Mittwoch, 6. Dezember 2017

Eine Advents(kalender)geschichte


Meiner Tochter

Am 1. Dezember machte sich ein kleiner Stern auf den langen Weg zum Weihnachtshimmel. Die Sterne hatten sich vorgenommen, sich zum Weihnachtsfest zu versammeln und gemeinsam heller und festlicher zu strahlen als je zuvor, um die Geburt des Jesuskindes zu feiern. Wochenlang hatten sie sich geputzt und mit Licht aufgeladen. Auch der kleine Stern war blank gewienert und leuchtete wunderschön golden und hell. Er war gerade mal einen Tag unterwegs, da hatte er eine Begegnung.

Am 2. Dezember traf der kleine Stern nämlich ein kleines Mädchen, das weinte und im Wald umherirrte. "Was machst du denn hier so tief im Wald?" fragte der kleine Stern. "Ich habe mich verlaufen und finde den Weg nach Hause nicht mehr!" schluchzte das Mädchen. "Oh, da kann ich Dir helfen“, rief der kleine Stern, „laß mich mit meinem Sternenlicht deinen Weg beleuchten, und dann findest Du ganz schnell nach Hause!" So machten sie es, und bald war das Mädchen zu Hause und dankte dem kleinen Stern von Herzen. Der Stern freute sich sehr! Zwar hatte er von seinem Licht abgegeben und strahlte nicht mehr so ganz so hell wie zuvor. 'Aber ich konnte dem kleinen Mädchen helfen', dachte er, 'und das ist das Schönste, was man tun kann. Und für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

Am 3. Dezember kam der kleine Stern in eine schöne Stadt. Da liefen die Menschen durch die Straßen und drängelten sich in den Geschäften und hatten es eilig, weil jeder noch rechtzeitig seine Weihnachtsgeschenke einkaufen wollte. Nur ein alter Mann stand traurig am Rand. "Was hast du denn?" fragte der kleine Stern. "Ach", sagte der Mann, "ich würde meiner Enkeltochter so gern etwas Schönes schenken. Aber ich bin arm und habe kein Geld. Nun weiß ich nicht, was ich tun soll." Da überlegte der kleine Stern kurz und sagte dann: "Ich gebe dir ein bißchen von meinem Sternenlicht! Das kann man nicht kaufen, und deine Enkeltochter wird sich bestimmt freuen!" Da war der alte Mann sehr glücklich, bedankte sich und ging davon. Der kleine Stern war sehr froh, daß er helfen konnte. 'Vielleicht bin ich jetzt nicht mehr ganz so hell', dachte er, aber für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

Am 4. Dezember wanderte der kleine Stern an einem großen, dunklen Haus vorbei. Das ist bestimmt unbewohnt, dachte er, aber dann hörte er durch ein offenes Fenster einen Kinderchor ein schönes Weihnachtslied singen. Er schwebte durch die Tür, über der in großen Buchstaben "Kinderheim" stand, und fand den Chor, der in einem dunklen Saal mit einer Lehrerin sein Lied übte. "Warum probt ihr denn hier im Dunklen?" fragte er. "Ach", sagte die Lehrerin, "man hat uns den Strom abgestellt, und nun haben wir kein Licht und keine Heizung und können nicht mal unseren Weihnachtsbaum erleuchten!" "Da kann ich euch helfen!" rief der kleine Stern und entzündete mit seinem Licht alle Lampen und den Weihnachtsbaum, und sofort wurde es warm und hell im Kinderheim. Da weinten die Kinder vor Freude und sangen noch viel schöner als zuvor. Der Stern war überglücklich, daß er den Kindern so viel Freude gemacht hatte. Er war wieder ein bißchen dunkler geworden, aber das war ihm egal. 'Für den Weihnachtshimmel', so dachte er, 'bin ich gewiß noch hell genug!'

Am 5. Dezember fand der kleine Stern am Wegesrand einen kleinen Vogel, der traurig piepste und nicht mehr fliegen konnte. "Was hast Du denn?" fragte der kleine Stern. "Ich habe mir den Flügel gebrochen, und nun kann ich gar nicht mehr fliegen und muß wohl erfrieren!" antwortete der Vogel. Das tat dem kleinen Stern in der Seele weh, und er rief: "Da kann ich dir helfen!" Und mit seinem Sternenlicht bestrahlte er den Flügel so lange, bis er geheilt war und der Vogel fröhlich und dankbar davonfliegen konnte. Der kleine Stern winkte ihm hinterher und freute sich unendlich darüber, wie sehr er mit seinem Sternenlicht helfen konnte. Er war zwar ein kleines bißchen blasser als zuvor. 'Aber', so dachte er, 'für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug! '

Am 6. Dezember sah der kleine Stern plötzlich einen alten Mann mit einem dicken roten Mantel und einem langen weißen Bart, der gemächlich durch den Schnee stapfte. "Wer bist denn du?" fragte der kleine Stern. "Ich bin der Nikolaus", sagte der Mann, "und ich bin auf dem Weg zu den braven Kindern, um ihnen Geschenke zu bringen. Die bösen Kinder aber bekommen nichts! In diesem Goldenen Buch stehen schon fast alle Kinder drin. Kennst Du vielleicht noch ein liebes Kind?" "Oh ja!" rief der Stern, und mit seinem hellsten Strahl schrieb er mit leuchtenden Buchstaben einen Namen in das Goldene Buch des Nikolaus. Dabei dachte er heimlich: 'Hoffentlich ist das Kind jetzt auch wirklich ganz, ganz lieb – ich habe schließlich mein schönstes Licht dafür hergegeben. Aber für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

‪Am 7. Dezember kam der kleine Stern überhaupt nicht voran. Ein langer Stau hatte sich auf der Straße gebildet, denn eine Ampel war ausgefallen, und niemand wußte mehr, wann er fahren durfte. Alle Menschen, die in ihren Autos zum Weihnachtsfest nach Hause fahren wollten, hupten und warteten, und es war gar keine schöne Stimmung. Da beschloß der kleine Stern, zur Kreuzung zu schweben und wie eine Ampel zu leuchten. Er drehte sich bald hierhin, bald dahin, winkte immer abwechselnd den einen Autofahrern zu, daß sie nun fahren könnten, dann den anderen, und so löste sich der Stau bald auf und alle kamen rechtzeitig nach Hause. Darüber freute sich der kleine Stern sehr. Das Ampelspielen hatte ihn wieder viel Licht gekostet, aber er dachte sich: 'Das macht doch nichts, wenn man helfen kann. Für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'‬

Am 8. Dezember hörte der kleine Stern plötzlich laute Stimmen. Er blieb vor dem Fenster stehen, aus dem die Stimmen kamen, und sah einen Mann und eine Frau, die sich heftig stritten. "Du hast mich angelogen!" rief die Frau, und der Mann antwortete wütend: "Das ist überhaupt nicht wahr! DU wolltest doch nichts mehr mit mir zu tun haben!" Und so ging es in einem fort. Da klopfte der kleine Stern ans Fenster und sagte: "Warum streitet ihr denn? Bald ist Weihnachten, und da sollen sich doch alle Menschen liebhaben!" Und mit seinem Sternenlicht wärmte er die Herzen des Paares, und sie umarmten sich und gaben sich einen langen Kuß. "Danke, kleiner Stern", sagten sie, "da hast du völlig recht!" Der kleine Stern zog glücklich weiter und dachte: 'Die haben mein Licht wirklich gebraucht! Und für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

Am 9. Dezember gelangte der kleine Stern ans Meer. Da tobte ein wilder Sturm, und die Wellen stürzten krachend ans Land. Eilig sah sich der kleine Stern nach einem Unterschlupf um und entdeckte auf der Düne einen alten, verlassenen Leuchtturm. 'Da finde ich gewiß Schutz vor dem Sturm', dachte er sich und schlüpfte durch die Tür. Als er oben ankam, sah er in den Wellen ein Schiff, das geradewegs auf die Küste zusteuerte. "Oweh!" rief er aus. "Die fahren ja gleich gegen die Felsen!" Und er leuchtete, so hell er nur konnte, und schon bald drehte das Schiff ab und fuhr zum sicheren Hafen. 'Puh, das war knapp', dachte der kleine Stern erleichtert. 'Ich werde einen Brief an die Hafenbehörde schreiben, daß sie den Leuchtturm wieder in Betrieb nehmen. Das Schiff ist jedenfalls sicher! Und für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

Am 10. Dezember stieg dem kleinen Stern plötzlich ein betörender Duft von Weihnachtsplätzchen in die Nase. Neugierig bog er in die Gasse, aus der der Geruch herüberwehte, und fand eine hell erleuchtete Bäckerei. Aber der Bäcker und seine Gesellen standen ganz traurig um den Ofen herum. "Grüß euch Gott", rief der kleine Stern, "hier riecht es so gut nach Weihnachtsplätzchen! Backt ihr gerade welche für alle lieben Kinder?" "Das wollten wir", sagte der Bäcker, "aber leider ist unser Ofen ausgegangen! Jetzt können wir nicht mehr genug für alle Kinder backen." "Das wäre ja zu schade", rief der kleine Stern, "laßt mich Euch helfen!" Und mit seinem Sternenlicht entfachte er ein helles Feuer im Backofen. "Danke, kleiner Stern!" rief der Bäcker glücklich. "Nun können wir allen Menschen Weihnachtsplätzchen backen!" 'Wie sich da alle Kinder freuen werden', dachte der kleine Stern, 'das war das Licht auf jeden Fall wert! Und für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

Am 11. Dezember wanderte der kleine Stern über ein schneebedecktes Feld. Da sah er plötzlich ein Engelchen, das etwas zu suchen schien. "Was machst du da?" rief er ihm zu. "Ach", antwortete das Engelchen, "ich habe meine Trompete im Schnee verloren, und am Heiligen Abend soll ich doch mit dem Engelsorchester am Weihnachtshimmel spielen!" "Da gehe ich auch hin", sagte der kleine Stern, "laß mich Dir helfen!" Und er beleuchtete das Feld und half dem Engelchen suchen, bis sie die schöne silberne Trompete endlich gefunden hatten. Da war das Engelchen sehr froh und rief: "Danke, kleiner Stern! Nun werde ich wunderbar spielen können! Wir sehen uns am Weihnachtshimmel!" Glücklich und voller Vorfreude auf das Weihnachtsfest zog der kleine Stern weiter und dachte: 'Das wird so wunderschön! Und für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

Am 12. Dezember, es war schon Abend und fast dunkel, erblickte der kleine Stern in der Ferne ein prächtiges Schloß. Neugierig näherte er sich, überquerte die Brücke zum Tor und klopfte an. Ein alter König öffnete ihm. "Du hast aber ein schönes Haus!" sagte der kleine Stern. "Ja, das schon", sagte der König, "aber ich bin immer so müde und habe gar nichts davon!" "Warum schläfst Du denn nicht?" fragte ihn der kleine Stern. "Ich mag die Dunkelheit nicht beim Einschlafen!" antwortete der König. "Oh, das kenne ich", sagte der kleine Stern, "da kann ich dir vielleicht helfen!" Und so blieb der Stern in des Königs Schlafgemach und leuchtete sanft, bis der König eingeschlafen war. Bevor er leise davon schlich, ließ er noch ein bißchen Sternenlicht da, das fortan in blauen Lampen am Bett des Königs leuchtete. So war es nie mehr dunkel, und der König konnte viel besser einschlafen. Das freute den kleinen Stern, und er dachte bei sich: 'Nun scheint mein Licht sogar in einem Schloß! Und für den Weihnachtshimmel bin ich gewiß noch hell genug!'

Fortsetzung folgt.

Donnerstag, 9. November 2017

Schweigen

Zehn Tage lang habe ich auf Facebook nun nichts Politisches mehr geschrieben, zehn Tage kein Ereignis kommentiert, keinen Mißstand angeprangert und keine der zahllosen Scheußlichkeiten verurteilt, die uns auf allen Kanälen grell und schonungslos entgegenschreien. Tag für Tag nichts als Gier, Haß und Gewalt, und zu allem soll man sich Gedanken machen, eine Meinung haben und eine Haltung zeigen - es wurde mir einfach zuviel. Und so habe ich eben eine Weile nur Fotos gepostet, weil irgendjemand dazu aufgerufen hatte. Schwarzweiße, schöne.

Manchmal kann ich es einfach nicht mehr ertragen, welchem Wahnsinn die Menschheit gerade an allen Ecken und Enden der Welt zu verfallen scheint, welcher Grausamkeit sie fähig und welch sturer Dummheit sie untertan ist. Als habe es nicht alles schon gegeben, als sei nichts da, woraus zu lernen wäre, wie schrecklich ideologischer Wahn endet, sei er religiös, rassisch oder nationalistisch. Als wäre die Geschichte ein weißes Blatt, das es mit möglichst viel Blut und Scheiße zu besudeln gelte. Die primitivsten Triebe scheinen jede Erfahrung auszuhebeln, und die starken Männer des Planeten sind gerade diejenigen, die sie am rücksichtslosesten zu befriedigen trachten.

Da kann's einem schon mal die Sprache verschlagen, und man fragt sich: Wozu eigentlich? Ist nicht eh alles längst aus dem Ruder gelaufen? Ist der Abschwung ins Viehische nach einer Phase trügerischen Friedens überhaupt noch aufzuhalten? Und hört eigentlich jemand zu, wenn man nicht eben laut, schlicht und brutal daherredet? Abonnentenzahlen, die Facebook-Währung also, zu vergleichen, kann jedenfalls ganz schön frustrierend sein.

Und doch: Irgendwann setzt sich mein Drang durch, zu sagen, ja herauszuschreien, was mich empört, schmerzt und meine Humanität beleidigt. Und so werde ich meine Worte wiederfinden, auch wenn sie mir gerade ausgegangen sind. Vielleicht lesen sie nur eine Handvoll Menschen, vielleicht bleiben sie im großen Diskurs irrelevant.

Vielleicht. Aber zumindest werde ich nicht geschwiegen haben.

P.S.: So eine Phase hatte ich schon einmal. Damals entstand dazu dieses Textchen.

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Lie-A, Lie-C, Lie-B

X sprach zu A:
Du bist da, ich sag' ja!
B kam dazu,
da ließ X A in Ruh'.
Mit Y
machte B sich davon.
Doch da kam C
und X dachte: OK.
C fand Z nett
und nahm ihn mit ins Bett.
B kam zurück
und X dachte: So'n Glück.
Mit Z war es nix,
und C fragte: Du, X?
Ich bin's, dein C!
Wie sehr hängst Du an B?
X sagte: Uh!
Solche Fragen stellst Du?
B fand das doof
und machte Z den Hof.
Nur A war die Suppe
aus Buchstaben schnuppe.

Sonntag, 24. September 2017

Erster Gedanke zur Wahl

Ja, es ist nun ein anderes Deutschland. Aber es ist immer noch frei und demokratisch, und immer noch stellt sich eine überwältigende Mehrheit gegen Extremismus, Haß und Spaltung. Eine Mehrheit, deren Aufgabe es nun ist, jene 13 Prozent, die den Glauben an unsere Gesellschaftsordnung verloren zu haben scheinen, bei ihren Sorgen abzuholen und ins demokratische Spektrum zurückzuführen - einfach, weil es das überzeugendere Modell ist!

Dazu braucht es eine glaubwürdige, beherzte Regierung, die die vielen Probleme auch wirklich anpackt. Dazu braucht es aber auch engagierte Bürger, die im Alltag unsere freiheitlichen Werte hochhalten und die Demokratie - und sei es nur gegen dumpfe Sprüche - verteidigen. Es braucht eine Gesellschaft, die den Ungeist dunkler Epochen nicht einsickern läßt in die Atmosphäre, in der wir Tag für Tag leben.

Diese Demokratie braucht nun das, was Weimar nicht hatte: überzeugte Demokraten!

Donnerstag, 14. September 2017

Wir haben die Wahl

Die Bundestagswahl steht unmittelbar bevor, und bei vielen Menschen verstärkt sich in diesen Tagen der Eindruck, die Politik interessiere sich nur alle vier Jahre für ihre Bürger – dann nämlich, wenn mit Plakaten, Fernsehauftritten und großen Reden um genau die Stimmen geworben wird, die sonst in Parlamenten und Ministerien nicht gehört werden. Kein Wunder, daß sich da mancher zum Stimmvieh abgewertet fühlt und seine Teilnahme an der gesellschaftlichen Meinungsbildung auf zwei kleine Kreuzchen reduziert sieht. Für einige ist das sogar Anlaß zu lautstarken Zweifeln am System der repräsentativen Demokratie. Hier und da wird der Ruf nach Volksabstimmungen laut, in denen allein sich der wahre Volkswille offenbare und der vielbeschworenen Meinungsdiktatur der Eliten den gesunden Menschenverstand einer sonst schweigenden Mehrheit entgegenhalte. Was bleibt, ist ein fader Geschmack der Insuffizienz unserer Gesellschaftsordnung.

Dieser Frust ist gefährlich. Nicht nur, weil er der Demokratie ihre Unterstützer entzieht (eine der Todesursachen der Weimarer Republik) oder als aggressive Grundstimmung in unseren Alltag hineinwirkt (man achte nur mal darauf, wie schnell und anlaßlos heutzutage gehupt, geschimpft und gepöbelt wird), und nicht nur, weil Volksabstimmungen bei uns (gottlob) aus sehr guten Gründen nicht vorgesehen sind, sondern auch, weil eben dieser Frust auf einer ganz falschen Annahme beruht: daß wir nämlich nur alle vier Jahre die Wahl hätten, wie unser Leben aussehen soll. Denn diese Wahl haben wir alle jeden Tag.

Denn das Leben besteht nicht nur daraus, sich innerhalb politischer Rahmenbedingungen irgendwie zu arrangieren. Es ist geprägt vom Alltag, den wir gestalten, von einzelnen Menschen und Gemeinschaften, von Familie, Freunden und Arbeitskollegen, und auch von all den Unbekannten, denen wir Tag für Tag beim Einkaufen, im Bus, auf der Straße oder im Kino begegnen. Und hier, nicht in den Parlamenten, schaffen wir selbst die Stimmung, diese allgemeine Atmosphäre, die unseren Alltag, unsere Lebensqualität ausmacht.

Wir haben die Wahl, jeden Tag, wie gut, stressfrei, angenehm und befriedigend unser Leben ist, und diese Wahl ist keineswegs auf den vierjährlichen Urnengang beschränkt. Wir wählen auch unseren Beruf, unsere Freunde, und wen wir lieben; wir wählen, wie wir unsere Freizeit gestalten; wir wählen unseren Kleidungsstil und unsere Anschaffungen. Und wir wählen, wie wir miteinander umgehen. Ob wir uns anlächeln oder schimpfen, wenn wir uns auf dem Gehsteig entgegenkommen und ungeschickt in dieselbe Richtung ausweichen. Ob wir der alten Dame an der Supermarktkasse die fehlenden 10 Cent schenken oder sie anmuffeln, weil sie nicht so schnell ist. Wir wählen, ob wir mal jemandem die Vorfahrt gönnen, auch wenn er sich nicht hat, und ob wir der gestressten Kellnerin trotz der schlechten Bedienung ein ordentliches Trinkgeld geben. Wir haben die Wahl! Freundlich zu sein, gütig, großmütig und geduldig - egal, wie jemand aussieht, was er glaubt oder welche Sprache er spricht; hilfsbereit zu denen, die schwach und bedürftig sind, und ja!, einfach nett zu jedem, der uns begegnet.  Mit allem, was wir tun, schaffen wir eine Stimmung, wirken auf die Gemüter und Seelen unserer Mitmenschen und beeinflussen das Leben als solches. Den Staat allein zur Projektionsfläche aller Unzufriedenheiten zu machen, ist kleinlich und feige. Schließlich kann sich auch politisch jeder nach Lust und Laune selbst engagieren. Das ist das Tolle an der Freiheit – das Tolle daran, die Wahl zu haben.

Das Leben ist so, wie wir es jeder für sich und alle zusammen machen, und Lebensqualität entsteht zu einem großen Teil aus unserem ganz alltäglichen Verhalten. Machen wir das Beste draus – wir haben die Wahl.

P.S.: Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich möchte hier keineswegs relativieren, daß es erhebliche Probleme gibt, die nur politisch lösbar sind. Ob es die bürokratischen Hürden sind, die den Existenzgründern in den Weg gestellt werden, oder die behördlichen Schickanen, denen sich Harzt-IV-Empfänger ausgesetzt sehen; ob es um Pflege oder Sicherheit, um Rente oder soziale Gerechtigkeit geht – all das sind bedeutende Themen, die schwer auf vielen Menschen lasten und fraglos in der Verantwortung derer liegen, die sich als Vertreter des Volkes in Ämter und Würden haben wählen lassen. Und deren Versagen allzu oft beschämend ist.

Sonntag, 20. August 2017

Ein Moment

Die Entscheidung, ob ich zahle und gehe... oder mir ein weiteres Glas Wein bestelle... spannend und wehmütig-beglückend, wovon ich sie gerade abhängig mache.

Es ist Sonntag. Ich war in der Kirche, habe eine Lesung gehört, die unseren Herrn Jesus als ausgesprochenen Rassisten ausweist, und eine Predigt, die diese Entgleisung sehr befriedigend erklärt hat, und nun sitze ich in jenem Schwabinger Lokal, das einst mein liebstes war, und nun, nach Geschäftsaufgabe und Neueröffnung zur Systemgastronomie entcharmt, nur noch sehr gelegentlich und allenfalls des hübschen Gartens wegen von mir aufgesucht wird.

Am Nebentisch sitzt eine Großfamilie, die ebenfalls in der Kirche war, junge Eltern dreier Kinder, dazu eine Cousine und eine Schwester des Vaters nebst Ehemännern und jeweils eigenen Kindern, zudem die dazugehörige Großmutter, und die ganze Sippe, nun ja, "paßt" zu mir, nicht nur des sehr klassischen Familienbildes wegen, in dem ich aufgewachsen bin und das mir nach wie vor Halt und Maßstab in allen Lebenslagen ist, sondern auch um der liebenswert konservativen Erscheinung willen, die sich durch sämtliche Generationen zieht, so mit Bayernjanker, Corpskacheln, Kleidchen und Tweedjacken, und die einer selbstgewissen Fröhlichkeit dennoch keinerlei Abbruch tut. Und so sitze ich am Nebentische, lausche den "typischen" Gesprächen, erfreue mich an den "typischen" Anblicken und lasse mich innerlich aufnehmen in diese Familie hier in Schwabing, so schrecklich fern von meiner eigenen Familie... 

Die Kinder spielen, die Erwachsenen bestellen sich eine nächste Runde Kaffee, und tatsächlich ist es dieses Verharren, diese ungebundene Zeitlosigkeit im Kreise der Liebsten, die mich vertraut-wohlig ansteckt und schließlich doch verweilen läßt, und statt zu zahlen und die wenigen Schritte nach Hause zu gehen, ordere auch ich mir Nachschub. 

Der Wein ist recht gut, ein Riesling aus meiner Heimat, und mit ihm durchströmt mich ein Gefühl tiefer Dankbarkeit, Dankbarkeit für die Ewigkeitsgarantie meiner Werte, meiner Herkunft und meines Verständnisses von Familie und Gemeinschaft und für den bedingungslosen Rückhalt, auf den ich immer werde zählen können. Und für einen Moment fühlt sich die bayerische Sonne fast an wie die (ansonsten ganz unvergleichliche) rheinische.

Sonntag, 13. August 2017

Keine Mauern

Überall scheint sie um sich zu greifen, die Sehnsucht nach dem behüteten Leben, der Ordnung und den überschaubaren, verständlichen und einfachen Verhältnissen, in denen der Staat sich um alles kümmert und die Homogenität der Gesellschaft die Konflikte klein und privat hält. Besonders im Osten richtet sich der Blick oft träumerisch zurück in die Zeit der "DDR", in der es viele der nach 1990 und erstrecht heute bestehenden Probleme scheinbar nicht gab.

Doch dürfen wir nie vergessen, daß dieser Staat ein Unrechtsstaat war, der seine Bürger einsperrte, bespitzelte und verfolgte, der willkürlich und politischen Vorgaben folgend Recht sprach und eigene Meinungen bei Strafe verbot, wenn sie nicht im Sinne des Regimes waren; ein Staat, der das Land völlig heruntergewirtschaftet hat, die wunderschönen Städte verfallen ließ und die Menschen in billige Plattenbauten pferchte, während seine Repräsentanten schamlos ihre Privilegien genossen.

Heute ist der 56. Jahrestag des Mauerbaus, und so sehr auch ich die Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit verstehen kann, möchte ich in einem autoritären, menschenverachtenden Staat wie der "DDR" nicht leben müssen und bin dankbar für die friedliche Revolution von 1989. Wer der absoluten Regelungsmacht des Staates das Wort redet, weil ihn die Komplexität einer freien Gesellschaft überfordert, bahnt den Weg in die Tyrannei. Wer aus Protest und dem (oft genug sehr berechtigten!) Gefühl sozialer Ungerechtigkeit Parteien wählt, die auf Ausgrenzung und Haß bauen, bereitet Leid, Krieg und Elend vor.

Die Mauer ist gefallen, und wir dürfen sie nicht auferstehen lassen - nicht in unseren Köpfen, nicht in unseren Herzen und nicht innerhalb unserer Gesellschaft. Dafür sind - da herrscht hoffentlich Einigkeit - Recht und Freiheit zu wertvoll und zu groß. Wir müssen sie nicht opfern, um ihren Feinden zu trotzen, sondern ihre Grundsätze zum unverhandelbaren Maßstab dafür machen, wie wir leben wollen.

Montag, 24. Juli 2017

Dieser Tag

Meiner Frau zum Hochzeitstage auf eine Kaffeehausserviette gedichtet

Schon ganze vierundvierzig mal
war dieser Tag verstrichen,
bevor ich hier im Marmorsaal
stand, Dich zu ehelichen!

Schon vierundvierzig mal verging
der Tag wie alle andern,
und nichts verhieß mir Deinen Ring
durch's Leben mit zu wandern!

Doch seit zum fünfunvierzigsten
Mal jener Tag sich jährte,
besitzt er Glanz und Festlichkeit,
die seither ewig währte!

Nun ist er unser und wird stets
zu freudigem Gedenken
uns Anlaß sein, denn darum geht's:
Was wir uns täglich schenken.

Freitag, 14. Juli 2017

Liebe Polen - auf die Straße mit Euch!

Während wir uns im nachgipfeligen Deutschland noch in Glaubenskriegen darüber bekämpfen, ob Hamburg nun von linken Protestlern, falsch beflaggten Rechten oder unpolitischen Krawalltouristen zerlegt wurde, schafft unser Nachbarland und EU-Partner Polen mal eben die Rechtsstaatlichkeit ab. Gewaltenteilung? Das war einmal. Das Gespenst des Autoritarismus geht um in Europa, und jeder, der an die Demokratie, die Freiheit und die unbedingte Würde des Menschen glaubt, ist aufgefordert, seine Stimme gegen diese katastrophale Entwicklung zu erheben.

Liebe Polen, es ist diese Freiheit, diese Demokratie, die Ihr Euch vor 28 Jahren tapfer erkämpft habt, für die Ihr auf der Straße wart und Leib und Leben riskiert habt! Gebt sie jetzt nicht stillschweigend auf, nur weil man Euch einredet, Ihr wäret die Verlierer der Nachwendezeit, oder weil ihr vielleicht glaubt, Nationalismus und Unfreiheit seien wirksame Mittel gegen die russische Bedrohung! Ganz im Gegenteil - Putin ist nichts lieber als die Destabilisierung demokratischer Staaten und der sukzessive Verfall europäischer Werte.

Verlieren werdet Ihr also nur, wenn jetzt nichts geschieht! Und zwar so richtig. Kein autoritärer oder gar totalitärer Staat in der Menschheitsgeschichte hat jemals etwas Gutes gebracht, das Leben verschönert oder die Welt verbessert! Wie kann man nach den fatalen und fatalsten Erfahrungen gerade dieses Kontinents noch empfänglich sein für großmäuliges Nationalgepolter, Feindseligkeit, Ausgrenzung, Unterdrückung, Unfreiheit und Haß? Es bleibt unbegreiflich.

Liebe Polen - auf die Straße mit Euch! Alle Demokraten unseres wundervollen gemeinsamen Kontinents stehen hinter Euch!
Liebe Bundesregierung - wirf den diplomatischen Motor an! Fahre die ganze Macht europäischer Einigkeit auf! Eine solche Entwicklung darf nicht unwidersprochen bleiben und muß für die polnische Regierungspartei empfindliche Konsequenzen haben!
Liebe Alle - helft mit, die Freiheit zu erhalten! Verteidigt sie, lebt sie, verbessert sie! Tragt die Demokratie in Euren Herzen, tragt sie in den Alltag und erhebt sie zur Identität!

Noch ist Polen nicht verloren. Aber es braucht gerade dringender denn je den Geist von 1989.

Donnerstag, 13. Juli 2017

Plädoyer für das Leiken

Immer schon hat die sich deutsche Sprache fremdländische Worte zueigen gemacht - und eingedeutscht. Büste, Paket und Vase stammen etwa aus dem Französischen, Schachmatt ist persisch, Zucker ist arabisch - aber all diese Lehnwörter werden ihrer Aussprache und Schreibweise nach ohne weiteres als deutsche Vokabeln wahrgenommen.

Bei den zahllosen englischen Wörtern, den sogenannten Anglizismen, die unsere Sprache durchsetzen, findet diese Eindeutschung so gut wie nie statt - obwohl das angesichts der engen Verwandtschaft beider Sprachen naheliegend wäre. Dennoch gibt es da eine merkwürdige Scheu, und so schreibt man diese Begriffe eben auch im deutschen Kontext so, wie sie auf Englisch geschrieben werden. Schlimm wird das jedoch bei den Flexionsformen, die von oft abenteuerlicher Häßlichkeit sind.

Beispiel: der "Gefällt mir"-Klick bei Facebook, das "Like". Liket man nun oder liked (Vergangenheit!) man? Noch grausiger: Man hat etwas geliked. Dabei eignet sich besonders dieses Wort seinem Klang nach so sehr für eine verdeutschte Schreibweise: Leiken! Leiken, leikte, geleikt. Ist doch toll! Als wäre es nie anders gewesen! Bei checken funktioniert es doch auch - kein Mensch sagt, er habe eingechecked.

Also, hier steht es nun - mein Plädoyer (französisch) für das Leiken (englisch). Überlegt's Euch! ;-)

Samstag, 10. Juni 2017

Ausgeträumt

oder: Die neurechte Sackgasse

Die Neue Rechte ist am Ende. Vorbei der Traum von absoluten Mehrheiten, von der großen Bewegung, dem kollektiven Erwachen und der epidemischen Ausbreitung einer völkischen Gesinnung. Verpufft das Wunschbild von der Woge einer neu gefundenen nationalen Kraft, die in ihrer atavistischen Urgewalt das ganze Volk erfaßt und das verhaßte "System" samt seiner "Altparteien" hinwegspült.

Man mag die sogenannte Dresdner Rede des thüringischen AfD-Männchens als Wendepunkt in der Entwicklung einer Partei sehen, der es mit Provokationen und Relativierungen lange gelungen ist, mediale Aufmerksamkeit zu erregen und Begriffe und Ideen, die ganz zu recht lange als tabu galten, schleichend in den Diskurs einsickern zu lassen, aber das würde der Sache - und der Gesellschaft in Deutschland - nicht gerecht.

Denn die sogenannte Neue Rechte hat sich nicht erst in Dresden verzockt. Sie hatte unterm Strich niemals eine Chance auf relevante, sprich: systemverändernde Mehrheiten. Der Wille zur Freiheit, die Lust an der Vielfalt sind im Deutschland des Jahres 2017 zu tief verwurzelt, ebenso wie die aus Vernunft und Überzeugung gezogenen Lehren einer furchtbaren Vergangenheit, die entschlossen abzulehnen weiß Gott keinerlei Schuldkomplex erfordert.

Pech für die national Bewegten und ihre angebliche schweigende Mehrheit - die tatsächliche, gigantische Mehrheit der Deutschen ist eben anständig und mag unsere Demokratie, Europa und den Pluralismus. Sie hat längst kapiert, daß eine starke Identität keine Ausgrenzung braucht, und ist gern und fröhlich deutsch, ohne haßerfüllt gegen "das Fremde" zu sein. Ganz einfach eigentlich. Alle Machtergreifungsphantasien, die die AfD je gehabt haben mag, waren daher von Anfang an feuchte Träume.

Nun zeichnet sich langsam auch in der Öffentlichkeit ein realistisches Bild ab - das Bild einer rechtsradikalen, ewig gestrigen Partei von völkischen Spinnern und bitteren Demagogen ohne ernstzunehmendes Programm und ohne Antworten auf die drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts. Nix Neues - die NPD dümpelt schon seit Jahrzehnten in diesen trüben Nebengewässern, während der Fluß des wahren Lebens an ihr vorbeirauscht.

Und so wird und soll es der AfD von nun an auch ergehen. Als relevante Kraft in der politischen Landschaft ist die Partei tot, und je klarer diese Erkenntnis wird, desto lauter, geifernder, beleidigender und aggressiver werden (wie ich gerade erst wieder selbst erfahren durfte) ihre Vertreter, Apologeten und Sympathisanten. In den Bundestag kommt sie, falls überhaupt, nur, wenn sie die Verblendung ihrer Wählerschaft irgendwie mit Ach und Krach bis September aufrecht zu erhalten vermag. Aber wahrscheinlich ist das nicht. Bis dahin wird wohl niemand mehr seine Stimme derart leichtfertig verschwenden.

Wir können diesen Haufen also getrost abhaken (wenn auch selbstverständlich im Auge behalten) und tun, was echte Patrioten eben tun: die gewaltigen Probleme angehen, offen über Mißstände reden und für unser wundervolles Land eine Zukunft gestalten, die Freiheit und Gerechtigkeit gewährleistet und tragfähige Lösungen bereithält.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Abendgedanken zur Heimat

(Soeben zurückgekehrt von einer gefühlt ewig langen, tatsächlich genau drei Tage währenden Reise an den schönen Mittelrhein. Meine Heimat.)

Heimat. Ein oft, gern, innig und widersprüchlich erörterter Begriff. Heimat - in meinem Leben fraglos etwas sehr Wichtiges. Und schon sind wir mittendrin in diesem ominösen "Für mich", in der Grundsatzfrage also: Kann allgemeingültig werden, was Heimat für mich ausmacht? Oder leite ich meine Empfindung von Heimat aus etwas Allgemeingültigem her? Heimat - für mich oder für uns?

Das Problem scheint mir in vielen diesbezüglichen Diskussionen immer wieder zu sein, daß einige der Beteiligten mehr oder minder krampfhaft versuchen, Heimat zuerst einmal kollektiv zu definieren, als objektives, identitätsstiftendes Moment für eine ganze, stillschweigend als homogen vorausgesetzte Gesellschaft, als integrative Klammer also, die über alles Persönliche hinweg ein Wir-Gefühl erzeugt und zugleich verkörpert. Ein solches Wir-Gefühl ist an sich ja nichts Verkehrtes; mir scheint nur die Stoßrichtung die falsche zu sein.

Für mich (da ham wa's!) ist Heimat zunächst etwas höchst Individuelles, ein Begriff, den ich mit meinen ganz eigenen Erinnerungen an mein Aufwachsen, meine Jugend, an Menschen und Orte, an Erlebnisse und Erfahrungen und an Familie, Wurzeln und Prägungen fülle. Meine Heimat definiert sich allein über meine Biographie. Daß es dabei verbindende Elemente mit anderen Menschen gibt, ein Zungenschlag, eine gemeinsame Schulzeit, dieselbe Luft und dasselbe Land usw., versteht sich, und ja, daraus erwächst auch ein Wir-Gefühl. Aber eben erst, wenn ich Heimat für mich ganz individuell ge- und erfunden habe und dadurch überhaupt erst in der Lage bin, den Abgleich mit ähnlichen Prägungen anderer Menschen vorzunehmen.

Zudem fällt mir eine verbindliche Deutung des Heimatbegriffs auch deshalb schwer, weil Heimat, abgesehen davon, daß sie sich nicht nur geographisch, sondern auch temporal fassen läßt (aber dazu später), immer größer wird, je weiter ich mich von ihr entferne: In meiner Heimatstadt Koblenz ist es die südliche Vorstadt, in Bayern oder an der Nordsee ist es das Mittelrheintal, in Wien ist es Deutschland und in den USA Europa. Und reiste ich zu den Klingonen, wäre eben die Erde meine Heimat.

Nur - wenn ich schon nicht eindeutig sagen kann, was ich unter welchen Umständen inwieweit als Heimat empfinde, wie soll ein solches Unterfangen dann, wie aus gewissen Ecken so vehement gefordert, für ganz Deutschland, für eine Gesellschaft also von 82 Millionen Menschen gelingen?

Überhaupt Deutschland. Meine Heimat, fraglos, und doch von jeher eine schwierige solche, ein schwer zu greifendes Vaterland in einer schier ewigen Identitätskrise. Was ist deutsch? Ich bleibe diesbezüglich bei meinem Satz, der sich in meinem Text "Was ist so schwer am Deutschsein" (siehe meinezweipfennige.de) findet: Deutsch ist, wer deutsch sein will. (Und ja, ich will.)

Heimat, diesen höchst individuellen Begriff, mag indes ein jeder für sich selbst definieren. Allgemein verbindlich ist das eh nicht zu schaffen.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Das Kind der Dankbarkeit

Meiner Mutter zum 70. Geburtstage

Das Leben ist ein Geschenk,
sagst Du mir oft, und so ist es wohl. Deine Eltern machten es Dir aus Dankbarkeit, Dankbarkeit einem gnädigen Gotte gegenüber dafür, überhaupt noch Leben zu haben, das weitergeschenkt werden konnte nach dem mörderischen Todesrausch, der es gerade erst millionenfach vernichtet hatte. Und so gaben sie Dir, was sie noch besaßen: das Leben, aus einer Dankbarkeit heraus, die Dich bis auf den heutigen Tag trägt und ewig mit dem Urgrund verbindet, aus dem Dein Geschenk Dir zuteil wurde - dem Leben Deiner Eltern.

Das Leben ist ein Geschenk,
und Du machtest es mir. Überraschend und zu plötzlich, um es abzulehnen, außerdem zu rührend, zu schwelgerisch emporgeschöpft aus der Fülle des von Dir selbst erst kürzlich Empfangenen und in so froher Kindlichkeit mir weitergeschenkt - wie hätte ich mich ihm verweigern können? Und vielleicht lag darin bereits ein Merkmal meines eigenen Seins vorgebildet, jenes Übermaß an kindlichem Gemüte nämlich, das das Geschenk meines Lebens bis heute durchwirkt.

Das Leben ist ein Geschenk,
und da hatte ich es nun. Hell und kalt in seinen ersten Sekunden und sogleich beladen mit dem, was Eltern gern "Hoffnungen" nennen, Kinder indes meist als "Erwartungen" empfinden. Vielleicht hätte ich es nach kurzer Bedenkzeit zurückgegeben, wäre nicht von Anfang an jene Mitgift dabei gewesen, die das Geschenk überhaupt erst annehmbar machte: Du. Und mit Dir eine erwartungsfreie Garantie, ein Versprechen der Liebe und des Schutzes - ein Versprechen, in dem ich mich lange davor versteckte, mich allzu weit hinauszuwagen in die helle, kalte Welt.

Das Leben ist ein Geschenk,
und meines verbarg sich lange in Deinem. Ich war von Herzen einverstanden damit, aus Deiner Liebe, in der die Dankbarkeit Deiner Eltern nachglänzte, herausgeschöpft worden zu sein, vereinzelt in meiner Gestalt und Seele nur als Teil und Spielart des ewigen Ganges von Mehrung und Weitergabe, von Herkommen und Hingehen, so verbunden und verwandt der Grundsätzlichkeit des Lebens, daß die Richtung und die Zeit, in der ich mich, falls überhaupt, bewegte, mir fast gleichgültig wurden.

Das Leben ist ein Geschenk,
und meines sei ganz besonders. Etwas dem Allgemeinen zwar eng zugehöriges, aus diesem heraus jedoch zum Besonderen sich steigerndes sei ich, so raunte es aus der Tiefe meiner Herkunft, ja, sogar auserwählt! Und nicht obwohl, sondern gerade weil mir nie recht klar wurde, wozu eigentlich, fühlte ich mich von der für viele wurzellose, abgenabelte Leben so zentralen Aufgabe befreit, etwas zu TUN, weil ich ja schon etwas WAR, und erhielt damit eine ganz familiäre Selbstlegitimation ohne jeden Bewährungszwang, einfach der urgründigen, ewigen Quelle der Dankbarkeit und Liebe wegen, aus der Du mich in Beleihung Deines eigenen Geschenks hast erstehen lassen.

Das Leben ist ein Geschenk,
und ich bin dankbar dafür. Nicht nur für mein eigenes, das geliebt sein darf, ohne dafür etwas tun zu müssen. Sondern ganz besonders für Deines, das heute 70 Jahre währt und die Dankbarkeit, aus der es entstand, verteilt, verbreitet und vermehrt hat und nun glanzvoll und verdient zurückbekommt. Ohne Liebe wäre das Leben - zumindest meines - nicht vorstellbar, und ohne Dankbarkeit wüßte ich nicht, wie ich Dich beschreiben sollte am heutigen, Deinem 70. Geburtstage.

Das Leben ist ein Geschenk.
Und heute bin ich, wie einst Du, ein Kind der Dankbarkeit.

Dienstag, 23. Mai 2017

Traum und Wunder

„Schließe deine Augen“, haucht der Traum, „und sieh, wie schön ich bin! Ich will dich betören, dir blendende Bilder malen aus der Glut deiner Wünsche, so prachtvoll, daß du taumelst vor Wonne, und dein Geist zerfließt in Licht und Lust! Ein Paradies will ich erschaffen, dessen goldene Pforten dir einen Garten der süßesten Verheißungen eröffnen, bis alle Worte ertrunken sind in der sanft und jäh steigenden Flut des Gefühls! Komm, versenke Dich in mir! Sieh, wie meine Augen sich in sanfter Liebe weiten bei deinem Anblick, wie meine Lippen erglänzen in der Ahnung unseres Kußes - bald, sehr bald... Sieh, wie der Abend sein goldenes Licht auf den glänzenden Matten ausrollt, unsere umschlungenen Körper zum Liebesspiel zu betten. Gib dich ganz und gar mir hin und laß alles andere fahren. Was immer Du begehrst – zum Greifen nah stelle ich es Dir vor deine entzückten Augen!“

„So schön wie der Traum bin ich nicht“, wispert das Wunder, „und der Garten, den ich dir erschließe, ist nicht so prächtig wie das Paradies deiner Sehnsucht. Ich bekenne dir sogar, daß ich gar nicht weiß, wie er aussieht. Steinig, üppig, sandig oder sumpfig, fruchtbar oder dürr, wild oder geordnet... er ist ein unbekanntes Land. Ich öffne nur das Tor. Das Tor, das für immer verschlossen war, zugewuchert von Bitterkeit und Verzweiflung. Nun steht es offen. Das ist meine Tat und mein Geschenk. Du mußt selbst hindurchgehen, vielleicht kämpfen, vielleicht suchen. Vielleicht selbst ein Paradies erschaffen. Oder eines finden. Das Ungewisse ist der Preis des Echten. Denn der Traum verspricht, ich aber geschehe. Der Traum führt das Denkbare vor, ohne es je zu erfüllen. Ich aber gewähre einen einzigen Augenblick, in dem das Undenkbare zur machbaren Wirklichkeit wird. Sofern du es machst.“

„Nun wähle, Narr, und sei verloren!“ flüstert das Leben.

Mittwoch, 17. Mai 2017

Stille

Bald wird es still sein.
Nach dem einen, 
letzten, lauten Knall, 
der alles schweigen macht,
wird Dich nichts mehr stören.
Ein leises Tröpfeln vielleicht,
oder das feine Zerplatzen 
der winzigen Luftbläschen 
am Ende ihrer Reise.
Doch all das wird verstummen.
Der Fluß wird versiegen,
die Bewegung erstarren.
Und endlich wirst Du 
Deine Freiheit finden.
In der Stille.

Dienstag, 9. Mai 2017

Morgengabe

Ich schenk' Dir das Glöckchen
zu Deinem Mai.
Ich schenk' Dir das Oster-
zu Deinem Ei.
Ich schenk Dir das kriegen-wir
zu Deinem hin,
das Liebes- zum Glück
und das Neu- zum Beginn.

Ich schenk' Dir das Trauen
zu Deinem Ver-.
und dann noch das Rauschen
zu Deinem Meer.
Ich schenk' Dir die Sonne
zu Deinem Morgen,
und ich schenk' Dir das -frei
zu all Deinen Sorgen.

Das Zwitschern zum Vogel,
das schenk' ich Dir auch!
Den Tropfen zum Tau
und die Beeren zum Strauch.
Ich schenk' Dir den Bogen
zu Deinem Regen
und ein lautes Spricht-nix
zu Deinem Dagegen.

Und zu Deinem Los
schenke ich Dir den Mut!
Zu Deinem geht-nicht-so
schenk' ich Dir das gut.
Zum Traum das Erfüllen,
zum Glase den Wein.
Ich schenk' Dir zum Könnte
das ewige Sein.

Freitag, 5. Mai 2017

Geburtstagsgedanken

Meine Tochter hat heute Geburtstag. Vier Jahre wird sie alt. Sie steckt mittendrin in ihrer Kindheit, spielt und lacht, entdeckt ihre Welt und schmückt sie mit ihren Ideen und Phantasien zu einem märchenhaften Reich aus, in dem alles rein und schön und gut ist.

Sie weiß noch nichts vom Bösen in der Welt, von der Gier und Grausamkeit der Menschen, von Krieg und Tyrannei, von Hunger, Ausbeutung und Leid. Sie ahnt nichts von den dunklen Mächten, die überall Frieden und Freiheit bedrohen, von den Gefahren, denen sich unsere offene, demokratische Gesellschaft ausgesetzt sieht, und von den sozialen Problemen, die auch in unserem hochentwickelten, wohlhabenden Land immer schärfer werden.

Sie lebt in einer hellen, glücklichen Kinderwelt. Ihre Mutter sorgt mit einer schier unendlichen Geduld und Kraft für sie und gibt ihr Halt und Schutz und eine maßlose Liebe, die sich in ihren großen blauen Kinderaugen spiegelt.

Die Liebe zum eigenen Kind - eine Liebe, die alles überstrahlt, was man an Gefühlen je in sich entdeckt zu haben glaubt, und die zum Leitstern und Antrieb meines Lebens geworden ist. Manchmal bin ich traurig, daß ihre Mutter für unsere Tochter entschieden hat, sie ohne ihren Vater aufwachsen zu lassen, und für uns drei, keine "richtige" Familie sein zu dürfen. Liebe hatten wir genug, für alle, und ich habe diese Entscheidung bis heute nicht verstanden. Aber in einem sind wir Eltern uns stets einig: Jederzeit für unsere Tochter da zu sein mit allem, was wir haben und können, und unser Letztes dafür zu geben, daß es ihr gut geht. Und manchmal sogar mehr als das.

Sie ist ein glückliches Kind. Und nichts wünsche ich ihr zu ihrem Geburtstag mehr, als daß das immer so bleiben möge. Ich wünsche ihr, daß sie die Gier und Grausamkeit der Menschen niemals erfahren muß, niemals Krieg und Tyrannei erleidet, niemals Hunger, Ausbeutung und Leid erlebt. Ich wünsche ihr und uns allen, daß wir die dunklen Mächte bannen, die Gefahren abwehren und die Probleme lösen.

Und daß meine Tochter für immer ein bißchen das glückliche, lachende, spielende und mit unendlicher Liebe versorgte Kind bleibt, daß sie heute ist.

Alles Gute zum Geburtstag, meine geliebte kleine Leni!

Dienstag, 18. April 2017

Die Bewahrung des Eigenen

oder: Warum eine starke Identität nicht um ihren Bestand fürchten muß

Gestern geriet ich auf der Facebook-Seite eines AfD-Vertreters in eine Diskussion um Identität und die Bewahrung des Eigenen, und während ich noch darüber staunte, mich zu dem bildungsfernen Unfug, der da (als bedeutungsschwere Videobotschaft inszeniert, so mit Frauenkirchenkulisse und wehendem Haar) geredet wurde, überhaupt zu äußern, und mich der treudoofe Beifall des "dunkeldeutschen Publikums" (so der haarumwehte Videoautor höchstselbst) befremdete, begann das Thema, mich - nicht zum ersten Mal - zu beschäftigen.

Vom deutschen Selbsthaß war da die Sprache, und der Aufgabe des Eigenen zugunsten des Internationalen. Die Leute wollten vor lauter Herkunftsverleugnung nicht mehr Deutsche, sondern (Achtung: Empörungsmodus ein!) Menschen sein!! Warum man denn nicht mal wieder zum Kyffhäuser spaziere, die Architektur um einen herum betrachte und seinen Kindern Grimms Märchen vorlese und so. Das war in etwa das Niveau.

Besonders seltsam kommt mir immer vor, wie schwach man die eigene Identität finden muß, wenn man sie schon durch ein paar internationale Einflüsse bedroht sieht. Abgesehen davon, daß die "deutsche Kultur" immer, wirklich immer durch äußere Einflüsse verändert und ergänzt, bereichert und machmal auch radikal umgekrempelt wurde (siehe etwa die Christianisierung Germaniens oder die Verkartoffelung der preußischen Landwirtschaft), fühle ich mich durch eine weltoffene Einstellung weder in meiner seit 800 Jahren belegten deutschen Herkunft, noch in meiner Rezeption von klassischer Musik, Architektur, Kunst und Geschichte auch nur im Mindesten gefährdet. Ich bin mir meines Deutschseins absolut bewußt und gewiß; dafür muß ich wahrlich nicht (ausgerechnet!) zum Kyffhäuser-Denkmal rennen. Eben dieses aus meiner Kenntnis der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte erwachsenden Bewußtseins wegen leuchtet mir die "Argumentation" des Frauenkirchenkulissenregisseurs nicht ein, die bereits daran scheitert, das Eigene, das "Deutsche" als ein ebenso statisches wie homogenes Phänomen vorauszusetzen.

Und auch dieser ständig behauptete Selbsthaß ist meines Erachtens ein Pappkamerad. So gut wie niemand empfindet ihn wirklich; das winzige Häufchen versprengter Möchtegernrevoluzzer, das so dämliche Parolen wie "Nie wieder Deutschland" an Wände malt, ist doch wohl kaum repräsentativ und drückt schon gar kein allgemeines gesellschaftliches Empfinden aus. Tatsächlich fällt mir nach 10 Jahren im Ausland immer wieder auf, wie locker und selbstbewußt die allermeisten Deutschen mittlerweile mit ihrer Nationalität und deren Symbolen umgehen - sehr anders als in meiner Jugend. Und dafür muß ich hier nicht mal das Sommermärchen bemühen.

Deutschland ist traumschön und reich an Geschichte, Kultur und Tradition, keine Frage. Ich hasse und verleugne es kein bißchen, ganz im Gegenteil: Wenn ich von Wien nach Hause an den Mittelrhein fahre, wird mir spätestens bei Bingen fast schwindlig vor Heimatliebe und Zugehörigkeit. Ich spüre quasi körperlich die jahrhundertelange Verwurzelung meines Blutes in dieser Landschaft, und fühle mich zutiefst durchdrungen von diesem Stück deutscher Seele, und auch den Rest meines Vaterlandes kenne ich durch meine Reisen ziemlich gut.

Aber gerade dieses innige Empfinden von Identität rüstet und stärkt mich gegen jede Angst, internationale Einflüsse könnten mir da etwas verwässern. Wie sollten sie? Allenfalls vermehren sie die Farben und Blüten am deutschen Lebensbaum - seine Wurzeln sind stark genug, sie mitzutragen! Bei mir jedenfalls.

Sonntag, 16. April 2017

Wie Jesus mein Leben ruinierte

Irgendwann war er da, dieser Jesus, angekommen in meinem Leben durch das tiefe, wohlige Einatmen der religiösen Schwebeteilchen in der Atmosphäre meiner Herkunft, und er fand in mir einen sofortigen Bewunderer. Was für ein Mensch! Mutig und unbeirrbar, charismatisch und wundertätig, und dabei doch nie getrieben von Geltungssucht und Eigennutz, sondern einfach nur durchglüht von Liebe und Güte allen Menschen gegenüber, sogar Feinden und Sündern. Nie setzte er seine revolutionären Lehren mit Gewalt, Herabsetzung, Macht oder List durch, sondern war allein durch die Kraft seiner Worte und die Güte seiner Taten zutiefst überzeugend.

Der Glaube an den Frieden, der nur möglich wird, wo er reinsten Herzens gewollt ist, setzte sich früh in mir fest, und die Überwindung der Grobheit, des Streites und Wettbewerbs, des eigennützigen Gierens nach Vorteilen, Macht und Herrschaft durch Bescheidenheit, Verzicht, Gemeinschaft und Güte schien mir (und scheint mir bis heute) die höchste Entwicklungsstufe zu sein, die der Mensch zu erreichen vermag. Wie schlicht kamen mir dagegen die Menschen vor, die das Leben als Kampf sahen, wie allzu sehr von dieser Welt, wie viehisch gar die Gestalten, die stumpfen Sinnes stets die Besten und Stärksten sein wollten und in ihren tumben Triumphen Befriedigung suchten.

So wollte ich nicht sein. Ich wollte es lieber wie Jesus machen und Güte walten lassen, auch wenn es mir Nachteile brächte. Sich durchsetzen, stark sein, etwas gelten, Leistung, Anerkennung - diese Begriffe wurden mir zu widerwärtigen Vokabeln niederer, selbstsüchtiger Lebensentwürfe, die ewigen Wettstreit, Eifersucht und Ehrgeiz erzeugten, eine Systematik von Über- und Unterlegenheit schufen und damit nichts als Unfrieden in die Welt brachten.

In meiner Überzeugung, mit meiner Wahl richtig zu liegen, wurde ich lustigerweise noch bestärkt durch so fulminante Filme wie "König der Könige" oder "Quo vadis?", die meine Kenntnis der Bibelgeschichten mit einer pathetischen Begeisterung aufluden. In diesen Werken wuchs, was etwa mein Großvater mir in bescheidener Eindringlichkeit vermittelt hatte, zur monumentalen Bestätigung heran: Wie sehr identifizierte ich mich mit diesem Johannes, der in schmutzigen Lumpen die Taufe spendete und doch über das eitle Prunkgehabe des Herodes Antipas so meilenweit erhaben war; wie innig verband ich mich mit Jesus, den die weltliche Macht zu brechen glaubte, weil sie nicht verstand, wie bedeutungslos ihre Werte in den Augen seiner allmächtigen Liebe waren; und wie leidenschaftlich wurde ich eins mit den Christen, die in der Arena zur Erheiterung eines herzensdummen Weltmachtpöbels (ganz gleich ob in der Kaiserloge oder auf den einfachen Zuschauerrängen) den Löwen vorgeworfen wurden - und dabei sangen, weil sie sich ihrer Unbesiegbarkeit jenseits aller irdischen Machtverhältnisse so ungemein bewußt waren.

Und so verweigerte ich mich jeder Lebensgrobheit, haßte Noten, Zeugnisse und die Bundesjugendspiele, ballte nicht mal im Gehen die Hände zu Fäusten, weil mir diese Geste, auch wenn sie nur der Kälte geschuldet war, zu aggressiv, zu verwandt der Körpersprache jener rauhen Naturen schien, denen ich mit reiner Güte zu begegnen trachtete. Ein warmes Mitgefühl durchströmte mich, eine hochsensible Abneigung dagegen, jemanden schlecht aussehen zu lassen oder ihm einen Nachteil zuzufügen. Christ, ja mehr noch: ein Jünger Jesu zu sein, erfüllte mich mit einem trotzigen Stolz, der mich über die niederen Kämpfe des Lebens erhob und mir die Gewißheit gab, am Ende doch auf der Siegerseite zu stehen.

Diese Gewißheit erfüllt mich heute noch, und so stolz ich einerseits auf diese Entwicklungsstufe bin, so verheerend wirkt sie sich zuweilen im existenziellen Alltag aus. Denn die Mehrheit der Menschen folgt nun einmal eher evolutionären als göttlichen Mechanismen, und die Gesellschaft definiert immer noch die egoistischsten und rücksichtslosesten Vertreter der Spezies als "Gewinner", die eben nichts als ihre Interessen im Sinn haben, darin sogar echohaft bestätigt werden und so die Maßstäblichkeit weltlichen Erfolgs dynamisch am Leben erhalten.

Diesen ewigen Kampf nicht aus Schwäche oder Feigheit (wie gern behauptet wird), sondern aus Güte und Gleichmut immer wieder zu ignorieren, mag zwar eine gewisse moralische Befriedigung bergen, zeitigt aber auch ein häufiges "Verlieren" oder zumindest Hintanstehen. Wenn im Supermarkt endlich die zweite Kasse geöffnet wird, fehlt mir jeder Impuls, als erster hinzustürmen und den Zeitvorteil einzuheimsen; ich überlasse es im Gegenteil mit gütiger Freude jenen Menschen, die darin einen tatsächlichen Gewinn sehen. Am überfüllten Tresen warte ich länger als jeder andere auf mein Getränk, weil mir der Drang zum Drängeln fehlt, und wo es im Geschäftsleben darum geht, dreist und eigensüchtig seinen Vorteil zu sichern, ziehe ich oft den Kürzeren. Mir ist das alles zu banal, zu stumpf, zu diesseitig und zu nutzlos, und tief, sehr tief hat sich die Botschaft Jesu bei mir eingebrannt, im Zweifel auch die andere Wange hinzuhalten, Seligkeit in der Sanftmut zu finden und wie die Lilien auf dem Felde darauf zu vertrauen, daß mich mein himmlischer Vater ja doch ernährt. Was er tatsächlich tut.

Die Teilnahme am Dasein, so wie es nun mal ist mit all seinen viehischen Trieben und evolutionären Impulsen, hat mir Jesus mit seinem liebestrunkenem Hippietum gründlich verdorben. Seine Lehre wirkt sich auf mein Leben als erhebliche Erschwernis aus, weil mir (mangels Sinnerkennung) jeder Antrieb fehlt, die allzu weltlichen und irgendwie sogar sündhaften Regeln des "Gewinnens" und "Aufsteigens" zu befolgen. Nicht ganz einfach, nur durch Qualität und ein integeres Wesen zu überzeugen. Aber machbar. Und im Herzensgrunde wollte ich es, allen Schwierigkeiten zum Trotze, auch gar nicht anders haben.

Dienstag, 11. April 2017

Der Haß aufs Relative

oder: deutsche Debattenkultur 2017

Wenn man sich schreibend hinauswagt in die Öffentlichkeit und in Worte kleidet, woran man glaubt und was man sich wünscht, dann muß man mit Widerspruch rechnen. Und das ist auch gut so: Zweck einer Meinungsäußerung ist ja nicht der Applaus, sondern die Debatte, das gegenseitige Verstehen von Bedürfnissen, Antrieben und Handlungsmotiven, und auf dieser Basis vielleicht sogar eine Lösung, mit der alle leben können. Denn zusammen leben müssen wir ja nun mal.

Die Realität, die ich im täglichen Widerspruch erfahre, sieht indes anders aus. Verständigung scheint für manche gar nicht erstrebenswert. Erst kürzlich erklärte man mir, ich sei indifferent, weil ich mir (einem moralischen Imperativ folgend) immer beide Seiten anhöre; ich surfe glatt zwischen allen Stühlen, stellte mich mit allen gut und vermiede eine eigene Position. Diese Ignoranz, diese Harmonie-Chose sei das Gegenteil von wahrer Toleranz und nachgerade unlauter.

Mein Einwand, daß ich einen Standpunkt ja nur aus der Kenntnis und Analyse aller möglichen Meinungen und der diskursiven Auseinandersetzung mit anderen Betrachtungsweisen entwickeln könne und im Übrigen einfach neugierig darauf sei, wie und warum Menschen zu bestimmten Ansicht gelangten, wurde als fürchterliches Geschwätz bezeichnet. Je nun.

Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, daß im Zeitalter der wütenden Meinungsschlachten insbesondere auf Facebook eine differenzierte Betrachtung, ein vorsichtiges Verstehen und Beleuchten bei bestimmten Leuten regelrechten Haß auslöst. Nur noch das Absolute gilt als „klar“ und stark. Das Relative, das nicht in polternder Selbstsicherheit daherkommt und alles andere plattwalzt, sondern sich Zweifel, Thesen, Perspektivenwechsel und die Integration verschiedener Aspekte ins eigene Ergebnis erlaubt, wird angefeindet und beschimpft.

Da ist es also wieder, das Stammhirndenken, das nur totale Antworten kennt, den Kompromiß verachtet und nicht den Diskurs, sondern den Existenzkampf sucht. Ich werde nicht müde, diese Reanimalisierung des Menschen anzuprangern, denn das Viehisch-Absolute, der brutale Darwinismus des Stärkeren hat der Welt nichts Gutes zu bieten. Schon gar nichts, womit alle leben können. Und zusammen leben müssen wir ja nun mal.

Montag, 27. März 2017

Europa - eine Grundsatzentscheidung

Europa reitet wieder. Auf dem Rücken des Stieres rast sie in wildem Galopp geradewegs auf den Ozean zu. Doch diesmal ist das Ziel nicht eine Insel der Liebe. Diesmal lockt die Verführung des mächtigen Bullen zum Untergang im dunkelheißen Rausch zerstörerischer Lust.

Eine Malerin schrieb mich neulich an. Sie lese regelmäßig meine Texte und wolle nun meine Gedanken zum Thema "Europa" in Bildkunst umsetzen. Ob wir uns zu einem Interview treffen könnten. Ich sagte natürlich zu. Und machte mir Gedanken.

Das wohl bekannteste Bildmotiv stellt Europa als eine Frau dar, die von einem wilden, starken Tier verführt wird. Der Stier ist zwar eigentlich ein Gott, aber er zeigt, wie leicht der zu apollinischer Schönheit gereifte Mensch durch das dionysisch-animalische Urwesen verlockt und verführt werden kann. Damit ist ein Gegensatz skizziert, anhand dessen sich viele derzeitige Entwicklungen und Veränderungen in Europa nachvollziehen lassen: Vernunft vs. Instinkt, Humanismus vs. Animalismus.

Europa als humanistisches Friedensprojekt

Europa* ist das fulminanteste Einigungsprojekt der Menschheitsgeschichte. Es war Konsequenz und Lehre aus dem furchtbarsten Blutbad, das die Welt je gesehen hatte, und basiert auf einem tief in der europäischen Geistesgeschichte verwurzelten Humanismus. Der Grundgedanke des einigen Europas ist: Konfliktvermeidung durch Gemeinsamkeit, Wohlstand durch Freihandel, Sicherheit durch Einigkeit.

Frieden, Freiheit und Demokratie gründen also auf der humanistischen Vernunft und setzen die Fähigkeit und den Willen voraus, evolutionär verankerte, gleichsam naturgesetzliche Verhaltensmuster, die immer noch in unserem Stammhirn veranlagt sind, bewußt zu überwinden. Die Grundwerte der europäischen Einigung fungieren mithin als einzig wirksame Heilmittel gegen Tyrannei, Haß und Krieg.

Das Tier in uns oder: Die Urangst vor der Freiheit

Aber Freiheit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung - Privilegien also, die wir eigentlich schätzen und genießen sollten - machen das Leben auch komplex und überfordern viele. Daraus erwächst eine erhebliche Verunsicherung und Haltlosigkeit, eine atavistische Sehnsucht nach Führung, Orientierung und Eindeutigkeit, nach Verbindlichkeit und einer simplen kategorischen Einteilung in Zugehörigkeit und Fremdheit, die das Leben überschaubar und gefühlte Bedrohungen leicht identifizierbar macht. Folge: Das evolutionäre Backup des Menschen, sein Stammhirn nämlich fährt hoch und gewinnt die Hoheit über Meinungsbildung und Verhalten.

Populistische Parteien bedienen genau diese emotionale Bedarfslücke, die die reine Vernunft öffnet. Sie appellieren an den Herdentrieb der Menschen und machen sich eben jene Stammhirnreflexe zunutze, die die europäische Einigung zu überwinden hoffte: ein tiefes Mißtrauen gegenüber allem Artfremden, Imponier- und Balzgehabe sowie Revierkämpfe, die auch beim scheinbar so entwickelten homo sapiens noch einen Großteil der Reaktionen steuern. Dabei verwenden die Demagogen sogar explizit biologistische Argumente, sprechen von "Ausbreitungstypen" und "evolutionären Chancen", "Kulturkämpfen" und "Volkskörpern" - man mache sich das klar: Sie reduzieren ihre Klientel auf animalische Grundeigenschaften, und die findet das auch noch gut und fühlt sich endlich verstanden! Europa, so scheint es, hat sich seinem inneren Stier ergeben. In wildem Galopp reißt er es dem Untergang entgegen. Das globale Aufkeimen von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit zeigt nicht mehr und nicht weniger als eine Rückbesinnung vieler mit dem Humanismus überforderter Köpfe auf ihr tierisches Erbe, das Stärke und Halt im homogenen Kollektiv verspricht. Und es beginnt die gefährliche Reanimalisierung des Menschen.

Der Humanismus - das wahre Wesen Europas

Aber: Der Mensch ist mehr als seine Urinstinkte; der Kopf enthält mehr als nur ein Stammhirn. Und Europa ist eben mehr als Stämme und Nationen, die sich beäugen, abgrenzen und zu dominieren versuchen. Der Mensch besitzt Vernunft, Geist und Bewußtsein. Und er besitzt Europa als politische und wirtschaftliche Einheit, die der kulturellen Vielfalt, der Heimatliebe und sogar der vielbeschworenen nationalen Identität keinerlei Abbruch tut.

Europa steht vor einer Grundsatzentscheidung: Vernunft und Humanismus, Frieden, Freiheit und eine gemeinsame Demokratie, oder Rückfall in Ressentiments, Abgrenzung, Gewalt und Tyrannei, Leid, Krieg und Elend, wie sie schon immer Folge blinden Herdentriebs waren. Sich diesmal nicht vom Stier zu rauschhaftem Untergang verführen zu lassen, sondern als aufgeklärte Menschen gemeinsam unseren Weg zu gehen und eine lebenswerte Zukunft zu gestalten, sollte jedem Europäer Aufgabe, Pflicht und Freude sein.


* Bei der Interviewanfrage ging es explizit um Europa im Sinne der europäischen Einigung nach 1945. Ich setze also das geographisch-historisch-kontinentale Europa und die politischen Bündnisse EWG, EAG, EG und EU keineswegs gleich, verzichte aber hier bewußt auf eine Differenzierung, weil Europa als Begriff für mich mittlerweile ohne seinen politischen und wirtschaftlichen Einigungsprozeß nicht mehr vorstellbar ist. Natürlich ließe sich darüber trefflich debattieren; es ist indes nicht Gegenstand dieser Betrachtungen. Ebenso geht es hier nicht um die unbestreitbare Tatsache, daß das institutionelle Europa erhebliche Reformen und Verbesserungen braucht - Stichworte mehr Demokratie, mehr Transparenz, mehr Bürgerbeteiligung und eine gerechtere Lastenverteilung. Alles ganz klar. Aber hier soll über eine Grundidee, ein Ideal reflektiert werden, und darüber, was wir alle tun können, um es zu erreichen.

Dienstag, 14. März 2017

Ahnung von Armut

Eine Momentaufnahme

Ich sitze in einem Vortrag. Ein junger Doktorand aus Burkina Faso berichtet über die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in seinem Heimatland. Bei einem Durchschnittslohn von 74 US-Dollar im Monat führt dort kaum jemand ein üppiges Leben. Die große Mehrheit der Bevölkerung muß mit etwa einem Dollar pro Tag und Person auskommen. Hunger sei kein ständiges, aber ein regelmäßiges Problem, erzählt der Doktorand.

Hunger habe ich auch.

Es ist Fastenzeit, und ich praktiziere sie, indem ich nur alle zwei Tage esse. Das macht mir nicht viel aus; es tut mir sogar gut. Aber jetzt hat sich mein Tischnachbar ein paar Nürnberger mit Sauerkraut und drei Stückchen Brot bestellt, und der würzige Duft der leicht angebrannten, saftigen Bratwürstchen löst Heißhunger bei mir aus. Der Doktorand beschreibt gerade eine Dürre im Norden seines Landes, die eine Hungersnot verursacht habe.

Mir knurrt der Magen.

Der Tischnachbar ist fertig mit Essen. Achtlos hat er die zerknüllte rote Papierserviette auf den Teller geworfen, auf dem er die drei Stücke Brot und ein halbes Würstchen übriggelassen hat. In meiner Gier kommen mir diese Reste wertvoller vor als Gold; das untere Brotstück hat ein wenig Bratensaft aufgesogen, und das Wurststück riecht immer noch köstlich! Wie gern würde ich diese Überbleibsel in mich hineinschlingen, wie wundervoll würde mir jetzt gerade schmecken, was jemand anders dem Abfall überläßt! Fünf Prozent der Bevölkerung besäßen weit über 80 Prozent der Produktionsmittel und des Vermögens, führt der Doktorand soeben aus.

Habe ich eigentlich Geld dabei?

Eine Sekunde bin ich in Versuchung, mir wenigstens ein Stück Brot vom Teller zu stehlen. Selbstverständlich verkneife ich es mir. Ich muß keinen Hunger haben, wenn ich nicht will. Ich könnte mir auch selbst ein paar Nürnberger bestellen. Aber dieser kurze Moment der Versuchung, die innige Verlockung des halben Würstchens und die Vorstellung von den süßen Wonnen seines Verzehrs haben mir gezeigt, wie begehrenswert, wie groß und wertvoll für den einen sein kann, was der andere verschmäht.

Erstaunlich. Ein bißchen beschämend.

Der Doktorand ist fertig; das Publikum applaudiert. Ich ebenfalls. Heute habe ich nicht nur ein paar Zahlen und Fakten über ein mir völlig unbekanntes Land gelernt. Sondern auch, wie achtsam, wie bewußt und respektvoll wir mit dem umgehen sollten, was wir haben, und was uns allzu oft selbstverständlich erscheint. Ich habe gelernt, wie sich Hunger im Angesicht des Überflusses anfühlt, und daß wir alle mehr teilen und weniger wollen sollten. Denn nur darin liegt eine echte Chance auf Glück und Zufriedenheit für alle Menschen auf dieser unglaublich wundervollen, vielfältigen Welt.

Samstag, 11. März 2017

Danke, Deutschland!

Mit ein wenig Optimismus könnte man meinen, der neurechte Spuk geht zu Ende. Deutschlands "letzte evolutionäre Chance" vermasselt gerade ihre solchen - ausgerechnet mit dem bislang durchaus bewährten Spiel von Provokation und Beschwichtigung, von vorpreschen und zurückpaddeln hat man sich spätestens seit der sogenannten "Dresdner Rede" gründlich verzockt. Die Umfragewerte der AfD sinken; spürbare Leistung in den Parlamenten erbringt die Partei eh nicht, und nun offenbart sie sich obendrein immer deutlicher als völkisch-nationalistischer Haufen von Rechtsextremisten.

Mit ein wenig Optimismus also sieht man die ach so mächtige Bewegung maskulin-deutschen Stolzes in die Bedeutungslosigkeit abdriften, so wie es vor ihr bereits die Reps, die DVU und auch die NPD erlebt haben, ein kümmerliches Krüstchen ideologisch aufgeladener Minderwertigkeitskomplexe am rechten Rand des politischen Spektrums.

Mir zeigt das vor allem eins: Die so hartnäckig penetrierte bürgerliche Mitte, in der man die "schweigende Mehrheit" zu erobern suchte, fühlt sich durch die ständigen Entgleisungen und den daraus entstandenen Richtungsstreit (der kaum mehr ist als weiteres Tarnen und Täuschen) abgestoßen. So richtig nazi funktioniert in Deutschland eben doch nicht; die Mehrheit - und zwar die echte - möchte unsere Demokratie, unsere Freiheit und die offene Gesellschaft nicht aufgeben.

Das macht mich sehr froh, und ich bin stolz auf dieses Deutschland! Die Gesellschaft ist eben doch stark genug, sich nicht von ein paar Demagogen für dumm verkaufen und zu zerstörerischen Ideologien verführen zu lassen - und dafür sage ich: Danke, Deutschland!

Natürlich ist das Problem der Verrohung, des Rassismus, der Radikalisierung und der Demokratiefeindlichkeit noch lange nicht gelöst, ganz zu schweigen von den immensen politischen Herausforderungen, die noch vor uns liegen. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit glaube ich wieder daran, daß wir diesen Unfug überwinden und als Gemeinschaft das festhalten und verteidigen können, was unser Land in den letzten 70 Jahren so großartig gemacht hat - Freiheit, Demokratie, Offenheit, Pluralität.

Wie gesagt - mit ein wenig Optimismus!

Montag, 27. Februar 2017

Unn dat wor et dann.

Als organisierte Lustigkeit wird er oft gescholten, als gezwungen kollektiver Frohsinn, als alljährliches Ausufern verklemmter Biederkeit - der Karneval. Einmal im Jahr darf sich auch der Spießer in seiner Maske Großmannsattitüden und Anzüglichkeiten erlauben, die seinem am Gelegenheitsmangel verebbten Triebleben ein winziges Ventilchen öffnen. Einmal im Jahr fallen die Grenzen des Alltags; die Hierarchien verschwimmen, und plötzlich wird der Langweiler zum Abenteurer und der Biedermann zum Piraten. Und wenn im Morgennebel die am kotzefeuchten Boden festgetretenen Konfetti von dröhnenden Kehrmaschinen aufgekratzt werden, verschwinden die roten Nasen aus den Gesichtern, und jeder nimmt brav und verkatert sein mediokres Lebensplätzchen wieder ein.

So könnte man es sehen. Und so ist es natürlich auch. Aber muß man immer alles derart übermoralisieren? Letztlich ist öffentlicher Spaß immer organisiert - ob beim Weinfest, auf der Kirmes, im Club oder beim Sportevent. Warum wird das beim Karneval so besonders betont?

Gewiß, der Humor ist platt, die Kostüme sind meist ziemlich bescheuert, die Garden nehmen sich lachhaft wichtig und die Manieren sinken hier und da auf ein viehisches Niveau. Dennoch habe ich dieses Jahr - zum ersten Mal seit langer Zeit - den Rosenmontagszug in meiner Heimatstadt Koblenz am Rhein sehr genossen. In der "organisierten Lustigkeit" zeigen sich auch gelebte Tradition, soziales Engagement, Gemeinschaftssinn, Integration und eine simple, aber humorige Meinungsäußerung. Und das sind gute Dinge, bei denen intellektueller Dünkel nur nervt. Der Karneval steht damit auch für alles, was unsere Gesellschaft liebenswert macht: Freiheit, Weltoffenheit, ein fröhliches Miteinander und Einsatzfreude.

Für ein paar Tage ist die Welt ein bißchen weniger dunkel, ein bißchen bunter und sorgloser. Und wenn die Konfetti zerstoben, die Luftschlangen zerfleddert und die Bierpfützen getrocknet sind und die Fastenzeit beginnt, dann wirken diese Werte nach, sickern in den Alltag und machen das Leben auch jenseits der roten Nasen vielleicht ein bißchen besser.

Samstag, 18. Februar 2017

Mein Museum

Ich gehe gern in mein Museum. Nicht jeden Tag, aber immer wieder. Alle Exponate darin pflege ich mit Sorgfalt. Auch die häßlichen. Auch die gefährlichen. Immer wieder rät man mir, die scharfen Kanten abzudecken oder die besonders unschönen Stücke ins Magazin zu stellen - man müsse sich doch nicht der anhaltenden Verletzungsgefahr oder dem scheußlichen Anblick aussetzen. Es seien schließlich Museumsstücke, vergangen, erledigt, nicht mehr in Gebrauch; sie dürften nicht mehr wehtun oder häßliche Anblicke bieten. Aber ich lehne das ab. Jeder Gegenstand in meinem Museum ist Teil meines Weges, und jeder darf und soll beim Betrachten genau das hervorrufen, wofür er einst stand. Denn das ist mein Leben.

Das Schöne an meinem Museum ist, daß es zu fast jedem Ausstellungsstück irgenwo, bei irgendeinem Menschen auf der Welt ein Gegenstück gibt. Das erst macht meine Sammlung so wertvoll. Manche dieser Gegenstücke sehen fast identisch aus wie meine, manche auch komplett anders. Vielleicht liegt es an der Perspektive, vielleicht an der Beleuchtung. Vielleicht aber auch an der Pflege.

Wie gesagt - meine Stücke pflege ich mit Hingabe, um sie im Originalzustand zu halten. Es gibt aber Menschen, die verändern ihre Sammlung im Nachhinein, zerstören einzelne Exponate, verstecken sie oder entstellen sie so sehr, daß sie häßlich werden und eine ganz andere Geschichte erzählen als das jeweilige Gegenstück in meinem Museum. Ein Beispiel:

Eine der schönsten Skulpturen, die ich besitze, zeigt ein tanzendes Paar, einander glücklich anlächelnd, lustige Gesichter schneidend und allerlei Unsinn machend. Es geht ihnen gut; sie verstehen sich, und ihr Tanz, obwohl feierlich und formvollendet, scheint einen ironischen, künstlerischen Abstand zum festlichen Rahmen zu wahren. Ein Meisterwerk von Liebe und Schönheit, Leichtigkeit und Freude. 

Das Gegenstück dazu, das bei einem anderen Menschen im Museum steht, sah urprünglich genau so aus. Aber die Kuratorin hat die Skulptur verändert und zu einer grotesken Farce entstellt. Den Kopf des tanzenden Mannes hat sie abgebrochen und durch ein dreckig grinsendes Wurstende ersetzt; seine Brust ist nun angeberisch geschwollen, und die liebevolle Geste, mit der er seinen Arm sanft und schützend um ihre Taille legte, ist zu einem brutalen, beherrschenden Klammergriff übersteigert. Das ehemals strahlende, fröhliche Gesicht der tanzenden Frau hat nun einen leidvollen Ausdruck; ihr Kopf ist von ihm abgewandt und scheint sehnsuchtsvoll in die Ferne zu blicken. Und die Kuratorin ist sehr stolz auf diese Veränderungen. "So paßt es viel besser", sagt sie, "denn diese Schönheit gab es nie." 

Ich habe das Bedürfnis, im Museum herumzulaufen und die vielen wundervolllen Gegenstände darin zu entstellen oder gar zu zerstören, nie verstanden. Mir sind sie dafür viel zu kostbar, auch wenn auf viele schöne Stücke manchmal aus derselben Quelle ein paar sehr häßliche oder gefährliche folgen. Aber so ist das eben mit dem Sammeln.

Übrigens: Von jedem Exponat in meinem Museum mache ich eine sorgfältige Kopie und hebe sie auf. Vielleicht möchte ja irgendwann irgendjemand von irgendeinem entstellten, zerstörten oder verlorenen Stück die Ursprungsversion wiederhaben. Denn wo das Schöne häßlich gemacht wird, bleibt am Ende nur Häßliches. Und das kann niemand wollen. Oder ertragen. 

Wenn also jemand die Schönheit wiederhaben will, dann werde ich sie in die Bläschenfolie wickeln und mit Freuden übergeben. Und immer, wenn man so ein Bläschen zerplatzen läßt, entströmt ihm nichts als der Duft von Liebe.

Samstag, 11. Februar 2017

Identität - viel zitiert, wenig gelebt

Die "Landshut", jene Lufthansa-Maschine also, die 1977 von palästinensischen Terroristen entführt und durch die GSG9 befreit wurde, droht in Südamerika verschrottet zu werden. Ein paar Politiker machen sich für einen Ankauf und den Erhalt des Wracks stark.

Ich befürworte das. Überall und immer wieder ist in diesen Tagen von Identität die Rede, kontextuell zumeist verbunden mit der Angst um ihren Verlust durch eine angebliche "Überfremdung". Aber Identität kann man nicht nur behaupten und einfordern. Man muß sie erst mal für sich selbst entwickeln und pflegen.

Die Bundesrepublik Deutschland, in der ich seit 1970 aufgewachsen bin, hat sich mit "Identität", zumal mit "nationaler", immer schwer getan. Zu drückend lastete die Geschichte der perversen Übersteigerung des Völkischen auf dem Land. Und so wurde der Staat vorzugsweise auf sein administratives Funktionieren und das Land auf eine politisch-geographische Einheit reduziert. Etwas Gutes oder Schönes damit zu verbinden, Errungenschaften, über die man sich freuen, ja die man vielleicht sogar mit einem gefühligen Pathos feiern könnte, oder gar Symbole für die gemeinsame freie und demokratische Gesellschaft zu etablieren, war irgendwie tabu, wenn nicht zugleich das allfällige Mindestmaß an Betroffenheit ob des Gewesenen damit verbunden war. Und so waren sogar die Feiertage stets düster und verschämt - der alte Tag der deutschen Einheit etwa oder der Volkstrauertag.

Seltsamerweise empfand man diesen Verzicht auf eine positive, integrative und affirmative Selbstdefinition als Fortschritt. Anders als etwa Amerikaner, Briten oder Franzosen hatte man ja aus der Geschichte gelernt und den patriotischen Gestus jener Länder nicht mehr nötig. Daß mit dieser Behauptung nicht nur eine Erklärungsnot übertüncht, sondern auch ein menschliches Grundbedürfnis ignoriert wurde, blieb außeracht.

Heute scheint es ein bißchen anders zu sein, aber eben nicht so viel wie man meinen möchte. Der Umgang mit nationalen Symbolen ist entspannter geworden, ja, und das Wort "deutsch" hat einen nicht mehr ganz so abwertenden Klang wie noch vor 30 Jahren. Aber auch dieses neue, sommermärchengetriebene Selbstverständnis strahlt kaum über die zweijährliche Fußballeuphorie hinaus in den Alltag hinein.

Und so entsteht ein Spannungsfeld zwischen dem natürlichen Bedürfnis nach Identität und der gelernt-verschämten Abwehr derselben. Tatsächlich hat bundesrepublikanische Identitätsbildung seit 1949 und sogar nach 1990 in so geringem Maße stattgefunden, daß es kaum Integrationspunkte gibt und fast niemand so recht weiß, was dieses Land eigentlich ausmacht.

Und genau hier könnten Symbole helfen, starke, geschichtsträchtige Träger einer demokratischen und modernen, einer "guten" Identität, die die Botschaft einer offenen, aber auch zur Selbstbehauptung fähigen Gesellschaft transportieren und greifbar machen. Die "Landshut" wäre ein solches Symbol. In der Geschichte um dieses Flugzeug hat sich ein demokratischer Rechtsstaat nicht erpressen lassen und beharrlich gegen seine terroristische Unterminierung zu wehren gewußt - gerade heute ein wichtiges Zeichen mit hoher integrativer Kraft.

Gewiß, das Ding kostet - Ankauf, Transport, Restaurierung... Und dann ergeben sich ethische Fragen wie: Kann man die Hinrichtungsstätte des tapferen Kapitäns zum Museum machen? All das wird man besprechen müssen. Aber: Wir können nicht ständig über Identität und die konstituierenden Werte dieser unserer Bundesrepublik Deutschland reden, dabei von Migranten die Integration in, ja sogar die Anpassung an unsere Gesellschaft fordern, wenn wir sie selbst nicht definieren können und vor jedem identitätsstiftenden Symbol unserer Demokratie panisch "Bloß kein deutsches Wir-Gefühl!" schreiend davonlaufen.

Deshalb bin ich für den Erhalt der "Landshut". Sie steht für ein wichtiges Stück Geschichte, für einen großen Reifesprung der jungen Bundesrepublik und für ein gutes, freies, offenes und wehrhaftes Deutschland.


Hier der Spiegel-Artikel zum Thema.

Montag, 6. Februar 2017

American Greatness

Amerika wieder groß zu machen, war das Motto und zugleich das zentrale Versprechen Donald Trumps im Präsidentschaftswahlkampf 2016, und sein Sieg ist wohl nicht zuletzt diesem einen Schlüsselwort zu verdanken: "great".

Das Bedürfnis nach Größe wurzelt tief in der menschlichen Natur: Ansehen, Besitz, Ego, Macht und Einfluß – alles muß groß sein. Und neuerdings wird auch die nationale Größe wieder populär: In ganz Europa sprießen chauvinistische Parteien aus dem politischen Bodensatz; der böse Zwerg im Kreml erträgt die Abstufung Russlands zur Regionalmacht nicht und führt sein Reich mit Krieg, Mord, Unterdrückung und Ausbeutung zu einer zweifelhaften Größe; das ewig beleidigte Komplexbündel am Bosporus will seine Türkei gar zur Weltmacht aufblasen, und für den Twitter-Süchtigen im Weißen Haus manifestiert sich der Weg zur Größe in einem rabaukenhaften "Amerika zuerst", ganz gleich, wem man dafür auf die Füße tritt, wen man unterbuttert und welche Begleitschäden man verursacht. Größe scheint wichtiger als Güte, Macht bedeutender als Menschlichkeit und Hegemonie erstrebenswerter als Hilfsbereitschaft.

Größe als Ergebnis der Vielfalt

Aber was bedeutet eigentlich Größe? Was genau macht die Größe eines Landes aus? Militärische Stärke, wirtschaftliche Kraft, politischer Einfluß – mit solchen Banalitäten wird der relativ diffuse Begriff der Größe gern gefüllt. Aber diesen Attributen fehlt die moralische Dimension; hier wird die schiere Masse zum Maßstab erhoben, während die Klasse unberücksichtigt bleibt.

Gerade im Falle der Vereinigten Staaten ist das bedauerlich. Denn Amerika ist bereits groß, schlicht und einfach, weil es den europäischen Traum von der Freiheit verwirklicht. Amerika – das ist die souveräne, kraftvolle Gewißheit, daß die Freiheit der Tyrannei überlegen ist, und daß Größe nur aus dem Reichtum der Vielfalt und aus der Freiheit, seine Chancen zu nutzen und seine Ideen einzubringen, erwächst. Dieses Amerika hat durch pure Unbeirrbarkeit die Konfrontation der Systeme im Kalten Krieg gewonnen; dieses Amerika hat über Jahrzehnte ein freies, friedliches Europa ermöglicht. Dieses Amerika hat Generationen europäischer Jugendlicher die Sehnsucht nach der Freiheit und den Soundtrack dazu geliefert. Dieses Amerika ist groß.

Über Jahrhunderte war Amerika für Auswanderer aus der Alten Welt ein verheißungsvolles Paradies, in dem alles auf Null gesetzt und ein vollständiger Neubeginn gewagt werden konnte, ganz ohne die Beschwernisse und Hinderungen des früheren Lebens, beseelt und angetrieben von diesem einen Versprechen: daß jeder das Recht und die Chance habe, sein Glück zu machen. Dieser fundamentale Respekt vor den Hoffnungen und Fähigkeiten jedes einzelnen Individuums ohne Ansehen seiner Herkunft, Muttersprache oder Religion macht den amerikanischen Traum, die wahre amerikanische Größe aus. Es ist diese eine Grundidee, diese bedingungslose Überzeugung, die die amerikanische Nation eint.

Bevor es nun wieder heißt: Ja, aber die Schwarzen... Natürlich sprechen wir hier über ein Ideal, dessen praktische Umsetzung erhebliche Mängel gezeigt hat und bis heute zeigt – Stichworte Indianer, Sklaverei, Rassismus usf. Worum es bei der amerikanischen Größe aber immer ging, war, daß es zumindest ein Ideal von Freiheit und Selbstverwirklichung gibt, einen axiomatischen Kollektivismus also, der nicht bezweifelt wird, und auf dessen Grundlage sich das Individuum nach Belieben entfalten darf und die Vielfalt gedeiht. Dem jüngst wiedererstarkenden völkischen Denken steht das diametral entgegen – denn bei diesem geht es genau umgekehrt darum, den vielfältigen Individualismus unter einem ideologischen Überbau, einem Dachkonstrukt sozusagen, zu vereinheitlichen und gegebenenfalls auszusondern, was nicht dazu paßt.

Größe in Zeiten der Kraftmeierei

Und nun kommt Trump. Und mit ihm ein Nationalismus, der in erster Linie weiß, laut und rücksichtslos ist. Mit ihm zieht die Überzeugung ins Weiße Haus, daß Vielfalt schlecht und Offenheit gefährlich sei. Was die amerikanische Größe essenziell ausmacht, schafft Trump sukzessive ab. Sein Nationalismus ist zutiefst unamerikanisch; sein Treiben das eines Staatsfeindes. Sein Argument ist die Sicherheit, der Schutz der eigenen Bevölkerung vor äußeren Gefahren. Was er (ebenso wie einige Alternativdenker hierzulande) dabei nicht begreifen will, ist, daß ein Mindestmaß an Unsicherheit zum Konzept der Freiheit gehört, ja daß die Möglichkeit des Mißbrauchs geradezu konstituierend für eine offene, eine große Gesellschaft ist. Denn der Glaube an die unbegrenzten Möglichkeiten jedes einzelnen Lebens wird durch einen haßerfüllten Terrorismus nicht substanziell gefährdet – dazu ist das amerikanische Paradigma, mit jeder Unsicherheit fertig zu werden, weil man einfach das bessere Konzept hat, viel zu stark. Wer aber die freie Entfaltung der Persönlichkeit, den Respekt vor der Vielfalt und die Minimierung staatlicher Eingriffe zugunsten einer flächendeckenden Überwachung und gruppenspezifischen Ausgrenzung einzutauschen bereit ist, hat seine Freiheit aufgegeben.

Größe als Hoffnung wider den Größenwahn

Und so verblaßt sie derzeit ein wenig, die amerikanische Größe, wird eingenebelt im Pulverdampf einer unkontrollierten Kanone, die nach Lust und Laune auf alles schießt, was ihrem Narzissmus zuwiderläuft. Nicht mal die amerikanische Architekturikone in der Pennsylvania Avenue 1600 ist Trump gut genug. Sein Amtssitz, so hört man, gefalle dem neuen Präsidenten nicht. Am liebsten wolle er im Trump Tower bleiben. Er mag es halt golden, protzig, schwer und penetrant. Das Weiße Haus hingegen in seiner klassischen, zeitlosen Richtigkeit besitzt eine ewig gültige Ästhetik, einen unumstößlich guten Geschmack und verkörpert damit Klasse, Beständigkeit und unaufdringlichen Stil. Klar, daß dergleichen jemandem mißfallen muß, der sich eben nicht auf dem Urgrund eines zeitlosen Ideals, dem festen Boden eines verehrungswürdigen Erbes bewegt, sondern ohne Respekt und Demut nur die Umgebung zu akzeptieren vermag, die er nach seinen Vorstellungen geschaffen hat. Trumps Größe ist nichts weiter als das entidealisierte Recht des Stärkeren und evoziert Grobheit, Egoismus und Kampf. Die weltpolitische Unsicherheit, die daraus erwächst, wurde oft genug beschrieben. Und so bleibt nur die Hoffnung, daß die wahre amerikanische Größe, der Glaube an die Freiheit und die Vielfalt, auch einen Präsidenten Donald Trump überstehen und überwinden wird.


Freitag, 27. Januar 2017

Geredet, gesagt, gemeint.

Aus gegebenem Anlaß.

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist eben kein "Denkmal der Schande", sondern ein Mahnmal der Erinnerung. Es ist kein Denkmal der Schuld, sondern ein Mahnmal der Verantwortung. Es ist kein Denkmal der Niederlage, sondern ein Mahnmal der Wachsamkeit. Dieses Mahnmal ist steingewordenes Gedenken eines Volkes, das strauchelte, irrte und schuldig wurde, und das nun die Größe besitzt, sich dieser Vergangenheit zu stellen, sie anzunehmen und daraus eine ganz besondere Verpflichtung, eine große und edle Aufgabe für die Zukunft abzuleiten. Dieses Mahnmal ist ein Mahnmal der Reife, der Weisheit, der Vergebung und der Verständigung. Wer darin eine Schande erblickt, hat Deutschland nicht verstanden, seine Seele nicht ergründet und sein Wesen nicht erfaßt. Wer darin eine Schande erblickt, sollte niemals für Deutschland sprechen dürfen.


Zu diesem Facebook-Posting vom 18. Januar 2017 (hier in editierter Version) gab es viele Kommentare, die mich haben nachdenken lassen und die ich hier zusammenfassen möchte, weil mir das Thema wichtig ist und um die Argumente nicht in der Chronik auf Facebook versinken zu lassen, sondern sie dauerhaft abrufbar zu machen:

Unter anderem las ich, daß das Mahnmal eben doch ein solches der Schande sei, da es schließlich an jene erinnere. Natürlich dient das Mahnmal technisch gesehen dem Gedenken an die Schande des Holocaust. Seine Absicht ist aber nicht die Erregung eines dauerhaften Schand- und Schamgefühls bei den heutigen Deutschen, so wie eine gewisse Rede es impliziert, sondern das Erinnern und das Bewußtsein für die Zukunft. Ich lehne die dort gewählte Formulierung ab, weil sie die (ja durchaus beabsichtigte) Implikation zuläßt, das Denkmal selbst sei eine Schande. Denkmal für die Schande, Denkmal zum Erinnern an die Schande - ja. Aber "Denkmal der Schande" wurde hier böse und zielgerichtet genau so formuliert, und dem widerspreche ich eben.

Es ist so interessant - wer den angeblichen "Schuldkomplex der Deutschen" am heftigsten geißelt, scheint am schwersten unter ihm zu leiden. Ich für meinen Teil empfinde kein bißchen Schuld am Holocaust - warum auch? Jahrgang '70, hallo?! Ich muß nicht einmal notwendigerweise meine deutsche Nationalität hernehmen, um eine besondere Verantwortung für die Zukunft aus ihr abzuleiten - obwohl ich es durchaus gern und freiwillig tue. Was mich aber zu allererst wachsam, verantwortungsbewußt und widerständig gegen rassistische und nationalistische Umtriebe macht, ist eine tiefe, supranationale Humanität - und eben gerade die Liebe zu meinem Deutschland, von dem ich mir wünsche, daß nie wieder so unsagbare Greuel von ihm ausgehen. Es ist meine Zukunft, die mich mit der Geschichte meines Landes verbindet - und nicht umgekehrt! Deshalb kann und will ich das Holocaustmahnmal nicht als Denkmal der Schande sehen und bezeichnen. Wer's tut, kultiviert genau jenen Schuldkomplex, den er zu bekämpfen vorgibt.

Ein wichtiger Einwand war, daß der Text "einen sehr seltsamen Zungenschlag" habe. "Deutschlands Seele als objektiv erfahrbares Faktum? Und ein Volk als Subjekt, das jetzt Größe besitzt?" wurde da gefragt, und ich gebe zu - dieser Aspekt lädt zur Kritik ein. Ja, ein bißchen pathetisch bin ich gern. Als Literaturwissenschaftler fühle ich mich von jeher der romantischen Denkschule des 19. Jahrhunderts sowie dem Vormärz sehr verbunden, und ich glaube, daß der Mensch auch das Bedürfnis nach einem gewissen, pathetisch aufgeladenen Kollektivismus hat, ob einem das gefällt oder nicht. Mein Ansatz ist also, dieses Bedürfnis mit positiven, guten, humanen und empathischen Aspekten zu bedienen und damit gerade den Menschen, die wegen dieses unerfüllten Bedürfnisses in die Nähe von AfD und anderen Demagogen rücken, ein Gegenangebot zu machen. Das ist zwar nicht so aufgeklärt wie man es sich vielleicht wünschen möchte, aber es erreicht vielleicht genau die, die eben nicht aufgeklärt sind und in ihrem Herdentrieb bislang den falschen Leittieren gefolgt sind... Menschen, die derlei Kollektivismus (wie ich selbst übrigens auch!) kritisch in Frage stellen, muß ich nicht erreichen - sie laufen nicht Gefahr, sich von AfD-Volksgedröhne vereinnahmen zu lassen. Mir ging es um die Suchenden, denen man die guten Seiten unserer gemeinsamen Geschichte, Tradition und Gegenwart mit ein bißchen Stilisierung sehr viel bedarfsgerechter und also wirkungsvoller vermitteln kann. Ich hoffe also, der Zungenschlag wird um der guten Absicht willen nicht zu streng bewertet.

Alles in allem ist es ein wichtiger Diskurs, und ich bin froh, daß er von sehr vielen Menschen so fair und sachlich geführt wird. Das Posting erhielt knapp 2.500 "Gefällt mir"-Angaben und wurde über 2.800 mal geteilt. Angesichts der gerade auf Facebook besonders lauten Demokratiefeinde, Extremisten und Hetzer ist das beruhigend und gibt einem ein wenig Vertrauen in die tatsächliche, in den sozialen Netzwerken nur sehr bedingt gespiegelte Denkwirklichkeit großer Teile unserer Gesellschaft zurück.

Freitag, 20. Januar 2017

Hitler verstehen

oder: Warum wir Schubladen brauchen.

Es gibt viele Versteher heutzutage. Ständig bringt irgendjemand für irgendetwas Verständnis auf oder fordert es von anderen ein. Von Putin bis Pädophilie, von Trump bis Terrorismus – jedes noch so absurde Phänomen, jede Caprice, jeder Egoismus, jede Unmenschlichkeit wird von irgendjemandem irgendwie begründet und damit verstanden. So weit, so gut. Dieses „Verstehen“ ergibt jedoch nur dann Sinn, wenn es sich denn tatsächlich um ein neutrales, rein kausalanalytisches Verstehen handelt, denn nur das kann zu einer ausgewogenen Beurteilung führen. Aber mit dem vordergründig so intellektuell klingenden Begriff „verstehen“ ist oft nichts anderes gemeint als „verzeihen“.

Vollziehen wir doch als Beispiel endlich die neulich irgendwo geforderte 180-Grad-Wende der Erinnerungskultur: verstehen wir Hitler!

Hitler verdankte seinen Aufstieg einer desaströsen Ausgangslage – das Land lag am Boden, Millionen Menschen waren arbeitslos, Reparationszahlungen und die Weltwirtschaftskrise drückten jeden Aufschwung nieder, und obendrein lastete mit dem verlorenen Krieg, dem als "Diktat" empfundenen Vertrag von Versailles und den Gebietsverlusten eine gewaltige Demütigung auf der, nennen wir es ausnahmsweise mal: Volksseele. „Kann man verstehen, oder?" Und schon hat sich ein Gedanke festgesetzt: "Also war das mit dem Hitler ja wohl gar nicht so schlimm.“

Man sieht – bei diesem "Verstehen" geht es nicht ums Begreifen, sondern um Legitimation. Die Verquickung von Verstehen und Verzeihen ist brandgefährlich, weil sie ethische Grundsätze aufweicht und die Kategorien von gut und böse, richtig und falsch relativiert, an denen sich nun mal jedes soziale Gefüge festmacht. Die Begründbarkeit wird zum Rechtfertigungsgrund erhoben; die Frage nach der Schuldhaftigkeit hingegen komplett ausgeblendet. In der Folge entsteht der Eindruck, es gäbe eigentlich nichts Unverzeihliches, solange es sich nur irgendwie „verstehen“, sprich: kausal herleiten läßt – ein mehr als fatales Signal für das Selbstverständnis radikaler politischer Kräfte.

Zugleich ist die Terminologie perfide: Denn wer eine Ansicht nicht teilt, dem läßt sich nun vorwerfen, er bemühe sich nicht ausreichend um „Verständnis“ (ein extrem positiv besetzter Begriff) und denke in „Schubladen“ (ein außerordentlich negativ besetzter Begriff). So wird eine Seite des Diskurses von Anfang an moralisch abgewertet. Zudem gilt das weitgehende Verständnis allermeistens nur den Positionen, die man selbst vertritt und schützt, und endet sehr abrupt da, wo der eigenen Meinung nicht ent- oder gar widersprochen wird. Die prinzipiellen Kategorien von gut und böse, die zuvor um eines relativierenden Verstehens willen abgeschafft wurden, werden nun ersetzt durch ein ideologisiertes und damit rein subjektives Recht oder Unrecht haben.

Ohne einen paradigmatischen Konsens sind jedoch den Frieden und Freiheit nicht möglich. Ob es uns gefällt oder nicht – wir brauchen Schubladen, ein axiomatisches System unverhandelbarer Werte also, innerhalb dessen Verhaltensweisen als objektiv richtig oder falsch definiert werden dürfen, und das es uns erlaubt, manches eben nur analytisch, nicht jedoch rechtfertigend oder entschuldigend „verstehen“ zu müssen, sondern prinzipiell zu ächten – Krieg, Mord, Extremismus, Lüge, Unterdrückung, Ausgrenzung, Tyrannei und Diktatur.

Wer dieses Koordinatensystem aufgibt, weil es scheinbar menschlicher erscheint, für alles Verständnis zu haben und mit jedem über alles zu reden, begibt sich einer klaren Haltung gegen das Unrecht und hat dem brutalen, rücksichtslosen Machtstreben, das die Welt an allen Ecken und Enden ins Unglück reißt, nichts entgegenzusetzen.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Eine Momentaufnahme

Mein Kaffeehaus, das berühmte Wiener Café Central, in dem zahllose Texte entstanden sind, traurige und lustige, gute und schlechte, und in dem man mir als geehrtem Stammgast eine eigene Steckdose an meinem Platz installiert hat; das liebe alte Central, das meine Zuflucht, mein Hort und mein Zuhause in schweren, einsamen Stunden war, und in dem man mir mein Club Sandwich servierte, lange nachdem es von der Karte verschwunden war... mein Kaffeehaus also - es wird zur nostalgischen Referenz, ohne den Geist der Gegenwärtigkeit, ohne die Dynamik der geschehenden, nur hier möglichen und nur hier ihren Antrieb findenden Entwicklung. 

Dieses Hier ist nicht mehr mein Jetzt; mein Leben hat seinen Brennpunkt verlagert, seine Richtung geändert und den Quell seiner Kraft neu gewählt. Immer wieder wird mich die Erinnerung hierher zurückziehen, an meinen Tisch, zu meiner Steckdose... aber eben nur für diesen einen, keiner Ungewißheit, keiner Hoffnung und keinem Sehnen mehr unterworfenen Blick: zurück. 

Nach vorn geht es nur noch von da aus, wo mein Leben jetzt ist, und nur noch mit dem Menschen, den ich hier zu suchen begann und doch ganz woanders fand. 

Es beginnt eine neue Zeit.

Sonntag, 1. Januar 2017

Geglitten, nicht gerutscht

Es ist der 1. Januar, der erste Tag eines neuen Jahres, und ich fühle mich frisch und motiviert, kein bißchen verkatert und sehr, sehr entspannt. Das mag daran liegen, daß ich in dieses neue Jahr geglitten bin, und nicht gerutscht.

Gewiß, in Wien schlendert man erst mal über den Silvesterpfad, trinkt ein Gläschen Sekt oder einen selbstgemachten Punsch am besten Sektstand der Stadt in der Bräunergasse und plaudert ein wenig mit Menschen, die man dort zufällig trifft und die mehr als sonst in der gemeinsamen Hochstimmung des Augenblicks verbunden scheinen. Aber es wird sehr schnell sehr laut und sehr voll am Silvesterpfad; die Musik stampft eher als sie klingt, und trotz der vielbeschworenen Terrorangst drängen sich irgendwann mehr Menschen am Graben als mir angenehm ist.

Also beschlossen wir, es dieses Mal anders zu machen und den obligaten Donauwalzer nicht wie all die Jahre zuvor im 1. Bezirk, sondern im netten Lokal einer lieben Bekannten auf der Burggasse zu tanzen. Wir kamen gegen elf an; das gedämpfte Licht und die sanften Jazzklänge der kleinen Live-Band empfingen uns ebenso schmeichelnd wie die charmante Wirtin selbst, und das Lokal war gut besucht, aber weit davon, voll zu sein. Eher wie eine kleine, feine Party guter Freunde. 

Was dann folgte, war der entspannteste Jahreswechsel, den ich je erlebt habe. Die Sekunden zur Mitternacht verstrichen völlig ohne kollektiv-krakelendes Herunterzählen, kein urzeitliches Gejohle und wüstes Gläserklimpern folgte dem unhörbaren Glockenschlage, und hätte nicht die Jazzkapelle ihre ganz eigene Version des Donauwalzers intoniert, wäre man wohl nicht ganz sicher gewesen, ob das neue Jahr tatsächlich schon begonnen hat. Es war ein sanftes Hineingleiten, kein polterndes Rutschen, und so, ja, genau so möchte ich das Jahr auch fortsetzen - entspannt, besonnen, nicht laut und reizstark, sondern ruhig und bewußt in meiner Wahrnehmung, gelassen und intensiv in meinen Empfindungen und bedacht in meinen Reaktionen.

2017 wird uns einiges abverlangen. Die Weltlage gibt nicht ausschließlich Anlaß zum Optimismus, und mehr als wir es in unserer für selbstverständlich genommenen Freiheit bislang gewohnt waren, werden wir Verantwortung zeigen und darauf achten müssen, daß uns die mühsam errungenen Grundwerte unserer Gesellschaft nicht abhanden kommen. Gerade dafür ist es wichtig und gut, mehr zu gleiten als zu rutschen, Debatten entspannt und sachlich zu führen, statt sich durch erhtizte Gemüter zu Unangemessenheiten hinreißen zu lassen, und einfach mal der Lust zu widerstehen, in der lauten, mehr stampfenden als klingenden Masse mitzukrakelen, weil's so schon einfach, so verführerisch heimelig scheint.

Sanft gleiten, tief und ruhig denken, besonnen handeln. Willkommen in meinem 2017.


Donnerstag, 22. Dezember 2016

Ihr verliert.

Wieder mal 13 Menschen umgebracht. Ein Grund zu feiern für euch Luschen. Ein weiterer glorreicher Sieg im Kampf gegen die Ungläubigen. Feige und ehrlos – diese Begriffe kennt ihr wohl nur, wenn Menschen sich lieben wollen, denen ihr das Recht dazu absprecht. Oder wenn sich jemand angeekelt von eurem perversen Aberglauben abwendet, weil er nicht mehr für Gottes Willen halten kann, was ihr anrichtet. Ihr aber feiert euren jämmerlichen Triumph, weil ihr glaubt, unsere Gesellschaft wieder mal ins Mark getroffen zu haben.

Habt ihr aber nicht. Ja, ihr habt Leid verursacht, Familien unglücklich gemacht und Menschen, die Freunde, Kollegen, Väter, Mütter, Kinder, Geschwister und Geliebte waren, aus ihrem Umfeld, aus dem Leben gerissen. Aber ihr erschüttert uns nicht. Eure Rechnung geht nicht auf. Weder erstarren wir nun in Angst, noch lassen wir uns zum selben primitiven Haß hinreißen, der euch antreibt. Pech für euch – Ihr verliert.

Gewiß, es gibt sie auch bei uns, die schlichten Geister, die Rattenfänger und Trittbrettfahrer, die sich nun darin bestätigt sehen, daß "die Muslime" den Terror in unser Land bringen; die Demagogen, deren einzige Antwort auf euer erbärmliches Treiben ist, euren Haß zu spiegeln und die eine Menschengruppe gegen die andere aufzuhetzen; die Schwachen und Ängstlichen, die nun ihre Zerbrechlichkeit, ihre dürre, labile Persönlichkeit überspielen, indem sie umso stärker tun und umso lauter schreien. Aber sie sind in der Minderheit. Die Masse, die Gesellschaft als solche trefft ihr nicht. Pech. Ihr verliert.

Die meisten von uns glauben an die Freiheit, an die offene Gesellschaft, die jeden Lebensentwurf begrüßt, der sich nicht gegen ihre Werte oder gar ihre Existenz richtet. Die meisten von uns lieben es, in einem freien Land zu leben, in dem niemand uns vorschreibt, wie wir uns zu kleiden oder an was wir zu glauben haben. Wir haben etwas gelernt aus unserer Geschichte: Terror und Unterdrückung sind scheiße, und Haß schafft niemals etwas anderes als Leid. Und das macht uns stark. Wir sind nicht eingeschüchtert. Wir werden auch unseren algerischen Friseur und unseren türkischen Gemüsehändler jetzt nicht boykottieren. Wir werden uns nicht zur Uneinigkeit hinreißen lassen – nicht von euch Versagern. Pech. Ihr verliert.

Wißt ihr, ihr unterschätzt uns. Ja, eine gute Figur machen zur Zeit weder "der Westen" noch die Regierung noch die Sicherheitsbehörden. Es gibt Fehler und Mängel im System, klar, und deshalb glaubt ihr, wir seien schwach. Wir haben vielleicht ein bißchen zu lange in Sicherheit gelebt, um einen ausreichenden Selbstschutz zu kultivieren. Aber das kann man nachholen. Was uns jedoch unbesiegbar macht, sind die drei Dinge, die wir in unserer Nationalhymne besingen:

Einigkeit und Recht und Freiheit.

Hohe, edle Werte, Ideale meinetwegen, zu deren vollständiger Verwirklichung es noch mehr permanente Anstrengung braucht, aber doch etwas unumstößlich Gutes. Dagegen ist euer dumpfer Haß, eure Gewalt, euer fanatisches Geschrei und eure tierische Mordlust machtlos.

Uns kriegt ihr nicht unter. Ihr verliert.

Montag, 19. Dezember 2016

Jeder Tag ist Silvester

Das Jahr geht dem Ende zu, und alle Welt zieht Bilanz. Wie war 2016? Was habe ich gut gemacht, was habe ich schlecht gemacht, und was mache ich nächstes Jahr bestimmt ganz anders? So fragt man sich gern in diesen Tagen. Aber warum eigentlich?

Denn jeder Tag ist Silvester, wenn es darum geht, Mängel zu erkennen und Veränderungen anzugehen. Jeder Tag gibt uns die Chance, eine neue, unbeschriebene Seite unseres Lebensbuches aufzuschlagen und eine ganz neue Geschichte zu beginnen. Jeder Tag lädt dazu ein, schonungslos zu analysieren, wo man steht und wohin man geht und inwieweit sich das mit dem deckt, was man wirklich will - im Beruf, in der Beziehung, in Freundschaften und im Engagement für die Dinge, die einem wichtig sind. Jeden Tag können wir uns und damit die Welt ein bißchen verbessern, Mitleid zeigen, Güte leben, Hilfe anbieten, Liebe schenken. Warum also wächst dieses Rückschaubedürfnis in den letzten Tagen des Jahres so stark an?

Seien wir nicht zu hart - es liegt eben in unserer Natur. Der Mensch denkt in Zyklen, in Zäsuren und überschaubaren Zeiteinheiten. Zum Jahreswechsel Bilanz zu ziehen, gibt uns ein Gefühl von Regelmäßigkeit, eine Ordnung, die anstehende Veränderungen und Notwendigkeiten beherrschbarer macht und ihnen zugleich die feierliche Note einer Lebenswende, eines unbeschwerten Neuanfangs verleiht. So etwas erhebt, beschwingt und erfreut das Herz, und daher hat es seine Ordnung damit.

Wenn ich auf 2016 zurückblicke, fällt mir als erstes auf, daß mir noch niemals in meinem Leben die Kluft zwischen meiner persönlichen Bewertung und der weltgeschichtlichen Entwicklung so groß schien. Für mich selbst war es ein tolles Jahr - ich bin meiner kleinen Tochter näher gekommen, habe beruflich unschätzbare Erfahrungen gemacht; ich habe interessante Kontakte geknüpft und bereichernde Bekanntschaften geschlossen. Hier und da konnte ich helfen, trösten und raten. Ich war in London, Wien, Paris, München und sogar Bratislava, auch zu Hause am Rhein und auf einem schönen Schloß. Meine Ehe ist glücklich, meine Familie gesund, mein Kind fröhlich. Es gab keine Unfälle, schweren Krankheiten, Nöte und Todesfälle, und geschrieben habe ich auch wieder mehr als im Vorjahr - Herz, was willst du mehr?

Und doch hat mich nie zuvor ein Jahr so bestürzt, geängstigt, so wütend und verzweifelt gemacht hat wie dieses. Krieg, Terror, Not und Leid millionenfach; unmenschliche Regime in Syrien, der Türkei und Russland, Demagogen und Populisten im Aufwind, Haß und Hetze, Angst und Wut, Gewalt und eine grassierende Reanimalisierung des Menschen durch die gezielte Stimulation niederster Instinkte und brutalster Reflexe... all das erschüttert mich zutiefst. Was ich für unumkehrbar gehalten habe, verdreht sich in sein Gegenteil; was mir als ewiger Halt erschien - die Einigkeit, das Recht und die Freiheit, Europa und der unbedingte Glaube an die Demokratie - zerbröselt unter unseren Augen... Der Anstand, die pure Menschlichkeit, Rückgrat und Moral, Haltung und unverrückbare Überzeugungen sind bei so vielen, von denen man sich entschlossenes Handeln an verantwortlicher Stelle erhofft, nicht zu erkennen, und die Behelfskategorien Gut und Böse, mit denen man das Unfaßbare zu fassen versucht, verwässern bis zur Unkenntlichkeit. Was bleibt, ist Orientierungslosigkeit und für viele das verzweifelte Grapschen nach allem, was Halt und Ordnung verspricht.

Doch wo mir etwas fehlt, sehe ich mich in der Pflicht, es zu schaffen. Je mehr Rückgrat ich vermisse, desto mehr Haltung muß ich selbst zeigen. Je mehr Hilflosigkeit ich erlebe, desto mehr Hilfe muß ich geben. Je mehr Angst sich breit macht, desto mehr Mut muß ich beweisen. Je mehr Haß unseren Alltag durchwirkt, desto mehr Liebe will ich verbreiten. Alles, was ich anders haben will, muß ich bei mir beginnen lassen - das ist die einzige Chance, die Welt wirklich zu verbessern, für die Menschen, für mein Kind, für alle.

Für diese Erkenntnis und diesen guten Vorsatz lohnt sich denn doch der etwas klischeehafte Jahresrückblick.