am Tage meiner Geburt,
So wär's rund und künstlich,
ganz wie das Leben,
das so recht natürlich
meines nie war.
Gestern war Sonnenfinsternis. Und passend zu diesem galaktischen Ereignis auch Federation Day. Star Trek-Fans wissen was gemeint ist - die Gründung der United Federation of Planets am 12. August 2161.
Gewiß, das eine ist real, das andere Fiktion. Aber die Idee einer vereinigten Erde, einer friedvollen Föderation von Planeten gar, auf denen die verschiedensten Spezies und Kulturen leben, hat mich von jeher fasziniert und begeistert.
Umso trauriger zu sehen, wie weit sich unsere reale Erde gerade von diesem Ideal entfernt. Imperialismus, Nationalismus und Intoleranz nehmen zu und kehren den Weg in ein Universum, wie es sich der Star Trek-Schöpfer Gene Roddenberry erträumt hat, ins Gegenteil um.
Angesichts des majestätischen Anblicks unserer Sonne, vor die sich der Mond schiebt, diese um uns schwingende Kugel, die unseren Planeten im Gleichgewicht hält, sollten wir demütiger werden, begreifen, wie klein und allein und kostbar unsere Erde ist, und größer und gemeinsamer denken.
In diesem Sinne: Nachträglich Happy Federation Day und: Per aspera ad astra.
Es fehlt uns an Hofnarren. Narren, die schonungslos aussprechen, was unsere Eitelkeit und der schreckliche Ernst, mit dem wir uns selbst betrachten, nicht hören wollen. Narren, die eben keine Narren sind, und die wir sogar selbst dafür bezahlen, uns in Frage zu stellen.
Am Wochenende war ich in Oberammergau und habe im Passionstheater "Tyll" gesehen, ein großartig inszeniertes Stück auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Daniel Kehlmann, das die Geschichte von Till Eulenspiegel in die Zeit des dreißigjährigen Krieges verlagert. Tyll darf dem vertriebenen König von Böhmen alles sagen, egal wie schmerzhaft und ärgerlich das für den ehemaligen Regenten ist. Denn genau dafür hat und bezahlt er ihn.
Heute ist das anders. Die Politik hat für alles eine Erklärung und für nichts die Verantwortung. Unternehmen züchten sich ein Geflecht aus Mitläufern und bringen unliebsame Stimmen per Aufhebungsvertrag zum Schweigen. Kritische Begleitung? Nein danke. Karriere machen stattdessen die Sykophanten, die Schleimer und Ja-Sager, Kriecher, die auch die abscheulichsten Körperöffnungen nicht scheuen und möglichst wenig Rückgrat mitbringen.
Der Hofnarr ist nicht mehr gewünscht. Die Deutungshoheit auch der unangenehmen Wahrheiten wird nicht mehr abgegeben, um sich selbst besser reflektieren zu können, sondern eifersüchtig bewacht und optimal zurechtgebogen. Klar gibt es immer noch welche, die meinen, sie sprechen als einzige "die Wahrheit" aus. Aber sie tun es nicht mit Humor und zum Wohle des Ganzen, sondern mit Haß und geifernder Feindseligkeit. Und auch wieder nur zum eigenen Vorteil. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Schade eigentlich! So ein Tyll täte manchem Minister, manchem Politiker, manchem Vorstand, mancher "Führungskraft" und manchem Privatmenschen zuweilen ganz gut. Und wenn's nur als jene innere Stimme wäre, die sich Gewissen nennt.
Während in Erfurt ein kalt erregtes Männchen vom Verlust der Heimat geifert, macht München sie schöner - mit "Oper für alle" und eben jener deutschen Kunst, die die Schwarz-Rot-Gold schändenden Patriotismusgymnastiker zwar feiern und gegen "das Fremde" beschwören, von der sie aber nicht das Geringste verstehen und auf Nachfrage keine Zeile zitieren können. Richard Wagners "Walküre" schallt über den Max-Joseph-Platz, und tausende lassen sich berauschen an diesem wundervollen Sommerabend. Menschen aller Farben, jeden Alters, aller Provinienzen.
Berauscht geht's auch in Erfurt zu, wo das Männchen plärrt, man stehe zu den Nationalfarben und der Saal eifrig Fähnchen schwenkt, während über Ursprung und Bedeutung dieser Farben aber so gar nicht gesprochen wird. In zitternden Reden wird Aufbruchsfieber verbreitet; die flirrende Ahnung, die enthemmende Verheißung kommender Triumphe bewegt und beflügelt die schlichten Gemüter. Endlich mal auf der Gewinnerseite stehen - das kennen viele in ihrem Leben wohl nicht.
Die Schummelei, die Verdrehung und List, mit der Wotan in Walhalla versucht, seine Machtinteressen durchzusetzen, sind auch in der Programmatik von Erfurt spürbar. Nur sind sie hier Kunst, dort jedoch ernstgemeinte Politik. Und vor allem fehlt der blaunen Brut drüben, was Wotan hüben wirkmächtig in die Quere kommt - das moralische Korrektiv, für Wotan in Gestalt seiner Frau Fricka, und das unbeugsame Gewissen, das seine Tochter Brünnhilde verkörpert.
Nein, weder Wagner noch Schwarz-Rot-Gold gehören den Pseudopatrioten von Erfurt. Sondern einem Deutschland, das jeden einschließt, der dazugehören möchte. Einem Deutschland, das zu beschützen und zu verbessern unser aller tägliche Aufgabe ist.
Unsere "scheiß deutschland flaggen" [sic!] sollen wir wieder abhängen, empfiehlt Luis Bobga, Chef der Grünen Jugend. Und ich finde das schade.
An sich finde ich den Typen ganz cool und teile sogar ein paar seiner Ansichten. Aber hier tut er sich und uns keinen Gefallen. Denn die schwarz-rot-goldene Flagge derart zu verunglimpfen, ist Wasser auf die Mühlen derer, die diese Farben für ihre dumpfen und widerwärtigen Zwecke mißbrauchen.
Schwarz-Rot-Gold war niemals ein völkisches Symbol, sondern stets ein inklusives. Niemals stand es für Ausgrenzung, Haß und Diskriminierung, sondern für Freiheit, Einheit und Völkerverständigung. Niemals war es ein Kriegsbanner, sondern immer ein Zeichen des Friedens. Wofür diese Farben standen und stehen, sieht man am besten an denen, die sie gehaßt haben - Monarchisten, Revanchisten, Reaktionäre und Nazis. Möchte Herr Bobga sich dazugesellen? Ich glaube nicht.
Daß die ekelhafte AfD sich diese wunderbaren Farben zueigen macht, ist schlimm genug und für mich persönlich unerträglich. Daß aber demokratische Politiker diese perverse Umdeutung auch noch bestätigen, ist nachgerade grotesk.
Lieber Herr Bobga, im Großen und Ganzen, wenn auch nicht im Detail, stehen wir auf derselben Seite. Überlegen Sie doch noch mal, ob solche Aussagen wirklich hilfreich sind.
Der Wal bewegt die Gemüter. Und ich finde es großartig, wie viele Menschen sich für das Leben dieses Tieres einsetzen und gegen die halbherzigen Rettungsbemühungen der Politik aufbegehren. Falls hier ein abgekartetes Spiel stattfände, wäre das in der Tat empörend.
Zugleich frage ich mich, ob denn all diese Sofaaktivisten nach wie vor ihren Aufschnitt, ihr Schweineschnitzel oder ihre Bratwurst genießen können. Denn wenn man wirklich ein mitfühlendes Herz für das Leiden der Tiere hat, dann geht das nicht.
Schweine, hochintelligente, außerordentlich soziale und extrem empfindungsfähige Tiere, werden in Deutschland täglich zu Zehntausenden geschlachtet. Über 44 Millionen im Jahr. Stress, Todesangst, Schreie und Blut, entsetzliches Leid, oft schon in der Haltung. Kühen, nicht ganz so schlau wie Schweine, aber ebenso gesellig und lebenswillig, ergeht es nicht anders. 1,4 Millionen von ihnen sterben jährlich im Schlachthaus.
Diese Tiere wollen auch leben. Sie wollen spielen und beieinander sein. Gutes Futter haben und genug Platz. Und doch erleben sie einen täglichen Holocaust*. Und kaum jemanden kümmert es; dagegen setzen sich nur wenige ein und werden als Spinner belächelt oder linksgrün-versifft beschimpft.
Wie gesagt - ich finde es gut, daß der Wal Mitgefühl erfährt. Aber kümmern wir uns doch zugleich bitte da ums Tierleid, wo es jeden Tag hunderttausendfach geschieht. Und worauf wir mit unserem Kauf- und Konsumverhalten durchaus Einfluß haben. Alles andere hat einen Geschmack von Doppelmoral.
*Ich weiß, das Wort provoziert, und nichts liegt mir ferner als eine Relativierung der entsetzlichen Verbrechen des Nationalsozialismus! Mir geht es darum, daß wir uns klar machen, wie bewußt sich auch Tiere der Todesgewißheit sind, wie viel Angst und Panik sie erleben und wie tief sie zu leiden imstande sind.
Jetzt, wo Amerika nicht mehr so toll ist – können wir jetzt wieder andere unterstützen statt sie zu supporten?
Jetzt, wo die USA ihre Vorbildfunktion einbüßen, sagen wir wieder übrigens statt by the way? Und beliebig statt random?
Jetzt, wo der ganze amerikanische Kulturimperialismus die übelsten Großmannsphantasien zeitigt, sprechen wir wieder von Herausforderungen statt von challenges?
Jetzt, wo das amerikanische Selbstverständnis so richtig dumm und unangenehm wirkt, haben wir Neuigkeiten statt news, und verbreiten wir die Kunde statt das word zu spreaden?
Jetzt, da Amerika sich so autoritär und imperialistisch wandelt, finden wir Dinge wieder seltsam statt strange?
Sagen wir Scheitern statt fail und nett statt nice?
Können wir nun wieder Leistung erbringen statt zu performen, und Nachrichten erhalten statt messages?
Und merken wir Daten vor, statt dates zu saven?
Sprechen wir nun endlich wieder unsere tiefe, feine Sprache mit all ihren Schichten und Farben, statt uns blind und einfallslos einer simplifizierten Einheitsdiktion amerikanischer Denk- und Assoziationsart zu unterwerfen?
Lieben wir so langsam wieder, was wir an uns hatten, bevor wir unbedingt anders sein wollten?
Also... sprechen wir nun wieder Deutsch?
Veredeln solle sich der Geist, so das humanistische Ideal vergangener Epochen, die heute weiter weg erscheinen denn je. Denn von Veredelung der menschlichen Rasse mag man angesichts der zunehmenden Verrohung im Alltag der Politik gar nicht mehr sprechen.
Stattdessen schlägt die Stunde der Autokraten und Oligarchen, und ihr Aufstieg wirkt fast so erschütternd wie die tumben Massen, die ihn bejubeln und deren Geschichtsvergessenheit nur von ihrem maliziösen Zynismus übertroffen wird. Das "Meisterwerk", als das Shakespeare den Menschen einst pries? Blanker Hohn. Die Aufklärung als Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit? Passé.
Verekelung trifft es wohl eher. Die niedersten Instinkte brechen sich gegen alles Mitgefühl, alle zivilisatorischen Errungenschaften Bahn; das Gemeine und Laute, das nur den Kampf kennt, die Durchsetzung der eigenen und Unterdrückung anderer Interessen, wird zum Maßstab des Erfolgs und der Anerkennung. Ob es plumpe Angeber sind, die dümmlich mit Luxus protzen, oder Tyrannen, die andere Länder überfallen - der (un)geistige Keim ist exakt derselbe - das erhitzte Zelebrieren der Durchsetzungsfähigkeit des Stärkeren gegen das vermeintlich Schwächere. Und sie sogenannten sozialen Medien befeuern diese Entwicklung mit algorithmischen Begünstigungen. Alles unterwirft sich der Gier, der Geltungssucht und der Grobheit.
Gewiß, es ist einfacher, im Rudel aufzugehen und mitzugrölen, zu jagen und zu hetzen, was man nicht versteht und daher nicht dulden kann. Gut zu sein, Empathie zu zeigen und Demut zu üben, zu teilen, zu verstehen, zu lieben - all das ist ungleich schwerer als der primitive Haß, die dumpfe Mißgunst, die gerade grauenvolle Blüten treibt. Deshalb hat man Jesus ja auch gekreuzigt: Eine Botschaft der Liebe - das ertragen wir Menschen offenbar nicht. Und also landen wir doch auf der Seite des Bösen, des ewigen machiavellistischen Kampfes und des Eigennutzes. Mein Großvater hätte gesagt: in den Fängen des Teufels.
Wir wissen aber, daß das niemals, niemals zu etwas Gutem führt. Daß niemand dabei gewinnen kann - nicht mal die Führer und Herrscher. Daß Spaltung und Haß jedesmal Zerstörung, Leid, Grauen und Verlust mit sich bringen. Und vor allem wissen wir, daß nicht alle Menschen so sind. Daß die Guten und Anständigen gottlob bei weitem mehr sind.
Wie wär's - lassen wir den faschistischen Unfug dieses Mal doch einfach! Verbreiten wir Liebe, Verständnis und Mitgefühl. Lösen wir Interessenkonflikte mit Kommunikation und Kompromissen. Und wehren wir uns gegen die, die den Frieden brechen. Veredeln wir mal wieder unseren social-media-bedröhnten Geist. Und machen wir die Welt zum Paradies.
Schnelle und absolute Urteile scheinen ein Zeichen unsere Zeit zu sein. Das Prinzip der Dating Apps ist längst in unseren Alltag eingesickert: Ein kurzer Blick, eine spontane Bewertung, swipe left und tschüss. Menschen, die einen nicht sofort überzeugen, wischt man einfach weg.
Erste Eindrücke durch weitergehende ergänzen? Zu aufwendig. Oberflächliche Begegnungen vertiefen? Zu anstrengend. Es könnte einen ja "Energie kosten" - übrigens eine häufige Begründung fürs Wischen, denn heutzutage muß alles ein Sofortgewinn sein! Vertrauensvorschüsse oder Investitionen in die sukzessive Entwicklung einer Beziehung haben da keinen Platz. Schon die bloße Möglichkeit, daß sie vergebens und damit ein Verlustgeschäft sein könnten, wird durch ein rasches Beenden abgewehrt.
Wie schade! Was man da alles verpaßt!! Klar, Beziehungen sind Arbeit, ob geschäftlich, amourös oder freundschaftlich. Sie erfordern Geduld, Kraft, Zeit und Neugier. Erst mal legt man vor, läßt sich ein und ist offen für alles, was sich entwickeln mag. Und ja, manchmal verliert man diese Einlage. Aber das ist doch das wahre Leben! "Give a little, take a little, let your poor heart break a little", wie es im Liede heißt.
Dieses unvalidierte, schnelle "Paßt für mich nicht" jedoch enthält einem die bereichernde Erfahrung langfristiger Bewährung vor. Und das erklärt man dann erstaunlicherweise mit Selbstliebe und -achtsamkeit.
Nicht falsch verstehen - ich bin durchaus dafür, auf sich aufzupassen! Was mich stört, ist nur die Geschwindigkeit, in der die Entscheidung fällt, Menschen wegzuwischen, und die Empathielosigkeit, mit der es geschieht. Ohne Charme, ohne Begründung, ohne Versöhnlichkeit. Was mir leid tut, ist der Verlust an wunderbaren Chancen, derer man sich auf diese Weise begibt.
Ich bin da anders geprägt, und ja, ich falle immer noch ab und an auf die Nase. Aber ich liebe jeden Versuch, einen Menschen kennenzulernen und in mein Leben zu lassen. Selbst wenn er scheitert.
Ja klar wählen Leute AfD! Und das ist bitter, frustrierend, ärgerlich und empörend. Aber halt auch verständlich.
Denn das Kreuzchen machen ja die meisten nicht aus fundamentaler rechtsextremer Überzeugung bei den Blauen. Ich bestreite nach wie vor, daß alle AfD-Wähler in der Wolle gefärbte Nazis seien, und ich halte die Behauptung auch nicht für zielführend.
Die Wahlgründe liegen indes woanders: In einer tiefen Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit, im Bedürfnis nach einem Staat, der seine Bürger beschützt und versorgt, der ihnen dient und die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben schafft.
Daß die AfD das auch und erstrecht nicht kann - geschenkt. Aber der Kontrast zum Sehnsuchtsbild der Wähler, den die Politik jeden Tag schärfer erscheinen läßt, hilft der selbsternannten Alternative leider enorm.
Da sehen wir einen unbeholfenen Kanzler, der keine Vision, keine Strategie hat, wie Deutschland in 10 Jahren aussehen und funktionieren soll, und stattdessen Bestandsverwaltung betreibt und mit enormen Schulden Strukturen finanziert und Systeme am Leben hält, die längst nicht mehr zeitgemäß, geschweige denn zukunftsfähig sind. Einen Kanzler, dem nichts besseres einfällt, als die arbeitende Bevölkerung zu beschuldigen, sie arbeite nicht genug und feiere zu viel krank.
Und hier schließt sich der Kreis - hier kommen wir zur Wahrnehmung des Wählers. Denn der soll immer mehr geben - länger arbeiten, mehr Steuern zahlen, höhere Beiträge entrichten, ohne spürbar zunehmende oder besser funktionierende Gegenleistungen zu erhalten. Das Auspressen der Ressourcen bis zum Gehtnichtmehr ist jedoch keine Strategie - wohin soll denn das führen, wenn immer nur Defizite bedient werden? Und da macht sich eben das Gefühl breit, daß der Staat nicht mehr uns, sondern wir ihm zu Diensten sind.
Kein Wunder also, daß sich so viele nicht mehr beschützt und versorgt fühlen von diesem Staat, von dieser Republik und Demokratie, für die wir doch eigentlich kämpfen sollen und die uns so oft enttäuscht mit ihrem Stillstand, ihrer Korruption, ihrem Lobbyismus, ihrer Selbstverwaltung und ihrer gähnenden Einfallslosigkeit. Kein Wunder, leider, wenn eine Partei Zulauf erhält, die einfach nur die Mängel ausspricht, auch wenn sie selbst keinerlei Lösungen anbietet.
Wenn dieses Land nicht kippen soll, braucht es stärkere Signale als die Diffamierung von Teilzeitarbeit und bessere Ideen als "hocheffiziente Verbrenner" und neue Gaskraftwerke. Die Regierung Merz ist leider so etwas wie die letzte Chance der Demokratie, und sie wird gerade schamlos verspielt.
Die Demokratie ist in Gefahr. Weltweit setzen sich autoritäre Systeme durch und radikale Parteien gewinnen an Zulauf. Der Aufstieg der AfD und die Zunahme rechtsextremer Neigungen in Deutschland sind insoweit Teil einer globalen Entwicklung. Gleichwohl gibt es Besonderheiten.
1. Die Vertrauenskrise
Viele Menschen fühlen sich vom Staat im Stich gelassen. In ihrer Wahrnehmung beschützt und versorgt der Staat sie nicht mehr, sondern setzt sie diversen Gefahren und Zumutungen aus, die zu einem großen Teil im Oberthema Migration ausgemacht werden. Der Staat wird nicht mehr als ordnende Kraft wahrgenommen, die die Interessen der Bürger als oberste Priorität sieht und wahrt, sondern als dubioser Machtapparat, der seine eigenen Ziele verfolgt, statt dem Volk zu dienen. Korruptionsskandale, Geldverschwendung und Seilschaften befeuern diesen Eindruck auf die unglücklichste Weise, insbesondere in Verbindung mit steigenden Belastungen und sinkenden Leistungen. Daraus resultiert ein schwindendes Vertrauen in die Institutionen aller drei Gewalten. Ein „Die gegen uns“-Narrativ entsteht, das von Agitatoren und Demagogen nach Kräften befeuert wird. „Das Volk“, als das sich die Anhänger rechtsextremer Bestrebungen betrachten, identifiziert sich nicht mehr mit dem Staat und seinen Einrichtungen, sondern sieht sie als Gegner.
2. Die Identitätskrise
Hinzu kommt, daß in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aus naheliegenden Gründen eine gewiße Scheu in Bezug auf die eigene Nationalität entstand und zum Beispiel der Umgang mit identitätsstiftenden Symbolen sehr zurückhaltend gehandhabt wurde. Hilfsweise berief man sich auf Konstrukte wie den sogenannten Verfassungspatriotismus und versuchte, jeden nationalen Affekt durch eine möglichst rationale Erkenntnis der Vorzüge der Demokratie und sozialen Marktwirtschaft sowie eine betonte Weltoffenheit und Internationalität zu substituieren. Die emotionale Ebene der nationalen Identität wurde dabei nicht nur außenvorgelassen, sondern nachgerade als überkommen, gestrig und unaufgeklärt abgewertet. Daß gerade dadurch ein emotionales Defizit entstand, das sich heute auf die denkbar häßlichste Weise Bahn bricht, wurde geflissentlich übersehen.
3. Die kognitive Krise
Wir leben in einer Zeit der Polykrisen. Klimakatastrophe, Corona, Ukraine-Krieg, Migration und Rezession kumulieren zu einer Gesamtbelastung, die kognitiv und emotional kaum mehr zu bewältigen ist und viele Menschen überreizt. Solche Gemengelagen führen oft zur Verleugnung, sei es durch Eskapismus und Rückzug ins Private, sei es durch eine die Herausforderungen verneinende politische Positionierung.
Alle drei Krisenlagen haben dabei eines gemeinsam: Sie basieren weit mehr auf gefühlten als auf faktischen Wahrheiten. Daraus läßt sich ableiten, daß die meisten Menschen, die sich rechtsextremen Positionen und Argumentationsmustern zuwenden, ein Problem auf der emotionalen Ebene haben und nicht so sehr auf der politisch-rationalen – wohlgemerkt: Wir reden über die Wählerschaft, nicht über die Partei. Zwei Annahmen erweisen sich insoweit als falsch:
1. Daß ausnahmslos alle AfD-Wähler und –Sympathisanten per se überzeugte Rechtsextremisten sind und sein wollen.
2. Daß man sie „inhaltlich“ stellen und argumentativ vom Wert der Demokratie und der Verwerflichkeit ihrer Partei überzeugen kann.
Viele sehen sich ja gerade, durch ihre „Protestwählerschaft“ in Opposition zu einem Staat, der sie nicht mehr schützt, sondern durch Gängelung, Belastungen und Zumutungen immer unfreier macht, und glauben mithin, für eine Demokratie und Freiheit zu kämpfen, die sie bedroht sehen. Grundsätzlich ist ihnen der Wert der Demokratie also klar, auch wenn sie auf die völlig falsche Lösung setzen. Jedes Argument dagegen werden sie indes als Lüge und Propaganda abtun.
Machen wir uns klar: Schuld am Aufstieg der AfD ist nicht die AfD oder das dumme Volk. Schuld ist unter anderem natürlich eine krisengeschüttelte Welt, die zu handhaben für jede Regierung eine gewaltige, eine wirklich schwierige Aufgabe ist. Schuld ist aber auch eine Politik, die sich über Jahrzehnte vom Wahlvolk abgehoben zu haben scheint, keine tragfähige Strategie entwickelt und zugleich die Infrastruktur kaputtgespart hat. Schuld sind auch deutsche Vorstandsetagen, die sich besonders schlau fanden, Energie aus Russland zu kaufen, Kernkompetenzen und Zukunftstechnologien zu verscherbeln und Produktionen nach China zu verlegen, damit kurzfristig die Bilanzen glänzen und die persönlichen Boni stimmen. Schuld sind alle, die tricksen, betrügen und sich Vorteile ergaunern – vom Dieselskandal bis zu Masken-Deals. Und all das in der sogenannten Mitte der Gesellschaft.
Wie aber gewinnt man nun diejenigen, die sich vor diesem Schlamassel ins rechtsextreme Spektrum geflüchtet haben, für diese Republik, diesen Staat und diese Verfassung zurück? Sie auszugrenzen und als Nazis zu bezeichnen, mag ein starker Impuls sein, spaltet sie aber noch weiter von der Gesellschaft ab und verstärkt somit das Problem.
Ein Blick auf die zugrundeliegenden Bedürfnisse bringt ein wenig Klarheit. Wenn man annimmt, daß nicht 25 Prozent der deutschen Wählerschaft grundböse sind, darf man auch davon ausgehen, daß zum Beispiel kaum jemand originär Massenabschiebungen will – sie sind nur ein Strohhalm, an den man sich als vermeintliche Lösung klammert. Das zugrundeliegende Bedürfnis ist jedoch ein anderes: Sicherheit und ein Staat, der sie schafft. Ebenso möchte gewiß kaum jemand einen genuin autoritären Staat; abermals ist das Grundbedürfnis eine Ebene tiefer gelagert: ein Staat, der entschlossen handelt und die bestehenden Probleme kraftvoll und mit einem klaren Plan angeht. Und ebenso verhält es sich mit der Identität: Nicht eine blinde Überzeugung deutscher Überlegenheit treibt die meisten mit der Nationalflagge auf die Straße, sondern der Wunsch, sich mal wieder gut fühlen zu dürfen mit dem, was man ist und woher man kommt.
Das alles ist fraglos sehr optimistisch, vielleicht ein bißchen naiv, und es ist nicht zu leugnen, daß es unter den AfD-Sympathisanten auch krasse Rechtsextremisten gibt, die für diese Gesellschaft verloren sind. Es wäre dennoch falsch, sich um die anderen, die Schwankenden, die Suchenden, die Frustrierten und Verzweifelten oder einfach Dummen nicht weiter zu bemühen, solange, bis alle Möglichkeiten erschöpft sind.
Diesem Bemühen könnte eine Kultur der Freude über dieses Land dienen, eine positive Besetzung nationaler Symbole, die zu rechtsextremen Positionen schon aus historischen Gründen überhaupt nicht passen, ein bewußtes Begehen einschlägiger Feiertage wie etwa des 23. Mai oder des 3. Oktober, eine integrative, umfassende, transparente und vor allem ehrliche Kommunikation der Problemlage und der angestrebten Lösungen, die unbedingt über simple, das Problem lediglich ein paar Jahre vertagende Verzögerungsmechanismen wie „länger arbeiten“, „Technologieoffenheit“ oder „Sozialabbau“ hinausgehen müssen. Es braucht eine gewaltige Strukturreform, innovative Systeme, ein überparteiliches Bekenntnis zum Land, seinem Wohlergehen und gemeinsamen Bemühungen um die beste Strategie und natürlich belastbare politische Lösungen, die sich nicht an Partikularinteressen und Klientelbefriedigung orientieren, sondern einem großen Plan für die Zukunft Deutschlands folgen.
Klingt einfach, ist es aber nicht – das ist klar. Und doch ist „schwierig“ nicht gleichbedeutend mit „unmöglich“, und „Herausforderung“ nicht das Gegenteil von „Machbarkeit“. Es braucht eine gewaltige Willensanstrengung, die zugunsten des langfristigen Zielbildes über alle kurzfristigen Scheinerfolge und den nächsten Wahltermin hinwegsieht, die an die Ursachen geht statt an Symptomen herumzuflicken, und die parteiliche Eigeninteressen hintanstellt.
Ist das wahrscheinlich? Leider nein. Ist es möglich? Selbstverständlich! Also los!