Es fehlt uns an Hofnarren. Narren, die schonungslos aussprechen, was unsere Eitelkeit und der schreckliche Ernst, mit dem wir uns selbst betrachten, nicht hören wollen. Narren, die eben keine Narren sind, und die wir sogar selbst dafür bezahlen, uns in Frage zu stellen.
Am Wochenende war ich in Oberammergau und habe im Passionstheater "Tyll" gesehen, ein großartig inszeniertes Stück auf Grundlage des gleichnamigen Romans von Daniel Kehlmann, das die Geschichte von Till Eulenspiegel in die Zeit des dreißigjährigen Krieges verlagert. Tyll darf dem vertriebenen König von Böhmen alles sagen, egal wie schmerzhaft und ärgerlich das für den ehemaligen Regenten ist. Denn genau dafür hat und bezahlt er ihn.
Heute ist das anders. Die Politik hat für alles eine Erklärung und für nichts die Verantwortung. Unternehmen züchten sich ein Geflecht aus Mitläufern und bringen unliebsame Stimmen per Aufhebungsvertrag zum Schweigen. Kritische Begleitung? Nein danke. Karriere machen stattdessen die Sykophanten, die Schleimer und Ja-Sager, Kriecher, die auch die abscheulichsten Körperöffnungen nicht scheuen und möglichst wenig Rückgrat mitbringen.
Der Hofnarr ist nicht mehr gewünscht. Die Deutungshoheit auch der unangenehmen Wahrheiten wird nicht mehr abgegeben, um sich selbst besser reflektieren zu können, sondern eifersüchtig bewacht und optimal zurechtgebogen. Klar gibt es immer noch welche, die meinen, sie sprechen als einzige "die Wahrheit" aus. Aber sie tun es nicht mit Humor und zum Wohle des Ganzen, sondern mit Haß und geifernder Feindseligkeit. Und auch wieder nur zum eigenen Vorteil. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Schade eigentlich! So ein Tyll täte manchem Minister, manchem Politiker, manchem Vorstand, mancher "Führungskraft" und manchem Privatmenschen zuweilen ganz gut. Und wenn's nur als jene innere Stimme wäre, die sich Gewissen nennt.