Dienstag, 17. Februar 2026

Die Welt, ein Wischen

Schnelle und absolute Urteile scheinen ein Zeichen unsere Zeit zu sein. Das Prinzip der Dating Apps ist längst in unseren Alltag eingesickert: Ein kurzer Blick, eine spontane Bewertung, swipe left und tschüss. Menschen, die einen nicht sofort überzeugen, wischt man einfach weg.

Erste Eindrücke durch weitergehende ergänzen? Zu aufwendig. Oberflächliche Begegnungen vertiefen? Zu anstrengend. Es könnte einen ja "Energie kosten" - übrigens eine häufige Begründung fürs Wischen, denn heutzutage muß alles ein Sofortgewinn sein! Vertrauensvorschüsse oder Investitionen in die sukzessive Entwicklung einer Beziehung haben da keinen Platz. Schon die bloße Möglichkeit, daß sie vergebens und damit ein Verlustgeschäft sein könnten, wird durch ein rasches Beenden abgewehrt.

Wie schade! Was man da alles verpaßt!! Klar, Beziehungen sind Arbeit, ob geschäftlich, amourös oder freundschaftlich. Sie erfordern Geduld, Kraft, Zeit und Neugier. Erst mal legt man vor, läßt sich ein und ist offen für alles, was sich entwickeln mag. Und ja, manchmal verliert man diese Einlage. Aber das ist doch das wahre Leben! "Give a little, take a little, let your poor heart break a little", wie es im Liede heißt.

Dieses unvalidierte, schnelle "Paßt für mich nicht" jedoch enthält einem die bereichernde Erfahrung langfristiger Bewährung vor. Und das erklärt man dann erstaunlicherweise mit Selbstliebe und -achtsamkeit.
Nicht falsch verstehen - ich bin durchaus dafür, auf sich aufzupassen! Was mich stört, ist nur die Geschwindigkeit, in der die Entscheidung fällt, Menschen wegzuwischen, und die Empathielosigkeit, mit der es geschieht. Ohne Charme, ohne Begründung, ohne Versöhnlichkeit. Was mir leid tut, ist der Verlust an wunderbaren Chancen, derer man sich auf diese Weise begibt.

Ich bin da anders geprägt, und ja, ich falle immer noch ab und an auf die Nase. Aber ich liebe jeden Versuch, einen Menschen kennenzulernen und in mein Leben zu lassen. Selbst wenn er scheitert.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Kein Wunder

Ja klar wählen Leute AfD! Und das ist bitter, frustrierend, ärgerlich und empörend. Aber halt auch verständlich.

Denn das Kreuzchen machen ja die meisten nicht aus fundamentaler rechtsextremer Überzeugung bei den Blauen. Ich bestreite nach wie vor, daß alle AfD-Wähler in der Wolle gefärbte Nazis seien, und ich halte die Behauptung auch nicht für zielführend. 

Die Wahlgründe liegen indes woanders: In einer tiefen Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit, im Bedürfnis nach einem Staat, der seine Bürger beschützt und versorgt, der ihnen dient und die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben schafft.

Daß die AfD das auch und erstrecht nicht kann - geschenkt. Aber der Kontrast zum Sehnsuchtsbild der Wähler, den die Politik jeden Tag schärfer erscheinen läßt, hilft der selbsternannten Alternative leider enorm.

Da sehen wir einen unbeholfenen Kanzler, der keine Vision, keine Strategie hat, wie Deutschland in 10 Jahren aussehen und funktionieren soll, und stattdessen Bestandsverwaltung betreibt und mit enormen Schulden Strukturen finanziert und Systeme am Leben hält, die längst nicht mehr zeitgemäß, geschweige denn zukunftsfähig sind. Einen Kanzler, dem nichts besseres einfällt, als die arbeitende Bevölkerung zu beschuldigen, sie arbeite nicht genug und feiere zu viel krank.

Und hier schließt sich der Kreis - hier kommen wir zur Wahrnehmung des Wählers. Denn der soll immer mehr geben - länger arbeiten, mehr Steuern zahlen, höhere Beiträge entrichten, ohne spürbar zunehmende oder besser funktionierende Gegenleistungen zu erhalten. Das Auspressen der Ressourcen bis zum Gehtnichtmehr ist jedoch keine Strategie - wohin soll denn das führen, wenn immer nur Defizite bedient werden? Und da macht sich eben das Gefühl breit, daß der Staat nicht mehr uns, sondern wir ihm zu Diensten sind. 

Kein Wunder also, daß sich so viele nicht mehr beschützt und versorgt fühlen von diesem Staat, von dieser Republik und Demokratie, für die wir doch eigentlich kämpfen sollen und die uns so oft enttäuscht mit ihrem Stillstand, ihrer Korruption, ihrem Lobbyismus, ihrer Selbstverwaltung und ihrer gähnenden Einfallslosigkeit. Kein Wunder, leider, wenn eine Partei Zulauf erhält, die einfach nur die Mängel ausspricht, auch wenn sie selbst keinerlei Lösungen anbietet.

Wenn dieses Land nicht kippen soll, braucht es stärkere Signale als die Diffamierung von Teilzeitarbeit und bessere Ideen als "hocheffiziente Verbrenner" und neue Gaskraftwerke. Die Regierung Merz ist leider so etwas wie die letzte Chance der Demokratie, und sie wird gerade schamlos verspielt.