Das Entsetzen scheint groß. „Wie konnte das passieren? Im Mutterland der Demokratie! In Amerika! Dem Inbegriff der Freiheit!“ Und ich frage mich: Wundert’s euch wirklich?
Ich für meinen Teil habe dem Mythos USA nie so recht getraut. Denn er basiert auf vielschichtigen Lügen, Überhöhungen und Verdrängungen. Schon das Land als ‚Amerika‘ zu bezeichnen und so mit dem gesamten Kontinent gleichzusetzen, ist eine Anmaßung – eine zudem, die ganz gut zeigt, wie diese Nation sich sieht.
· Man muß nicht auf die ‚manifest destiny‘ zurückgreifen, um zu sehen, wie grundlegend der Anspruch auf politische und kulturelle Hegemonie im amerikanischen Wesen verwurzelt ist.
· Man muß nicht die Sklaverei heranziehen, um zu begreifen, wie tief der Rassismus diese Gesellschaft prägt und wie sehr die Überzeugung ‚all men are created equal‘ sich grundsätzlich mal nur auf weiße Menschen bezieht.
· Man muß nicht die Monroe-Doktrin bemühen, um zu erkennen, daß amerikanische Interessen notfalls auch außerhalb der USA militärisch durchgesetzt werden.
· Man muß nicht den Genozid an den Ureinwohnern des nördlichen Kontinents beschwören, um zu verstehen, welch brutaler Glaube an die Durchsetzungskraft und das Recht des Stärkeren die amerikanische Kulturgeschichte durchzieht.
· Und man muß nicht das ‚second amendment‘ heranziehen, um sich klar zu machen, wie sehr Waffen und Gewalt als legitime Mittel zur Konfliktlösung und der Verteidigung der eigenen Interessen begriffen werden.
· Man muß nicht die Sklaverei heranziehen, um zu begreifen, wie tief der Rassismus diese Gesellschaft prägt und wie sehr die Überzeugung ‚all men are created equal‘ sich grundsätzlich mal nur auf weiße Menschen bezieht.
· Man muß nicht die Monroe-Doktrin bemühen, um zu erkennen, daß amerikanische Interessen notfalls auch außerhalb der USA militärisch durchgesetzt werden.
· Man muß nicht den Genozid an den Ureinwohnern des nördlichen Kontinents beschwören, um zu verstehen, welch brutaler Glaube an die Durchsetzungskraft und das Recht des Stärkeren die amerikanische Kulturgeschichte durchzieht.
· Und man muß nicht das ‚second amendment‘ heranziehen, um sich klar zu machen, wie sehr Waffen und Gewalt als legitime Mittel zur Konfliktlösung und der Verteidigung der eigenen Interessen begriffen werden.
Ein Blick in den Alltag genügt für diese Eindrücke vollkommen. Denn es ist ein Land, das auf Mord, Raub und Selbstverklärung aufgebaut ist. Einem empfindsamen Menschen kann der übertriebene Patriotismus, der überall kultiviert wird, nur als möglichst lautes Überschreien der dumpf im Urgrund des Landes brodelnden Erbsünden erscheinen, als kolossales Abblocken aller Zweifel und aller Kritik, die aufzuarbeiten der psychotischen nationalen Seele vielleicht gutgetan hätte. Irgendwann in den letzten 200 Jahren.
So aber wurde der verlogene Mythos von grenzenloser Freiheit und dem amerikanischen Traum zum Leitbild und bot eine makellose Identität an, die alle Verbrechen der Vorfahren zur musealen Randnotiz verzwergte – was das Volk als angenehmer Nebeneffekt freilich auch gegen Verbrechen der Gegenwart abstumpft.
Es gibt so viele Charakterzüge im amerikanischen Wesen, die faschistoide Anklänge in sich tragen. Das ‚hire and fire‘ in der Wirtschaft etwa, das dem Arbeitnehmer keine Rechte einräumt, sondern allenfalls eine Chance, sich im Sinne des Arbeitgebers zu bewähren, und wer diesen unverrückbaren, einseitig definierten Maßstab nicht erfüllt, verschwindet wieder. Oder das obskure Wahlsystem, das keineswegs jeder Stimme das gleiche Gewicht gibt, sondern sie per roter Linie beliebig nach sozialem Status einteilt. Oder das kalvinistisch geprägte Zerrbild eines Christentums, das allen Ernstes glaubt, Erfolg im Leben drücke sich in großen Reichtümern aus, und wer sie nicht anhäufe, sei unzulänglich oder gar von Gott gestraft. Dazu das ganze Gerede von ‚God’s own country‘ und dem ‚greatest country on the face of this planet‘, das kein Baseball-Kommentator ausläßt – all das erscheint auf krankhafte Weise penetrant und einseitig.
Daß nun eine solche Gesellschaft, die zutiefst durchdrungen ist vom Glauben an das Recht des Stärkeren, die Auserwähltheitsmythen kultiviert, die einen schrillen Patriotismus zelebriert, die an physische Gewalt glaubt und nicht von ihren Waffen lassen kann, eine Gesellschaft, die Gier für Ambition, Brutalität für Durchsetzungskraft, Narzissmus für Selbstbewußtsein, Erniedrigung für Stärke und Beleidigungen für Argumente hält, daß also eine solche Gesellschaft die Grundzüge eines faschistischen Welt- und Menschenbildes bereits in sich trägt und die dünne Maske der Freiheit unter steigendem Druck schnell reißen kann, darf uns nicht überraschen.
Auch, wenn es deutschen Spießerphantasien vom Harley-Fahren auf der Route 66 oder dem Cowboy-Leben im goldenen Westen querkommt – das vielbeschworene Freiheitempfinden in den USA war stets an begünstigende Umstände wie Geld, Herkunft und Hautfarbe gebunden. Vor allem aber beruht es darauf, den Mythos mitzutragen, die Lüge weiterzuleben und die Sünden zu leugnen. Jeder Verstoß gegen dieses ungeschriebene Gesetz ist mindestens ‚woke‘, noch eher aber ‚anti-American‘.
Nein, es darf uns nicht wundern, was gerade in den USA geschieht. Daß so ein Volk überschnappen würde, wenn es nur den richtigen Führer findet, ist keine Überraschung. Und wir in Europa, in Deutschland haben das amerikanische Selbstverständnis jahrzehntelang mitgetragen. Wir haben unsere eigene Kultur amerikanisiert und brav vom ‚mächtigsten Mann der Welt‘ gesprochen, wenn es um den Präsidenten ging. Wir singen ‚Country Road‘ am Lagerfeuer, weil uns keine eigenen Lieder mehr einfallen. Und immer noch sprechen wir wider besseres Wissen von Freunden und Verbündeten.
Zeit, aufzuwachen. Der amerikanische Traum ist ausgeträumt.