Dienstag, 16. April 2019

Brände löschen

Wie unfaßbar, wie herzzerreißend. Ich konnte gestern nicht glauben, was ich da in den Nachrichten sah, und doch wurde mir mehr und mehr zur grausigen Gewißheit, daß nichts auf der Welt ein garantiertes Morgen hat, nichts als sicher gelten darf, was unseren sorglosen, naiven Gemütern so selbstverständlich und ewig gültig erscheint. Und daß wir lieben, pflegen und so bewußt wie möglich mit Leben füllen müssen, was uns wertvoll ist, solange wir es eben können.

Der Brand der Kathedrale Notre Dame und die Zerstörung kultureller Schätze, die er bewirkt hat, schmerzen mich, körperlich spürbar und bis in die Tiefe meiner Seele. Und während ich noch mit den Tränen kämpfe, blubbern aus dem Sumpf der Bosheit, zu dem besonders Facebook immer mehr verkommt, die ersten stinkenden Blasen empor und verbreiten platzend ihr Gift.

Was sind das eigentlich für verdorbene Menschen, frage ich mich, die ihre schiere, bebend unterdrückte Freude über jede Katastrophe nur sehr oberflächlich in Entsetzen und Betroffenheit gewanden - geben sie ihnen doch willkommenen Anlaß, Feindbilder zu projizieren, wirre Verschwörungs- und Umvolkungstheoreme in die Welt zu posaunen und so ihr eigenes, zerstörerisches Feuer auflodern zu lassen. Sofort und ohne jeden Anhaltspunkt wird ein islamistischer Terrorakt insinuiert oder sogar offen behauptet. Es ist abstoßend. Ein AfD-Mann postet gar, der Zusammenbruch von Notre Dame sei symbolisch für Frankreich und das Abendland; wieder sei man "Eurabia" einen Schritt näher.

Das Symbol greife ich gern auf: Notre Dame steht noch, hat den Brand überstanden und wird schöner wiedererstehen als je zuvor! So wie das Abendland, wenn wir stark bleiben und mit der Kathedrale nicht auch unseren Glauben an die Fähigkeit des Menschen, Vollkommenes zu schaffen, an unseren Schöpfergeist und unseren Sinn für Liebe und Schönheit in Rauch aufgehen lassen. Wenn wir genug Löschmittel bereithalten gegen das böse Feuer entseelter Hetzer, und wenn wir entschlossen die Werte verteidigen, die unser Leben gut, lebenswert und im besten Sinne christlich machen - Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit!