Montag, 13. Juli 2026

Hofnarr gefällig?

Es fehlt uns an Hofnarren. Narren, die schonungslos aussprechen, was unsere Eitelkeit und der schreckliche Ernst, mit dem wir uns selbst betrachten, nicht hören wollen. Narren, die eben keine Narren sind, und die wir sogar selbst dafür bezahlen, uns in Frage zu stellen.

Am Wochenende war ich in Oberammergau und habe im Passionstheater "Tyll" gesehen, ein großartig inszeniertes Stück auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Daniel Kehlmann, das die Geschichte von Till Eulenspiegel in die Zeit des dreißigjährigen Krieges verlagert. Tyll darf dem vertriebenen König von Böhmen alles sagen, egal wie schmerzhaft und ärgerlich das für den ehemaligen Regenten ist. Denn genau dafür hat und bezahlt er ihn.

Heute ist das anders. Die Politik hat für alles eine Erklärung und für nichts die Verantwortung. Unternehmen züchten sich ein Geflecht aus Mitläufern und bringen unliebsame Stimmen per Aufhebungsvertrag zum Schweigen. Kritische Begleitung? Nein danke. Karriere machen stattdessen die Sykophanten, die Schleimer und Ja-Sager, Kriecher, die auch die abscheulichsten Körperöffnungen nicht scheuen und möglichst wenig Rückgrat mitbringen.

Der Hofnarr ist nicht mehr gewünscht. Die Deutungshoheit auch der unangenehmen Wahrheiten wird nicht mehr abgegeben, um sich selbst besser reflektieren zu können, sondern eifersüchtig bewacht und optimal zurechtgebogen. Klar gibt es immer noch welche, die meinen, sie sprechen als einzige "die Wahrheit" aus. Aber sie tun es nicht mit Humor und zum Wohle des Ganzen, sondern mit Haß und geifernder Feindseligkeit. Und auch wieder nur zum eigenen Vorteil. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Schade eigentlich! So ein Tyll täte manchem Minister, manchem Politiker, manchem Vorstand, mancher "Führungskraft" und manchem Privatmenschen zuweilen ganz gut. Und wenn's nur als jene innere Stimme wäre, die sich Gewissen nennt.

Montag, 6. Juli 2026

Ein deutscher Abend

Während in Erfurt ein kalt erregtes Männchen vom Verlust der Heimat geifert, macht München sie schöner - mit "Oper für alle" und eben jener deutschen Kunst, die die Schwarz-Rot-Gold schändenden Patriotismusgymnastiker zwar feiern und gegen "das Fremde" beschwören, von der sie aber nicht das Geringste verstehen und auf Nachfrage keine Zeile zitieren können. Richard Wagners "Walküre" schallt über den Max-Joseph-Platz, und tausende lassen sich berauschen an diesem wundervollen Sommerabend. Menschen aller Farben, jeden Alters, aller Provinienzen.

Berauscht geht's auch in Erfurt zu, wo das Männchen plärrt, man stehe zu den Nationalfarben und der Saal eifrig Fähnchen schwenkt, während über Ursprung und Bedeutung dieser Farben aber so gar nicht gesprochen wird. In zitternden Reden wird Aufbruchsfieber verbreitet; die flirrende Ahnung, die enthemmende Verheißung kommender Triumphe bewegt und beflügelt die schlichten Gemüter. Endlich mal auf der Gewinnerseite stehen - das kennen viele in ihrem Leben wohl nicht.

Die Schummelei, die Verdrehung und List, mit der Wotan in Walhalla versucht, seine Machtinteressen durchzusetzen, sind auch in der Programmatik von Erfurt spürbar. Nur sind sie hier Kunst, dort jedoch ernstgemeinte Politik. Und vor allem fehlt der blaunen Brut drüben, was Wotan hüben wirkmächtig in die Quere kommt - das moralische Korrektiv, für Wotan in Gestalt seiner Frau Fricka, und das unbeugsame Gewissen, das seine Tochter Brünnhilde verkörpert.

Nein, weder Wagner noch Schwarz-Rot-Gold gehören den Pseudopatrioten von Erfurt. Sondern einem Deutschland, das jeden einschließt, der dazugehören möchte. Einem Deutschland, das zu beschützen und zu verbessern unser aller tägliche Aufgabe ist.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Kein Scheiß

Unsere "scheiß deutschland flaggen" [sic!] sollen wir wieder abhängen, empfiehlt Luis Bobga, Chef der Grünen Jugend. Und ich finde das schade. 

An sich finde ich den Typen ganz cool und teile sogar ein paar seiner Ansichten. Aber hier tut er sich und uns keinen Gefallen. Denn die schwarz-rot-goldene Flagge derart zu verunglimpfen, ist Wasser auf die Mühlen derer, die diese Farben für ihre dumpfen und widerwärtigen Zwecke mißbrauchen. 

Schwarz-Rot-Gold war niemals ein völkisches Symbol, sondern stets ein inklusives. Niemals stand es für Ausgrenzung, Haß und Diskriminierung, sondern für Freiheit, Einheit und Völkerverständigung. Niemals war es ein Kriegsbanner, sondern immer ein Zeichen des Friedens. Wofür diese Farben standen und stehen, sieht man am besten an denen, die sie gehaßt haben - Monarchisten, Revanchisten, Reaktionäre und Nazis. Möchte Herr Bobga sich dazugesellen? Ich glaube nicht. 

Daß die ekelhafte AfD sich diese wunderbaren Farben zueigen macht, ist schlimm genug und für mich persönlich unerträglich. Daß aber demokratische Politiker diese perverse Umdeutung auch noch bestätigen, ist nachgerade grotesk. 

Lieber Herr Bobga, im Großen und Ganzen, wenn auch nicht im Detail, stehen wir auf derselben Seite. Überlegen Sie doch noch mal, ob solche Aussagen wirklich hilfreich sind.