Mittwoch, 3. Oktober 2012

Wunder

Mir ist ein Wunder geschehen. Ein unfassbares Wunder, gegen jede Erwartung, gegen jede Wahrscheinlichkeit, ein Glück, das mein kleines Leben nach kalter, dunkler Nacht hell und warm bestrahlte und mich stumm und dankbar darüber staunen ließ, was noch alles möglich ist, wenn man auf nichts mehr hofft.

Wunder geschehen also. Was der Schlager auf naiv-verträumte Weise zu wissen glaubt, ist mir tiefe existenzielle Gewißheit. Wunder geschehen, und ob sie nun einem göttlichen Plan zu verdanken sind oder nur den unwahrscheinlichsten aller möglichen Ereignisverläufe verwirklichen, spielt keine Rolle.

Irgendwie jedoch scheint es sie nicht umsonst zu geben. Ob göttliche Gnade oder statistische Unwahrscheinlichkeit - in beiden Fällen ist einem Wunder stets ein Gegengewicht zugeordnet. Und so frage ich mich: Muß man sich Wunder vielleicht verdienen?

Gott mag sich für die Gnade eines Wunders erhoffen, man möge Erkenntnis gewinnen, sein Bewusstsein erweitern, Dankbarkeit und Demut lernen und seinen Glauben festigen. Eben deshalb mag der Weg zum Wunder (oder der danach) besonders steinig sein. Das Wunder an sich aber wird dadurch nur umso wundervoller. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn man Gott nicht einbeziehen möchte, macht es seltsamerweise genau so. Dem unwahrscheinlichsten Ereignisverlauf ist - zumindest statistisch - ein Gegenereignis zugeordnet, das das Gleichgewicht des Seins wieder herstellt. Regression zur Mitte nennt das die Wissenschaft. Und so gestaltet sich der Empfang eines Wunders oft schwierig, und ob man es sogleich merkt oder nicht, irgendwann wird man an irgendeiner Stelle eine ausgleichende Einschränkung spüren.

Daran ist wohl nicht zu rütteln. Wie also geht man damit um? Was mache ich nun aus dem Wunder, das mir geschah, und dessen Wunderhaftigkeit von den ausgleichenden Schwierigkeiten ausgetilgt zu sein scheint? Die Antwort könnte nicht einfacher sein:

Wenn es der Gesetzmäßigkeit des Universums entspricht, Wunder zu relativieren, dann - ändere ich das Universum eben.

Ja, sich zu finden, zu einigen, zu verstehen, anzunehmen und sein zu lassen, ist unsagbar schwierig, aber längst nicht zu schwierig für das Wunder der Liebe. Mag ja sein, daß Statistik und Wahrscheinlichkeit Gutes und Schlechtes eins zu eins gegeneinandersetzen. Objektiv besteht eben ein Gleichgewicht, dessen nüchterne Analyse einen verzweifeln lassen möchte.

Aber: Pfeif' auf die Objektivität! Zur Hölle mit allen Analysen. Wir reden hier über Wunder! Und ein Wunder wäre ja kein Wunder, wenn es nicht Wunderbares beinhaltete. Ich steige hinweg über die Objektivität und gewähre mir den irrationalen Ansatz, das Wunder für größer, für bedeutender und für echter zu erachten als sein aufgeblasenes statistisches Schwierigkeitsgegengewicht. Mit spöttischem Lächeln schaue ich hinab auf den kläglichen Versuch des Universums, mir mein Wunder zu verleiden. Denn das Wunder ist das einzige, was zählt.

Geh nicht weg, mein Wunder. Wir haben gerade erst begonnen, das Universum zu verändern.

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