Dienstag, 11. April 2017

Der Haß aufs Relative

oder: deutsche Debattenkultur 2017

Wenn man sich schreibend hinauswagt in die Öffentlichkeit und in Worte kleidet, woran man glaubt und was man sich wünscht, dann muß man mit Widerspruch rechnen. Und das ist auch gut so: Zweck einer Meinungsäußerung ist ja nicht der Applaus, sondern die Debatte, das gegenseitige Verstehen von Bedürfnissen, Antrieben und Handlungsmotiven, und auf dieser Basis vielleicht sogar eine Lösung, mit der alle leben können. Denn zusammen leben müssen wir ja nun mal.

Die Realität, die ich im täglichen Widerspruch erfahre, sieht indes anders aus. Verständigung scheint für manche gar nicht erstrebenswert. Erst kürzlich erklärte man mir, ich sei indifferent, weil ich mir (einem moralischen Imperativ folgend) immer beide Seiten anhöre; ich surfe glatt zwischen allen Stühlen, stellte mich mit allen gut und vermiede eine eigene Position. Diese Ignoranz, diese Harmonie-Chose sei das Gegenteil von wahrer Toleranz und nachgerade unlauter.

Mein Einwand, daß ich einen Standpunkt ja nur aus der Kenntnis und Analyse aller möglichen Meinungen und der diskursiven Auseinandersetzung mit anderen Betrachtungsweisen entwickeln könne und im Übrigen einfach neugierig darauf sei, wie und warum Menschen zu bestimmten Ansicht gelangten, wurde als fürchterliches Geschwätz bezeichnet. Je nun.

Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, daß im Zeitalter der wütenden Meinungsschlachten insbesondere auf Facebook eine differenzierte Betrachtung, ein vorsichtiges Verstehen und Beleuchten bei bestimmten Leuten regelrechten Haß auslöst. Nur noch das Absolute gilt als „klar“ und stark. Das Relative, das nicht in polternder Selbstsicherheit daherkommt und alles andere plattwalzt, sondern sich Zweifel, Thesen, Perspektivenwechsel und die Integration verschiedener Aspekte ins eigene Ergebnis erlaubt, wird angefeindet und beschimpft.

Da ist es also wieder, das Stammhirndenken, das nur totale Antworten kennt, den Kompromiß verachtet und nicht den Diskurs, sondern den Existenzkampf sucht. Ich werde nicht müde, diese Reanimalisierung des Menschen anzuprangern, denn das Viehisch-Absolute, der brutale Darwinismus des Stärkeren hat der Welt nichts Gutes zu bieten. Schon gar nichts, womit alle leben können. Und zusammen leben müssen wir ja nun mal.

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