Samstag, 18. Februar 2017

Mein Museum

Ich gehe gern in mein Museum. Nicht jeden Tag, aber immer wieder. Alle Exponate darin pflege ich mit Sorgfalt. Auch die häßlichen. Auch die gefährlichen. Immer wieder rät man mir, die scharfen Kanten abzudecken oder die besonders unschönen Stücke ins Magazin zu stellen - man müsse sich doch nicht der anhaltenden Verletzungsgefahr oder dem scheußlichen Anblick aussetzen. Es seien schließlich Museumsstücke, vergangen, erledigt, nicht mehr in Gebrauch; sie dürften nicht mehr wehtun oder häßliche Anblicke bieten. Aber ich lehne das ab. Jeder Gegenstand in meinem Museum ist Teil meines Weges, und jeder darf und soll beim Betrachten genau das hervorrufen, wofür er einst stand. Denn das ist mein Leben.

Das Schöne an meinem Museum ist, daß es zu fast jedem Ausstellungsstück irgenwo, bei irgendeinem Menschen auf der Welt ein Gegenstück gibt. Das erst macht meine Sammlung so wertvoll. Manche dieser Gegenstücke sehen fast identisch aus wie meine, manche auch komplett anders. Vielleicht liegt es an der Perspektive, vielleicht an der Beleuchtung. Vielleicht aber auch an der Pflege.

Wie gesagt - meine Stücke pflege ich mit Hingabe, um sie im Originalzustand zu halten. Es gibt aber Menschen, die verändern ihre Sammlung im Nachhinein, zerstören einzelne Exponate, verstecken sie oder entstellen sie so sehr, daß sie häßlich werden und eine ganz andere Geschichte erzählen als das jeweilige Gegenstück in meinem Museum. Ein Beispiel:

Eine der schönsten Skulpturen, die ich besitze, zeigt ein tanzendes Paar, einander glücklich anlächelnd, lustige Gesichter schneidend und allerlei Unsinn machend. Es geht ihnen gut; sie verstehen sich, und ihr Tanz, obwohl feierlich und formvollendet, scheint einen ironischen, künstlerischen Abstand zum festlichen Rahmen zu wahren. Ein Meisterwerk von Liebe und Schönheit, Leichtigkeit und Freude. 

Das Gegenstück dazu, das bei einem anderen Menschen im Museum steht, sah urprünglich genau so aus. Aber die Kuratorin hat die Skulptur verändert und zu einer grotesken Farce entstellt. Den Kopf des tanzenden Mannes hat sie abgebrochen und durch ein dreckig grinsendes Wurstende ersetzt; seine Brust ist nun angeberisch geschwollen, und die liebevolle Geste, mit der er seinen Arm sanft und schützend um ihre Taille legte, ist zu einem brutalen, beherrschenden Klammergriff übersteigert. Das ehemals strahlende, fröhliche Gesicht der tanzenden Frau hat nun einen leidvollen Ausdruck; ihr Kopf ist von ihm abgewandt und scheint sehnsuchtsvoll in die Ferne zu blicken. Und die Kuratorin ist sehr stolz auf diese Veränderungen. "So paßt es viel besser", sagt sie, "denn diese Schönheit gab es nie." 

Ich habe das Bedürfnis, im Museum herumzulaufen und die vielen wundervolllen Gegenstände darin zu entstellen oder gar zu zerstören, nie verstanden. Mir sind sie dafür viel zu kostbar, auch wenn auf viele schöne Stücke manchmal aus derselben Quelle ein paar sehr häßliche oder gefährliche folgen. Aber so ist das eben mit dem Sammeln.

Übrigens: Von jedem Exponat in meinem Museum mache ich eine sorgfältige Kopie und hebe sie auf. Vielleicht möchte ja irgendwann irgendjemand von irgendeinem entstellten, zerstörten oder verlorenen Stück die Ursprungsversion wiederhaben. Denn wo das Schöne häßlich gemacht wird, bleibt am Ende nur Häßliches. Und das kann niemand wollen. Oder ertragen. 

Wenn also jemand die Schönheit wiederhaben will, dann werde ich sie in die Bläschenfolie wickeln und mit Freuden übergeben. Und immer, wenn man so ein Bläschen zerplatzen läßt, entströmt ihm nichts als der Duft von Liebe.

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