Freitag, 31. Mai 2019

Ich bin dann mal rechts

Eine Polemik

Man lernt doch nie aus. Schon gar nicht über sich selbst. Nicht mal ich. Mein Leben lang dachte ich, ich wüßte in etwa, wo ich politisch stehe, mit kleinen Unschärfen freilich, denn welche allgemeine Definition politischer Sichtweisen, sofern eine solche überhaupt denkbar oder gar wünschenswert erscheint, ließe sich schon in sämtlichen Feinheiten auf eine einzelne Person anwenden?, aber im Großen und Ganzen doch gefestigt und von ein paar grundlegenden Ideen überzeugt: Freiheit, Gleichheit, Recht, Demokratie, Europa, Pluralismus. Ich hielt mich stets für: liberal. Naja, vielleicht gab es in meiner Jugend Momente, in denen ich mich eher für konservativ gehalten habe oder von anderen dafür gehalten wurde, aber das war fraglos eine Verwechselung - ich bin einfach schrecklich altmodisch, aber das ist eher ästhetischer als moralischer Natur und schon gar nicht gilt es mir als allgemeiner Maßstab, sondern ausschließlich für mich selbst.

Liberal also - so dachte ich. Möge jeder nach seiner Façon selig werden, nach seiner Lust und Laune leben, lieben, beten, arbeiten, sein persönliches Glück suchen, was auch immer - zutiefst liberal. FDP-Mitglied in Deutschland und auch bei den Liberal Democrats in Großbritannien, herrje, da steht's ja sogar schon im Namen. Liberal. Doch ach, welch kühne Selbstüberschätzung!

Denn sooo einfach, wie ich das aus meiner Jugend kenne, ist es heute längst nicht mehr. Damals, ja, da gab's halt die Konservativen, die waren rechts, das ging da noch problemlos, sie waren ja nicht radikal oder extrem, die wählten CDU und fanden Schwarz-Rot-Gold soweit fein und fuhren schöne Autos; dann gab's die Linken, die irgendwie anti- und international waren, mehr Rot mochten, wenig Geld verdienten, häßliche französische Autos fuhren und so was Proletoides an sich hatten, genau das jedoch gerade gut an sich fanden; es gab die frisch gegründeten Grünen, die Bäume mochten und Müsli aßen, sehr schlecht gekleidet waren und gar keine Autos fuhren; und es gab so eine komische kleine Partei, die immer die Mehrheiten ermöglichte und den Außenminister stellte, etwas von Leistung erzählte und der national oder international egal war, solange man nur genug Geld verdiente. Fertig. Am 1. Mai gab's in Berlin Randale, und so ganz wenige Neonazis gab's auch irgendwo, aber die waren dumm und häßlich und hatten weder Haare noch echte Themen.

Heute jedoch ist vieles anders. Deutschland, Europa und die Welt haben sich verändert; es gab eine Wiedervereinigung und 9/11, viiiel mehr Ausländer, und nicht nur nette, sind jetzt da und liefern den Neonazis eben doch echte Themen, weil's halt nicht immer problemlos läuft mit den Kulturen. Plötzlich ist der Islam, den ich allenfalls aus dem Religionsunterricht kannte, ubiquitär und für manche obendrein Grundlage einer höchst politischen Agenda. Alles sehr viel ungemütlicher als in der kuscheligen Bonner Provinzrepublik, aber so ist es nun. Das Dumme ist nur, und mein etwas träger rheinischer Geist beginnt erst langsam, das zu verinnerlichen, daß mit all diesen Veränderungen auch unser Denken, unsere politische Landkarte und unsere Diskurskultur eine völlig neue Form angenommen haben. Was du heute politisch bist, wird nicht mehr daran bemessen, woFÜR du eintrittst, sondern woGEGEN du nicht oder zumindest nicht deutlich genug bist. Oder so.

Ein Beispiel: Früher galt als Rassist, wer an die Überlegenheit der einen und die Minderwerigkeit der anderen Rasse glaubte. Rasse war meistens relativ klar biologisch, in manchen Fällen (bei den Juden etwa) auch irgendwie schwammig religiös-ethnisch definiert. Fertig. Heute jedoch ist Rassismus jede Art "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit", ganz egal ob Schwarze, Moslems, Alte, Schwule, Behinderte oder Adlige. Gruppen halt. Darf man nicht per se doof finden, weil: Rassismus. Wenn ich also alle Kinderschänder oder alle Terroristen scheiße finde - bin ich Rassist. Na schön, das wird man noch wegargumentieren können. Aber es wird ja noch lustiger: Um Rassist zu sein, muß ich nicht mal alles an einer Gruppe ablehnen. Es genügt, wenn ich an einem sie definierenden Aspekt Kritik übe. Wie zum Beispiel dem Kopftuch als Aspekt des kopftuchaffinen Teils der islamischen Glaubensgemeinschaft: blanker Rassismus. Besser noch: Es braucht nicht mal Kritik. Schon Fragen zu stellen, kann rassistisch sein. Eine akademische Veranstaltung zum Kopftuch? Rassismus. Oder frag mal den Taxifahrer mit dem schweren, rollenden Akzent, wo er herkommt - eine Frage, die in meinem (vermutlich rechts-reaktionären) Erziehungsbild (dem also des höchstwahrscheinlich imperial denkenden, rechten weißen Mannes aus besseren Verhältnissen) eigentlich sehr freundlich gemeint wäre, als ein Ausdruck von zwischenmenschlichen Interesse, kultureller Neugier und Weltoffenheit - aber nee, ist Rassismus. Pech. Biste rechts. Und das Lustigste: wenn man sich für kulturelle Aspekte begeistert, die nicht dem eigenen Kulturraum entstammen, die man aber trotzdem für sich übernimmt - Beispiel: als blonder Deutscher Dreadlocks tragen - ist das kulturelle Aneignung und also - ratet! - Rassismus! Der Rechtsradikale mit Dreadlocks - wär' ich jetzt nicht so drauf gekommen.

Kurz, man hat in den Augen vieler Linker kaum eine reelle Chance, nicht als Rassist, als Rechter gesehen zu werden. Wer sich nicht permanent lautstark gegen Rassismus äußert, macht sich schon verdächtig, rechts zu sein, und wer der falschen Menschengruppe allzu kritische Fragen stellt oder auch nur einen diskursiven Dialog sucht, beweist es unwiderlegbar. Und das ist der Punkt, an dem ich aufgebe.

Nicht etwa den Dialog, oh nein. Auch nicht die Kritik. Schon gar nicht den liebenden Glauben an Austausch, Vielfalt, Toleranz und Freiheit. Sondern jenen Eiertanz, den ich mir in vielen Jahren Facebook-Debatten völlig unbewußt angewöhnt habe, bloß nichts zu sagen, das dem sich immer enger um jeden Diskurs schlingenden Maßstab daran, was rechts oder rassistisch ist, Anlaß geben könnte, mich in der rechten Ecke zu verorten. Gott weiß, da gehöre ich nicht hin. Wie schon mein Großvater in den 30er Jahren verachte auch ich zutiefst das Viehische, das Pöbelhafte, Laute und Gewalttätige, das Kollektive und Stumpfsinnige, das jeder Faschismus, linker oder rechter, zwingend an sich hat. In zehn kalten Wintern fiele mir nicht ein, die AfD zu wählen oder einen Pegida-Spaziergang mitzumachen (gibt's die eigentlich noch?).

Aber ich werde ebenso nicht nachlassen, einen politischen Islam zu kritisieren, der uns erzählen will, welche Rechte Frauen nicht haben, wer sich wie zu kleiden hat oder wer mit wem schlafen darf. Ich werde mich äußern, wenn ich das Gefühl habe, daß kulturelle Veränderungen eben keine Bereicherung mehr sind, sondern eine Gefahr für die Werte, die unsere Gesellschaft gut und stark machen, erstrecht, wenn solche Gefahrenherde von unserer Regierung immer noch als politische Partner gesehen werden. Ich werde immer gegen Unterdrückung und Bevormundung sein, auch wenn sie von Menschen anderen Glaubens oder anderer Hautfarbe ausgehen, denn mit dem plumpen Vorwurf, rechts zu sein, wird sich das Benennen von Problemen nicht ewig unterdrücken lassen.

Wenn eine so simple Definition von "rechts" nun also diskursbestimmend ist, dann sei's drum, bin ich eben rechts. Die Nomenklatur muß mir bei soviel Unfug, soviel Schwachsinn und vor allem: so viel, was derzeit dringend ausgesprochen, angegangen und gelöst gehört, nun wirklich egal sein. Wir leben immer noch in einem großartigen Land. Und ich möchte, daß das für jeden einzelnen, der hier in Frieden lebt, die Gesetze achtet, seine Mitmenschen respektiert und sein Glück sucht, ganz egal, welchen Glaubens, welcher Hautfarbe oder welcher sexuellen Neigung, so bleibt.

Sonntag, 28. April 2019

Auf dem Zauberberg

Eindrücke von meinem Besuch im Waldhotel Davos – meiner Frau in liebender Dankbarkeit für diese zauberhafte Reise im November 2018, und meinem Freund Christopher, der wie kaum ein anderer verstehen wird, was ich hier erlebt habe.

Angekommen an jenem Orte, der wie kaum ein anderer greifbar, begreiflich geworden ist in einem Stück Weltliteratur – Thomas Manns "Zauberberg" nämlich, durch den ein Sanatorium unsterblich wurde, das längst keines mehr ist. Zum allerersten Male bin ich an dieser dem Geiste bereits so vertrauten Stätte, mit dem Zuge angereist, so wie es die epische Vorlage vorgibt, und sogleich legt sich über das Bild des modernen Waldhotels eine Folie historisch-literarischer Tiefsichtigkeit, die das vergangene Leben und Sterben "derer hier oben" seltsam nebulös auferstehen läßt.

Das Waldhotel ist komfortabel und erfüllt alle zeitgemäßen Standards, und zugleich pflegt man das Erbe der Vergangenheit hier sehr liebevoll. Versatzstücke des "Originals" machen es leicht, die erloschene Welt des Zauberbergs wie ein milchiges Doppelbild auf die Gegenwart des modernen Hotels zu legen. Die Decke im Speisesaal, die im Laufe der Jahrzehnte mehrfach abgehängt und zwischenzeitlich aufs Grausigste entstellt worden war, ist inklusive der markanten Lampen wieder ganz so hergerichtet wie sie damals war; nach historischem Vorbilde angefertigte Sessel und Stühle zitieren respektvoll die ursprüngliche Einrichtung, ebenso die Deckenbeleuchtung in der Bar, wo anstelle des ehemaligen Kachelofens nun ein offener Kamin eine heimelige Atmosphäre verbreitet, und natürlich erinnern ganz unbedingt die exakt nachgebauten Liegen, die auf den nun wieder von originalgetreuen Geländern begrenzten Balkonen zur "Liegekur" einladen und sogar die kamelhaarfarbenen Decken nicht vermissen lassen, an die einstige Heilanstalt.

Überall im Hause hängen Fotographien des alten Sanatoriums, und die Raumaufteilung im Erdgeschoß entspricht ganz dem, was man im Buche beschrieben findet  – bis hin zur Glastür des Speisesaals, die ebendort von Madame Chauchat so geräuschvoll zugeworfen wird. Was im Buch noch Gesellschaftsraum heißt, ist heute die Bar und erfüllt als solche denselben Zweck wie damals. Die beiden Kellner, die dort für unser Wohl sorgen, könnten  geradewegs aus der Belle Epoche in unsere Gegenwart gepurzelt sein und verstärken den Eindruck der temporalen Unschärfe, der Vielzeitlichkeit – der eine ein blutjunger Schweizer Bursche mit kurzem, leicht naturgelockten Haar und einem anachronistischen Oberlippenbart, der andere mit glatter, militärischer Frisur, einem gelangweilten, monokeltauglichen Bubengesicht und einer überraschend sonoren Stimme. Aus dem Lautsprecher tönt leise entspannter Jazz, nicht ganz zeitgenössisch, aber doch vergangenheitlich genug, um die Wirklichkeit des Jahres 2018 verblassen zu lassen.

Ein Zimmer auf dem Korridor, der früher zu den Behandlungsräumen führte, ist – und das hat mich am meisten begeistert – so authentisch wie eben möglich als Patientenzimmer hergerichtet. Ein schlichtes Bett steht darin, ein antikes Waschbecken mit Spiegel, ein weiß lackierter Kleiderschrank und ein paar medizinhistorische Gerätschaften. Am liebsten würde ich mich hier einquartieren, meine Suite mit diesem kargen, weißen Räumchen tauschen, doch für diesmal traue ich mich noch nicht, heimlich eine Nacht in dem alten Bett zu verbringen, dessen Belastbarkeit mir denn doch fragwürdig scheint.

Es ist leicht, für mich zumindest, hier in den Roman einzutauchen und im Angesicht des Neuen den alten Zustand vor dem geistigen Auge zu bewahren. Der Weg vom Zimmer, das alte Treppenhaus hinunter in den Speisesaal und an den Tisch – er ist derselbe, den auch Thomas Manns Frau Katja und, in der Welt des Geistes, Hans Castorp gegangen sind. Es ist berührend, berauschend und beeindruckend, eine milchig schwimmende Überlagerung des Realen mit einem Traum, einer fiktionalen und zugleich tatsächlichen Vergangenheit, denn Patienten und Krankheit und zahllose Geschichten gab es hier ja nun wirklich, genau hier in diesem Räumen. Und wie ich so dasitze, in einem modernen Sessel am Kamin im ehemaligen Gesellschaftsraum, meine ich sekundenweise, sie geisterhaft durch den Raum schweben zu sehen mit ihren Gehröcken und langen Kleidern, dumpf-hallend plaudern und husten zu hören, flüstern und lästern, und ihre Zeit, ihr Leben und ihr Sein schiebt sich in meine Wirklichkeit.

Ich selbst pflege und zelebriere den Anachronismus, hebe mich, wie ich es immer schon liebte und vermochte, widerstandslos von einer Zeitebene auf die andere, trage altmodische Anzüge, dreiteiligen Tweed mit Schiebermütze und Hemden mit unmodischen Krägen, und empfinde meine Sprachmanier der Hans Castorps nach. Meine Frau habe ich sogar dazu gebracht, türeknallend den Speisesaal zu betreten, und das kleine Video davon, das ich bei Instagram gepostet habe, hat uns bei der hochamüsierten Geschäftsführung des Waldhotels noch berühmter gemacht als unser auffälliger Kleidungsstil und alles in allem für eine recht privilegierte Behandlung gesorgt.

Es ist mehr als eine Reise für mich, mehr als nur ein Ortswechsel für begrenzte Zeit. Was ich jahrelang nur als Lesewerk, als sprachliche Schöpfung kannte, wird nun mit allen Sinnen erlebbar; was die Vorstellungskraft in die Geisteswelt entführte, wird hier zum echten Lebensraum, den man begehen und benutzen kann wie schon so viele andere zuvor. Ich bin glücklich über diese Eindrücke und freue mich einmal mehr meiner phantastischen Fähigkeit, auch das Fiktionale, das Vergangene und Geistige so echt und spürbar erleben und empfinden zu können. Und wenn ich, nun wieder zu Hause angelangt, die Augen schließe, bin ich sofort wieder da – auf dem Zauberberg.

Dienstag, 16. April 2019

Brände löschen

Wie unfaßbar, wie herzzerreißend. Ich konnte gestern nicht glauben, was ich da in den Nachrichten sah, und doch wurde mir mehr und mehr zur grausigen Gewißheit, daß nichts auf der Welt ein garantiertes Morgen hat, nichts als sicher gelten darf, was unseren sorglosen, naiven Gemütern so selbstverständlich und ewig gültig erscheint. Und daß wir lieben, pflegen und so bewußt wie möglich mit Leben füllen müssen, was uns wertvoll ist, solange wir es eben können.

Der Brand der Kathedrale Notre Dame und die Zerstörung kultureller Schätze, die er bewirkt hat, schmerzen mich, körperlich spürbar und bis in die Tiefe meiner Seele. Und während ich noch mit den Tränen kämpfe, blubbern aus dem Sumpf der Bosheit, zu dem besonders Facebook immer mehr verkommt, die ersten stinkenden Blasen empor und verbreiten platzend ihr Gift.

Was sind das eigentlich für verdorbene Menschen, frage ich mich, die ihre schiere, bebend unterdrückte Freude über jede Katastrophe nur sehr oberflächlich in Entsetzen und Betroffenheit gewanden - geben sie ihnen doch willkommenen Anlaß, Feindbilder zu projizieren, wirre Verschwörungs- und Umvolkungstheoreme in die Welt zu posaunen und so ihr eigenes, zerstörerisches Feuer auflodern zu lassen. Sofort und ohne jeden Anhaltspunkt wird ein islamistischer Terrorakt insinuiert oder sogar offen behauptet. Es ist abstoßend. Ein AfD-Mann postet gar, der Zusammenbruch von Notre Dame sei symbolisch für Frankreich und das Abendland; wieder sei man "Eurabia" einen Schritt näher.

Das Symbol greife ich gern auf: Notre Dame steht noch, hat den Brand überstanden und wird schöner wiedererstehen als je zuvor! So wie das Abendland, wenn wir stark bleiben und mit der Kathedrale nicht auch unseren Glauben an die Fähigkeit des Menschen, Vollkommenes zu schaffen, an unseren Schöpfergeist und unseren Sinn für Liebe und Schönheit in Rauch aufgehen lassen. Wenn wir genug Löschmittel bereithalten gegen das böse Feuer entseelter Hetzer, und wenn wir entschlossen die Werte verteidigen, die unser Leben gut, lebenswert und im besten Sinne christlich machen - Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit!

Samstag, 9. März 2019

Ein Leben für die Kunst

Mein Nachruf auf Klemens Pompetzki

Mein Onkel Klemens ist am Sonntag verstorben. Klemens Pompetzki, ein Künstler mit jeder Faser seines Herzens.

Er hat als Bildhauer mit Ton, Stahl und Bronze gearbeitet, als Maler in Öl, Tusche und Aquarellfarben. Er spielte so ziemlich alle Instrumente, und er hat bis in sein hohes Alter von 87 Jahren jeden Tag etwas geschaffen. Ruhelos war er in seinem schöpferischen Trieb, und dazu einer dieser Menschen, denen nie die Phantasie versagt, nie die Ideen ausgehen. In jedem Riß in der Wand, in jeder Wolke und jeder Baumwurzel sah er etwas Tieferes, eine Form, ein Gesicht, eine Geschichte.

Auch mein Leben hat er damit sehr beeinflußt. Als Kind durfte ich tagelang in seiner Werkstatt sitzen und aus Ton die abenteuerlichsten Dinge schaffen. Onkel Klemens hat mich das Ahnen gelehrt, das Sehen und Begreifen der Welt jenseits ihrer vordergründigen Erscheinung, das Hören jenes leisen Liedes, das in allen Dingen schläft. Er hat meinen Sinn für Form, für Schönheit und Ausdruck geschärft und mich in meinem eigenen Bedürfnis nach künstlerischer Verwirklichung gefördert.

Als er starb, war ich nicht da. Ich habe ihn nicht mal zu seinem letzten Geburtstag im Januar angerufen. Ich habe ihn vernachlässigt, seine Präsenz in meinem Leben als zu selbstverständlich vorausgesetzt. Wie ich es mit so vielen Menschen in meiner Familie mache. Und nun, da das Figurenkabinett meiner Kindheit in immer kürzeren Abständen zu schwinden beginnt, wird mir bewußter, wie wundervoll, wie einzigartig jeder einzele von ihnen ist, und was wir aneinander haben, solange wir noch leben. Ich habe Grund zur Dankbarkeit – und zur Achtsamkeit.

Gute Reise, Klemi. Und danke für alles.