Sonntag, 30. November 2025

Ein Lichtlein

Der Advent ist da, jene wenigen Wochen vor Weihnachten, die ich als Kind schon geliebt habe, und die mir, so quälend langsam sie im Hinblick auf das fiebernd erwartete Fest einerseits zu vergehen schienen, andererseits doch nie lang genug sein konnten. Denn diesen Wochen wohnte ein ganz eigener, unvergleichlicher Zauber inne, den zu spüren vielleicht nur Kindern gegeben ist, oder solchen Menschen, die es im Herzen geblieben sind.

Ganz und gar anders als alle Wochen und Monate des Jahres schien mir diese Zeit. Ein Adventus, eine Ankunft war es, die sich spürbar vorbereitete, die Ankunft des Christkindes, des Gottessohnes und Erlösers und damit der Beginn einer besseren Zeit. Ein Hauch des Wunderbaren, des Göttlich-Bedeutsamen lag in der Luft und durchwirkte alles Sein, erhöhte den Alltag und gab jedem Gefühl, jedem Gedanken und jedem Tun etwas durch und durch Festliches. Das Leben fühlte sich an, als habe es jemand mit feinem Goldstaub gepudert.

Heute ist dieser Zauber nicht mehr ganz so deutlich spürbar, und das nicht nur, weil die Konsummaschinerie heute lauter, greller und amerikanisierter als in meiner Kindheit alles Ahnungsvolle, leise sich Anbahnende überlärmt. Ich habe mir zwar eine sehr sentimentale Wahrnehmung der Advents- und Weihnachtszeit bewahrt, aber das Leben hat auch mich abgeklärt und gewährt nicht immer den Raum, den das freudige Erwarten wundersamer Veränderungen vielleicht erfordert. Gleichwohl, so denke ich oft, warten wir ständig auf irgendetwas, auf den Durchbruch, den richtigen Partner, die Erkenntnis und auf uns selbst... Und während wir darauf warten, daß "das Leben" endlich beginnt", findet es längst statt und zieht vorbei.

Vielleicht war und ist die Adventszeit so beglückend, weil diesem Warten tatsächlich eine Ankunft folgt, weil das, worauf wir warten, wirklich geschieht. Ob man nun an die Geburt Christi glauben mag oder nicht, man hat zumindest die Gelegenheit, sich ein wenig zu sammeln, zu besinnen und an Weihnachten vielleicht Dinge zu tun, die man übers Jahr vernachlässigt hat. Das alltägliche Warten auf den Beginn des eigentlichen Lebens hingegen bleibt unbefriedigend, solange wir in Passivität verharren.

Der Gedanke des Advent, der Ankunft in unserem eigenen Leben, läßt sich aber dennoch nutzen, wenn man die Vorphase des Ankommens nicht als Wartezeit, sondern als Entwicklung begreift, die man täglich steuern und vorantreiben kann. Das Warten wird zum Tun, und die Vorfreude verschmilzt mit dem unbedingten Willen zur Veränderung. Immer wieder aus eingefahrenen Kreisen, aus Komfortzonen und dem begrenzten Blick auf sich selbst herauszutreten und neue Sphären des eigenen Seins zu erschließen - darin liegt für mich das, was uns der Advent sagen will.

In erster Linie sind wir vielleicht unsere eigenen Erlöser - durch eine Entscheidung, einen Weg. Und vielleicht bestäubt irgendwer von irgendwo unser Bemühen mit feinem Goldpuder.

Mittwoch, 5. November 2025

Weimarer Verhältnisse

Wir haben Weimarer Verhältnisse, hört man Leute sagen. Ganz zutreffend ist das nicht. Rechtlich sind wir besser aufgestellt, da die Mütter und Väter des Grundgesetzes empfindliche Mängel der Weimarer Verfassung beseitigt haben. Politisch sind wir auch noch nicht bei 30 Parteien im Parlament und marodierenden Schlägertrupps auf den Straßen. Und außerdem haben wir über Generationen hinweg mehrheitlich Demokratie gelernt und stehen auf dem festen Boden eine jahrzehntelangen Tradition, die die Menschen der Weimarer Republik nicht hatten. 

Wo wir aber Weimarer Verhältnisse haben, ist in der Staatsform einer demokratisch verfaßten Republik. Dieser erste Versuch auf deutschem Boden hat sich nach dem unrühmlichen Untergang des Kaiserreichs 1918 ganz bewußt auf das schwarz-rot-goldene Banner als Nationalflagge besonnen, die Farben des Hambacher Festes und der Paulskirche, die für alles standen, wonach man so sehnsüchtig strebte: Demokratie, Freiheit, Völkerverständigung. 

Weimarer Verhältnisse haben wir auch, was den Vorbehalt gegenüber diesen Farben angeht. Nur, daß der damals von ganz rechts kam und heute von links. Damals rissen die Nazis, die die Republik und die Demokratie haßten (klingt vertraut?) schwarz-rot-goldene Flaggen herunter, schleiften sie durch den Straßendreck und verfolgten, verletzten und töteten die, die diese Farben trugen und verteidigten. Heute haben paradoxerweise die Rechtsextremen die Flagge okkupiert, während das mittlere und linke Spektrum sie beschämt bis empört meidet. 

Was für eine unsinnige Verdrehung! Vor dem Haus der Weimarer Republik direkt gegenüber dem Nationaltheater in Weimar, auf dessen Vorplatz Goethe und Schiller gemeinsam den Lorbeerkranz deutscher Dichtung halten, trage ich mit Überzeugung meine Nadel des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.  
Auf dem Platz findet derweil ein Fest für ein buntes und weltoffenes Weimar statt, und alles, was man sieht, sind Regenbogenfahnen. Dabei würde Schwarz-Rot-Gold genau hier hingehören! Diese Farben symbolisieren all die Werte, die hier gefeiert werden, ganz egal, ob irgendwo auch eine AfD ignorant damit herumrennt. Schwarz-Rot-Gold ist sozusagen die Regenbogenflagge des 19. Jahrhunderts, und das Antifa-Symbol des frühen 20. Wieso holen wir unsere Flagge also nur zur WM heraus und überlassen sie und ihre Deutung ansonsten denen, die sie vor 100 Jahren in den Schmutz getreten haben? 

Wieso haben wir eine solche Scheu vor dem besten Symbol unserer Geschichte, nur weil ein paar uninformierte Extremisten sie vereinnahmt haben? 

Das frage ich mich in Weimar vor dem Haus der Weimarer Republik, mit meiner Reichsbanner-Nadel am Revers.