Samstag, 13. Februar 2016

Verschwommene Bilder

Bilder verschwimmen. Bilder im Kopf. Was uns einst scharf und leuchtend vor dem geistigen Auge stand, wird mit der Zeit trüb und blaß. Ist es ein Nachlassen der inneren Sehkraft, die, von Gewohnheit abgenutzt, immer schwächer wird? Oder ist es das tatsächliche Verfliegen ehemals klarer Vorstellungen, die dem Sturm des Lebens einfach nicht standzuhalten vermochten?

Diese Gedanken kommen mir, während ich im Weissen Brauhaus sitze, geflohen vor einem dummen Streit und traurig darüber, daß der Samstag nun einen so ganz anderen Verlauf nimmt als gedacht. Unterdessen wird mir der Salat gebracht. Ich erkenne rote Beete. Ich mag rote Beete nicht.

Mal ehrlich: Wir glauben so scharf zu sehen, Menschen, Dinge, Situationen und Perspektiven so klar zu erkennen, daß wir uns freudig darauf einlassen und meinen, alles müsse so bleiben, wie unser geistiges Auge es vor sich sah. Und plötzlich wird alles zum Nebel, verschwimmt, verzerrt sich bis zur Entstellung, und wir müssen das geistige Auge ganz schön zusammenkneifen, um zu ahnen, welches unserer schönen, bequemen Bilder das mal war. 

Traurig nehme ich die erste Gabel Salat. Rote Beete gelangt in meinen Mund. Mist. Um die wollte ich doch herumessen.

Unser geistiges Auge also... Doch halt!

Die rote Beete schmeckt ja gut! Ihr Bild in meinem Kopf war die ganze Zeit klar. Aber ich... ich scheine mich verändert zu haben. Denn meinem klaren Bild vom ungeliebten Geschmack entspricht das Gemüse einfach nicht mehr. So wie ich selbst vielleicht nicht mehr dem Bild entspreche, das ich selbst von mir habe.

Ich denke nach. Ja, vielleicht verschwimmen Bilder im Kopf. Vielleicht verklären sich Vorstellungen, und Erwartungen nutzen sich in der rauhen Lebenswirklichkeit ab. Vielleicht aber liegt das nicht immer am Wandel der Welt, sondern an uns. Ohne es zu merken, ohne Bilder und Erwartungen in Frage zu stellen, verändern wir uns und messen doch alles, was geschieht oder unterbleibt, nur an unseren starren Vorstellungen. Wo längst ein neues, scharfes leuchtendes Bild an die Stelle des verschwommenen treten und ganz neue Perspektiven eröffnen könnte, ver(sch)wenden wir all unsere Kraft und Zeit darauf, mit zusammengekniffenem geistigen Auge unbedingt das erkennen zu wollen, was uns vertraut schien. Wie töricht! Wie dumm auch, einen Streit um Bilder zu führen.

Ich esse meinen Salat auf - mit der roten Beete, die mir (nicht zum ersten Mal) geholfen hat zu erkennen. Und auf einmal ist dieser Samstag gar nicht mehr so traurig.

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