Sonntag, 1. Dezember 2013

Advent

'Ankommen, endlich ankommen', dachte die Sehnsucht und gebar einen Plan, den sie mit Hoffnung nährte. Einen Plan, wie das eine große Ziel zu erreichen sei: der Platz im Leben, an den man gehört und an dem alles Hasten und Streben ein erholsames Ende findet. Das Glück, so dachte die Sehnsucht, liegt in der Ruhe. Im Nichts-mehr-suchen.

Manchmal glaubte die Sehnsucht, ihn am Horizont zu sehen, diesen Platz. Er waberte undeutlich vor ihren müden Augen umher und verflog, noch ehe sie sich nähern konnte.

Manchmal kam sie tatsächlich irgendwo an, fest überzeugt davon, den Platz gefunden zu haben. Doch schon bald ergriff sie neuerlich jene Ruhelosigkeit, die nur ein unerreichtes Ziel verursacht, und traurig gestand sie sich ein, wohl doch noch nicht gefunden zu haben, was sie suchte. Abermals hastete sie los.

Manchmal kam sie vielleicht sogar tatsächlich am Sehnsuchtsziel an und konnte, kaum daß die Erschöpfung der Suche nachgelassen hatte, den Stillstand einfach nicht ertragen. Oder sie war zu blind, das Glück zu begreifen, das vor ihr lag. Und wieder machte sie sich auf den Weg.

Vielleicht ist aber die ganze Idee vom Platz ein Irrtum. Vielleicht liegt das Glück des Ankommens nicht darin, ein Ziel zu finden, sondern den richtigen Weg zu gehen, einen Weg, der Ruhe und Beständigkeit gewährt, ohne Stillstand zu verlangen, einen Weg, der so erfüllend ist, daß kein Bedürfnis mehr entsteht, sich in Seitengassen zu verirren, unüberlegte Abkürzungen zu nehmen oder dumme, ziellose Umwege zu gehen. Einen Weg, den man teilen und gemeinsam gehen kann.

Wer seinen eigenen, richtigen Weg geht, ist bereits angekommen.







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