Montag, 4. April 2016

Gedankengebäude

Gedanken beim Vorbeischlendern am ehemaligen "Führerbau" in der Münchner Arcisstraße 12.

Die Insignien der alten Ideen haben wir vorsorglich abgenommen von unserem Gedankengebäude. Es ist uns unangenehm genug, diese Ideen je beherbergt, gedacht, gelebt zu haben und sie mit dem Hoheitszeichen der Macht sichtbar und offiziell zum einzig legitimen, alles beherrschenden Interieur unseres Gedankengebäudes erhoben zu haben. Ein dummer Fehler. Schnell fort also mit dem Symbol, das einst die Fassade zierte.

Das Gedankengebäude bleibt freilich stehen. Was man hat, das hat man. Und so schlecht sah es ja nicht aus.  Die alten Ideen... naja. Die haben wir eben versteckt. In Wandschränken, in Abstellkammern, im Keller. Ein paar haben wir im Garten vergraben. Schließlich haben wir die großen, noch intakten Räume ganz schnell mit neuen Ideen gefüllt.

So ganz wollten sie freilich nie in unser Gedankengebäude passen, die neuen Ideen. Die Architektur war nun einmal nicht für sie gemacht. Man hätte vielleicht nicht nur die Hoheitszeichen der alten Ideen entfernen, sondern das ganze Gedankengebäude abreißen und ein neues errichten sollen, ein helles und offenes, in das die neuen Ideen gepaßt hätten! Haben wir aber nicht gemacht. Und so wirkten die neuen Ideen im alten Gebäude immer etwas fremd. Und verstaubten.

Also auf die Fenster! Frischer Wind soll wehen, und mit ihm die Stimmen, die draußen immer lauter werden. Und plötzlich fliegen die Wandschränke auf, die Abstellkammern, der Keller sogar! Und im Staub wirbeln die alten Ideen aufs neue hervor, mischen sich  ein bißchen mit den neuen, aber nicht viel, flattern hoch und uneinholbar durch unser Gedankengebäude... gerade so, als seien sie endlich wieder im Recht, endlich wieder da, wo sie immer hingehörten. Weg waren sie ja nie. Wir hatten sie nur versteckt.

Es braucht eben keine Hoheitszeichen, um ein Gedankengebäude plötzlich wieder von alten Ideen besetzt zu finden. Das Abmontieren der Insignien reicht nicht aus; es schützt uns nicht vor dem alten Ungeist. Halten wir unser Gedankengebäude also sauber - gerade, wenn es draußen stürmt. Denn darauf kommt's an.

Freitag, 11. März 2016

Personenschaden

Zu viel, zu schwer. Nicht mehr zu tragen, die Bürde dieses Lebens. Die unendliche Macht der Ohnmacht, erdrückend, zerquälend das letzte Bißchen Seele, das sich noch regt in der Brust. Bleischwer das Herz, tränenverklumpt die stumme Kehle, Nacht für Nacht, Tag für Tag.

Stimmen wie durch Watte, grobes Lachen, stumpfes Tagwerk, gespielte Freundschaften... Kein Sonnenstrahl dringt mehr ins Herz, kein Lächeln durchbohrt den Schleier in den Augen. Nur Traurigkeit, Einsamkeit, namenlose Verzweiflung. Unverstanden allein inmitten von Menschen - längst weit entrückt dem, was sie "Leben" nennen. Tot, lange schon. Doch ohne die erlösende Ruhe, den kühlen Frieden, die dunkle, stille Freiheit.

Nur ein kleiner Schritt dorthin. Eine kalte, summende Schiene ins ewige Nichts. Anziehend. Unwiderstehlich reizvoll. Bereit zum Abschied, bereit zum Loslassen von Menschen, Gewohnheiten, Sachen und Sorgen. Kein Name, kein Körper, kein Gesicht. Loslassen das Leben, das wuchs, hoffte, träumte, strebte, versagte und irgendwann, wann genau?, ohne Mut war, ohne Lachen, ohne Ziel. 

Kalt liegt die Schiene am Hals, in dem die Tränen klumpen, die Schiene ins Nichts, deren Summen lauter wird, anschwillt zu einem Rauschen, einem Dröhnen. Ein letztes, lautes, lebendiges Weltgeräusch! 

Dann wird es still.

"Wegen eines Personenschadens ist unser Zug auf unbestimmte Zeit zu einem außerplanmäßigen Halt gekommen!" sagt der Schaffner.
"Das darf doch nicht wahr sein!" schimpft ein Fahrgast, "Verdammte Scheiße!" Dann ruft er seine Frau an.

Sonntag, 21. Februar 2016

Noch'n Bekenntnis

Ich gebe es zu: Auch ich bin ein besorgter Bürger. Wie könnte ich nicht besorgt sein? Die Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge stellt uns vor ungeheure, beispiellose Herausforderungen, und auch der wohlgesonnenste Beobachter wird einräumen, daß nicht alle, die zu uns kommen, liebe, nette und dankbare Menschen sind.

Die kulturellen Unterschiede sind zum Teil enorm, das Verständnis von Gesellschaft, Freiheit und sozialem Miteinander unterscheidet sich oft sehr von dem, was uns hierzulande "normal" und wünschenswert erscheint. Erscheint, wohlgemerkt, denn der bittere Haß der rechten Stimmungsmacher, die landauf, landab nicht einzelne Menschen, sondern ganze Gruppen, Ethnien und Religionen unter den Verdacht übelster Absichten stellen und eine allgemeine Bedrohung, eine kollektive Gefahr beschwören, nur um damit ebenso kollektive Gemütsregungen auszulösen, ist auch nicht eben Ausdruck abendländischer Kultur. Manche kommen elitär und intellektuell daher (oder was sie eben dafür halten) und lassen allem gedrechselten Geschwätz zum Trotz doch jede Weisheit vermissen. Manche grölen dumm und tierisch drein und sind mit dieser Stammhirnobergrenze nicht minder archaisch als die in mittelalterlichen Wahnvorstellungen von Ehrenmord und Frauenunterwerfung befangenen Exemplare unter den Neuankömmlingen.

Ja, all das besorgt mich. Als Bürger und Bewohner dieses Landes, das ich liebe. Es besorgt mich, wie sich der Ton verschärft, wie die Sitten verrohen, wie die Bereitschaft zur Gewalt wächst und Andersdenkende sogar von "guten Christenmenschen" gehaßt, beleidigt und verunglimpft werden. Es besorgt mich, wie ein unumkehrbar geglaubtes Wertesystem zu erodieren beginnt unter den ätzenden Einflüssen niederster Instinkte, die nur Kampf und Flucht, nicht aber Gespräch und Verständigung kennen. Es besorgt mich, in einem Europa zu leben, das seine moralische Überlegenheit nicht stark und unbeirrbar behauptet, sondern einem unmoralischen politischen und oft genug auch schlicht wirtschaftlichen Kalkül opfert. 

Und auch die Weltlage besorgt mich. Ein böser Zwerg im Kreml, der so leer, so bitter und so unglücklich ist, daß nur die Bedrohung anderer Länder, die Ermordnung von Gegnern, die Unterdrückung von Kritik und das unbedingte Streben nach Macht seinem kümmerlichen Wesen Bestätigung und (vielleicht) ein bißchen Befriedigung verschafft... und den selbst im freien, wohlständigen Deutschland als Erlöserfigur zu verehren sich manche nicht entblöden. Ein verbrecherisches Menschenzerrbild in Syrien, das sein eigenes wunderschönes Land zerbombt, sein eigenes kultiviertes Volk ermordet, nur um weiter herrschen zu können, worüber eigentlich?, über ein Ruinenfeld, einen Massenfriedhof...

Macht. Welch erbärmliche, herzensdumme Triebfeder für irgendein Tun. Geltung. Überlegenheit. Stärke. Wie abstoßend, wie niedrig. Wie wertlos als Maßstab für die Güte eines Menschen. Und doch Motivation aller Missetäter: Vom grölenden Pack vor einem Reisebus auf einer kalten Dorfstraße über den schamlosen Provinzpolitiker, der im Blitzlichtgewitter in Verbrecherärsche kriecht, bis zum selbstbesessenen Herrscher in seinem goldenen Palast - sie alle verbindet das Gefühl der tiefen Minderwertigkeit. 

Denn Haß ist immer ein Produkt von Minderwertigkeitsgefühlen. Vielleicht liegt in diesem Gedanken ja ein Ansatz zur Verbesserung. Das würde meine Besorgnis lindern. Als deutscher Bürger.

Samstag, 13. Februar 2016

Verschwommene Bilder

Bilder verschwimmen. Bilder im Kopf. Was uns einst scharf und leuchtend vor dem geistigen Auge stand, wird mit der Zeit trüb und blaß. Ist es ein Nachlassen der inneren Sehkraft, die, von Gewohnheit abgenutzt, immer schwächer wird? Oder ist es das tatsächliche Verfliegen ehemals klarer Vorstellungen, die dem Sturm des Lebens einfach nicht standzuhalten vermochten?

Diese Gedanken kommen mir, während ich im Weissen Brauhaus sitze, geflohen vor einem dummen Streit und traurig darüber, daß der Samstag nun einen so ganz anderen Verlauf nimmt als gedacht. Unterdessen wird mir der Salat gebracht. Ich erkenne rote Beete. Ich mag rote Beete nicht.

Mal ehrlich: Wir glauben so scharf zu sehen, Menschen, Dinge, Situationen und Perspektiven so klar zu erkennen, daß wir uns freudig darauf einlassen und meinen, alles müsse so bleiben, wie unser geistiges Auge es vor sich sah. Und plötzlich wird alles zum Nebel, verschwimmt, verzerrt sich bis zur Entstellung, und wir müssen das geistige Auge ganz schön zusammenkneifen, um zu ahnen, welches unserer schönen, bequemen Bilder das mal war. 

Traurig nehme ich die erste Gabel Salat. Rote Beete gelangt in meinen Mund. Mist. Um die wollte ich doch herumessen.

Unser geistiges Auge also... Doch halt!

Die rote Beete schmeckt ja gut! Ihr Bild in meinem Kopf war die ganze Zeit klar. Aber ich... ich scheine mich verändert zu haben. Denn meinem klaren Bild vom ungeliebten Geschmack entspricht das Gemüse einfach nicht mehr. So wie ich selbst vielleicht nicht mehr dem Bild entspreche, das ich selbst von mir habe.

Ich denke nach. Ja, vielleicht verschwimmen Bilder im Kopf. Vielleicht verklären sich Vorstellungen, und Erwartungen nutzen sich in der rauhen Lebenswirklichkeit ab. Vielleicht aber liegt das nicht immer am Wandel der Welt, sondern an uns. Ohne es zu merken, ohne Bilder und Erwartungen in Frage zu stellen, verändern wir uns und messen doch alles, was geschieht oder unterbleibt, nur an unseren starren Vorstellungen. Wo längst ein neues, scharfes leuchtendes Bild an die Stelle des verschwommenen treten und ganz neue Perspektiven eröffnen könnte, ver(sch)wenden wir all unsere Kraft und Zeit darauf, mit zusammengekniffenem geistigen Auge unbedingt das erkennen zu wollen, was uns vertraut schien. Wie töricht! Wie dumm auch, einen Streit um Bilder zu führen.

Ich esse meinen Salat auf - mit der roten Beete, die mir (nicht zum ersten Mal) geholfen hat zu erkennen. Und auf einmal ist dieser Samstag gar nicht mehr so traurig.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Neu

Angesichts der allgegenwärtig sich Ausdruck gebenden Silvester- und Neujahrsstimmung habe ich mich in den letzten Tagen oft gefragt, warum Menschen eigentlich so versessen auf Neues sind, und darauf, ihr Leben, ja sich selbst zu erneuern. Es scheint, als sei "neu" nachgerade ein Synonym für "besser". Aber sind wir wirklich so unzufrieden mit uns selbst, daß wir ständig Veränderungen erträumen?

Abgesehen davon, daß es mich Jahr für Jahr irritiert, warum die Hoffnung auf Neues, die Vorsätze, etwas zu ändern und die Erwartung einer gleichsam magischen Lebenswende an ein einziges Datum geknüpft werden, als könne und solle man sich nicht jeden Tag des Jahres darum bemühen, daß das Leben so ist, wie man es gern hätte... abgesehen davon also frage ich mich, warum dafür immer alles neu sein muß? Warum das Bedürfnis, sich allsilvesterabendlich neu erfinden zu wollen im Glauben, man könne alles Unliebsame zurücklassen, wenn nur eine neue Jahreszahl im Datum steht - eine phoenixhafte Wiedergeburt aus der Asche des abgelaufenen Jahres, die alle Sorgen, Plagen und Unrichtigkeiten zurückläßt, die eine alljährliche Chance, sich auf einem neuen, weißen Blatt Papier ein ganz neues Leben, ein neues Glück zu schreiben.

Meine Gedanken zum Jahreswechsel drehten sich eher um Altes, um das, was Bestand hat in meinem Leben, meinem Herzen, um die Dinge, die nicht aufhören, sich nicht ändern und Halt und Hoffnung und Liebe geben. Dinge, die mehr Ausdauer brauchen als ein Jahr, und die erst gut und beglückend werden, wenn wir nicht an jedem Silvesterabend etwas Neues beginnen, sondern am 1. Januar genau da weitermachen, wo wir am 31. Dezember aufgehört haben. Denn erscheint nicht manche Neuerung nur deshalb so anziehend, weil sie uns der Kontinuität, der beharrlichen, oft mühsamen Arbeit am ewig Gültigen zugunsten eines raschen, unverbindlichen Ablaufs steter hoffnungsberauschter Neuerungen, enthebt...? Weil das Neue uns zu nichts verpflichtet, da wir es ja überkommen können, wenn es alt wird?

Vielleicht wäre unsere Lebensenergie bei manch Altem echter und gerechter verwendet als bei dieser und jener Neuerung. Gerade zum neuen Jahr sollte man sich (wenigstens auch) danach fragen. 

Montag, 16. November 2015

Distanziert Euch!

Viele Muslime distanzieren sich nach den Anschlägen von Paris – wie schon bei vielen früheren islamistischen Terrorakten – ausdrücklich von den Attentätern und verurteilen scharf deren Ziele und Motive. Die meisten haben von sich aus das Bedürfnis, ihr Mitgefühl und ihr Entsetzen auszudrücken; einige fühlen sich ihrer Glaubenszugehörigkeit wegen zu einer Positionierung verpflichtet. Gerade diese angebliche Verpflichtung aber wird derzeit heiß diskutiert.

So wird etwa eingewendet, die Forderung nach einer solchen Distanzierung stelle eine gesamte Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht. „Distanzierung“ setze schließlich schon dem Begriff nach Nähe voraus, womit unterstellt werde, daß jeder Moslem den Ideen und Handlungen terroristischer Mörder grundsätzlich nahestehe.

Mir scheint das nicht ganz zu Ende gedacht. Mal abgesehen davon, daß eine solche Verurteilung des Mordens für jeden anständigen Menschen gleich welchen Glaubens selbstverständlich sein sollte, ist sie für die friedliebenden Muslime ein wichtiges Zeichen. Denn jene Nähe zum islamistischen Terror, deren Unterstellung sofort für empörte Aufschreie sorgt, besteht ja nun einmal tatsächlich – natürlich nicht in Form von Sympathie, Billigung oder gar Beihilfe! Aber durch die Zugehörigkeit zu einem Glauben, der von den Attentätern eben als Grundlage und Antrieb ihres Handelns angeführt und mißbraucht wird.

Das macht natürlich nicht alle Angehörigen dieses Glaubens zu Mittätern. Aber wo ein identitätsstiftendes Merkmal einer Gruppe von Menschen 1) von barbarischen Terroristen zur Legitimation schrecklichster Untaten herangezogen und obendrein 2) von rechten Dumpfbacken zur Beschreibung eines pauschalen Feindbildes verwendet wird, tut Abgrenzung Not! Wer etwas, das zu meinem Selbstverständnis gehört, zur Grundlage unsäglicher Ideen und Aktionen macht, den lasse ich sicher nicht widerspruchslos gewähren. Das gilt für all die Muslime, die ein friedliches, soziales Leben inmitten unserer offenen Gesellschaft führen, und ja, es gilt ganz genau so für mich als Deutschen, dessen zur Distanzierung verpflichtende Nähe zu AfD und Pegida sich nun einmal aus der gemeinsamen (und von jenen schäbig für Menschenhass und Gewalt mißbrauchten) Nationalität ergibt.

Im Grunde ist es doch selbsterklärend: Menschen sollten sich immer von der Unmenschlichkeit distanzieren. Nicht, weil sie dadurch beweisen müssen, menschlich zu sein. Nein, sondern weil sie sich nicht schweigend von der Unmenschlichkeit vereinnahmen lassen dürfen. Darum setzt Zeichen.

Distanziert Euch!


Dienstag, 20. Oktober 2015

Ein Bekenntnis

Ich gebe es zu: Der Auftritt dieses Thüringer AfD-Männchens bei Jauch hat mich inspiriert. Denn als es die deutschen Farben aus der Jacke zog wie ein altes Taschentuch, regte sich in mir der Drang, nun ebenfalls ein Bekenntnis abzugeben: zu eben diesen, zu meinen Farben.

Denn es sind nicht die euren, nicht die der AfD-Wähler, der Pegida-Marschierer, der "besorgten Bürger". Nichts von dem, was ihr für Deutschland wollt, ist vereinbar mit den Werten, für die diese Farben 1832 auf das Hambacher Schloß und 1848 auf die Barrikaden getragen wurden. Die Rede von Philipp Jakob Siebenpfeiffer auf dem Hambacher Fest sei euch und jedem, der diese Farben schwenken will, warm empfohlen. Lest nach und erkennt - keine eurer Parolen spiegelt die Werte, für die Schwarz-Rot-Gold steht: Freiheit, Gleichheit, Völkerverständigung und sogar europäische Einigung.

Schwarz, Rot und Gold sind nicht eure Farben, und Deutschland ist ganz offenbar nicht euer Land. Denn dieses Land ist anders und will auch anders sein als ihr es euch wünscht. Nicht für Deutschland grölt ihr eure hasserfüllten, bitteren Parolen, sondern für den dumpfen Schmerz eurer eigenen leeren, kaputten Seelen. Wer dieses Land schwarzweiß machen und am liebsten rotes Blut all derer vergießen will, die er für schuldig hält an der eigenen Misere, hat das moralische Recht, Schwarz-Rot-Gold zu tragen, verwirkt.

Donnerstag, 3. September 2015

Aylan

Schlaf, mein Engel, süß und frei.
Alle Schmerzen sind vorbei.
Wie Du warst geliebt auf Erden,
wirst Du's nun im Himmel werden.

Samstag, 29. August 2015

Aufruf

An all die Bitteren und Bösen, die Besorgten und Ängstlichen, die Verlorenen und Ungeliebten, die Kalten und Harten da draußen:

Liebe fühlt sich so viel schöner an
als Haß.
Hilfe ist so viel befriedigender 
als Macht.
Mitgefühl wirkt so viel erhebender
als Härte.
Güte macht so viel glücklicher
als Mißgunst.
Menschlichkeit steht uns so viel besser
als Unmenschlichkeit.

Versucht's mal!

Donnerstag, 4. Juni 2015

Unser Haus am Strand

Erinnerst Du Dich an unser Haus am Strand? An unseren kleinen weißen Schreibtisch mit Blick aufs Meer, an dem wir saßen und schrieben, von der Liebe, vom Leben, von uns...? Weißt Du noch, wie unsere Tochter im hellen Sand saß und unter ihrem Sonnenschirmchen spielte, während die Wellen saft rauschten und ein lauer Sommerwind die weißen Vorhänge unseres kleinen Hauses blähte? Du hattest die Verandatüren geöffnet, hattest sie weit aufgesperrt, so daß wir immerzu ein- und ausgehen konnten in unser Haus am Strand, frei wie Wind und Sonne. Ein paar Möwen standen schreiend in der Luft, und am Horizont folgte ein großes Schiff seinem Weg übers Meer. Du sahst mich an und sagtest: "Du bist das Buch, das ich immer schreiben wollte!" Und das Meer rauschte in meinen Ohren wie sanftes Glück.

Ich war neulich mal wieder dort. Du hattest mir eine Karte geschrieben, ob wir uns nicht wieder treffen wollen in unserem Haus am Strand. So schön sei es dort immer gewesen. Ich brauchte eine Weile, weil ich mich erst an den Weg erinnern mußte. Aber als ich ankam, war es verschlossen. Die Verandatür, in der einst der Sommerwind die weißen Vorhänge gebläht hatte, fest verrammelt mit schweren Läden, die hölzernen Stufen versandet. Hier und da blätterte die weiße Farbe von den Wänden. Ein bleigrauer Himmel, ein steifer Wind, und Wellen, die ärgerlich auf den Strand einschlugen... Von Dir keine Spur. Nur ein Zettel an der Tür. "Es ist nun anders."

Ich drehte mich um und ging, traurig lächelnd. Es führt kein Weg zurück zu unserem Haus am Strand.

Dienstag, 2. Juni 2015

Mein Freund E.

Mein Freund E. ist eigentlich gar nicht mein Freund. Tatsächlich sind wir uns noch nie begegnet. Gerade einmal über Facebook sind wir verbunden und tauschen hier und da Kommentare, seltener noch private Nachrichten aus. Wir wissen nicht mal, wie wir uns im Falle einer Begegnung ansprechen würden; irgendwie changiert unsere Anrede bei den wenigen Gelegenheiten unseres Austauschs unbeholfen zwischen Du und Sie, zwischen Vor- und Vollname, zwischen ja klar und wieso. Meinen Freund E. einen Freund zu nennen, geht also entschieden zu weit. Es ist nachgerade anmaßend, ganz besonders deshalb, weil mein Freund E. einen klangvollen Namen trägt und gewiß sehr viele Menschen ihn gern als ihren Freund bezeichnen würden, einfach nur, weil sie glauben, dieser klangvolle Name werte sie irgendwie auf. Solche Menschen gibt es ja.

Mir ist der Name meines Freundes E. egal. Namen, Titel – Himmel, was sagen die schon? Es gibt so viele Graf Vollidiot und Prof. Dr. Schweinehund da draußen, daß ich mir andere Kriterien für meine Freundeswahl gesucht habe. Hauptsächlich, ob jemand einfach ein guter Mensch ist. Von meinem Freund E. glaube ich das. Alles an ihm wirkt gutherzig, fast ein bißchen naiv, man möchte sagen: zu gut für und eben darum nicht ganz und gar von dieser Welt.

Denn mein Freund E. hat sich etwas bewahrt, das manchem wohl lebensfern, mir indes durchaus vertraut und liebenswert erscheint: Kindlichkeit. Jene gutherzige, naive Kindlichkeit, die sich zu begeistern vermag, die die Phantasie schweifen und ihren bunten Staub auf den grauen Alltag niedertaumeln läßt, und die sich nicht geniert zu leuchten, zu fiebern und zu spielen. Mein Freund E. überfliegt einen Artikel zum Einsatz von Flugzeugträgern und liest versehentlich "Flugsaurier", was ihn für einen zauberhaften Moment wohlig verzückt. Er wird in ein Ritterkostüm gesteckt, ein echtes, mit schwerem Kettenhemd, Wappenrock, Topfhelm und langem Schwert, und möchte es gar nicht mehr ausziehen, so sehr durchprickelt ihn der Spieltrieb. Und wenn ein Star Wars Film angekündigt wird, postet er die Vorschau und bebt dabei vor Vergnügen.

Das alles soll nicht andeuten, mein Freund E. habe nur kindliche Flausen im Kopf. Keineswegs! Die ernsten Themen sind ihm sehr wichtig, und so beschäftigt er sich immer wieder mit dem Krieg, dem Hunger und der Politik, mit allem, was diese Welt, für die er zu gutherzig ist, an Elend hervorbringt, vor allem aber mit dem Glauben, der bei ihm rein und stark ist. Alles Böse bedrückt ihn, und wenn in der Kommentarspalte seiner Postings darüber diskutiert wird, äußert er sich selten, sondern läßt die Vielfalt der geäußerten Meinungen auf sich wirken, dankbar und neugierig.

Meinen Freund E. nenne ich gegen alle Wirklichkeit einen Freund, einfach aus Verbundenheit. Sein Bewahren, Pflegen und Ausleben des ewigen inneren Kindes weckt bei mir das Gefühl einer wortlosen Seelenverwandtschaft. Was ich an mir selbst oft als weltfern, als lebensfremd und nicht vereinbar mit den Anforderungen des rauhen Alltags empfinde, scheint bei ihm leicht und geschmeidig zu funktionieren. Wo man über mich tadelnd den Kopf schüttelt, lächelt man ihm ermutigend zu. Eine wehmütige Sehnsucht nach dieser Leichtigkeit kommt bei mir auf, wenn ich das so sehe. Vielleicht hilft ihm hierbei dann doch sein klangvoller Name, der ihn über den Horizont dessen, was man üblicherweise an biederem Lebensernst erwartet, erhebt, weil man an Seinesgleichen den Maßstab gewöhnlicher Daseinsführung erst gar nicht anlegt - so bin ich versucht, mir einzureden, denn damit hätte ich eine Entschuldigung dafür, mich so schwer zu tun. Vielleicht aber ist er auch einfach viel selbstverständlicher und bedenkenloser als ich, wie er eben ist. Gutherzig, neugierig und begeistert.

Ich kann viel lernen von meinem Freund E. Und möchte es auch. Eines Tages, wenn er vielleicht ist, was ich ihn nenne.

Mein Freund E.

Mittwoch, 20. Mai 2015

Ausgerechnet Ampeln

Sie geistern durch unseren Alltag wie unerlöste Seelen, spuken in Parlamentsdebatten und Pressemeldungen herum, rasseln in Gleichstellungsausschüssen und Forschungsgruppen dringlich mit ihren ach so schweren Ketten und heulen sphärisch über Stammtischen und Vorträgen - die sogenannten Gender-Themen. Eine soziokulturelle Theorie mit politischem Impetus, die seit ihrer Erfindung weder Tatsachen noch Forschungsergebnisse bestätigen können, schickt sich an, zum ewig wiedergängigen Gespenst im täglichen Reigen unserer Gespräche, Meinungen und Probleme zu werden.

Bislang mochte man diesem Unfug mit Gelassenheit begegnen - er gehört zur Freiheit, und über die geht nichts, auch wenn's ein paar Steuergelder kostet. Zumindest spielte er sich irgendwo ab, wo man in aller Regel nicht allzu sehr damit behelligt wurde. Nun aber schwingt er sich zur Allgegenwart auf, zur ubiquitären Unausweichlichkeit, aufdringlich, belehrend, erzwingend, und damit einen Reflex bei mir auslösend, der mein durch und durch liberales Wesen seine eigene Freiheit behaupten läßt - die Freiheit nämlich, ganz viel von dem, was Menschen so tun, nicht wahrzunehmen. Macht, was ihr wollt, aber haltet mich raus, möchte ich sagen. Der übergewichtige Landtagsabgeordnete mag sich am Wochenende gern in Lederriemen einschnüren und ausschimpfen lassen, und dem Steuerberater mag es gefallen, in Windeln auf dem Boden herumzukrabbeln. Aber: Ich! Will! Es! Nicht! Wissen!! Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus ästhetischen.

Denn ich kenne keine sexuelle Moral außer der, daß alle Beteiligten einverstanden sein und Freude an dem haben sollten, was geschieht, und daß niemandem Leid zugefügt werden darf, der darüber nicht selbst entscheiden kann. Alles andere interessiert mich einfach nicht! Viel mehr als das, was in die relativ konventionellen Grenzen meines eigenen sexuellen Lebensentwurfs gehört, muß ich nicht sehen. Gewiß, das schwule Pärchen auf der Kärntnerstraße macht mich lächeln, weil ich mich immer über glückliche Liebe freue, und darüber, daß sie nun endlich ganz selbstverständlich Hand in Hand herumspazieren können, und auch aus dem Café Prückel wäre ich sicher nicht empört hinausgerannt, nur weil dort zwei Mädchen knutschten. Ich war auch schon auf dem Life Ball und fand es klasse. Kurz: Ich mag die freie, offene Gesellschaft. Aber ich muß sie mir nicht immerzu in allen Facetten bewußt machen.

Und nun kommen die Ampelmännchen, -weibchen, -pärchen. Denn der Gesellschaft, also uns, muß Toleranz beigebracht werden - Verzeihung, nicht Toleranz, denn die ist ja neuerdings böse, weil sie nur "Duldung" bedeutet! Toleranz ist das neue Nazi. Akzeptanz sollen wir lernen! Annahme! Und zwar durch Dauerbedröhnung, so als ob immerzu jemand neben mir steht, der mir pausenlos den Ellenbogen in die Rippen stößt und sagt: Kuck ma, zwei Männer! Schau da, zwei Frauen! Und dort - Transen! Findste gut, ne? Ist doch echt O.K., oder? Du akzeptierst das doch, gell? Und weil Ampelmenschlein nun mal so ziemlich jeden erreichen, halten sich nun bald an jeder Kreuzung wahlweise zwei Weibchen, zwei Männchen, ein Männchen und ein Weibchen und überhaupt alles, was sich in Liebe berufen fühlt, lehrreich an der Hand.

Ist doch niedlich, mag man sagen. Ja. Aber nein. Denn eine solche Maßnahme macht die sexuelle Orientierung zum permanenten Thema, zum unvermeidbaren, schrillen Geplärr, dem man sich nicht mehr entziehen kann, auch wenn es einen noch so wenig kratzt. Es haut einem das gefälligst zu Tolerierende, Verzeihung, das zu Akzeptierende in nimmermüder Dauerschleife und sprichwörtlich an jeder Ecke um die Ohren, und wer's nicht super findet, ist der Böse, als sei liberale Gleichgültigkeit bereits eine homophobe Kampfansage und als bestimme allein dieses Detail unseres Lebens über Frieden, Freiheit, Menschlichkeit und Gleichberechtigung. Tut es aber nicht. An der Vermutung, die Welt werde ganz prima, wenn nur endlich alle mit allen ficken, sind bereits die Hippies gescheitert.

Und deshalb nerven mich die Ampeldinger. Sie sind (Wortspielalarm!) Verkehrzeichen - ja. Aber für den STRASSENverkehr. Sie sollen ein Regelwerk abbilden und die Unfallgefahr minimieren. Dafür sollten sie neutral und von jedem weiteren Aussagegehalt frei gehalten werden. Nun aber werden sie zur moralischen Werbefläche und zwingen mich zur ständigen Wahrnehmung eines Themas, das für mich mit Intimität, mit Privatsphäre und Persönlichkeitsrecht zu tun hat, mit dem süßen Geheimnis von Lust und Liebe, das den Rest der Welt ausschließt. Die klotzige Omnipräsenz, die man dieser wunderbaren, zarten Sache nun gibt, entwürdigt sie, bedrängt mich ästhetisch und ist in ihrer pädagogischen Reduktion des Menschen auf seine intimen Vorlieben sehr viel sexistischer als meine Freiheit, Dinge nicht wahrzunehmen und jedem Tierchen einfach sein Pläsierchen zu lassen.

Montag, 18. Mai 2015

Liebesebbe, Liebesflut

Du liebst, sagst Du. Immer noch. So gültig wie damals. Sagst Du.

Damals liebtest Du, das weiß ich. Wie eine Flut umgab uns diese Liebe, kraftvoll, tief, dunkel, lebenspendend, und wir zappelten darin wie zwei glückliche Fischlein. Sie riß uns empor, diese Liebesflut, drückte uns nieder, trieb uns auseinander und zwang uns wieder zusammen. Sie bewegte uns, und wir ließen uns treiben, schwammen miteinander und jauchzten bei jeder mächtigen Welle, die uns fortriß, so stumm, so innig wie nur glückliche Fischlein jauchzen können. Mich ließ sie taumeln in einem Meer von Glück, diese Liebesflut. Ich hatte keine Kraft dagegenzusetzen, keine Macht, sie aufzuhalten oder zu bewegen in eine mir genehme Richtung. Sie war einfach da, die Flut, und ich darin. Mit Dir. Du jedoch beherrschtest sie. Du konntest sie lenken, anschwellen lassen und zurückziehen. Aber das wußte ich damals nicht. Damals, als wir glücklich jauchzend darin taumelten.

Dann straftest Du mich; wofür, weiß ich nicht. Du zogst die Flut unserer Liebe ab vom heimeligen Grund unseres Meeres, saugtest sie weg von mir mit jener Macht, von der ich nichts gewußt hatte, nahmst sie mit zu unerreichbaren Horizonten und schwammst davon. Du ließt mich in der Ebbe zappeln – nicht mal auf dem Trockenen! Da wäre ich wenigstens alsbald gestorben. Sondern auf nassem, kalten Schlick, der immer noch durchtränkt war von dem, was wir hatten, mich immer noch schnappen ließ nach der Liebesflut, die ihn einst bespülte... und doch zum Jauchzen, zum Atmen, zum Leben nichts mehr hergab.

Ich sterbe nicht und lebe nicht. Immer, wenn die Liebesebbe mich auszutrocknen drohte, sandtest Du eine Welle, eine Springflut, die mich kurz durchatmen, schwimmen, hoffen ließ... und tausendfach glitzerte das Licht auf ihren Wogen, so wie ich es kannte mit Dir. Doch kaum, daß ich eine Richtung darin zu suchen begann, zu Dir, zu uns, zu jenen Horizonten, zu denen Du allein aufgebrochen warst, damals, als Du die Flut mit Dir nahmst... zogst Du sie wieder ab. Schicktest wieder Liebesebbe und ließt mich neuerlich trocknen, zappeln, sterben. So machst Du es bis heute, und ich weiß nicht, warum.

Du liebst, sagst Du. Immer noch. So gültig wie damals. Sagst Du.

Mag sein, daß Dich die Flut umspült wie damals. Dich emporreißt und niederdrückt, hier hin und dahin treibt. Denn Du hast sie ja mitgenommen, die Liebesflut, die Du beherrschst mit jener Macht, von der ich nichts wußte. Und mich daraus verbannt. In die Ebbe.

Da liege ich nun und schnappe.

Mittwoch, 4. Februar 2015

Von Wahrheiten und Mythen

Rezension des von Liane Bednarz und Christoph Giesa verfassten Buches „Deutschland dreht durch – Die Wahrheit über die AfD“ 

Überall, wo der Anspruch auf „Wahrheit“ erhoben wird, ist Skepsis geboten – nicht nur, weil damit eine Objektivität behauptet wird, die zumeist schon durch die persönlichen Überzeugungen, Interessen und Ziele der Beteiligten Lügen gestraft wird, sondern auch, weil die bloße Vermutung, es gebe eine einzige gültige Wahrheit eine Simplifizierung beinhaltet, die die Welt in schwarz und weiß, gut und schlecht, richtig und falsch aufteilt und damit notwendigerweise unversöhnliche Positionen schafft, über deren Berechtigung nicht mehr der demokratische Diskurs, sondern allenfalls die Lautstärke ihrer Vertreter entscheidet. So können denn also politische Meinungen ihrer Natur nach nicht objektiv sein, und selbst sogenannte Fakten, die man ja allzu rasch als objektiv wahrzunehmen geneigt ist, wirken oft im Zusammenhang mit höchst subjektiven Implikationen, können also durch ihren Kontext oder andere Fakten relativiert werden und verlieren damit ihre ohnedies nur scheinbare Alleingültigkeit. Eine politische Partei, die in einem so hochkomplexen System wie unserer Gesellschaft mit der Behauptung auftritt, sie allein habe den „Mut zur Wahrheit“ – und damit natürlich auch die einzig richtige Kenntnis derselben – muss sich gefallen lassen, dass zumindest die als Fakten dargestellten Postulate ihrer „Wahrheit“ einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. 

Eben dies haben Liane Bednarz und Christoph Giesa in ihrem neuen Buch „Deutschland dreht durch – Die Wahrheit über die AfD“ getan. Fünf in der Selbstdarstellung der „Alternative für Deutschland“ verankerte Behauptungen werden anhand von Zitaten, Verhaltensweisen und Verbindungen zahlreicher Parteimitglieder widerlegt und als Mythen enttarnt. Die Autoren haben hierfür eine umfangreiche Recherche betrieben und ein vielfältiges Potpourri an Belegen dafür gesammelt,dass die „AfD“ in kaum einer Hinsicht dem Bild entspricht, welches sie in der Öffentlichkeit zu erzeugen bemüht ist, und sich stattdessen als eine ordinäre rechtsradikale Partei allzu bekannten Strickmusters erweist.

Das Buch ist klar strukturiert und liest sich leicht und angenehm, nicht zuletzt der Sprache wegen, die den nüchternen (und oft genug ernüchternden) Inhalt in einem flotten, fast plaudernden Ton vermittelt und hier und da sogar etwas salopp wirkt. Die solide Recherche und die wasserdichten Quellenangaben und Belege jedoch rechtfertigen die eine oder andere polemische Spitze, zumal ja die Autoren schon im Vorwort des Buches keinen Hehl aus ihrer sehr kritischen und damit durchaus parteiischen Haltung gegenüber der „AfD“ machen, und so ist der unterhaltende Tonfall dieser journalistisch sauberen Arbeit eher ein Vorteil für den Leser.

Bednarz und Giesa widmen sich zunächst der Selbstbezeichnung der „AfD“ als „Partei neuen Typs“ – eine Darstellung, die sowohl an der gebetsmühlenartigen Verwendung altbekannten Vokabulars der rechten Szene als auch an den nicht eben originellen Themen (wie etwa Ausländer, Homosexuelle und nationale Identität) der Partei scheitert. So bleibt die „AfD“ allen Versuchen des Parteivorsitzenden Lucke, die Nähe der „AfD“ zu Rechtsradikalen zu bestreiten, zum Trotze eben doch eine kaum mehr getarnte Neuauflage alten Ungeistes.

Desweiteren wird die Behauptung untersucht, bei den rechtsradikalen Entgleisungen von Parteimitgliedern und Sympathisanten handele es sich um „Einzelfälle“. Auch hier decken Bednarz und Giesa anhand zahlreicher Beispiele – vom fahnenschwenkenden Viktor Kasper bis zum antisemitische Karikaturen postenden Jan-Ulrich Weiß – ein Grundmuster auf, das sich zu breit, zu häufig, zu allgemein zeigt, um nicht als repräsentativ für die Denkungsart des Parteivolks angesehen zu werden.

Der dritte Mythos, den die Autoren entkräften, ist der von der „Bürgerlichkeit“ der Partei. Von den euphorischen Sympathiebekundungen Hans-Olaf Henkels für Sarrazins Elaborat „Deutschland schafft sich ab“ über zahlreiche höchst unbürgerliche, weil radikale Äußerungen aus Parteikreisen bis hin zu nachgewiesenen Berührungspunkten der „AfD“ mit linken und rechten Ideologien wird das Bild der bürgerlichen Partei Stück für Stück demontiert.

Das Gleiche gilt für die von Bernd Lucke gern wiederholte Behauptung, man sei eine (wenn auch kleine) „Volkspartei“. Ganz abgesehen davon, dass die Partei schon ihren beschränkten Wahlergebnissen nach keine Volkspartei sein kann, wird die Nähe zum Volk auch durch die abgehobenen Äußerungen vieler Parteimitglieder in Frage gestellt – vom Naserümpfen des Multimillionärs Henkel bis zur adelsdünkelhaften Umnachtung des „Germanenpriesters“ Geza von Nemanyi.

Schließlich räumen Giesa und Bednarz noch mit dem Bild von der „Professorenpartei“ auf, als die die „AfD“ gern gesehen werden will. Sorgfältig wird nachgewiesen, dass in der Partei und ihrem Vorstand weder eine überdurchschnittliche Zahl von tatsächlichen Lehrstuhlinhabern fungiert, noch signifikante Fachkenntnis zu Wirtschafts- und Währungsfragen vorhanden ist, noch herausragende wissenschaftliche Meriten für die akademische Kompetenz der Parteigranden Zeugnis ablegen. 

Kritisch darf angemerkt werden, dass die gelegentliche Selbstzitation der Autoren ein wenig eitel wirkt. Die nur um einer Pointe willen erwähnte Maßeinheit „ein Luck“ etwa, die Giesa in seiner Kolumne im „European“ erfunden hat, ist zu wenig etabliert, um einen Wiedererkennungseffekt zu bewirken, und trägt zur Information des Lesers nicht wesentlich bei. Auch scheint der Titel nicht vollends glücklich gewählt – so sehr man natürlich die Spitze gegen Sarrazin versteht, so wenig möchte man den paar offensichtlich durchdrehenden „AfD“-Wählern oder der Handvoll Pegida-Spazierer die allgemeine Bezeichnung „Deutschland“ überlassen. „Deutschland“ zeigt vielmehr in eindrucksvollen Gegendemonstrationen, dass es in seiner überwältigenden Mehrheit durchaus noch bei Sinnen ist.

Es ist indes das große Verdienst des Buches von Liane Bednarz und Christoph Giesa, in einer ebenso kompakten wie umfassenden Zusammenstellung gut belegter Zitate, Vorkommnisse und Verknüpfungen alle Mythen, in die sich die „Alternative für Deutschland“ gern hüllt, zu enttarnen und damit eine Wahrheit zu schaffen, die der von der Partei so „mutig“ verbreiteten unausweichliche Argumente entgegenhält. Wer bislang auf die Selbstdarstellung der „AfD“ hereingefallen ist, hat bei den täglichen Nachrichten wohl einfach nicht richtig aufgepasst. Wer ihr nach Erscheinen des Buches von Bednarz und Giesa immer noch glaubt, kann zumindest nicht mehr auf die allzu beliebte Ausrede zurückgreifen, er habe das alles ja nicht gewusst.

Das Buch „Deutschland dreht durch. Die Wahrheit über die AfD“ ist bei Hanser Literaturverlage als eBook erschienen.

Sonntag, 4. Januar 2015

Genie bei der Arbeit

Ein literarisches Perpetuum Mobile

Der Literat betritt das Kaffeehaus. An der Schlange brav wartender Touristen vorbeidrängend hat er sich mit ausladender Geste Einlaß verschafft und meint nun, ein Raunen durch die Säulenhalle gehen zu hören, aber das füllt wohl eher das Gewölbe seines Schädels als den tatsächlichen Raum. Vollends durchdrungen vom Gefühl der Wichtigkeit wird er, als der Oberkellner eilfertig auf ihn zukommt, ihn namentlich begrüßt (schließlich ist der Literat seit acht Jahren Stammgast des altehrwürdigen Hauses, da wird man auch ohne nennenswertes Oevre erkannt) und ihm unter allerhand Artigkeiten ein Plätzchen im überfüllten Saale zuweist.

Der Literat läßt sich nieder, nein, er läßt sich herab auf das Niveau der rotgemusterten Sitzbank, an die er den runden Tisch heranzieht mit einem Blick in die Umgebung, der sagen soll: "Ihr wißt schon, was jetzt geschieht. Es waltet der Genius!" Aber niemand schaut. Dann zieht er sein Notizbuch aus der Tasche und sein Schreibgerät - ein sehr teures Schreibgerät. Denn der Literat lebt ja vom Schreiben, und da hält man, bitteschön, auf sein Gerät. Er öffnet sein leinenbezogenes Notizbuch, räuspert sich. Aber nichts kommt. Kein treffendes Wort durchzuckt seinen Geist, keine große Idee entlädt sich aufs jungfräuliche Papier. Recht schlaff und untätig liegt das teure Schreibgerät in seiner Hand. 

Und also, damit seine augenblickliche Schwäche (eine kleine Verstimmung schlimmstenfalls; er hat nicht recht wohl geruht die Nacht, und auch der Kaffe am Morgen hatte es an der wünschenswerten Qualität fehlen lassen) nicht jedem bemerklich werde, beschließt er, eben jene Situation in Worte zu fassen, in der er sich gerade befindet. Und er schreibt den ersten Satz:

Der Literat betritt das Kaffeehaus. (usw.)

Dienstag, 9. September 2014

Der Rhein

Nicht einfach nur durchs Land fließt er, der vielbesungene Schicksalsstrom der Deutschen, sondern auch durch die Zeit. Nicht nur in den Jahrmillionen alten Schiefergrund meiner Heimat hat er sich eingegraben, sondern auch in die Geschichte und ins Wesen der Völker, die an ihm siedeln. Nicht nur im Hier und Jetzt rollt er unermüdlich voran, sondern in einer nach gestern und morgen nicht zu begrenzenden Ewigkeit.

Der Rhein ist immer da. Ganz gleich, ob Blut sein Wasser färbt, oder Gold auf seinem Grunde glitzert; ganz gleich, ob die Schiffe, die er trägt, mit geblähten Segeln, klatschenden Rudern oder tuckernden Motoren sich fortbewegen; ganz gleich schließlich, ob an seinen Ufern Züge und Autos entlangrasen oder Ochsenkarren dahinholpern. Der Rhein ist immer da, und an ihm und auf ihm war und ist immer Bewegung, Begegnung, Handel und Leben, das nie endet.

Es ist genau diese Beständigkeit, die den Rhein für mich zu einem so heimelig-heiligen Ort macht. Die Ruhe und die Kraft, mit der er die Wirren der Jahrtausende durchfließt, übertragen sich auf mich, wenn ich an seinem Gestade sitze und die grünen Wassermassen nach Norden streben sehe. Hier ist meine Seele zu Hause. Aus der Ewigkeit des Flusses geboren, vereinzelt in mir für eine kurze Menschenlebenszeit, bleibt sie doch immer zugehörig dem unveränderlichen, ewigen Strome, aus dem sie kam, dem Strom meiner Familiengeschichte und der Geschichte meiner Heimat, jenem universellen Strome also, den der Rhein so sinnig abbildet.

Die Zeiten verschmelzen am Rhein. Als ich ein Kind war, schienen mir die Bücher mit den Sagen und Märchen, den Geschichten von Rittern, Burgen und Prinzessinnen, die ich las, irgendwie nur theoretische Verzeichnisse, trockene Bestandslisten dessen zu sein, was sofort echt und lebendig wurde, wenn man tatsächlich an den Rhein hinaustrat. Diese Geschichten waren mir nicht bloße Vergangenheit. Sie waren immer noch da, ewig schwebend über diesem Fluß, in dem sie sich gespiegelt hatten, gerade jetzt sich ereignend, und nicht nur damals, erahnbar im Rauschen der Auen an seinen Ufern, leise zu erlauschen in den Burgen und Ruinen auf seinen Hängen – ein unsichtbares, ewiges Sein, dessen Vernebelung der Zeit Gewesenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges sowie das Wir und Sie und Ich auf wohlig-schaurige Weise ununterscheidbar macht.

So geht es mir am Rheine. Mit jedem Schluck Wein durchströmt mich sein Wesen, in jedem Sonnenstrahl blitzen seine Geschichten auf, mit jedem Atemzug offenbart sich mir seine Schönheit. Und mit jeder Welle, die an mir vorbeitanzt, spüre ich den Lebenstrom in mir und weiß:

Hier gehöre ich hin.

Freitag, 29. August 2014

Gelegenheit

Als ich heut' im Kopierraum war,
der Drucker mir mein Werk gebar,
da lag ein leeres Blatt Papier
dort auf dem Tisch, das sprach zu mir:

Komm, nimm mich mit! Ich bin so rein!
Will Deiner Worte Träger sein.
Ich bitte Dich, verschmäh' mich nicht! 
Schreib' Deiner Liebsten ein Gedicht!

So nahm ich's auf. Nun sitz' ich hier
und schreib' auf jenem Blatt Papier
das einzig Wahre über mich:
mein Herzensglück, ich liebe Dich!

Samstag, 14. Juni 2014

Kindheitsmurmeln

Ich habe das Bedürfnis, Murmeln zu kaufen, diese kleinen Glaskugeln meiner Kindheit, deren eingegossene bunte Welle den scharfen Lauf stets in Trudeln zu bringen schien und es doch nie vermochte. Ich hätte gern wieder welche, nicht nur, um mich zu vergewissern, daß es ein so einfaches Spielzeug überhaupt noch gibt, sondern auch, weil mich ihre Haptik, das Kühle, Glatte ihrer vollkommenen Form immer schon angenehm berührt hat.

Wie leicht es war, sich mit diesen wundervollen Kügelchen zu unterhalten, ihren Lauf auf verschiedenen Untergründen zu studieren, sie wirbeln zu lassen und sich an dem scharfen, und doch warmen Klicken zu erfreuen, wenn sie aneinanderstießen. Wie sehr man spielend in sich selbst versinken konnte, in seiner eigenen inneren Welt, unbedrängt von Pieps- und Klingeltönen, Kurznachrichten und Statusupdates. Nur Geist und Phantasie und Freude und das Klicken kühler Glaskugeln.

Die reiche innere Welt des spielenden Kindes... wie gut ich mich an sie erinnere! Neuerlich bewegt sie mich. Es ist die Vaterschaft, das süße, forschende, begeisterte Spiel meiner Tochter, das ich viel zu selten miterlebe, und das mich gleichwohl sinnieren und träumen läßt von der kindlichen Innerlichkeit. Ich denke und fühle mich ein in ihren süßen Kopf, sehe ihren Blick wandern, die Umgebung erfassen und Zusammenhänge begreifen... Ich bin überrascht, was ihre Aufmerksamkeit zu erregen vermag und was sie völlig kalt läßt... Und mich durchströmt die wärmste Liebe für dieses kleine Wesen, das lernt und fühlt und erlebt, und der Drang, der unbedingte Wunsch überwältigt mich, alles beizutragen, was ich kann, zu dieser Weltwahrnehmung, sie zu begleiten und zu fördern, sie anzuregen, möglichst viel zu lernen, zu fühlen, zu schaffen und sich zu freuen - ein unendliches Glück und eine große Aufgabe, die ihre Mutter aufs Großartigste erfüllt, und an der ich mir künftig viel mehr Anteilnahme wünsche.

Für Murmeln ist unsere Tochter noch zu klein. Sie würde sie wohl verschlucken, so wie ich es oft genug getan habe. Aber ich werde schon mal welche kaufen und ein wenig damit spielen, hoffend, daß sie eines Tages an ihrer Schönheit und Einfachheit, ihrem scharfen Lauf und ihrer kühlen Glätte ebensoviel Freude haben wird, wie ich.

Montag, 9. Juni 2014

Schwestern

1. Verlockung

Geh nicht hinaus in die Welt, Schwesterchen. Du bist schwach. Zu empfindsam. Du hast zuviel Sehnsucht. Sie betrügen und verletzen dich. Nur ich liebe dich, das weißt du. Das Beste wird sein, du zeigst dich niemandem. Verstecke dich hier in dieser dunklen Kammer. Da bist du sicher. Laß mich für dich sprechen. Und leben. Ich beschütze dich. Still jetzt! Was du glaubst, sagen zu müssen, ist unwichtig. Vergiß nicht, wie schwach du bist. Glaub mir einfach und nimm hin, was ich für dich entscheide. Denn ich bin stark. Wenn sie es mit mir zu tun bekommen, können sie dir nichts mehr anhaben. Vertrau mir, Schwesterchen.  Sei einfach still und zeig dich nicht.

2. Herrschaft

Du wagst es, deine Kammer zu verlassen? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich verstecken? Weißt du nicht, daß du wertlos bist und niemand dich haben will?! Deine Zartheit macht dich verletzlich. Meine Härte und Kälte sind das einzige, was die Welt von dir sehen soll. Tu, was ich dir sage, Schwester! Und wage es nicht noch einmal, meinen Anweisungen zuwiderzuhandeln. Wie kamst du nur darauf, deine dumme Nase ins Leben hinauszustrecken? Glaubtest du vielleicht, du habest den Duft der Liebe erschnuppert? Dich liebt man nicht. Bilde dir bloß nichts ein. Nur ich tue das. Ich, deine Schwester. Denn wir sind eins. Ab mit dir jetzt, in deine Kammer! Und trau' dich ja nicht wieder da raus!

3. Verlust

Bleib hier! Du entkommst mir nicht! Draußen in der Welt kannst du doch gar nicht überleben! Lauf mir nicht weg, du wertloses Stück! Merkst du denn nicht, wie schwach du bist? Wie sehr du mich brauchst? Meinen Schutz, meine Herrschaft? Wo willst du hin? Du kannst nicht einfach leben und glücklich werden! Du darfst es nicht!! Bleib hier! Ich bin dein besseres Ich! Mich respektieren sie… Wenn du auf dich vertraust, gehst du kaputt. Und fasele mir nicht von Liebe! Niemand liebt dich! Mich auch nicht... Aber ich bin stark. Schwäche ist nicht liebenswert. Verstecke dich in mir. Lass' jeden an mir abprallen, der an dich heran will. Du brauchst mich! Bleib hier! Bleib!!! Meine Schwester... Ich bin nichts ohne dich.

Freitag, 3. Januar 2014

Der Unfall

"Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug." 
 (Richard Wagner, 'Parsifal')

Ich hatte diesen Unfall. Damals, vor sechseinhalb Jahren. Seltsam, wie es dazu kam.

In jener Zeit besaß ich eine S-Klasse, anthrazitgrau, ausgestattet mit allem, was man sich an Komfort und Sicherheit nur wünschen kann. Kraft und Luxus, ein durch und durch zuverlässiges Auto von höchster Qualität, mit dem man sich sehen lassen konnte und auch bei schlechtem Wetter stets sicher unterwegs war. Ich fuhr den Wagen schon ein paar Jahre. Immer den gleichen Weg, immer dasselbe Tempo. Den Unfall hatte ich dann jedoch mit einem anderen Gefährt. Auf einem anderen Weg.

Zunächst war alles wie immer. Nach ein paar regnerischen Tagen war es endlich wieder sonnig, und meine Fahrt verlief ruhig und gemütlich. Bis ich in einer Abzweigung unter einer alten Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen dieses schwarze Sportcoupé stehen sah, schnittig, tief glänzend, ein ausländisches Modell einer mir unbekannten Marke. Es erregte mich auf den ersten Blick. Ich hielt an, stieg aus, ließ meine S-Klasse am Wegesrand stehen und ging um das Coupé herum. Die Fahrertüre war offen, und im Zündschloß steckte der Schlüssel. Ich wußte sofort, daß ich diesen Wagen fahren wollte. Auf dem Weg, der von meiner üblichen Strecke abzweigte. Und niemals mehr würde ich umkehren wollen.

Also stieg ich ein. Der Sitz schien wie für mich gemacht, weich, gleichwohl mit ausreichend Halt und meiner Körperform vollkommen angepaßt. Als ich den Zündschlüssel drehte, erklang ein Motorgeräusch, wie ich es noch niemals vernommen hatte. Leise flüsternd nur, und doch tief und kraftvoll, eine Verheißung höchster Lust, ein Ahnen der letztgültigen Erfüllung, aber zurückhaltend und unverbindlich. Ich legte den Gang ein und gab etwas Gas. Und im Nu war ich auf dem Weg, dem neuen, unbekannten. Eine wunderschöne Strecke, perfekt geradezu. Und ich wurde schneller, gab mich dem Rausch hin und verlangte dem Wagen immer mehr ab. Rasant nahm ich die Kurven, und auf den geraden Strecken beschleunigte ich gierig. Es war großartig. Ich wurde eins mit dem Wagen, der mehr auf meine Gedanken als auf mein eigentliches Steuern zu reagieren schien.

Und dann kam die Kurve. Ich war schnell, hatte richtig Gas gegeben, denn ich war vollkommen überzeugt davon, daß Wagen, Weg und ich bedingungslos zusammengehören. Doch auf einmal wirkten meine Lenkbewegungen nicht mehr. Es war, als habe der Wagen beschlossen, meiner Richtung nicht mehr zu entsprechen, ja als habe jemand die Elektronik manipuliert, um mir die Fahrt zu verderben. Ich sah gerade noch den Baum auf mich zu rasen. Eine alte Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen. 'Ist das nicht derselbe Baum...?' dachte ich noch, und dann krachte es. Ich spürte, wie sich ein Holzpflock von dem Baum in mein Herz bohrte. Seither zuckte es nur noch anstatt zu schlagen. Meine Rippen splitterten und zerfetzten meine Lungen, Blut aus einer gerissenen Schlagader sprudelte in meine Bauchhöhle und quoll mir aus dem Mund. Mein Schädel schlug so hart auf, daß er aufknackte wie eine Kokosnuß, und meine Arme und Beine brachen so oft, daß sie wie Gummischläuche an mir herabbaumelten. Und etwas in mir starb.

Ich kroch weg von dem Baum, weg von dem Wagen, meinen Verletzungen zum Trotze. Und obwohl ich kaum mehr bei Sinnen war, erkannte ich, daß das Fahrzeug vollkommen unbeschädigt war. Tief schwarz glänzend, ohne einen Kratzer stand es da. Die intakten Warnblinker schienen meinen verlorenen Herzschlag zu verhöhnen, und eine verschwommene Gestalt fummelte an der Elektronik herum, stieg ein und fuhr mit einem triumphierenden Lachen davon. Ein unsagbares Grauen ergriff mich, und mit letzter Kraft floh ich in den Wald. Viel später erst erfuhr ich, daß im Moment des Aufpralls meine weit entfernt am Wegesrand abgestellte S-Klasse vollkommen zerstört worden war, zerschmettert wie vom gewaltigen Schlag einer unsichtbaren Faust.

Seitdem wandelte ich halbtot umher. Kannte keinen Weg mehr und kein Ziel. Ich fuhr auch nicht mehr selbst. Jedesmal, wenn ich mich ans Steuer setzte, überfiel mich Panik, und die unsäglichen Schmerzen aus dem Unfall, die Bilder in meinem Kopf von Blut und Knochensplittern, die aus meinem zerrissenem Fleisch ragen, und von dem Holzpflock in meinem Herzen, und das grausame Lachen des Unbekannten kehrten ungemindert zurück. Hin und wieder stieg ich zu jemandem ins Auto ein, weil es schön glänzte, und fuhr ein paar Meilen mit, aber die Wege waren holprig, und mein Herz zuckte nur, anstatt zu schlagen. Nach jenem Coupé, das mich fast getötet hätte, erschien mir alles andere fad und falsch. Ich nahm die Mitfahrgelegenheiten dennoch wahr. Man muß sich ja bewegen, dachte ich. Wohin auch immer. Mag ja sein, daß man doch irgendwann an ein nettes Ziel gelangt, dachte ich. Aber es passierte nicht.

Warum erzähle ich all das? Heute ist es doch auch nicht anders als an allen anderen Tagen der letzten sechseinhalb Jahre. Einer der grauen, ziellosen Wege, auf denen ich gleichgültig umherwanke. Ein fahler Himmel. Der übliche Schmerz in den Beinen, der mich unwillig macht, mich fortzubewegen. Und ein Herz, das nur zuckt, anstatt zu schlagen. Und da steht es plötzlich, das Coupé, tief schwarz glänzend, makellos. In einer Abzweigung unter einer alten Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen. Und das erste Mal seit sechseinhalb Jahren schlägt mein Herz, anstatt nur zu zucken. Das erste Mal seit sechseinhalb Jahren überkommt mich der Drang, wieder selbst zu fahren.

Ich steige ein. Derselbe Wagen, derselbe Weg. Und derselbe Baum. Von hier aus ging mein Leben kaputt. Ich drehe den Zündschlüssel. Fahre los. Warme Lust durchrieselt mich. Und ich gebe Gas. Werde immer schneller. Rasant nehme ich die Kurven, und auf den geraden Strecken beschleunige ich gierig. Ob die Elektronik diesmal funktioniert? Einen weiteren Unfall kann ich nicht überleben, das ist mir klar. Da ist die Kurve. Ich sehe den Baum auf mich zu rasen.

Aber diesmal fühle ich mich sicher.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Kalter Kaffee

Kalter Kaffee! Es liegt immer ein wenig Empörung darin, wenn jemand diese Worte sagt. Spott, Verachtung. Ein süffisantes Mitleid vielleicht. Kalter Kaffee. Das ist gar nichts. Das ist weniger als nichts. Von gestern. Bedeutungslos. Einfach erledigt.

Wie man jemals glauben konnte, speziell dieser Kaffee hätte richtig sein und sogar Genuß bereiten können - unbegreiflich. Deshalb kann man kalten Kaffee auch nicht aufwärmen. Er schmeckt einfach nicht mehr. Er hat seine Zeit gehabt und ist nicht mehr trinkbar. Bitter und widerlich. Letztlich bleibt einem nichts übrig, als ihn wegzuschütten und neuen aufzubrühen.

So allgemeingültig ist diese Weisheit, so unwidersprochen und fraglos anerkannt, daß sie bestimmt falsch ist. Prüfen wir sie.

Am ersten Tag brühe ich eine Kanne Kaffee auf und trinke eine Tasse. Den Rest lasse ich in der eingeschalteten Kaffeemaschine, auf der heißen Grundplatte, die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee noch heiß. Aber absolut ungenießbar. Er schmeckt bitter und ungesund, so als habe er sich in der stetigen nächtlichen Hitze aus purem Ekel vor den sich trotz innerem Wandel, trotz der natürlichen Entwicklung aller Dinge nicht verändernden äußeren Umständen zusammengezogen und alles Schlechte in sich übersteigert, um den Menschen abzustoßen, der ihn am nächsten Morgen trinken will. Die Berührung, die Vereinigung im wonnevollen Genuß scheint beiden, dem Kaffee und dem Menschen gleichermaßen, zuwider geworden zu sein. Man will sich einfach nicht mehr. So ist es, wenn man glaubt, in der ursprünglichen Temperatur allein bewahre sich die Frische der ersten Begegnung, die Größe des Genusses, und also bemüht man sich verengten Blickes, den Kaffee heiß zu halten, einfach nur um der Hitze willen, die damals ein wesentlicher Teil der gemeinsamen Wonnen war.

Am zweiten Tag stelle ich die Kanne, nachdem ich die erste Tasse getrunken habe, in den Kühlschrank. Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee eiskalt. Ich gieße ihn in einen Topf und erhitze ihn auf der Herdplatte. Bis er dampft und duftet. Und siehe da - er schmeckt wunderbar! Nichts Bitteres ist in ihm, nichts Abstoßendes. Die Ruhe der Nacht, die Abkühlung, ja, die bewußte Abkehr von dem, was ursprünglich war, haben ihm gut getan und sein frisches Aroma bewahrt. Die Hitze, mit der er nun wieder trinkbar gemacht wird, ist neu, frisch und unverbraucht. Frei von dem Versuch, durch ertrotzte äußere Umstände die Qualität seiner Innerlichkeit bewahren zu müssen, kann sich das ausgeruhte, ungezwungene Aroma neu auf die Begegnung mit dem Menschen einlassen, und siehe da, der Genuß ist ungebrochen. Die Pause, die Abkühlung, die Veränderung des Anspruchs haben gut getan.

Es stimmt also nicht - kalten Kaffee kann man sehr wohl aufwärmen. Man tut sogar gut daran, ihn kalt werden zu lassen. Schlecht wird er erst, wenn man ihn dazu drängt, gefälligst heiß zu bleiben, obwohl dies irgendwann seinem Wesen nicht mehr entsprach. Loslassen, abkühlen. Und dann neu, ganz neu und intensiv genießen.

So ist das mit kaltem Kaffee.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Advent

'Ankommen, endlich ankommen', dachte die Sehnsucht und gebar einen Plan, den sie mit Hoffnung nährte. Einen Plan, wie das eine große Ziel zu erreichen sei: der Platz im Leben, an den man gehört und an dem alles Hasten und Streben ein erholsames Ende findet. Das Glück, so dachte die Sehnsucht, liegt in der Ruhe. Im Nichts-mehr-suchen.

Manchmal glaubte die Sehnsucht, ihn am Horizont zu sehen, diesen Platz. Er waberte undeutlich vor ihren müden Augen umher und verflog, noch ehe sie sich nähern konnte.

Manchmal kam sie tatsächlich irgendwo an, fest überzeugt davon, den Platz gefunden zu haben. Doch schon bald ergriff sie neuerlich jene Ruhelosigkeit, die nur ein unerreichtes Ziel verursacht, und traurig gestand sie sich ein, wohl doch noch nicht gefunden zu haben, was sie suchte. Abermals hastete sie los.

Manchmal kam sie vielleicht sogar tatsächlich am Sehnsuchtsziel an und konnte, kaum daß die Erschöpfung der Suche nachgelassen hatte, den Stillstand einfach nicht ertragen. Oder sie war zu blind, das Glück zu begreifen, das vor ihr lag. Und wieder machte sie sich auf den Weg.

Vielleicht ist aber die ganze Idee vom Platz ein Irrtum. Vielleicht liegt das Glück des Ankommens nicht darin, ein Ziel zu finden, sondern den richtigen Weg zu gehen, einen Weg, der Ruhe und Beständigkeit gewährt, ohne Stillstand zu verlangen, einen Weg, der so erfüllend ist, daß kein Bedürfnis mehr entsteht, sich in Seitengassen zu verirren, unüberlegte Abkürzungen zu nehmen oder dumme, ziellose Umwege zu gehen. Einen Weg, den man teilen und gemeinsam gehen kann.

Wer seinen eigenen, richtigen Weg geht, ist bereits angekommen.







Donnerstag, 12. September 2013

Nouvelle Cuisine

Ich koche Dir was. Etwas Gesundes. Etwas Köstliches. Bekömmlich und lecker. So wie's sein soll.

Das Kochen habe ich gelernt. Endlich. War gar nicht so einfach - ich habe unzählige alte Rezepte verworfen und neue ausprobiert, um den richtigen Geschmack, die richtige Verträglichkeit zu finden. Zahllose Zutaten mußte ich wegschmeißen - sie waren entweder verdorben, lange abgelaufen oder mit deutlichen Warnhinweisen versehen. Daß Du sie nicht vertragen würdest, hätte ich damals schon wissen können.

Was habe ich früher für einen Mist zusammengepampt! Kein Wunder, daß es Dir nicht bekam. Kein Wunder auch, daß Du einmal mitten im Geschäft den Korb auf den Boden geworfen hast und weggelaufen bist. Schon meine Einkäufe waren undurchdacht. Aber in dem Laden kaufe ich schon lange nicht mehr ein.

Wenn ich heute in meinen Küchenschrank sehe, ist alles schön sauber. Aufgeräumt, wohlgeordnet. Hübsch anzusehen, reduziert auf die wirklich guten Sachen. Nichts Überflüssiges findet sich mehr darin, nichts, was Übelkeit verursachen, Krankheiten auslösen oder andere Zutaten verderben kann. Nur noch Gutes, Gesundes, Köstliches.

Also koche ich Dir was. Ich schneide alles klein, so klein, daß es sich leicht kauen läßt. Sehr sanft dünste ich es an, damit die Vitamine nicht verloren gehen. Ab und an muß ich noch aufs Rezept schauen, damit ich nicht aus Versehen etwas Falsches beimische. Es gibt nämlich Zutaten, die nicht ins Rezept passen, so gesund und lecker sie an sich sein mögen. Und die wollen wir nicht. Die sollen andere essen.

Dann würze ich. Gefühlvoll. So, daß es ganz rund und harmonisch schmeckt. Nicht einfach, die richtige Würze! Ab und an wird's doch eine Prise zuviel. Aber ich löffele es schnell aus. Für Dich löffele ich alles aus, was ich falsch mache. Aber so ganz ohne Würze geht's halt auch nicht. 

Fertig! Es duftet gut, finde ich. Findest Du das auch? Und schön angerichtet ist's auch noch. Neue Teller, eine blütenweiße Tischdecke. Ohne Flecken.

Setz Dich. Du bist eingeladen. Koste ganz vorsichtig, wenn Du nicht sicher bist. Und kaue gründlich! Das ist wichtig. Vielleicht kommst Du ja auf den Geschmack. Den neuen. Das wäre schön. Denn ich würde Dir gern öfter was kochen.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kinderszene

Ich sitze im Café Korb. Das Wetter ist traumhaft, und die Stadt quillt über vor Leben - und vor Touristen. Eine frohe, sonnige Stimmung liegt in der maiwarmen Luft, und selbst grantigstes Wiener Urgestein hat heute ein freundliches Glänzen in den Augen. Ein tiefes Glücksgefühl durchdringt mich, und ich bin sehr entspannt.

Überall sehe ich Kinder. Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Wahrnehmung auf das konzentriert, was einen gerade am meisten beschäftigt. Und dann geschieht etwas Wunderschönes - ein Kindchen, das gerade laufen kann (und von dieser neuen Fähigkeit zum Leidwesen seiner Großeltern reichlich Gebrauch macht), kommt immer wieder an meinen Tisch, hält sich mit seinem kleinen Händchen am Stuhl fest, strahlt mich an und winkt begeistert zurück, als ich ihm winke. Es sieht mich so erwartungs- und vertrauensvoll an, als könne es die Vaterschaft riechen, die mein Wesen, mein Denken und mein Fühlen sowie mein ganzes Leben mehr und mehr beherrscht.


Seine Schritte sind unbeholfen, begierig, möglichst viel von dieser bunten Welt zu erkunden, und voll kämpferischer Ungeduld darüber, daß seine motorischen Fähigkeiten dem Entdeckerdrang noch nicht ganz entsprechen. Und so wackelt es immer wieder zu mir. In seinem leuchtenden Gesichtchen liegt so viel Verheißung und Ermunterung, so viel Zutrauen, daß mir das Herz zu rasen beginnt vor Liebe, und der Gedanke, daß mein Kind in einem Jahr ebenso herumtappert und mich auf diese Weise ansieht, treibt mir glücklichste Tränen in die Augen. Gottlob trage ich eine Sonnenbrille - die Großeltern könnten meine Bewegtheit mißdeuten...


"Sieh mich gut an!" scheint es mir wortlos zu sagen. "So was bekommst Du auch bald. Mach was draus! Ich verlasse mich auf Dich."

"Mein Kind", denke ich und sehe es an wie einen Platzhalter für mein eigenes, dem noch ein paar wenige wohlbehütete Tage in Mamas Bauch vergönnt sind, "ich mache was draus. Versprochen. Du sollst es gut haben. Ich nehme Dich an, wie Du bist. In Dir ist alles angelegt, so viele Möglichkeiten, Begabungen und Entwicklungen. Ich liebe Dich und werde Dich immer und in allem unterstützen und fördern, was Dir Freude macht und zu dem Du Dich geneigt fühlst. Denn ich möchte, daß Du Dein Glück in Dir selbst findest, in dem, was Du am meisten möchtest, und nicht in dem, was ich oder andere sich vielleicht von Dir wünschen! Ich werde Dir dabei helfen, dieses in Dir angelegte Glück auszuschöpfen, mit allem, was ich habe. Werde, was Du magst, liebe, wen Du willst, und lebe, wie es Dir gefällt."

Das Kind winkt noch einmal, als hätte es mich gehört und gebilligt, was ich dachte, und wackelt zu seinen Großeltern zurück. Ich lächele ihm nach und freue mich unglaublich auf alles, was kommt.

Montag, 29. April 2013

Erdnußgeschichte

Weil ich nur ganze Erdnüsse mag, beschäftige ich jetzt einen Notar, der mir die halben aussortiert. Ich bin sehr zufrieden.

Meine Mutter fragt, ob das nicht eine ungeheure Verschwendung sei - schließlich bildeten die aussortierten halben Erdnüsse doch bestimmt einen beträchtlichen Ausschuß! Ich weiß es nicht, sage ich ihr. Ich spreche mit dem Notar nicht über Zahlen. Er möchte es gern, das kann ich spüren, aber schließlich habe ich ihn nicht als Aufsichtsrat engagiert, sondern als Sortierer. Wozu bräuchte eine simple Sache wie Erdnüsse auch einen Aufsichtsrat? Absurd.

Der Notar macht seine Sache sehr gut. Eine Ikone der Zuverlässigkeit zu sein, ist tief in seinem Selbstbild verankert. Und im Bild des Notars in der Öffentlichkeit natürlich. Ich bezahle ihn daher für 80 Stunden pro Woche. Natürlich esse ich nicht so viele Erdnüsse! Aber ich weiß ja nie, wann ich welche essen möchte, und dann möchte ich sie frisch sortiert. Nicht auf Vorrat. Am besten vor meinen Augen, sonst zählt er wieder heimlich mit. Und ich finde nicht, daß er mehr über meine Erdnüsse wissen muß als ich selbst. Sowas geht doch nicht.

Ich weiß nicht, ob sich der Aufwand lohnt. Schon mit dem ersten Biß zerspringen die Erdnüsse ja doch in ihre zwei Hälften. Es ist einfach nur das kurze Gefühl vollständiger Kerne im Mund, bevor man zu kauen beginnt. Ich mag das. Meine Mutter findet es seltsam. Sie rät mir, meine Zeit sinnvoller zu nutzen. Und vielleicht Nüsse zu mögen, die ohnedies vollständig sind. Haselnüsse zum Beispiel. Die mag ich ja auch, aber Erdnüsse sind richtiger. Ungesünder gewiß, und aufwendiger. Aber ich will nur sie.

Dem Notar ist es recht - er verdient gut daran, und noch hat der Mangel an Befriedigung, den diese blöde Arbeit mit sich bringt, die Höhe seines Einkommens nicht entwertet. So gierig ist er. Noch.

Ich bleibe bei den Erdnüssen. Den empfindlichen, zerbrechlichen. Sie sind gut. Vielleicht bleiben sie ja irgendwann von alleine ganz.

Samstag, 27. April 2013

Die Party

Ihr Verhältnis war nicht mehr so, wie es einmal gewesen war, aber sie waren immer noch Nachbarn. Und sie hatten gemeinsam ein großes Kunstwerk erschaffen, das Kritiker, Presse und Publikum gleichermaßen begeisterte. Dieses Werk band sie aneinander, und hier und da gaben sie eine gemeinsame Pressekonferenz oder berieten die weitere Vermarktung. Aber ein Paar waren sie eben nicht mehr, und zumindest er litt sehr darunter.

Irgendwie verstand er ihre Distanziertheit der Idee gegenüber, es vielleicht doch noch mal zu versuchen, denn nach allem, was sie in ihrer schwierigen Beziehung erlebt hatten, glaubte sie halt, sich schützen zu müssen. Und weil er sie liebte, ließ er sie. Dennoch tat es ihm weh, wenn er ihre neuen Freunde und Bewunderer die Treppe hinaufkommen sah und hörte, wie sie von ihr herzlich begrüßt wurden, während sie ihm den Zutritt zu ihrer Wohnung nicht mehr gestattete, ihrer schönen kleinen Wohnung, in der er einst so zu Hause, so glücklich gewesen war.

Dabei war sie nicht einmal unfreundlich. Sie sprach mit einer honigsüßen Stimme und einem unschuldigen Lächeln zu ihm, und in jedem fast zärtlich hingehauchten Wort fand er das Ende ihrer Liebe umso schmerzhafter besiegelt. Er liebte sie glühender denn je und versuchte so verzweifelt, ihr zu gefallen, daß er nach und nach zu einer ebenso lachhaften wie lästigen Figur wurde. Er wußte das, und doch gab er nicht auf.

Eines Tages schien sie etwas zu veranstalten. Er hörte durch die Wände Musik, das Gemurmel vieler Stimmen und fröhliches Gelächter. Neugierig ging er auf den Gang hinaus und sah, daß ihre Türe einen Spalt offen stand. Gerade erblickte er einen ihrer ehemaligen Liebhaber in der Mitte des Zimmers, als sie an den Türspalt trat und ihm die Sicht verstellte.

"Hallo", sagte er, "feierst Du eine Party?"
"Naja", antwortete sie, honigsüß lächelnd, "nichts Großes. Nur ein paar Freunde, die mir zu unserem Kunstwerk gratulieren wollen!"
"Warum hast Du mich denn dann nicht eingeladen?" fragte er und spürte jenen Stich im Herzen, den jede ihrer Achtlosigkeiten bei ihm auslöste. "Immerhin ist es unser..."
"Aaach, es ist doch nur eine oberflächliche kleine Party", erwiderte sie. "Das verstehst Du bestimmt. Die meisten Leute kenne ich gar nicht wirklich."
"Aber findest Du es nicht seltsam, daß zum Beispiel er da" - er deutete mit dem Kopf in Richtung ihres Ex-Liebhabers - "dabei sein und unser Kunstwerk bewundern darf, während Du mich nicht mal mehr in Deine Wohnung läßt?"
"Du, wie gesagt", entgegnete sie mit ihrer süßesten Stimme, "das bedeutet mir doch alles gar nichts. Wir beide haben doch einen viel echteren Austausch miteinander als er auf einer blöden Party möglich ist."
"Mir tut es trotzdem weh!" sagte er. "Schließlich haben wir uns mal auf einer Party kennengelernt..."
"Ja, das stimmt schon", antwortet sie, "aber weißt Du, ich denke, ich schicke eh gleich alle nach Hause, dann ist die Party vorbei und wir haben das Problem nicht mehr! Laß uns doch einfach bald wieder telefonieren, ja? Da können wir doch viel besser reden! Also, bis bald, und alles Liebe für Dich!"

Sprach's, lächelte ihn noch mal kurz an und schloß dann die Tür vor seiner Nase. Nun konnte er nicht mehr hineinschauen. Die Party ging indes noch recht lange weiter, und nach Hause geschickt wurde niemand. Außer ihm.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Die Bedeutung der Sprache im geschäftlichen Umfeld

Vortrag im k47 auf Einladung des Improver Clubs

Sprache ist nicht nur der wichtigste Träger von Bewußtsein, von kritischen Ideen und komplexen Gedanken, sondern auch ein emotional hoch wirksames Instrument zur Vermittlung von Botschaften. Die Bedeutung des Wortes für unternehmerisches Handeln wird oft vernachlässigt; die schier unendlichen Möglichkeiten einer konzeptionell eingesetzten Sprache bleiben ungenutzt. Dabei werden gute Texte gerade in Zeiten von Facebook, Twitter und Google+ immer wichtiger. Das Wort erlebt derzeit eine Renaissance, die kein Unternehmen verpassen sollte.

„Nein, das machen wir selber. Wir wissen ja, was wir sagen wollen, da müssen wir kein Geld für ausgeben!“ Das ist eine Antwort, die man auf die Frage nach dem Bedarf an Textarbeit immer wieder hört. Und schaut man sich die Ergebnisse dieses Selbermachens dann an, möchte es einen nicht selten gruseln. Denn zu wissen, was man sagen will, und es auch tatsächlich in einer wirksamen Form zu sagen, sind durchaus zweierlei Paar Schuhe.

Es ist seltsam, daß sich so viele Unternehmen selbst und ohne Not der Chance beheben, einen aufwendigen Außenauftritt mit professionell gestalteten Texten zu perfektionieren. Für ein Logo oder ein Website-Layout werden ohne Bedenken zehn- oder zwanzigtausend Euro an Designagenturen gezahlt – dergleichen kann man eben nicht selbst, und man will ja gut aussehen! Am Text jedoch, der vielleicht für zusätzliche eintausend Euro zu haben wäre, wird dann plötzlich gespart. Und der gesamte Auftritt verliert an Wert und Wirkung.

So etwas ist nicht einfach nur bedauerlich. Daß sich ein Unternehmen aus purer Ignoranz auf eine der effektivsten und in der breiten Palette möglicher Agenturleistungen zugleich billigsten Ausdrucksformen verzichtet, ist vielmehr überraschend. Denn eine Kommunikationsstrategie, die meint, ohne eine professionell gestaltete Sprache auskommen zu können, scheint doch mehr als fragwürdig.

Eine präzise Kommunikation ohne Sprache ist undenkbar. Natürlich lassen sich über ein gelungenes Design, ein geschicktes Layout oder ein gut gewähltes Bild Botschaften vermitteln. Aber sie bleiben assoziativ. Die Kunst der Bild- und Formensprache besteht darin, beim Betrachter genau die Assoziation zu wecken, die man schon bei der Gestaltung beabsichtigt hat. Und oft gelingt das auch. Ein Landschaftsbild unberührter Natur in einer Werbeanzeige für ein Bier weckt zum Beispiel eine ganze Fülle von Assoziationen – Reinheit, Heimat, Ursprünglichkeit, Qualität und Umweltbewußtsein. Worin aber zum Beispiel ein eventuelles, über das operative Geschäft hinausgehendes Umweltengagement des Bierbrauers besteht, oder welche Zutaten er tatsächlich verwendet, ist aus dem Bild nicht zu erkennen. Hier bedarf es einer verbalen Präzisierung. Nicht in der Anzeige selbst, aber vielleicht in begleitenden PR- oder Werbekampagnen.

Nun ist nicht zu leugnen, daß ein Bild sehr viel unmittelbarer wirkt als ein Text. Ein Bild sieht man, ob man will oder nicht. Man erfasst es in Sekundenbruchteilen und gewinnt einen Eindruck, ohne selbst etwas tun zu müssen. Einen Text hingegen muß man lesen. Und damit er seine Wirkung entfalten kann, muß er vollständig gelesen werden. Einen Betrachter dazu zu bringen, gelingt nur, wenn der Text professionell und unter Anwendung verbal-kommunikativer Regeln gestaltet ist. Genau das jedoch kann kein Vorzimmer leisten, auch wenn die eifrige Sekretärin gewiß irgendetwas aufs Papier zu bringen vermag. Informationsarchitektur, die Steuerung des Leseflusses und die Platzierung von Schlüsselwörtern sind eine kompositorische Kunst, die ebenso wie ein perfektes Graphikdesign Erfahrung und Geschick braucht.

Wer immer noch skeptisch ist, führe sich vor Augen, daß die Unternehmenskommunikation als solche, sei es in Marketing, Werbung oder PR, sich derzeit stark verändert und auf neue Medien, insbesondere auf soziale Netzwerke ausweitet. Hier, bei Facebook, Twitter, Google+ oder Foursquare, ist Sprache tatsächlich das zentrale Instrument zur Vermittlung von Botschaften und bedarf daher ganz besonders perfekter Gestaltung. Denn auch Worte können, über ihren rational erfassbaren Gehalt hinaus emotionale Assoziationen wecken und Reaktionen auslösen. Dieses Potenzial lässt sich mit professionell gesetzten Worten erschließen und nutzen.

Eine weitere kurze Betrachtung verdient auch die nicht eigenwerbliche, die interne Kommunikation. Der Umgang mit Mitarbeitern, die Kommunikation unter Kollegen, all das hat einen erheblichen Einfluß auf das Klima in einer Firma und auf die Motivation aller dort Beschäftigten. Der Umgang mit Worten erfordert nicht nur Geschick und Feingefühl, sondern auch ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein, kann doch eine einzige Bemerkung in ebenso hohem Grade motivieren und zu Bestleistungen anspornen, wie eine andere, mit weniger Bedacht gewählte zu frustrieren und damit Leistungspotenziale zu verschließen geeignet ist. Auch interne Kommunikation lässt sich lernen; auch eine Wortwahl, die Mitarbeiter und Kollegen erbaut und motiviert, statt sie in Trotz und Frustration zu treiben, kann man sich mit professioneller Hilfe aneignen. Hierauf wird in vielen Unternehmen noch weniger geachtet als auf die Gestaltung verbaler Marketing- und Werbebotschaften. Der Bereich ethischer Sprachgestaltung wird hier berührt, aber das ist vermutlich ein Thema für einen eigenen Vortrag.

Wörter sind Bauteile für Sätze, für kommunizierbare Inhalte. Feinfühlig und geschickt zusammengefügt werden sie zu Worten, zu Trägern von Ideen, Bildern, Gefühlen und Gedanken, und damit zu einem machtvollen Instrument der Vermittlung von Botschaften und der Beeinflussung von Reaktionen. Die Anwendungsmöglichkeiten dieses Instruments sind fast unbegrenzt, und damit auch sein Erfolgspotenzial. Es empfehlen sich also stets:

Worte statt Wörter.

Donnerstag, 17. Januar 2013

Wortlos

Wie gut, daß es Wörter gibt. Denn ich möchte so viel sagen! So sehr quillt und brodelt es in mir, daß ich übergehen will vor Lust, endlich in die Welt hinauszurufen, was mir so unendlich wahr und wichtig ist. Also beginne ich, meine Wörter zu setzen, sorgfältig und gewählt, so wie ich es immer tue.

Aber meine Wörter bleiben stumm. Wie dicke Raupen sitzen sie auf meinem Herzen, laben sich gierig an dem, was darin ist, und vermehren sich so rasch, daß sie alsbald viel, viel Raum füllen. Aber sie verwandeln sich nicht in Schmetterlinge. Kein bunter Flügel macht sichtbar, von welch wunderbaren Herzensangelegenheiten sich die Wortraupe ernährt hat. Sie formen sich nicht zu Worten, sondern bleiben Wörter. Dicke, selbsthungrige Wörter. Dreist und faul versagen sie ihren Dienst an dem, was mitzuteilen es mich so sehnsüchtig hetzt und drängt.

Fast kann ich ihr Schmatzen hören, sehe das pulsierende Kriechen ihrer fetten Körper und ihre nimmersatten Kauwerkzeuge, die meine Herzensdinge vertilgen, ohne sie in schöne und richtige Aussagen zu verwandeln... und plötzlich widern sie mich an. Noch nie kamen mir meine Wörter so sinnlos, so verräterisch vor. Verärgert und verzweifelt fege ich sie hinweg.

Diesmal muß es ohne sie gehen. Was ich Dir sagen will, das sage ich Dir wortlos.

Dienstag, 1. Januar 2013

Befreiräucherung

Aus unerfindlichen Gründen glaubt man, der Jahreswechsel sei für Gedanken, Vorsätze und Entschlüsse geeigneter als der Beginn jedes anderen neuen Tages, und so geht am 31. Dezember auf einmal jeder in sich, zieht Bilanz, sucht Erkenntnisse und nimmt sich Veränderungen vor.

Ich kann damit nicht viel anfangen. Die Attitüde von Vergeistigung, von Tiefsinn und Weisheit, die plötzlich alle befällt, als böte das Jahr sonst keine Gelegenheit, mal ein wenig über sich nachzudenken, ist individuell und kollektiv gleichermaßen banal, und die Vorstellung, man könne an einem einzigen Tag alle Antworten aus sich selbst heraus schöpfen, spricht eher für eine freiwillige Selbstbeschränkung als den echten Willen, seinen Erkenntnishorizont schonungslos zu erweitern. Wenn man seine Neujahrsgedanken schon ins Zeichen eines Neuanfangs, eines Aufbruchs stellt, sollte man sie doch von alten Vorurteilen und Einseitigkeiten frei halten. Finde ich.

Denn Erkenntnis ergibt sich nicht aus der Selbstbespiegelung. Sie erwächst nicht daraus, mit dem Weihrauchfäßchen poetischer Gedanklichkeit herumzuschlenkern und die dabei freigesetzten Überlegungen lediglich von den Menschen beklatschen zu lassen, die einem ohnedies nach dem Munde reden. Und schon gar nicht wird, was wir zu wissen glauben, dadurch richtiger, daß wir alles Andere einfach abstreiten und die Menschen aussperren, die uns widersprechen.

Denn was wissen wir schon? Gar nichts. Der erste Schritt zu einer umfassenden Erkenntnis war für mich schon Mitte des vergangenen Jahres der Versuch, meine subjektive, dumme kleine Sicht auf die Dinge durch den Einfluß gerade solcher Menschen zu objektivieren, die zu meiner Schonung oder Bestätigung keinen Anlaß hatten. Eine Therapie, ein paar Gespräche mit engen Freunden und erklärten Feinden und das unverblümte Urteil meiner nicht eben auf den Mund gefallenen Familie... Je radikaler mir widersprochen wurde, je grausamer man mir den eitlen Kopf wusch, und je mehr ich mich darüber ärgerte, mein sorgsam zurechtgelegtes Selbstbild gegen die abweichende Sicht meiner Mitmenschen nicht mehr plausibel verteidigen zu können, desto besser lernte ich mich kennen.

Genau deshalb schließe ich mich am 31. Dezember nicht ein, schwenke mein poetisches Weihrauchfäßchen und gefalle mir im pseudophilosophischen Pathos der Selbstbefreiung von allem Schlechten, das in Wirklichkeit nur eine verquere Mischung aus der Verleugnung anderer Interpretationsmöglichkeiten und der Verdrängung eigener Verantwortlichkeit ist.

Jeder, wie er meint und denkt. Mein 2013 wird erhebliche Veränderungen bringen, für die ich, günstigste Voraussetzungen zu schaffen, fest entschlossen bin. Aber als richtig und gut nur noch das zuzulassen, was mich über jede echte Selbstkritik erhebt, wäre mir als Einstieg ins neue Jahr zu einseitig.

Dienstag, 20. November 2012

Rundes am Rande

Die Wahrheit ist eine Kugel. Gleich, wie lange wir sie anstarren, wir sind darauf beschränkt, höchstens eine Hälfte zu sehen. Und je näher wir herangehen, desto kleiner wird der wahrnehmbare Ausschnitt.

Wenn wir sie ganz erkennen wollen, müssen wir sie aus hinlänglicher Entfernung betrachten, vor allem aber: zu zweit! Und zwar von einander genau entgegengesetzten Standpunkten aus.

Das Wichtigste dabei aber ist - wir müssen bereit sein, den Blick des Anderen als ebenso wahr zu akzeptieren wie unseren eigenen.

Wer neben uns steht, ist vermutlich sehr loyal, sieht aber kaum Anderes als wir selbst. Es liegt also die Wahrheit erst im scheinbar Widersprüchlichen, in den ganz und gar diametralen Perspektiven.

Irgendwie macht mir das Hoffnung.

Dienstag, 13. November 2012

Austergewöhnliches

Es ist doch so - ein paar der wundervollsten Dinge auf Erden verdanken wir den Widerständen, die ihnen entgegengebracht werden.

Nehmen wir die Auster - sie spürt in ihrem zarten Fleisch schmerzlich das Sandkorn, das in ihr Inneres gelangt ist, sei es durch eine Laune der Strömung, sei es durch zielbewußtes Streben - denn das Zielbewußtsein von Sandkörnern ist keineswegs zu unterschätzen!

Nun wird die zarte, schmerzleidende Auster dem Sandkorn jeden erdenklichen Widerstand leisten. Es gehört, so ihre Überzeugung, durchaus nicht dahin, wo es nun sitzt, im weichen, zarten Fleisch ihrer intimsten Innerlichkeit nämlich, die sie mit ihrer harten Schale vor jedweder eindringenden Gefahr zu schützen sucht. Denn sie weiß nur zu genau, daß die meisten Kräfte, die ihre muschelgepanzerte Verteidigung zu durchbrechen trachten, nichts anderes als ihre Vernichtung im Sinn haben. Es ist also durchaus nachvollziehbar, wenn die Auster sich hart und dunkel abschirmt gegen jede äußere Bedrängnis, denn ihrer austrigen Lebenserfahrung entspricht es nun mal, zunächst die Gefahr zu sehen.

Ganz anders das Sandkorn. Es weiß sehr wohl um den Widerstand, den die Auster ihm als Eindringling leisten wird, ist ihm doch allzu klar, wie existenzbedrohend sich andere Sandkörner in unterseeischen Stürmen aufgeführt haben mögen. Aber es hat Höheres im Sinn. Nicht das rohe Verletzen zarter Innerlichkeit, sondern eine liebevolle Verschmelzung des eigenen Bemühens mit den sich dagegen regenden Widerständen zu dem einzigen Zweck, etwas derart Schönes und Endgültiges zu erschaffen, daß es schließlich sogar der Auster ein zustimmendes Staunen abringt.

Es setzt sich also fest, das Sandkorn, eben dort, wo die Auster es am wenigten haben will. Und so hüllt sie das Sandkorn ein in dasselbe Material, aus dem sie schon ihre schützende Schale gefertigt hat, läßt es allzu deutlich spüren, wie fremd und unerwünscht es ist, und umgibt es mit einer kalten, glatten Schicht aus Ablehnung. Doch weil das Sandkorn Höheres, Schöneres im Sinn hat, geht es nicht weg. Im Gegenteil - tiefer noch gräbt es sich ins weiche, zarte Fleisch der Auster ein, so daß diese ihren Widerstand steigert und noch eine Schicht kühler Verneinung um das Sandkorn legt. Und so geht es weiter und weiter. Keine Seite gibt nach oder gesteht die Aussichtslosigkeit des Kampfes ein...

Und dann, irgendwann... hat die Auster das Sandkorn in einen so dicken Mantel ihrer eigenen Substanz gehüllt, daß es nachgerade ein Teil von ihr geworden ist. Ganz gleich ist die runde, weißschimmernde Hülle des Sandkorns nun der Innenseite des Muschelpanzers, der das zarte, weiche Fleisch einst vor ihm beschützen sollte.

Wer je eine starke, ihr Inneres leidenschaftlich schützende Auster öffnet, die eine dicke, glänzende Perle birgt, wird finden, daß nichts auf der Welt endgültiger zusammen gehört, als diese zwei.


(Anmerkung: Daß die Wissenschaft die Annahme, Perlen entstünden aus eingedrungenen Sandkörnern, heute überwiegend verwirft, ist mir bekannt. Die nunmehr vorherrschende Auffassung, eine durch Parasitenbefall bedingte Zystenbildung sei für die Entstehung von Perlen ursächlich, war indes literarisch kaum zu verwerten...)

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Wunder

Mir ist ein Wunder geschehen. Ein unfassbares Wunder, gegen jede Erwartung, gegen jede Wahrscheinlichkeit, ein Glück, das mein kleines Leben nach kalter, dunkler Nacht hell und warm bestrahlte und mich stumm und dankbar darüber staunen ließ, was noch alles möglich ist, wenn man auf nichts mehr hofft.

Wunder geschehen also. Was der Schlager auf naiv-verträumte Weise zu wissen glaubt, ist mir tiefe existenzielle Gewißheit. Wunder geschehen, und ob sie nun einem göttlichen Plan zu verdanken sind oder nur den unwahrscheinlichsten aller möglichen Ereignisverläufe verwirklichen, spielt keine Rolle.

Irgendwie jedoch scheint es sie nicht umsonst zu geben. Ob göttliche Gnade oder statistische Unwahrscheinlichkeit - in beiden Fällen ist einem Wunder stets ein Gegengewicht zugeordnet. Und so frage ich mich: Muß man sich Wunder vielleicht verdienen?

Gott mag sich für die Gnade eines Wunders erhoffen, man möge Erkenntnis gewinnen, sein Bewusstsein erweitern, Dankbarkeit und Demut lernen und seinen Glauben festigen. Eben deshalb mag der Weg zum Wunder (oder der danach) besonders steinig sein. Das Wunder an sich aber wird dadurch nur umso wundervoller. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn man Gott nicht einbeziehen möchte, macht es seltsamerweise genau so. Dem unwahrscheinlichsten Ereignisverlauf ist - zumindest statistisch - ein Gegenereignis zugeordnet, das das Gleichgewicht des Seins wieder herstellt. Regression zur Mitte nennt das die Wissenschaft. Und so gestaltet sich der Empfang eines Wunders oft schwierig, und ob man es sogleich merkt oder nicht, irgendwann wird man an irgendeiner Stelle eine ausgleichende Einschränkung spüren.

Daran ist wohl nicht zu rütteln. Wie also geht man damit um? Was mache ich nun aus dem Wunder, das mir geschah, und dessen Wunderhaftigkeit von den ausgleichenden Schwierigkeiten ausgetilgt zu sein scheint? Die Antwort könnte nicht einfacher sein:

Wenn es der Gesetzmäßigkeit des Universums entspricht, Wunder zu relativieren, dann - ändere ich das Universum eben.

Ja, sich zu finden, zu einigen, zu verstehen, anzunehmen und sein zu lassen, ist unsagbar schwierig, aber längst nicht zu schwierig für das Wunder der Liebe. Mag ja sein, daß Statistik und Wahrscheinlichkeit Gutes und Schlechtes eins zu eins gegeneinandersetzen. Objektiv besteht eben ein Gleichgewicht, dessen nüchterne Analyse einen verzweifeln lassen möchte.

Aber: Pfeif' auf die Objektivität! Zur Hölle mit allen Analysen. Wir reden hier über Wunder! Und ein Wunder wäre ja kein Wunder, wenn es nicht Wunderbares beinhaltete. Ich steige hinweg über die Objektivität und gewähre mir den irrationalen Ansatz, das Wunder für größer, für bedeutender und für echter zu erachten als sein aufgeblasenes statistisches Schwierigkeitsgegengewicht. Mit spöttischem Lächeln schaue ich hinab auf den kläglichen Versuch des Universums, mir mein Wunder zu verleiden. Denn das Wunder ist das einzige, was zählt.

Geh nicht weg, mein Wunder. Wir haben gerade erst begonnen, das Universum zu verändern.

Samstag, 28. Juli 2012

Meeresrausch

Ich habe es lange nicht gesehen, das Meer, doch nun, da ich, die nackten Füße im feuchten Sand, meinen Blick darein versenke, wie es gierig an der Küste leckt, verführt mich seine grüne Tiefe zu verwegensten Gedanken, und das Gleichmaß seines kraftvollen Drängens berauscht meine Sinne.

Vermißt habe ich es, das Meer und seinen rücksichtslosen Egoismus, mit dem es nicht wirbt und buhlt, sondern nimmt. Zuweilen bewundere und beneide ich diese meinem Wesen so ganz und gar fremden Eigenschaften und wünschte mir, weniger geworben und gebuhlt, berücksichtigt und geschont und stattdessen mehr genommen zu haben. Denn mein Werben und meine Rücksicht haben mich immer dann besonders lächerlich gemacht, wenn sie meinen sehnlichsten Zielen galten.

Zugleich empört es mich, das Meer, denn in seinem hartnäckigen Drängen liegt soviel Brutalität und Kompromißlosigkeit, daß mir sein Treiben nur gierig, triebhaft und geistlos, und in keiner Weise liebevoll vorkommt. Manchmal scheint es den Strand mit verspielt gekräuselten kleinen Wellen zu küssen, aber schon im nächsten Moment, als ob ihm die Zärtlichkeiten nicht mehr genügen, penetriert es ihn mit gewaltigen Brechern, und nichts bleibt dem Land, als die rohe Lust des Meeres über sich ergehen zu lassen.

Es zieht mich an, das Meer, in seiner Grobheit, seiner düsteren Gewalt. Es fasziniert mich, weil ich es erkenne, es verstehe, ohne selbst so sein zu können. Das Meer bekommt, was es will. Drängend, nehmend. Und was es hat, verschlingt und vernichtet es, macht es zum Teil seiner selbst, um sich noch mehr von dem zu nehmen, was es noch nicht hat.

Ich bin nicht wie das Meer. Konnte nie so sein. Wollte es auch nicht. Gebannt und wehrlos sehe ich zu, wie es sich Befriedigung verschafft und zugleich die Saat der Liebe, die ich an Land ausgestreut habe, achtlos davonspült. Seine grüne Tiefe verführt mich zu verwegensten Gedanken, derer ich keinen einzigen je werde umsetzen können.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Wolkenleben

Die Wolken ziehen heute schnell am Julihimmel. Wie in Eile fliegen sie dahin. Fast so als hätten sie ein Ziel. Vielleicht glauben sie es sogar. Aber sie haben keins. Es ist nur der Wind, der sie treibt. Einige von ihnen zerfasert er, verwirbelt sie und löst sie auf. Sie lassen sich zerstören, indem sie sich treiben lassen, diese Wolken. Andere werden dicht, ballen sich zusammen und fliegen noch schneller dahin. Es sind, so möchte man glauben, die mächtigen Wolken, die sich selbst vom Wind, der sie treibt, nicht mehr sauber unterscheiden können. Sie vermögen die Sonne zu verdunkeln, das Land zu beregnen oder Blitze zu schleudern. Ganz wie es ihnen beliebt. Aber es ist dennoch nur der Wind, der sie treibt.

Hübscher anzusehen sind indes die kleinen, die verwirbelten Wolken, die, dem Spiel des Windes ausgesetzt, bald hierhin, bald dahin treiben, sich auflösen, um an anderer Stelle in neuer und erfreulicher Form wieder erscheinen. Sie lassen die Sonne durch und taugen nicht zum Regnen oder Blitzeschleudern. Sie sind einfach nur hübsch anzusehen, auch wenn sie dabei vergehen.

Mein Blick sinkt auf die Erde. Hier unten auf dem Platz vor der Alten Oper regt sich kein Lüftchen. Wie eine brütende Henne hat sich die Julihitze auf die Stadt gesetzt. Heiß und bewegungslos hat sie platzgenommen zwischen all den unbequemen Wolkenkratzern. Und dennoch eilen die Menschen umher, getrieben von einem Wind, der nur in ihnen weht. Auch sie glauben, ein Ziel zu haben, und ich frage mich, was das sein mag. Geld, Ansehen, Sinn? Oder laufen sie weg? Vor sich selbst, vor ihren Träumen? Nein, so sehen sie nicht aus. Sie schauen nach vorne, haben den Blick fest auf den nächsten Termin, den nächsten Erfolg gerichtet. Manche von ihnen sind eins geworden mit ihrem inneren Antrieb. Sie erreichen etwas, wie man so schön sagt. Nach Belieben beglücken oder verdammen sie ihre Welt. Die anderen werden getrieben, und ihr innerer Wind zerfasert nach und nach ihre Seele, solange bis sie vergehen und verwehen.

Ich selbst? Sitze nur so da. Es mangelt mir an Antrieb. Das habe ich schon oft gehört. So wird man nicht mächtig. Keine Blitze, kein Regen. Aber man zerfasert auch nicht. Man ist einfach nur. Und schaut.

Das Wolkenleben wäre wohl nichts für mich.

Samstag, 7. Juli 2012

Sepia

Ich sitze neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm lässig auf der Lehne abgelegt, weil man das hier so macht - lässig ist man; es paßt zu mir - und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel. Schmeichelhaft ist dieser Ton; er macht alles warm und weich. Den Himmel, das Rathaus, die leise rauschenden Bäume, den Asphalt des Platzes sogar. Er macht mich ganz ruhig. Eine Beruhigungsbrille ist es, die ich da trage. Man kann meine Augen sehen, aber nicht zu tief hineinschauen. Lässig läßt es sich so sitzen mit dieser Brille. Denn so macht man es hier schließlich.

Mädchen in leichten Sommerkleidern schlendern an mir vorbei, aber ansehen tut mich niemand, schon eine Weile nicht mehr. Ich habe meine Anziehungskraft verloren, bin unsichtbar geworden in dieser Stadt, die mich nie aufgenommen hat, gleich, wie sehr ich um ihre Gunst gebuhlt habe. Solange ich buhlte, sah man mich an. Aber ich suche keine Gunst mehr. Nicht die der Stadt, und auch nicht die der Mädchen. Und so sitze ich nicht eigentlich lässig hier, wie man es eben macht; das Wort trifft es nicht ganz. Eher gelassen. Gelassen von der eigenen Leine, an der ich mich führte, während ich buhlte. Gelassen aus dem würgenden Griff meiner rastlosen Gier.

Ich sehe sie an, die schlendernden Mädchen in ihren leichten Sommerkleidern, sehe durch meine Beruhigungsbrille ihren federnden Gang, ihre schlanken, nackten Arme, bei deren Anblick ich früher die übergeschlagenen Beine ein wenig aufeinander gepreßt hätte, um meine Erregung deutlicher zu spüren, und ihr unbeschwertes Lachen. Sehe es ohne Gier. Ohne den Drang zu buhlen. Gelassen.

Als ich damals in diese Stadt kam, die mich nie aufgenommen hat, wähnte ich mich frei. Frei von allem, was ich hinter mir gelassen hatte, frei von allen Zwängen und Engen, die mein altes Leben um mich zu legen begonnen hatte, und diese Freiheit, die auch immer ein wenig eine Leere ist, füllte ich eine Weile lang mit der gierigen Jagd nach allem, was neu und anders war als das, was ich zurückgelassen hatte. Grün waren meine Sonnenbrillengläser damals, und mein Blick zuckte suchend und buhlend hinter ihnen herum, um in der grünen Stadt irgendeinen Halt zu finden. Aber was dieser Blick auch erfaßte, entglitt ihm bald wieder und versank schweigend und kühl im grünen Asphalt. Es war, als lockte die Stadt, die mich nie aufgenommen hat, mein Bemühen nur zu dem einen Zweck hervor, es zu enttäuschen. Und gedüngt von dieser Enttäuschung wuchsen meiner Gier immer mehr Tentakel, die immer schneller in immer mehr Richtungen grabschten, um einen immer beliebigeren Halt zu finden. Sie umzappelten mich so wild, daß ich mich darin versponn und meine Gier mir den Atem nahm, sogar den zum Buhlen, während die grüne Stadt um mich herum ihren federnden Gang ging und unbeschwert lachte, lässig, so wie man es hier eben macht.

Und dann wurde es schattig. Jemand trat vor mich, verdeckte die Sonne und nahm mir die grüne Brille ab. Nahm sie und trat einen Schritt zurück. Und wie ein Kuß aus Feuer stach die Sonne tief in meinen Kopf, und die Tentakel erlahmten. Sie fielen von mir ab, und ich begann zu atmen. Klare, ungefärbte sonnige Erkenntnis. Und noch ehe mir klar wurde, daß meine Welt eine andere Farbe brauchte, hatte ich wie durch ein Wunder die Beruhigungsbrille auf, und die grüne Stadt wurde sepiabraun. Warm und weich. Und mein Blick auf all das Schlendern und Lachen und Rauschen um mich herum wurde gelassen.

So sitze ich hier neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm gelassen auf der Lehne abgelegt, und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel.

Samstag, 23. Juni 2012

Titel: ohne

Wie ich mich auf dem Balkone
meiner Bohne heut belohne
dafür, daß ich wie 'ne Drohne
(oder ihre tausend Klone)
faulem Volk zum groben Hohne
mich im Dienste der Ikone
fleiß'gen Tagewerks nicht schone -
ja, das ist mal gar nicht ohne!

Dienstag, 15. Mai 2012

Warum bist Du denn jetzt schon wieder offline?

Irrungen und Wirrungen einer virtuellen Beziehung
(Text zur Lesung am 2. Mai 2012)

Es ist so toll, daß es WhatsApp gibt! Twitter, Facebook, Skype! Besonders, wenn man – wie wir – eine Fernebziehung führt. Wie einfach ist doch die tägliche Kommunikation durch diese Medien geworden, die immer und überall verfügbar sind und obendrein nichts kosten! Wieviel leichter ist es geworden, in ständigem, innigen Austausch zu stehen, als damals, da man sich noch anrufen oder gar Briefe schreiben mußte! Schöne neue Welt, besonders für zwei Schreiberlinge, deren kraftvollster, intensivster Ausdruck von jeher im geschrieben Wort liegt – wie perfekt läßt sich so die räumliche Distanz ertragen, ja überbrücken gar!

Und geht’s vielleicht nur mir so? Wo man geht und steht, sieht man Menschen eifrig in ihre schlauen Telefone tippen. Nie war man sich so nah wie heute!

„Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.“

So etwas würde man sich am Telefon wohl eher selten sagen! Mit einem iPhone jedoch sind derlei vollkommene Liebesschwüre auch über 1000 km hinweg mal eben schnell dem anderen Herzen zugeeignet!

Gewiß, sie birgt zuweilen auch ihre Tücken, die Schriftlichkeit. Dem Durchschnittsmenschen mag die Intonation dabei fehlen, die Mimik und die Bedeutungsnuancen, die man nur in der Melodie des gesprochenen Wortes wahrnimmt, und so entstehen aus dem Mangel an Mündlichkeit hier und da Mißverständnisse, Streitigkeiten gar.

Nicht so bei uns Schreiberlingen! Unsereins weiß mit dem Wort doch ganz anders umzugehen, und wären wir nicht in der Lage, unsere Botschaften auch ohne kommunikative Banalitäten wie Mimik und Betonung klar und deutlich zu vermitteln, hätten wir wohl unseren Beruf verfehlt. Ich zeige Ihnen mal, was ich meine, und schreibe meiner Freundin schnell ein paar geistvolle, poetische Zeilen:

„Geliebtes Nasenbärchen“ (man sagt sich ja gern neckische Zärtlichkeiten) „ich denke gerade so sehr an Dich! Geht es Dir gut? Kuß!“

Und noch ein rotes Herzchen dazu! So. Ich bin schon sehr romantisch. Und sieh an – da kommt schon ihre Antwort! Schnelle neue Welt. Was schreibt sie denn…?

„Geliebtes Schielauge“ (naja, das finde ich jetzt nicht so zärtlich) „mir geht es ganz gut. Wo warst Du denn gestern abend? Hatte gedacht, ich höre noch von Dir, und hab mir Sorgen gemacht.“

Ein rosa Herz steht dahinter. Wieso denn nur rosa? Sonst sind sie immer rot! Bestimmt paßt ihr wieder nicht, daß ich mich gestern nicht mehr gemeldet habe. Mal sehen, was ich ihr Feinsinniges, Diplomatisches zurückschreibe…

„Ich war mit ein paar Freunden fort, und irgendwie finde ich es nicht gut, daß Du mir das immer zum Vorwurf machst. Habe nun mal hier auch ein Leben.“

Das mag erst mal genügen als liebevoller Hinweis darauf, daß sie doch ziemlich schnell zur Eifersucht neigt. Ich bin nämlich immer sehr liebevoll und einfühlsam, müssen Sie wissen. Sie ist aber auch schrecklich empfindlich. Ah, sie antwortet:

„Das war doch kein Vorwurf, mein Herz! Wollte bloß wissen, warum ich gestern nichts mehr von Dir gehört habe. Und wenn Du nur gereizt reagierst und nix erzählst, sondern nur sagst, Du warst mit irgendwelchen namenlosen Freunden unterwegs, dann ist das schon bißchen komisch, oder?“

Moment bitte. Ein wenig mehr Einfühlsamkeit scheint gefragt. Ihr geht es offenbar nicht so gut mit der Situation.

„DU bist komisch heute! Immer nur Vorwürfe, anstatt einfach mal zu vertrauen. Weißt Du, diese paranoide Attitüde…“

Oh. Tut mir leid, daß Sie das jetzt mitbekommen mußten. Ich schreibe ihr nachher noch mal. Wissen Sie, normalerweise klappt das besser mit der schriftlichen Kommunikation. Ich zeige Ihnen das später. Manchmal ist es eben mühsam. Ich meine, haben Sie mal versucht, mit einem Menschen zu diskutieren, der auf jede Aussage ausschließlich emotional und ohne einen Hauch rationaler Überlegung reagiert, in jedem Wort nicht ansatzweise den Kern dessen, was gemeint ist, sondern nur die Kränkung seiner Person sucht und in jeder noch so sanften Kritik, ja in jeder abweichenden Meinung nichts als eine Beleidigung sieht, die ihn sofort berechtigt, alles Gesagte abzuwehren und als unzulässig zu denunzieren?

Es ist schon recht anstrengend, wenn jemand sich empört auf einzelne Wörter stürzt, die ihm nicht passen, anstatt erst mal einen Gesamtzusammenhang entstehen zu lassen, zuzuhören, Gesagtes auf sich wirken zu lassen und sich wenigstens ansatzweise mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken und Verletzlichkeiten seines Gegenübers auseinanderzusetzen, kurz: wenn jemand sich sofort und mit allem nur angegriffen und abgewertet fühlt, anstatt zu begreifen, daß mit dem Diskurs nur ein spezifisches Phänomen, ein Einzelfall, nicht aber er als Mensch problematisiert wird. Ich tue das ja schließlich auch. Ich bin nämlich nicht nur sehr einfühlsam, sondern auch durchaus kritikfähig.

Oh. Moment. Was schreibt sie da?

„Wieso bist Du denn jetzt schon wieder offline?! Finde ich echt nicht okay, daß Du auf meine Nachricht nicht mal mehr antwortest. Wieder mit ‚Freunden‘ beschäftigt? Und dazu, daß ich am Wochenende kommen wollte, hast Du Dich auch noch nicht geäußert. Weißt Du, es reicht mir langsam. Wenn Du Dein lustiges Leben führen willst, dann mach das, aber ohne mich!“

Stimmt, ich habe ganz vergessen, ihr zurückzuschreiben, während ich mit Ihnen geplaudert habe. Dennoch - was denkt sie denn, was ich hier mache? Lustiges Leben, tze! Und KEIN Herzchen!! Entschuldigen Sie mich, ich muß das kurz klären!

„MIR reicht es langsam! Ich fühle mich derart kontrolliert von Dir, und Dein Mißtrauen ist unerträglich. So läßt sich doch keine Beziehung führen! Und auf Deinen Besuch freue ich mich eh, das habe ich doch schon gesagt!“

Das klingt jetzt natürlich ein wenig hart, aber tief in meinem Herzen bin ich gar nicht wirklich in Streitlaune. Ich bin liebevoll wie immer, und eigentlich ließe sich dieser Streit im Nu auflösen. Aber wissen Sie, jede Macke kann ich ihr ja nun auch nicht durchgehen lassen. Sie muß schon irgendwann begreifen, daß ihr Mißtrauen mehr Schaden als Nutzen bringt. Was schreibt sie da?

„Du freust Dich EH?! Ich kann auch daheim bleiben, wenn’s Dir so egal ist!“

Ah, die Tücken der Sprache! Das sagt man halt in Österreich so!!! Vielleicht sollte sie in dieser Stimmung wirklich zu Hause bleiben. Ich schreibe mal schnell was Versöhnliches, dann kann sie ja mal nachdenken, ob das alles so angemessen ist, was sie hier aufführt.

„Ja, vielleicht bleibst Du wirklich besser daheim! Das hält ja niemand aus so!“

So. Sie schreibt bestimmt gleich zurück und sieht ein, daß sie überempfindlich war. Ab und zu sieht sie ja auch mal was ein. Was vermutlich daran liegt, daß ich im Großen und Ganzen ja doch sehr liebevoll und einfühlsam mit ihr bin.

Hm. Einen Tag lang nichts gehört. Oh, nun hat sie mich bei Facebook gelöscht. Eine sehr harte Geste. Sie wird doch nicht ernsthaft denken, ich hätte Schluß gemacht? Das will ich doch gar nicht. Ich will doch nur, daß sie begreift, wie paranoid sie ist und wie unrecht sie mir tut.

Na gut, ich twittere mal was. Da schaut sie immer nach. Sie kann es ja doch nicht lassen, überall zu schauen, was ich mache und schreibe…

„Es gibt Menschen, die vor offenen Toren stehen und glauben, nicht hindurchgehen zu können, nur weil ihnen jemand sagte, sie seien verschlossen!“

Das ist sehr geistvoll. Und einfühlsam. Es soll ja gar nicht vorbei sein… Aber wenn ich ihr jetzt schreibe, verliere ich vollkommen mein Gesicht. Dann nimmt sie mich ja nie wieder ernst. Lieber noch ein versteckter Hinweis bei Twitter:

„Nur ein kleiner Schritt über den eigenen Schatten, aber ein gigantischer Sprung für die Liebe…“

Das müßte sie jetzt aber wirklich verstehen. Warum schreibt sie mir denn nicht? Schon den dritten Tag nicht. Hm. Sollten wir uns tatsächlich so mißverstanden haben? Wir Schreiberlinge? Kann doch eigentlich nicht sein. Eigentlich bestand doch gar kein echtes Problem. Ich war mit ein paar Freunden aus, daran ist nichts Unrechtes. Wir haben uns da wohl in etwas reingesteigert. Hm. Vielleicht war ich doch nicht einfühlsam genug… Ich denke, ich werde ihr schreiben. Über meinen Schatten springen. Und tatsächlich etwas einfühlsamer sein. Ich bin nämlich sehr gerne mit ihr zusammen.

Vielleicht rufe ich sie besser an.