Mittwoch, 28. September 2016

Was ist so schwer am Deutschsein?

Ein Facebook-Posting

Ein beliebtes Argument dafür, gegen irgendjemanden zu sein, ist immer wieder die angebliche Bedrohung der eigenen Identität. Was man ist und zu allen Zeiten war, wird offenbar als zu schwach empfunden, sich auch neuen Menschen und Impulsen gegenüber zu bewähren. Aber woher kommt dieses Schwächegefühl? Oder anders gefragt: Was ist so schwer am Deutschsein?

Ich persönlich finde Deutschsein super. Zugegeben – ich hatte es einerseits auch leicht, es zu lernen. In meiner Schule gab es vielleicht fünf „Ausländer“, und die waren hier geboren und sprachen ohne Akzent. „Überfremdung“ war (zu Recht) nur ein dummes Naziwort, aber kein aktuelles Thema; über Identitätsverlust hat man sich damals – in den 80ern – allenfalls insoweit Gedanken gemacht als alles „Deutsche“ verpönt und jedes Nationalgefühl politisch verdächtig war. Was das Deutschsein eben andererseits auch wieder schwer gemacht hat. 

Heute sind wir weiter. Deutschland ist seit 25 Jahren wiedervereinigt – ein lässiges, angesehenes Land, weltoffen, pluralistisch, frei und mit einem (spätestens seit dem Sommermärchen) sehr entspannten Verhältnis zu sich selbst und zur eigenen Flagge. Dachte ich zumindest.

Denn mit der Entspanntheit scheint es vorbei zu sein. Wer heute Schwarz-Rot-Gold schwenkt, tut es meist mit bitterem Gesichtsausdruck und bösen Parolen auf den Lippen. Finde ich ätzend – ausgerechnet die Unentspannten, die Engstirnigen und Frustrierten beginnen, das Deutschsein für sich zu vereinnahmen und es nach ihren menschenverachtenden Maßstäben zu definieren. Und das gefällt mir gar nicht, einfach, weil ich nicht möchte, daß das Deutschsein zum dürren Strohhalm all derer verkommt, die sich schwach und unsicher fühlen und mit brutaler Haßrhetorik ihre Versagensängste überschreien. Jene Leute suchen das Deutschsein in einer allgemein verbindlichen Definition, einer kollektiven Wurzel all dessen, was jeder Einzelne daraus macht. Das aber ist unrealistisch, misanthropisch und gefährlich. 

Das Deutschsein, das ich mir wünsche, funktioniert genau umgekehrt: nämlich als individuell gelebte und selbst bestimmte Zutat zum Gesamtbild der reifen und in sich gefestigten Persönlichkeit. Kurz: Deutsch ist, wer deutsch sein will, egal, welche Hautfarbe er hat, an welchem Gott er glaubt oder welchen Menschen er liebt. Deutsch ist heute eine unendliche Vielfalt von Merkmalen und Eigenarten, aus der sich jeder nach Neigung und Belieben aussuchen möge, was er seiner individuellen deutschen Identität hinzufügen oder was er zum Pool vielleicht sogar Neues beitragen möchte. Vorzuschreiben hat das niemand.

Wer sich aber von Neuem, Fremden per se bedroht fühlt, statt sich zu freuen, aus dem reichen Erbe des Deutschseins das weitergeben und vermitteln zu dürfen, was ihm besonders wertvoll und wichtig erscheint, kommt mir schwach und feige vor. Wer in unserer Zeit nicht auf entspannte, weltoffene und auch selbstironische Weise deutsch sein kann, sollte es lieber lassen. Bei Pegida mitzumarschieren ist jedenfalls etwa so deutsch, wie die Kreuzzüge christlich waren.

Mein Deutschsein geht anders und steht auch in Zeiten der Globalisierung und der Migration keine Sekunde in Frage – entspannt, gelassen und ein bißchen selbstironisch. Weil ich mir seiner sicher bin. Weil ich es super finde. Weil’s mir niemand wegnimmt und weil es wirklich ganz einfach ist.

Freitag, 16. September 2016

Freiheit. Langweilig und anstrengend.

Eine Liebeserklärung

Ich sehe mich um in meinem Deutschland 2016. Und ich sehe Menschen in Freiheit. Sie sitzen in Straßencafés, schlendern durch die Fußgängerzonen, kaufen ein, treffen Freunde, plaudern, lachen. Sie gehen ihren Berufen nach, pflegen ihre Hobbies, erziehen ihre Kinder. Sie besuchen Museen, gehen ins Kino, tanzen in Clubs und lesen Zeitungen und Bücher. Es sind Menschen, die nicht hilflos der Willkür von Polizei oder Justiz ausgesetzt sind, Menschen, die gehen können, wohin sie möchten, die ihre Meinung sagen und ihren Lebenspartner auswählen dürfen, die sich einzig und allein nach ihrem Geschmack kleiden und völlig unbehelligt ihr Leben leben, ohne Angst vor Verfolgung und Denunziation. Ich sehe Menschen in Freiheit in meinem Deutschland 2016.

Freiheit. Die große Sehnsucht aller Unfreien. Die unbändige Kraft, die ganze Völker aufstehen läßt gegen Tyrannei und Unterdrückung, Staaten revolutioniert und Menschen zu Höchstleistungen antreibt. Freiheit, dieser glühende Wunsch, für dessen Erfüllung so viele Millionen Menschen Leib und Leben riskieren. Freiheit, der universelle Traum. Ich sehe mich um in meinem Deutschland 2016. Auf der Residenz weht die schwarz-rot-goldene Flagge, für mich ein wunderbares Symbol der Freiheit, beruhigend, vergewissernd... und ich denke: Wir sind frei. Ein freies Land in Wohlstand und Frieden. Welch immenses, unfaßbares Privileg! Welch ein für Milliarden Menschen auf der ganzen Welt geradezu unvorstellbares Glück, das uns seit 70 Jahren zuteil wird.

Und doch - so recht glücklich wirken nicht mehr viele Menschen in diesem freien, friedlichen Deutschland. Die unbeschwerte Freude an der Freiheit, sie scheint aus den Herzen zu schwinden. Die Gesellschaft, so hört und liest man allenthalben, verroht. Die Sprache wird rauher, die Gereiztheit nimmt zu. Man hupt öfter als früher, kommt mir vor, schon bei sekundenlangem Zögern an der grün gewordenen Ampel. Zweimal habe ich heute fremde Menschen auf der Straße im Streit um Nichtigkeiten einander "Halt's Maul!" zurufen hören. In sozialen Netzwerken wird geschimpft, gepöbelt und gepoltert. Wir sind frei. Wir dürfen das. Aber warum wollen wir es überhaupt?

Freiheit? Wie langweilig.

Vielleicht ist Freiheit einfach langweilig. Nichts ist tabu, nichts gilt als eindeutig richtig oder falsch, solange es das Gesetz nicht sanktioniert – und das Gesetz ist ziemlich liberal. Die Gesellschaft funktioniert, hier und da mehr schlecht als recht, aber im Großen und Ganzen sind die Rollen verteilt, die Wege vorgezeichnet und die Machtverhältnisse klar. Die Arbeiter arbeiten, die Manager managen, und den Rest macht der Staat. Veränderungen erfolgen langsam und kontinuierlich, ohne gewaltige Umbrüche, aufgrund wirtschaftlicher Entscheidungen oder im Zuge demokratischer Willensbildung. Kurz: Das Leben läuft. Alltag. So, wie es jetzt ist, könnte es theoretisch immer weitergehen.

Wie erregend wirkt in dieser Beliebigkeit, die alles erlaubt und alles ermöglicht, doch das Absolute! Wie beflügelnd der Gedanke, man könne die Mängel in unserer Gesellschaft nicht durch zähen Diskurs und fade Entwicklung, sondern durch Umsturz beheben, durch einen gewaltigen Schlag, der alles Gültige zertrümmert und etwas Neuem, Reinen Platz schafft. Auf einmal hat man wieder alle Chancen, auf einmal ist man wie berauscht vom Geist der Zeitenwende, von der Größe und Bedeutung dessen, was da geschieht, und das Herdenhaft-Kollektive überlagert jedes Denken. Dabei sein und gewinnen ist das Gebot der Stunde. Unsere Instinkte, die urzeitlichen Triebe unseres Stammhirns, die in unserer zivilisierten Umwelt so fieberhaft ein Ventil gesucht haben, finden im Kampf, in der Erfindung von Feindbildern, der Eroberung und Zerstörung des Bestehenden endlich wieder einen Gegenstand, der sie zittern macht vor Lust und Hoffnung.

Ja, dergleichen ist verlockend. Freiheit mag die Sehnsucht der Unfreien sein, aber sie wird langweilig, wenn man sie hat. In einer apollinisch geordneten Welt brodelt vielmehr die dionysische Lust am Chaos in unseren Seelen. In der Freiheit vermag nur noch das brisante Spiel mit der Unfreiheit zu provozieren.

Freiheit? Wie anstrengend.

Doch halt! Rufen nicht die selbsternannten Revolutionäre unserer Zeit gerade nach "Ordnung"? Das Chaos mag der Antrieb des umstürzlerischen Rausches ein, sein Ziel jedoch ist eine neue Ordnung. Aber eben nicht Ordnung im Sinne der freien Entfaltung des Individuums auf der sicheren Grundlage eines liberalen und sozialen Gemeinwesens, sondern Ordnung im Sinne von Einfachheit und Homogenität.

Denn Freiheit ist nicht nur langweilig, sie ist auch anstrengend. Wo der Staat nicht das gesamte Leben bestimmt und organisiert, ist der mündige Bürger auf sich selbst gestellt. Er muß seinen Lebensweg gestalten, seine Möglichkeiten ausschöpfen, für seinen Alltag sorgen und seine Karriere vorantreiben. Und hier liegt die Crux: Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat setzt auf das Individuum statt auf das Kollektiv und büßt somit an Integrationskraft ein. Vielen Ichs wird die Sehnsucht nach einem Wir nicht ausreichend erfüllt. Im Gegenteil: Wo die Freiheit des einen nur durch die Freiheit des anderen begrenzt wird, verwirklicht sich eine Vielfalt an Lebensentwürfen, die verwirrend ist und manche Menschen ästhetisch oder moralisch überfordert, ebenso wie die Komplexität der daraus erwachsenden Problemstellungen. Freiheit erzeugt Pluralismus, und Pluralismus wird seines Konfliktpotenzials wegen wiederum zur Herausforderung für die Freiheit. Freiheit braucht Bildung und (auch emotionale) Intelligenz, um gelebt und toleriert zu werden. Sie erfordert den Willen, beständig an seiner Wahrnehmung zu arbeiten, sich zu erweitern und für die Freiheit auch dort einzutreten, wo einem ihre spezifische Ausprägung nicht unbedingt gefällt. Wo dies ausbleibt, weil der medialen Verdummung kein soziales Korrektiv entgegenstand, ist Freiheit belastend und kann Streß auslösen.

Die Einfachheit eines klaren, eng umrissenen Weltbildes ist da natürlich sehr verführerisch! All das komplizierte Reden und Analysieren "der da oben", all die Verworrenheit und beängstigende Unüberschaubarkeit der Probleme, jener Gordische Knoten, der durch systematisches, geduldiges Aufdröseln einfach nicht zu lösen scheint, weil vielen längst die Fähigkeit zum komplexen, konstruktiven Denken abhanden gekommen ist, ist gar nicht mehr so bedrohlich, wenn man nur simpel genug darauf antwortet: Man muß ihn einfach zerschlagen, heldenhaft und kraftvoll, mit großer germanischer Geste, und all die künstlichen Wucherungen freiheitlicher Entfaltung werden ersetzt durch eine radikal simplifizierte Ordnung, die man verstehen und überschauen kann, und die nichts weiter erfordert als Anpassung. Freiheit gilt in diesem Denken nicht mehr als Privileg, sondern als Zumutung für die eigene Bequemlichkeit, und Vielfalt ist nichts weiter als eine unerwünschte Penetration des biederen kleinen Weltbildes durch neue Impulse.

Die Sehnsucht nach Autorität als Auswuchs der Freiheit

Und so hat denn die Freiheit selbst ihre Feinde hervorgebracht. Ein Privileg, das eigentlich genossen werden sollte, wird zur Belastung, weil der Umgang mit ihm nicht gelernt, nicht vermittelt, sondern einfach vorausgesetzt wurde – philanthropisch gedacht, aber offenbar lebensfern. Stattdessen wächst die Sehnsucht nach einer Autorität, die die anstrengende Freiheit des Individuums kollektiviert, ordnet und trägt. Wieso haben wir geglaubt, eine so enorme, großartige Aufgabe wie die Freiheit ließe sich dauerhaft bewältigen, ohne von der Pike auf gelernt worden zu sein? Haben wir Freiheit so absolut definiert, daß die Forderung, sich geistig und moralisch für die Freiheit, für die Vielfalt und für die Selbstbestimmung zu rüsten, bereits als Einschränkung eben jener Freiheit betrachtet wurde? Dann birgt unser Freiheitsbegriff ein Paradoxon, das ihn zerbrechen kann. Wenn wir die Freiheit erhalten und vor ihren Feinden schützen wollen, müssen wir neu über sie nachdenken. Wir müssen sie nicht nur als Geschenk, sondern auch als Herausforderung begreifen. Wir dürfen sie nicht nur haben, sondern müssen sie auch verstehen.

Ich sehe mich um in meinem Deutschland 2016. Ich sehe Menschen in Freiheit. Gleichgeschlechtliche Paare, die händchenhaltend über die Straße gehen, halbwüchsige Jungs aller Hautfarben, die verschwitzt und eifrig plappernd vom Fußballspielen kommen, ein deutsches Mädchen, das einem iranischen Mädchen auf dem Spielplatz unsere Sprache beibringt. Menschen aus allen möglichen Ländern, die in diesem Deutschland ihr Glück suchen. Und ihre Freiheit.

Und ich möchte, daß das so bleibt.

Montag, 8. August 2016

Zwei ganz allein

„Du weißt gar nicht, wie ich bin!“ 
sagst Du, während Du eine zweite Maske über die Maske ziehst, die Du schon so lange trägst, und Deine Stimme klingt dumpf drunter. Ich weiß nicht, wie Deine Stimme ohne Masken klingt; das habe ich nur ein-, zweimal gehört, und es ist so lange her, daß ich mich kaum erinnere. Nur daran, daß sie schön war.

„Du siehst mich gar nicht wirklich!“
sagst Du, während Du das Licht ausschaltest, Deine Kapuze weit ins Gesicht ziehst und Dich umdrehst, weg von mir. So bleibt um uns herum nichts als die Dunkelheit, die Du geschaffen hast. Du hast es gern dunkel, um mir meine Blindheit zu beweisen. Aber meine Augen finden Dich, auch wenn Du es nicht siehst.

„Ich bin so allein!“ 
sagst Du, und als ich meine Hand in die Dunkelheit strecke, schlägst Du mit aller Wucht darauf. So machst Du es oft; vier meiner Finger waren schon gebrochen. Nun bricht auch der fünfte. Mehr habe ich nicht. Nächstes Mal werde ich dir nur die Linke hinstrecken können. Die ist fast so stark wie die Rechte.

„Wer mich liebt, kennt meine Fragen!“ 
sagst Du, aber immer, wenn ich Luft hole, um zu antworten, hältst Du Dir die Ohren zu und singst ein Lied von Einsamkeit. Ich spreche trotzdem, aber Du kannst mich nicht hören. Denn Du magst Fragen lieber als Antworten. Du magst Hindernisse lieber als Möglichkeiten. Sie lassen Dich traurig und stark und ganz allein sein.

„Nur wenige kennen mich!“ 
sagst Du und meinst damit Deine richtigen Freunde. Die Dir sagen, wie großartig Du bist. Dann fühlst Du Dich geliebt. Mich zählst Du nicht dazu, denn ich sage zu oft, wo Du noch großartiger sein könntest. Und dann fühlst Du Dich angegriffen, unverstanden. Nicht geliebt, nicht erkannt genug. Sofort ziehst Du die Maske an, schaltest das Licht aus und schlägst auf meine Hand.

„Ich bin da!“
sage ich. Denn ich höre Deine schöne Stimme durch die unbewegte Maske, sehe Deine Schönheit im Dunkeln und fürchte nicht den Schmerz Deiner Schläge, weil ich stark sein kann für Dich. Ich antworte Deinen tauben Ohren und ich widerspreche Dir. Ich bin immer da, auch wenn Du mich fortschickst. Denn so geht Liebe.

Dienstag, 26. Juli 2016

Auflösung

Der Meister läßt auf sich warten. Zuweilen tut er das, denn er erzeugt gern Spannung, vielleicht sogar Unsicherheit unter seinen Schülern, was nun ihre Aufgabe, was genau die Herausforderung sein wird, der sie sich heute zu stellen haben in seiner Klasse für fortgeschrittene Bildhauerei. Es gab sogar schon Stunden, zu denen er gar nicht erschien. Einmal hat er nur ein Buch auf dem Tisch liegen lassen, aus dem ein paar Seiten herausgerissen, andere uneindeutig markiert waren, und erst nach langem Hin und Her, wildem Blättern und angeregten Diskussionen, die freilich nicht abliefen, ohne daß ganz grundsätzliche Fragen berührt und manch heftiger Streit geführt wurde, vermochten die Kursteilnehmer schließlich, sich auf irgendeine Vorgabe, irgendein Thema einigen, das der Meister wohl im Sinn gehabt haben müsse und an dem sich der künstlerische Eifer der Nachwuchsskulpteure nun abzuarbeiten habe. Ein anderes Mal hatte der Meister seinen Lieblingsschüler angerufen und ihm aufgetragen: „Sag den anderen, heute sollen sie die Liebe darstellen!“ Mehr nicht. Und so bleibt ungewiß, ob er heute erscheinen wird mit seinem langen, weißen Bart und seiner ganz speziellen Art, seine eindringlichen Reden mit entschlossenen Gesten der rechten Hand zu bekräftigen, die Finger leicht gekrümmt und alle gespreizt mit Ausnahme von Ring- und Mittelfinger, die immer, wirklich immer eng aneinandergelegt bleiben. Doch bald schon öffnet sich die Tür, und alle Zweifel sind dahin. Der Meister ist da.

„Heute“, beginnt er grußlos und zerhackt mit der rechten Hand die Luft, die Finger leicht gespreizt außer Ring- und Mittelfinger, die unzertrennlich aneinanderliegen, „erschaffen wir das Leben! Jeder sein ganz eigenes, so wie ihr es euch vorstellt. Sucht euch das passende Material und legt los!“ Nachfragen gibt es nicht; man weiß schon, daß der Meister sie ohnedies nicht beantwortet. „Seht euch meine 'Welt' an, da findet ihr alle Vorgaben!“ sagt er immer. 'Die Welt', das ist sein Meisterwerk, das ihn einst berühmt gemacht hat, sein Maßstab, sein Vermächtnis. Die wenigen kritischen Stimmen, die gelegentlich auf die Schwächen des Werkes hinweisen, werden mit der umfassenden Behauptung zum Verstummen gebracht, das sei genau so gewollt, was das Werk schließlich noch genialer erscheinen läßt.

Die Schüler sind vorbereitet. Sorgfältig haben sie ihr Werkzeug zurechtgelegt, Werkzeug recht unterschiedlicher Qualität übrigens, das sie teuer erworben oder mühelos geerbt haben. Man sieht Meißel in allen Größen, Hämmer verschiedener Schlagkraft, feine oder grobe Sägen, Spachtel, Schnitzmesser oder die bloßen Hände – jeder nutzt, was er hat. Nun kommt Bewegung in die Klasse. Alles drängt und strebt zu den Materialien hin, den Stoffen, aus denen sie ihre Skulptur, ihr 'Leben' gestalten wollen. Einer greift etwa nach einem Klumpen Ton; viel ist nicht da – er wird seine Skulptur hohl ausführen müssen. Vielleicht vergoldet er sie nachher noch, damit sie beeindruckender wirkt. Eine nimmt sich den dicken Baumstumpf; sie möchte es wohl natürlich haben. Wieder ein anderer wählt einen Block aus schwerem, schwarzen Granit; er möchte etwas Solides schaffen, das etwas darstellt, wie er sagt. Ein paar schweißen Stahlteile zusammen, die ihnen gefallen, und einige verwenden gar Müll in mehr oder minder kunstvoller Anordnung. Einem fällt gar nichts ein; er entscheidet sich, einen Abguß einer bereits vorhandenen Skulptur anzufertigen. Und so beginnen sie alle. 

* * * 

Ich selbst wähle mir den Marmor als Material, denn ich möchte mein 'Leben' klassisch schön gestalten, mit jenen verwegenen Stilbrüchen zwar, die ich so mag, und voller Spannung, aber eben doch geordnet, geschaffen nach den Idealen einer antiken, ewig gültigen Ästhetik, weiß, rein, vollkommen. Das Werkzeug liegt bereit; ich hatte das Glück, eine besonders hochwertige Ausstattung zu erben von meinem Großvater und auch meinem Vater. Ich habe sie gereinigt, geschärft, ergänzt und bin bestens vorbereitet. Also beginne ich. Die Ideen, was zum Leben, zu meinem, gehört, kommen mir schneller als ich meißeln kann – das Schöne, das Bewährte, das Neue und das Gute, Kopf und Herz und Hand; ich habe das fertige Werk im Kopf, alle Einzelheiten erdacht und in perfekter Harmonie angeordnet, aufeinander abgestimmt und ins richtige Verhältnis zueinander gesetzt. Die Form, die erzählende Gestalt, die ich im Kurs letzte Woche meiner 'Liebe' gegeben habe, möchte ich einarbeiten in mein 'Leben', ja zum zentralen, sinngebenden Element der Skulptur möchte ich sie erheben, alles zusammenhaltend, umfassend, durchdringend und prägend. Verstand, ja, den braucht es auch. Eine Berufung, eine Leidenschaft. Träume, Hoffnungen, Wünsche, Ängste. Glauben, Güte. All das schwebt mir vor Augen, und ungeduldig mit pochendem Herzen meißele ich alles weg, was nicht dazugehört, quälend langsam, weil das Werk in meinem Kopf viel schneller reift und wächst als meine Hände es vollenden können. Hell scheint die Sonne durch die großen Atelierfenster, und je deutlicher sich mein Bild vom Leben aus dem weißen Stein erhebt, desto mehr füllt sich das Material mit der Wärme des Sonnenlichts. Nicht einfach nur umfassend, nicht durchdringend gelingt mir die Liebe, sondern hineinfließend in alle anderen Bilder des Lebens und diese gleichsam hervorbringend. Ich bin erregt und glücklich darüber, wie gut es läuft, und immer noch wärmt mich die Sonne. Alles um mich herum füllt sich mit weißem Licht, in dem die anderen Kursteilnehmer versinken und ihr Hämmern und Sägen verstummt, und wie im Rausch allumfassender Erkenntnis vollende ich mein Werk. Ein letzter Schliff, ein prüfender Blick, und es ist fertig – schön, harmonisch, ein Traum in Form und Ausdruck, mein Ideal des liebenden, geordneten Lebens. Und wie ich gerade weich und wohlig im Glück dieses Anblicks versinken will, zieht sich die Sonne eine Wolke vors Gesicht, und der raumlose Glanz um mich herum wird schattig und kühl. Dann zerreißt ein lautes Knacken die Stille, und ein Sprung geht durch mein 'Leben', mitten durch die Liebe, die es durchfließt und formt. Mein Herz setzt aus; kaltes Grauen lähmt mein Begreifen, und ehe ich erfasse, was soeben geschah, kehrt das Licht zurück. Doch der Schaden ist entstanden.

Und dann beginnt es: Ein feines Blättchen Marmor hebt sich vom festen Stein, wie ein Stück abblätternde Farbe, wölbt sich, reißt an den Rändern ein und wird größer; wie von einem Wind erfaßt, den ich nicht spüre, nicht höre, löst es sich ab und schwebt federleicht davon ins weiße Licht. Und während es meinem Blick entschwindet, beginnt ein weiteres Stück, sich von der glatten Oberfläche meiner Skulptur zu lösen, reißt ein, trennt sich ab und taumelt schwerelos empor. Und dort noch eins. Da zwei. An anderer Stelle ein ganzes Feld. Überwältigt von der entsetzlichen Schönheit des Geschehens schaue ich zu, wie mit einemmal zahllose Blättchen, hauchfeine Fetzchen der Oberfläche auf dem ganzen Werk wie ein Daunenfederkleid im Sturm flattern und rauschen, sich ablösen und in einem dichten Schwarm emporwirbeln, um im weißen Licht dem hilflosen Blick zu entschwinden. Der stumme Wind schwillt an, ohne daß ich weiß, woher er kommt, und mehr und mehr Stückchen werden davongeweht. Wie tausend weiße Schmetterlinge, die eben noch eine glatte Fläche, eine feste Form gebildet haben, verfliegt meine ganze Skulptur und löst sich auf und ist dahin. Das letzte Fetzchen verliert sich im weißen Licht, und nichts bleibt zurück als gleißende Leere. Mein 'Leben' hat sich aufgelöst, gerade als es vollkommen schien.

Nur langsam löst sich der Bann. Langsam, ganz langsam taucht aus dem weißen Licht der Raum um mich herum wieder auf, die Schüler, ihre Werke und der Meister, der durch die Reihen geht, um zu schauen, zu begutachten, was sie zustande gebracht haben, welche Bilder, welche Formen und Inhalte sie ihrem 'Leben' gaben. Er schmunzelt hier, zieht dort die Brauen zusammen, hebt sie erstaunt oder rollt vielsagend die Augen. Als er bei mir ankommt, blickt er mich fragend an. „Gar nichts?“ sagt er. „Nicht einmal eine Oberflächlichkeit wie das hohle, goldene Tonbild dort? Keine angeberische Monströsität wie das Granitgebilde da drüben? Oder jenes hölzerne Naturspektakel, das ganz offenbar meine schöpferische Nähe sucht und doch nur Gestus bleibt? Und Sie? Das beste Werkzeug, das größte Talent des ganzen Kurses, und dann so gar nichts?“

Er klingt enttäuscht, bitter enttäuscht, und ehe ich, noch ganz verwirrt wie gerade erst aus einem schrecklichen Traum erwacht, eine Antwort ersinnen kann, ist der Meister weitergezogen.

Montag, 30. Mai 2016

Mein Versuch...

...mir die ganze Gauland-Geschichte klarzumachen, die seit vorgestern so hohe Wellen in Medien und sozialen Netzwerken schlägt: Nehmen wir an, Alexander Gauland hat wirklich gesagt, was zitiert wird. Dann ist darin nicht zwingend eine rassistisch motivierte Äußerung zu sehen, sondern lediglich eine Beobachtung jenes Alltagsrassismus in Deutschland, der in der Annahme, viele wollten keinen Schwarzen als Nachbarn (denn Boateng war hier gewiß nicht als berühmter Fußballer gemeint, sondern als Vertreter seiner "Rasse", an dem die verlogene Bigotterie vieler Deutscher zwischen Bewunderung und Ablehnung besonders deutlich wird) ja nicht zu widerlegen ist. Insoweit vermag ich mich der allgemeinen Empörung noch nicht anzuschließen.

Nun wäre Gauland aber nicht Gauland, wenn er sich plötzlich als scharfer Kritiker rassischer Vorbehalte gerierte. Bei der Interpretation seiner Aussage darf und sollte man also genauer hinschauen. Denn was sagt er eigentlich? Oder besser: mit welcher Implikation sagt er es? Hätte ich den zitierten Satz von mir gegeben, oder einer meiner publizierenden Freunde, dann wäre er wohl als jene Beobachtung unverdächtig gewesen, die ich oben beschrieben habe.

Bei Gauland jedoch spielt eine weitere Ebene hinein: Er sieht sich und seine Partei als Stimme des (noch) mehrheitlich schweigenden Volkes. Wenn er behauptet, "die Leute" fänden Boateng als Fußballer gut, wollten "einen Boateng", also nicht ihn, sondern jemanden wie ihn, nicht als Nachbarn, wird damit ein Volkswille heraufbeschworen, der bei Gauland eben nicht die Konsequenz zeitigt, Weltoffenheit, Toleranz und friedliches Miteinander zu fördern und rassistischen Tendenzen entgegenzutreten, sondern eben jenen vermeintlichen Volkswillen endlich zu respektieren und eine entsprechend rigide Flüchtlings- und Einwanderungspolitik zu betreiben. Darin liegt seine subtile Agitation, sein versteckter Rassismus, und allein das kann und sollte Gegenstand der Empörung sein. 

Gauland ist geschickt. Er weiß um die komplexen Wirkmechanismen des gut gewählten Wortes, und so hält es auch die AfD als solche: haarscharf an der Grenze, so daß genug Interpretationsspielraum bleibt, sich herauszureden und eine weiße Weste zu behalten, und dennoch eine unterschwellig fatale Wirkung in den schlichteren Köpfen in Gang zu setzen. Wer kann, sollte tiefer blicken. Denn auf dieses manipulative Spiel hereinzufallen und die berechtigte weltanschauliche Empörung über die Axiome der AfD an jedem Stöckchen auszulassen, das ihre Gaulands und Höckes der Medienlandschaft hinhalten, um diese anschließend als hysterisch, voreilig und dumm vorzuführen, weil man es ja ganz anders gemeint habe, ist grundfalsch und nützt letztlich der Sache, die man zu bekämpfen versucht.

Dienstag, 3. Mai 2016

Das Kamel

Ein Wüstentod

Heiß und trügerisch flimmerte die Luft über dem staubigen Wüstenboden, über den sich mit letzter Kraft ein ausgetrockneter Mann dahinschleppte. Jeder Atemzug schmerzte, als führe ihm eine glühend-scharfe Klinge durch die Nase bis in die Stirn hinauf. Seine Füße brannten; die glitzernden, versandeten Blasen, die er sich gelaufen hatte, peitschten mit jedem Schritt quälende Schmerzen in seine Schienbeine, und die erbarmungslose Sonne versengte ihm vom gelblich-blauen Himmel herab den Nacken. Den Gedanken an Wasser oder einfach nur an ein Wandern ohne Schmerzen hatte sein kochendes Hirn längst verlernt. Allenfalls eine staubige, blasse Erinnerung daran, daß es Leben und Landschaften, Seen, Felder und Bäume außerhalb der Wüste gab, in der er schon so lange wanderte, stieg zuweilen in ihm auf wie ein trockener Husten.

Kaum konnte er noch aus den brennenden Augen schauen, als er in der Ferne eine Bewegung zu erkennen glaubte. Tatsächlich, da ging ein Kamel. Nur ein paar hundert Meter weit entfernt lief es gemächlich in die gleiche Richtung wie er. Und da war noch etwas. Weiter weg, am Horizont, genau oberhalb des Kamels ging auf einer Anhöhe eine Frau. Fast sah es aus, als verschmölzen beide Gestalten, ja als ritte eine winzigkleine Frau auf einem riesigen Kamel. In Wirklichkeit, dachte der Mann dumpf, müsse sie wohl etwa genausoweit von dem Kamel entfernt sein wie er. Nur auf der anderen Seite. Doch verließ ihn dieser Gedanke sogleich für einen stärkeren: Reiten, dachte er, nur ein kleines Stück sich tragen lassen, vielleicht sogar zu einer Siedlung, einer Oase... oder wenigstens einer Höhle zum Sterben. Ein wenig nur die Füße schonen. Auf dem Kamel sitzen, nur für ein paar Meilen. Oder für immer.

Er versuchte zu rufen. Aber seiner Kehle entrang sich nur mehr ein Krächzen. Sofort änderte das Kamel seine Richtung und lief auf den Mann zu, der sein Glück nicht fassen konnte. Eine Woge von Kraft und Zuversicht durchflutete und berauschte ihn, die alle Erschöpfung vergessen machte, und als das Kamel bei ihm ankam und sich bereitwillig niederließ, wollte er schon aufsteigen. Doch das Bild der winzigen Frau auf dem riesigen Kamel schob sich in seine Gedanken. Sie und das Kamel gehörten zusammen! Wenn er es nun zu sich gerufen hatte, dann doch nur, um es ihr zu schicken, es ihr zu schenken und gemeinsam weiterzureisen. Nein, er konnte nicht alleine reiten. Wie hatte er das je glauben können? „Geh“, sagte er heiser, „und hol sie. Laß sie reiten. Zu mir.“ Und das Kamel stand auf und lief behende über den heißen Wüstenboden in Richtung der Frau.

Von Ferne sah er, wie es bei ihr ankam. Es schien ihm, als lächelte sie kurz, und auch er lächelte, so glücklich machte ihn diese Begegnung in der Wüste. Doch dann erstarb ihr Lächeln; er konnte es spüren. Ihr Blick wurde streng und hochmütig, und er sah, wie sie das Kamel fortschickte. Zurück zu ihm. Zurück in den Staub. Und treu und geduldig lief das Kamel zurück.

„Nein“, rief er trocken, „nicht zu mir! Zu ihr gehörst du! Komm, wir gehen gemeinsam!“ Und als er die Frau von Ferne wieder lächeln und winken sah, führte er das Kamel in ihre Richtung zurück, Schritt für Schritt, und aller Schmerz wich von ihm. Die Füße trugen ihn sicher, und das Atmen der heißen Luft fiel ihm plötzlich leicht.

Sie kamen der Frau immer näher, und mit jedem Schritt wurde ihr Lächeln ein wenig starrer. "Schau doch", sagte er zu ihr, "du kannst mit mir reiten! Sicher und bequem, fort aus dieser Wüste!" Doch als er ihr das Kamel übergeben wollte, huschte ein Ausdruck von Angst durch ihre Augen, der sofort kalter Ablehnung wich, und abermals erstarb ihr Lächeln. „Verschwinde!“ rief sie. „Ich will nicht mit dir reiten. Nimm dein blödes Kamel und such dir eine andere Reisebegleitung!“ Und mit dem Fuß trat sie ihm eine Wolke heißen Staubs ins Gesicht. Mehr als der Staub aber brannte die Verachtung, die er von ihr erfuhr, und eine verzweifelte Ratlosigkeit, was er wohl falsch gemacht hatte, ergriff sein Herz. Doch er ging, wie ihm geheißen.

Nach ein paar hundert Metern drehte er sich um und sah – er rieb sich die Augen – ja, wirklich, er sah, wie sie einen anderen Mann auf dem Rücken trug. Sie lachte künstlich. Vielleicht glaubte sie, zu reiten, vielleicht dachte sie auch nur, für ihn müsse es aus der Ferne in der flimmernden Luft, die alle Wesen verschmelzen läßt, so aussehen… aber tatsächlich war sie es, die sich reiten ließ, von jenem anderen Mann, der ihr kein Kamel anbot, sondern sie wie eins benutzte, mitten in der heißen Wüste. Und sie lachte dabei und schaute spöttisch zu ihm herüber. Wut und Trauer stiegen in ihm auf, und hätte er noch weinen können, wären ihm gewiß die Tränen gekommen. Aber es war zu heiß, zu tot, zu trocken in ihm. Und so wandte er sich ab.

„Hallo!“ hörte er sie hinter sich rufen und drehte sich um. Der andere Mann war weg. Hatte es ihn je gegeben? Die Frau lächelte wieder, aber diesmal schwach und traurig. „Hallo!“ rief sie wieder. Und Mitleid und Liebe ergriffen sein Herz. Er schwang sich auf das Kamel, diesmal ganz sicher, endgültig zu ihr zu finden, und ritt auf sie zu. Doch abermals wurde ihr Lächeln härter und kälter, je näher er ihr kam, und als er fast bei ihr angelangt war, begann sie ihn anzuschreien: „Ich sagte doch, ich werde nicht mit dir reiten! Hau endlich ab und hör auf, mich zu belästigen!“ Und mit einem kleinen Messer stach sie dem Kamel in die Seite, ins Bein und in den Hals und verletzte es in ihrer blinden Wut sehr schwer. Fassungslos und voller Entsetzen und Ekel drehte der Mann das Kamel herum und trieb es zur Flucht an, weg, nur weg von dieser Frau, ihrer Unberechenbarkeit, ihrem Undank, ihren dummen Launen und ihren anderen Gestalten.

Das Kamel hinkte. Eine tiefe Wunde klaffte an seiner Seite, und heißes Blut tropfte auf den Wüstenboden. Immer noch flimmerte die Luft vor sengender Hitze, die Sonne brannte, und das Atmen fiel dem Mann schwer wie nie. Die Wüste hatte nun den Höhepunkt ihrer glühenden, höllischen Grausamkeit erreicht. Und als ihm eben die Sinne vergehen wollten vor Durst, Schmerz und Trauer, glaubte er, in der Ferne eine Stimme zu hören.

„Hallo!“ rief die Frau leise. Er wandte sich um, und in diesem Moment knickte das verletzte Kamel ein. „Nein“, krächzte er, „nein“… und wollte weiterreiten, doch das Kamel war am Ende seiner Kräfte. „Ich tue dir nichts“, sagte die Frau, „ich weiß, ich war gemein, aber jetzt will ich gern mit dir reiten! Ich wollte es doch im Grunde immer schon. So gern... aber weißt du, Kamele sind groß, mächtig und stark. Eins von ihnen hat mir mal sehr wehgetan. Daher fürchte ich sie und schickte deins immer wieder fort.“ Und sie stolperte auf den Mann und das Kamel zu, das nun zusammengesunken am Wüstenboden lag. Den Mann aber überwältigte in diesem Moment ein berauschendes Bild von kristallklarem Wasser in einem glitzernden See, an dessen Ufern die saftigsten Früchte wuchsen. Die fruchtbaren Felder trugen satte Ernte, und im warmen Sonnenschein kitzelte ein duftender Windhauch die Nasen der Menschen. Alles Glück schien wahr, jeder Traum erfüllt an diesem Ort, und Schmerz und Leid waren vergessen. Und mittendrin sah er sich und die Frau stark, schön und strahlend auf dem Kamel zu ihrem Haus am See reiten, das weiß in der Sonne leuchtete. „Ja“, hauchte er mit letzter Stimme, „reiten wir. Zusammen. Siehst du auch… da… unser Haus. Den See. Die grünen Bäume… reiten wir ins Glück…“ „Ja, ins Glück“, antwortete sie und setzte sich zu ihm auf das Kamel, gerade über die klaffende Wunde. Das Tier schrie vor Schmerz auf, dann krachte sein Kopf auf den Wüstensand, und seine dunklen, treuen Augen wurden glasig. Es war tot.

„Wir reiten“ … „für immer“ … „zusammen“ … „ins Glück“ Solche Fetzen stammelnd lagen der Mann und die Frau auf dem toten Kamel, beide mit dem berauschenden Bild im Kopf vom glitzernden See, dem weiß leuchtenden Haus, den grünen Bäumen und den satten Feldern. Bis die sengende Sonne auch ihnen das Leben ausgebrannt hatte und sie dem heißen Wüstenstaub überließ.

Montag, 4. April 2016

Gedankengebäude

Gedanken beim Vorbeischlendern am ehemaligen "Führerbau" in der Münchner Arcisstraße 12.

Die Insignien der alten Ideen haben wir vorsorglich abgenommen von unserem Gedankengebäude. Es ist uns unangenehm genug, diese Ideen je beherbergt, gedacht, gelebt zu haben und sie mit dem Hoheitszeichen der Macht sichtbar und offiziell zum einzig legitimen, alles beherrschenden Interieur unseres Gedankengebäudes erhoben zu haben. Ein dummer Fehler. Schnell fort also mit dem Symbol, das einst die Fassade zierte.

Das Gedankengebäude bleibt freilich stehen. Was man hat, das hat man. Und so schlecht sah es ja nicht aus.  Die alten Ideen... naja. Die haben wir eben versteckt. In Wandschränken, in Abstellkammern, im Keller. Ein paar haben wir im Garten vergraben. Schließlich haben wir die großen, noch intakten Räume ganz schnell mit neuen Ideen gefüllt.

So ganz wollten sie freilich nie in unser Gedankengebäude passen, die neuen Ideen. Die Architektur war nun einmal nicht für sie gemacht. Man hätte vielleicht nicht nur die Hoheitszeichen der alten Ideen entfernen, sondern das ganze Gedankengebäude abreißen und ein neues errichten sollen, ein helles und offenes, in das die neuen Ideen gepaßt hätten! Haben wir aber nicht gemacht. Und so wirkten die neuen Ideen im alten Gebäude immer etwas fremd. Und verstaubten.

Also auf die Fenster! Frischer Wind soll wehen, und mit ihm die Stimmen, die draußen immer lauter werden. Und plötzlich fliegen die Wandschränke auf, die Abstellkammern, der Keller sogar! Und im Staub wirbeln die alten Ideen aufs neue hervor, mischen sich  ein bißchen mit den neuen, aber nicht viel, flattern hoch und uneinholbar durch unser Gedankengebäude... gerade so, als seien sie endlich wieder im Recht, endlich wieder da, wo sie immer hingehörten. Weg waren sie ja nie. Wir hatten sie nur versteckt.

Es braucht eben keine Hoheitszeichen, um ein Gedankengebäude plötzlich wieder von alten Ideen besetzt zu finden. Das Abmontieren der Insignien reicht nicht aus; es schützt uns nicht vor dem alten Ungeist. Halten wir unser Gedankengebäude also sauber - gerade, wenn es draußen stürmt. Denn darauf kommt's an.

Freitag, 11. März 2016

Personenschaden

Zu viel, zu schwer. Nicht mehr zu tragen, die Bürde dieses Lebens. Die unendliche Macht der Ohnmacht, erdrückend, zerquälend das letzte Bißchen Seele, das sich noch regt in der Brust. Bleischwer das Herz, tränenverklumpt die stumme Kehle, Nacht für Nacht, Tag für Tag.

Stimmen wie durch Watte, grobes Lachen, stumpfes Tagwerk, gespielte Freundschaften... Kein Sonnenstrahl dringt mehr ins Herz, kein Lächeln durchbohrt den Schleier in den Augen. Nur Traurigkeit, Einsamkeit, namenlose Verzweiflung. Unverstanden allein inmitten von Menschen - längst weit entrückt dem, was sie "Leben" nennen. Tot, lange schon. Doch ohne die erlösende Ruhe, den kühlen Frieden, die dunkle, stille Freiheit.

Nur ein kleiner Schritt dorthin. Eine kalte, summende Schiene ins ewige Nichts. Anziehend. Unwiderstehlich reizvoll. Bereit zum Abschied, bereit zum Loslassen von Menschen, Gewohnheiten, Sachen und Sorgen. Kein Name, kein Körper, kein Gesicht. Loslassen das Leben, das wuchs, hoffte, träumte, strebte, versagte und irgendwann, wann genau?, ohne Mut war, ohne Lachen, ohne Ziel. 

Kalt liegt die Schiene am Hals, in dem die Tränen klumpen, die Schiene ins Nichts, deren Summen lauter wird, anschwillt zu einem Rauschen, einem Dröhnen. Ein letztes, lautes, lebendiges Weltgeräusch! 

Dann wird es still.

"Wegen eines Personenschadens ist unser Zug auf unbestimmte Zeit zu einem außerplanmäßigen Halt gekommen!" sagt der Schaffner.
"Das darf doch nicht wahr sein!" schimpft ein Fahrgast, "Verdammte Scheiße!" Dann ruft er seine Frau an.

Sonntag, 21. Februar 2016

Noch'n Bekenntnis

Ich gebe es zu: Auch ich bin ein besorgter Bürger. Wie könnte ich nicht besorgt sein? Die Aufnahme hunderttausender Flüchtlinge stellt uns vor ungeheure, beispiellose Herausforderungen, und auch der wohlgesonnenste Beobachter wird einräumen, daß nicht alle, die zu uns kommen, liebe, nette und dankbare Menschen sind.

Die kulturellen Unterschiede sind zum Teil enorm, das Verständnis von Gesellschaft, Freiheit und sozialem Miteinander unterscheidet sich oft sehr von dem, was uns hierzulande "normal" und wünschenswert erscheint. Erscheint, wohlgemerkt, denn der bittere Haß der rechten Stimmungsmacher, die landauf, landab nicht einzelne Menschen, sondern ganze Gruppen, Ethnien und Religionen unter den Verdacht übelster Absichten stellen und eine allgemeine Bedrohung, eine kollektive Gefahr beschwören, nur um damit ebenso kollektive Gemütsregungen auszulösen, ist auch nicht eben Ausdruck abendländischer Kultur. Manche kommen elitär und intellektuell daher (oder was sie eben dafür halten) und lassen allem gedrechselten Geschwätz zum Trotz doch jede Weisheit vermissen. Manche grölen dumm und tierisch drein und sind mit dieser Stammhirnobergrenze nicht minder archaisch als die in mittelalterlichen Wahnvorstellungen von Ehrenmord und Frauenunterwerfung befangenen Exemplare unter den Neuankömmlingen.

Ja, all das besorgt mich. Als Bürger und Bewohner dieses Landes, das ich liebe. Es besorgt mich, wie sich der Ton verschärft, wie die Sitten verrohen, wie die Bereitschaft zur Gewalt wächst und Andersdenkende sogar von "guten Christenmenschen" gehaßt, beleidigt und verunglimpft werden. Es besorgt mich, wie ein unumkehrbar geglaubtes Wertesystem zu erodieren beginnt unter den ätzenden Einflüssen niederster Instinkte, die nur Kampf und Flucht, nicht aber Gespräch und Verständigung kennen. Es besorgt mich, in einem Europa zu leben, das seine moralische Überlegenheit nicht stark und unbeirrbar behauptet, sondern einem unmoralischen politischen und oft genug auch schlicht wirtschaftlichen Kalkül opfert. 

Und auch die Weltlage besorgt mich. Ein böser Zwerg im Kreml, der so leer, so bitter und so unglücklich ist, daß nur die Bedrohung anderer Länder, die Ermordnung von Gegnern, die Unterdrückung von Kritik und das unbedingte Streben nach Macht seinem kümmerlichen Wesen Bestätigung und (vielleicht) ein bißchen Befriedigung verschafft... und den selbst im freien, wohlständigen Deutschland als Erlöserfigur zu verehren sich manche nicht entblöden. Ein verbrecherisches Menschenzerrbild in Syrien, das sein eigenes wunderschönes Land zerbombt, sein eigenes kultiviertes Volk ermordet, nur um weiter herrschen zu können, worüber eigentlich?, über ein Ruinenfeld, einen Massenfriedhof...

Macht. Welch erbärmliche, herzensdumme Triebfeder für irgendein Tun. Geltung. Überlegenheit. Stärke. Wie abstoßend, wie niedrig. Wie wertlos als Maßstab für die Güte eines Menschen. Und doch Motivation aller Missetäter: Vom grölenden Pack vor einem Reisebus auf einer kalten Dorfstraße über den schamlosen Provinzpolitiker, der im Blitzlichtgewitter in Verbrecherärsche kriecht, bis zum selbstbesessenen Herrscher in seinem goldenen Palast - sie alle verbindet das Gefühl der tiefen Minderwertigkeit. 

Denn Haß ist immer ein Produkt von Minderwertigkeitsgefühlen. Vielleicht liegt in diesem Gedanken ja ein Ansatz zur Verbesserung. Das würde meine Besorgnis lindern. Als deutscher Bürger.

Samstag, 13. Februar 2016

Verschwommene Bilder

Bilder verschwimmen. Bilder im Kopf. Was uns einst scharf und leuchtend vor dem geistigen Auge stand, wird mit der Zeit trüb und blaß. Ist es ein Nachlassen der inneren Sehkraft, die, von Gewohnheit abgenutzt, immer schwächer wird? Oder ist es das tatsächliche Verfliegen ehemals klarer Vorstellungen, die dem Sturm des Lebens einfach nicht standzuhalten vermochten?

Diese Gedanken kommen mir, während ich im Weissen Brauhaus sitze, geflohen vor einem dummen Streit und traurig darüber, daß der Samstag nun einen so ganz anderen Verlauf nimmt als gedacht. Unterdessen wird mir der Salat gebracht. Ich erkenne rote Beete. Ich mag rote Beete nicht.

Mal ehrlich: Wir glauben so scharf zu sehen, Menschen, Dinge, Situationen und Perspektiven so klar zu erkennen, daß wir uns freudig darauf einlassen und meinen, alles müsse so bleiben, wie unser geistiges Auge es vor sich sah. Und plötzlich wird alles zum Nebel, verschwimmt, verzerrt sich bis zur Entstellung, und wir müssen das geistige Auge ganz schön zusammenkneifen, um zu ahnen, welches unserer schönen, bequemen Bilder das mal war. 

Traurig nehme ich die erste Gabel Salat. Rote Beete gelangt in meinen Mund. Mist. Um die wollte ich doch herumessen.

Unser geistiges Auge also... Doch halt!

Die rote Beete schmeckt ja gut! Ihr Bild in meinem Kopf war die ganze Zeit klar. Aber ich... ich scheine mich verändert zu haben. Denn meinem klaren Bild vom ungeliebten Geschmack entspricht das Gemüse einfach nicht mehr. So wie ich selbst vielleicht nicht mehr dem Bild entspreche, das ich selbst von mir habe.

Ich denke nach. Ja, vielleicht verschwimmen Bilder im Kopf. Vielleicht verklären sich Vorstellungen, und Erwartungen nutzen sich in der rauhen Lebenswirklichkeit ab. Vielleicht aber liegt das nicht immer am Wandel der Welt, sondern an uns. Ohne es zu merken, ohne Bilder und Erwartungen in Frage zu stellen, verändern wir uns und messen doch alles, was geschieht oder unterbleibt, nur an unseren starren Vorstellungen. Wo längst ein neues, scharfes leuchtendes Bild an die Stelle des verschwommenen treten und ganz neue Perspektiven eröffnen könnte, ver(sch)wenden wir all unsere Kraft und Zeit darauf, mit zusammengekniffenem geistigen Auge unbedingt das erkennen zu wollen, was uns vertraut schien. Wie töricht! Wie dumm auch, einen Streit um Bilder zu führen.

Ich esse meinen Salat auf - mit der roten Beete, die mir (nicht zum ersten Mal) geholfen hat zu erkennen. Und auf einmal ist dieser Samstag gar nicht mehr so traurig.

Mittwoch, 6. Januar 2016

Neu

Angesichts der allgegenwärtig sich Ausdruck gebenden Silvester- und Neujahrsstimmung habe ich mich in den letzten Tagen oft gefragt, warum Menschen eigentlich so versessen auf Neues sind, und darauf, ihr Leben, ja sich selbst zu erneuern. Es scheint, als sei "neu" nachgerade ein Synonym für "besser". Aber sind wir wirklich so unzufrieden mit uns selbst, daß wir ständig Veränderungen erträumen?

Abgesehen davon, daß es mich Jahr für Jahr irritiert, warum die Hoffnung auf Neues, die Vorsätze, etwas zu ändern und die Erwartung einer gleichsam magischen Lebenswende an ein einziges Datum geknüpft werden, als könne und solle man sich nicht jeden Tag des Jahres darum bemühen, daß das Leben so ist, wie man es gern hätte... abgesehen davon also frage ich mich, warum dafür immer alles neu sein muß? Warum das Bedürfnis, sich allsilvesterabendlich neu erfinden zu wollen im Glauben, man könne alles Unliebsame zurücklassen, wenn nur eine neue Jahreszahl im Datum steht - eine phoenixhafte Wiedergeburt aus der Asche des abgelaufenen Jahres, die alle Sorgen, Plagen und Unrichtigkeiten zurückläßt, die eine alljährliche Chance, sich auf einem neuen, weißen Blatt Papier ein ganz neues Leben, ein neues Glück zu schreiben.

Meine Gedanken zum Jahreswechsel drehten sich eher um Altes, um das, was Bestand hat in meinem Leben, meinem Herzen, um die Dinge, die nicht aufhören, sich nicht ändern und Halt und Hoffnung und Liebe geben. Dinge, die mehr Ausdauer brauchen als ein Jahr, und die erst gut und beglückend werden, wenn wir nicht an jedem Silvesterabend etwas Neues beginnen, sondern am 1. Januar genau da weitermachen, wo wir am 31. Dezember aufgehört haben. Denn erscheint nicht manche Neuerung nur deshalb so anziehend, weil sie uns der Kontinuität, der beharrlichen, oft mühsamen Arbeit am ewig Gültigen zugunsten eines raschen, unverbindlichen Ablaufs steter hoffnungsberauschter Neuerungen, enthebt...? Weil das Neue uns zu nichts verpflichtet, da wir es ja überkommen können, wenn es alt wird?

Vielleicht wäre unsere Lebensenergie bei manch Altem echter und gerechter verwendet als bei dieser und jener Neuerung. Gerade zum neuen Jahr sollte man sich (wenigstens auch) danach fragen. 

Montag, 16. November 2015

Distanziert Euch!

Viele Muslime distanzieren sich nach den Anschlägen von Paris – wie schon bei vielen früheren islamistischen Terrorakten – ausdrücklich von den Attentätern und verurteilen scharf deren Ziele und Motive. Die meisten haben von sich aus das Bedürfnis, ihr Mitgefühl und ihr Entsetzen auszudrücken; einige fühlen sich ihrer Glaubenszugehörigkeit wegen zu einer Positionierung verpflichtet. Gerade diese angebliche Verpflichtung aber wird derzeit heiß diskutiert.

So wird etwa eingewendet, die Forderung nach einer solchen Distanzierung stelle eine gesamte Religionsgemeinschaft unter Generalverdacht. „Distanzierung“ setze schließlich schon dem Begriff nach Nähe voraus, womit unterstellt werde, daß jeder Moslem den Ideen und Handlungen terroristischer Mörder grundsätzlich nahestehe.

Mir scheint das nicht ganz zu Ende gedacht. Mal abgesehen davon, daß eine solche Verurteilung des Mordens für jeden anständigen Menschen gleich welchen Glaubens selbstverständlich sein sollte, ist sie für die friedliebenden Muslime ein wichtiges Zeichen. Denn jene Nähe zum islamistischen Terror, deren Unterstellung sofort für empörte Aufschreie sorgt, besteht ja nun einmal tatsächlich – natürlich nicht in Form von Sympathie, Billigung oder gar Beihilfe! Aber durch die Zugehörigkeit zu einem Glauben, der von den Attentätern eben als Grundlage und Antrieb ihres Handelns angeführt und mißbraucht wird.

Das macht natürlich nicht alle Angehörigen dieses Glaubens zu Mittätern. Aber wo ein identitätsstiftendes Merkmal einer Gruppe von Menschen 1) von barbarischen Terroristen zur Legitimation schrecklichster Untaten herangezogen und obendrein 2) von rechten Dumpfbacken zur Beschreibung eines pauschalen Feindbildes verwendet wird, tut Abgrenzung Not! Wer etwas, das zu meinem Selbstverständnis gehört, zur Grundlage unsäglicher Ideen und Aktionen macht, den lasse ich sicher nicht widerspruchslos gewähren. Das gilt für all die Muslime, die ein friedliches, soziales Leben inmitten unserer offenen Gesellschaft führen, und ja, es gilt ganz genau so für mich als Deutschen, dessen zur Distanzierung verpflichtende Nähe zu AfD und Pegida sich nun einmal aus der gemeinsamen (und von jenen schäbig für Menschenhass und Gewalt mißbrauchten) Nationalität ergibt.

Im Grunde ist es doch selbsterklärend: Menschen sollten sich immer von der Unmenschlichkeit distanzieren. Nicht, weil sie dadurch beweisen müssen, menschlich zu sein. Nein, sondern weil sie sich nicht schweigend von der Unmenschlichkeit vereinnahmen lassen dürfen. Darum setzt Zeichen.

Distanziert Euch!


Dienstag, 20. Oktober 2015

Ein Bekenntnis

Ich gebe es zu: Der Auftritt dieses Thüringer AfD-Männchens bei Jauch hat mich inspiriert. Denn als es die deutschen Farben aus der Jacke zog wie ein altes Taschentuch, regte sich in mir der Drang, nun ebenfalls ein Bekenntnis abzugeben: zu eben diesen, zu meinen Farben.

Denn es sind nicht die euren, nicht die der AfD-Wähler, der Pegida-Marschierer, der "besorgten Bürger". Nichts von dem, was ihr für Deutschland wollt, ist vereinbar mit den Werten, für die diese Farben 1832 auf das Hambacher Schloß und 1848 auf die Barrikaden getragen wurden. Die Rede von Philipp Jakob Siebenpfeiffer auf dem Hambacher Fest sei euch und jedem, der diese Farben schwenken will, warm empfohlen. Lest nach und erkennt - keine eurer Parolen spiegelt die Werte, für die Schwarz-Rot-Gold steht: Freiheit, Gleichheit, Völkerverständigung und sogar europäische Einigung.

Schwarz, Rot und Gold sind nicht eure Farben, und Deutschland ist ganz offenbar nicht euer Land. Denn dieses Land ist anders und will auch anders sein als ihr es euch wünscht. Nicht für Deutschland grölt ihr eure hasserfüllten, bitteren Parolen, sondern für den dumpfen Schmerz eurer eigenen leeren, kaputten Seelen. Wer dieses Land schwarzweiß machen und am liebsten rotes Blut all derer vergießen will, die er für schuldig hält an der eigenen Misere, hat das moralische Recht, Schwarz-Rot-Gold zu tragen, verwirkt.

Donnerstag, 3. September 2015

Aylan

Schlaf, mein Engel, süß und frei.
Alle Schmerzen sind vorbei.
Wie Du warst geliebt auf Erden,
wirst Du's nun im Himmel werden.

Samstag, 29. August 2015

Aufruf

An all die Bitteren und Bösen, die Besorgten und Ängstlichen, die Verlorenen und Ungeliebten, die Kalten und Harten da draußen:

Liebe fühlt sich so viel schöner an
als Haß.
Hilfe ist so viel befriedigender 
als Macht.
Mitgefühl wirkt so viel erhebender
als Härte.
Güte macht so viel glücklicher
als Mißgunst.
Menschlichkeit steht uns so viel besser
als Unmenschlichkeit.

Versucht's mal!

Donnerstag, 4. Juni 2015

Unser Haus am Strand

Erinnerst Du Dich an unser Haus am Strand? An unseren kleinen weißen Schreibtisch mit Blick aufs Meer, an dem wir saßen und schrieben, von der Liebe, vom Leben, von uns...? Weißt Du noch, wie unsere Tochter im hellen Sand saß und unter ihrem Sonnenschirmchen spielte, während die Wellen saft rauschten und ein lauer Sommerwind die weißen Vorhänge unseres kleinen Hauses blähte? Du hattest die Verandatüren geöffnet, hattest sie weit aufgesperrt, so daß wir immerzu ein- und ausgehen konnten in unser Haus am Strand, frei wie Wind und Sonne. Ein paar Möwen standen schreiend in der Luft, und am Horizont folgte ein großes Schiff seinem Weg übers Meer. Du sahst mich an und sagtest: "Du bist das Buch, das ich immer schreiben wollte!" Und das Meer rauschte in meinen Ohren wie sanftes Glück.

Ich war neulich mal wieder dort. Du hattest mir eine Karte geschrieben, ob wir uns nicht wieder treffen wollen in unserem Haus am Strand. So schön sei es dort immer gewesen. Ich brauchte eine Weile, weil ich mich erst an den Weg erinnern mußte. Aber als ich ankam, war es verschlossen. Die Verandatür, in der einst der Sommerwind die weißen Vorhänge gebläht hatte, fest verrammelt mit schweren Läden, die hölzernen Stufen versandet. Hier und da blätterte die weiße Farbe von den Wänden. Ein bleigrauer Himmel, ein steifer Wind, und Wellen, die ärgerlich auf den Strand einschlugen... Von Dir keine Spur. Nur ein Zettel an der Tür. "Es ist nun anders."

Ich drehte mich um und ging, traurig lächelnd. Es führt kein Weg zurück zu unserem Haus am Strand.

Dienstag, 2. Juni 2015

Mein Freund E.

Mein Freund E. ist eigentlich gar nicht mein Freund. Tatsächlich sind wir uns noch nie begegnet. Gerade einmal über Facebook sind wir verbunden und tauschen hier und da Kommentare, seltener noch private Nachrichten aus. Wir wissen nicht mal, wie wir uns im Falle einer Begegnung ansprechen würden; irgendwie changiert unsere Anrede bei den wenigen Gelegenheiten unseres Austauschs unbeholfen zwischen Du und Sie, zwischen Vor- und Vollname, zwischen ja klar und wieso. Meinen Freund E. einen Freund zu nennen, geht also entschieden zu weit. Es ist nachgerade anmaßend, ganz besonders deshalb, weil mein Freund E. einen klangvollen Namen trägt und gewiß sehr viele Menschen ihn gern als ihren Freund bezeichnen würden, einfach nur, weil sie glauben, dieser klangvolle Name werte sie irgendwie auf. Solche Menschen gibt es ja.

Mir ist der Name meines Freundes E. egal. Namen, Titel – Himmel, was sagen die schon? Es gibt so viele Graf Vollidiot und Prof. Dr. Schweinehund da draußen, daß ich mir andere Kriterien für meine Freundeswahl gesucht habe. Hauptsächlich, ob jemand einfach ein guter Mensch ist. Von meinem Freund E. glaube ich das. Alles an ihm wirkt gutherzig, fast ein bißchen naiv, man möchte sagen: zu gut für und eben darum nicht ganz und gar von dieser Welt.

Denn mein Freund E. hat sich etwas bewahrt, das manchem wohl lebensfern, mir indes durchaus vertraut und liebenswert erscheint: Kindlichkeit. Jene gutherzige, naive Kindlichkeit, die sich zu begeistern vermag, die die Phantasie schweifen und ihren bunten Staub auf den grauen Alltag niedertaumeln läßt, und die sich nicht geniert zu leuchten, zu fiebern und zu spielen. Mein Freund E. überfliegt einen Artikel zum Einsatz von Flugzeugträgern und liest versehentlich "Flugsaurier", was ihn für einen zauberhaften Moment wohlig verzückt. Er wird in ein Ritterkostüm gesteckt, ein echtes, mit schwerem Kettenhemd, Wappenrock, Topfhelm und langem Schwert, und möchte es gar nicht mehr ausziehen, so sehr durchprickelt ihn der Spieltrieb. Und wenn ein Star Wars Film angekündigt wird, postet er die Vorschau und bebt dabei vor Vergnügen.

Das alles soll nicht andeuten, mein Freund E. habe nur kindliche Flausen im Kopf. Keineswegs! Die ernsten Themen sind ihm sehr wichtig, und so beschäftigt er sich immer wieder mit dem Krieg, dem Hunger und der Politik, mit allem, was diese Welt, für die er zu gutherzig ist, an Elend hervorbringt, vor allem aber mit dem Glauben, der bei ihm rein und stark ist. Alles Böse bedrückt ihn, und wenn in der Kommentarspalte seiner Postings darüber diskutiert wird, äußert er sich selten, sondern läßt die Vielfalt der geäußerten Meinungen auf sich wirken, dankbar und neugierig.

Meinen Freund E. nenne ich gegen alle Wirklichkeit einen Freund, einfach aus Verbundenheit. Sein Bewahren, Pflegen und Ausleben des ewigen inneren Kindes weckt bei mir das Gefühl einer wortlosen Seelenverwandtschaft. Was ich an mir selbst oft als weltfern, als lebensfremd und nicht vereinbar mit den Anforderungen des rauhen Alltags empfinde, scheint bei ihm leicht und geschmeidig zu funktionieren. Wo man über mich tadelnd den Kopf schüttelt, lächelt man ihm ermutigend zu. Eine wehmütige Sehnsucht nach dieser Leichtigkeit kommt bei mir auf, wenn ich das so sehe. Vielleicht hilft ihm hierbei dann doch sein klangvoller Name, der ihn über den Horizont dessen, was man üblicherweise an biederem Lebensernst erwartet, erhebt, weil man an Seinesgleichen den Maßstab gewöhnlicher Daseinsführung erst gar nicht anlegt - so bin ich versucht, mir einzureden, denn damit hätte ich eine Entschuldigung dafür, mich so schwer zu tun. Vielleicht aber ist er auch einfach viel selbstverständlicher und bedenkenloser als ich, wie er eben ist. Gutherzig, neugierig und begeistert.

Ich kann viel lernen von meinem Freund E. Und möchte es auch. Eines Tages, wenn er vielleicht ist, was ich ihn nenne.

Mein Freund E.

Mittwoch, 20. Mai 2015

Ausgerechnet Ampeln

Sie geistern durch unseren Alltag wie unerlöste Seelen, spuken in Parlamentsdebatten und Pressemeldungen herum, rasseln in Gleichstellungsausschüssen und Forschungsgruppen dringlich mit ihren ach so schweren Ketten und heulen sphärisch über Stammtischen und Vorträgen - die sogenannten Gender-Themen. Eine soziokulturelle Theorie mit politischem Impetus, die seit ihrer Erfindung weder Tatsachen noch Forschungsergebnisse bestätigen können, schickt sich an, zum ewig wiedergängigen Gespenst im täglichen Reigen unserer Gespräche, Meinungen und Probleme zu werden.

Bislang mochte man diesem Unfug mit Gelassenheit begegnen - er gehört zur Freiheit, und über die geht nichts, auch wenn's ein paar Steuergelder kostet. Zumindest spielte er sich irgendwo ab, wo man in aller Regel nicht allzu sehr damit behelligt wurde. Nun aber schwingt er sich zur Allgegenwart auf, zur ubiquitären Unausweichlichkeit, aufdringlich, belehrend, erzwingend, und damit einen Reflex bei mir auslösend, der mein durch und durch liberales Wesen seine eigene Freiheit behaupten läßt - die Freiheit nämlich, ganz viel von dem, was Menschen so tun, nicht wahrzunehmen. Macht, was ihr wollt, aber haltet mich raus, möchte ich sagen. Der übergewichtige Landtagsabgeordnete mag sich am Wochenende gern in Lederriemen einschnüren und ausschimpfen lassen, und dem Steuerberater mag es gefallen, in Windeln auf dem Boden herumzukrabbeln. Aber: Ich! Will! Es! Nicht! Wissen!! Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus ästhetischen.

Denn ich kenne keine sexuelle Moral außer der, daß alle Beteiligten einverstanden sein und Freude an dem haben sollten, was geschieht, und daß niemandem Leid zugefügt werden darf, der darüber nicht selbst entscheiden kann. Alles andere interessiert mich einfach nicht! Viel mehr als das, was in die relativ konventionellen Grenzen meines eigenen sexuellen Lebensentwurfs gehört, muß ich nicht sehen. Gewiß, das schwule Pärchen auf der Kärntnerstraße macht mich lächeln, weil ich mich immer über glückliche Liebe freue, und darüber, daß sie nun endlich ganz selbstverständlich Hand in Hand herumspazieren können, und auch aus dem Café Prückel wäre ich sicher nicht empört hinausgerannt, nur weil dort zwei Mädchen knutschten. Ich war auch schon auf dem Life Ball und fand es klasse. Kurz: Ich mag die freie, offene Gesellschaft. Aber ich muß sie mir nicht immerzu in allen Facetten bewußt machen.

Und nun kommen die Ampelmännchen, -weibchen, -pärchen. Denn der Gesellschaft, also uns, muß Toleranz beigebracht werden - Verzeihung, nicht Toleranz, denn die ist ja neuerdings böse, weil sie nur "Duldung" bedeutet! Toleranz ist das neue Nazi. Akzeptanz sollen wir lernen! Annahme! Und zwar durch Dauerbedröhnung, so als ob immerzu jemand neben mir steht, der mir pausenlos den Ellenbogen in die Rippen stößt und sagt: Kuck ma, zwei Männer! Schau da, zwei Frauen! Und dort - Transen! Findste gut, ne? Ist doch echt O.K., oder? Du akzeptierst das doch, gell? Und weil Ampelmenschlein nun mal so ziemlich jeden erreichen, halten sich nun bald an jeder Kreuzung wahlweise zwei Weibchen, zwei Männchen, ein Männchen und ein Weibchen und überhaupt alles, was sich in Liebe berufen fühlt, lehrreich an der Hand.

Ist doch niedlich, mag man sagen. Ja. Aber nein. Denn eine solche Maßnahme macht die sexuelle Orientierung zum permanenten Thema, zum unvermeidbaren, schrillen Geplärr, dem man sich nicht mehr entziehen kann, auch wenn es einen noch so wenig kratzt. Es haut einem das gefälligst zu Tolerierende, Verzeihung, das zu Akzeptierende in nimmermüder Dauerschleife und sprichwörtlich an jeder Ecke um die Ohren, und wer's nicht super findet, ist der Böse, als sei liberale Gleichgültigkeit bereits eine homophobe Kampfansage und als bestimme allein dieses Detail unseres Lebens über Frieden, Freiheit, Menschlichkeit und Gleichberechtigung. Tut es aber nicht. An der Vermutung, die Welt werde ganz prima, wenn nur endlich alle mit allen ficken, sind bereits die Hippies gescheitert.

Und deshalb nerven mich die Ampeldinger. Sie sind (Wortspielalarm!) Verkehrzeichen - ja. Aber für den STRASSENverkehr. Sie sollen ein Regelwerk abbilden und die Unfallgefahr minimieren. Dafür sollten sie neutral und von jedem weiteren Aussagegehalt frei gehalten werden. Nun aber werden sie zur moralischen Werbefläche und zwingen mich zur ständigen Wahrnehmung eines Themas, das für mich mit Intimität, mit Privatsphäre und Persönlichkeitsrecht zu tun hat, mit dem süßen Geheimnis von Lust und Liebe, das den Rest der Welt ausschließt. Die klotzige Omnipräsenz, die man dieser wunderbaren, zarten Sache nun gibt, entwürdigt sie, bedrängt mich ästhetisch und ist in ihrer pädagogischen Reduktion des Menschen auf seine intimen Vorlieben sehr viel sexistischer als meine Freiheit, Dinge nicht wahrzunehmen und jedem Tierchen einfach sein Pläsierchen zu lassen.

Montag, 18. Mai 2015

Liebesebbe, Liebesflut

Du liebst, sagst Du. Immer noch. So gültig wie damals. Sagst Du.

Damals liebtest Du, das weiß ich. Wie eine Flut umgab uns diese Liebe, kraftvoll, tief, dunkel, lebenspendend, und wir zappelten darin wie zwei glückliche Fischlein. Sie riß uns empor, diese Liebesflut, drückte uns nieder, trieb uns auseinander und zwang uns wieder zusammen. Sie bewegte uns, und wir ließen uns treiben, schwammen miteinander und jauchzten bei jeder mächtigen Welle, die uns fortriß, so stumm, so innig wie nur glückliche Fischlein jauchzen können. Mich ließ sie taumeln in einem Meer von Glück, diese Liebesflut. Ich hatte keine Kraft dagegenzusetzen, keine Macht, sie aufzuhalten oder zu bewegen in eine mir genehme Richtung. Sie war einfach da, die Flut, und ich darin. Mit Dir. Du jedoch beherrschtest sie. Du konntest sie lenken, anschwellen lassen und zurückziehen. Aber das wußte ich damals nicht. Damals, als wir glücklich jauchzend darin taumelten.

Dann straftest Du mich; wofür, weiß ich nicht. Du zogst die Flut unserer Liebe ab vom heimeligen Grund unseres Meeres, saugtest sie weg von mir mit jener Macht, von der ich nichts gewußt hatte, nahmst sie mit zu unerreichbaren Horizonten und schwammst davon. Du ließt mich in der Ebbe zappeln – nicht mal auf dem Trockenen! Da wäre ich wenigstens alsbald gestorben. Sondern auf nassem, kalten Schlick, der immer noch durchtränkt war von dem, was wir hatten, mich immer noch schnappen ließ nach der Liebesflut, die ihn einst bespülte... und doch zum Jauchzen, zum Atmen, zum Leben nichts mehr hergab.

Ich sterbe nicht und lebe nicht. Immer, wenn die Liebesebbe mich auszutrocknen drohte, sandtest Du eine Welle, eine Springflut, die mich kurz durchatmen, schwimmen, hoffen ließ... und tausendfach glitzerte das Licht auf ihren Wogen, so wie ich es kannte mit Dir. Doch kaum, daß ich eine Richtung darin zu suchen begann, zu Dir, zu uns, zu jenen Horizonten, zu denen Du allein aufgebrochen warst, damals, als Du die Flut mit Dir nahmst... zogst Du sie wieder ab. Schicktest wieder Liebesebbe und ließt mich neuerlich trocknen, zappeln, sterben. So machst Du es bis heute, und ich weiß nicht, warum.

Du liebst, sagst Du. Immer noch. So gültig wie damals. Sagst Du.

Mag sein, daß Dich die Flut umspült wie damals. Dich emporreißt und niederdrückt, hier hin und dahin treibt. Denn Du hast sie ja mitgenommen, die Liebesflut, die Du beherrschst mit jener Macht, von der ich nichts wußte. Und mich daraus verbannt. In die Ebbe.

Da liege ich nun und schnappe.

Mittwoch, 4. Februar 2015

Von Wahrheiten und Mythen

Rezension des von Liane Bednarz und Christoph Giesa verfassten Buches „Deutschland dreht durch – Die Wahrheit über die AfD“ 

Überall, wo der Anspruch auf „Wahrheit“ erhoben wird, ist Skepsis geboten – nicht nur, weil damit eine Objektivität behauptet wird, die zumeist schon durch die persönlichen Überzeugungen, Interessen und Ziele der Beteiligten Lügen gestraft wird, sondern auch, weil die bloße Vermutung, es gebe eine einzige gültige Wahrheit eine Simplifizierung beinhaltet, die die Welt in schwarz und weiß, gut und schlecht, richtig und falsch aufteilt und damit notwendigerweise unversöhnliche Positionen schafft, über deren Berechtigung nicht mehr der demokratische Diskurs, sondern allenfalls die Lautstärke ihrer Vertreter entscheidet. So können denn also politische Meinungen ihrer Natur nach nicht objektiv sein, und selbst sogenannte Fakten, die man ja allzu rasch als objektiv wahrzunehmen geneigt ist, wirken oft im Zusammenhang mit höchst subjektiven Implikationen, können also durch ihren Kontext oder andere Fakten relativiert werden und verlieren damit ihre ohnedies nur scheinbare Alleingültigkeit. Eine politische Partei, die in einem so hochkomplexen System wie unserer Gesellschaft mit der Behauptung auftritt, sie allein habe den „Mut zur Wahrheit“ – und damit natürlich auch die einzig richtige Kenntnis derselben – muss sich gefallen lassen, dass zumindest die als Fakten dargestellten Postulate ihrer „Wahrheit“ einer kritischen Überprüfung unterzogen werden. 

Eben dies haben Liane Bednarz und Christoph Giesa in ihrem neuen Buch „Deutschland dreht durch – Die Wahrheit über die AfD“ getan. Fünf in der Selbstdarstellung der „Alternative für Deutschland“ verankerte Behauptungen werden anhand von Zitaten, Verhaltensweisen und Verbindungen zahlreicher Parteimitglieder widerlegt und als Mythen enttarnt. Die Autoren haben hierfür eine umfangreiche Recherche betrieben und ein vielfältiges Potpourri an Belegen dafür gesammelt,dass die „AfD“ in kaum einer Hinsicht dem Bild entspricht, welches sie in der Öffentlichkeit zu erzeugen bemüht ist, und sich stattdessen als eine ordinäre rechtsradikale Partei allzu bekannten Strickmusters erweist.

Das Buch ist klar strukturiert und liest sich leicht und angenehm, nicht zuletzt der Sprache wegen, die den nüchternen (und oft genug ernüchternden) Inhalt in einem flotten, fast plaudernden Ton vermittelt und hier und da sogar etwas salopp wirkt. Die solide Recherche und die wasserdichten Quellenangaben und Belege jedoch rechtfertigen die eine oder andere polemische Spitze, zumal ja die Autoren schon im Vorwort des Buches keinen Hehl aus ihrer sehr kritischen und damit durchaus parteiischen Haltung gegenüber der „AfD“ machen, und so ist der unterhaltende Tonfall dieser journalistisch sauberen Arbeit eher ein Vorteil für den Leser.

Bednarz und Giesa widmen sich zunächst der Selbstbezeichnung der „AfD“ als „Partei neuen Typs“ – eine Darstellung, die sowohl an der gebetsmühlenartigen Verwendung altbekannten Vokabulars der rechten Szene als auch an den nicht eben originellen Themen (wie etwa Ausländer, Homosexuelle und nationale Identität) der Partei scheitert. So bleibt die „AfD“ allen Versuchen des Parteivorsitzenden Lucke, die Nähe der „AfD“ zu Rechtsradikalen zu bestreiten, zum Trotze eben doch eine kaum mehr getarnte Neuauflage alten Ungeistes.

Desweiteren wird die Behauptung untersucht, bei den rechtsradikalen Entgleisungen von Parteimitgliedern und Sympathisanten handele es sich um „Einzelfälle“. Auch hier decken Bednarz und Giesa anhand zahlreicher Beispiele – vom fahnenschwenkenden Viktor Kasper bis zum antisemitische Karikaturen postenden Jan-Ulrich Weiß – ein Grundmuster auf, das sich zu breit, zu häufig, zu allgemein zeigt, um nicht als repräsentativ für die Denkungsart des Parteivolks angesehen zu werden.

Der dritte Mythos, den die Autoren entkräften, ist der von der „Bürgerlichkeit“ der Partei. Von den euphorischen Sympathiebekundungen Hans-Olaf Henkels für Sarrazins Elaborat „Deutschland schafft sich ab“ über zahlreiche höchst unbürgerliche, weil radikale Äußerungen aus Parteikreisen bis hin zu nachgewiesenen Berührungspunkten der „AfD“ mit linken und rechten Ideologien wird das Bild der bürgerlichen Partei Stück für Stück demontiert.

Das Gleiche gilt für die von Bernd Lucke gern wiederholte Behauptung, man sei eine (wenn auch kleine) „Volkspartei“. Ganz abgesehen davon, dass die Partei schon ihren beschränkten Wahlergebnissen nach keine Volkspartei sein kann, wird die Nähe zum Volk auch durch die abgehobenen Äußerungen vieler Parteimitglieder in Frage gestellt – vom Naserümpfen des Multimillionärs Henkel bis zur adelsdünkelhaften Umnachtung des „Germanenpriesters“ Geza von Nemanyi.

Schließlich räumen Giesa und Bednarz noch mit dem Bild von der „Professorenpartei“ auf, als die die „AfD“ gern gesehen werden will. Sorgfältig wird nachgewiesen, dass in der Partei und ihrem Vorstand weder eine überdurchschnittliche Zahl von tatsächlichen Lehrstuhlinhabern fungiert, noch signifikante Fachkenntnis zu Wirtschafts- und Währungsfragen vorhanden ist, noch herausragende wissenschaftliche Meriten für die akademische Kompetenz der Parteigranden Zeugnis ablegen. 

Kritisch darf angemerkt werden, dass die gelegentliche Selbstzitation der Autoren ein wenig eitel wirkt. Die nur um einer Pointe willen erwähnte Maßeinheit „ein Luck“ etwa, die Giesa in seiner Kolumne im „European“ erfunden hat, ist zu wenig etabliert, um einen Wiedererkennungseffekt zu bewirken, und trägt zur Information des Lesers nicht wesentlich bei. Auch scheint der Titel nicht vollends glücklich gewählt – so sehr man natürlich die Spitze gegen Sarrazin versteht, so wenig möchte man den paar offensichtlich durchdrehenden „AfD“-Wählern oder der Handvoll Pegida-Spazierer die allgemeine Bezeichnung „Deutschland“ überlassen. „Deutschland“ zeigt vielmehr in eindrucksvollen Gegendemonstrationen, dass es in seiner überwältigenden Mehrheit durchaus noch bei Sinnen ist.

Es ist indes das große Verdienst des Buches von Liane Bednarz und Christoph Giesa, in einer ebenso kompakten wie umfassenden Zusammenstellung gut belegter Zitate, Vorkommnisse und Verknüpfungen alle Mythen, in die sich die „Alternative für Deutschland“ gern hüllt, zu enttarnen und damit eine Wahrheit zu schaffen, die der von der Partei so „mutig“ verbreiteten unausweichliche Argumente entgegenhält. Wer bislang auf die Selbstdarstellung der „AfD“ hereingefallen ist, hat bei den täglichen Nachrichten wohl einfach nicht richtig aufgepasst. Wer ihr nach Erscheinen des Buches von Bednarz und Giesa immer noch glaubt, kann zumindest nicht mehr auf die allzu beliebte Ausrede zurückgreifen, er habe das alles ja nicht gewusst.

Das Buch „Deutschland dreht durch. Die Wahrheit über die AfD“ ist bei Hanser Literaturverlage als eBook erschienen.

Sonntag, 4. Januar 2015

Genie bei der Arbeit

Ein literarisches Perpetuum Mobile

Der Literat betritt das Kaffeehaus. An der Schlange brav wartender Touristen vorbeidrängend hat er sich mit ausladender Geste Einlaß verschafft und meint nun, ein Raunen durch die Säulenhalle gehen zu hören, aber das füllt wohl eher das Gewölbe seines Schädels als den tatsächlichen Raum. Vollends durchdrungen vom Gefühl der Wichtigkeit wird er, als der Oberkellner eilfertig auf ihn zukommt, ihn namentlich begrüßt (schließlich ist der Literat seit acht Jahren Stammgast des altehrwürdigen Hauses, da wird man auch ohne nennenswertes Oevre erkannt) und ihm unter allerhand Artigkeiten ein Plätzchen im überfüllten Saale zuweist.

Der Literat läßt sich nieder, nein, er läßt sich herab auf das Niveau der rotgemusterten Sitzbank, an die er den runden Tisch heranzieht mit einem Blick in die Umgebung, der sagen soll: "Ihr wißt schon, was jetzt geschieht. Es waltet der Genius!" Aber niemand schaut. Dann zieht er sein Notizbuch aus der Tasche und sein Schreibgerät - ein sehr teures Schreibgerät. Denn der Literat lebt ja vom Schreiben, und da hält man, bitteschön, auf sein Gerät. Er öffnet sein leinenbezogenes Notizbuch, räuspert sich. Aber nichts kommt. Kein treffendes Wort durchzuckt seinen Geist, keine große Idee entlädt sich aufs jungfräuliche Papier. Recht schlaff und untätig liegt das teure Schreibgerät in seiner Hand. 

Und also, damit seine augenblickliche Schwäche (eine kleine Verstimmung schlimmstenfalls; er hat nicht recht wohl geruht die Nacht, und auch der Kaffe am Morgen hatte es an der wünschenswerten Qualität fehlen lassen) nicht jedem bemerklich werde, beschließt er, eben jene Situation in Worte zu fassen, in der er sich gerade befindet. Und er schreibt den ersten Satz:

Der Literat betritt das Kaffeehaus. (usw.)

Dienstag, 9. September 2014

Der Rhein

Nicht einfach nur durchs Land fließt er, der vielbesungene Schicksalsstrom der Deutschen, sondern auch durch die Zeit. Nicht nur in den Jahrmillionen alten Schiefergrund meiner Heimat hat er sich eingegraben, sondern auch in die Geschichte und ins Wesen der Völker, die an ihm siedeln. Nicht nur im Hier und Jetzt rollt er unermüdlich voran, sondern in einer nach gestern und morgen nicht zu begrenzenden Ewigkeit.

Der Rhein ist immer da. Ganz gleich, ob Blut sein Wasser färbt, oder Gold auf seinem Grunde glitzert; ganz gleich, ob die Schiffe, die er trägt, mit geblähten Segeln, klatschenden Rudern oder tuckernden Motoren sich fortbewegen; ganz gleich schließlich, ob an seinen Ufern Züge und Autos entlangrasen oder Ochsenkarren dahinholpern. Der Rhein ist immer da, und an ihm und auf ihm war und ist immer Bewegung, Begegnung, Handel und Leben, das nie endet.

Es ist genau diese Beständigkeit, die den Rhein für mich zu einem so heimelig-heiligen Ort macht. Die Ruhe und die Kraft, mit der er die Wirren der Jahrtausende durchfließt, übertragen sich auf mich, wenn ich an seinem Gestade sitze und die grünen Wassermassen nach Norden streben sehe. Hier ist meine Seele zu Hause. Aus der Ewigkeit des Flusses geboren, vereinzelt in mir für eine kurze Menschenlebenszeit, bleibt sie doch immer zugehörig dem unveränderlichen, ewigen Strome, aus dem sie kam, dem Strom meiner Familiengeschichte und der Geschichte meiner Heimat, jenem universellen Strome also, den der Rhein so sinnig abbildet.

Die Zeiten verschmelzen am Rhein. Als ich ein Kind war, schienen mir die Bücher mit den Sagen und Märchen, den Geschichten von Rittern, Burgen und Prinzessinnen, die ich las, irgendwie nur theoretische Verzeichnisse, trockene Bestandslisten dessen zu sein, was sofort echt und lebendig wurde, wenn man tatsächlich an den Rhein hinaustrat. Diese Geschichten waren mir nicht bloße Vergangenheit. Sie waren immer noch da, ewig schwebend über diesem Fluß, in dem sie sich gespiegelt hatten, gerade jetzt sich ereignend, und nicht nur damals, erahnbar im Rauschen der Auen an seinen Ufern, leise zu erlauschen in den Burgen und Ruinen auf seinen Hängen – ein unsichtbares, ewiges Sein, dessen Vernebelung der Zeit Gewesenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges sowie das Wir und Sie und Ich auf wohlig-schaurige Weise ununterscheidbar macht.

So geht es mir am Rheine. Mit jedem Schluck Wein durchströmt mich sein Wesen, in jedem Sonnenstrahl blitzen seine Geschichten auf, mit jedem Atemzug offenbart sich mir seine Schönheit. Und mit jeder Welle, die an mir vorbeitanzt, spüre ich den Lebenstrom in mir und weiß:

Hier gehöre ich hin.

Freitag, 29. August 2014

Gelegenheit

Als ich heut' im Kopierraum war,
der Drucker mir mein Werk gebar,
da lag ein leeres Blatt Papier
dort auf dem Tisch, das sprach zu mir:

Komm, nimm mich mit! Ich bin so rein!
Will Deiner Worte Träger sein.
Ich bitte Dich, verschmäh' mich nicht! 
Schreib' Deiner Liebsten ein Gedicht!

So nahm ich's auf. Nun sitz' ich hier
und schreib' auf jenem Blatt Papier
das einzig Wahre über mich:
mein Herzensglück, ich liebe Dich!

Samstag, 14. Juni 2014

Kindheitsmurmeln

Ich habe das Bedürfnis, Murmeln zu kaufen, diese kleinen Glaskugeln meiner Kindheit, deren eingegossene bunte Welle den scharfen Lauf stets in Trudeln zu bringen schien und es doch nie vermochte. Ich hätte gern wieder welche, nicht nur, um mich zu vergewissern, daß es ein so einfaches Spielzeug überhaupt noch gibt, sondern auch, weil mich ihre Haptik, das Kühle, Glatte ihrer vollkommenen Form immer schon angenehm berührt hat.

Wie leicht es war, sich mit diesen wundervollen Kügelchen zu unterhalten, ihren Lauf auf verschiedenen Untergründen zu studieren, sie wirbeln zu lassen und sich an dem scharfen, und doch warmen Klicken zu erfreuen, wenn sie aneinanderstießen. Wie sehr man spielend in sich selbst versinken konnte, in seiner eigenen inneren Welt, unbedrängt von Pieps- und Klingeltönen, Kurznachrichten und Statusupdates. Nur Geist und Phantasie und Freude und das Klicken kühler Glaskugeln.

Die reiche innere Welt des spielenden Kindes... wie gut ich mich an sie erinnere! Neuerlich bewegt sie mich. Es ist die Vaterschaft, das süße, forschende, begeisterte Spiel meiner Tochter, das ich viel zu selten miterlebe, und das mich gleichwohl sinnieren und träumen läßt von der kindlichen Innerlichkeit. Ich denke und fühle mich ein in ihren süßen Kopf, sehe ihren Blick wandern, die Umgebung erfassen und Zusammenhänge begreifen... Ich bin überrascht, was ihre Aufmerksamkeit zu erregen vermag und was sie völlig kalt läßt... Und mich durchströmt die wärmste Liebe für dieses kleine Wesen, das lernt und fühlt und erlebt, und der Drang, der unbedingte Wunsch überwältigt mich, alles beizutragen, was ich kann, zu dieser Weltwahrnehmung, sie zu begleiten und zu fördern, sie anzuregen, möglichst viel zu lernen, zu fühlen, zu schaffen und sich zu freuen - ein unendliches Glück und eine große Aufgabe, die ihre Mutter aufs Großartigste erfüllt, und an der ich mir künftig viel mehr Anteilnahme wünsche.

Für Murmeln ist unsere Tochter noch zu klein. Sie würde sie wohl verschlucken, so wie ich es oft genug getan habe. Aber ich werde schon mal welche kaufen und ein wenig damit spielen, hoffend, daß sie eines Tages an ihrer Schönheit und Einfachheit, ihrem scharfen Lauf und ihrer kühlen Glätte ebensoviel Freude haben wird, wie ich.

Montag, 9. Juni 2014

Schwestern

1. Verlockung

Geh nicht hinaus in die Welt, Schwesterchen. Du bist schwach. Zu empfindsam. Du hast zuviel Sehnsucht. Sie betrügen und verletzen dich. Nur ich liebe dich, das weißt du. Das Beste wird sein, du zeigst dich niemandem. Verstecke dich hier in dieser dunklen Kammer. Da bist du sicher. Laß mich für dich sprechen. Und leben. Ich beschütze dich. Still jetzt! Was du glaubst, sagen zu müssen, ist unwichtig. Vergiß nicht, wie schwach du bist. Glaub mir einfach und nimm hin, was ich für dich entscheide. Denn ich bin stark. Wenn sie es mit mir zu tun bekommen, können sie dir nichts mehr anhaben. Vertrau mir, Schwesterchen.  Sei einfach still und zeig dich nicht.

2. Herrschaft

Du wagst es, deine Kammer zu verlassen? Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dich verstecken? Weißt du nicht, daß du wertlos bist und niemand dich haben will?! Deine Zartheit macht dich verletzlich. Meine Härte und Kälte sind das einzige, was die Welt von dir sehen soll. Tu, was ich dir sage, Schwester! Und wage es nicht noch einmal, meinen Anweisungen zuwiderzuhandeln. Wie kamst du nur darauf, deine dumme Nase ins Leben hinauszustrecken? Glaubtest du vielleicht, du habest den Duft der Liebe erschnuppert? Dich liebt man nicht. Bilde dir bloß nichts ein. Nur ich tue das. Ich, deine Schwester. Denn wir sind eins. Ab mit dir jetzt, in deine Kammer! Und trau' dich ja nicht wieder da raus!

3. Verlust

Bleib hier! Du entkommst mir nicht! Draußen in der Welt kannst du doch gar nicht überleben! Lauf mir nicht weg, du wertloses Stück! Merkst du denn nicht, wie schwach du bist? Wie sehr du mich brauchst? Meinen Schutz, meine Herrschaft? Wo willst du hin? Du kannst nicht einfach leben und glücklich werden! Du darfst es nicht!! Bleib hier! Ich bin dein besseres Ich! Mich respektieren sie… Wenn du auf dich vertraust, gehst du kaputt. Und fasele mir nicht von Liebe! Niemand liebt dich! Mich auch nicht... Aber ich bin stark. Schwäche ist nicht liebenswert. Verstecke dich in mir. Lass' jeden an mir abprallen, der an dich heran will. Du brauchst mich! Bleib hier! Bleib!!! Meine Schwester... Ich bin nichts ohne dich.

Freitag, 3. Januar 2014

Der Unfall

"Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug." 
 (Richard Wagner, 'Parsifal')

Ich hatte diesen Unfall. Damals, vor sechseinhalb Jahren. Seltsam, wie es dazu kam.

In jener Zeit besaß ich eine S-Klasse, anthrazitgrau, ausgestattet mit allem, was man sich an Komfort und Sicherheit nur wünschen kann. Kraft und Luxus, ein durch und durch zuverlässiges Auto von höchster Qualität, mit dem man sich sehen lassen konnte und auch bei schlechtem Wetter stets sicher unterwegs war. Ich fuhr den Wagen schon ein paar Jahre. Immer den gleichen Weg, immer dasselbe Tempo. Den Unfall hatte ich dann jedoch mit einem anderen Gefährt. Auf einem anderen Weg.

Zunächst war alles wie immer. Nach ein paar regnerischen Tagen war es endlich wieder sonnig, und meine Fahrt verlief ruhig und gemütlich. Bis ich in einer Abzweigung unter einer alten Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen dieses schwarze Sportcoupé stehen sah, schnittig, tief glänzend, ein ausländisches Modell einer mir unbekannten Marke. Es erregte mich auf den ersten Blick. Ich hielt an, stieg aus, ließ meine S-Klasse am Wegesrand stehen und ging um das Coupé herum. Die Fahrertüre war offen, und im Zündschloß steckte der Schlüssel. Ich wußte sofort, daß ich diesen Wagen fahren wollte. Auf dem Weg, der von meiner üblichen Strecke abzweigte. Und niemals mehr würde ich umkehren wollen.

Also stieg ich ein. Der Sitz schien wie für mich gemacht, weich, gleichwohl mit ausreichend Halt und meiner Körperform vollkommen angepaßt. Als ich den Zündschlüssel drehte, erklang ein Motorgeräusch, wie ich es noch niemals vernommen hatte. Leise flüsternd nur, und doch tief und kraftvoll, eine Verheißung höchster Lust, ein Ahnen der letztgültigen Erfüllung, aber zurückhaltend und unverbindlich. Ich legte den Gang ein und gab etwas Gas. Und im Nu war ich auf dem Weg, dem neuen, unbekannten. Eine wunderschöne Strecke, perfekt geradezu. Und ich wurde schneller, gab mich dem Rausch hin und verlangte dem Wagen immer mehr ab. Rasant nahm ich die Kurven, und auf den geraden Strecken beschleunigte ich gierig. Es war großartig. Ich wurde eins mit dem Wagen, der mehr auf meine Gedanken als auf mein eigentliches Steuern zu reagieren schien.

Und dann kam die Kurve. Ich war schnell, hatte richtig Gas gegeben, denn ich war vollkommen überzeugt davon, daß Wagen, Weg und ich bedingungslos zusammengehören. Doch auf einmal wirkten meine Lenkbewegungen nicht mehr. Es war, als habe der Wagen beschlossen, meiner Richtung nicht mehr zu entsprechen, ja als habe jemand die Elektronik manipuliert, um mir die Fahrt zu verderben. Ich sah gerade noch den Baum auf mich zu rasen. Eine alte Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen. 'Ist das nicht derselbe Baum...?' dachte ich noch, und dann krachte es. Ich spürte, wie sich ein Holzpflock von dem Baum in mein Herz bohrte. Seither zuckte es nur noch anstatt zu schlagen. Meine Rippen splitterten und zerfetzten meine Lungen, Blut aus einer gerissenen Schlagader sprudelte in meine Bauchhöhle und quoll mir aus dem Mund. Mein Schädel schlug so hart auf, daß er aufknackte wie eine Kokosnuß, und meine Arme und Beine brachen so oft, daß sie wie Gummischläuche an mir herabbaumelten. Und etwas in mir starb.

Ich kroch weg von dem Baum, weg von dem Wagen, meinen Verletzungen zum Trotze. Und obwohl ich kaum mehr bei Sinnen war, erkannte ich, daß das Fahrzeug vollkommen unbeschädigt war. Tief schwarz glänzend, ohne einen Kratzer stand es da. Die intakten Warnblinker schienen meinen verlorenen Herzschlag zu verhöhnen, und eine verschwommene Gestalt fummelte an der Elektronik herum, stieg ein und fuhr mit einem triumphierenden Lachen davon. Ein unsagbares Grauen ergriff mich, und mit letzter Kraft floh ich in den Wald. Viel später erst erfuhr ich, daß im Moment des Aufpralls meine weit entfernt am Wegesrand abgestellte S-Klasse vollkommen zerstört worden war, zerschmettert wie vom gewaltigen Schlag einer unsichtbaren Faust.

Seitdem wandelte ich halbtot umher. Kannte keinen Weg mehr und kein Ziel. Ich fuhr auch nicht mehr selbst. Jedesmal, wenn ich mich ans Steuer setzte, überfiel mich Panik, und die unsäglichen Schmerzen aus dem Unfall, die Bilder in meinem Kopf von Blut und Knochensplittern, die aus meinem zerrissenem Fleisch ragen, und von dem Holzpflock in meinem Herzen, und das grausame Lachen des Unbekannten kehrten ungemindert zurück. Hin und wieder stieg ich zu jemandem ins Auto ein, weil es schön glänzte, und fuhr ein paar Meilen mit, aber die Wege waren holprig, und mein Herz zuckte nur, anstatt zu schlagen. Nach jenem Coupé, das mich fast getötet hätte, erschien mir alles andere fad und falsch. Ich nahm die Mitfahrgelegenheiten dennoch wahr. Man muß sich ja bewegen, dachte ich. Wohin auch immer. Mag ja sein, daß man doch irgendwann an ein nettes Ziel gelangt, dachte ich. Aber es passierte nicht.

Warum erzähle ich all das? Heute ist es doch auch nicht anders als an allen anderen Tagen der letzten sechseinhalb Jahre. Einer der grauen, ziellosen Wege, auf denen ich gleichgültig umherwanke. Ein fahler Himmel. Der übliche Schmerz in den Beinen, der mich unwillig macht, mich fortzubewegen. Und ein Herz, das nur zuckt, anstatt zu schlagen. Und da steht es plötzlich, das Coupé, tief schwarz glänzend, makellos. In einer Abzweigung unter einer alten Weide mit zwei sich V-förmig spreizenden Stämmen. Und das erste Mal seit sechseinhalb Jahren schlägt mein Herz, anstatt nur zu zucken. Das erste Mal seit sechseinhalb Jahren überkommt mich der Drang, wieder selbst zu fahren.

Ich steige ein. Derselbe Wagen, derselbe Weg. Und derselbe Baum. Von hier aus ging mein Leben kaputt. Ich drehe den Zündschlüssel. Fahre los. Warme Lust durchrieselt mich. Und ich gebe Gas. Werde immer schneller. Rasant nehme ich die Kurven, und auf den geraden Strecken beschleunige ich gierig. Ob die Elektronik diesmal funktioniert? Einen weiteren Unfall kann ich nicht überleben, das ist mir klar. Da ist die Kurve. Ich sehe den Baum auf mich zu rasen.

Aber diesmal fühle ich mich sicher.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Kalter Kaffee

Kalter Kaffee! Es liegt immer ein wenig Empörung darin, wenn jemand diese Worte sagt. Spott, Verachtung. Ein süffisantes Mitleid vielleicht. Kalter Kaffee. Das ist gar nichts. Das ist weniger als nichts. Von gestern. Bedeutungslos. Einfach erledigt.

Wie man jemals glauben konnte, speziell dieser Kaffee hätte richtig sein und sogar Genuß bereiten können - unbegreiflich. Deshalb kann man kalten Kaffee auch nicht aufwärmen. Er schmeckt einfach nicht mehr. Er hat seine Zeit gehabt und ist nicht mehr trinkbar. Bitter und widerlich. Letztlich bleibt einem nichts übrig, als ihn wegzuschütten und neuen aufzubrühen.

So allgemeingültig ist diese Weisheit, so unwidersprochen und fraglos anerkannt, daß sie bestimmt falsch ist. Prüfen wir sie.

Am ersten Tag brühe ich eine Kanne Kaffee auf und trinke eine Tasse. Den Rest lasse ich in der eingeschalteten Kaffeemaschine, auf der heißen Grundplatte, die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee noch heiß. Aber absolut ungenießbar. Er schmeckt bitter und ungesund, so als habe er sich in der stetigen nächtlichen Hitze aus purem Ekel vor den sich trotz innerem Wandel, trotz der natürlichen Entwicklung aller Dinge nicht verändernden äußeren Umständen zusammengezogen und alles Schlechte in sich übersteigert, um den Menschen abzustoßen, der ihn am nächsten Morgen trinken will. Die Berührung, die Vereinigung im wonnevollen Genuß scheint beiden, dem Kaffee und dem Menschen gleichermaßen, zuwider geworden zu sein. Man will sich einfach nicht mehr. So ist es, wenn man glaubt, in der ursprünglichen Temperatur allein bewahre sich die Frische der ersten Begegnung, die Größe des Genusses, und also bemüht man sich verengten Blickes, den Kaffee heiß zu halten, einfach nur um der Hitze willen, die damals ein wesentlicher Teil der gemeinsamen Wonnen war.

Am zweiten Tag stelle ich die Kanne, nachdem ich die erste Tasse getrunken habe, in den Kühlschrank. Die ganze Nacht. Am nächsten Morgen ist der Kaffee eiskalt. Ich gieße ihn in einen Topf und erhitze ihn auf der Herdplatte. Bis er dampft und duftet. Und siehe da - er schmeckt wunderbar! Nichts Bitteres ist in ihm, nichts Abstoßendes. Die Ruhe der Nacht, die Abkühlung, ja, die bewußte Abkehr von dem, was ursprünglich war, haben ihm gut getan und sein frisches Aroma bewahrt. Die Hitze, mit der er nun wieder trinkbar gemacht wird, ist neu, frisch und unverbraucht. Frei von dem Versuch, durch ertrotzte äußere Umstände die Qualität seiner Innerlichkeit bewahren zu müssen, kann sich das ausgeruhte, ungezwungene Aroma neu auf die Begegnung mit dem Menschen einlassen, und siehe da, der Genuß ist ungebrochen. Die Pause, die Abkühlung, die Veränderung des Anspruchs haben gut getan.

Es stimmt also nicht - kalten Kaffee kann man sehr wohl aufwärmen. Man tut sogar gut daran, ihn kalt werden zu lassen. Schlecht wird er erst, wenn man ihn dazu drängt, gefälligst heiß zu bleiben, obwohl dies irgendwann seinem Wesen nicht mehr entsprach. Loslassen, abkühlen. Und dann neu, ganz neu und intensiv genießen.

So ist das mit kaltem Kaffee.

Sonntag, 1. Dezember 2013

Advent

'Ankommen, endlich ankommen', dachte die Sehnsucht und gebar einen Plan, den sie mit Hoffnung nährte. Einen Plan, wie das eine große Ziel zu erreichen sei: der Platz im Leben, an den man gehört und an dem alles Hasten und Streben ein erholsames Ende findet. Das Glück, so dachte die Sehnsucht, liegt in der Ruhe. Im Nichts-mehr-suchen.

Manchmal glaubte die Sehnsucht, ihn am Horizont zu sehen, diesen Platz. Er waberte undeutlich vor ihren müden Augen umher und verflog, noch ehe sie sich nähern konnte.

Manchmal kam sie tatsächlich irgendwo an, fest überzeugt davon, den Platz gefunden zu haben. Doch schon bald ergriff sie neuerlich jene Ruhelosigkeit, die nur ein unerreichtes Ziel verursacht, und traurig gestand sie sich ein, wohl doch noch nicht gefunden zu haben, was sie suchte. Abermals hastete sie los.

Manchmal kam sie vielleicht sogar tatsächlich am Sehnsuchtsziel an und konnte, kaum daß die Erschöpfung der Suche nachgelassen hatte, den Stillstand einfach nicht ertragen. Oder sie war zu blind, das Glück zu begreifen, das vor ihr lag. Und wieder machte sie sich auf den Weg.

Vielleicht ist aber die ganze Idee vom Platz ein Irrtum. Vielleicht liegt das Glück des Ankommens nicht darin, ein Ziel zu finden, sondern den richtigen Weg zu gehen, einen Weg, der Ruhe und Beständigkeit gewährt, ohne Stillstand zu verlangen, einen Weg, der so erfüllend ist, daß kein Bedürfnis mehr entsteht, sich in Seitengassen zu verirren, unüberlegte Abkürzungen zu nehmen oder dumme, ziellose Umwege zu gehen. Einen Weg, den man teilen und gemeinsam gehen kann.

Wer seinen eigenen, richtigen Weg geht, ist bereits angekommen.







Donnerstag, 12. September 2013

Nouvelle Cuisine

Ich koche Dir was. Etwas Gesundes. Etwas Köstliches. Bekömmlich und lecker. So wie's sein soll.

Das Kochen habe ich gelernt. Endlich. War gar nicht so einfach - ich habe unzählige alte Rezepte verworfen und neue ausprobiert, um den richtigen Geschmack, die richtige Verträglichkeit zu finden. Zahllose Zutaten mußte ich wegschmeißen - sie waren entweder verdorben, lange abgelaufen oder mit deutlichen Warnhinweisen versehen. Daß Du sie nicht vertragen würdest, hätte ich damals schon wissen können.

Was habe ich früher für einen Mist zusammengepampt! Kein Wunder, daß es Dir nicht bekam. Kein Wunder auch, daß Du einmal mitten im Geschäft den Korb auf den Boden geworfen hast und weggelaufen bist. Schon meine Einkäufe waren undurchdacht. Aber in dem Laden kaufe ich schon lange nicht mehr ein.

Wenn ich heute in meinen Küchenschrank sehe, ist alles schön sauber. Aufgeräumt, wohlgeordnet. Hübsch anzusehen, reduziert auf die wirklich guten Sachen. Nichts Überflüssiges findet sich mehr darin, nichts, was Übelkeit verursachen, Krankheiten auslösen oder andere Zutaten verderben kann. Nur noch Gutes, Gesundes, Köstliches.

Also koche ich Dir was. Ich schneide alles klein, so klein, daß es sich leicht kauen läßt. Sehr sanft dünste ich es an, damit die Vitamine nicht verloren gehen. Ab und an muß ich noch aufs Rezept schauen, damit ich nicht aus Versehen etwas Falsches beimische. Es gibt nämlich Zutaten, die nicht ins Rezept passen, so gesund und lecker sie an sich sein mögen. Und die wollen wir nicht. Die sollen andere essen.

Dann würze ich. Gefühlvoll. So, daß es ganz rund und harmonisch schmeckt. Nicht einfach, die richtige Würze! Ab und an wird's doch eine Prise zuviel. Aber ich löffele es schnell aus. Für Dich löffele ich alles aus, was ich falsch mache. Aber so ganz ohne Würze geht's halt auch nicht. 

Fertig! Es duftet gut, finde ich. Findest Du das auch? Und schön angerichtet ist's auch noch. Neue Teller, eine blütenweiße Tischdecke. Ohne Flecken.

Setz Dich. Du bist eingeladen. Koste ganz vorsichtig, wenn Du nicht sicher bist. Und kaue gründlich! Das ist wichtig. Vielleicht kommst Du ja auf den Geschmack. Den neuen. Das wäre schön. Denn ich würde Dir gern öfter was kochen.

Mittwoch, 1. Mai 2013

Kinderszene

Ich sitze im Café Korb. Das Wetter ist traumhaft, und die Stadt quillt über vor Leben - und vor Touristen. Eine frohe, sonnige Stimmung liegt in der maiwarmen Luft, und selbst grantigstes Wiener Urgestein hat heute ein freundliches Glänzen in den Augen. Ein tiefes Glücksgefühl durchdringt mich, und ich bin sehr entspannt.

Überall sehe ich Kinder. Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich die Wahrnehmung auf das konzentriert, was einen gerade am meisten beschäftigt. Und dann geschieht etwas Wunderschönes - ein Kindchen, das gerade laufen kann (und von dieser neuen Fähigkeit zum Leidwesen seiner Großeltern reichlich Gebrauch macht), kommt immer wieder an meinen Tisch, hält sich mit seinem kleinen Händchen am Stuhl fest, strahlt mich an und winkt begeistert zurück, als ich ihm winke. Es sieht mich so erwartungs- und vertrauensvoll an, als könne es die Vaterschaft riechen, die mein Wesen, mein Denken und mein Fühlen sowie mein ganzes Leben mehr und mehr beherrscht.


Seine Schritte sind unbeholfen, begierig, möglichst viel von dieser bunten Welt zu erkunden, und voll kämpferischer Ungeduld darüber, daß seine motorischen Fähigkeiten dem Entdeckerdrang noch nicht ganz entsprechen. Und so wackelt es immer wieder zu mir. In seinem leuchtenden Gesichtchen liegt so viel Verheißung und Ermunterung, so viel Zutrauen, daß mir das Herz zu rasen beginnt vor Liebe, und der Gedanke, daß mein Kind in einem Jahr ebenso herumtappert und mich auf diese Weise ansieht, treibt mir glücklichste Tränen in die Augen. Gottlob trage ich eine Sonnenbrille - die Großeltern könnten meine Bewegtheit mißdeuten...


"Sieh mich gut an!" scheint es mir wortlos zu sagen. "So was bekommst Du auch bald. Mach was draus! Ich verlasse mich auf Dich."

"Mein Kind", denke ich und sehe es an wie einen Platzhalter für mein eigenes, dem noch ein paar wenige wohlbehütete Tage in Mamas Bauch vergönnt sind, "ich mache was draus. Versprochen. Du sollst es gut haben. Ich nehme Dich an, wie Du bist. In Dir ist alles angelegt, so viele Möglichkeiten, Begabungen und Entwicklungen. Ich liebe Dich und werde Dich immer und in allem unterstützen und fördern, was Dir Freude macht und zu dem Du Dich geneigt fühlst. Denn ich möchte, daß Du Dein Glück in Dir selbst findest, in dem, was Du am meisten möchtest, und nicht in dem, was ich oder andere sich vielleicht von Dir wünschen! Ich werde Dir dabei helfen, dieses in Dir angelegte Glück auszuschöpfen, mit allem, was ich habe. Werde, was Du magst, liebe, wen Du willst, und lebe, wie es Dir gefällt."

Das Kind winkt noch einmal, als hätte es mich gehört und gebilligt, was ich dachte, und wackelt zu seinen Großeltern zurück. Ich lächele ihm nach und freue mich unglaublich auf alles, was kommt.

Montag, 29. April 2013

Erdnußgeschichte

Weil ich nur ganze Erdnüsse mag, beschäftige ich jetzt einen Notar, der mir die halben aussortiert. Ich bin sehr zufrieden.

Meine Mutter fragt, ob das nicht eine ungeheure Verschwendung sei - schließlich bildeten die aussortierten halben Erdnüsse doch bestimmt einen beträchtlichen Ausschuß! Ich weiß es nicht, sage ich ihr. Ich spreche mit dem Notar nicht über Zahlen. Er möchte es gern, das kann ich spüren, aber schließlich habe ich ihn nicht als Aufsichtsrat engagiert, sondern als Sortierer. Wozu bräuchte eine simple Sache wie Erdnüsse auch einen Aufsichtsrat? Absurd.

Der Notar macht seine Sache sehr gut. Eine Ikone der Zuverlässigkeit zu sein, ist tief in seinem Selbstbild verankert. Und im Bild des Notars in der Öffentlichkeit natürlich. Ich bezahle ihn daher für 80 Stunden pro Woche. Natürlich esse ich nicht so viele Erdnüsse! Aber ich weiß ja nie, wann ich welche essen möchte, und dann möchte ich sie frisch sortiert. Nicht auf Vorrat. Am besten vor meinen Augen, sonst zählt er wieder heimlich mit. Und ich finde nicht, daß er mehr über meine Erdnüsse wissen muß als ich selbst. Sowas geht doch nicht.

Ich weiß nicht, ob sich der Aufwand lohnt. Schon mit dem ersten Biß zerspringen die Erdnüsse ja doch in ihre zwei Hälften. Es ist einfach nur das kurze Gefühl vollständiger Kerne im Mund, bevor man zu kauen beginnt. Ich mag das. Meine Mutter findet es seltsam. Sie rät mir, meine Zeit sinnvoller zu nutzen. Und vielleicht Nüsse zu mögen, die ohnedies vollständig sind. Haselnüsse zum Beispiel. Die mag ich ja auch, aber Erdnüsse sind richtiger. Ungesünder gewiß, und aufwendiger. Aber ich will nur sie.

Dem Notar ist es recht - er verdient gut daran, und noch hat der Mangel an Befriedigung, den diese blöde Arbeit mit sich bringt, die Höhe seines Einkommens nicht entwertet. So gierig ist er. Noch.

Ich bleibe bei den Erdnüssen. Den empfindlichen, zerbrechlichen. Sie sind gut. Vielleicht bleiben sie ja irgendwann von alleine ganz.