Samstag, 21. Mai 2011

Ein bißchen Zeit

"Gib mir noch ein bißchen Zeit!" hatte sie ihm geschrieben. Sie hatten sich seit ihrer Trennung an jenem schrecklichen Dienstag nun schon ein paar Wochen nicht mehr gesehen, und auf seinen Vorschlag, sich mal wieder zu treffen, antwortete sie nun: "Gib mir noch ein bißchen Zeit, die brauche ich noch, dann machen wir das!"

Natürlich hatte er sofort zugestimmt. Daß er sie gern wiedergesehen hätte, war Ausdruck seiner Sehnsucht nach ihr, seines unbedingten Wunsches, ihre Beziehung vielleicht doch noch zu retten. Zwei Jahre waren sie zusammen gewesen, zwei schwierig-wundervolle Jahre. Er liebte sie. Allen Hindernissen und Mißverständnissen zum Trotze hätte er es gern noch einmal versucht. Aber sie bat ihn um ein bißchen Zeit.

Was sie von ihm verlangte, so dachte er, war nicht nur eine Schonfrist für verletzte Gefühle, nicht nur eine Phase, in der Fehler verstanden, enttäuschte Hoffnungen verarbeitet und mögliche Wunden geheilt werden sollten, damit man es in Zukunft besser machen könne. Nein. Für sie war es eine Zeit, um den Abstand zu vergrößern und die Trennung so manifest zu machen, daß ein Wiedersehen mit ihm keinerlei Versuchung mehr darstellte. Es war ihre Chance, sich von ihm zu entfernen und ihn als Kapitel in ihrem Leben endgültig abzuhaken. Sie würde ihn erst wiedersehen wollen, wenn sie sicher war, daß er ihr Herz nicht mehr zu berühren vermochte, und daß sie klar und entschieden und dauerhaft über ihn hinweg wäre.

Was sie von ihm verlangte, war nicht mehr und nicht weniger als ihr die Gelegenheit zu geben, seinen innigsten Wunsch für immer unerfüllbar zu machen, jeden Rückfall zu verhindern und ihre Liebe langsam und gründlich sterben zu lassen. Dann, erst dann würde sie ihn wiedersehen.

Er liebte sie. Und also gab er ihr die Zeit, um die sie ihn bat.

Kommentare :

  1. "...und ihre Liebe langsam und gründlich sterben zu lassen." ...wie wahr!

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  2. Hoffentlich "nur" ein fiktiver Beitrag...

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  3. Kerstin Morgenroth17. Juni 2011 um 08:45

    Ich bin so erschrocken als ich die Geschichte las. Vor zwei Wochen habe ich den Satz zu hören bekommen und habe genau die gleiche Antwort gegeben mit der gleichen Hoffnung. Oh, was für ein Schreck! Oh, was für eine trügerische Hoffnung!

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