Donnerstag, 9. Dezember 2010

Die Geburt der Tragödie

Es wird ja Tag für Tag so einiges geboren - Menschen und Tiere, aber auch Ideen, Entwicklungen... und eben Tragödien, die irgendwo ihren Anfang und also ihre Geburtsstunde haben.

Glaubt man Nietzsche, dann wurde die klassische griechische Tragödie aus dem Geiste der Musik geboren, ein apollinisch geordnetes, für die Menschen erträgliches Traumbild, das aus dem dionysischen, also musikalischen Urgrund allen Seins erwächst. Und da scheint mir etwas dran zu sein.

Denn Musik erhebt, beflügelt, lullt die Sinne ein und rührt an die tiefsten, verstecktesten Urgründe unserer Sehnsüchte, unserer empfindsamsten Instinkte... umso mehr, wenn sie gemeinsam erlebt oder gar gemacht wird... und ehe wir's uns versehen, lassen wir uns hinreißen zu Taten und Unterlassungen, die unbedacht, brodelnd und dunkel, leidenschaftlich und in ihrem Kern bereits tragisch sind... Wir erglühen, verbinden uns, verschmelzen ganz und gar, und im dionysischen Rausch der Musik entspinnt und verselbständigt sich eine Handlung, die ihre ganz eigene Macht gewinnt, unwiderstehlich Besitz von uns ergreift und sich alsbald jeder Kontrolle entzieht, eine tragische, schicksalhafte Handlung, die uns beherrscht, willkürlich steuert und in einen heißen Strudel des lustvollen Untergangs zieht...

Das Ende, wenn wir es erleben, ist ein hartes Aufschlagen auf dem Boden entrauschter Wirklichkeit. Die unvereinbaren, ja untragbaren Handlungsstränge unserer irren, wirren Reise haben sich bis zum Wahnsinn ineinander verschlungen und dann plötzlich in einem gewaltigen Knall aufgelöst. Die Musik ist verklungen, und eine schmerzhafte Benommenheit läßt nur in kleinen Portionen die Erkenntnis zu, daß wir uns vollkommen verirrt und im Netz unserer Lust unrettbar verfangen hatten.

Es wird kalt. Still. Man bleibt allein. Der Boden der Realität ist hart und steinig. Die Tragödie hat ihren Lauf genommen. Den Rausch möchte man nicht missen, aber der Preis war zu hoch. Man gedenkt der Geburtsstunde des tragischen Verlaufes und wünscht sich dahin zurück, um alles besser zu machen und die Tragödie in apollinischen Bahnen zu halten. Klassisch. Geordnet. Erträglich. Aber das geht nicht. Geschehen ist geschehen.

Nächstes Mal dann.

Kommentare :

  1. Ich lese hier nur Gefühlskälte in geschliffener lakonischer Sprache.Die Wärme der Musik ist nirgends spürbar. Bedauernswert irgendwie.

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  2. Hurra, Meinungsvielfalt! :-) Wobei anonym ätzen ja feig' ist...

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  3. Na, werter Christopher, das Missverständnis "Gefühlskälte" liegt wohl darin, das du es bei abstrakten Formulierungen belässt. Gib Fleisch, Bach und Beethoven, dazu und lass uns teilhaben, bei welchem Takt welcher Symphonie du wo hart aufschlägst & wer dich wie wärmte, bevor du allein warst ...

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  4. Nun: Die Sprache dieses Textes ist geschliffen, doch kann ich sie nicht - für mein Empfinden - als lakonisch bewerten.

    Lese ich aus diesem Text nicht eher tiefste Enttäuschung, Nichtloslassenkönnen und es doch zu müssen, den Wunsch zum ersten Takt der »Musik« zurückzuspulen, um der Melodie einen anderen Verlauf zu geben; sie beeinflussen zu können oder sie zumindest anders zu deuten?
    Und – zuletzt – sehe ich ein Verlorensein, das sich höchstgradig zwischen den Zeilen windet, ein wenig Resignation und gleichwohl ein Fünkchen Hoffnung erkennen lässt.
    Die »Musik« ist nicht warm, so soll sie vermutlich auch nicht erscheinen, doch bedauernswerte Gefühlskälte zeigt sich mir bei Betrachtung des Textes nicht.

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