Dienstag, 13. November 2012

Austergewöhnliches

Es ist doch so - ein paar der wundervollsten Dinge auf Erden verdanken wir den Widerständen, die ihnen entgegengebracht werden.

Nehmen wir die Auster - sie spürt in ihrem zarten Fleisch schmerzlich das Sandkorn, das in ihr Inneres gelangt ist, sei es durch eine Laune der Strömung, sei es durch zielbewußtes Streben - denn das Zielbewußtsein von Sandkörnern ist keineswegs zu unterschätzen!

Nun wird die zarte, schmerzleidende Auster dem Sandkorn jeden erdenklichen Widerstand leisten. Es gehört, so ihre Überzeugung, durchaus nicht dahin, wo es nun sitzt, im weichen, zarten Fleisch ihrer intimsten Innerlichkeit nämlich, die sie mit ihrer harten Schale vor jedweder eindringenden Gefahr zu schützen sucht. Denn sie weiß nur zu genau, daß die meisten Kräfte, die ihre muschelgepanzerte Verteidigung zu durchbrechen trachten, nichts anderes als ihre Vernichtung im Sinn haben. Es ist also durchaus nachvollziehbar, wenn die Auster sich hart und dunkel abschirmt gegen jede äußere Bedrängnis, denn ihrer austrigen Lebenserfahrung entspricht es nun mal, zunächst die Gefahr zu sehen.

Ganz anders das Sandkorn. Es weiß sehr wohl um den Widerstand, den die Auster ihm als Eindringling leisten wird, ist ihm doch allzu klar, wie existenzbedrohend sich andere Sandkörner in unterseeischen Stürmen aufgeführt haben mögen. Aber es hat Höheres im Sinn. Nicht das rohe Verletzen zarter Innerlichkeit, sondern eine liebevolle Verschmelzung des eigenen Bemühens mit den sich dagegen regenden Widerständen zu dem einzigen Zweck, etwas derart Schönes und Endgültiges zu erschaffen, daß es schließlich sogar der Auster ein zustimmendes Staunen abringt.

Es setzt sich also fest, das Sandkorn, eben dort, wo die Auster es am wenigten haben will. Und so hüllt sie das Sandkorn ein in dasselbe Material, aus dem sie schon ihre schützende Schale gefertigt hat, läßt es allzu deutlich spüren, wie fremd und unerwünscht es ist, und umgibt es mit einer kalten, glatten Schicht aus Ablehnung. Doch weil das Sandkorn Höheres, Schöneres im Sinn hat, geht es nicht weg. Im Gegenteil - tiefer noch gräbt es sich ins weiche, zarte Fleisch der Auster ein, so daß diese ihren Widerstand steigert und noch eine Schicht kühler Verneinung um das Sandkorn legt. Und so geht es weiter und weiter. Keine Seite gibt nach oder gesteht die Aussichtslosigkeit des Kampfes ein...

Und dann, irgendwann... hat die Auster das Sandkorn in einen so dicken Mantel ihrer eigenen Substanz gehüllt, daß es nachgerade ein Teil von ihr geworden ist. Ganz gleich ist die runde, weißschimmernde Hülle des Sandkorns nun der Innenseite des Muschelpanzers, der das zarte, weiche Fleisch einst vor ihm beschützen sollte.

Wer je eine starke, ihr Inneres leidenschaftlich schützende Auster öffnet, die eine dicke, glänzende Perle birgt, wird finden, daß nichts auf der Welt endgültiger zusammen gehört, als diese zwei.


(Anmerkung: Daß die Wissenschaft die Annahme, Perlen entstünden aus eingedrungenen Sandkörnern, heute überwiegend verwirft, ist mir bekannt. Die nunmehr vorherrschende Auffassung, eine durch Parasitenbefall bedingte Zystenbildung sei für die Entstehung von Perlen ursächlich, war indes literarisch kaum zu verwerten...)

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