Sonntag, 28. April 2019

Auf dem Zauberberg

Eindrücke von meinem Besuch im Waldhotel Davos – meiner Frau in liebender Dankbarkeit für diese zauberhafte Reise im November 2018, und meinem Freund Christopher, der wie kaum ein anderer verstehen wird, was ich hier erlebt habe.

Angekommen an jenem Orte, der wie kaum ein anderer greifbar, begreiflich geworden ist in einem Stück Weltliteratur – Thomas Manns "Zauberberg" nämlich, durch den ein Sanatorium unsterblich wurde, das längst keines mehr ist. Zum allerersten Male bin ich an dieser dem Geiste bereits so vertrauten Stätte, mit dem Zuge angereist, so wie es die epische Vorlage vorgibt, und sogleich legt sich über das Bild des modernen Waldhotels eine Folie historisch-literarischer Tiefsichtigkeit, die das vergangene Leben und Sterben "derer hier oben" seltsam nebulös auferstehen läßt.

Das Waldhotel ist komfortabel und erfüllt alle zeitgemäßen Standards, und zugleich pflegt man das Erbe der Vergangenheit hier sehr liebevoll. Versatzstücke des "Originals" machen es leicht, die erloschene Welt des Zauberbergs wie ein milchiges Doppelbild auf die Gegenwart des modernen Hotels zu legen. Die Decke im Speisesaal, die im Laufe der Jahrzehnte mehrfach abgehängt und zwischenzeitlich aufs Grausigste entstellt worden war, ist inklusive der markanten Lampen wieder ganz so hergerichtet wie sie damals war; nach historischem Vorbilde angefertigte Sessel und Stühle zitieren respektvoll die ursprüngliche Einrichtung, ebenso die Deckenbeleuchtung in der Bar, wo anstelle des ehemaligen Kachelofens nun ein offener Kamin eine heimelige Atmosphäre verbreitet, und natürlich erinnern ganz unbedingt die exakt nachgebauten Liegen, die auf den nun wieder von originalgetreuen Geländern begrenzten Balkonen zur "Liegekur" einladen und sogar die kamelhaarfarbenen Decken nicht vermissen lassen, an die einstige Heilanstalt.

Überall im Hause hängen Fotographien des alten Sanatoriums, und die Raumaufteilung im Erdgeschoß entspricht ganz dem, was man im Buche beschrieben findet  – bis hin zur Glastür des Speisesaals, die ebendort von Madame Chauchat so geräuschvoll zugeworfen wird. Was im Buch noch Gesellschaftsraum heißt, ist heute die Bar und erfüllt als solche denselben Zweck wie damals. Die beiden Kellner, die dort für unser Wohl sorgen, könnten  geradewegs aus der Belle Epoche in unsere Gegenwart gepurzelt sein und verstärken den Eindruck der temporalen Unschärfe, der Vielzeitlichkeit – der eine ein blutjunger Schweizer Bursche mit kurzem, leicht naturgelockten Haar und einem anachronistischen Oberlippenbart, der andere mit glatter, militärischer Frisur, einem gelangweilten, monokeltauglichen Bubengesicht und einer überraschend sonoren Stimme. Aus dem Lautsprecher tönt leise entspannter Jazz, nicht ganz zeitgenössisch, aber doch vergangenheitlich genug, um die Wirklichkeit des Jahres 2018 verblassen zu lassen.

Ein Zimmer auf dem Korridor, der früher zu den Behandlungsräumen führte, ist – und das hat mich am meisten begeistert – so authentisch wie eben möglich als Patientenzimmer hergerichtet. Ein schlichtes Bett steht darin, ein antikes Waschbecken mit Spiegel, ein weiß lackierter Kleiderschrank und ein paar medizinhistorische Gerätschaften. Am liebsten würde ich mich hier einquartieren, meine Suite mit diesem kargen, weißen Räumchen tauschen, doch für diesmal traue ich mich noch nicht, heimlich eine Nacht in dem alten Bett zu verbringen, dessen Belastbarkeit mir denn doch fragwürdig scheint.

Es ist leicht, für mich zumindest, hier in den Roman einzutauchen und im Angesicht des Neuen den alten Zustand vor dem geistigen Auge zu bewahren. Der Weg vom Zimmer, das alte Treppenhaus hinunter in den Speisesaal und an den Tisch – er ist derselbe, den auch Thomas Manns Frau Katja und, in der Welt des Geistes, Hans Castorp gegangen sind. Es ist berührend, berauschend und beeindruckend, eine milchig schwimmende Überlagerung des Realen mit einem Traum, einer fiktionalen und zugleich tatsächlichen Vergangenheit, denn Patienten und Krankheit und zahllose Geschichten gab es hier ja nun wirklich, genau hier in diesem Räumen. Und wie ich so dasitze, in einem modernen Sessel am Kamin im ehemaligen Gesellschaftsraum, meine ich sekundenweise, sie geisterhaft durch den Raum schweben zu sehen mit ihren Gehröcken und langen Kleidern, dumpf-hallend plaudern und husten zu hören, flüstern und lästern, und ihre Zeit, ihr Leben und ihr Sein schiebt sich in meine Wirklichkeit.

Ich selbst pflege und zelebriere den Anachronismus, hebe mich, wie ich es immer schon liebte und vermochte, widerstandslos von einer Zeitebene auf die andere, trage altmodische Anzüge, dreiteiligen Tweed mit Schiebermütze und Hemden mit unmodischen Krägen, und empfinde meine Sprachmanier der Hans Castorps nach. Meine Frau habe ich sogar dazu gebracht, türeknallend den Speisesaal zu betreten, und das kleine Video davon, das ich bei Instagram gepostet habe, hat uns bei der hochamüsierten Geschäftsführung des Waldhotels noch berühmter gemacht als unser auffälliger Kleidungsstil und alles in allem für eine recht privilegierte Behandlung gesorgt.

Es ist mehr als eine Reise für mich, mehr als nur ein Ortswechsel für begrenzte Zeit. Was ich jahrelang nur als Lesewerk, als sprachliche Schöpfung kannte, wird nun mit allen Sinnen erlebbar; was die Vorstellungskraft in die Geisteswelt entführte, wird hier zum echten Lebensraum, den man begehen und benutzen kann wie schon so viele andere zuvor. Ich bin glücklich über diese Eindrücke und freue mich einmal mehr meiner phantastischen Fähigkeit, auch das Fiktionale, das Vergangene und Geistige so echt und spürbar erleben und empfinden zu können. Und wenn ich, nun wieder zu Hause angelangt, die Augen schließe, bin ich sofort wieder da – auf dem Zauberberg.

Dienstag, 16. April 2019

Brände löschen

Wie unfaßbar, wie herzzerreißend. Ich konnte gestern nicht glauben, was ich da in den Nachrichten sah, und doch wurde mir mehr und mehr zur grausigen Gewißheit, daß nichts auf der Welt ein garantiertes Morgen hat, nichts als sicher gelten darf, was unseren sorglosen, naiven Gemütern so selbstverständlich und ewig gültig erscheint. Und daß wir lieben, pflegen und so bewußt wie möglich mit Leben füllen müssen, was uns wertvoll ist, solange wir es eben können.

Der Brand der Kathedrale Notre Dame und die Zerstörung kultureller Schätze, die er bewirkt hat, schmerzen mich, körperlich spürbar und bis in die Tiefe meiner Seele. Und während ich noch mit den Tränen kämpfe, blubbern aus dem Sumpf der Bosheit, zu dem besonders Facebook immer mehr verkommt, die ersten stinkenden Blasen empor und verbreiten platzend ihr Gift.

Was sind das eigentlich für verdorbene Menschen, frage ich mich, die ihre schiere, bebend unterdrückte Freude über jede Katastrophe nur sehr oberflächlich in Entsetzen und Betroffenheit gewanden - geben sie ihnen doch willkommenen Anlaß, Feindbilder zu projizieren, wirre Verschwörungs- und Umvolkungstheoreme in die Welt zu posaunen und so ihr eigenes, zerstörerisches Feuer auflodern zu lassen. Sofort und ohne jeden Anhaltspunkt wird ein islamistischer Terrorakt insinuiert oder sogar offen behauptet. Es ist abstoßend. Ein AfD-Mann postet gar, der Zusammenbruch von Notre Dame sei symbolisch für Frankreich und das Abendland; wieder sei man "Eurabia" einen Schritt näher.

Das Symbol greife ich gern auf: Notre Dame steht noch, hat den Brand überstanden und wird schöner wiedererstehen als je zuvor! So wie das Abendland, wenn wir stark bleiben und mit der Kathedrale nicht auch unseren Glauben an die Fähigkeit des Menschen, Vollkommenes zu schaffen, an unseren Schöpfergeist und unseren Sinn für Liebe und Schönheit in Rauch aufgehen lassen. Wenn wir genug Löschmittel bereithalten gegen das böse Feuer entseelter Hetzer, und wenn wir entschlossen die Werte verteidigen, die unser Leben gut, lebenswert und im besten Sinne christlich machen - Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit!