß man keinen Satz zu Ende sprechen, keinen Gedankengang vollenden und kein Argument platzieren kann, weil der Gesprächs"partner" immer wieder unterbricht, sich empört auf einzelne Wörter stürzt, die ihm nicht passen, anstatt erst mal einen Gesamtzusammenhang entstehen zu lassen, sich gar selbst im Gespräch versichert, völlig in Ordnung zu sein und damit über alle (Selbst)Kritik erhebt, zugleich aber unfähig ist, zuzuhören, Gesagtes auf sich wirken zu lassen und sich wenigstens ansatzweise mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken und Verletzlichkeiten seines Gegenübers auseinanderzusetzen, kurz: wenn jemand sich sofort und mit allem nur angegriffen und abgewertet fühlt, anstatt zu begreifen, daß mit dem Diskurs nur ein spezifisches Phänomen, ein Einzelfall, nicht aber er als Mensch problematisiert wird.

Grundsätzlich versuche ich mir abzugewöhnen, mit derart überemotionalisierten, kritikunfähigen, irrationalen und labilen Menschen überhaupt einen sinnvollen Diskurs zu suchen, da er schlechterdings nicht zu finden ist. Mit meinem Vater zum Beispiel werde ich gewiß nicht mehr reden, und auch die Borderline-Frau ist mir keinerlei Bemühen mehr wert. Wenn ich es aber trotzdem tue, weil mir an dem Menschen liegt, kommt es vor, daß ich bei aller Anstrengung auf das Fehlen jeder Logik und ein ausschließlich emotionales und oft sehr heftiges Verhalten nicht unbegrenzt ruhig und überlegt reagieren kann. Recht lange zwar, aber irgendwann bringt es mich doch auf die Palme, und dann, in ganz seltenen Fällen, schlage ich auf die gleiche Weise zurück - leider bin ich ziemlich gut darin, und wenn ich das scharfe Schwert des Wortes erst mal emotional zu führen beginne, ist der Schaden oft fürchterlich.

Das tut mir dann leid, und ich suche nach einer Abkühlungsphase die Klärung und Versöhnung. Zuweilen funktioniert das. Finde ich diese Bereitschaft aber bei meinem Gegenüber nicht mehr, ist es freilich ganz und gar vorbei. Dergleichen muß man einsehen und akzeptieren.

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