Mittwoch, 6. Januar 2016

Neu

Angesichts der allgegenwärtig sich Ausdruck gebenden Silvester- und Neujahrsstimmung habe ich mich in den letzten Tagen oft gefragt, warum Menschen eigentlich so versessen auf Neues sind, und darauf, ihr Leben, ja sich selbst zu erneuern. Es scheint, als sei "neu" nachgerade ein Synonym für "besser". Aber sind wir wirklich so unzufrieden mit uns selbst, daß wir ständig Veränderungen erträumen?

Abgesehen davon, daß es mich Jahr für Jahr irritiert, warum die Hoffnung auf Neues, die Vorsätze, etwas zu ändern und die Erwartung einer gleichsam magischen Lebenswende an ein einziges Datum geknüpft werden, als könne und solle man sich nicht jeden Tag des Jahres darum bemühen, daß das Leben so ist, wie man es gern hätte... abgesehen davon also frage ich mich, warum dafür immer alles neu sein muß? Warum das Bedürfnis, sich allsilvesterabendlich neu erfinden zu wollen im Glauben, man könne alles Unliebsame zurücklassen, wenn nur eine neue Jahreszahl im Datum steht - eine phoenixhafte Wiedergeburt aus der Asche des abgelaufenen Jahres, die alle Sorgen, Plagen und Unrichtigkeiten zurückläßt, die eine alljährliche Chance, sich auf einem neuen, weißen Blatt Papier ein ganz neues Leben, ein neues Glück zu schreiben.

Meine Gedanken zum Jahreswechsel drehten sich eher um Altes, um das, was Bestand hat in meinem Leben, meinem Herzen, um die Dinge, die nicht aufhören, sich nicht ändern und Halt und Hoffnung und Liebe geben. Dinge, die mehr Ausdauer brauchen als ein Jahr, und die erst gut und beglückend werden, wenn wir nicht an jedem Silvesterabend etwas Neues beginnen, sondern am 1. Januar genau da weitermachen, wo wir am 31. Dezember aufgehört haben. Denn erscheint nicht manche Neuerung nur deshalb so anziehend, weil sie uns der Kontinuität, der beharrlichen, oft mühsamen Arbeit am ewig Gültigen zugunsten eines raschen, unverbindlichen Ablaufs steter hoffnungsberauschter Neuerungen, enthebt...? Weil das Neue uns zu nichts verpflichtet, da wir es ja überkommen können, wenn es alt wird?

Vielleicht wäre unsere Lebensenergie bei manch Altem echter und gerechter verwendet als bei dieser und jener Neuerung. Gerade zum neuen Jahr sollte man sich (wenigstens auch) danach fragen. 

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