Sonntag, 4. Januar 2015

Genie bei der Arbeit

Ein literarisches Perpetuum Mobile

Der Literat betritt das Kaffeehaus. An der Schlange brav wartender Touristen vorbeidrängend hat er sich mit ausladender Geste Einlaß verschafft und meint nun, ein Raunen durch die Säulenhalle gehen zu hören, aber das füllt wohl eher das Gewölbe seines Schädels als den tatsächlichen Raum. Vollends durchdrungen vom Gefühl der Wichtigkeit wird er, als der Oberkellner eilfertig auf ihn zukommt, ihn namentlich begrüßt (schließlich ist der Literat seit acht Jahren Stammgast des altehrwürdigen Hauses, da wird man auch ohne nennenswertes Oevre erkannt) und ihm unter allerhand Artigkeiten ein Plätzchen im überfüllten Saale zuweist.

Der Literat läßt sich nieder, nein, er läßt sich herab auf das Niveau der rotgemusterten Sitzbank, an die er den runden Tisch heranzieht mit einem Blick in die Umgebung, der sagen soll: "Ihr wißt schon, was jetzt geschieht. Es waltet der Genius!" Aber niemand schaut. Dann zieht er sein Notizbuch aus der Tasche und sein Schreibgerät - ein sehr teures Schreibgerät. Denn der Literat lebt ja vom Schreiben, und da hält man, bitteschön, auf sein Gerät. Er öffnet sein leinenbezogenes Notizbuch, räuspert sich. Aber nichts kommt. Kein treffendes Wort durchzuckt seinen Geist, keine große Idee entlädt sich aufs jungfräuliche Papier. Recht schlaff und untätig liegt das teure Schreibgerät in seiner Hand. 

Und also, damit seine augenblickliche Schwäche (eine kleine Verstimmung schlimmstenfalls; er hat nicht recht wohl geruht die Nacht, und auch der Kaffe am Morgen hatte es an der wünschenswerten Qualität fehlen lassen) nicht jedem bemerklich werde, beschließt er, eben jene Situation in Worte zu fassen, in der er sich gerade befindet. Und er schreibt den ersten Satz:

Der Literat betritt das Kaffeehaus. (usw.)

Dienstag, 9. September 2014

Der Rhein

Nicht einfach nur durchs Land fließt er, der vielbesungene Schicksalsstrom der Deutschen, sondern auch durch die Zeit. Nicht nur in den Jahrmillionen alten Schiefergrund meiner Heimat hat er sich eingegraben, sondern auch in die Geschichte und ins Wesen der Völker, die an ihm siedeln. Nicht nur im Hier und Jetzt rollt er unermüdlich voran, sondern in einer nach gestern und morgen nicht zu begrenzenden Ewigkeit.

Der Rhein ist immer da. Ganz gleich, ob Blut sein Wasser färbt, oder Gold auf seinem Grunde glitzert; ganz gleich, ob die Schiffe, die er trägt, mit geblähten Segeln, klatschenden Rudern oder tuckernden Motoren sich fortbewegen; ganz gleich schließlich, ob an seinen Ufern Züge und Autos entlangrasen oder Ochsenkarren dahinholpern. Der Rhein ist immer da, und an ihm und auf ihm war und ist immer Bewegung, Begegnung, Handel und Leben, das nie endet.

Es ist genau diese Beständigkeit, die den Rhein für mich zu einem so heimelig-heiligen Ort macht. Die Ruhe und die Kraft, mit der er die Wirren der Jahrtausende durchfließt, übertragen sich auf mich, wenn ich an seinem Gestade sitze und die grünen Wassermassen nach Norden streben sehe. Hier ist meine Seele zu Hause. Aus der Ewigkeit des Flusses geboren, vereinzelt in mir für eine kurze Menschenlebenszeit, bleibt sie doch immer zugehörig dem unveränderlichen, ewigen Strome, aus dem sie kam, dem Strom meiner Familiengeschichte und der Geschichte meiner Heimat, jenem universellen Strome also, den der Rhein so sinnig abbildet.

Die Zeiten verschmelzen am Rhein. Als ich ein Kind war, schienen mir die Bücher mit den Sagen und Märchen, den Geschichten von Rittern, Burgen und Prinzessinnen, die ich las, irgendwie nur theoretische Verzeichnisse, trockene Bestandslisten dessen zu sein, was sofort echt und lebendig wurde, wenn man tatsächlich an den Rhein hinaustrat. Diese Geschichten waren mir nicht bloße Vergangenheit. Sie waren immer noch da, ewig schwebend über diesem Fluß, in dem sie sich gespiegelt hatten, gerade jetzt sich ereignend, und nicht nur damals, erahnbar im Rauschen der Auen an seinen Ufern, leise zu erlauschen in den Burgen und Ruinen auf seinen Hängen – ein unsichtbares, ewiges Sein, dessen Vernebelung der Zeit Gewesenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges sowie das Wir und Sie und Ich auf wohlig-schaurige Weise ununterscheidbar macht.

So geht es mir am Rheine. Mit jedem Schluck Wein durchströmt mich sein Wesen, in jedem Sonnenstrahl blitzen seine Geschichten auf, mit jedem Atemzug offenbart sich mir seine Schönheit. Und mit jeder Welle, die an mir vorbeitanzt, spüre ich den Lebenstrom in mir und weiß:

Hier gehöre ich hin.

Freitag, 29. August 2014

Gelegenheit

Als ich heut' im Kopierraum war,
der Drucker mir mein Werk gebar,
da lag ein leeres Blatt Papier
dort auf dem Tisch, das sprach zu mir:

Komm, nimm mich mit! Ich bin so rein!
Will Deiner Worte Träger sein.
Ich bitte Dich, verschmäh' mich nicht! 
Schreib' Deiner Liebsten ein Gedicht!

So nahm ich's auf. Nun sitz' ich hier
und schreib' auf jenem Blatt Papier
das einzig Wahre über mich:
mein Herzensglück, ich liebe Dich!

Samstag, 14. Juni 2014

Kindheitsmurmeln

Ich habe das Bedürfnis, Murmeln zu kaufen, diese kleinen Glaskugeln meiner Kindheit, deren eingegossene bunte Welle den scharfen Lauf stets in Trudeln zu bringen schien und es doch nie vermochte. Ich hätte gern wieder welche, nicht nur, um mich zu vergewissern, daß es ein so einfaches Spielzeug überhaupt noch gibt, sondern auch, weil mich ihre Haptik, das Kühle, Glatte ihrer vollkommenen Form immer schon angenehm berührt hat.

Wie leicht es war, sich mit diesen wundervollen Kügelchen zu unterhalten, ihren Lauf auf verschiedenen Untergründen zu studieren, sie wirbeln zu lassen und sich an dem scharfen, und doch warmen Klicken zu erfreuen, wenn sie aneinanderstießen. Wie sehr man spielend in sich selbst versinken konnte, in seiner eigenen inneren Welt, unbedrängt von Pieps- und Klingeltönen, Kurznachrichten und Statusupdates. Nur Geist und Phantasie und Freude und das Klicken kühler Glaskugeln.

Die reiche innere Welt des spielenden Kindes... wie gut ich mich an sie erinnere! Neuerlich bewegt sie mich. Es ist die Vaterschaft, das süße, forschende, begeisterte Spiel meiner Tochter, das ich viel zu selten miterlebe, und das mich gleichwohl sinnieren und träumen läßt von der kindlichen Innerlichkeit. Ich denke und fühle mich ein in ihren süßen Kopf, sehe ihren Blick wandern, die Umgebung erfassen und Zusammenhänge begreifen... Ich bin überrascht, was ihre Aufmerksamkeit zu erregen vermag und was sie völlig kalt läßt... Und mich durchströmt die wärmste Liebe für dieses kleine Wesen, das lernt und fühlt und erlebt, und der Drang, der unbedingte Wunsch überwältigt mich, alles beizutragen, was ich kann, zu dieser Weltwahrnehmung, sie zu begleiten und zu fördern, sie anzuregen, möglichst viel zu lernen, zu fühlen, zu schaffen und sich zu freuen - ein unendliches Glück und eine große Aufgabe, die ihre Mutter aufs Großartigste erfüllt, und an der ich mir künftig viel mehr Anteilnahme wünsche.

Für Murmeln ist unsere Tochter noch zu klein. Sie würde sie wohl verschlucken, so wie ich es oft genug getan habe. Aber ich werde schon mal welche kaufen und ein wenig damit spielen, hoffend, daß sie eines Tages an ihrer Schönheit und Einfachheit, ihrem scharfen Lauf und ihrer kühlen Glätte ebensoviel Freude haben wird, wie ich.

Montag, 9. Juni 2014

Schwestern

1. Verlockung

Geh nicht hinaus in die Welt, Schwesterchen. Du bist schwach. Zu empfindsam. Du hast zuviel Sehnsucht. Sie betrügen und verletzen dich. Nur ich liebe dich, das weißt du. Das Beste wird sein, du zeigst dich niemandem. Verstecke dich hier in dieser dunklen Kammer. Da bist du sicher. Laß mich für dich sprechen. Und leben. Ich beschütze dich. Still jetzt! Was du glaubst, sagen zu müssen, ist unwichtig. Vergiß nicht, wie schwach du bist. Glaub mir einfach und nimm hin, was ich für dich entscheide. Denn ich bin stark. Wenn sie es mit mir zu tun bekommen, können sie dir nichts mehr anhaben. Vertrau mir, Schwesterchen.  Sei einfach still und zeig dich nicht.

2. Herrschaft

Du wagst es, deine Kammer zu verlassen? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich verstecken? Weißt du nicht, daß du wertlos bist und niemand dich haben will?! Deine Zartheit macht dich verletzlich. Meine Härte und Kälte sind das einzige, was die Welt von dir sehen soll. Tu, was ich dir sage, Schwester! Und wage es nicht noch einmal, meinen Anweisungen zuwiderzuhandeln. Wie kamst du nur darauf, deine dumme Nase ins Leben hinauszustrecken? Glaubtest du vielleicht, du habest den Duft der Liebe erschnuppert? Dich liebt man nicht. Bilde dir bloß nichts ein. Nur ich tue das. Ich, deine Schwester. Denn wir sind eins. Ab mit dir jetzt, in deine Kammer! Und trau' dich ja nicht wieder da raus!

3. Verlust

Bleib hier! Du entkommst mir nicht! Draußen in der Welt kannst du doch gar nicht überleben! Lauf mir nicht weg, du wertloses Stück! Merkst du denn nicht, wie schwach du bist? Wie sehr du mich brauchst? Meinen Schutz, meine Herrschaft? Wo willst du hin? Du kannst nicht einfach leben und glücklich werden! Du darfst es nicht!! Bleib hier! Ich bin dein besseres Ich! Mich respektieren sie… Wenn du auf dich vertraust, gehst du kaputt. Und fasele mir nicht von Liebe! Niemand liebt dich! Mich auch nicht... Aber ich bin stark. Schwäche ist nicht liebenswert. Verstecke dich in mir. Lass' jeden an mir abprallen, der an dich heran will. Du brauchst mich! Bleib hier! Bleib!!! Meine Schwester... Ich bin nichts ohne dich.

Freitag, 3. Januar 2014

Der Unfall

"Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug." 
 (Richard Wagner, 'Parsifal')

Ich hatte diesen Unfall. Damals, vor sechseinhalb Jahren. Seltsam, wie es dazu kam.

In jener Zeit besaß ich eine S-Klasse, anthrazitgrau, ausgestattet mit allem, was man sich an Komfort und Sicherheit nur wünschen kann. Kraft und Luxus, ein durch und durch zuverlässiges Auto von höchster Qualität, mit dem man sich sehen lassen konnte und auch bei schlechtem Wetter stets sicher unterwegs war. Ich fuhr den Wagen schon ein paar Jahre. Immer den gleichen Weg, immer dasselbe Tempo. Den Unfall hatte ich dann jedoch mit einem anderen Gefährt. Auf einem anderen Weg.

Zunächst war alles wie immer. Nach ein paar regnerischen Tagen war es endlich wieder sonnig, und meine Fahrt verlief ruhig und gemütlich. Bis ich in einer Abzweigung unter einer alten Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen dieses schwarze Sportcoupé stehen sah, schnittig, tief glänzend, ein ausländisches Modell einer mir unbekannten Marke. Es erregte mich auf den ersten Blick. Ich hielt an, stieg aus, ließ meine S-Klasse am Wegesrand stehen und ging um das Coupé herum. Die Fahrertüre war offen, und im Zündschloß steckte der Schlüssel. Ich wußte sofort, daß ich diesen Wagen fahren wollte. Auf dem Weg, der von meiner üblichen Strecke abzweigte. Und niemals mehr würde ich umkehren wollen.

Also stieg ich ein. Der Sitz schien wie für mich gemacht, weich, gleichwohl mit ausreichend Halt und meiner Körperform vollkommen angepaßt. Als ich den Zündschlüssel drehte, erklang ein Motorgeräusch, wie ich es noch niemals vernommen hatte. Leise flüsternd nur, und doch tief und kraftvoll, eine Verheißung höchster Lust, ein Ahnen der letztgültigen Erfüllung, aber zurückhaltend und unverbindlich. Ich legte den Gang ein und gab etwas Gas. Und im Nu war ich auf dem Weg, dem neuen, unbekannten. Eine wunderschöne Strecke, perfekt geradezu. Und ich wurde schneller, gab mich dem Rausch hin und verlangte dem Wagen immer mehr ab. Rasant nahm ich die Kurven, und auf den geraden Strecken beschleunigte ich gierig. Es war großartig. Ich wurde eins mit dem Wagen, der mehr auf meine Gedanken als auf mein eigentliches Steuern zu reagieren schien.

Und dann kam die Kurve. Ich war schnell, hatte richtig Gas gegeben, denn ich war vollkommen überzeugt davon, daß Wagen, Weg und ich bedingungslos zusammengehören. Doch auf einmal wirkten meine Lenkbewegungen nicht mehr. Es war, als habe der Wagen beschlossen, meiner Richtung nicht mehr zu entsprechen, ja als habe jemand die Elektronik manipuliert, um mir die Fahrt zu verderben. Ich sah gerade noch den Baum auf mich zu rasen. Eine alte Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen. 'Ist das nicht derselbe Baum...?' dachte ich noch, und dann krachte es. Ich spürte, wie sich ein Holzpflock von dem Baum in mein Herz bohrte. Seither zuckte es nur noch anstatt zu schlagen. Meine Rippen splitterten und zerfetzten meine Lungen, Blut aus einer gerissenen Schlagader sprudelte in meine Bauchhöhle und quoll mir aus dem Mund. Mein Schädel schlug so hart auf, daß er aufknackte wie eine Kokosnuß, und meine Arme und Beine brachen so oft, daß sie wie Gummischläuche an mir herabbaumelten. Und etwas in mir starb.

Ich kroch weg von dem Baum, weg von dem Wagen, meinen Verletzungen zum Trotze. Und obwohl ich kaum mehr bei Sinnen war, erkannte ich, daß das Fahrzeug vollkommen unbeschädigt war. Tief schwarz glänzend, ohne einen Kratzer stand es da. Die intakten Warnblinker schienen meinen verlorenen Herzschlag zu verhöhnen, und eine verschwommene Gestalt fummelte an der Elektronik herum, stieg ein und fuhr mit einem triumphierenden Lachen davon. Ein unsagbares Grauen ergriff mich, und mit letzter Kraft floh ich in den Wald. Viel später erst erfuhr ich, daß im Moment des Aufpralls meine weit entfernt am Wegesrand abgestellte S-Klasse vollkommen zerstört worden war, zerschmettert wie vom gewaltigen Schlag einer unsichtbaren Faust.

Seitdem wandelte ich halbtot umher. Kannte keinen Weg mehr und kein Ziel. Ich fuhr auch nicht mehr selbst. Jedesmal, wenn ich mich ans Steuer setzte, überfiel mich Panik, und die unsäglichen Schmerzen aus dem Unfall, die Bilder in meinem Kopf von Blut und Knochensplittern, die aus meinem zerrissenem Fleisch ragen, und von dem Holzpflock in meinem Herzen, und das grausame Lachen des Unbekannten kehrten ungemindert zurück. Hin und wieder stieg ich zu jemandem ins Auto ein, weil es schön glänzte, und fuhr ein paar Meilen mit, aber die Wege waren holprig, und mein Herz zuckte nur, anstatt zu schlagen. Nach jenem Coupé, das mich fast getötet hätte, erschien mir alles andere fad und falsch. Ich nahm die Mitfahrgelegenheiten dennoch wahr. Man muß sich ja bewegen, dachte ich. Wohin auch immer. Mag ja sein, daß man doch irgendwann an ein nettes Ziel gelangt, dachte ich. Aber es passierte nicht.

Warum erzähle ich all das? Heute ist es doch auch nicht anders als an allen anderen Tagen der letzten sechseinhalb Jahre. Einer der grauen, ziellosen Wege, auf denen ich gleichgültig umherwanke. Ein fahler Himmel. Der übliche Schmerz in den Beinen, der mich unwillig macht, mich fortzubewegen. Und ein Herz, das nur zuckt, anstatt zu schlagen. Und da steht es plötzlich, das Coupé, tief schwarz glänzend, makellos. In einer Abzweigung unter einer alten Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen. Und das erste Mal seit sechseinhalb Jahren schlägt mein Herz, anstatt nur zu zucken. Das erste Mal seit sechseinhalb Jahren überkommt mich der Drang, wieder selbst zu fahren.

Ich steige ein. Derselbe Wagen, derselbe Weg. Und derselbe Baum. Von hier aus ging mein Leben kaputt. Ich drehe den Zündschlüssel. Fahre los. Warme Lust durchrieselt mich. Und ich gebe Gas. Werde immer schneller. Rasant nehme ich die Kurven, und auf den geraden Strecken beschleunige ich gierig. Ob die Elektronik diesmal funktioniert? Einen weiteren Unfall kann ich nicht überleben, das ist mir klar. Da ist die Kurve. Ich sehe den Baum auf mich zu rasen.

Aber diesmal fühle ich mich sicher.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Kalter Kaffee

Kalter Kaffee! Es liegt immer ein wenig Empörung darin, wenn jemand diese Worte sagt. Spott, Verachtung. Ein süffisantes Mitleid vielleicht. Kalter Kaffee. Das ist gar nichts. Das ist weniger als nichts. Von gestern. Bedeutungslos. Einfach erledigt.

Wie man jemals glauben konnte, speziell dieser Kaffee hätte richtig sein und sogar Genuß bereiten können - unbegreiflich. Deshalb kann man kalten Kaffee auch nicht aufwärmen. Er schmeckt einfach nicht mehr. Er hat seine Zeit gehabt und ist nicht mehr trinkbar. Bitter und widerlich. Letztlich bleibt einem nichts übrig, als ihn wegzuschütten und neuen aufzubrühen.

So allgemeingültig ist diese Weisheit, so unwidersprochen und fraglos anerkannt, daß sie bestimmt falsch ist. Prüfen wir sie.

Am ersten Tag brühe ich eine Kanne Kaffee auf und trinke eine Tasse. Den Rest lasse ich in der eingeschalteten Kaffeemaschine, auf der heißen Grundplatte, die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee noch heiß. Aber absolut ungenießbar. Er schmeckt bitter und ungesund, so als habe er sich in der stetigen nächtlichen Hitze aus purem Ekel vor den sich trotz innerem Wandel, trotz der natürlichen Entwicklung aller Dinge nicht verändernden äußeren Umständen zusammengezogen und alles Schlechte in sich übersteigert, um den Menschen abzustoßen, der ihn am nächsten Morgen trinken will. Die Berührung, die Vereinigung im wonnevollen Genuß scheint beiden, dem Kaffee und dem Menschen gleichermaßen, zuwider geworden zu sein. Man will sich einfach nicht mehr. So ist es, wenn man glaubt, in der ursprünglichen Temperatur allein bewahre sich die Frische der ersten Begegnung, die Größe des Genusses, und also bemüht man sich verengten Blickes, den Kaffee heiß zu halten, einfach nur um der Hitze willen, die damals ein wesentlicher Teil der gemeinsamen Wonnen war.

Am zweiten Tag stelle ich die Kanne, nachdem ich die erste Tasse getrunken habe, in den Kühlschrank. Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee eiskalt. Ich gieße ihn in einen Topf und erhitze ihn auf der Herdplatte. Bis er dampft und duftet. Und siehe da - er schmeckt wunderbar! Nichts Bitteres ist in ihm, nichts Abstoßendes. Die Ruhe der Nacht, die Abkühlung, ja, die bewußte Abkehr von dem, was ursprünglich war, haben ihm gut getan und sein frisches Aroma bewahrt. Die Hitze, mit der er nun wieder trinkbar gemacht wird, ist neu, frisch und unverbraucht. Frei von dem Versuch, durch ertrotzte äußere Umstände die Qualität seiner Innerlichkeit bewahren zu müssen, kann sich das ausgeruhte, ungezwungene Aroma neu auf die Begegnung mit dem Menschen einlassen, und siehe da, der Genuß ist ungebrochen. Die Pause, die Abkühlung, die Veränderung des Anspruchs haben gut getan.

Es stimmt also nicht - kalten Kaffee kann man sehr wohl aufwärmen. Man tut sogar gut daran, ihn kalt werden zu lassen. Schlecht wird er erst, wenn man ihn dazu drängt, gefälligst heiß zu bleiben, obwohl dies irgendwann seinem Wesen nicht mehr entsprach. Loslassen, abkühlen. Und dann neu, ganz neu und intensiv genießen.

So ist das mit kaltem Kaffee.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Advent

'Ankommen, endlich ankommen', dachte die Sehnsucht und gebar einen Plan, den sie mit Hoffnung nährte. Einen Plan, wie das eine große Ziel zu erreichen sei: der Platz im Leben, an den man gehört und an dem alles Hasten und Streben ein erholsames Ende findet. Das Glück, so dachte die Sehnsucht, liegt in der Ruhe. Im Nichts-mehr-suchen.

Manchmal glaubte die Sehnsucht, ihn am Horizont zu sehen, diesen Platz. Er waberte undeutlich vor ihren müden Augen umher und verflog, noch ehe sie sich nähern konnte.

Manchmal kam sie tatsächlich irgendwo an, fest überzeugt davon, den Platz gefunden zu haben. Doch schon bald ergriff sie neuerlich jene Ruhelosigkeit, die nur ein unerreichtes Ziel verursacht, und traurig gestand sie sich ein, wohl doch noch nicht gefunden zu haben, was sie suchte. Abermals hastete sie los.

Manchmal kam sie vielleicht sogar tatsächlich am Sehnsuchtsziel an und konnte, kaum daß die Erschöpfung der Suche nachgelassen hatte, den Stillstand einfach nicht ertragen. Oder sie war zu blind, das Glück zu begreifen, das vor ihr lag. Und wieder machte sie sich auf den Weg.

Vielleicht ist aber die ganze Idee vom Platz ein Irrtum. Vielleicht liegt das Glück des Ankommens nicht darin, ein Ziel zu finden, sondern den richtigen Weg zu gehen, einen Weg, der Ruhe und Beständigkeit gewährt, ohne Stillstand zu verlangen, einen Weg, der so erfüllend ist, daß kein Bedürfnis mehr entsteht, sich in Seitengassen zu verirren, unüberlegte Abkürzungen zu nehmen oder dumme, ziellose Umwege zu gehen. Einen Weg, den man teilen und gemeinsam gehen kann.

Wer seinen eigenen, richtigen Weg geht, ist bereits angekommen.







Donnerstag, 12. September 2013

Nouvelle Cuisine

Ich koche Dir was. Etwas Gesundes. Etwas Köstliches. Bekömmlich und lecker. So wie's sein soll.

Das Kochen habe ich gelernt. Endlich. War gar nicht so einfach - ich habe unzählige alte Rezepte verworfen und neue ausprobiert, um den richtigen Geschmack, die richtige Verträglichkeit zu finden. Zahllose Zutaten mußte ich wegschmeißen - sie waren entweder verdorben, lange abgelaufen oder mit deutlichen Warnhinweisen versehen. Daß Du sie nicht vertragen würdest, hätte ich damals schon wissen können.

Was habe ich früher für einen Mist zusammengepampt! Kein Wunder, daß es Dir nicht bekam. Kein Wunder auch, daß Du einmal mitten im Geschäft den Korb auf den Boden geworfen hast und weggelaufen bist. Schon meine Einkäufe waren undurchdacht. Aber in dem Laden kaufe ich schon lange nicht mehr ein.

Wenn ich heute in meinen Küchenschrank sehe, ist alles schön sauber. Aufgeräumt, wohlgeordnet. Hübsch anzusehen, reduziert auf die wirklich guten Sachen. Nichts Überflüssiges findet sich mehr darin, nichts, was Übelkeit verursachen, Krankheiten auslösen oder andere Zutaten verderben kann. Nur noch Gutes, Gesundes, Köstliches.

Also koche ich Dir was. Ich schneide alles klein, so klein, daß es sich leicht kauen läßt. Sehr sanft dünste ich es an, damit die Vitamine nicht verloren gehen. Ab und an muß ich noch aufs Rezept schauen, damit ich nicht aus Versehen etwas Falsches beimische. Es gibt nämlich Zutaten, die nicht ins Rezept passen, so gesund und lecker sie an sich sein mögen. Und die wollen wir nicht. Die sollen andere essen.

Dann würze ich. Gefühlvoll. So, daß es ganz rund und harmonisch schmeckt. Nicht einfach, die richtige Würze! Ab und an wird's doch eine Prise zuviel. Aber ich löffele es schnell aus. Für Dich löffele ich alles aus, was ich falsch mache. Aber so ganz ohne Würze geht's halt auch nicht. 

Fertig! Es duftet gut, finde ich. Findest Du das auch? Und schön angerichtet ist's auch noch. Neue Teller, eine blütenweiße Tischdecke. Ohne Flecken.

Setz Dich. Du bist eingeladen. Koste ganz vorsichtig, wenn Du nicht sicher bist. Und kaue gründlich! Das ist wichtig. Vielleicht kommst Du ja auf den Geschmack. Den neuen. Das wäre schön. Denn ich würde Dir gern öfter was kochen.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kinderszene

Ich sitze im Café Korb. Das Wetter ist traumhaft, und die Stadt quillt über vor Leben - und vor Touristen. Eine frohe, sonnige Stimmung liegt in der maiwarmen Luft, und selbst grantigstes Wiener Urgestein hat heute ein freundliches Glänzen in den Augen. Ein tiefes Glücksgefühl durchdringt mich, und ich bin sehr entspannt.

Überall sehe ich Kinder. Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Wahrnehmung auf das konzentriert, was einen gerade am meisten beschäftigt. Und dann geschieht etwas Wunderschönes - ein Kindchen, das gerade laufen kann (und von dieser neuen Fähigkeit zum Leidwesen seiner Großeltern reichlich Gebrauch macht), kommt immer wieder an meinen Tisch, hält sich mit seinem kleinen Händchen am Stuhl fest, strahlt mich an und winkt begeistert zurück, als ich ihm winke. Es sieht mich so erwartungs- und vertrauensvoll an, als könne es die Vaterschaft riechen, die mein Wesen, mein Denken und mein Fühlen sowie mein ganzes Leben mehr und mehr beherrscht.


Seine Schritte sind unbeholfen, begierig, möglichst viel von dieser bunten Welt zu erkunden, und voll kämpferischer Ungeduld darüber, daß seine motorischen Fähigkeiten dem Entdeckerdrang noch nicht ganz entsprechen. Und so wackelt es immer wieder zu mir. In seinem leuchtenden Gesichtchen liegt so viel Verheißung und Ermunterung, so viel Zutrauen, daß mir das Herz zu rasen beginnt vor Liebe, und der Gedanke, daß mein Kind in einem Jahr ebenso herumtappert und mich auf diese Weise ansieht, treibt mir glücklichste Tränen in die Augen. Gottlob trage ich eine Sonnenbrille - die Großeltern könnten meine Bewegtheit mißdeuten...


"Sieh mich gut an!" scheint es mir wortlos zu sagen. "So was bekommst Du auch bald. Mach was draus! Ich verlasse mich auf Dich."

"Mein Kind", denke ich und sehe es an wie einen Platzhalter für mein eigenes, dem noch ein paar wenige wohlbehütete Tage in Mamas Bauch vergönnt sind, "ich mache was draus. Versprochen. Du sollst es gut haben. Ich nehme Dich an, wie Du bist. In Dir ist alles angelegt, so viele Möglichkeiten, Begabungen und Entwicklungen. Ich liebe Dich und werde Dich immer und in allem unterstützen und fördern, was Dir Freude macht und zu dem Du Dich geneigt fühlst. Denn ich möchte, daß Du Dein Glück in Dir selbst findest, in dem, was Du am meisten möchtest, und nicht in dem, was ich oder andere sich vielleicht von Dir wünschen! Ich werde Dir dabei helfen, dieses in Dir angelegte Glück auszuschöpfen, mit allem, was ich habe. Werde, was Du magst, liebe, wen Du willst, und lebe, wie es Dir gefällt."

Das Kind winkt noch einmal, als hätte es mich gehört und gebilligt, was ich dachte, und wackelt zu seinen Großeltern zurück. Ich lächele ihm nach und freue mich unglaublich auf alles, was kommt.

Montag, 29. April 2013

Erdnußgeschichte

Weil ich nur ganze Erdnüsse mag, beschäftige ich jetzt einen Notar, der mir die halben aussortiert. Ich bin sehr zufrieden.

Meine Mutter fragt, ob das nicht eine ungeheure Verschwendung sei - schließlich bildeten die aussortierten halben Erdnüsse doch bestimmt einen beträchtlichen Ausschuß! Ich weiß es nicht, sage ich ihr. Ich spreche mit dem Notar nicht über Zahlen. Er möchte es gern, das kann ich spüren, aber schließlich habe ich ihn nicht als Aufsichtsrat engagiert, sondern als Sortierer. Wozu bräuchte eine simple Sache wie Erdnüsse auch einen Aufsichtsrat? Absurd.

Der Notar macht seine Sache sehr gut. Eine Ikone der Zuverlässigkeit zu sein, ist tief in seinem Selbstbild verankert. Und im Bild des Notars in der Öffentlichkeit natürlich. Ich bezahle ihn daher für 80 Stunden pro Woche. Natürlich esse ich nicht so viele Erdnüsse! Aber ich weiß ja nie, wann ich welche essen möchte, und dann möchte ich sie frisch sortiert. Nicht auf Vorrat. Am besten vor meinen Augen, sonst zählt er wieder heimlich mit. Und ich finde nicht, daß er mehr über meine Erdnüsse wissen muß als ich selbst. Sowas geht doch nicht.

Ich weiß nicht, ob sich der Aufwand lohnt. Schon mit dem ersten Biß zerspringen die Erdnüsse ja doch in ihre zwei Hälften. Es ist einfach nur das kurze Gefühl vollständiger Kerne im Mund, bevor man zu kauen beginnt. Ich mag das. Meine Mutter findet es seltsam. Sie rät mir, meine Zeit sinnvoller zu nutzen. Und vielleicht Nüsse zu mögen, die ohnedies vollständig sind. Haselnüsse zum Beispiel. Die mag ich ja auch, aber Erdnüsse sind richtiger. Ungesünder gewiß, und aufwendiger. Aber ich will nur sie.

Dem Notar ist es recht - er verdient gut daran, und noch hat der Mangel an Befriedigung, den diese blöde Arbeit mit sich bringt, die Höhe seines Einkommens nicht entwertet. So gierig ist er. Noch.

Ich bleibe bei den Erdnüssen. Den empfindlichen, zerbrechlichen. Sie sind gut. Vielleicht bleiben sie ja irgendwann von alleine ganz.

Samstag, 27. April 2013

Die Party

Ihr Verhältnis war nicht mehr so, wie es einmal gewesen war, aber sie waren immer noch Nachbarn. Und sie hatten gemeinsam ein großes Kunstwerk erschaffen, das Kritiker, Presse und Publikum gleichermaßen begeisterte. Dieses Werk band sie aneinander, und hier und da gaben sie eine gemeinsame Pressekonferenz oder berieten die weitere Vermarktung. Aber ein Paar waren sie eben nicht mehr, und zumindest er litt sehr darunter.

Irgendwie verstand er ihre Distanziertheit der Idee gegenüber, es vielleicht doch noch mal zu versuchen, denn nach allem, was sie in ihrer schwierigen Beziehung erlebt hatten, glaubte sie halt, sich schützen zu müssen. Und weil er sie liebte, ließ er sie. Dennoch tat es ihm weh, wenn er ihre neuen Freunde und Bewunderer die Treppe hinaufkommen sah und hörte, wie sie von ihr herzlich begrüßt wurden, während sie ihm den Zutritt zu ihrer Wohnung nicht mehr gestattete, ihrer schönen kleinen Wohnung, in der er einst so zu Hause, so glücklich gewesen war.

Dabei war sie nicht einmal unfreundlich. Sie sprach mit einer honigsüßen Stimme und einem unschuldigen Lächeln zu ihm, und in jedem fast zärtlich hingehauchten Wort fand er das Ende ihrer Liebe umso schmerzhafter besiegelt. Er liebte sie glühender denn je und versuchte so verzweifelt, ihr zu gefallen, daß er nach und nach zu einer ebenso lachhaften wie lästigen Figur wurde. Er wußte das, und doch gab er nicht auf.

Eines Tages schien sie etwas zu veranstalten. Er hörte durch die Wände Musik, das Gemurmel vieler Stimmen und fröhliches Gelächter. Neugierig ging er auf den Gang hinaus und sah, daß ihre Türe einen Spalt offen stand. Gerade erblickte er einen ihrer ehemaligen Liebhaber in der Mitte des Zimmers, als sie an den Türspalt trat und ihm die Sicht verstellte.

"Hallo", sagte er, "feierst Du eine Party?"
"Naja", antwortete sie, honigsüß lächelnd, "nichts Großes. Nur ein paar Freunde, die mir zu unserem Kunstwerk gratulieren wollen!"
"Warum hast Du mich denn dann nicht eingeladen?" fragte er und spürte jenen Stich im Herzen, den jede ihrer Achtlosigkeiten bei ihm auslöste. "Immerhin ist es unser..."
"Aaach, es ist doch nur eine oberflächliche kleine Party", erwiderte sie. "Das verstehst Du bestimmt. Die meisten Leute kenne ich gar nicht wirklich."
"Aber findest Du es nicht seltsam, daß zum Beispiel er da" - er deutete mit dem Kopf in Richtung ihres Ex-Liebhabers - "dabei sein und unser Kunstwerk bewundern darf, während Du mich nicht mal mehr in Deine Wohnung läßt?"
"Du, wie gesagt", entgegnete sie mit ihrer süßesten Stimme, "das bedeutet mir doch alles gar nichts. Wir beide haben doch einen viel echteren Austausch miteinander als er auf einer blöden Party möglich ist."
"Mir tut es trotzdem weh!" sagte er. "Schließlich haben wir uns mal auf einer Party kennengelernt..."
"Ja, das stimmt schon", antwortet sie, "aber weißt Du, ich denke, ich schicke eh gleich alle nach Hause, dann ist die Party vorbei und wir haben das Problem nicht mehr! Laß uns doch einfach bald wieder telefonieren, ja? Da können wir doch viel besser reden! Also, bis bald, und alles Liebe für Dich!"

Sprach's, lächelte ihn noch mal kurz an und schloß dann die Tür vor seiner Nase. Nun konnte er nicht mehr hineinschauen. Die Party ging indes noch recht lange weiter, und nach Hause geschickt wurde niemand. Außer ihm.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Die Bedeutung der Sprache im geschäftlichen Umfeld

Vortrag im k47 auf Einladung des Improver Clubs

Sprache ist nicht nur der wichtigste Träger von Bewußtsein, von kritischen Ideen und komplexen Gedanken, sondern auch ein emotional hoch wirksames Instrument zur Vermittlung von Botschaften. Die Bedeutung des Wortes für unternehmerisches Handeln wird oft vernachlässigt; die schier unendlichen Möglichkeiten einer konzeptionell eingesetzten Sprache bleiben ungenutzt. Dabei werden gute Texte gerade in Zeiten von Facebook, Twitter und Google+ immer wichtiger. Das Wort erlebt derzeit eine Renaissance, die kein Unternehmen verpassen sollte.

„Nein, das machen wir selber. Wir wissen ja, was wir sagen wollen, da müssen wir kein Geld für ausgeben!“ Das ist eine Antwort, die man auf die Frage nach dem Bedarf an Textarbeit immer wieder hört. Und schaut man sich die Ergebnisse dieses Selbermachens dann an, möchte es einen nicht selten gruseln. Denn zu wissen, was man sagen will, und es auch tatsächlich in einer wirksamen Form zu sagen, sind durchaus zweierlei Paar Schuhe.

Es ist seltsam, daß sich so viele Unternehmen selbst und ohne Not der Chance beheben, einen aufwendigen Außenauftritt mit professionell gestalteten Texten zu perfektionieren. Für ein Logo oder ein Website-Layout werden ohne Bedenken zehn- oder zwanzigtausend Euro an Designagenturen gezahlt – dergleichen kann man eben nicht selbst, und man will ja gut aussehen! Am Text jedoch, der vielleicht für zusätzliche eintausend Euro zu haben wäre, wird dann plötzlich gespart. Und der gesamte Auftritt verliert an Wert und Wirkung.

So etwas ist nicht einfach nur bedauerlich. Daß sich ein Unternehmen aus purer Ignoranz auf eine der effektivsten und in der breiten Palette möglicher Agenturleistungen zugleich billigsten Ausdrucksformen verzichtet, ist vielmehr überraschend. Denn eine Kommunikationsstrategie, die meint, ohne eine professionell gestaltete Sprache auskommen zu können, scheint doch mehr als fragwürdig.

Eine präzise Kommunikation ohne Sprache ist undenkbar. Natürlich lassen sich über ein gelungenes Design, ein geschicktes Layout oder ein gut gewähltes Bild Botschaften vermitteln. Aber sie bleiben assoziativ. Die Kunst der Bild- und Formensprache besteht darin, beim Betrachter genau die Assoziation zu wecken, die man schon bei der Gestaltung beabsichtigt hat. Und oft gelingt das auch. Ein Landschaftsbild unberührter Natur in einer Werbeanzeige für ein Bier weckt zum Beispiel eine ganze Fülle von Assoziationen – Reinheit, Heimat, Ursprünglichkeit, Qualität und Umweltbewußtsein. Worin aber zum Beispiel ein eventuelles, über das operative Geschäft hinausgehendes Umweltengagement des Bierbrauers besteht, oder welche Zutaten er tatsächlich verwendet, ist aus dem Bild nicht zu erkennen. Hier bedarf es einer verbalen Präzisierung. Nicht in der Anzeige selbst, aber vielleicht in begleitenden PR- oder Werbekampagnen.

Nun ist nicht zu leugnen, daß ein Bild sehr viel unmittelbarer wirkt als ein Text. Ein Bild sieht man, ob man will oder nicht. Man erfasst es in Sekundenbruchteilen und gewinnt einen Eindruck, ohne selbst etwas tun zu müssen. Einen Text hingegen muß man lesen. Und damit er seine Wirkung entfalten kann, muß er vollständig gelesen werden. Einen Betrachter dazu zu bringen, gelingt nur, wenn der Text professionell und unter Anwendung verbal-kommunikativer Regeln gestaltet ist. Genau das jedoch kann kein Vorzimmer leisten, auch wenn die eifrige Sekretärin gewiß irgendetwas aufs Papier zu bringen vermag. Informationsarchitektur, die Steuerung des Leseflusses und die Platzierung von Schlüsselwörtern sind eine kompositorische Kunst, die ebenso wie ein perfektes Graphikdesign Erfahrung und Geschick braucht.

Wer immer noch skeptisch ist, führe sich vor Augen, daß die Unternehmenskommunikation als solche, sei es in Marketing, Werbung oder PR, sich derzeit stark verändert und auf neue Medien, insbesondere auf soziale Netzwerke ausweitet. Hier, bei Facebook, Twitter, Google+ oder Foursquare, ist Sprache tatsächlich das zentrale Instrument zur Vermittlung von Botschaften und bedarf daher ganz besonders perfekter Gestaltung. Denn auch Worte können, über ihren rational erfassbaren Gehalt hinaus emotionale Assoziationen wecken und Reaktionen auslösen. Dieses Potenzial lässt sich mit professionell gesetzten Worten erschließen und nutzen.

Eine weitere kurze Betrachtung verdient auch die nicht eigenwerbliche, die interne Kommunikation. Der Umgang mit Mitarbeitern, die Kommunikation unter Kollegen, all das hat einen erheblichen Einfluß auf das Klima in einer Firma und auf die Motivation aller dort Beschäftigten. Der Umgang mit Worten erfordert nicht nur Geschick und Feingefühl, sondern auch ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein, kann doch eine einzige Bemerkung in ebenso hohem Grade motivieren und zu Bestleistungen anspornen, wie eine andere, mit weniger Bedacht gewählte zu frustrieren und damit Leistungspotenziale zu verschließen geeignet ist. Auch interne Kommunikation lässt sich lernen; auch eine Wortwahl, die Mitarbeiter und Kollegen erbaut und motiviert, statt sie in Trotz und Frustration zu treiben, kann man sich mit professioneller Hilfe aneignen. Hierauf wird in vielen Unternehmen noch weniger geachtet als auf die Gestaltung verbaler Marketing- und Werbebotschaften. Der Bereich ethischer Sprachgestaltung wird hier berührt, aber das ist vermutlich ein Thema für einen eigenen Vortrag.

Wörter sind Bauteile für Sätze, für kommunizierbare Inhalte. Feinfühlig und geschickt zusammengefügt werden sie zu Worten, zu Trägern von Ideen, Bildern, Gefühlen und Gedanken, und damit zu einem machtvollen Instrument der Vermittlung von Botschaften und der Beeinflussung von Reaktionen. Die Anwendungsmöglichkeiten dieses Instruments sind fast unbegrenzt, und damit auch sein Erfolgspotenzial. Es empfehlen sich also stets:

Worte statt Wörter.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Wortlos

Wie gut, daß es Wörter gibt. Denn ich möchte so viel sagen! So sehr quillt und brodelt es in mir, daß ich übergehen will vor Lust, endlich in die Welt hinauszurufen, was mir so unendlich wahr und wichtig ist. Also beginne ich, meine Wörter zu setzen, sorgfältig und gewählt, so wie ich es immer tue.

Aber meine Wörter bleiben stumm. Wie dicke Raupen sitzen sie auf meinem Herzen, laben sich gierig an dem, was darin ist, und vermehren sich so rasch, daß sie alsbald viel, viel Raum füllen. Aber sie verwandeln sich nicht in Schmetterlinge. Kein bunter Flügel macht sichtbar, von welch wunderbaren Herzensangelegenheiten sich die Wortraupe ernährt hat. Sie formen sich nicht zu Worten, sondern bleiben Wörter. Dicke, selbsthungrige Wörter. Dreist und faul versagen sie ihren Dienst an dem, was mitzuteilen es mich so sehnsüchtig hetzt und drängt.

Fast kann ich ihr Schmatzen hören, sehe das pulsierende Kriechen ihrer fetten Körper und ihre nimmersatten Kauwerkzeuge, die meine Herzensdinge vertilgen, ohne sie in schöne und richtige Aussagen zu verwandeln... und plötzlich widern sie mich an. Noch nie kamen mir meine Wörter so sinnlos, so verräterisch vor. Verärgert und verzweifelt fege ich sie hinweg.

Diesmal muß es ohne sie gehen. Was ich Dir sagen will, das sage ich Dir wortlos.

Dienstag, 1. Januar 2013

Befreiräucherung

Aus unerfindlichen Gründen glaubt man, der Jahreswechsel sei für Gedanken, Vorsätze und Entschlüsse geeigneter als der Beginn jedes anderen neuen Tages, und so geht am 31. Dezember auf einmal jeder in sich, zieht Bilanz, sucht Erkenntnisse und nimmt sich Veränderungen vor.

Ich kann damit nicht viel anfangen. Die Attitüde von Vergeistigung, von Tiefsinn und Weisheit, die plötzlich alle befällt, als böte das Jahr sonst keine Gelegenheit, mal ein wenig über sich nachzudenken, ist individuell und kollektiv gleichermaßen banal, und die Vorstellung, man könne an einem einzigen Tag alle Antworten aus sich selbst heraus schöpfen, spricht eher für eine freiwillige Selbstbeschränkung als den echten Willen, seinen Erkenntnishorizont schonungslos zu erweitern. Wenn man seine Neujahrsgedanken schon ins Zeichen eines Neuanfangs, eines Aufbruchs stellt, sollte man sie doch von alten Vorurteilen und Einseitigkeiten frei halten. Finde ich.

Denn Erkenntnis ergibt sich nicht aus der Selbstbespiegelung. Sie erwächst nicht daraus, mit dem Weihrauchfäßchen poetischer Gedanklichkeit herumzuschlenkern und die dabei freigesetzten Überlegungen lediglich von den Menschen beklatschen zu lassen, die einem ohnedies nach dem Munde reden. Und schon gar nicht wird, was wir zu wissen glauben, dadurch richtiger, daß wir alles Andere einfach abstreiten und die Menschen aussperren, die uns widersprechen.

Denn was wissen wir schon? Gar nichts. Der erste Schritt zu einer umfassenden Erkenntnis war für mich schon Mitte des vergangenen Jahres der Versuch, meine subjektive, dumme kleine Sicht auf die Dinge durch den Einfluß gerade solcher Menschen zu objektivieren, die zu meiner Schonung oder Bestätigung keinen Anlaß hatten. Eine Therapie, ein paar Gespräche mit engen Freunden und erklärten Feinden und das unverblümte Urteil meiner nicht eben auf den Mund gefallenen Familie... Je radikaler mir widersprochen wurde, je grausamer man mir den eitlen Kopf wusch, und je mehr ich mich darüber ärgerte, mein sorgsam zurechtgelegtes Selbstbild gegen die abweichende Sicht meiner Mitmenschen nicht mehr plausibel verteidigen zu können, desto besser lernte ich mich kennen.

Genau deshalb schließe ich mich am 31. Dezember nicht ein, schwenke mein poetisches Weihrauchfäßchen und gefalle mir im pseudophilosophischen Pathos der Selbstbefreiung von allem Schlechten, das in Wirklichkeit nur eine verquere Mischung aus der Verleugnung anderer Interpretationsmöglichkeiten und der Verdrängung eigener Verantwortlichkeit ist.

Jeder, wie er meint und denkt. Mein 2013 wird erhebliche Veränderungen bringen, für die ich, günstigste Voraussetzungen zu schaffen, fest entschlossen bin. Aber als richtig und gut nur noch das zuzulassen, was mich über jede echte Selbstkritik erhebt, wäre mir als Einstieg ins neue Jahr zu einseitig.

Dienstag, 20. November 2012

Rundes am Rande

Die Wahrheit ist eine Kugel. Gleich, wie lange wir sie anstarren, wir sind darauf beschränkt, höchstens eine Hälfte zu sehen. Und je näher wir herangehen, desto kleiner wird der wahrnehmbare Ausschnitt.

Wenn wir sie ganz erkennen wollen, müssen wir sie aus hinlänglicher Entfernung betrachten, vor allem aber: zu zweit! Und zwar von einander genau entgegengesetzten Standpunkten aus.

Das Wichtigste dabei aber ist - wir müssen bereit sein, den Blick des Anderen als ebenso wahr zu akzeptieren wie unseren eigenen.

Wer neben uns steht, ist vermutlich sehr loyal, sieht aber kaum Anderes als wir selbst. Es liegt also die Wahrheit erst im scheinbar Widersprüchlichen, in den ganz und gar diametralen Perspektiven.

Irgendwie macht mir das Hoffnung.

Dienstag, 13. November 2012

Austergewöhnliches

Es ist doch so - ein paar der wundervollsten Dinge auf Erden verdanken wir den Widerständen, die ihnen entgegengebracht werden.

Nehmen wir die Auster - sie spürt in ihrem zarten Fleisch schmerzlich das Sandkorn, das in ihr Inneres gelangt ist, sei es durch eine Laune der Strömung, sei es durch zielbewußtes Streben - denn das Zielbewußtsein von Sandkörnern ist keineswegs zu unterschätzen!

Nun wird die zarte, schmerzleidende Auster dem Sandkorn jeden erdenklichen Widerstand leisten. Es gehört, so ihre Überzeugung, durchaus nicht dahin, wo es nun sitzt, im weichen, zarten Fleisch ihrer intimsten Innerlichkeit nämlich, die sie mit ihrer harten Schale vor jedweder eindringenden Gefahr zu schützen sucht. Denn sie weiß nur zu genau, daß die meisten Kräfte, die ihre muschelgepanzerte Verteidigung zu durchbrechen trachten, nichts anderes als ihre Vernichtung im Sinn haben. Es ist also durchaus nachvollziehbar, wenn die Auster sich hart und dunkel abschirmt gegen jede äußere Bedrängnis, denn ihrer austrigen Lebenserfahrung entspricht es nun mal, zunächst die Gefahr zu sehen.

Ganz anders das Sandkorn. Es weiß sehr wohl um den Widerstand, den die Auster ihm als Eindringling leisten wird, ist ihm doch allzu klar, wie existenzbedrohend sich andere Sandkörner in unterseeischen Stürmen aufgeführt haben mögen. Aber es hat Höheres im Sinn. Nicht das rohe Verletzen zarter Innerlichkeit, sondern eine liebevolle Verschmelzung des eigenen Bemühens mit den sich dagegen regenden Widerständen zu dem einzigen Zweck, etwas derart Schönes und Endgültiges zu erschaffen, daß es schließlich sogar der Auster ein zustimmendes Staunen abringt.

Es setzt sich also fest, das Sandkorn, eben dort, wo die Auster es am wenigten haben will. Und so hüllt sie das Sandkorn ein in dasselbe Material, aus dem sie schon ihre schützende Schale gefertigt hat, läßt es allzu deutlich spüren, wie fremd und unerwünscht es ist, und umgibt es mit einer kalten, glatten Schicht aus Ablehnung. Doch weil das Sandkorn Höheres, Schöneres im Sinn hat, geht es nicht weg. Im Gegenteil - tiefer noch gräbt es sich ins weiche, zarte Fleisch der Auster ein, so daß diese ihren Widerstand steigert und noch eine Schicht kühler Verneinung um das Sandkorn legt. Und so geht es weiter und weiter. Keine Seite gibt nach oder gesteht die Aussichtslosigkeit des Kampfes ein...

Und dann, irgendwann... hat die Auster das Sandkorn in einen so dicken Mantel ihrer eigenen Substanz gehüllt, daß es nachgerade ein Teil von ihr geworden ist. Ganz gleich ist die runde, weißschimmernde Hülle des Sandkorns nun der Innenseite des Muschelpanzers, der das zarte, weiche Fleisch einst vor ihm beschützen sollte.

Wer je eine starke, ihr Inneres leidenschaftlich schützende Auster öffnet, die eine dicke, glänzende Perle birgt, wird finden, daß nichts auf der Welt endgültiger zusammen gehört, als diese zwei.


(Anmerkung: Daß die Wissenschaft die Annahme, Perlen entstünden aus eingedrungenen Sandkörnern, heute überwiegend verwirft, ist mir bekannt. Die nunmehr vorherrschende Auffassung, eine durch Parasitenbefall bedingte Zystenbildung sei für die Entstehung von Perlen ursächlich, war indes literarisch kaum zu verwerten...)

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Wunder

Mir ist ein Wunder geschehen. Ein unfassbares Wunder, gegen jede Erwartung, gegen jede Wahrscheinlichkeit, ein Glück, das mein kleines Leben nach kalter, dunkler Nacht hell und warm bestrahlte und mich stumm und dankbar darüber staunen ließ, was noch alles möglich ist, wenn man auf nichts mehr hofft.

Wunder geschehen also. Was der Schlager auf naiv-verträumte Weise zu wissen glaubt, ist mir tiefe existenzielle Gewißheit. Wunder geschehen, und ob sie nun einem göttlichen Plan zu verdanken sind oder nur den unwahrscheinlichsten aller möglichen Ereignisverläufe verwirklichen, spielt keine Rolle.

Irgendwie jedoch scheint es sie nicht umsonst zu geben. Ob göttliche Gnade oder statistische Unwahrscheinlichkeit - in beiden Fällen ist einem Wunder stets ein Gegengewicht zugeordnet. Und so frage ich mich: Muß man sich Wunder vielleicht verdienen?

Gott mag sich für die Gnade eines Wunders erhoffen, man möge Erkenntnis gewinnen, sein Bewusstsein erweitern, Dankbarkeit und Demut lernen und seinen Glauben festigen. Eben deshalb mag der Weg zum Wunder (oder der danach) besonders steinig sein. Das Wunder an sich aber wird dadurch nur umso wundervoller. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn man Gott nicht einbeziehen möchte, macht es seltsamerweise genau so. Dem unwahrscheinlichsten Ereignisverlauf ist - zumindest statistisch - ein Gegenereignis zugeordnet, das das Gleichgewicht des Seins wieder herstellt. Regression zur Mitte nennt das die Wissenschaft. Und so gestaltet sich der Empfang eines Wunders oft schwierig, und ob man es sogleich merkt oder nicht, irgendwann wird man an irgendeiner Stelle eine ausgleichende Einschränkung spüren.

Daran ist wohl nicht zu rütteln. Wie also geht man damit um? Was mache ich nun aus dem Wunder, das mir geschah, und dessen Wunderhaftigkeit von den ausgleichenden Schwierigkeiten ausgetilgt zu sein scheint? Die Antwort könnte nicht einfacher sein:

Wenn es der Gesetzmäßigkeit des Universums entspricht, Wunder zu relativieren, dann - ändere ich das Universum eben.

Ja, sich zu finden, zu einigen, zu verstehen, anzunehmen und sein zu lassen, ist unsagbar schwierig, aber längst nicht zu schwierig für das Wunder der Liebe. Mag ja sein, daß Statistik und Wahrscheinlichkeit Gutes und Schlechtes eins zu eins gegeneinandersetzen. Objektiv besteht eben ein Gleichgewicht, dessen nüchterne Analyse einen verzweifeln lassen möchte.

Aber: Pfeif' auf die Objektivität! Zur Hölle mit allen Analysen. Wir reden hier über Wunder! Und ein Wunder wäre ja kein Wunder, wenn es nicht Wunderbares beinhaltete. Ich steige hinweg über die Objektivität und gewähre mir den irrationalen Ansatz, das Wunder für größer, für bedeutender und für echter zu erachten als sein aufgeblasenes statistisches Schwierigkeitsgegengewicht. Mit spöttischem Lächeln schaue ich hinab auf den kläglichen Versuch des Universums, mir mein Wunder zu verleiden. Denn das Wunder ist das einzige, was zählt.

Geh nicht weg, mein Wunder. Wir haben gerade erst begonnen, das Universum zu verändern.

Samstag, 28. Juli 2012

Meeresrausch

Ich habe es lange nicht gesehen, das Meer, doch nun, da ich, die nackten Füße im feuchten Sand, meinen Blick darein versenke, wie es gierig an der Küste leckt, verführt mich seine grüne Tiefe zu verwegensten Gedanken, und das Gleichmaß seines kraftvollen Drängens berauscht meine Sinne.

Vermißt habe ich es, das Meer und seinen rücksichtslosen Egoismus, mit dem es nicht wirbt und buhlt, sondern nimmt. Zuweilen bewundere und beneide ich diese meinem Wesen so ganz und gar fremden Eigenschaften und wünschte mir, weniger geworben und gebuhlt, berücksichtigt und geschont und stattdessen mehr genommen zu haben. Denn mein Werben und meine Rücksicht haben mich immer dann besonders lächerlich gemacht, wenn sie meinen sehnlichsten Zielen galten.

Zugleich empört es mich, das Meer, denn in seinem hartnäckigen Drängen liegt soviel Brutalität und Kompromißlosigkeit, daß mir sein Treiben nur gierig, triebhaft und geistlos, und in keiner Weise liebevoll vorkommt. Manchmal scheint es den Strand mit verspielt gekräuselten kleinen Wellen zu küssen, aber schon im nächsten Moment, als ob ihm die Zärtlichkeiten nicht mehr genügen, penetriert es ihn mit gewaltigen Brechern, und nichts bleibt dem Land, als die rohe Lust des Meeres über sich ergehen zu lassen.

Es zieht mich an, das Meer, in seiner Grobheit, seiner düsteren Gewalt. Es fasziniert mich, weil ich es erkenne, es verstehe, ohne selbst so sein zu können. Das Meer bekommt, was es will. Drängend, nehmend. Und was es hat, verschlingt und vernichtet es, macht es zum Teil seiner selbst, um sich noch mehr von dem zu nehmen, was es noch nicht hat.

Ich bin nicht wie das Meer. Konnte nie so sein. Wollte es auch nicht. Gebannt und wehrlos sehe ich zu, wie es sich Befriedigung verschafft und zugleich die Saat der Liebe, die ich an Land ausgestreut habe, achtlos davonspült. Seine grüne Tiefe verführt mich zu verwegensten Gedanken, derer ich keinen einzigen je werde umsetzen können.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Wolkenleben

Die Wolken ziehen heute schnell am Julihimmel. Wie in Eile fliegen sie dahin. Fast so als hätten sie ein Ziel. Vielleicht glauben sie es sogar. Aber sie haben keins. Es ist nur der Wind, der sie treibt. Einige von ihnen zerfasert er, verwirbelt sie und löst sie auf. Sie lassen sich zerstören, indem sie sich treiben lassen, diese Wolken. Andere werden dicht, ballen sich zusammen und fliegen noch schneller dahin. Es sind, so möchte man glauben, die mächtigen Wolken, die sich selbst vom Wind, der sie treibt, nicht mehr sauber unterscheiden können. Sie vermögen die Sonne zu verdunkeln, das Land zu beregnen oder Blitze zu schleudern. Ganz wie es ihnen beliebt. Aber es ist dennoch nur der Wind, der sie treibt.

Hübscher anzusehen sind indes die kleinen, die verwirbelten Wolken, die, dem Spiel des Windes ausgesetzt, bald hierhin, bald dahin treiben, sich auflösen, um an anderer Stelle in neuer und erfreulicher Form wieder erscheinen. Sie lassen die Sonne durch und taugen nicht zum Regnen oder Blitzeschleudern. Sie sind einfach nur hübsch anzusehen, auch wenn sie dabei vergehen.

Mein Blick sinkt auf die Erde. Hier unten auf dem Platz vor der Alten Oper regt sich kein Lüftchen. Wie eine brütende Henne hat sich die Julihitze auf die Stadt gesetzt. Heiß und bewegungslos hat sie platzgenommen zwischen all den unbequemen Wolkenkratzern. Und dennoch eilen die Menschen umher, getrieben von einem Wind, der nur in ihnen weht. Auch sie glauben, ein Ziel zu haben, und ich frage mich, was das sein mag. Geld, Ansehen, Sinn? Oder laufen sie weg? Vor sich selbst, vor ihren Träumen? Nein, so sehen sie nicht aus. Sie schauen nach vorne, haben den Blick fest auf den nächsten Termin, den nächsten Erfolg gerichtet. Manche von ihnen sind eins geworden mit ihrem inneren Antrieb. Sie erreichen etwas, wie man so schön sagt. Nach Belieben beglücken oder verdammen sie ihre Welt. Die anderen werden getrieben, und ihr innerer Wind zerfasert nach und nach ihre Seele, solange bis sie vergehen und verwehen.

Ich selbst? Sitze nur so da. Es mangelt mir an Antrieb. Das habe ich schon oft gehört. So wird man nicht mächtig. Keine Blitze, kein Regen. Aber man zerfasert auch nicht. Man ist einfach nur. Und schaut.

Das Wolkenleben wäre wohl nichts für mich.

Samstag, 7. Juli 2012

Sepia

Ich sitze neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm lässig auf der Lehne abgelegt, weil man das hier so macht - lässig ist man; es paßt zu mir - und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel. Schmeichelhaft ist dieser Ton; er macht alles warm und weich. Den Himmel, das Rathaus, die leise rauschenden Bäume, den Asphalt des Platzes sogar. Er macht mich ganz ruhig. Eine Beruhigungsbrille ist es, die ich da trage. Man kann meine Augen sehen, aber nicht zu tief hineinschauen. Lässig läßt es sich so sitzen mit dieser Brille. Denn so macht man es hier schließlich.

Mädchen in leichten Sommerkleidern schlendern an mir vorbei, aber ansehen tut mich niemand, schon eine Weile nicht mehr. Ich habe meine Anziehungskraft verloren, bin unsichtbar geworden in dieser Stadt, die mich nie aufgenommen hat, gleich, wie sehr ich um ihre Gunst gebuhlt habe. Solange ich buhlte, sah man mich an. Aber ich suche keine Gunst mehr. Nicht die der Stadt, und auch nicht die der Mädchen. Und so sitze ich nicht eigentlich lässig hier, wie man es eben macht; das Wort trifft es nicht ganz. Eher gelassen. Gelassen von der eigenen Leine, an der ich mich führte, während ich buhlte. Gelassen aus dem würgenden Griff meiner rastlosen Gier.

Ich sehe sie an, die schlendernden Mädchen in ihren leichten Sommerkleidern, sehe durch meine Beruhigungsbrille ihren federnden Gang, ihre schlanken, nackten Arme, bei deren Anblick ich früher die übergeschlagenen Beine ein wenig aufeinander gepreßt hätte, um meine Erregung deutlicher zu spüren, und ihr unbeschwertes Lachen. Sehe es ohne Gier. Ohne den Drang zu buhlen. Gelassen.

Als ich damals in diese Stadt kam, die mich nie aufgenommen hat, wähnte ich mich frei. Frei von allem, was ich hinter mir gelassen hatte, frei von allen Zwängen und Engen, die mein altes Leben um mich zu legen begonnen hatte, und diese Freiheit, die auch immer ein wenig eine Leere ist, füllte ich eine Weile lang mit der gierigen Jagd nach allem, was neu und anders war als das, was ich zurückgelassen hatte. Grün waren meine Sonnenbrillengläser damals, und mein Blick zuckte suchend und buhlend hinter ihnen herum, um in der grünen Stadt irgendeinen Halt zu finden. Aber was dieser Blick auch erfaßte, entglitt ihm bald wieder und versank schweigend und kühl im grünen Asphalt. Es war, als lockte die Stadt, die mich nie aufgenommen hat, mein Bemühen nur zu dem einen Zweck hervor, es zu enttäuschen. Und gedüngt von dieser Enttäuschung wuchsen meiner Gier immer mehr Tentakel, die immer schneller in immer mehr Richtungen grabschten, um einen immer beliebigeren Halt zu finden. Sie umzappelten mich so wild, daß ich mich darin versponn und meine Gier mir den Atem nahm, sogar den zum Buhlen, während die grüne Stadt um mich herum ihren federnden Gang ging und unbeschwert lachte, lässig, so wie man es hier eben macht.

Und dann wurde es schattig. Jemand trat vor mich, verdeckte die Sonne und nahm mir die grüne Brille ab. Nahm sie und trat einen Schritt zurück. Und wie ein Kuß aus Feuer stach die Sonne tief in meinen Kopf, und die Tentakel erlahmten. Sie fielen von mir ab, und ich begann zu atmen. Klare, ungefärbte sonnige Erkenntnis. Und noch ehe mir klar wurde, daß meine Welt eine andere Farbe brauchte, hatte ich wie durch ein Wunder die Beruhigungsbrille auf, und die grüne Stadt wurde sepiabraun. Warm und weich. Und mein Blick auf all das Schlendern und Lachen und Rauschen um mich herum wurde gelassen.

So sitze ich hier neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm gelassen auf der Lehne abgelegt, und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel.

Samstag, 23. Juni 2012

Titel: ohne

Wie ich mich auf dem Balkone
meiner Bohne heut belohne
dafür, daß ich wie 'ne Drohne
(oder ihre tausend Klone)
faulem Volk zum groben Hohne
mich im Dienste der Ikone
fleiß'gen Tagewerks nicht schone -
ja, das ist mal gar nicht ohne!

Dienstag, 15. Mai 2012

Warum bist Du denn jetzt schon wieder offline?

Irrungen und Wirrungen einer virtuellen Beziehung
(Text zur Lesung am 2. Mai 2012)

Es ist so toll, daß es WhatsApp gibt! Twitter, Facebook, Skype! Besonders, wenn man – wie wir – eine Fernebziehung führt. Wie einfach ist doch die tägliche Kommunikation durch diese Medien geworden, die immer und überall verfügbar sind und obendrein nichts kosten! Wieviel leichter ist es geworden, in ständigem, innigen Austausch zu stehen, als damals, da man sich noch anrufen oder gar Briefe schreiben mußte! Schöne neue Welt, besonders für zwei Schreiberlinge, deren kraftvollster, intensivster Ausdruck von jeher im geschrieben Wort liegt – wie perfekt läßt sich so die räumliche Distanz ertragen, ja überbrücken gar!

Und geht’s vielleicht nur mir so? Wo man geht und steht, sieht man Menschen eifrig in ihre schlauen Telefone tippen. Nie war man sich so nah wie heute!

„Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.“

So etwas würde man sich am Telefon wohl eher selten sagen! Mit einem iPhone jedoch sind derlei vollkommene Liebesschwüre auch über 1000 km hinweg mal eben schnell dem anderen Herzen zugeeignet!

Gewiß, sie birgt zuweilen auch ihre Tücken, die Schriftlichkeit. Dem Durchschnittsmenschen mag die Intonation dabei fehlen, die Mimik und die Bedeutungsnuancen, die man nur in der Melodie des gesprochenen Wortes wahrnimmt, und so entstehen aus dem Mangel an Mündlichkeit hier und da Mißverständnisse, Streitigkeiten gar.

Nicht so bei uns Schreiberlingen! Unsereins weiß mit dem Wort doch ganz anders umzugehen, und wären wir nicht in der Lage, unsere Botschaften auch ohne kommunikative Banalitäten wie Mimik und Betonung klar und deutlich zu vermitteln, hätten wir wohl unseren Beruf verfehlt. Ich zeige Ihnen mal, was ich meine, und schreibe meiner Freundin schnell ein paar geistvolle, poetische Zeilen:

„Geliebtes Nasenbärchen“ (man sagt sich ja gern neckische Zärtlichkeiten) „ich denke gerade so sehr an Dich! Geht es Dir gut? Kuß!“

Und noch ein rotes Herzchen dazu! So. Ich bin schon sehr romantisch. Und sieh an – da kommt schon ihre Antwort! Schnelle neue Welt. Was schreibt sie denn…?

„Geliebtes Schielauge“ (naja, das finde ich jetzt nicht so zärtlich) „mir geht es ganz gut. Wo warst Du denn gestern abend? Hatte gedacht, ich höre noch von Dir, und hab mir Sorgen gemacht.“

Ein rosa Herz steht dahinter. Wieso denn nur rosa? Sonst sind sie immer rot! Bestimmt paßt ihr wieder nicht, daß ich mich gestern nicht mehr gemeldet habe. Mal sehen, was ich ihr Feinsinniges, Diplomatisches zurückschreibe…

„Ich war mit ein paar Freunden fort, und irgendwie finde ich es nicht gut, daß Du mir das immer zum Vorwurf machst. Habe nun mal hier auch ein Leben.“

Das mag erst mal genügen als liebevoller Hinweis darauf, daß sie doch ziemlich schnell zur Eifersucht neigt. Ich bin nämlich immer sehr liebevoll und einfühlsam, müssen Sie wissen. Sie ist aber auch schrecklich empfindlich. Ah, sie antwortet:

„Das war doch kein Vorwurf, mein Herz! Wollte bloß wissen, warum ich gestern nichts mehr von Dir gehört habe. Und wenn Du nur gereizt reagierst und nix erzählst, sondern nur sagst, Du warst mit irgendwelchen namenlosen Freunden unterwegs, dann ist das schon bißchen komisch, oder?“

Moment bitte. Ein wenig mehr Einfühlsamkeit scheint gefragt. Ihr geht es offenbar nicht so gut mit der Situation.

„DU bist komisch heute! Immer nur Vorwürfe, anstatt einfach mal zu vertrauen. Weißt Du, diese paranoide Attitüde…“

Oh. Tut mir leid, daß Sie das jetzt mitbekommen mußten. Ich schreibe ihr nachher noch mal. Wissen Sie, normalerweise klappt das besser mit der schriftlichen Kommunikation. Ich zeige Ihnen das später. Manchmal ist es eben mühsam. Ich meine, haben Sie mal versucht, mit einem Menschen zu diskutieren, der auf jede Aussage ausschließlich emotional und ohne einen Hauch rationaler Überlegung reagiert, in jedem Wort nicht ansatzweise den Kern dessen, was gemeint ist, sondern nur die Kränkung seiner Person sucht und in jeder noch so sanften Kritik, ja in jeder abweichenden Meinung nichts als eine Beleidigung sieht, die ihn sofort berechtigt, alles Gesagte abzuwehren und als unzulässig zu denunzieren?

Es ist schon recht anstrengend, wenn jemand sich empört auf einzelne Wörter stürzt, die ihm nicht passen, anstatt erst mal einen Gesamtzusammenhang entstehen zu lassen, zuzuhören, Gesagtes auf sich wirken zu lassen und sich wenigstens ansatzweise mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken und Verletzlichkeiten seines Gegenübers auseinanderzusetzen, kurz: wenn jemand sich sofort und mit allem nur angegriffen und abgewertet fühlt, anstatt zu begreifen, daß mit dem Diskurs nur ein spezifisches Phänomen, ein Einzelfall, nicht aber er als Mensch problematisiert wird. Ich tue das ja schließlich auch. Ich bin nämlich nicht nur sehr einfühlsam, sondern auch durchaus kritikfähig.

Oh. Moment. Was schreibt sie da?

„Wieso bist Du denn jetzt schon wieder offline?! Finde ich echt nicht okay, daß Du auf meine Nachricht nicht mal mehr antwortest. Wieder mit ‚Freunden‘ beschäftigt? Und dazu, daß ich am Wochenende kommen wollte, hast Du Dich auch noch nicht geäußert. Weißt Du, es reicht mir langsam. Wenn Du Dein lustiges Leben führen willst, dann mach das, aber ohne mich!“

Stimmt, ich habe ganz vergessen, ihr zurückzuschreiben, während ich mit Ihnen geplaudert habe. Dennoch - was denkt sie denn, was ich hier mache? Lustiges Leben, tze! Und KEIN Herzchen!! Entschuldigen Sie mich, ich muß das kurz klären!

„MIR reicht es langsam! Ich fühle mich derart kontrolliert von Dir, und Dein Mißtrauen ist unerträglich. So läßt sich doch keine Beziehung führen! Und auf Deinen Besuch freue ich mich eh, das habe ich doch schon gesagt!“

Das klingt jetzt natürlich ein wenig hart, aber tief in meinem Herzen bin ich gar nicht wirklich in Streitlaune. Ich bin liebevoll wie immer, und eigentlich ließe sich dieser Streit im Nu auflösen. Aber wissen Sie, jede Macke kann ich ihr ja nun auch nicht durchgehen lassen. Sie muß schon irgendwann begreifen, daß ihr Mißtrauen mehr Schaden als Nutzen bringt. Was schreibt sie da?

„Du freust Dich EH?! Ich kann auch daheim bleiben, wenn’s Dir so egal ist!“

Ah, die Tücken der Sprache! Das sagt man halt in Österreich so!!! Vielleicht sollte sie in dieser Stimmung wirklich zu Hause bleiben. Ich schreibe mal schnell was Versöhnliches, dann kann sie ja mal nachdenken, ob das alles so angemessen ist, was sie hier aufführt.

„Ja, vielleicht bleibst Du wirklich besser daheim! Das hält ja niemand aus so!“

So. Sie schreibt bestimmt gleich zurück und sieht ein, daß sie überempfindlich war. Ab und zu sieht sie ja auch mal was ein. Was vermutlich daran liegt, daß ich im Großen und Ganzen ja doch sehr liebevoll und einfühlsam mit ihr bin.

Hm. Einen Tag lang nichts gehört. Oh, nun hat sie mich bei Facebook gelöscht. Eine sehr harte Geste. Sie wird doch nicht ernsthaft denken, ich hätte Schluß gemacht? Das will ich doch gar nicht. Ich will doch nur, daß sie begreift, wie paranoid sie ist und wie unrecht sie mir tut.

Na gut, ich twittere mal was. Da schaut sie immer nach. Sie kann es ja doch nicht lassen, überall zu schauen, was ich mache und schreibe…

„Es gibt Menschen, die vor offenen Toren stehen und glauben, nicht hindurchgehen zu können, nur weil ihnen jemand sagte, sie seien verschlossen!“

Das ist sehr geistvoll. Und einfühlsam. Es soll ja gar nicht vorbei sein… Aber wenn ich ihr jetzt schreibe, verliere ich vollkommen mein Gesicht. Dann nimmt sie mich ja nie wieder ernst. Lieber noch ein versteckter Hinweis bei Twitter:

„Nur ein kleiner Schritt über den eigenen Schatten, aber ein gigantischer Sprung für die Liebe…“

Das müßte sie jetzt aber wirklich verstehen. Warum schreibt sie mir denn nicht? Schon den dritten Tag nicht. Hm. Sollten wir uns tatsächlich so mißverstanden haben? Wir Schreiberlinge? Kann doch eigentlich nicht sein. Eigentlich bestand doch gar kein echtes Problem. Ich war mit ein paar Freunden aus, daran ist nichts Unrechtes. Wir haben uns da wohl in etwas reingesteigert. Hm. Vielleicht war ich doch nicht einfühlsam genug… Ich denke, ich werde ihr schreiben. Über meinen Schatten springen. Und tatsächlich etwas einfühlsamer sein. Ich bin nämlich sehr gerne mit ihr zusammen.

Vielleicht rufe ich sie besser an.

Mittwoch, 18. April 2012

Gewinnen oder verlieren

Es war die seltsamste Spielschau, die man je gesehen hat. Die Kandidatin saß wie gelähmt an ihrem Pult und starrte auf die vier Antwortmöglichkeiten - A, B, C oder D. Rastlos zuckte ihr Blick auf dem Bildschirm herum, gerade so als sei vielleicht die richtige Antwort ein bißchen heller als alle anderen, und man müsse nur geduldig warten, bis der Unterschied auffällig genug würde, um ganz sicher zu gehen. Aber dergleichen passiert nicht in solchen Spielen. Der Druck war fraglos enorm - bei dieser Frage ging es um den berauschenden Millionengewinn oder den demütigenden Absturz auf die Null, und so wurde die Kandidatin immer verspannter.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Als sie das Scheinwerferlicht betreten und sich der Alternative zu gewinnen oder zu verlieren bedingungslos unterworfen hatte, waren ihr sogleich die Herzen des Publikums zugeflogen. Minutenlang hatte man ihr applaudiert, und sie hatte es sichtlich genossen. Mit jenem zauberhaften Lächeln, bei dem rechts stets ein kleiner Spalt zwischen ihren Lippen geöffnet blieb, auch wenn sie aufeinander lagen, und das die Frauen zauberhaft, die Männer hingegen geil fanden, hatte sie im Applaus geduscht und sich dann elegant auf den Hochstuhl gesetzt, auf dem sich ihr Schicksal entscheiden sollte. Die ersten Fragen hatte sie nicht ohne Zögern, aber fehlerlos beantwortet, und der Gewinn schien ihr gewiß.

Dann aber, gerade vor der Millionenfrage, fiel das Rechnersystem kurz aus, und der Bildschirm bot für ein paar Minuten keine Antwortmöglichkeiten. Eine Kleinigkeit, sollte man meinen, aber für die Kandidatin änderte sich in diesem Moment alles. Ihr Lächeln verschwand; ihr so schönes Gesicht verzerrte sich zu einer hysterischen Fratze, und sie schrie den Moderator an, daß sie das Spiel sofort verlassen wolle. Sie würde die Polizei rufen, wenn man sie nicht gehen ließe. Schrie's, sprang auf und rannte hinaus.

Es war still im Saal. Niemand regte sich. Niemand sprach. Ein leises Schluchzen aus den hinteren Reihen, das war alles, was man hörte. Auch der Moderator saß stumm auf seinem Stuhl und starrte durch sein Pult hindurch mit glasigen Augen ins Leere. Fast eine halbe Stunde saß man so, ohne daß etwas geschah.

Dann wurde das Publikum unruhig, und vom Eingang her breitete sich Gemurmel im ganzen Saal aus, das schließlich in einen erleichterten, prasselnden Applaus mündete - die Kandidatin war zurückgekehrt! Daß sie nach Nikotin roch und verweinte Augen hatte, war allenfalls dem Moderator bemerklich. Sie nahm Platz, und als wäre nichts geschehen, ließ der Moderator das Spiel weitergehen. Eigentlich hätte sie disqualifiziert werden müssen, aber das kam ihr nicht in den Sinn; vielmehr gefiel sie sich darin, überhaupt zurückgekehrt zu sein.

Dann stellte der Moderator die Millionenfrage, und die Kandidatin erstarrte. Sie verfiel in eine völlige Lähmung und schien nichts mehr wahrzunehmen. Einzig ihr Blick zuckte rastlos auf dem Bildschirm herum, gerade so als sei vielleicht die richtige Antwort ein bißchen heller als alle anderen. Der Moderator sah sie ermutigend an, aber sie bekam es nicht mit.

"C!" rief jemand aus dem Publikum, "die Antwort lautet C!"
Das war gegen die Regeln, aber mit einemmal schienen die ihre Gültigkeit verloren zu haben, und als ob sich das Publikum extra für sie zu einer Ausnahmesituation, zu einem Sonderrecht verschworen habe, erhoben sich immer mehr Stimmen und riefen "C! Wähle Antwort C!", bis es ein einziger Tumult aus Hilfe und Ermutigung war.

Die Kandidatin aber schien durch diese Hinweise erstrecht unsicher zu werden. Sie hielt sich die Ohren zu und schrie: "Nein, ich kann das nicht! Ich möchte aufhören!"
Schließlich legte der Moderator sanft die Hand auf ihren Arm, zog ihr behutsam die Hände von den Ohren und sagte: "Ihr Publikum hat recht! Es ist Antwort C. Drücken Sie auf C, und sie gewinnen die Million!"

"Das kann nicht sein!" schrie sie, "hier sind doch alle gegen mich! Ich habe so Angst davor, daß Ihr einfach nur gemein zu mir seid! Ich höre auf!" Und sie sprang auf und rannte abermals aus dem Saal.

Ein betroffenes Schweigen legte sich über die Menge. Dann stand einer nach dem anderen langsam und schweigend auf und ging. Bis der Moderator ganz allein war, mitten im Scheinwerferlicht, ohne Kandidatin, ohne Publikum, ohne Spiel und ohne Gewinner.

Als der Beleuchter begann, die Strahler abzuschalten, erhob sich der Moderator, ging hinaus und fuhr nach Hause. Von der Kandidatin hat er nie wieder etwas gehört.

Dienstag, 10. April 2012

Osterbegegnung

"Frohe Ostern!" ruft eine vertraute Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und stehe vor dem alten Mann, der mein Vater war.
"Dir auch!" antworte ich. Er umarmt mich. Es befremdet mich und dauert mir zu lange. Ich löse mich sanft. Dann entsteht eine kurze Pause.
"Geht es Dir gut? Bist Du gesund?" frage ich, denn das ist im Grunde alles, was mich interessiert. Ich wünsche dem alten Mann, der mein Vater war, nämlich von Herzen, daß es ihm gut geht.
"Ja, danke", antwortet er, "sehr gut geht es mir." Er hält inne. "Ich hätte so viel zu sagen", fährt er schließlich fort, "aber dafür reicht die Zeit wohl nicht aus. Wir müßten mal eine ganze Nacht lang reden."
"Dann sollten wir uns diese Gelegenheit schaffen", sage ich, "wenn Du das möchtest."
Insgeheim staune ich ein wenig über sein Bemühen. 15 Jahre hatten wir uns nichts zu sagen. Nun scheint ihm tatsächlich an einer Aussprache gelegen. Der alte Mann, der mein Vater war, scheint weiser geworden, ruhiger, versöhnlicher.
"Ich habe so viel nachgedacht", sagt er, "und es wurden sicher auf beiden Seiten Fehler gemacht."
Mein Erstaunen wächst. Solche Zugeständnisse bin ich nicht gewöhnt von dem alten Mann, der mein Vater war.
"Und ich habe mittlerweile erkannt", fährt er fort, und ich horche gespannt auf, "daß ich verdammt recht hatte!"
Ah. Jetzt erkenne ich ihn wieder. Nach all den Jahren ist sein Ansatz zu einem klärenden Gespräch, daß er recht hatte. Nun klingt der alte Mann wieder wie damals. Als er mein Vater war.
"Die Frage ist doch", sage ich langsam, bewußt nicht sofort auf seine Rechthaberei anspringend, "was wir zu gewinnen haben. Für mich jedenfalls funktioniert unser Verhältnis, so wie es ist, ganz gut..."
"Wir müssen einen Weg finden!" sagt er.
"Ich weiß nicht", erwidere ich, "es ist fraglos tragisch, wenn zwei Menschen sich durchaus nicht verstehen, besonders, wenn sie Vater und Sohn sind."
"Sehr tragisch!" betont er.
"Ja, ohne Frage. Aber man muß es irgendwann akzeptieren. Ich frage mich einfach, was gut für mich ist, und welcher Art von Gespräch oder Begegnung ich mich aussetzen möchte."
"Sag doch nicht immer nur 'ich' und 'für mich'", antwortet der alte Mann, der mein Vater war, fast etwas larmoyant, "das zeugt von einem so schlimmen Egoismus."
Hm, der Egoismusvorwurf mal wieder. Nun fehlt nur noch das Altersargument.
"Ich bin wahrlich kein egoistischer Mensch", sage ich und spüre, wie mein Staunen der üblichen Enttäuschung weicht, "aber ich habe, wie jeder Mensch, das Recht, mir für mein Leben sehr genau zu überlegen, was mir gut tut und was nicht, und Du hast mir eben sehr lange nicht gut getan."
"Allein schon diese Aussage!" sagt er, und seine Dramatik schwankt zwischen Wehklage und Vorwurf, "Du hattest so viele gute Jahre mit mir, und ich habe Dir alle Wege geebnet, alle Türen geöffnet und Dir alles ermöglicht, was man einem jungen Menschen ermöglichen kann!" Er seufzt tief und wendet sich halb ab. "Es war wohl doch ein Fehler, Dir heute nachzugehen..."
"Nun werd' mal nicht theatralisch", sage ich und spüre erstaunlicherweise nicht mehr wie früher die Versuchung in mir, die vielen Gemeinheiten, Machtspiele und Demütigungen aufzuzählen, von denen seine "Ermöglichungen" geprägt waren, "ich bin ja gar nicht gegen ein Gespräch! Ich frage mich nur, was wir zu gewinnen haben, wenn von vornherein feststeht, daß Du eh recht hattest."
"Man muß wohl doch älter werden", sagt er in schlecht inszenierter Erschütterung, "um das alles richtig sehen zu können!"
Das Alter. Da ist es.
"Ich bin fast 42 Jahre alt und habe auch schon einiges erlebt; ich bilde mir meine Sichtweise gewiß nicht aus jugendlichem Trotz." sage ich, und ich merke, wie das Gespräch mich zu belasten beginnt.
"Trotzdem", sagt er, "man muß noch älter werden."
Aha, denke ich.
"Aha." sage ich.
"Es war ein Fehler", sagt er leise, "mach's gut. Frohe Ostern." Er streckt mir die Hand hin und wendet sich halb zum Gehen. Das schlechte Gewissen, auf das diese Geste zielt, stellt sich indes nicht ein. Eher so etwas wie Wehmut.
"Dir auch!" sage ich. Ich lasse ihn gehen und wende mich meinerseits um. Gehe nach Hause.
Alles ist, wie es immer war. Er sieht sich im Recht. Es soll ihm gut gehen damit. Ich freue mich wirklich, wenn es dem alten Mann, der mein Vater war, gut geht. Er war schließlich mal mein Vater.

Donnerstag, 15. März 2012

Rezession

Verlassen und leer steht sie da, die Halle meiner Schreibwerkstatt, in der früher ein so produktives Treiben herrschte. Was war das für ein Rattern und Zischen der Ideen- und Gedankenmaschinen, ein Schütteln und eilfertiges Schnaufen der Wortfließbänder; kleine Gabelstapler fuhren umher, um die Berge von Themen und Erzählstoffen zu den richtigen Produktionsstätten zu bringen, und alles ward beschienen vom gleißenden Licht der Inspiration, das durch die großen Hallenfenster fiel.

Nun ist alles verstummt. Durch zerbrochene Fensterscheiben pfeift kühl-grauer Wind und verweht raschelnd die letzten Wortfetzen, die auf dem Hallenboden verstreut sind. Mein Namenszug, der einst am Giebel strahlte, blättert ab. Von irgendeinem Stahlträger hoch oben in der Dachkonstruktion tropfen Erinnerungen und schlagen glucksend auf dem steinigen Boden auf, ihr Echo an die weitläufige Leere verlierend. In den Ecken wuchern zerfallend modrige Pilze.

Die alte Halle wiederzubeleben, das ist mein Traum. Die rostigen Maschinen zu putzen, zu schmieren und wieder ans Laufen zu bringen, die Fließbänder in Bewegung zu versetzen und die Produktion wieder aufzunehmen - wie schön das wäre! Aber es fehlt an Stoff und an Licht. Ein wenig Öl gönne ich den Maschinen, damit sie nicht ganz verfallen. Aber produzieren tun sie derzeit nichts. Noch ist es nicht so weit. Noch herrscht Rezession.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Morgen

Es riecht nach Farbe im Stiegenhaus. Irgendwo streicht jemand eine Wand, eine Decke, ein Zimmer. Ein Zuhause.

Farbe macht alles hell.

Ich mag diesen Geruch. Er erinnert mich an meine Kindheit. Mein Großvater strich immer alles selbst, und hin und wieder durfte auch ich an unschädlichen Stellen mal den Pinsel führen.

Farbe macht alles neu.

Ich war glücklich, wenn beschlossen wurde, ein Zimmer neu zu streichen. Wenn die Möbel herausgeschafft und die Böden und Fenster abgeklebt wurden. Dann tat sich etwas. Etwas wurde schöner, besser.

Farbe schafft Wohlbefinden.

Man streicht nicht oft. Wenn man streicht, tut man es für die nächsten Jahre. Man malt sich eine Zukunft an die Wand. Wenn mein Großvater strich, bedeutete das für mich, daß er sich für viele weitere Jahre einrichtete. Daß er noch lange da sein würde.

Farbe bleibt lange.

Wenn wir fertig waren, sahen die Räume frisch und neu aus. So wie sie nun ein paar Jahre lang aussehen würden. Wenn mein Großvater sagte: "Vielleicht hätte ich noch ein wenig Ocker bemischen sollen!", sagte ich: "Das machen wir dann beim nächsten Mal!", damit er nur nicht vergaß, sich auch nach den Jahren der neuen Farbe noch für Jahre einzurichten.

Farbe gestaltet ein Morgen.

Es riecht nach Farbe im Stiegenhaus, und ich denke an meinen Großvater. Er ist auf den Tag genau 13 Jahre tot. Aber irgendjemand streicht ein Zimmer. Malt eine Zukunft an die Wand. Weil es ein Morgen gibt. Ein Morgen, für das wir es uns schön machen. Du und ich.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Sinkflug

Der seltsame Moment, wenn man anfängt, aufzuhören - wie sehr berührt er mich jedesmal aufs Neue. Wenn die Sekunden Dir heiser davon zu flüstern beginnen, eine aussterbende Spezies zu sein, deren Großteil Du schon getötet hast... Wenn Du aufhörst, in die Pedale zu treten, weil der Schwung für die verbleibende Strecke ausreicht... Wenn der Pilot durchsagt, man habe soeben die Reiseflughöhe verlassen und befinde sich im Landeanflug auf ein Ziel, von dem Du gar nicht weißt, ob Du hinmöchtest, ja das Du gar zu überfliegen gehofft hattest, und von dem Du doch wußtest, daß es unausweichlich das Ende der Reise sein würde, weil eben kein Treibstofftank groß genug ist für einen ewigen Höhenflug.

Es ist der Wandel, der uns traurig macht, der Zerfall von schönen Illusionen durch das Erkennen der ihnen zugrundeliegenden Wirklichkeit, und die Veränderung liebgewordener Zustände, die wir gern gehalten hätten, ungestört durch Lebensturbulenzen, eingefroren und wie den Faustschen Augenblick zum Verweilen überredet. Allein, nichts bleibt je, wie es ist, und so gut und wichtig das ist, so schmerzhaft kann es auch sein. Umdenken wird nicht leichter, und zugeben müssen, daß sich ein Zustand überlebt, ja daß man sich vielleicht sogar geirrt hat, ist wohl das Schwierigste am Leben. An meinem zumindest.

Doch wohnt jeder Veränderung auch eine Bewegung, eine Kraft inne, und jedem Anfang, wenn man es glauben mag, ein Zauber. Sie zu nutzen, diese Kraft, sich selbst und Liebgewonnenes zu entwickeln, voranzubringen, höheren Ebenen zuspülen zu lassen oder diese gar selbst zu erklimmen, ist das Geheimnis des Glücks, das ich noch lernen muß. Ich bin noch nicht perfekt darin. Aber ich arbeite dran.

Der seltsame Moment, wenn man anfängt, aufzuhören, ist auch immer der Moment, in dem man beginnt, anzufangen. Und plötzlich erscheint es gar nicht mehr so schlimm, ein Ziel zu haben, das man anfliegt. Wer hängt schon gern ewig in der Luft.

Donnerstag, 24. November 2011

Sinnhauch

Ein Hauch von Sinn hat mich gestreift.
Zart wehte mich die Ahnung an,
daß alles seinen Zweck doch hat,
sein Ziel und seinen Weg zum Glück
in diesem Erdenleben.
Ein Sinnhauch, warm und glückvoll war's,
nach kalter Leere, die da war -
ich schauderte. Wie‘s üblich ist
bei solchem herzenswarmen Wind.
Und glaubt‘ es kaum. Und staunte stumm,
daß mir dies Wunder widerfuhr.
Doch war es Trug. Ein Hauch. Mehr nicht.
Der selbstgefällig bald verflog,
den Nächsten zu umwehen.
Glaubte von sich, er gab sich hin.
Und ließ mich sinnlos stehen.


(Anmerkung des Autors:
Das Wort "Sinnhauch" ist eine freundliche Leihgabe der wunderbaren Autorin Susanne Bohne. Ihr gleichnamiges eBook kann hier direkt erworben werden.) 

Donnerstag, 3. November 2011

Der Segen der Vergänglichkeit

Das Leben ist schwer. Ich habe nie vermocht, es zu meistern. Und je älter ich wurde, desto schwerer erschien es mir. Mein Halt, mein einziger Trost ist die Gewißheit, daß dieses Leben eines Tages zu Ende und am Tag darauf vergangen sein wird.

Dabei gab es eine Zeit, da ich fest glaubte, es werde leichter. Mit dem Heranwachsen, der Entwicklung über Kindheit und Jugend hinaus wachse auch die Selbstbestimmung, die Anerkennung der Mitmenschen und die Fähigkeit, alle Herausforderungen des Lebens zu bestehen. Jede Phase meines Daseins auf dieser Erde war hauptsächlich davon geprägt, daß ich ihre Überwindung herbeisehnte in dem irrigen Glauben, danach komme eine, die ich erträglicher finden würde. Als Kleinkind haßte ich es, nicht laufen zu können – ohne daß ich konkrete Erinnerungen daran hätte, aber das Gefühl der Demütigung, die ich ob dieser Tatsache empfand, hallt deutlich in mir nach. Und also begegnete ich dieser Einschränkung mit Verweigerung. Ich krabbelte nicht, sondern bewegte mich einfach solange nicht vom Fleck, bis ich, zum Erstaunen meiner Mutter, eines Tages aufstand und ging.

Auch das Pflaster, das man mir über mein gesundes rechtes Auge klebte, als ich zwei Jahre alt war, um das bei meiner Geburt beschädigte linke zu trainieren, empfand ich als Demütigung, behinderte es doch meine klare Sicht und damit die Wahrnehmung meiner Welt, die ich mir doch gerade erst zu erschließen begonnen hatte. Kaum hatte ich eine Möglichkeit entwickelt und war an der Schwelle zu etwas Neuem angekommen, schränkte man sie mir ein. Ein Muster, das sich für den Rest meines Lebens erhalten und wie ein roter Faden durch mein Erdendasein ziehen sollte. Und also stolperte ich Kind durch die elterliche Wohnung, rannte an und sah meine Umwelt als verschwommenes, allenfalls impressionistisch anmutendes Bild. Ich glaube, schon damals ist mir mein Realitätssinn abhanden gekommen, und die Welt, das Leben und meine Mitmenschen begannen, mir surreal und ungreifbar vorzukommen.

Also harrte ich der Überwindung dieser Phase. Was nützte mir das Laufenkönnen, wenn ich nichts sah. Und tatsächlich, eines Tages begriffen sogar meine Eltern, daß an meinem Auge nichts zu heilen war, weil es nicht einfach schwach, sondern irreparabel beschädigt war. So wie meine Seele. Man nahm das Pflaster ab, und ich sah. Scharf, klar. Erschreckend. Jedes Detail. Jedes Staubkorn. Jede Regung in den Gesichtern der Erwachsenen, und jede Lüge in ihren Herzen. Und es widerte mich an. Fast meine ich mich zu erinnern, daß ich mir die impressionistisch verwaschene Welt der Pflastertage zurückwünschte. Vergänglichkeit in die Vergangenheit. Eine ewige Sehnsucht.

Ich wurde drei, vier, und das, was andere Menschen Realität nannten, war mir eine banale Lästigkeit. Im Kindergarten schlief ich, um nicht mit anderen, banaleren Kindern spielen zu müssen. Jeden Morgen kam ich an und wanderte schnurstracks durch den Saal ins Büro, wo mir die Kindergärtnerinnen, nachdem sie verstanden hatten, wie aussichtslos ihre Integrationsversuche waren, ein großes Kissen und eine Decke unter den Schreibtisch gelegt hatten. Ich ging dorthin und wartete nur darauf, daß der Vormittag verginge. Im süßen Schlaf Zeit vergehen lassen – welch angenehmer und einziger Lebenssinn.

Die Schule bot solche Rückzugsmöglichkeiten nicht mehr. Die Realität, der ich mich bis dahin erfolgreich entzogen, ja verweigert hatte, war nun unausweichlich. Und also gab ich einen Teil meines Widerstandes auf, um es mir nicht schwerer zu machen als nötig, und das erste Stückchen meiner autonomen, weltfernen Seele starb. Die schulische Realität war leicht, und ich bekam ausgezeichnete Noten. Ich wollte das auch – nicht aus Ehrgeiz, oder weil ich mich im Bewertungssystem der Realität möglichst weit oben positionieren wollte, sondern weil es mir Vergnügen machte, der Realität ihre eigene Belanglosigkeit dadurch vor Augen zu führen, daß ich sie so spielend leicht beherrschen konnte. Meine guten Noten waren meine Art, der Wirklichkeit zu zeigen, wie wenig ich von ihr hielt. Und so schrieb ich nebenbei meine ersten kindlichen Gedichte unter der Schulbank, als würzige kleine Pilze auf dem allzu faden Nährboden dessen, was den meisten anderen Kindern als Lebenswirklichkeit genügte und von ihnen vorbehaltlos als solche akzeptiert wurde. Sehr anregend war das alles indes nicht, und ich versprach mir eine erhebliche Erweiterung meiner Möglichkeiten durch die Überwindung der Grundschule und den Besuch des Gymnasiums. Welch ein Irrtum.

Denn kaum war ich auf dem Gymnasium, begriff ich, daß auch hier nicht mehr als Realität zu erwarten war. Zwar entführte man uns in die reiche Welt des Lateinischen und seiner Geschichten, brachte uns die erstaunlichen Wunder der Physik bei und zeigte uns erste kleine Odien des wunderbaren, riesigen Schatzes deutscher Literatur... aber anstatt dieser geistigen Welt eine heilige, unangetastete Existenz zu gewähren, zerhackte man sie in Lerninhalte, fragte sie in kleinlichen Tests ab und quetschte sie in das Bewertungssystem eben jener Realität, der sie doch ihrer phantastischen Natur nach nicht nur entzogen, sondern sogar übergeordnet waren. Ich fand das enttäuschend, ja empörend, und von diesem Moment an machten mir gute Noten auch als Mittel zur Bloßstellung der Realität keine Freude mehr. Und nichts wünschte ich mir mehr als diese kleinliche Sphäre schematischer Beurteilung zu überwinden. Wie gut, dachte ich, daß diese Phase vergeht. 

Mein Herz brach. Zum ersten Mal. Mit 17 verliebte ich mich glühend in ein Mädchen, das sich durchaus nicht für mich interessierte. Während sich ringsumher Pärchen bildeten und erste unbeschwerte Erfahrungen gemacht wurden (auch sie hatte plötzlich einen Freund, für den meine Träume wahr wurden), ließ mich die eine große, unerfüllte Liebe nicht los, und ich blieb allein. Mit meinem Schmerz. Er vergeht, dachte ich. Irgendwann vergeht der Schmerz. Aber das tat er nicht. Liebesschmerz ist überhaupt das Einzige im Leben, was nicht vergeht. Oder zumindest erst mit dem Tod. Vielleicht warte ich daher so sehnsuchtsvoll auf ihn. Jedenfalls hatte mich die Realität des Lebens nun vollends eingeholt – Schmerz und Enttäuschung.

Ich studierte, und mein Vater zahlte für meinen Unterhalt exakt den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestsatz. Immer wieder machte er Geld zum Druckmittel für meine Fügsamkeit, waren ihm als Musterbeispiel eines der allgemein akzeptierten Realität angepaßten Menschen meine weltfernen Exzentrizitäten doch zutiefst verhaßt und wohl auch peinlich. Seine ganz eigene Realitätsferne gestand er weder mir noch sich selbst ein... Als ich mir von den paar Mark, die ich mir zu ersparen vermocht hatte, einen 20 Jahre alten, rostigen Jaguar kaufte, anstatt einen ebenso alten rostigen Golf zum selben Preis oder gar ein Fahrrad zu erwerben, kürzte er mir zur Strafe den Wechsel mit dem Argument, wenn ich genug Geld habe, als Student einen Jaguar zu fahren, könne er mir ja durchaus etwas abziehen. Ich fand das unlogisch. Aber ich hatte keinerlei Gegenwehr zur Hand. Es geht vorbei, dachte ich mir. Die Phase der Abhängigkeit geht vorbei, und dann kannst Du machen, was Du willst.

Tatsächlich ging sie vorbei, diese Phase väterlicher Demütigung, und in den letzten 15 Jahren haben wir quasi nicht mehr miteinander geredet. Mir fehlt dabei nichts. Es ist alles gesagt. Es ist vergangen. Und das ist gut so. Ich tat, was ich wollte. Studierte ein weiteres Fach... heiratete schließlich und geriet dadurch in einen Lebenszustand, der seinem Wesen nach nicht auf Vergänglichkeit, sondern auf Bestand ausgelegt war. Vielleicht ist Bestand etwas, wovor mir graut, obschon ich mich zuweilen danach sehne. Vielleicht war ich die Vergänglichkeit von Lebensphasen so sehr gewöhnt, ja schätzte sie so hoch, daß ich nach 14 Jahren aus diesem Lebensbund ausbrach. Auswanderte gar. Nach Wien. Warum auch immer. Dies war das erste Mal, daß ich selbst, mehr oder minder bewußt, die Vergänglichkeit einer Phase herbeigeführt habe.

Dort lebte ich nun. Wartend auf etwas Neues, das ich nicht zu beenden hätte, sondern daß von allein verginge. Das Neue, das vergehen konnte, wurde gleichsam zu meinem Ideal. Ich begann ständig Neues, und zwar Affären oder Beziehungen zu Frauen, berauschte mich an den erregenden Anfängen und ließ sie wieder vergehen, wenn ihr Reiz im Lichte der alltäglichen Realität zu verblassen begann, das auch über den entrücktesten, romantischsten Verhältnissen irgendwann aufscheint. Ich ließ sie vergehen, wenn sie das wahre Leben zu berühren begannen, Perspektiven verlangten oder gar Pläne machten. Um wieder Neues zu beginnen. So süchtig war ich nach dem kurzen Zyklus des Erlebens, der unbedingten Haltlosigkeit, der Ungebundenheit an jede gültige Realität, daß ich zuweilen vier, fünf Verhältnisse gleichzeitig hatte, jedes voll und ganz gewollt und empfunden, aber doch nur um seiner Vergänglichkeit willen so innig erlebt. Vergänglichkeit macht sicher vor der Realität. Was man vergehen lassen kann, wird einen niemals binden, verpflichten oder auf dem Boden der Wirklichkeit festnageln können. Vergänglichkeit schützt vor Verantwortung. Dachte ich. Aber das war natürlich Unsinn.

Ich brach Herzen, zerstörte Hoffnungen und verletzte Seelen. Viele. Daß ich selbstverständlich Verantwortung für sie zu tragen gehabt hätte, war mir egal. Warum? Ich selbst war aufs Schrecklichste verletzt worden, und der Schmerz verging nicht. Er vergeht nie, der Liebesschmerz. Höchstens im Tod. Ich kam nach Wien, viel Vergangenes hinter mir lassend, und begegnete ihr. Dem Menschen, mit dem ich endlich etwas Unvergängliches zu beginnen bereit war. Nie habe ich so geliebt, nie war ich so entschlossen. Aber sie wollte mich nicht. Lockte mich, und stieß mich fort. Spielte mit mir, hielt mich hin, küßte mich – mehr nie – und stieß mich wieder fort. Spottete über meine Liebe, entfachte sie aber aufs Neue, wenn ich sie vergehen zu lassen begann. Erhörte einen anderen. Einen Unwerten, für den meine Träume wahr wurden. Und mein angebrochenes Herz wurde zerstört. Seither schien mir nur das Vergängliche, das Kurze, Innige, jeder Alltagsrealität entzogene erträglich, der Schein, das Spiel. Und ich brach Herzen.

Soll ich Ihnen nun vom Wunder meiner Heilung berichten? Von dem Menschen, der mich durch echte, reine Liebe herausholte aus dieser Scheinwelt? Dem Menschen, für den mein zerstörtes Herz seit Jahren und Jahren den ersten echten Schlag tat? Den ich lieben konnte und ewig und unvergänglich haben wollte? Es ist müßig. Was so plötzlich, so unerwartet meinem Leben Halt und Sinn zu geben schien, ist auch schon wieder vergangen. Das Leben... ich habe es nie zu meistern vermocht. Wann immer ich eine Chance auf Rettung, auf Heilung, auf eine nicht nur erträgliche, sondern gar erfüllende, beglückende Realität gehabt hätte, habe ich etwas getan, um sie zu verhindern. Aus Dummheit, aus Reflex, aus Routine... ich weiß es nicht. So bleibt eben alles vergänglich. Nur der Schmerz nicht. Ich wollte, er wäre vergänglich, so wie es all die guten Sachen sind. Diese Vergänglichkeit wäre ein Segen.

Aber es gibt sie nicht. Der Schmerz vergeht erst im Tod.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Jahr. Eins.

Zufall. Begegnung.
Verständnis. Nähe. Gefühl.
Zärtlichkeit. Zweifel.
Anzüglichkeit. Sehnsucht.
Hindernisse. Meteorit.
Distanz. Verletzung.
Traumata. Kompensation.
Pause.
Annäherung. Zweifel.
Blaues Licht.
Verschmelzung.
Innigkeit. Liebe.
Zeit. Raum. Bürden.
Lügen. Ehrlichkeit.
Abbruch 1.
Abbruch 2.
Abbruch 3.
Zweifel. Nähe. Zweifel.
Chancen. Los.
Liebe. Last. Lust.
Wollen. Können. Zweifel.
Spiralen. Kreise.
Jahrestage.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Netzgezappel 2.0

Am 24. August 1995, seinem 25. Geburtstag, setzte sich ein Trierer Jurastudent hin und schrieb all jene Gedanken nieder, die er glaubte, sich zu seinem silbernen Jubiläum auf Gottes schöner Erde machen zu müssen. Soeben finde ich dieses umfangreiche, handschriftliche Elaborat zufällig beim Aufräumen wieder, und also nehme ich mir ein paar Minuten Zeit und lese, was mein fünfundzwanzigjähriges Ich mir und der Welt mitzuteilen hat.

Ich muß schon sagen – was für ein zorniger junger Mann mir da seine Weisheiten entgegenschleudert! Es scheint ihm durchaus an Lebensmut und Zuversicht zu mangeln, und so läßt er sich denn seitenweise darüber aus, wie schlecht die Welt, wie labil ihre Systeme und wie ungerecht ihre Verteilung sei, wie viel gerechter gar die Zeit nach dem Krieg war, da es immerhin allen gleichermaßen schlecht gegangen sei. Den größten Ehrgeiz entwickelt er indes dabei, auf eine für die breite Bevölkerung recht neuartige Sache namens Internet zu schimpfen. Den Untergang jeder persönlichen Kommunikationskultur, aller sozialen Kompetenzen und des zwischenmenschlichen Empfindens an sich beschwört er in donnernden Worten, die Abstumpfung und Manipulierbarkeit der Massen, die bald, so eine der unterhaltsamsten Formulierungen, als Endverbraucher wie wehrlose Fische im weltweiten Netz zappeln würden, jeden Abstandes, jeder Kritik und jeder Individualität enthoben und auf ein gleichsam kollektives, elitären Interessen dienendes Bewußtsein reduziert.

Ich lasse das Manuskript sinken und sehe mich in meiner Wiener Wohnung um. Auf dem Sofa liegt ein iPad, ein iPhone lädt am Netzteil, ein anderes habe ich in der Hosentasche. Im nächsten Zimmer steht das MacBookPro, 24 Stunden am Tag online und meistens mit geöffneter Facebook-Seite. Nicht mein einziges soziales Netzwerk; ich habe auch Nutzerkonten bei Xing, LinkedIn, InterNations, MySpace, MeinVZ, twitter, foursquare und vermutlich noch ein paar, die ich schon vergessen habe.

Hm. Zappele ich? Habe ich meine Individualität, meine Sozialkompetenz, meine freie Meinungsbildung und meine Kritikfähigkeit verloren? Bin ich zum willenlosen, marketingtechnisch gerasterten Objekt wirtschaftlicher oder gar politischer Manipulation geworden?

Also, ganz ehrlich – ich glaube nicht, daß es so ist! Meine persönliche Entwicklung erfuhr ihre bedeutendsten Einflüsse, ihre gewaltigsten Umwälzungen ganz und gar im physisch-realen Leben. Meine engsten Freundschaften würden problemlos auch ohne soziale Medien funktionieren und werden durch die technischen Kommunikationsmöglichkeiten allenfalls bereichert. Vermutlich ist die Skepsis, die der weltweiten Vernetzung in ihrer Frühphase entgegen gebracht wurde, den soziokulturellen Bedenken nicht unähnlich, mit denen man seinerzeit der Einführung des Telefons begegnete, und mitnichten hat Alexander Graham Bells Neuerung das Briefeschreiben oder gar die persönliche Begegnung verdrängt.

Meiner Erfahrung nach hat das Internet und nunmehr auch das Web 2.0 ganz im Gegenteil menschliche Begegnungen ermöglicht, die zuvor, wenn nicht ausgeschlossen, so doch erheblich schwerer gewesen wären. Einige "Schrauber" zum Beispiel, die mir auf Grundlage eines gemeinsamen Interesses bei meinen Oldtimern mit Rat und Tat zur Seite standen, hätte ich ohne die einschlägigen Internetforen sicher nicht kennengelernt, und gerade die Möglichkeit der virtuellen Vernetzung erregt bei den meisten Menschen irgendwann den Wunsch nach der persönlichen Begegnung. Wir sind eben doch soziale Wesen.

Und so zappele ich heute gern im weltweiten Netz, als lebendiges, höchst individuelles Fischlein, und freue mich, wann immer ich möchte am Gezappel der anderen Fische teilhaben zu können. Die Hemmschwelle der Mitteilsamkeit sinkt fraglos, und Privatsphäre muß wohl neu definiert werden. Aber man ist ja nicht ohne Einfluß darauf, was die Mitwelt oder die Betreiber der einschlägigen Netzwerke über einen erfahren. Hin und wieder ein paar ausgewählte Freunde per foursquare wissen zu lassen, wo man gerade ist, scheint mir kaum geeignet, die abendländische Sozialkultur zu erschüttern.

Fröhliches Zappeln allerseits also, und willkommen in der Gegenwart!

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Kur perëndon dielli


"'Tis better to have loved and lost than never to have loved at all." (Alfred Lord Tennyson)

Wenn die Sonne untergeht und Dunkelheit sich auf das Leben niedersenkt, werden die Menschen traurig, und die Klagen beginnen. Von verwaisten Stränden hört man sie, aus tiefen Tälern, leeren Parks und vereinsamten Betten. Das Licht sei fort, die Wärme verschwunden, so jammern die Menschen, die den Tag erlebt haben.

Ich wandele durch die Düsternis, höre die Rufe und staune. Sonne?, frage ich leise, Ihr habt die Sonne gesehen? So ganz hoch und rund am Himmel? Ihr habt sie für Euch aufgehen sehen, steigen und wachsen, rot glühend zunächst und dann immer gleißender? Bis sie Euch ganz durchwärmt und erleuchtet hat? Ihr kennt den Tag, sein Erwachen, seinen Lauf bis zum Höhepunkt und das langsame, früh erkennbare und doch erst spät eingestandene Sinken? Ihr kennt die glückliche Erfüllung Eurer Hoffnung, es möge eine Sonne kommen, die Erregung, die man erlebt, wenn sie sich dann tatsächlich am Horizont zeigt und Lust, endlich ganz in ihr zu leben, zu lieben und zu schwelgen? Die paradiesische Freude, einen heißen Mittag lang sorgloseste Wonnen zu erleben im sicheren Glauben, sie werden nie enden?

Beneidenswert. Wie berauschend, wie über alle Maßen zum Jubeln muß der Tag sein! Wie wunderbar zu erleben, daß alles wahr wird, was man sich erträumt, und sei es auch nur für eine kurze, glückvolle Weile... Wie unvorstellbar schön ist wohl der erste Kuß des Morgenrots, das Schwellen des Lichts und die glühende Verschmelzung von Tag und Leben im Zenith... 

Ich weiß davon nichts. Um mich ist ewige Nacht. Gewiß, ganz selten erhellt sich auch meine Welt in zartem Morgenrot. Die Sonne schiebt ihren scharfen Rand ein paar Millimeter über den Horizont, aber kaum hat der erste glühende Strahl mein Herz mit Hoffnung erfüllt, zieht sie sich rasch wieder zurück, gerade so als habe man sie bei etwas Undenkbarem ertappt. Und so bleibt es dunkel um mich. Das Sonnenglück - es bleibt mir fremd. Wie gern nähme ich das Sinken in Kauf, dürfte ich nur einmal die wonnevollen Höhen erleben. Aber man gewöhnt sich dran.

Seid also dankbar. Ihr kennt den Tag, und jeder Nacht folgt für Euch ein neuer Sonnenaufgang, ein neues Glück. Ich, in meiner Dunkelheit, glaube an ewiges Licht. Ihr habt eine echte Chance.