Montag, 14. September 2026

Ein Schatten unserer selbst

"Die Verblödung der Gesellschaft in Österreich schreitet voran", titelt Die Presse gestern. Die Smartphone-Kultur habe deutliche Spuren hinterlassen, schreibt Christian Ultsch in seinem Artikel. Jugendlichen falle es immer schwerer, den Sinn längerer Texte zu erfassen, fährt er fort und schließt:. "Da kann man ruhig etwas alarmistisch werden."

In der Tat. Wo die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens verfällt und Sprache auf ein Minimum inhaltsloser Modewörter verstümmelt wird, gehen fundamentale Fähigkeiten der Verständigung und des Verständnisses verloren. Weder komplexe Sachverhalte noch vielschichtige Gefühle lassen sich mehr vermitteln, weder logische Herleitungen noch emotionale Entwicklungen können mehr nachvollzogen werden.

Für unsere Gesellschaft ist das fatal. Denn es macht nicht nur jenen das Spiel allzu leicht, die auf Vereinfachung und primitive Impulse setzen, sondern es entmündigt uns auch - im wahrsten Sinne des Wortes! Sprache ist viel mehr als ein Werkzeug der Kommunikation. Sie ist Bewußtseinsträger und befähigt uns zur Kritik. Über ihren Erwerb werden Synapsen gebildet und Intelligenten ausgeprägt. Sie integriert und verbindet. Verlieren wir die Sprache, dann verlieren wir unseren Geist.

Ich werde ja ohnehin nicht müde, die sukzessive und ganz unnötige Ersetzung unserer hochkomplexen Kultursprache durch seelenlose Anglizismen auf Instagram-Niveau zu wettern, weil wir gar nicht merken, wie wir über die Vereinheitlichung und Nivellierung der Sprache manipulierbar und neuronal gleichgeschaltet werden, während wir uns selbst eine Aura von Weltläufigkeit und Aufgeschlossenheit zu geben glauben. Aber der Verlust grundlegender linguistischer Fähigkeiten durch Smartphone und KI ist noch mal eine andere Hausnummer.

"Wie menschlich Menschen sind, zeigt ihr Umgang mit der Muttersprache", sagt Schiller, und ich bin geneigt, das zu glauben. Bevor wir also auf die verblödeten Jugendlichen schimpfen, dürfen wir uns selbst fragen, ob wir ein gutes Vorbild sind, wenn wir abends noch mit dem Smartphone auf dem Sofa sitzen oder mit der Auslagerung unserer Denkarbeit an die KI prahlen oder Menschen "supporten" - statt sie zu unterstützen. 

Vielleicht achten wir mal auf unseren alltäglichen Umgang mit der Sprache. Und lesen mal wieder was Gutes. Und schreiben mal wieder was selbst.