Donnerstag, 1. Juni 2017

Das Kind der Dankbarkeit

Meiner Mutter zum 70. Geburtstage

Das Leben ist ein Geschenk,
sagst Du mir oft, und so ist es wohl. Deine Eltern machten es Dir aus Dankbarkeit, Dankbarkeit einem gnädigen Gotte gegenüber dafür, überhaupt noch Leben zu haben, das weitergeschenkt werden konnte nach dem mörderischen Todesrausch, der es gerade erst millionenfach vernichtet hatte. Und so gaben sie Dir, was sie noch besaßen: das Leben, aus einer Dankbarkeit heraus, die Dich bis auf den heutigen Tag trägt und ewig mit dem Urgrund verbindet, aus dem Dein Geschenk Dir zuteil wurde - dem Leben Deiner Eltern.

Das Leben ist ein Geschenk,
und Du machtest es mir. Überraschend und zu plötzlich, um es abzulehnen, außerdem zu rührend, zu schwelgerisch emporgeschöpft aus der Fülle des von Dir selbst erst kürzlich Empfangenen und in so froher Kindlichkeit mir weitergeschenkt - wie hätte ich mich ihm verweigern können? Und vielleicht lag darin bereits ein Merkmal meines eigenen Seins vorgebildet, jenes Übermaß an kindlichem Gemüte nämlich, das das Geschenk meines Lebens bis heute durchwirkt.

Das Leben ist ein Geschenk,
und da hatte ich es nun. Hell und kalt in seinen ersten Sekunden und sogleich beladen mit dem, was Eltern gern "Hoffnungen" nennen, Kinder indes meist als "Erwartungen" empfinden. Vielleicht hätte ich es nach kurzer Bedenkzeit zurückgegeben, wäre nicht von Anfang an jene Mitgift dabei gewesen, die das Geschenk überhaupt erst annehmbar machte: Du. Und mit Dir eine erwartungsfreie Garantie, ein Versprechen der Liebe und des Schutzes - ein Versprechen, in dem ich mich lange davor versteckte, mich allzu weit hinauszuwagen in die helle, kalte Welt.

Das Leben ist ein Geschenk,
und meines verbarg sich lange in Deinem. Ich war von Herzen einverstanden damit, aus Deiner Liebe, in der die Dankbarkeit Deiner Eltern nachglänzte, herausgeschöpft worden zu sein, vereinzelt in meiner Gestalt und Seele nur als Teil und Spielart des ewigen Ganges von Mehrung und Weitergabe, von Herkommen und Hingehen, so verbunden und verwandt der Grundsätzlichkeit des Lebens, daß die Richtung und die Zeit, in der ich mich, falls überhaupt, bewegte, mir fast gleichgültig wurden.

Das Leben ist ein Geschenk,
und meines sei ganz besonders. Etwas dem Allgemeinen zwar eng zugehöriges, aus diesem heraus jedoch zum Besonderen sich steigerndes sei ich, so raunte es aus der Tiefe meiner Herkunft, ja, sogar auserwählt! Und nicht obwohl, sondern gerade weil mir nie recht klar wurde, wozu eigentlich, fühlte ich mich von der für viele wurzellose, abgenabelte Leben so zentralen Aufgabe befreit, etwas zu TUN, weil ich ja schon etwas WAR, und erhielt damit eine ganz familiäre Selbstlegitimation ohne jeden Bewährungszwang, einfach der urgründigen, ewigen Quelle der Dankbarkeit und Liebe wegen, aus der Du mich in Beleihung Deines eigenen Geschenks hast erstehen lassen.

Das Leben ist ein Geschenk,
und ich bin dankbar dafür. Nicht nur für mein eigenes, das geliebt sein darf, ohne dafür etwas tun zu müssen. Sondern ganz besonders für Deines, das heute 70 Jahre währt und die Dankbarkeit, aus der es entstand, verteilt, verbreitet und vermehrt hat und nun glanzvoll und verdient zurückbekommt. Ohne Liebe wäre das Leben - zumindest meines - nicht vorstellbar, und ohne Dankbarkeit wüßte ich nicht, wie ich Dich beschreiben sollte am heutigen, Deinem 70. Geburtstage.

Das Leben ist ein Geschenk.
Und heute bin ich, wie einst Du, ein Kind der Dankbarkeit.

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