Mittwoch, 18. Dezember 2013

Kalter Kaffee

Kalter Kaffee! Es liegt immer ein wenig Empörung darin, wenn jemand diese Worte sagt. Spott, Verachtung. Ein süffisantes Mitleid vielleicht. Kalter Kaffee. Das ist gar nichts. Das ist weniger als nichts. Von gestern. Bedeutungslos. Einfach erledigt.

Wie man jemals glauben konnte, speziell dieser Kaffee hätte richtig sein und sogar Genuß bereiten können - unbegreiflich. Deshalb kann man kalten Kaffee auch nicht aufwärmen. Er schmeckt einfach nicht mehr. Er hat seine Zeit gehabt und ist nicht mehr trinkbar. Bitter und widerlich. Letztlich bleibt einem nichts übrig, als ihn wegzuschütten und neuen aufzubrühen.

So allgemeingültig ist diese Weisheit, so unwidersprochen und fraglos anerkannt, daß sie bestimmt falsch ist. Prüfen wir sie.

Am ersten Tag brühe ich eine Kanne Kaffee auf und trinke eine Tasse. Den Rest lasse ich in der eingeschalteten Kaffeemaschine, auf der heißen Grundplatte, die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee noch heiß. Aber absolut ungenießbar. Er schmeckt bitter und ungesund, so als habe er sich in der stetigen nächtlichen Hitze aus purem Ekel vor den sich trotz innerem Wandel, trotz der natürlichen Entwicklung aller Dinge nicht verändernden äußeren Umständen zusammengezogen und alles Schlechte in sich übersteigert, um den Menschen abzustoßen, der ihn am nächsten Morgen trinken will. Die Berührung, die Vereinigung im wonnevollen Genuß scheint beiden, dem Kaffee und dem Menschen gleichermaßen, zuwider geworden zu sein. Man will sich einfach nicht mehr. So ist es, wenn man glaubt, in der ursprünglichen Temperatur allein bewahre sich die Frische der ersten Begegnung, die Größe des Genusses, und also bemüht man sich verengten Blickes, den Kaffee heiß zu halten, einfach nur um der Hitze willen, die damals ein wesentlicher Teil der gemeinsamen Wonnen war.

Am zweiten Tag stelle ich die Kanne, nachdem ich die erste Tasse getrunken habe, in den Kühlschrank. Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee eiskalt. Ich gieße ihn in einen Topf und erhitze ihn auf der Herdplatte. Bis er dampft und duftet. Und siehe da - er schmeckt wunderbar! Nichts Bitteres ist in ihm, nichts Abstoßendes. Die Ruhe der Nacht, die Abkühlung, ja, die bewußte Abkehr von dem, was ursprünglich war, haben ihm gut getan und sein frisches Aroma bewahrt. Die Hitze, mit der er nun wieder trinkbar gemacht wird, ist neu, frisch und unverbraucht. Frei von dem Versuch, durch ertrotzte äußere Umstände die Qualität seiner Innerlichkeit bewahren zu müssen, kann sich das ausgeruhte, ungezwungene Aroma neu auf die Begegnung mit dem Menschen einlassen, und siehe da, der Genuß ist ungebrochen. Die Pause, die Abkühlung, die Veränderung des Anspruchs haben gut getan.

Es stimmt also nicht - kalten Kaffee kann man sehr wohl aufwärmen. Man tut sogar gut daran, ihn kalt werden zu lassen. Schlecht wird er erst, wenn man ihn dazu drängt, gefälligst heiß zu bleiben, obwohl dies irgendwann seinem Wesen nicht mehr entsprach. Loslassen, abkühlen. Und dann neu, ganz neu und intensiv genießen.

So ist das mit kaltem Kaffee.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Advent

'Ankommen, endlich ankommen', dachte die Sehnsucht und gebar einen Plan, den sie mit Hoffnung nährte. Einen Plan, wie das eine große Ziel zu erreichen sei: der Platz im Leben, an den man gehört und an dem alles Hasten und Streben ein erholsames Ende findet. Das Glück, so dachte die Sehnsucht, liegt in der Ruhe. Im Nichts-mehr-suchen.

Manchmal glaubte die Sehnsucht, ihn am Horizont zu sehen, diesen Platz. Er waberte undeutlich vor ihren müden Augen umher und verflog, noch ehe sie sich nähern konnte.

Manchmal kam sie tatsächlich irgendwo an, fest überzeugt davon, den Platz gefunden zu haben. Doch schon bald ergriff sie neuerlich jene Ruhelosigkeit, die nur ein unerreichtes Ziel verursacht, und traurig gestand sie sich ein, wohl doch noch nicht gefunden zu haben, was sie suchte. Abermals hastete sie los.

Manchmal kam sie vielleicht sogar tatsächlich am Sehnsuchtsziel an und konnte, kaum daß die Erschöpfung der Suche nachgelassen hatte, den Stillstand einfach nicht ertragen. Oder sie war zu blind, das Glück zu begreifen, das vor ihr lag. Und wieder machte sie sich auf den Weg.

Vielleicht ist aber die ganze Idee vom Platz ein Irrtum. Vielleicht liegt das Glück des Ankommens nicht darin, ein Ziel zu finden, sondern den richtigen Weg zu gehen, einen Weg, der Ruhe und Beständigkeit gewährt, ohne Stillstand zu verlangen, einen Weg, der so erfüllend ist, daß kein Bedürfnis mehr entsteht, sich in Seitengassen zu verirren, unüberlegte Abkürzungen zu nehmen oder dumme, ziellose Umwege zu gehen. Einen Weg, den man teilen und gemeinsam gehen kann.

Wer seinen eigenen, richtigen Weg geht, ist bereits angekommen.







Donnerstag, 12. September 2013

Nouvelle Cuisine

Ich koche Dir was. Etwas Gesundes. Etwas Köstliches. Bekömmlich und lecker. So wie's sein soll.

Das Kochen habe ich gelernt. Endlich. War gar nicht so einfach - ich habe unzählige alte Rezepte verworfen und neue ausprobiert, um den richtigen Geschmack, die richtige Verträglichkeit zu finden. Zahllose Zutaten mußte ich wegschmeißen - sie waren entweder verdorben, lange abgelaufen oder mit deutlichen Warnhinweisen versehen. Daß Du sie nicht vertragen würdest, hätte ich damals schon wissen können.

Was habe ich früher für einen Mist zusammengepampt! Kein Wunder, daß es Dir nicht bekam. Kein Wunder auch, daß Du einmal mitten im Geschäft den Korb auf den Boden geworfen hast und weggelaufen bist. Schon meine Einkäufe waren undurchdacht. Aber in dem Laden kaufe ich schon lange nicht mehr ein.

Wenn ich heute in meinen Küchenschrank sehe, ist alles schön sauber. Aufgeräumt, wohlgeordnet. Hübsch anzusehen, reduziert auf die wirklich guten Sachen. Nichts Überflüssiges findet sich mehr darin, nichts, was Übelkeit verursachen, Krankheiten auslösen oder andere Zutaten verderben kann. Nur noch Gutes, Gesundes, Köstliches.

Also koche ich Dir was. Ich schneide alles klein, so klein, daß es sich leicht kauen läßt. Sehr sanft dünste ich es an, damit die Vitamine nicht verloren gehen. Ab und an muß ich noch aufs Rezept schauen, damit ich nicht aus Versehen etwas Falsches beimische. Es gibt nämlich Zutaten, die nicht ins Rezept passen, so gesund und lecker sie an sich sein mögen. Und die wollen wir nicht. Die sollen andere essen.

Dann würze ich. Gefühlvoll. So, daß es ganz rund und harmonisch schmeckt. Nicht einfach, die richtige Würze! Ab und an wird's doch eine Prise zuviel. Aber ich löffele es schnell aus. Für Dich löffele ich alles aus, was ich falsch mache. Aber so ganz ohne Würze geht's halt auch nicht. 

Fertig! Es duftet gut, finde ich. Findest Du das auch? Und schön angerichtet ist's auch noch. Neue Teller, eine blütenweiße Tischdecke. Ohne Flecken.

Setz Dich. Du bist eingeladen. Koste ganz vorsichtig, wenn Du nicht sicher bist. Und kaue gründlich! Das ist wichtig. Vielleicht kommst Du ja auf den Geschmack. Den neuen. Das wäre schön. Denn ich würde Dir gern öfter was kochen.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kinderszene

Ich sitze im Café Korb. Das Wetter ist traumhaft, und die Stadt quillt über vor Leben - und vor Touristen. Eine frohe, sonnige Stimmung liegt in der maiwarmen Luft, und selbst grantigstes Wiener Urgestein hat heute ein freundliches Glänzen in den Augen. Ein tiefes Glücksgefühl durchdringt mich, und ich bin sehr entspannt.

Überall sehe ich Kinder. Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Wahrnehmung auf das konzentriert, was einen gerade am meisten beschäftigt. Und dann geschieht etwas Wunderschönes - ein Kindchen, das gerade laufen kann (und von dieser neuen Fähigkeit zum Leidwesen seiner Großeltern reichlich Gebrauch macht), kommt immer wieder an meinen Tisch, hält sich mit seinem kleinen Händchen am Stuhl fest, strahlt mich an und winkt begeistert zurück, als ich ihm winke. Es sieht mich so erwartungs- und vertrauensvoll an, als könne es die Vaterschaft riechen, die mein Wesen, mein Denken und mein Fühlen sowie mein ganzes Leben mehr und mehr beherrscht.


Seine Schritte sind unbeholfen, begierig, möglichst viel von dieser bunten Welt zu erkunden, und voll kämpferischer Ungeduld darüber, daß seine motorischen Fähigkeiten dem Entdeckerdrang noch nicht ganz entsprechen. Und so wackelt es immer wieder zu mir. In seinem leuchtenden Gesichtchen liegt so viel Verheißung und Ermunterung, so viel Zutrauen, daß mir das Herz zu rasen beginnt vor Liebe, und der Gedanke, daß mein Kind in einem Jahr ebenso herumtappert und mich auf diese Weise ansieht, treibt mir glücklichste Tränen in die Augen. Gottlob trage ich eine Sonnenbrille - die Großeltern könnten meine Bewegtheit mißdeuten...


"Sieh mich gut an!" scheint es mir wortlos zu sagen. "So was bekommst Du auch bald. Mach was draus! Ich verlasse mich auf Dich."

"Mein Kind", denke ich und sehe es an wie einen Platzhalter für mein eigenes, dem noch elf wohlbehütete Tage in Mamas Bauch vergönnt sind, "ich mache was draus. Versprochen. Du sollst es gut haben. Ich nehme Dich an, wie Du bist. In Dir ist alles angelegt, so viele Möglichkeiten, Begabungen und Entwicklungen. Ich liebe Dich und werde Dich immer und in allem unterstützen und fördern, was Dir Freude macht und zu dem Du Dich geneigt fühlst. Denn ich möchte, daß Du Dein Glück in Dir selbst findest, in dem, was Du am meisten möchtest, und nicht in dem, was ich oder andere sich vielleicht von Dir wünschen! Ich werde Dir dabei helfen, dieses in Dir angelegte Glück auszuschöpfen, mit allem, was ich habe. Werde, was Du magst, liebe, wen Du willst, und lebe, wie es Dir gefällt."

Das Kind winkt noch einmal, als hätte es mich gehört und gebilligt, was ich dachte, und wackelt zu seinen Großeltern zurück. Ich lächele ihm nach und freue mich unglaublich auf alles, was kommt.

Montag, 29. April 2013

Erdnußgeschichte

Weil ich nur ganze Erdnüsse mag, beschäftige ich jetzt einen Notar, der mir die halben aussortiert. Ich bin sehr zufrieden.

Meine Mutter fragt, ob das nicht eine ungeheure Verschwendung sei - schließlich bildeten die aussortierten halben Erdnüsse doch bestimmt einen beträchtlichen Ausschuß! Ich weiß es nicht, sage ich ihr. Ich spreche mit dem Notar nicht über Zahlen. Er möchte es gern, das kann ich spüren, aber schließlich habe ich ihn nicht als Aufsichtsrat engagiert, sondern als Sortierer. Wozu bräuchte eine simple Sache wie Erdnüsse auch einen Aufsichtsrat? Absurd.

Der Notar macht seine Sache sehr gut. Eine Ikone der Zuverlässigkeit zu sein, ist tief in seinem Selbstbild verankert. Und im Bild des Notars in der Öffentlichkeit natürlich. Ich bezahle ihn daher für 80 Stunden pro Woche. Natürlich esse ich nicht so viele Erdnüsse! Aber ich weiß ja nie, wann ich welche essen möchte, und dann möchte ich sie frisch sortiert. Nicht auf Vorrat. Am besten vor meinen Augen, sonst zählt er wieder heimlich mit. Und ich finde nicht, daß er mehr über meine Erdnüsse wissen muß als ich selbst. Sowas geht doch nicht.

Ich weiß nicht, ob sich der Aufwand lohnt. Schon mit dem ersten Biß zerspringen die Erdnüsse ja doch in ihre zwei Hälften. Es ist einfach nur das kurze Gefühl vollständiger Kerne im Mund, bevor man zu kauen beginnt. Ich mag das. Meine Mutter findet es seltsam. Sie rät mir, meine Zeit sinnvoller zu nutzen. Und vielleicht Nüsse zu mögen, die ohnedies vollständig sind. Haselnüsse zum Beispiel. Die mag ich ja auch, aber Erdnüsse sind richtiger. Ungesünder gewiß, und aufwendiger. Aber ich will nur sie.

Dem Notar ist es recht - er verdient gut daran, und noch hat der Mangel an Befriedigung, den diese blöde Arbeit mit sich bringt, die Höhe seines Einkommens nicht entwertet. So gierig ist er. Noch.

Ich bleibe bei den Erdnüssen. Den empfindlichen, zerbrechlichen. Sie sind gut. Vielleicht bleiben sie ja irgendwann von alleine ganz.

Samstag, 27. April 2013

Die Party

Ihr Verhältnis war nicht mehr so, wie es einmal gewesen war, aber sie waren immer noch Nachbarn. Und sie hatten gemeinsam ein großes Kunstwerk erschaffen, das Kritiker, Presse und Publikum gleichermaßen begeisterte. Dieses Werk band sie aneinander, und hier und da gaben sie eine gemeinsame Pressekonferenz oder berieten die weitere Vermarktung. Aber ein Paar waren sie eben nicht mehr, und zumindest er litt sehr darunter.

Irgendwie verstand er ihre Distanziertheit der Idee gegenüber, es vielleicht doch noch mal zu versuchen, denn nach allem, was sie in ihrer schwierigen Beziehung erlebt hatten, glaubte sie halt, sich schützen zu müssen. Und weil er sie liebte, ließ er sie. Dennoch tat es ihm weh, wenn er ihre neuen Freunde und Bewunderer die Treppe hinaufkommen sah und hörte, wie sie von ihr herzlich begrüßt wurden, während sie ihm den Zutritt zu ihrer Wohnung nicht mehr gestattete, ihrer schönen kleinen Wohnung, in der er einst so zu Hause, so glücklich gewesen war.

Dabei war sie nicht einmal unfreundlich. Sie sprach mit einer honigsüßen Stimme und einem unschuldigen Lächeln zu ihm, und in jedem fast zärtlich hingehauchten Wort fand er das Ende ihrer Liebe umso schmerzhafter besiegelt. Er liebte sie glühender denn je und versuchte so verzweifelt, ihr zu gefallen, daß er nach und nach zu einer ebenso lachhaften wie lästigen Figur wurde. Er wußte das, und doch gab er nicht auf.

Eines Tages schien sie etwas zu veranstalten. Er hörte durch die Wände Musik, das Gemurmel vieler Stimmen und fröhliches Gelächter. Neugierig ging er auf den Gang hinaus und sah, daß ihre Türe einen Spalt offen stand. Gerade erblickte er einen ihrer ehemaligen Liebhaber in der Mitte des Zimmers, als sie an den Türspalt trat und ihm die Sicht verstellte.

"Hallo", sagte er, "feierst Du eine Party?"
"Naja", antwortete sie, honigsüß lächelnd, "nichts Großes. Nur ein paar Freunde, die mir zu unserem Kunstwerk gratulieren wollen!"
"Warum hast Du mich denn dann nicht eingeladen?" fragte er und spürte jenen Stich im Herzen, den jede ihrer Achtlosigkeiten bei ihm auslöste. "Immerhin ist es unser..."
"Aaach, es ist doch nur eine oberflächliche kleine Party", erwiderte sie. "Das verstehst Du bestimmt. Die meisten Leute kenne ich gar nicht wirklich."
"Aber findest Du es nicht seltsam, daß zum Beispiel er da" - er deutete mit dem Kopf in Richtung ihres Ex-Liebhabers - "dabei sein und unser Kunstwerk bewundern darf, während Du mich nicht mal mehr in Deine Wohnung läßt?"
"Du, wie gesagt", entgegnete sie mit ihrer süßesten Stimme, "das bedeutet mir doch alles gar nichts. Wir beide haben doch einen viel echteren Austausch miteinander als er auf einer blöden Party möglich ist."
"Mir tut es trotzdem weh!" sagte er. "Schließlich haben wir uns mal auf einer Party kennengelernt..."
"Ja, das stimmt schon", antwortet sie, "aber weißt Du, ich denke, ich schicke eh gleich alle nach Hause, dann ist die Party vorbei und wir haben das Problem nicht mehr! Laß uns doch einfach bald wieder telefonieren, ja? Da können wir doch viel besser reden! Also, bis bald, und alles Liebe für Dich!"

Sprach's, lächelte ihn noch mal kurz an und schloß dann die Tür vor seiner Nase. Nun konnte er nicht mehr hineinschauen. Die Party ging indes noch recht lange weiter, und nach Hause geschickt wurde niemand. Außer ihm.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Die Bedeutung der Sprache im geschäftlichen Umfeld

Vortrag im k47 auf Einladung des Improver Clubs

Sprache ist nicht nur der wichtigste Träger von Bewußtsein, von kritischen Ideen und komplexen Gedanken, sondern auch ein emotional hoch wirksames Instrument zur Vermittlung von Botschaften. Die Bedeutung des Wortes für unternehmerisches Handeln wird oft vernachlässigt; die schier unendlichen Möglichkeiten einer konzeptionell eingesetzten Sprache bleiben ungenutzt. Dabei werden gute Texte gerade in Zeiten von Facebook, Twitter und Google+ immer wichtiger. Das Wort erlebt derzeit eine Renaissance, die kein Unternehmen verpassen sollte.

„Nein, das machen wir selber. Wir wissen ja, was wir sagen wollen, da müssen wir kein Geld für ausgeben!“ Das ist eine Antwort, die man auf die Frage nach dem Bedarf an Textarbeit immer wieder hört. Und schaut man sich die Ergebnisse dieses Selbermachens dann an, möchte es einen nicht selten gruseln. Denn zu wissen, was man sagen will, und es auch tatsächlich in einer wirksamen Form zu sagen, sind durchaus zweierlei Paar Schuhe.

Es ist seltsam, daß sich so viele Unternehmen selbst und ohne Not der Chance beheben, einen aufwendigen Außenauftritt mit professionell gestalteten Texten zu perfektionieren. Für ein Logo oder ein Website-Layout werden ohne Bedenken zehn- oder zwanzigtausend Euro an Designagenturen gezahlt – dergleichen kann man eben nicht selbst, und man will ja gut aussehen! Am Text jedoch, der vielleicht für zusätzliche eintausend Euro zu haben wäre, wird dann plötzlich gespart. Und der gesamte Auftritt verliert an Wert und Wirkung.

So etwas ist nicht einfach nur bedauerlich. Daß sich ein Unternehmen aus purer Ignoranz auf eine der effektivsten und in der breiten Palette möglicher Agenturleistungen zugleich billigsten Ausdrucksformen verzichtet, ist vielmehr überraschend. Denn eine Kommunikationsstrategie, die meint, ohne eine professionell gestaltete Sprache auskommen zu können, scheint doch mehr als fragwürdig.

Eine präzise Kommunikation ohne Sprache ist undenkbar. Natürlich lassen sich über ein gelungenes Design, ein geschicktes Layout oder ein gut gewähltes Bild Botschaften vermitteln. Aber sie bleiben assoziativ. Die Kunst der Bild- und Formensprache besteht darin, beim Betrachter genau die Assoziation zu wecken, die man schon bei der Gestaltung beabsichtigt hat. Und oft gelingt das auch. Ein Landschaftsbild unberührter Natur in einer Werbeanzeige für ein Bier weckt zum Beispiel eine ganze Fülle von Assoziationen – Reinheit, Heimat, Ursprünglichkeit, Qualität und Umweltbewußtsein. Worin aber zum Beispiel ein eventuelles, über das operative Geschäft hinausgehendes Umweltengagement des Bierbrauers besteht, oder welche Zutaten er tatsächlich verwendet, ist aus dem Bild nicht zu erkennen. Hier bedarf es einer verbalen Präzisierung. Nicht in der Anzeige selbst, aber vielleicht in begleitenden PR- oder Werbekampagnen.

Nun ist nicht zu leugnen, daß ein Bild sehr viel unmittelbarer wirkt als ein Text. Ein Bild sieht man, ob man will oder nicht. Man erfasst es in Sekundenbruchteilen und gewinnt einen Eindruck, ohne selbst etwas tun zu müssen. Einen Text hingegen muß man lesen. Und damit er seine Wirkung entfalten kann, muß er vollständig gelesen werden. Einen Betrachter dazu zu bringen, gelingt nur, wenn der Text professionell und unter Anwendung verbal-kommunikativer Regeln gestaltet ist. Genau das jedoch kann kein Vorzimmer leisten, auch wenn die eifrige Sekretärin gewiß irgendetwas aufs Papier zu bringen vermag. Informationsarchitektur, die Steuerung des Leseflusses und die Platzierung von Schlüsselwörtern sind eine kompositorische Kunst, die ebenso wie ein perfektes Graphikdesign Erfahrung und Geschick braucht.

Wer immer noch skeptisch ist, führe sich vor Augen, daß die Unternehmenskommunikation als solche, sei es in Marketing, Werbung oder PR, sich derzeit stark verändert und auf neue Medien, insbesondere auf soziale Netzwerke ausweitet. Hier, bei Facebook, Twitter, Google+ oder Foursquare, ist Sprache tatsächlich das zentrale Instrument zur Vermittlung von Botschaften und bedarf daher ganz besonders perfekter Gestaltung. Denn auch Worte können, über ihren rational erfassbaren Gehalt hinaus emotionale Assoziationen wecken und Reaktionen auslösen. Dieses Potenzial lässt sich mit professionell gesetzten Worten erschließen und nutzen.

Eine weitere kurze Betrachtung verdient auch die nicht eigenwerbliche, die interne Kommunikation. Der Umgang mit Mitarbeitern, die Kommunikation unter Kollegen, all das hat einen erheblichen Einfluß auf das Klima in einer Firma und auf die Motivation aller dort Beschäftigten. Der Umgang mit Worten erfordert nicht nur Geschick und Feingefühl, sondern auch ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein, kann doch eine einzige Bemerkung in ebenso hohem Grade motivieren und zu Bestleistungen anspornen, wie eine andere, mit weniger Bedacht gewählte zu frustrieren und damit Leistungspotenziale zu verschließen geeignet ist. Auch interne Kommunikation lässt sich lernen; auch eine Wortwahl, die Mitarbeiter und Kollegen erbaut und motiviert, statt sie in Trotz und Frustration zu treiben, kann man sich mit professioneller Hilfe aneignen. Hierauf wird in vielen Unternehmen noch weniger geachtet als auf die Gestaltung verbaler Marketing- und Werbebotschaften. Der Bereich ethischer Sprachgestaltung wird hier berührt, aber das ist vermutlich ein Thema für einen eigenen Vortrag.

Wörter sind Bauteile für Sätze, für kommunizierbare Inhalte. Feinfühlig und geschickt zusammengefügt werden sie zu Worten, zu Trägern von Ideen, Bildern, Gefühlen und Gedanken, und damit zu einem machtvollen Instrument der Vermittlung von Botschaften und der Beeinflussung von Reaktionen. Die Anwendungsmöglichkeiten dieses Instruments sind fast unbegrenzt, und damit auch sein Erfolgspotenzial. Es empfehlen sich also stets:

Worte statt Wörter.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Wortlos

Wie gut, daß es Wörter gibt. Denn ich möchte so viel sagen! So sehr quillt und brodelt es in mir, daß ich übergehen will vor Lust, endlich in die Welt hinauszurufen, was mir so unendlich wahr und wichtig ist. Also beginne ich, meine Wörter zu setzen, sorgfältig und gewählt, so wie ich es immer tue.

Aber meine Wörter bleiben stumm. Wie dicke Raupen sitzen sie auf meinem Herzen, laben sich gierig an dem, was darin ist, und vermehren sich so rasch, daß sie alsbald viel, viel Raum füllen. Aber sie verwandeln sich nicht in Schmetterlinge. Kein bunter Flügel macht sichtbar, von welch wunderbaren Herzensangelegenheiten sich die Wortraupe ernährt hat. Sie formen sich nicht zu Worten, sondern bleiben Wörter. Dicke, selbsthungrige Wörter. Dreist und faul versagen sie ihren Dienst an dem, was mitzuteilen es mich so sehnsüchtig hetzt und drängt.

Fast kann ich ihr Schmatzen hören, sehe das pulsierende Kriechen ihrer fetten Körper und ihre nimmersatten Kauwerkzeuge, die meine Herzensdinge vertilgen, ohne sie in schöne und richtige Aussagen zu verwandeln... und plötzlich widern sie mich an. Noch nie kamen mir meine Wörter so sinnlos, so verräterisch vor. Verärgert und verzweifelt fege ich sie hinweg.

Diesmal muß es ohne sie gehen. Was ich Dir sagen will, das sage ich Dir wortlos.

Dienstag, 1. Januar 2013

Befreiräucherung

Aus unerfindlichen Gründen glaubt man, der Jahreswechsel sei für Gedanken, Vorsätze und Entschlüsse geeigneter als der Beginn jedes anderen neuen Tages, und so geht am 31. Dezember auf einmal jeder in sich, zieht Bilanz, sucht Erkenntnisse und nimmt sich Veränderungen vor.

Ich kann damit nicht viel anfangen. Die Attitüde von Vergeistigung, von Tiefsinn und Weisheit, die plötzlich alle befällt, als böte das Jahr sonst keine Gelegenheit, mal ein wenig über sich nachzudenken, ist individuell und kollektiv gleichermaßen banal, und die Vorstellung, man könne an einem einzigen Tag alle Antworten aus sich selbst heraus schöpfen, spricht eher für eine freiwillige Selbstbeschränkung als den echten Willen, seinen Erkenntnishorizont schonungslos zu erweitern. Wenn man seine Neujahrsgedanken schon ins Zeichen eines Neuanfangs, eines Aufbruchs stellt, sollte man sie doch von alten Vorurteilen und Einseitigkeiten frei halten. Finde ich.

Denn Erkenntnis ergibt sich nicht aus der Selbstbespiegelung. Sie erwächst nicht daraus, mit dem Weihrauchfäßchen poetischer Gedanklichkeit herumzuschlenkern und die dabei freigesetzten Überlegungen lediglich von den Menschen beklatschen zu lassen, die einem ohnedies nach dem Munde reden. Und schon gar nicht wird, was wir zu wissen glauben, dadurch richtiger, daß wir alles Andere einfach abstreiten und die Menschen aussperren, die uns widersprechen.

Denn was wissen wir schon? Gar nichts. Der erste Schritt zu einer umfassenden Erkenntnis war für mich schon Mitte des vergangenen Jahres der Versuch, meine subjektive, dumme kleine Sicht auf die Dinge durch den Einfluß gerade solcher Menschen zu objektivieren, die zu meiner Schonung oder Bestätigung keinen Anlaß hatten. Eine Therapie, ein paar Gespräche mit engen Freunden und erklärten Feinden und das unverblümte Urteil meiner nicht eben auf den Mund gefallenen Familie... Je radikaler mir widersprochen wurde, je grausamer man mir den eitlen Kopf wusch, und je mehr ich mich darüber ärgerte, mein sorgsam zurechtgelegtes Selbstbild gegen die abweichende Sicht meiner Mitmenschen nicht mehr plausibel verteidigen zu können, desto besser lernte ich mich kennen.

Genau deshalb schließe ich mich am 31. Dezember nicht ein, schwenke mein poetisches Weihrauchfäßchen und gefalle mir im pseudophilosophischen Pathos der Selbstbefreiung von allem Schlechten, das in Wirklichkeit nur eine verquere Mischung aus der Verleugnung anderer Interpretationsmöglichkeiten und der Verdrängung eigener Verantwortlichkeit ist.

Jeder, wie er meint und denkt. Mein 2013 wird erhebliche Veränderungen bringen, für die ich, günstigste Voraussetzungen zu schaffen, fest entschlossen bin. Aber als richtig und gut nur noch das zuzulassen, was mich über jede echte Selbstkritik erhebt, wäre mir als Einstieg ins neue Jahr zu einseitig.