Während in Erfurt ein kalt erregtes Männchen vom Verlust der Heimat geifert, macht München sie schöner - mit "Oper für alle" und eben jener deutschen Kunst, die die Schwarz-Rot-Gold schändenden Patriotismusgymnastiker zwar feiern und gegen "das Fremde" beschwören, von der sie aber nicht das Geringste verstehen und auf Nachfrage keine Zeile zitieren können. Richard Wagners "Walküre" schallt über den Max-Joseph-Platz, und tausende lassen sich berauschen an diesem wundervollen Sommerabend. Menschen aller Farben, jeden Alters, aller Provinienzen.
Berauscht geht's auch in Erfurt zu, wo das Männchen plärrt, man stehe zu den Nationalfarben und der Saal eifrig Fähnchen schwenkt, während über Ursprung und Bedeutung dieser Farben aber so gar nicht gesprochen wird. In zitternden Reden wird Aufbruchsfieber verbreitet; die flirrende Ahnung, die enthemmende Verheißung kommender Triumphe bewegt und beflügelt die schlichten Gemüter. Endlich mal auf der Gewinnerseite stehen - das kennen viele in ihrem Leben wohl nicht.
Die Schummelei, die Verdrehung und List, mit der Wotan in Walhalla versucht, seine Machtinteressen durchzusetzen, sind auch in der Programmatik von Erfurt spürbar. Nur sind sie hier Kunst, dort jedoch ernstgemeinte Politik. Und vor allem fehlt der blaunen Brut drüben, was Wotan hüben wirkmächtig in die Quere kommt - das moralische Korrektiv, für Wotan in Gestalt seiner Frau Fricka, und das unbeugsame Gewissen, das seine Tochter Brünnhilde verkörpert.
Nein, weder Wagner noch Schwarz-Rot-Gold gehören den Pseudopatrioten von Erfurt. Sondern einem Deutschland, das jeden einschließt, der dazugehören möchte. Einem Deutschland, das zu beschützen und zu verbessern unser aller tägliche Aufgabe ist.