Mittwoch, 7. Juni 2017

Abendgedanken zur Heimat

(Soeben zurückgekehrt von einer gefühlt ewig langen, tatsächlich genau drei Tage währenden Reise an den schönen Mittelrhein. Meine Heimat.)

Heimat. Ein oft, gern, innig und widersprüchlich erörterter Begriff. Heimat - in meinem Leben fraglos etwas sehr Wichtiges. Und schon sind wir mittendrin in diesem ominösen "Für mich", in der Grundsatzfrage also: Kann allgemeingültig werden, was Heimat für mich ausmacht? Oder leite ich meine Empfindung von Heimat aus etwas Allgemeingültigem her? Heimat - für mich oder für uns?

Das Problem scheint mir in vielen diesbezüglichen Diskussionen immer wieder zu sein, daß einige der Beteiligten mehr oder minder krampfhaft versuchen, Heimat zuerst einmal kollektiv zu definieren, als objektives, identitätsstiftendes Moment für eine ganze, stillschweigend als homogen vorausgesetzte Gesellschaft, als integrative Klammer also, die über alles Persönliche hinweg ein Wir-Gefühl erzeugt und zugleich verkörpert. Ein solches Wir-Gefühl ist an sich ja nichts Verkehrtes; mir scheint nur die Stoßrichtung die falsche zu sein.

Für mich (da ham wa's!) ist Heimat zunächst etwas höchst Individuelles, ein Begriff, den ich mit meinen ganz eigenen Erinnerungen an mein Aufwachsen, meine Jugend, an Menschen und Orte, an Erlebnisse und Erfahrungen und an Familie, Wurzeln und Prägungen fülle. Meine Heimat definiert sich allein über meine Biographie. Daß es dabei verbindende Elemente mit anderen Menschen gibt, ein Zungenschlag, eine gemeinsame Schulzeit, dieselbe Luft und dasselbe Land usw., versteht sich, und ja, daraus erwächst auch ein Wir-Gefühl. Aber eben erst, wenn ich Heimat für mich ganz individuell ge- und erfunden habe und dadurch überhaupt erst in der Lage bin, den Abgleich mit ähnlichen Prägungen anderer Menschen vorzunehmen.

Zudem fällt mir eine verbindliche Deutung des Heimatbegriffs auch deshalb schwer, weil Heimat, abgesehen davon, daß sie sich nicht nur geographisch, sondern auch temporal fassen läßt (aber dazu später), immer größer wird, je weiter ich mich von ihr entferne: In meiner Heimatstadt Koblenz ist es die südliche Vorstadt, in Bayern oder an der Nordsee ist es das Mittelrheintal, in Wien ist es Deutschland und in den USA Europa. Und reiste ich zu den Klingonen, wäre eben die Erde meine Heimat.

Nur - wenn ich schon nicht eindeutig sagen kann, was ich unter welchen Umständen inwieweit als Heimat empfinde, wie soll ein solches Unterfangen dann, wie aus gewissen Ecken so vehement gefordert, für ganz Deutschland, für eine Gesellschaft also von 82 Millionen Menschen gelingen?

Überhaupt Deutschland. Meine Heimat, fraglos, und doch von jeher eine schwierige solche, ein schwer zu greifendes Vaterland in einer schier ewigen Identitätskrise. Was ist deutsch? Ich bleibe diesbezüglich bei meinem Satz, der sich in meinem Text "Was ist so schwer am Deutschsein" (siehe meinezweipfennige.de) findet: Deutsch ist, wer deutsch sein will. (Und ja, ich will.)

Heimat, diesen höchst individuellen Begriff, mag indes ein jeder für sich selbst definieren. Allgemein verbindlich ist das eh nicht zu schaffen.

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