Weil ich nur ganze Erdnüsse mag, beschäftige ich jetzt einen Notar, der mir die halben aussortiert. Ich bin sehr zufrieden.
Meine Mutter fragt, ob das nicht eine ungeheure Verschwendung sei - schließlich bildeten die aussortierten halben Erdnüsse doch bestimmt einen beträchtlichen Ausschuß! Ich weiß es nicht, sage ich ihr. Ich spreche mit dem Notar nicht über Zahlen. Er möchte es gern, das kann ich spüren, aber schließlich habe ich ihn nicht als Aufsichtsrat engagiert, sondern als Sortierer. Wozu bräuchte eine simple Sache wie Erdnüsse auch einen Aufsichtsrat? Absurd.
Der Notar macht seine Sache sehr gut. Eine Ikone der Zuverlässigkeit zu sein, ist tief in seinem Selbstbild verankert. Und im Bild des Notars in der Öffentlichkeit natürlich. Ich bezahle ihn daher für 80 Stunden pro Woche. Natürlich esse ich nicht so viele Erdnüsse! Aber ich weiß ja nie, wann ich welche essen möchte, und dann möchte ich sie frisch sortiert. Nicht auf Vorrat. Am besten vor meinen Augen, sonst zählt er wieder heimlich mit. Und ich finde nicht, daß er mehr über meine Erdnüsse wissen muß als ich selbst. Sowas geht doch nicht.
Ich weiß nicht, ob sich der Aufwand lohnt. Schon mit dem ersten Biß zerspringen die Erdnüsse ja doch in ihre zwei Hälften. Es ist einfach nur das kurze Gefühl vollständiger Kerne im Mund, bevor man zu kauen beginnt. Ich mag das. Meine Mutter findet es seltsam. Sie rät mir, meine Zeit sinnvoller zu nutzen. Und vielleicht Nüsse zu mögen, die ohnedies vollständig sind. Haselnüsse zum Beispiel. Die mag ich ja auch, aber Erdnüsse sind richtiger. Ungesünder gewiß, und aufwendiger. Aber ich will nur sie.
Dem Notar ist es recht - er verdient gut daran, und noch hat der Mangel an Befriedigung, den diese blöde Arbeit mit sich bringt, die Höhe seines Einkommens nicht entwertet. So gierig ist er. Noch.
Ich bleibe bei den Erdnüssen. Den empfindlichen, zerbrechlichen. Sie sind gut. Vielleicht bleiben sie ja irgendwann von alleine ganz.
Montag, 29. April 2013
Samstag, 27. April 2013
Die Party
Ihr Verhältnis war nicht mehr so, wie es einmal gewesen war, aber sie waren immer noch Nachbarn. Und sie hatten gemeinsam ein großes Kunstwerk erschaffen, das Kritiker, Presse und Publikum gleichermaßen begeisterte. Dieses Werk band sie aneinander, und hier und da gaben sie eine gemeinsame Pressekonferenz oder berieten die weitere Vermarktung. Aber ein Paar waren sie eben nicht mehr, und zumindest er litt sehr darunter.
Irgendwie verstand er ihre Distanziertheit der Idee gegenüber, es vielleicht doch noch mal zu versuchen, denn nach allem, was sie in ihrer schwierigen Beziehung erlebt hatten, glaubte sie halt, sich schützen zu müssen. Und weil er sie liebte, ließ er sie. Dennoch tat es ihm weh, wenn er ihre neuen Freunde und Bewunderer die Treppe hinaufkommen sah und hörte, wie sie von ihr herzlich begrüßt wurden, während sie ihm den Zutritt zu ihrer Wohnung nicht mehr gestattete, ihrer schönen kleinen Wohnung, in der er einst so zu Hause, so glücklich gewesen war.
Dabei war sie nicht einmal unfreundlich. Sie sprach mit einer honigsüßen Stimme und einem unschuldigen Lächeln zu ihm, und in jedem fast zärtlich hingehauchten Wort fand er das Ende ihrer Liebe umso schmerzhafter besiegelt. Er liebte sie glühender denn je und versuchte so verzweifelt, ihr zu gefallen, daß er nach und nach zu einer ebenso lachhaften wie lästigen Figur wurde. Er wußte das, und doch gab er nicht auf.
Eines Tages schien sie etwas zu veranstalten. Er hörte durch die Wände Musik, das Gemurmel vieler Stimmen und fröhliches Gelächter. Neugierig ging er auf den Gang hinaus und sah, daß ihre Türe einen Spalt offen stand. Gerade erblickte er einen ihrer ehemaligen Liebhaber in der Mitte des Zimmers, als sie an den Türspalt trat und ihm die Sicht verstellte.
"Hallo", sagte er, "feierst Du eine Party?"
"Naja", antwortete sie, honigsüß lächelnd, "nichts Großes. Nur ein paar Freunde, die mir zu unserem Kunstwerk gratulieren wollen!"
"Warum hast Du mich denn dann nicht eingeladen?" fragte er und spürte jenen Stich im Herzen, den jede ihrer Achtlosigkeiten bei ihm auslöste. "Immerhin ist es unser..."
"Aaach, es ist doch nur eine oberflächliche kleine Party", erwiderte sie. "Das verstehst Du bestimmt. Die meisten Leute kenne ich gar nicht wirklich."
"Aber findest Du es nicht seltsam, daß zum Beispiel er da" - er deutete mit dem Kopf in Richtung ihres Ex-Liebhabers - "dabei sein und unser Kunstwerk bewundern darf, während Du mich nicht mal mehr in Deine Wohnung läßt?"
"Du, wie gesagt", entgegnete sie mit ihrer süßesten Stimme, "das bedeutet mir doch alles gar nichts. Wir beide haben doch einen viel echteren Austausch miteinander als er auf einer blöden Party möglich ist."
"Mir tut es trotzdem weh!" sagte er. "Schließlich haben wir uns mal auf einer Party kennengelernt..."
"Ja, das stimmt schon", antwortet sie, "aber weißt Du, ich denke, ich schicke eh gleich alle nach Hause, dann ist die Party vorbei und wir haben das Problem nicht mehr! Laß uns doch einfach bald wieder telefonieren, ja? Da können wir doch viel besser reden! Also, bis bald, und alles Liebe für Dich!"
Sprach's, lächelte ihn noch mal kurz an und schloß dann die Tür vor seiner Nase. Nun konnte er nicht mehr hineinschauen. Die Party ging indes noch recht lange weiter, und nach Hause geschickt wurde niemand. Außer ihm.
Irgendwie verstand er ihre Distanziertheit der Idee gegenüber, es vielleicht doch noch mal zu versuchen, denn nach allem, was sie in ihrer schwierigen Beziehung erlebt hatten, glaubte sie halt, sich schützen zu müssen. Und weil er sie liebte, ließ er sie. Dennoch tat es ihm weh, wenn er ihre neuen Freunde und Bewunderer die Treppe hinaufkommen sah und hörte, wie sie von ihr herzlich begrüßt wurden, während sie ihm den Zutritt zu ihrer Wohnung nicht mehr gestattete, ihrer schönen kleinen Wohnung, in der er einst so zu Hause, so glücklich gewesen war.
Dabei war sie nicht einmal unfreundlich. Sie sprach mit einer honigsüßen Stimme und einem unschuldigen Lächeln zu ihm, und in jedem fast zärtlich hingehauchten Wort fand er das Ende ihrer Liebe umso schmerzhafter besiegelt. Er liebte sie glühender denn je und versuchte so verzweifelt, ihr zu gefallen, daß er nach und nach zu einer ebenso lachhaften wie lästigen Figur wurde. Er wußte das, und doch gab er nicht auf.
Eines Tages schien sie etwas zu veranstalten. Er hörte durch die Wände Musik, das Gemurmel vieler Stimmen und fröhliches Gelächter. Neugierig ging er auf den Gang hinaus und sah, daß ihre Türe einen Spalt offen stand. Gerade erblickte er einen ihrer ehemaligen Liebhaber in der Mitte des Zimmers, als sie an den Türspalt trat und ihm die Sicht verstellte.
"Hallo", sagte er, "feierst Du eine Party?"
"Naja", antwortete sie, honigsüß lächelnd, "nichts Großes. Nur ein paar Freunde, die mir zu unserem Kunstwerk gratulieren wollen!"
"Warum hast Du mich denn dann nicht eingeladen?" fragte er und spürte jenen Stich im Herzen, den jede ihrer Achtlosigkeiten bei ihm auslöste. "Immerhin ist es unser..."
"Aaach, es ist doch nur eine oberflächliche kleine Party", erwiderte sie. "Das verstehst Du bestimmt. Die meisten Leute kenne ich gar nicht wirklich."
"Aber findest Du es nicht seltsam, daß zum Beispiel er da" - er deutete mit dem Kopf in Richtung ihres Ex-Liebhabers - "dabei sein und unser Kunstwerk bewundern darf, während Du mich nicht mal mehr in Deine Wohnung läßt?"
"Du, wie gesagt", entgegnete sie mit ihrer süßesten Stimme, "das bedeutet mir doch alles gar nichts. Wir beide haben doch einen viel echteren Austausch miteinander als er auf einer blöden Party möglich ist."
"Mir tut es trotzdem weh!" sagte er. "Schließlich haben wir uns mal auf einer Party kennengelernt..."
"Ja, das stimmt schon", antwortet sie, "aber weißt Du, ich denke, ich schicke eh gleich alle nach Hause, dann ist die Party vorbei und wir haben das Problem nicht mehr! Laß uns doch einfach bald wieder telefonieren, ja? Da können wir doch viel besser reden! Also, bis bald, und alles Liebe für Dich!"
Sprach's, lächelte ihn noch mal kurz an und schloß dann die Tür vor seiner Nase. Nun konnte er nicht mehr hineinschauen. Die Party ging indes noch recht lange weiter, und nach Hause geschickt wurde niemand. Außer ihm.
Donnerstag, 24. Januar 2013
Die Bedeutung der Sprache im geschäftlichen Umfeld
Vortrag im k47 auf Einladung des Improver Clubs
Sprache ist nicht nur der wichtigste Träger von Bewußtsein, von kritischen Ideen und komplexen Gedanken, sondern auch ein emotional hoch wirksames Instrument zur Vermittlung von Botschaften. Die Bedeutung des Wortes für unternehmerisches Handeln wird oft vernachlässigt; die schier unendlichen Möglichkeiten einer konzeptionell eingesetzten Sprache bleiben ungenutzt. Dabei werden gute Texte gerade in Zeiten von Facebook, Twitter und Google+ immer wichtiger. Das Wort erlebt derzeit eine Renaissance, die kein Unternehmen verpassen sollte.
„Nein, das machen wir selber. Wir wissen ja, was wir sagen wollen, da müssen wir kein Geld für ausgeben!“ Das ist eine Antwort, die man auf die Frage nach dem Bedarf an Textarbeit immer wieder hört. Und schaut man sich die Ergebnisse dieses Selbermachens dann an, möchte es einen nicht selten gruseln. Denn zu wissen, was man sagen will, und es auch tatsächlich in einer wirksamen Form zu sagen, sind durchaus zweierlei Paar Schuhe.
Es ist seltsam, daß sich so viele Unternehmen selbst und ohne Not der Chance beheben, einen aufwendigen Außenauftritt mit professionell gestalteten Texten zu perfektionieren. Für ein Logo oder ein Website-Layout werden ohne Bedenken zehn- oder zwanzigtausend Euro an Designagenturen gezahlt – dergleichen kann man eben nicht selbst, und man will ja gut aussehen! Am Text jedoch, der vielleicht für zusätzliche eintausend Euro zu haben wäre, wird dann plötzlich gespart. Und der gesamte Auftritt verliert an Wert und Wirkung.
So etwas ist nicht einfach nur bedauerlich. Daß sich ein Unternehmen aus purer Ignoranz auf eine der effektivsten und in der breiten Palette möglicher Agenturleistungen zugleich billigsten Ausdrucksformen verzichtet, ist vielmehr überraschend. Denn eine Kommunikationsstrategie, die meint, ohne eine professionell gestaltete Sprache auskommen zu können, scheint doch mehr als fragwürdig.
Eine präzise Kommunikation ohne Sprache ist undenkbar. Natürlich lassen sich über ein gelungenes Design, ein geschicktes Layout oder ein gut gewähltes Bild Botschaften vermitteln. Aber sie bleiben assoziativ. Die Kunst der Bild- und Formensprache besteht darin, beim Betrachter genau die Assoziation zu wecken, die man schon bei der Gestaltung beabsichtigt hat. Und oft gelingt das auch. Ein Landschaftsbild unberührter Natur in einer Werbeanzeige für ein Bier weckt zum Beispiel eine ganze Fülle von Assoziationen – Reinheit, Heimat, Ursprünglichkeit, Qualität und Umweltbewußtsein. Worin aber zum Beispiel ein eventuelles, über das operative Geschäft hinausgehendes Umweltengagement des Bierbrauers besteht, oder welche Zutaten er tatsächlich verwendet, ist aus dem Bild nicht zu erkennen. Hier bedarf es einer verbalen Präzisierung. Nicht in der Anzeige selbst, aber vielleicht in begleitenden PR- oder Werbekampagnen.
Nun ist nicht zu leugnen, daß ein Bild sehr viel unmittelbarer wirkt als ein Text. Ein Bild sieht man, ob man will oder nicht. Man erfasst es in Sekundenbruchteilen und gewinnt einen Eindruck, ohne selbst etwas tun zu müssen. Einen Text hingegen muß man lesen. Und damit er seine Wirkung entfalten kann, muß er vollständig gelesen werden. Einen Betrachter dazu zu bringen, gelingt nur, wenn der Text professionell und unter Anwendung verbal-kommunikativer Regeln gestaltet ist. Genau das jedoch kann kein Vorzimmer leisten, auch wenn die eifrige Sekretärin gewiß irgendetwas aufs Papier zu bringen vermag. Informationsarchitektur, die Steuerung des Leseflusses und die Platzierung von Schlüsselwörtern sind eine kompositorische Kunst, die ebenso wie ein perfektes Graphikdesign Erfahrung und Geschick braucht.
Wer immer noch skeptisch ist, führe sich vor Augen, daß die Unternehmenskommunikation als solche, sei es in Marketing, Werbung oder PR, sich derzeit stark verändert und auf neue Medien, insbesondere auf soziale Netzwerke ausweitet. Hier, bei Facebook, Twitter, Google+ oder Foursquare, ist Sprache tatsächlich das zentrale Instrument zur Vermittlung von Botschaften und bedarf daher ganz besonders perfekter Gestaltung. Denn auch Worte können, über ihren rational erfassbaren Gehalt hinaus emotionale Assoziationen wecken und Reaktionen auslösen. Dieses Potenzial lässt sich mit professionell gesetzten Worten erschließen und nutzen.
Eine weitere kurze Betrachtung verdient auch die nicht eigenwerbliche, die interne Kommunikation. Der Umgang mit Mitarbeitern, die Kommunikation unter Kollegen, all das hat einen erheblichen Einfluß auf das Klima in einer Firma und auf die Motivation aller dort Beschäftigten. Der Umgang mit Worten erfordert nicht nur Geschick und Feingefühl, sondern auch ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein, kann doch eine einzige Bemerkung in ebenso hohem Grade motivieren und zu Bestleistungen anspornen, wie eine andere, mit weniger Bedacht gewählte zu frustrieren und damit Leistungspotenziale zu verschließen geeignet ist. Auch interne Kommunikation lässt sich lernen; auch eine Wortwahl, die Mitarbeiter und Kollegen erbaut und motiviert, statt sie in Trotz und Frustration zu treiben, kann man sich mit professioneller Hilfe aneignen. Hierauf wird in vielen Unternehmen noch weniger geachtet als auf die Gestaltung verbaler Marketing- und Werbebotschaften. Der Bereich ethischer Sprachgestaltung wird hier berührt, aber das ist vermutlich ein Thema für einen eigenen Vortrag.
Wörter sind Bauteile für Sätze, für kommunizierbare Inhalte. Feinfühlig und geschickt zusammengefügt werden sie zu Worten, zu Trägern von Ideen, Bildern, Gefühlen und Gedanken, und damit zu einem machtvollen Instrument der Vermittlung von Botschaften und der Beeinflussung von Reaktionen. Die Anwendungsmöglichkeiten dieses Instruments sind fast unbegrenzt, und damit auch sein Erfolgspotenzial. Es empfehlen sich also stets:
Worte statt Wörter.
Sprache ist nicht nur der wichtigste Träger von Bewußtsein, von kritischen Ideen und komplexen Gedanken, sondern auch ein emotional hoch wirksames Instrument zur Vermittlung von Botschaften. Die Bedeutung des Wortes für unternehmerisches Handeln wird oft vernachlässigt; die schier unendlichen Möglichkeiten einer konzeptionell eingesetzten Sprache bleiben ungenutzt. Dabei werden gute Texte gerade in Zeiten von Facebook, Twitter und Google+ immer wichtiger. Das Wort erlebt derzeit eine Renaissance, die kein Unternehmen verpassen sollte.
„Nein, das machen wir selber. Wir wissen ja, was wir sagen wollen, da müssen wir kein Geld für ausgeben!“ Das ist eine Antwort, die man auf die Frage nach dem Bedarf an Textarbeit immer wieder hört. Und schaut man sich die Ergebnisse dieses Selbermachens dann an, möchte es einen nicht selten gruseln. Denn zu wissen, was man sagen will, und es auch tatsächlich in einer wirksamen Form zu sagen, sind durchaus zweierlei Paar Schuhe.
Es ist seltsam, daß sich so viele Unternehmen selbst und ohne Not der Chance beheben, einen aufwendigen Außenauftritt mit professionell gestalteten Texten zu perfektionieren. Für ein Logo oder ein Website-Layout werden ohne Bedenken zehn- oder zwanzigtausend Euro an Designagenturen gezahlt – dergleichen kann man eben nicht selbst, und man will ja gut aussehen! Am Text jedoch, der vielleicht für zusätzliche eintausend Euro zu haben wäre, wird dann plötzlich gespart. Und der gesamte Auftritt verliert an Wert und Wirkung.
So etwas ist nicht einfach nur bedauerlich. Daß sich ein Unternehmen aus purer Ignoranz auf eine der effektivsten und in der breiten Palette möglicher Agenturleistungen zugleich billigsten Ausdrucksformen verzichtet, ist vielmehr überraschend. Denn eine Kommunikationsstrategie, die meint, ohne eine professionell gestaltete Sprache auskommen zu können, scheint doch mehr als fragwürdig.
Eine präzise Kommunikation ohne Sprache ist undenkbar. Natürlich lassen sich über ein gelungenes Design, ein geschicktes Layout oder ein gut gewähltes Bild Botschaften vermitteln. Aber sie bleiben assoziativ. Die Kunst der Bild- und Formensprache besteht darin, beim Betrachter genau die Assoziation zu wecken, die man schon bei der Gestaltung beabsichtigt hat. Und oft gelingt das auch. Ein Landschaftsbild unberührter Natur in einer Werbeanzeige für ein Bier weckt zum Beispiel eine ganze Fülle von Assoziationen – Reinheit, Heimat, Ursprünglichkeit, Qualität und Umweltbewußtsein. Worin aber zum Beispiel ein eventuelles, über das operative Geschäft hinausgehendes Umweltengagement des Bierbrauers besteht, oder welche Zutaten er tatsächlich verwendet, ist aus dem Bild nicht zu erkennen. Hier bedarf es einer verbalen Präzisierung. Nicht in der Anzeige selbst, aber vielleicht in begleitenden PR- oder Werbekampagnen.
Nun ist nicht zu leugnen, daß ein Bild sehr viel unmittelbarer wirkt als ein Text. Ein Bild sieht man, ob man will oder nicht. Man erfasst es in Sekundenbruchteilen und gewinnt einen Eindruck, ohne selbst etwas tun zu müssen. Einen Text hingegen muß man lesen. Und damit er seine Wirkung entfalten kann, muß er vollständig gelesen werden. Einen Betrachter dazu zu bringen, gelingt nur, wenn der Text professionell und unter Anwendung verbal-kommunikativer Regeln gestaltet ist. Genau das jedoch kann kein Vorzimmer leisten, auch wenn die eifrige Sekretärin gewiß irgendetwas aufs Papier zu bringen vermag. Informationsarchitektur, die Steuerung des Leseflusses und die Platzierung von Schlüsselwörtern sind eine kompositorische Kunst, die ebenso wie ein perfektes Graphikdesign Erfahrung und Geschick braucht.
Wer immer noch skeptisch ist, führe sich vor Augen, daß die Unternehmenskommunikation als solche, sei es in Marketing, Werbung oder PR, sich derzeit stark verändert und auf neue Medien, insbesondere auf soziale Netzwerke ausweitet. Hier, bei Facebook, Twitter, Google+ oder Foursquare, ist Sprache tatsächlich das zentrale Instrument zur Vermittlung von Botschaften und bedarf daher ganz besonders perfekter Gestaltung. Denn auch Worte können, über ihren rational erfassbaren Gehalt hinaus emotionale Assoziationen wecken und Reaktionen auslösen. Dieses Potenzial lässt sich mit professionell gesetzten Worten erschließen und nutzen.
Eine weitere kurze Betrachtung verdient auch die nicht eigenwerbliche, die interne Kommunikation. Der Umgang mit Mitarbeitern, die Kommunikation unter Kollegen, all das hat einen erheblichen Einfluß auf das Klima in einer Firma und auf die Motivation aller dort Beschäftigten. Der Umgang mit Worten erfordert nicht nur Geschick und Feingefühl, sondern auch ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein, kann doch eine einzige Bemerkung in ebenso hohem Grade motivieren und zu Bestleistungen anspornen, wie eine andere, mit weniger Bedacht gewählte zu frustrieren und damit Leistungspotenziale zu verschließen geeignet ist. Auch interne Kommunikation lässt sich lernen; auch eine Wortwahl, die Mitarbeiter und Kollegen erbaut und motiviert, statt sie in Trotz und Frustration zu treiben, kann man sich mit professioneller Hilfe aneignen. Hierauf wird in vielen Unternehmen noch weniger geachtet als auf die Gestaltung verbaler Marketing- und Werbebotschaften. Der Bereich ethischer Sprachgestaltung wird hier berührt, aber das ist vermutlich ein Thema für einen eigenen Vortrag.
Wörter sind Bauteile für Sätze, für kommunizierbare Inhalte. Feinfühlig und geschickt zusammengefügt werden sie zu Worten, zu Trägern von Ideen, Bildern, Gefühlen und Gedanken, und damit zu einem machtvollen Instrument der Vermittlung von Botschaften und der Beeinflussung von Reaktionen. Die Anwendungsmöglichkeiten dieses Instruments sind fast unbegrenzt, und damit auch sein Erfolgspotenzial. Es empfehlen sich also stets:
Worte statt Wörter.
Donnerstag, 17. Januar 2013
Wortlos
Wie gut, daß es Wörter gibt. Denn ich möchte so viel sagen! So sehr quillt und brodelt es in mir, daß ich übergehen will vor Lust, endlich in die Welt hinauszurufen, was mir so unendlich wahr und wichtig ist. Also beginne ich, meine Wörter zu setzen, sorgfältig und gewählt, so wie ich es immer tue.
Aber meine Wörter bleiben stumm. Wie dicke Raupen sitzen sie auf meinem Herzen, laben sich gierig an dem, was darin ist, und vermehren sich so rasch, daß sie alsbald viel, viel Raum füllen. Aber sie verwandeln sich nicht in Schmetterlinge. Kein bunter Flügel macht sichtbar, von welch wunderbaren Herzensangelegenheiten sich die Wortraupe ernährt hat. Sie formen sich nicht zu Worten, sondern bleiben Wörter. Dicke, selbsthungrige Wörter. Dreist und faul versagen sie ihren Dienst an dem, was mitzuteilen es mich so sehnsüchtig hetzt und drängt.
Fast kann ich ihr Schmatzen hören, sehe das pulsierende Kriechen ihrer fetten Körper und ihre nimmersatten Kauwerkzeuge, die meine Herzensdinge vertilgen, ohne sie in schöne und richtige Aussagen zu verwandeln... und plötzlich widern sie mich an. Noch nie kamen mir meine Wörter so sinnlos, so verräterisch vor. Verärgert und verzweifelt fege ich sie hinweg.
Diesmal muß es ohne sie gehen. Was ich Dir sagen will, das sage ich Dir wortlos.
Aber meine Wörter bleiben stumm. Wie dicke Raupen sitzen sie auf meinem Herzen, laben sich gierig an dem, was darin ist, und vermehren sich so rasch, daß sie alsbald viel, viel Raum füllen. Aber sie verwandeln sich nicht in Schmetterlinge. Kein bunter Flügel macht sichtbar, von welch wunderbaren Herzensangelegenheiten sich die Wortraupe ernährt hat. Sie formen sich nicht zu Worten, sondern bleiben Wörter. Dicke, selbsthungrige Wörter. Dreist und faul versagen sie ihren Dienst an dem, was mitzuteilen es mich so sehnsüchtig hetzt und drängt.
Fast kann ich ihr Schmatzen hören, sehe das pulsierende Kriechen ihrer fetten Körper und ihre nimmersatten Kauwerkzeuge, die meine Herzensdinge vertilgen, ohne sie in schöne und richtige Aussagen zu verwandeln... und plötzlich widern sie mich an. Noch nie kamen mir meine Wörter so sinnlos, so verräterisch vor. Verärgert und verzweifelt fege ich sie hinweg.
Diesmal muß es ohne sie gehen. Was ich Dir sagen will, das sage ich Dir wortlos.
Dienstag, 1. Januar 2013
Befreiräucherung
Aus unerfindlichen Gründen glaubt man, der Jahreswechsel sei für Gedanken, Vorsätze und Entschlüsse geeigneter als der Beginn jedes anderen neuen Tages, und so geht am 31. Dezember auf einmal jeder in sich, zieht Bilanz, sucht Erkenntnisse und nimmt sich Veränderungen vor.
Ich kann damit nicht viel anfangen. Die Attitüde von Vergeistigung, von Tiefsinn und Weisheit, die plötzlich alle befällt, als böte das Jahr sonst keine Gelegenheit, mal ein wenig über sich nachzudenken, ist individuell und kollektiv gleichermaßen banal, und die Vorstellung, man könne an einem einzigen Tag alle Antworten aus sich selbst heraus schöpfen, spricht eher für eine freiwillige Selbstbeschränkung als den echten Willen, seinen Erkenntnishorizont schonungslos zu erweitern. Wenn man seine Neujahrsgedanken schon ins Zeichen eines Neuanfangs, eines Aufbruchs stellt, sollte man sie doch von alten Vorurteilen und Einseitigkeiten frei halten. Finde ich.
Denn Erkenntnis ergibt sich nicht aus der Selbstbespiegelung. Sie erwächst nicht daraus, mit dem Weihrauchfäßchen poetischer Gedanklichkeit herumzuschlenkern und die dabei freigesetzten Überlegungen lediglich von den Menschen beklatschen zu lassen, die einem ohnedies nach dem Munde reden. Und schon gar nicht wird, was wir zu wissen glauben, dadurch richtiger, daß wir alles Andere einfach abstreiten und die Menschen aussperren, die uns widersprechen.
Denn was wissen wir schon? Gar nichts. Der erste Schritt zu einer umfassenden Erkenntnis war für mich schon Mitte des vergangenen Jahres der Versuch, meine subjektive, dumme kleine Sicht auf die Dinge durch den Einfluß gerade solcher Menschen zu objektivieren, die zu meiner Schonung oder Bestätigung keinen Anlaß hatten. Eine Therapie, ein paar Gespräche mit engen Freunden und erklärten Feinden und das unverblümte Urteil meiner nicht eben auf den Mund gefallenen Familie... Je radikaler mir widersprochen wurde, je grausamer man mir den eitlen Kopf wusch, und je mehr ich mich darüber ärgerte, mein sorgsam zurechtgelegtes Selbstbild gegen die abweichende Sicht meiner Mitmenschen nicht mehr plausibel verteidigen zu können, desto besser lernte ich mich kennen.
Genau deshalb schließe ich mich am 31. Dezember nicht ein, schwenke mein poetisches Weihrauchfäßchen und gefalle mir im pseudophilosophischen Pathos der Selbstbefreiung von allem Schlechten, das in Wirklichkeit nur eine verquere Mischung aus der Verleugnung anderer Interpretationsmöglichkeiten und der Verdrängung eigener Verantwortlichkeit ist.
Jeder, wie er meint und denkt. Mein 2013 wird erhebliche Veränderungen bringen, für die ich, günstigste Voraussetzungen zu schaffen, fest entschlossen bin. Aber als richtig und gut nur noch das zuzulassen, was mich über jede echte Selbstkritik erhebt, wäre mir als Einstieg ins neue Jahr zu einseitig.
Ich kann damit nicht viel anfangen. Die Attitüde von Vergeistigung, von Tiefsinn und Weisheit, die plötzlich alle befällt, als böte das Jahr sonst keine Gelegenheit, mal ein wenig über sich nachzudenken, ist individuell und kollektiv gleichermaßen banal, und die Vorstellung, man könne an einem einzigen Tag alle Antworten aus sich selbst heraus schöpfen, spricht eher für eine freiwillige Selbstbeschränkung als den echten Willen, seinen Erkenntnishorizont schonungslos zu erweitern. Wenn man seine Neujahrsgedanken schon ins Zeichen eines Neuanfangs, eines Aufbruchs stellt, sollte man sie doch von alten Vorurteilen und Einseitigkeiten frei halten. Finde ich.
Denn Erkenntnis ergibt sich nicht aus der Selbstbespiegelung. Sie erwächst nicht daraus, mit dem Weihrauchfäßchen poetischer Gedanklichkeit herumzuschlenkern und die dabei freigesetzten Überlegungen lediglich von den Menschen beklatschen zu lassen, die einem ohnedies nach dem Munde reden. Und schon gar nicht wird, was wir zu wissen glauben, dadurch richtiger, daß wir alles Andere einfach abstreiten und die Menschen aussperren, die uns widersprechen.
Denn was wissen wir schon? Gar nichts. Der erste Schritt zu einer umfassenden Erkenntnis war für mich schon Mitte des vergangenen Jahres der Versuch, meine subjektive, dumme kleine Sicht auf die Dinge durch den Einfluß gerade solcher Menschen zu objektivieren, die zu meiner Schonung oder Bestätigung keinen Anlaß hatten. Eine Therapie, ein paar Gespräche mit engen Freunden und erklärten Feinden und das unverblümte Urteil meiner nicht eben auf den Mund gefallenen Familie... Je radikaler mir widersprochen wurde, je grausamer man mir den eitlen Kopf wusch, und je mehr ich mich darüber ärgerte, mein sorgsam zurechtgelegtes Selbstbild gegen die abweichende Sicht meiner Mitmenschen nicht mehr plausibel verteidigen zu können, desto besser lernte ich mich kennen.
Genau deshalb schließe ich mich am 31. Dezember nicht ein, schwenke mein poetisches Weihrauchfäßchen und gefalle mir im pseudophilosophischen Pathos der Selbstbefreiung von allem Schlechten, das in Wirklichkeit nur eine verquere Mischung aus der Verleugnung anderer Interpretationsmöglichkeiten und der Verdrängung eigener Verantwortlichkeit ist.
Jeder, wie er meint und denkt. Mein 2013 wird erhebliche Veränderungen bringen, für die ich, günstigste Voraussetzungen zu schaffen, fest entschlossen bin. Aber als richtig und gut nur noch das zuzulassen, was mich über jede echte Selbstkritik erhebt, wäre mir als Einstieg ins neue Jahr zu einseitig.
Dienstag, 20. November 2012
Rundes am Rande
Die Wahrheit ist eine Kugel. Gleich, wie lange wir sie anstarren, wir sind darauf beschränkt, höchstens eine Hälfte zu sehen. Und je näher wir herangehen, desto kleiner wird der wahrnehmbare Ausschnitt.
Wenn wir sie ganz erkennen wollen, müssen wir sie aus hinlänglicher Entfernung betrachten, vor allem aber: zu zweit! Und zwar von einander genau entgegengesetzten Standpunkten aus.
Das Wichtigste dabei aber ist - wir müssen bereit sein, den Blick des Anderen als ebenso wahr zu akzeptieren wie unseren eigenen.
Wer neben uns steht, ist vermutlich sehr loyal, sieht aber kaum Anderes als wir selbst. Es liegt also die Wahrheit erst im scheinbar Widersprüchlichen, in den ganz und gar diametralen Perspektiven.
Irgendwie macht mir das Hoffnung.
Wenn wir sie ganz erkennen wollen, müssen wir sie aus hinlänglicher Entfernung betrachten, vor allem aber: zu zweit! Und zwar von einander genau entgegengesetzten Standpunkten aus.
Das Wichtigste dabei aber ist - wir müssen bereit sein, den Blick des Anderen als ebenso wahr zu akzeptieren wie unseren eigenen.
Wer neben uns steht, ist vermutlich sehr loyal, sieht aber kaum Anderes als wir selbst. Es liegt also die Wahrheit erst im scheinbar Widersprüchlichen, in den ganz und gar diametralen Perspektiven.
Irgendwie macht mir das Hoffnung.
Dienstag, 13. November 2012
Austergewöhnliches
Es ist doch so - ein paar der wundervollsten Dinge auf Erden verdanken wir den Widerständen, die ihnen entgegengebracht werden.
Nehmen wir die Auster - sie spürt in ihrem zarten Fleisch schmerzlich das Sandkorn, das in ihr Inneres gelangt ist, sei es durch eine Laune der Strömung, sei es durch zielbewußtes Streben - denn das Zielbewußtsein von Sandkörnern ist keineswegs zu unterschätzen!
Nun wird die zarte, schmerzleidende Auster dem Sandkorn jeden erdenklichen Widerstand leisten. Es gehört, so ihre Überzeugung, durchaus nicht dahin, wo es nun sitzt, im weichen, zarten Fleisch ihrer intimsten Innerlichkeit nämlich, die sie mit ihrer harten Schale vor jedweder eindringenden Gefahr zu schützen sucht. Denn sie weiß nur zu genau, daß die meisten Kräfte, die ihre muschelgepanzerte Verteidigung zu durchbrechen trachten, nichts anderes als ihre Vernichtung im Sinn haben. Es ist also durchaus nachvollziehbar, wenn die Auster sich hart und dunkel abschirmt gegen jede äußere Bedrängnis, denn ihrer austrigen Lebenserfahrung entspricht es nun mal, zunächst die Gefahr zu sehen.
Ganz anders das Sandkorn. Es weiß sehr wohl um den Widerstand, den die Auster ihm als Eindringling leisten wird, ist ihm doch allzu klar, wie existenzbedrohend sich andere Sandkörner in unterseeischen Stürmen aufgeführt haben mögen. Aber es hat Höheres im Sinn. Nicht das rohe Verletzen zarter Innerlichkeit, sondern eine liebevolle Verschmelzung des eigenen Bemühens mit den sich dagegen regenden Widerständen zu dem einzigen Zweck, etwas derart Schönes und Endgültiges zu erschaffen, daß es schließlich sogar der Auster ein zustimmendes Staunen abringt.
Es setzt sich also fest, das Sandkorn, eben dort, wo die Auster es am wenigten haben will. Und so hüllt sie das Sandkorn ein in dasselbe Material, aus dem sie schon ihre schützende Schale gefertigt hat, läßt es allzu deutlich spüren, wie fremd und unerwünscht es ist, und umgibt es mit einer kalten, glatten Schicht aus Ablehnung. Doch weil das Sandkorn Höheres, Schöneres im Sinn hat, geht es nicht weg. Im Gegenteil - tiefer noch gräbt es sich ins weiche, zarte Fleisch der Auster ein, so daß diese ihren Widerstand steigert und noch eine Schicht kühler Verneinung um das Sandkorn legt. Und so geht es weiter und weiter. Keine Seite gibt nach oder gesteht die Aussichtslosigkeit des Kampfes ein...
Und dann, irgendwann... hat die Auster das Sandkorn in einen so dicken Mantel ihrer eigenen Substanz gehüllt, daß es nachgerade ein Teil von ihr geworden ist. Ganz gleich ist die runde, weißschimmernde Hülle des Sandkorns nun der Innenseite des Muschelpanzers, der das zarte, weiche Fleisch einst vor ihm beschützen sollte.
Wer je eine starke, ihr Inneres leidenschaftlich schützende Auster öffnet, die eine dicke, glänzende Perle birgt, wird finden, daß nichts auf der Welt endgültiger zusammen gehört, als diese zwei.
(Anmerkung: Daß die Wissenschaft die Annahme, Perlen entstünden aus eingedrungenen Sandkörnern, heute überwiegend verwirft, ist mir bekannt. Die nunmehr vorherrschende Auffassung, eine durch Parasitenbefall bedingte Zystenbildung sei für die Entstehung von Perlen ursächlich, war indes literarisch kaum zu verwerten...)
Nehmen wir die Auster - sie spürt in ihrem zarten Fleisch schmerzlich das Sandkorn, das in ihr Inneres gelangt ist, sei es durch eine Laune der Strömung, sei es durch zielbewußtes Streben - denn das Zielbewußtsein von Sandkörnern ist keineswegs zu unterschätzen!
Nun wird die zarte, schmerzleidende Auster dem Sandkorn jeden erdenklichen Widerstand leisten. Es gehört, so ihre Überzeugung, durchaus nicht dahin, wo es nun sitzt, im weichen, zarten Fleisch ihrer intimsten Innerlichkeit nämlich, die sie mit ihrer harten Schale vor jedweder eindringenden Gefahr zu schützen sucht. Denn sie weiß nur zu genau, daß die meisten Kräfte, die ihre muschelgepanzerte Verteidigung zu durchbrechen trachten, nichts anderes als ihre Vernichtung im Sinn haben. Es ist also durchaus nachvollziehbar, wenn die Auster sich hart und dunkel abschirmt gegen jede äußere Bedrängnis, denn ihrer austrigen Lebenserfahrung entspricht es nun mal, zunächst die Gefahr zu sehen.
Ganz anders das Sandkorn. Es weiß sehr wohl um den Widerstand, den die Auster ihm als Eindringling leisten wird, ist ihm doch allzu klar, wie existenzbedrohend sich andere Sandkörner in unterseeischen Stürmen aufgeführt haben mögen. Aber es hat Höheres im Sinn. Nicht das rohe Verletzen zarter Innerlichkeit, sondern eine liebevolle Verschmelzung des eigenen Bemühens mit den sich dagegen regenden Widerständen zu dem einzigen Zweck, etwas derart Schönes und Endgültiges zu erschaffen, daß es schließlich sogar der Auster ein zustimmendes Staunen abringt.
Es setzt sich also fest, das Sandkorn, eben dort, wo die Auster es am wenigten haben will. Und so hüllt sie das Sandkorn ein in dasselbe Material, aus dem sie schon ihre schützende Schale gefertigt hat, läßt es allzu deutlich spüren, wie fremd und unerwünscht es ist, und umgibt es mit einer kalten, glatten Schicht aus Ablehnung. Doch weil das Sandkorn Höheres, Schöneres im Sinn hat, geht es nicht weg. Im Gegenteil - tiefer noch gräbt es sich ins weiche, zarte Fleisch der Auster ein, so daß diese ihren Widerstand steigert und noch eine Schicht kühler Verneinung um das Sandkorn legt. Und so geht es weiter und weiter. Keine Seite gibt nach oder gesteht die Aussichtslosigkeit des Kampfes ein...
Und dann, irgendwann... hat die Auster das Sandkorn in einen so dicken Mantel ihrer eigenen Substanz gehüllt, daß es nachgerade ein Teil von ihr geworden ist. Ganz gleich ist die runde, weißschimmernde Hülle des Sandkorns nun der Innenseite des Muschelpanzers, der das zarte, weiche Fleisch einst vor ihm beschützen sollte.
Wer je eine starke, ihr Inneres leidenschaftlich schützende Auster öffnet, die eine dicke, glänzende Perle birgt, wird finden, daß nichts auf der Welt endgültiger zusammen gehört, als diese zwei.
(Anmerkung: Daß die Wissenschaft die Annahme, Perlen entstünden aus eingedrungenen Sandkörnern, heute überwiegend verwirft, ist mir bekannt. Die nunmehr vorherrschende Auffassung, eine durch Parasitenbefall bedingte Zystenbildung sei für die Entstehung von Perlen ursächlich, war indes literarisch kaum zu verwerten...)
Mittwoch, 3. Oktober 2012
Wunder
Mir ist ein Wunder geschehen. Ein unfassbares Wunder, gegen jede Erwartung, gegen jede Wahrscheinlichkeit, ein Glück, das mein kleines Leben nach kalter, dunkler Nacht hell und warm bestrahlte und mich stumm und dankbar darüber staunen ließ, was noch alles möglich ist, wenn man auf nichts mehr hofft.
Wunder geschehen also. Was der Schlager auf naiv-verträumte Weise zu wissen glaubt, ist mir tiefe existenzielle Gewißheit. Wunder geschehen, und ob sie nun einem göttlichen Plan zu verdanken sind oder nur den unwahrscheinlichsten aller möglichen Ereignisverläufe verwirklichen, spielt keine Rolle.
Irgendwie jedoch scheint es sie nicht umsonst zu geben. Ob göttliche Gnade oder statistische Unwahrscheinlichkeit - in beiden Fällen ist einem Wunder stets ein Gegengewicht zugeordnet. Und so frage ich mich: Muß man sich Wunder vielleicht verdienen?
Gott mag sich für die Gnade eines Wunders erhoffen, man möge Erkenntnis gewinnen, sein Bewusstsein erweitern, Dankbarkeit und Demut lernen und seinen Glauben festigen. Eben deshalb mag der Weg zum Wunder (oder der danach) besonders steinig sein. Das Wunder an sich aber wird dadurch nur umso wundervoller. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn man Gott nicht einbeziehen möchte, macht es seltsamerweise genau so. Dem unwahrscheinlichsten Ereignisverlauf ist - zumindest statistisch - ein Gegenereignis zugeordnet, das das Gleichgewicht des Seins wieder herstellt. Regression zur Mitte nennt das die Wissenschaft. Und so gestaltet sich der Empfang eines Wunders oft schwierig, und ob man es sogleich merkt oder nicht, irgendwann wird man an irgendeiner Stelle eine ausgleichende Einschränkung spüren.
Daran ist wohl nicht zu rütteln. Wie also geht man damit um? Was mache ich nun aus dem Wunder, das mir geschah, und dessen Wunderhaftigkeit von den ausgleichenden Schwierigkeiten ausgetilgt zu sein scheint? Die Antwort könnte nicht einfacher sein:
Wenn es der Gesetzmäßigkeit des Universums entspricht, Wunder zu relativieren, dann - ändere ich das Universum eben.
Ja, sich zu finden, zu einigen, zu verstehen, anzunehmen und sein zu lassen, ist unsagbar schwierig, aber längst nicht zu schwierig für das Wunder der Liebe. Mag ja sein, daß Statistik und Wahrscheinlichkeit Gutes und Schlechtes eins zu eins gegeneinandersetzen. Objektiv besteht eben ein Gleichgewicht, dessen nüchterne Analyse einen verzweifeln lassen möchte.
Aber: Pfeif' auf die Objektivität! Zur Hölle mit allen Analysen. Wir reden hier über Wunder! Und ein Wunder wäre ja kein Wunder, wenn es nicht Wunderbares beinhaltete. Ich steige hinweg über die Objektivität und gewähre mir den irrationalen Ansatz, das Wunder für größer, für bedeutender und für echter zu erachten als sein aufgeblasenes statistisches Schwierigkeitsgegengewicht. Mit spöttischem Lächeln schaue ich hinab auf den kläglichen Versuch des Universums, mir mein Wunder zu verleiden. Denn das Wunder ist das einzige, was zählt.
Geh nicht weg, mein Wunder. Wir haben gerade erst begonnen, das Universum zu verändern.
Wunder geschehen also. Was der Schlager auf naiv-verträumte Weise zu wissen glaubt, ist mir tiefe existenzielle Gewißheit. Wunder geschehen, und ob sie nun einem göttlichen Plan zu verdanken sind oder nur den unwahrscheinlichsten aller möglichen Ereignisverläufe verwirklichen, spielt keine Rolle.
Irgendwie jedoch scheint es sie nicht umsonst zu geben. Ob göttliche Gnade oder statistische Unwahrscheinlichkeit - in beiden Fällen ist einem Wunder stets ein Gegengewicht zugeordnet. Und so frage ich mich: Muß man sich Wunder vielleicht verdienen?
Gott mag sich für die Gnade eines Wunders erhoffen, man möge Erkenntnis gewinnen, sein Bewusstsein erweitern, Dankbarkeit und Demut lernen und seinen Glauben festigen. Eben deshalb mag der Weg zum Wunder (oder der danach) besonders steinig sein. Das Wunder an sich aber wird dadurch nur umso wundervoller. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, wenn man Gott nicht einbeziehen möchte, macht es seltsamerweise genau so. Dem unwahrscheinlichsten Ereignisverlauf ist - zumindest statistisch - ein Gegenereignis zugeordnet, das das Gleichgewicht des Seins wieder herstellt. Regression zur Mitte nennt das die Wissenschaft. Und so gestaltet sich der Empfang eines Wunders oft schwierig, und ob man es sogleich merkt oder nicht, irgendwann wird man an irgendeiner Stelle eine ausgleichende Einschränkung spüren.
Daran ist wohl nicht zu rütteln. Wie also geht man damit um? Was mache ich nun aus dem Wunder, das mir geschah, und dessen Wunderhaftigkeit von den ausgleichenden Schwierigkeiten ausgetilgt zu sein scheint? Die Antwort könnte nicht einfacher sein:
Wenn es der Gesetzmäßigkeit des Universums entspricht, Wunder zu relativieren, dann - ändere ich das Universum eben.
Ja, sich zu finden, zu einigen, zu verstehen, anzunehmen und sein zu lassen, ist unsagbar schwierig, aber längst nicht zu schwierig für das Wunder der Liebe. Mag ja sein, daß Statistik und Wahrscheinlichkeit Gutes und Schlechtes eins zu eins gegeneinandersetzen. Objektiv besteht eben ein Gleichgewicht, dessen nüchterne Analyse einen verzweifeln lassen möchte.
Aber: Pfeif' auf die Objektivität! Zur Hölle mit allen Analysen. Wir reden hier über Wunder! Und ein Wunder wäre ja kein Wunder, wenn es nicht Wunderbares beinhaltete. Ich steige hinweg über die Objektivität und gewähre mir den irrationalen Ansatz, das Wunder für größer, für bedeutender und für echter zu erachten als sein aufgeblasenes statistisches Schwierigkeitsgegengewicht. Mit spöttischem Lächeln schaue ich hinab auf den kläglichen Versuch des Universums, mir mein Wunder zu verleiden. Denn das Wunder ist das einzige, was zählt.
Geh nicht weg, mein Wunder. Wir haben gerade erst begonnen, das Universum zu verändern.
Samstag, 28. Juli 2012
Meeresrausch
Ich habe es lange nicht gesehen, das Meer, doch nun, da ich, die nackten Füße im feuchten Sand, meinen Blick darein versenke, wie es gierig an der Küste leckt, verführt mich seine grüne Tiefe zu verwegensten Gedanken, und das Gleichmaß seines kraftvollen Drängens berauscht meine Sinne.
Vermißt habe ich es, das Meer und seinen rücksichtslosen Egoismus, mit dem es nicht wirbt und buhlt, sondern nimmt. Zuweilen bewundere und beneide ich diese meinem Wesen so ganz und gar fremden Eigenschaften und wünschte mir, weniger geworben und gebuhlt, berücksichtigt und geschont und stattdessen mehr genommen zu haben. Denn mein Werben und meine Rücksicht haben mich immer dann besonders lächerlich gemacht, wenn sie meinen sehnlichsten Zielen galten.
Zugleich empört es mich, das Meer, denn in seinem hartnäckigen Drängen liegt soviel Brutalität und Kompromißlosigkeit, daß mir sein Treiben nur gierig, triebhaft und geistlos, und in keiner Weise liebevoll vorkommt. Manchmal scheint es den Strand mit verspielt gekräuselten kleinen Wellen zu küssen, aber schon im nächsten Moment, als ob ihm die Zärtlichkeiten nicht mehr genügen, penetriert es ihn mit gewaltigen Brechern, und nichts bleibt dem Land, als die rohe Lust des Meeres über sich ergehen zu lassen.
Es zieht mich an, das Meer, in seiner Grobheit, seiner düsteren Gewalt. Es fasziniert mich, weil ich es erkenne, es verstehe, ohne selbst so sein zu können. Das Meer bekommt, was es will. Drängend, nehmend. Und was es hat, verschlingt und vernichtet es, macht es zum Teil seiner selbst, um sich noch mehr von dem zu nehmen, was es noch nicht hat.
Ich bin nicht wie das Meer. Konnte nie so sein. Wollte es auch nicht. Gebannt und wehrlos sehe ich zu, wie es sich Befriedigung verschafft und zugleich die Saat der Liebe, die ich an Land ausgestreut habe, achtlos davonspült. Seine grüne Tiefe verführt mich zu verwegensten Gedanken, derer ich keinen einzigen je werde umsetzen können.
Vermißt habe ich es, das Meer und seinen rücksichtslosen Egoismus, mit dem es nicht wirbt und buhlt, sondern nimmt. Zuweilen bewundere und beneide ich diese meinem Wesen so ganz und gar fremden Eigenschaften und wünschte mir, weniger geworben und gebuhlt, berücksichtigt und geschont und stattdessen mehr genommen zu haben. Denn mein Werben und meine Rücksicht haben mich immer dann besonders lächerlich gemacht, wenn sie meinen sehnlichsten Zielen galten.
Zugleich empört es mich, das Meer, denn in seinem hartnäckigen Drängen liegt soviel Brutalität und Kompromißlosigkeit, daß mir sein Treiben nur gierig, triebhaft und geistlos, und in keiner Weise liebevoll vorkommt. Manchmal scheint es den Strand mit verspielt gekräuselten kleinen Wellen zu küssen, aber schon im nächsten Moment, als ob ihm die Zärtlichkeiten nicht mehr genügen, penetriert es ihn mit gewaltigen Brechern, und nichts bleibt dem Land, als die rohe Lust des Meeres über sich ergehen zu lassen.
Es zieht mich an, das Meer, in seiner Grobheit, seiner düsteren Gewalt. Es fasziniert mich, weil ich es erkenne, es verstehe, ohne selbst so sein zu können. Das Meer bekommt, was es will. Drängend, nehmend. Und was es hat, verschlingt und vernichtet es, macht es zum Teil seiner selbst, um sich noch mehr von dem zu nehmen, was es noch nicht hat.
Ich bin nicht wie das Meer. Konnte nie so sein. Wollte es auch nicht. Gebannt und wehrlos sehe ich zu, wie es sich Befriedigung verschafft und zugleich die Saat der Liebe, die ich an Land ausgestreut habe, achtlos davonspült. Seine grüne Tiefe verführt mich zu verwegensten Gedanken, derer ich keinen einzigen je werde umsetzen können.
Donnerstag, 12. Juli 2012
Wolkenleben
Die Wolken ziehen heute schnell am Julihimmel. Wie in Eile fliegen sie dahin. Fast so als hätten sie ein Ziel. Vielleicht glauben sie es sogar. Aber sie haben keins. Es ist nur der Wind, der sie treibt. Einige von ihnen zerfasert er, verwirbelt sie und löst sie auf. Sie lassen sich zerstören, indem sie sich treiben lassen, diese Wolken. Andere werden dicht, ballen sich zusammen und fliegen noch schneller dahin. Es sind, so möchte man glauben, die mächtigen Wolken, die sich selbst vom Wind, der sie treibt, nicht mehr sauber unterscheiden können. Sie vermögen die Sonne zu verdunkeln, das Land zu beregnen oder Blitze zu schleudern. Ganz wie es ihnen beliebt. Aber es ist dennoch nur der Wind, der sie treibt.
Hübscher anzusehen sind indes die kleinen, die verwirbelten Wolken, die, dem Spiel des Windes ausgesetzt, bald hierhin, bald dahin treiben, sich auflösen, um an anderer Stelle in neuer und erfreulicher Form wieder erscheinen. Sie lassen die Sonne durch und taugen nicht zum Regnen oder Blitzeschleudern. Sie sind einfach nur hübsch anzusehen, auch wenn sie dabei vergehen.
Mein Blick sinkt auf die Erde. Hier unten auf dem Platz vor der Alten Oper regt sich kein Lüftchen. Wie eine brütende Henne hat sich die Julihitze auf die Stadt gesetzt. Heiß und bewegungslos hat sie platzgenommen zwischen all den unbequemen Wolkenkratzern. Und dennoch eilen die Menschen umher, getrieben von einem Wind, der nur in ihnen weht. Auch sie glauben, ein Ziel zu haben, und ich frage mich, was das sein mag. Geld, Ansehen, Sinn? Oder laufen sie weg? Vor sich selbst, vor ihren Träumen? Nein, so sehen sie nicht aus. Sie schauen nach vorne, haben den Blick fest auf den nächsten Termin, den nächsten Erfolg gerichtet. Manche von ihnen sind eins geworden mit ihrem inneren Antrieb. Sie erreichen etwas, wie man so schön sagt. Nach Belieben beglücken oder verdammen sie ihre Welt. Die anderen werden getrieben, und ihr innerer Wind zerfasert nach und nach ihre Seele, solange bis sie vergehen und verwehen.
Ich selbst? Sitze nur so da. Es mangelt mir an Antrieb. Das habe ich schon oft gehört. So wird man nicht mächtig. Keine Blitze, kein Regen. Aber man zerfasert auch nicht. Man ist einfach nur. Und schaut.
Das Wolkenleben wäre wohl nichts für mich.
Hübscher anzusehen sind indes die kleinen, die verwirbelten Wolken, die, dem Spiel des Windes ausgesetzt, bald hierhin, bald dahin treiben, sich auflösen, um an anderer Stelle in neuer und erfreulicher Form wieder erscheinen. Sie lassen die Sonne durch und taugen nicht zum Regnen oder Blitzeschleudern. Sie sind einfach nur hübsch anzusehen, auch wenn sie dabei vergehen.
Mein Blick sinkt auf die Erde. Hier unten auf dem Platz vor der Alten Oper regt sich kein Lüftchen. Wie eine brütende Henne hat sich die Julihitze auf die Stadt gesetzt. Heiß und bewegungslos hat sie platzgenommen zwischen all den unbequemen Wolkenkratzern. Und dennoch eilen die Menschen umher, getrieben von einem Wind, der nur in ihnen weht. Auch sie glauben, ein Ziel zu haben, und ich frage mich, was das sein mag. Geld, Ansehen, Sinn? Oder laufen sie weg? Vor sich selbst, vor ihren Träumen? Nein, so sehen sie nicht aus. Sie schauen nach vorne, haben den Blick fest auf den nächsten Termin, den nächsten Erfolg gerichtet. Manche von ihnen sind eins geworden mit ihrem inneren Antrieb. Sie erreichen etwas, wie man so schön sagt. Nach Belieben beglücken oder verdammen sie ihre Welt. Die anderen werden getrieben, und ihr innerer Wind zerfasert nach und nach ihre Seele, solange bis sie vergehen und verwehen.
Ich selbst? Sitze nur so da. Es mangelt mir an Antrieb. Das habe ich schon oft gehört. So wird man nicht mächtig. Keine Blitze, kein Regen. Aber man zerfasert auch nicht. Man ist einfach nur. Und schaut.
Das Wolkenleben wäre wohl nichts für mich.
Samstag, 7. Juli 2012
Sepia
Ich sitze neben einer
Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine
übergeschlagen, einen Arm lässig auf der Lehne abgelegt, weil man
das hier so macht - lässig ist man; es paßt zu mir - und schaue durch
braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel.
Schmeichelhaft ist dieser Ton; er macht alles warm und weich. Den
Himmel, das Rathaus, die leise rauschenden Bäume, den Asphalt des
Platzes sogar. Er macht mich ganz ruhig. Eine Beruhigungsbrille ist
es, die ich da trage. Man kann meine Augen sehen, aber nicht zu tief
hineinschauen. Lässig läßt es sich so sitzen mit dieser Brille.
Denn so macht man es hier schließlich.
Mädchen in leichten Sommerkleidern schlendern an mir vorbei, aber ansehen tut mich niemand, schon eine Weile nicht mehr. Ich habe meine Anziehungskraft verloren, bin unsichtbar geworden in dieser Stadt, die mich nie aufgenommen hat, gleich, wie sehr ich um ihre Gunst gebuhlt habe. Solange ich buhlte, sah man mich an. Aber ich suche keine Gunst mehr. Nicht die der Stadt, und auch nicht die der Mädchen. Und so sitze ich nicht eigentlich lässig hier, wie man es eben macht; das Wort trifft es nicht ganz. Eher gelassen. Gelassen von der eigenen Leine, an der ich mich führte, während ich buhlte. Gelassen aus dem würgenden Griff meiner rastlosen Gier.
Ich sehe sie an, die schlendernden Mädchen in ihren leichten Sommerkleidern, sehe durch meine Beruhigungsbrille ihren federnden Gang, ihre schlanken, nackten Arme, bei deren Anblick ich früher die übergeschlagenen Beine ein wenig aufeinander gepreßt hätte, um meine Erregung deutlicher zu spüren, und ihr unbeschwertes Lachen. Sehe es ohne Gier. Ohne den Drang zu buhlen. Gelassen.
Als ich damals in diese Stadt kam, die mich nie aufgenommen hat, wähnte ich mich frei. Frei von allem, was ich hinter mir gelassen hatte, frei von allen Zwängen und Engen, die mein altes Leben um mich zu legen begonnen hatte, und diese Freiheit, die auch immer ein wenig eine Leere ist, füllte ich eine Weile lang mit der gierigen Jagd nach allem, was neu und anders war als das, was ich zurückgelassen hatte. Grün waren meine Sonnenbrillengläser damals, und mein Blick zuckte suchend und buhlend hinter ihnen herum, um in der grünen Stadt irgendeinen Halt zu finden. Aber was dieser Blick auch erfaßte, entglitt ihm bald wieder und versank schweigend und kühl im grünen Asphalt. Es war, als lockte die Stadt, die mich nie aufgenommen hat, mein Bemühen nur zu dem einen Zweck hervor, es zu enttäuschen. Und gedüngt von dieser Enttäuschung wuchsen meiner Gier immer mehr Tentakel, die immer schneller in immer mehr Richtungen grabschten, um einen immer beliebigeren Halt zu finden. Sie umzappelten mich so wild, daß ich mich darin versponn und meine Gier mir den Atem nahm, sogar den zum Buhlen, während die grüne Stadt um mich herum ihren federnden Gang ging und unbeschwert lachte, lässig, so wie man es hier eben macht.
Und dann wurde es schattig. Jemand trat vor mich, verdeckte die Sonne und nahm mir die grüne Brille ab. Nahm sie und trat einen Schritt zurück. Und wie ein Kuß aus Feuer stach die Sonne tief in meinen Kopf, und die Tentakel erlahmten. Sie fielen von mir ab, und ich begann zu atmen. Klare, ungefärbte sonnige Erkenntnis. Und noch ehe mir klar wurde, daß meine Welt eine andere Farbe brauchte, hatte ich wie durch ein Wunder die Beruhigungsbrille auf, und die grüne Stadt wurde sepiabraun. Warm und weich. Und mein Blick auf all das Schlendern und Lachen und Rauschen um mich herum wurde gelassen.
So sitze ich hier neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm gelassen auf der Lehne abgelegt, und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel.
Mädchen in leichten Sommerkleidern schlendern an mir vorbei, aber ansehen tut mich niemand, schon eine Weile nicht mehr. Ich habe meine Anziehungskraft verloren, bin unsichtbar geworden in dieser Stadt, die mich nie aufgenommen hat, gleich, wie sehr ich um ihre Gunst gebuhlt habe. Solange ich buhlte, sah man mich an. Aber ich suche keine Gunst mehr. Nicht die der Stadt, und auch nicht die der Mädchen. Und so sitze ich nicht eigentlich lässig hier, wie man es eben macht; das Wort trifft es nicht ganz. Eher gelassen. Gelassen von der eigenen Leine, an der ich mich führte, während ich buhlte. Gelassen aus dem würgenden Griff meiner rastlosen Gier.
Ich sehe sie an, die schlendernden Mädchen in ihren leichten Sommerkleidern, sehe durch meine Beruhigungsbrille ihren federnden Gang, ihre schlanken, nackten Arme, bei deren Anblick ich früher die übergeschlagenen Beine ein wenig aufeinander gepreßt hätte, um meine Erregung deutlicher zu spüren, und ihr unbeschwertes Lachen. Sehe es ohne Gier. Ohne den Drang zu buhlen. Gelassen.
Als ich damals in diese Stadt kam, die mich nie aufgenommen hat, wähnte ich mich frei. Frei von allem, was ich hinter mir gelassen hatte, frei von allen Zwängen und Engen, die mein altes Leben um mich zu legen begonnen hatte, und diese Freiheit, die auch immer ein wenig eine Leere ist, füllte ich eine Weile lang mit der gierigen Jagd nach allem, was neu und anders war als das, was ich zurückgelassen hatte. Grün waren meine Sonnenbrillengläser damals, und mein Blick zuckte suchend und buhlend hinter ihnen herum, um in der grünen Stadt irgendeinen Halt zu finden. Aber was dieser Blick auch erfaßte, entglitt ihm bald wieder und versank schweigend und kühl im grünen Asphalt. Es war, als lockte die Stadt, die mich nie aufgenommen hat, mein Bemühen nur zu dem einen Zweck hervor, es zu enttäuschen. Und gedüngt von dieser Enttäuschung wuchsen meiner Gier immer mehr Tentakel, die immer schneller in immer mehr Richtungen grabschten, um einen immer beliebigeren Halt zu finden. Sie umzappelten mich so wild, daß ich mich darin versponn und meine Gier mir den Atem nahm, sogar den zum Buhlen, während die grüne Stadt um mich herum ihren federnden Gang ging und unbeschwert lachte, lässig, so wie man es hier eben macht.
Und dann wurde es schattig. Jemand trat vor mich, verdeckte die Sonne und nahm mir die grüne Brille ab. Nahm sie und trat einen Schritt zurück. Und wie ein Kuß aus Feuer stach die Sonne tief in meinen Kopf, und die Tentakel erlahmten. Sie fielen von mir ab, und ich begann zu atmen. Klare, ungefärbte sonnige Erkenntnis. Und noch ehe mir klar wurde, daß meine Welt eine andere Farbe brauchte, hatte ich wie durch ein Wunder die Beruhigungsbrille auf, und die grüne Stadt wurde sepiabraun. Warm und weich. Und mein Blick auf all das Schlendern und Lachen und Rauschen um mich herum wurde gelassen.
So sitze ich hier neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm gelassen auf der Lehne abgelegt, und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel.
Samstag, 23. Juni 2012
Titel: ohne
Wie ich mich auf dem Balkone
meiner Bohne heut belohne
dafür, daß ich wie 'ne Drohne
(oder ihre tausend Klone)
faulem Volk zum groben Hohne
mich im Dienste der Ikone
fleiß'gen Tagewerks nicht schone -
ja, das ist mal gar nicht ohne!
meiner Bohne heut belohne
dafür, daß ich wie 'ne Drohne
(oder ihre tausend Klone)
faulem Volk zum groben Hohne
mich im Dienste der Ikone
fleiß'gen Tagewerks nicht schone -
ja, das ist mal gar nicht ohne!
Dienstag, 15. Mai 2012
Warum bist Du denn jetzt schon wieder offline?
Irrungen und Wirrungen einer virtuellen Beziehung
(Text zur Lesung am 2. Mai 2012)
Es ist so toll, daß es WhatsApp gibt! Twitter, Facebook, Skype! Besonders, wenn man – wie wir – eine Fernebziehung führt. Wie einfach ist doch die tägliche Kommunikation durch diese Medien geworden, die immer und überall verfügbar sind und obendrein nichts kosten! Wieviel leichter ist es geworden, in ständigem, innigen Austausch zu stehen, als damals, da man sich noch anrufen oder gar Briefe schreiben mußte! Schöne neue Welt, besonders für zwei Schreiberlinge, deren kraftvollster, intensivster Ausdruck von jeher im geschrieben Wort liegt – wie perfekt läßt sich so die räumliche Distanz ertragen, ja überbrücken gar!
Und geht’s vielleicht nur mir so? Wo man geht und steht, sieht man Menschen eifrig in ihre schlauen Telefone tippen. Nie war man sich so nah wie heute!
„Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.“
So etwas würde man sich am Telefon wohl eher selten sagen! Mit einem iPhone jedoch sind derlei vollkommene Liebesschwüre auch über 1000 km hinweg mal eben schnell dem anderen Herzen zugeeignet!
Gewiß, sie birgt zuweilen auch ihre Tücken, die Schriftlichkeit. Dem Durchschnittsmenschen mag die Intonation dabei fehlen, die Mimik und die Bedeutungsnuancen, die man nur in der Melodie des gesprochenen Wortes wahrnimmt, und so entstehen aus dem Mangel an Mündlichkeit hier und da Mißverständnisse, Streitigkeiten gar.
Nicht so bei uns Schreiberlingen! Unsereins weiß mit dem Wort doch ganz anders umzugehen, und wären wir nicht in der Lage, unsere Botschaften auch ohne kommunikative Banalitäten wie Mimik und Betonung klar und deutlich zu vermitteln, hätten wir wohl unseren Beruf verfehlt. Ich zeige Ihnen mal, was ich meine, und schreibe meiner Freundin schnell ein paar geistvolle, poetische Zeilen:
„Geliebtes Nasenbärchen“ (man sagt sich ja gern neckische Zärtlichkeiten) „ich denke gerade so sehr an Dich! Geht es Dir gut? Kuß!“
Und noch ein rotes Herzchen dazu! So. Ich bin schon sehr romantisch. Und sieh an – da kommt schon ihre Antwort! Schnelle neue Welt. Was schreibt sie denn…?
„Geliebtes Schielauge“ (naja, das finde ich jetzt nicht so zärtlich) „mir geht es ganz gut. Wo warst Du denn gestern abend? Hatte gedacht, ich höre noch von Dir, und hab mir Sorgen gemacht.“
Ein rosa Herz steht dahinter. Wieso denn nur rosa? Sonst sind sie immer rot! Bestimmt paßt ihr wieder nicht, daß ich mich gestern nicht mehr gemeldet habe. Mal sehen, was ich ihr Feinsinniges, Diplomatisches zurückschreibe…
„Ich war mit ein paar Freunden fort, und irgendwie finde ich es nicht gut, daß Du mir das immer zum Vorwurf machst. Habe nun mal hier auch ein Leben.“
Das mag erst mal genügen als liebevoller Hinweis darauf, daß sie doch ziemlich schnell zur Eifersucht neigt. Ich bin nämlich immer sehr liebevoll und einfühlsam, müssen Sie wissen. Sie ist aber auch schrecklich empfindlich. Ah, sie antwortet:
„Das war doch kein Vorwurf, mein Herz! Wollte bloß wissen, warum ich gestern nichts mehr von Dir gehört habe. Und wenn Du nur gereizt reagierst und nix erzählst, sondern nur sagst, Du warst mit irgendwelchen namenlosen Freunden unterwegs, dann ist das schon bißchen komisch, oder?“
Moment bitte. Ein wenig mehr Einfühlsamkeit scheint gefragt. Ihr geht es offenbar nicht so gut mit der Situation.
„DU bist komisch heute! Immer nur Vorwürfe, anstatt einfach mal zu vertrauen. Weißt Du, diese paranoide Attitüde…“
Oh. Tut mir leid, daß Sie das jetzt mitbekommen mußten. Ich schreibe ihr nachher noch mal. Wissen Sie, normalerweise klappt das besser mit der schriftlichen Kommunikation. Ich zeige Ihnen das später. Manchmal ist es eben mühsam. Ich meine, haben Sie mal versucht, mit einem Menschen zu diskutieren, der auf jede Aussage ausschließlich emotional und ohne einen Hauch rationaler Überlegung reagiert, in jedem Wort nicht ansatzweise den Kern dessen, was gemeint ist, sondern nur die Kränkung seiner Person sucht und in jeder noch so sanften Kritik, ja in jeder abweichenden Meinung nichts als eine Beleidigung sieht, die ihn sofort berechtigt, alles Gesagte abzuwehren und als unzulässig zu denunzieren?
Es ist schon recht anstrengend, wenn jemand sich empört auf einzelne Wörter stürzt, die ihm nicht passen, anstatt erst mal einen Gesamtzusammenhang entstehen zu lassen, zuzuhören, Gesagtes auf sich wirken zu lassen und sich wenigstens ansatzweise mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken und Verletzlichkeiten seines Gegenübers auseinanderzusetzen, kurz: wenn jemand sich sofort und mit allem nur angegriffen und abgewertet fühlt, anstatt zu begreifen, daß mit dem Diskurs nur ein spezifisches Phänomen, ein Einzelfall, nicht aber er als Mensch problematisiert wird. Ich tue das ja schließlich auch. Ich bin nämlich nicht nur sehr einfühlsam, sondern auch durchaus kritikfähig.
Oh. Moment. Was schreibt sie da?
„Wieso bist Du denn jetzt schon wieder offline?! Finde ich echt nicht okay, daß Du auf meine Nachricht nicht mal mehr antwortest. Wieder mit ‚Freunden‘ beschäftigt? Und dazu, daß ich am Wochenende kommen wollte, hast Du Dich auch noch nicht geäußert. Weißt Du, es reicht mir langsam. Wenn Du Dein lustiges Leben führen willst, dann mach das, aber ohne mich!“
Stimmt, ich habe ganz vergessen, ihr zurückzuschreiben, während ich mit Ihnen geplaudert habe. Dennoch - was denkt sie denn, was ich hier mache? Lustiges Leben, tze! Und KEIN Herzchen!! Entschuldigen Sie mich, ich muß das kurz klären!
„MIR reicht es langsam! Ich fühle mich derart kontrolliert von Dir, und Dein Mißtrauen ist unerträglich. So läßt sich doch keine Beziehung führen! Und auf Deinen Besuch freue ich mich eh, das habe ich doch schon gesagt!“
Das klingt jetzt natürlich ein wenig hart, aber tief in meinem Herzen bin ich gar nicht wirklich in Streitlaune. Ich bin liebevoll wie immer, und eigentlich ließe sich dieser Streit im Nu auflösen. Aber wissen Sie, jede Macke kann ich ihr ja nun auch nicht durchgehen lassen. Sie muß schon irgendwann begreifen, daß ihr Mißtrauen mehr Schaden als Nutzen bringt. Was schreibt sie da?
„Du freust Dich EH?! Ich kann auch daheim bleiben, wenn’s Dir so egal ist!“
Ah, die Tücken der Sprache! Das sagt man halt in Österreich so!!! Vielleicht sollte sie in dieser Stimmung wirklich zu Hause bleiben. Ich schreibe mal schnell was Versöhnliches, dann kann sie ja mal nachdenken, ob das alles so angemessen ist, was sie hier aufführt.
„Ja, vielleicht bleibst Du wirklich besser daheim! Das hält ja niemand aus so!“
So. Sie schreibt bestimmt gleich zurück und sieht ein, daß sie überempfindlich war. Ab und zu sieht sie ja auch mal was ein. Was vermutlich daran liegt, daß ich im Großen und Ganzen ja doch sehr liebevoll und einfühlsam mit ihr bin.
Hm. Einen Tag lang nichts gehört. Oh, nun hat sie mich bei Facebook gelöscht. Eine sehr harte Geste. Sie wird doch nicht ernsthaft denken, ich hätte Schluß gemacht? Das will ich doch gar nicht. Ich will doch nur, daß sie begreift, wie paranoid sie ist und wie unrecht sie mir tut.
Na gut, ich twittere mal was. Da schaut sie immer nach. Sie kann es ja doch nicht lassen, überall zu schauen, was ich mache und schreibe…
„Es gibt Menschen, die vor offenen Toren stehen und glauben, nicht hindurchgehen zu können, nur weil ihnen jemand sagte, sie seien verschlossen!“
Das ist sehr geistvoll. Und einfühlsam. Es soll ja gar nicht vorbei sein… Aber wenn ich ihr jetzt schreibe, verliere ich vollkommen mein Gesicht. Dann nimmt sie mich ja nie wieder ernst. Lieber noch ein versteckter Hinweis bei Twitter:
„Nur ein kleiner Schritt über den eigenen Schatten, aber ein gigantischer Sprung für die Liebe…“
Das müßte sie jetzt aber wirklich verstehen. Warum schreibt sie mir denn nicht? Schon den dritten Tag nicht. Hm. Sollten wir uns tatsächlich so mißverstanden haben? Wir Schreiberlinge? Kann doch eigentlich nicht sein. Eigentlich bestand doch gar kein echtes Problem. Ich war mit ein paar Freunden aus, daran ist nichts Unrechtes. Wir haben uns da wohl in etwas reingesteigert. Hm. Vielleicht war ich doch nicht einfühlsam genug… Ich denke, ich werde ihr schreiben. Über meinen Schatten springen. Und tatsächlich etwas einfühlsamer sein. Ich bin nämlich sehr gerne mit ihr zusammen.
Vielleicht rufe ich sie besser an.
(Text zur Lesung am 2. Mai 2012)
Es ist so toll, daß es WhatsApp gibt! Twitter, Facebook, Skype! Besonders, wenn man – wie wir – eine Fernebziehung führt. Wie einfach ist doch die tägliche Kommunikation durch diese Medien geworden, die immer und überall verfügbar sind und obendrein nichts kosten! Wieviel leichter ist es geworden, in ständigem, innigen Austausch zu stehen, als damals, da man sich noch anrufen oder gar Briefe schreiben mußte! Schöne neue Welt, besonders für zwei Schreiberlinge, deren kraftvollster, intensivster Ausdruck von jeher im geschrieben Wort liegt – wie perfekt läßt sich so die räumliche Distanz ertragen, ja überbrücken gar!
Und geht’s vielleicht nur mir so? Wo man geht und steht, sieht man Menschen eifrig in ihre schlauen Telefone tippen. Nie war man sich so nah wie heute!
„Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.“
So etwas würde man sich am Telefon wohl eher selten sagen! Mit einem iPhone jedoch sind derlei vollkommene Liebesschwüre auch über 1000 km hinweg mal eben schnell dem anderen Herzen zugeeignet!
Gewiß, sie birgt zuweilen auch ihre Tücken, die Schriftlichkeit. Dem Durchschnittsmenschen mag die Intonation dabei fehlen, die Mimik und die Bedeutungsnuancen, die man nur in der Melodie des gesprochenen Wortes wahrnimmt, und so entstehen aus dem Mangel an Mündlichkeit hier und da Mißverständnisse, Streitigkeiten gar.
Nicht so bei uns Schreiberlingen! Unsereins weiß mit dem Wort doch ganz anders umzugehen, und wären wir nicht in der Lage, unsere Botschaften auch ohne kommunikative Banalitäten wie Mimik und Betonung klar und deutlich zu vermitteln, hätten wir wohl unseren Beruf verfehlt. Ich zeige Ihnen mal, was ich meine, und schreibe meiner Freundin schnell ein paar geistvolle, poetische Zeilen:
„Geliebtes Nasenbärchen“ (man sagt sich ja gern neckische Zärtlichkeiten) „ich denke gerade so sehr an Dich! Geht es Dir gut? Kuß!“
Und noch ein rotes Herzchen dazu! So. Ich bin schon sehr romantisch. Und sieh an – da kommt schon ihre Antwort! Schnelle neue Welt. Was schreibt sie denn…?
„Geliebtes Schielauge“ (naja, das finde ich jetzt nicht so zärtlich) „mir geht es ganz gut. Wo warst Du denn gestern abend? Hatte gedacht, ich höre noch von Dir, und hab mir Sorgen gemacht.“
Ein rosa Herz steht dahinter. Wieso denn nur rosa? Sonst sind sie immer rot! Bestimmt paßt ihr wieder nicht, daß ich mich gestern nicht mehr gemeldet habe. Mal sehen, was ich ihr Feinsinniges, Diplomatisches zurückschreibe…
„Ich war mit ein paar Freunden fort, und irgendwie finde ich es nicht gut, daß Du mir das immer zum Vorwurf machst. Habe nun mal hier auch ein Leben.“
Das mag erst mal genügen als liebevoller Hinweis darauf, daß sie doch ziemlich schnell zur Eifersucht neigt. Ich bin nämlich immer sehr liebevoll und einfühlsam, müssen Sie wissen. Sie ist aber auch schrecklich empfindlich. Ah, sie antwortet:
„Das war doch kein Vorwurf, mein Herz! Wollte bloß wissen, warum ich gestern nichts mehr von Dir gehört habe. Und wenn Du nur gereizt reagierst und nix erzählst, sondern nur sagst, Du warst mit irgendwelchen namenlosen Freunden unterwegs, dann ist das schon bißchen komisch, oder?“
Moment bitte. Ein wenig mehr Einfühlsamkeit scheint gefragt. Ihr geht es offenbar nicht so gut mit der Situation.
„DU bist komisch heute! Immer nur Vorwürfe, anstatt einfach mal zu vertrauen. Weißt Du, diese paranoide Attitüde…“
Oh. Tut mir leid, daß Sie das jetzt mitbekommen mußten. Ich schreibe ihr nachher noch mal. Wissen Sie, normalerweise klappt das besser mit der schriftlichen Kommunikation. Ich zeige Ihnen das später. Manchmal ist es eben mühsam. Ich meine, haben Sie mal versucht, mit einem Menschen zu diskutieren, der auf jede Aussage ausschließlich emotional und ohne einen Hauch rationaler Überlegung reagiert, in jedem Wort nicht ansatzweise den Kern dessen, was gemeint ist, sondern nur die Kränkung seiner Person sucht und in jeder noch so sanften Kritik, ja in jeder abweichenden Meinung nichts als eine Beleidigung sieht, die ihn sofort berechtigt, alles Gesagte abzuwehren und als unzulässig zu denunzieren?
Es ist schon recht anstrengend, wenn jemand sich empört auf einzelne Wörter stürzt, die ihm nicht passen, anstatt erst mal einen Gesamtzusammenhang entstehen zu lassen, zuzuhören, Gesagtes auf sich wirken zu lassen und sich wenigstens ansatzweise mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken und Verletzlichkeiten seines Gegenübers auseinanderzusetzen, kurz: wenn jemand sich sofort und mit allem nur angegriffen und abgewertet fühlt, anstatt zu begreifen, daß mit dem Diskurs nur ein spezifisches Phänomen, ein Einzelfall, nicht aber er als Mensch problematisiert wird. Ich tue das ja schließlich auch. Ich bin nämlich nicht nur sehr einfühlsam, sondern auch durchaus kritikfähig.
Oh. Moment. Was schreibt sie da?
„Wieso bist Du denn jetzt schon wieder offline?! Finde ich echt nicht okay, daß Du auf meine Nachricht nicht mal mehr antwortest. Wieder mit ‚Freunden‘ beschäftigt? Und dazu, daß ich am Wochenende kommen wollte, hast Du Dich auch noch nicht geäußert. Weißt Du, es reicht mir langsam. Wenn Du Dein lustiges Leben führen willst, dann mach das, aber ohne mich!“
Stimmt, ich habe ganz vergessen, ihr zurückzuschreiben, während ich mit Ihnen geplaudert habe. Dennoch - was denkt sie denn, was ich hier mache? Lustiges Leben, tze! Und KEIN Herzchen!! Entschuldigen Sie mich, ich muß das kurz klären!
„MIR reicht es langsam! Ich fühle mich derart kontrolliert von Dir, und Dein Mißtrauen ist unerträglich. So läßt sich doch keine Beziehung führen! Und auf Deinen Besuch freue ich mich eh, das habe ich doch schon gesagt!“
Das klingt jetzt natürlich ein wenig hart, aber tief in meinem Herzen bin ich gar nicht wirklich in Streitlaune. Ich bin liebevoll wie immer, und eigentlich ließe sich dieser Streit im Nu auflösen. Aber wissen Sie, jede Macke kann ich ihr ja nun auch nicht durchgehen lassen. Sie muß schon irgendwann begreifen, daß ihr Mißtrauen mehr Schaden als Nutzen bringt. Was schreibt sie da?
„Du freust Dich EH?! Ich kann auch daheim bleiben, wenn’s Dir so egal ist!“
Ah, die Tücken der Sprache! Das sagt man halt in Österreich so!!! Vielleicht sollte sie in dieser Stimmung wirklich zu Hause bleiben. Ich schreibe mal schnell was Versöhnliches, dann kann sie ja mal nachdenken, ob das alles so angemessen ist, was sie hier aufführt.
„Ja, vielleicht bleibst Du wirklich besser daheim! Das hält ja niemand aus so!“
So. Sie schreibt bestimmt gleich zurück und sieht ein, daß sie überempfindlich war. Ab und zu sieht sie ja auch mal was ein. Was vermutlich daran liegt, daß ich im Großen und Ganzen ja doch sehr liebevoll und einfühlsam mit ihr bin.
Hm. Einen Tag lang nichts gehört. Oh, nun hat sie mich bei Facebook gelöscht. Eine sehr harte Geste. Sie wird doch nicht ernsthaft denken, ich hätte Schluß gemacht? Das will ich doch gar nicht. Ich will doch nur, daß sie begreift, wie paranoid sie ist und wie unrecht sie mir tut.
Na gut, ich twittere mal was. Da schaut sie immer nach. Sie kann es ja doch nicht lassen, überall zu schauen, was ich mache und schreibe…
„Es gibt Menschen, die vor offenen Toren stehen und glauben, nicht hindurchgehen zu können, nur weil ihnen jemand sagte, sie seien verschlossen!“
Das ist sehr geistvoll. Und einfühlsam. Es soll ja gar nicht vorbei sein… Aber wenn ich ihr jetzt schreibe, verliere ich vollkommen mein Gesicht. Dann nimmt sie mich ja nie wieder ernst. Lieber noch ein versteckter Hinweis bei Twitter:
„Nur ein kleiner Schritt über den eigenen Schatten, aber ein gigantischer Sprung für die Liebe…“
Das müßte sie jetzt aber wirklich verstehen. Warum schreibt sie mir denn nicht? Schon den dritten Tag nicht. Hm. Sollten wir uns tatsächlich so mißverstanden haben? Wir Schreiberlinge? Kann doch eigentlich nicht sein. Eigentlich bestand doch gar kein echtes Problem. Ich war mit ein paar Freunden aus, daran ist nichts Unrechtes. Wir haben uns da wohl in etwas reingesteigert. Hm. Vielleicht war ich doch nicht einfühlsam genug… Ich denke, ich werde ihr schreiben. Über meinen Schatten springen. Und tatsächlich etwas einfühlsamer sein. Ich bin nämlich sehr gerne mit ihr zusammen.
Vielleicht rufe ich sie besser an.
Mittwoch, 18. April 2012
Gewinnen oder verlieren
Es war die seltsamste Spielschau, die man je gesehen hat. Die Kandidatin saß wie gelähmt an ihrem Pult und starrte auf die vier Antwortmöglichkeiten - A, B, C oder D. Rastlos zuckte ihr Blick auf dem Bildschirm herum, gerade so als sei vielleicht die richtige Antwort ein bißchen heller als alle anderen, und man müsse nur geduldig warten, bis der Unterschied auffällig genug würde, um ganz sicher zu gehen. Aber dergleichen passiert nicht in solchen Spielen. Der Druck war fraglos enorm - bei dieser Frage ging es um den berauschenden Millionengewinn oder den demütigenden Absturz auf die Null, und so wurde die Kandidatin immer verspannter.
Dabei hatte alles so gut angefangen. Als sie das Scheinwerferlicht betreten und sich der Alternative zu gewinnen oder zu verlieren bedingungslos unterworfen hatte, waren ihr sogleich die Herzen des Publikums zugeflogen. Minutenlang hatte man ihr applaudiert, und sie hatte es sichtlich genossen. Mit jenem zauberhaften Lächeln, bei dem rechts stets ein kleiner Spalt zwischen ihren Lippen geöffnet blieb, auch wenn sie aufeinander lagen, und das die Frauen zauberhaft, die Männer hingegen geil fanden, hatte sie im Applaus geduscht und sich dann elegant auf den Hochstuhl gesetzt, auf dem sich ihr Schicksal entscheiden sollte. Die ersten Fragen hatte sie nicht ohne Zögern, aber fehlerlos beantwortet, und der Gewinn schien ihr gewiß.
Dann aber, gerade vor der Millionenfrage, fiel das Rechnersystem kurz aus, und der Bildschirm bot für ein paar Minuten keine Antwortmöglichkeiten. Eine Kleinigkeit, sollte man meinen, aber für die Kandidatin änderte sich in diesem Moment alles. Ihr Lächeln verschwand; ihr so schönes Gesicht verzerrte sich zu einer hysterischen Fratze, und sie schrie den Moderator an, daß sie das Spiel sofort verlassen wolle. Sie würde die Polizei rufen, wenn man sie nicht gehen ließe. Schrie's, sprang auf und rannte hinaus.
Es war still im Saal. Niemand regte sich. Niemand sprach. Ein leises Schluchzen aus den hinteren Reihen, das war alles, was man hörte. Auch der Moderator saß stumm auf seinem Stuhl und starrte durch sein Pult hindurch mit glasigen Augen ins Leere. Fast eine halbe Stunde saß man so, ohne daß etwas geschah.
Dann wurde das Publikum unruhig, und vom Eingang her breitete sich Gemurmel im ganzen Saal aus, das schließlich in einen erleichterten, prasselnden Applaus mündete - die Kandidatin war zurückgekehrt! Daß sie nach Nikotin roch und verweinte Augen hatte, war allenfalls dem Moderator bemerklich. Sie nahm Platz, und als wäre nichts geschehen, ließ der Moderator das Spiel weitergehen. Eigentlich hätte sie disqualifiziert werden müssen, aber das kam ihr nicht in den Sinn; vielmehr gefiel sie sich darin, überhaupt zurückgekehrt zu sein.
Dann stellte der Moderator die Millionenfrage, und die Kandidatin erstarrte. Sie verfiel in eine völlige Lähmung und schien nichts mehr wahrzunehmen. Einzig ihr Blick zuckte rastlos auf dem Bildschirm herum, gerade so als sei vielleicht die richtige Antwort ein bißchen heller als alle anderen. Der Moderator sah sie ermutigend an, aber sie bekam es nicht mit.
"C!" rief jemand aus dem Publikum, "die Antwort lautet C!"
Das war gegen die Regeln, aber mit einemmal schienen die ihre Gültigkeit verloren zu haben, und als ob sich das Publikum extra für sie zu einer Ausnahmesituation, zu einem Sonderrecht verschworen habe, erhoben sich immer mehr Stimmen und riefen "C! Wähle Antwort C!", bis es ein einziger Tumult aus Hilfe und Ermutigung war.
Die Kandidatin aber schien durch diese Hinweise erstrecht unsicher zu werden. Sie hielt sich die Ohren zu und schrie: "Nein, ich kann das nicht! Ich möchte aufhören!"
Schließlich legte der Moderator sanft die Hand auf ihren Arm, zog ihr behutsam die Hände von den Ohren und sagte: "Ihr Publikum hat recht! Es ist Antwort C. Drücken Sie auf C, und sie gewinnen die Million!"
"Das kann nicht sein!" schrie sie, "hier sind doch alle gegen mich! Ich habe so Angst davor, daß Ihr einfach nur gemein zu mir seid! Ich höre auf!" Und sie sprang auf und rannte abermals aus dem Saal.
Ein betroffenes Schweigen legte sich über die Menge. Dann stand einer nach dem anderen langsam und schweigend auf und ging. Bis der Moderator ganz allein war, mitten im Scheinwerferlicht, ohne Kandidatin, ohne Publikum, ohne Spiel und ohne Gewinner.
Als der Beleuchter begann, die Strahler abzuschalten, erhob sich der Moderator, ging hinaus und fuhr nach Hause. Von der Kandidatin hat er nie wieder etwas gehört.
Dabei hatte alles so gut angefangen. Als sie das Scheinwerferlicht betreten und sich der Alternative zu gewinnen oder zu verlieren bedingungslos unterworfen hatte, waren ihr sogleich die Herzen des Publikums zugeflogen. Minutenlang hatte man ihr applaudiert, und sie hatte es sichtlich genossen. Mit jenem zauberhaften Lächeln, bei dem rechts stets ein kleiner Spalt zwischen ihren Lippen geöffnet blieb, auch wenn sie aufeinander lagen, und das die Frauen zauberhaft, die Männer hingegen geil fanden, hatte sie im Applaus geduscht und sich dann elegant auf den Hochstuhl gesetzt, auf dem sich ihr Schicksal entscheiden sollte. Die ersten Fragen hatte sie nicht ohne Zögern, aber fehlerlos beantwortet, und der Gewinn schien ihr gewiß.
Dann aber, gerade vor der Millionenfrage, fiel das Rechnersystem kurz aus, und der Bildschirm bot für ein paar Minuten keine Antwortmöglichkeiten. Eine Kleinigkeit, sollte man meinen, aber für die Kandidatin änderte sich in diesem Moment alles. Ihr Lächeln verschwand; ihr so schönes Gesicht verzerrte sich zu einer hysterischen Fratze, und sie schrie den Moderator an, daß sie das Spiel sofort verlassen wolle. Sie würde die Polizei rufen, wenn man sie nicht gehen ließe. Schrie's, sprang auf und rannte hinaus.
Es war still im Saal. Niemand regte sich. Niemand sprach. Ein leises Schluchzen aus den hinteren Reihen, das war alles, was man hörte. Auch der Moderator saß stumm auf seinem Stuhl und starrte durch sein Pult hindurch mit glasigen Augen ins Leere. Fast eine halbe Stunde saß man so, ohne daß etwas geschah.
Dann wurde das Publikum unruhig, und vom Eingang her breitete sich Gemurmel im ganzen Saal aus, das schließlich in einen erleichterten, prasselnden Applaus mündete - die Kandidatin war zurückgekehrt! Daß sie nach Nikotin roch und verweinte Augen hatte, war allenfalls dem Moderator bemerklich. Sie nahm Platz, und als wäre nichts geschehen, ließ der Moderator das Spiel weitergehen. Eigentlich hätte sie disqualifiziert werden müssen, aber das kam ihr nicht in den Sinn; vielmehr gefiel sie sich darin, überhaupt zurückgekehrt zu sein.
Dann stellte der Moderator die Millionenfrage, und die Kandidatin erstarrte. Sie verfiel in eine völlige Lähmung und schien nichts mehr wahrzunehmen. Einzig ihr Blick zuckte rastlos auf dem Bildschirm herum, gerade so als sei vielleicht die richtige Antwort ein bißchen heller als alle anderen. Der Moderator sah sie ermutigend an, aber sie bekam es nicht mit.
"C!" rief jemand aus dem Publikum, "die Antwort lautet C!"
Das war gegen die Regeln, aber mit einemmal schienen die ihre Gültigkeit verloren zu haben, und als ob sich das Publikum extra für sie zu einer Ausnahmesituation, zu einem Sonderrecht verschworen habe, erhoben sich immer mehr Stimmen und riefen "C! Wähle Antwort C!", bis es ein einziger Tumult aus Hilfe und Ermutigung war.
Die Kandidatin aber schien durch diese Hinweise erstrecht unsicher zu werden. Sie hielt sich die Ohren zu und schrie: "Nein, ich kann das nicht! Ich möchte aufhören!"
Schließlich legte der Moderator sanft die Hand auf ihren Arm, zog ihr behutsam die Hände von den Ohren und sagte: "Ihr Publikum hat recht! Es ist Antwort C. Drücken Sie auf C, und sie gewinnen die Million!"
"Das kann nicht sein!" schrie sie, "hier sind doch alle gegen mich! Ich habe so Angst davor, daß Ihr einfach nur gemein zu mir seid! Ich höre auf!" Und sie sprang auf und rannte abermals aus dem Saal.
Ein betroffenes Schweigen legte sich über die Menge. Dann stand einer nach dem anderen langsam und schweigend auf und ging. Bis der Moderator ganz allein war, mitten im Scheinwerferlicht, ohne Kandidatin, ohne Publikum, ohne Spiel und ohne Gewinner.
Als der Beleuchter begann, die Strahler abzuschalten, erhob sich der Moderator, ging hinaus und fuhr nach Hause. Von der Kandidatin hat er nie wieder etwas gehört.
Dienstag, 10. April 2012
Osterbegegnung
"Frohe Ostern!" ruft eine vertraute Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und stehe vor dem alten Mann, der mein Vater war.
"Dir auch!" antworte ich. Er umarmt mich. Es befremdet mich und dauert mir zu lange. Ich löse mich sanft. Dann entsteht eine kurze Pause.
"Geht es Dir gut? Bist Du gesund?" frage ich, denn das ist im Grunde alles, was mich interessiert. Ich wünsche dem alten Mann, der mein Vater war, nämlich von Herzen, daß es ihm gut geht.
"Ja, danke", antwortet er, "sehr gut geht es mir." Er hält inne. "Ich hätte so viel zu sagen", fährt er schließlich fort, "aber dafür reicht die Zeit wohl nicht aus. Wir müßten mal eine ganze Nacht lang reden."
"Dann sollten wir uns diese Gelegenheit schaffen", sage ich, "wenn Du das möchtest."
Insgeheim staune ich ein wenig über sein Bemühen. 15 Jahre hatten wir uns nichts zu sagen. Nun scheint ihm tatsächlich an einer Aussprache gelegen. Der alte Mann, der mein Vater war, scheint weiser geworden, ruhiger, versöhnlicher.
"Ich habe so viel nachgedacht", sagt er, "und es wurden sicher auf beiden Seiten Fehler gemacht."
Mein Erstaunen wächst. Solche Zugeständnisse bin ich nicht gewöhnt von dem alten Mann, der mein Vater war.
"Und ich habe mittlerweile erkannt", fährt er fort, und ich horche gespannt auf, "daß ich verdammt recht hatte!"
Ah. Jetzt erkenne ich ihn wieder. Nach all den Jahren ist sein Ansatz zu einem klärenden Gespräch, daß er recht hatte. Nun klingt der alte Mann wieder wie damals. Als er mein Vater war.
"Die Frage ist doch", sage ich langsam, bewußt nicht sofort auf seine Rechthaberei anspringend, "was wir zu gewinnen haben. Für mich jedenfalls funktioniert unser Verhältnis, so wie es ist, ganz gut..."
"Wir müssen einen Weg finden!" sagt er.
"Ich weiß nicht", erwidere ich, "es ist fraglos tragisch, wenn zwei Menschen sich durchaus nicht verstehen, besonders, wenn sie Vater und Sohn sind."
"Sehr tragisch!" betont er.
"Ja, ohne Frage. Aber man muß es irgendwann akzeptieren. Ich frage mich einfach, was gut für mich ist, und welcher Art von Gespräch oder Begegnung ich mich aussetzen möchte."
"Sag doch nicht immer nur 'ich' und 'für mich'", antwortet der alte Mann, der mein Vater war, fast etwas larmoyant, "das zeugt von einem so schlimmen Egoismus."
Hm, der Egoismusvorwurf mal wieder. Nun fehlt nur noch das Altersargument.
"Ich bin wahrlich kein egoistischer Mensch", sage ich und spüre, wie mein Staunen der üblichen Enttäuschung weicht, "aber ich habe, wie jeder Mensch, das Recht, mir für mein Leben sehr genau zu überlegen, was mir gut tut und was nicht, und Du hast mir eben sehr lange nicht gut getan."
"Allein schon diese Aussage!" sagt er, und seine Dramatik schwankt zwischen Wehklage und Vorwurf, "Du hattest so viele gute Jahre mit mir, und ich habe Dir alle Wege geebnet, alle Türen geöffnet und Dir alles ermöglicht, was man einem jungen Menschen ermöglichen kann!" Er seufzt tief und wendet sich halb ab. "Es war wohl doch ein Fehler, Dir heute nachzugehen..."
"Nun werd' mal nicht theatralisch", sage ich und spüre erstaunlicherweise nicht mehr wie früher die Versuchung in mir, die vielen Gemeinheiten, Machtspiele und Demütigungen aufzuzählen, von denen seine "Ermöglichungen" geprägt waren, "ich bin ja gar nicht gegen ein Gespräch! Ich frage mich nur, was wir zu gewinnen haben, wenn von vornherein feststeht, daß Du eh recht hattest."
"Man muß wohl doch älter werden", sagt er in schlecht inszenierter Erschütterung, "um das alles richtig sehen zu können!"
Das Alter. Da ist es.
"Ich bin fast 42 Jahre alt und habe auch schon einiges erlebt; ich bilde mir meine Sichtweise gewiß nicht aus jugendlichem Trotz." sage ich, und ich merke, wie das Gespräch mich zu belasten beginnt.
"Trotzdem", sagt er, "man muß noch älter werden."
Aha, denke ich.
"Aha." sage ich.
"Es war ein Fehler", sagt er leise, "mach's gut. Frohe Ostern." Er streckt mir die Hand hin und wendet sich halb zum Gehen. Das schlechte Gewissen, auf das diese Geste zielt, stellt sich indes nicht ein. Eher so etwas wie Wehmut.
"Dir auch!" sage ich. Ich lasse ihn gehen und wende mich meinerseits um. Gehe nach Hause.
Alles ist, wie es immer war. Er sieht sich im Recht. Es soll ihm gut gehen damit. Ich freue mich wirklich, wenn es dem alten Mann, der mein Vater war, gut geht. Er war schließlich mal mein Vater.
"Dir auch!" antworte ich. Er umarmt mich. Es befremdet mich und dauert mir zu lange. Ich löse mich sanft. Dann entsteht eine kurze Pause.
"Geht es Dir gut? Bist Du gesund?" frage ich, denn das ist im Grunde alles, was mich interessiert. Ich wünsche dem alten Mann, der mein Vater war, nämlich von Herzen, daß es ihm gut geht.
"Ja, danke", antwortet er, "sehr gut geht es mir." Er hält inne. "Ich hätte so viel zu sagen", fährt er schließlich fort, "aber dafür reicht die Zeit wohl nicht aus. Wir müßten mal eine ganze Nacht lang reden."
"Dann sollten wir uns diese Gelegenheit schaffen", sage ich, "wenn Du das möchtest."
Insgeheim staune ich ein wenig über sein Bemühen. 15 Jahre hatten wir uns nichts zu sagen. Nun scheint ihm tatsächlich an einer Aussprache gelegen. Der alte Mann, der mein Vater war, scheint weiser geworden, ruhiger, versöhnlicher.
"Ich habe so viel nachgedacht", sagt er, "und es wurden sicher auf beiden Seiten Fehler gemacht."
Mein Erstaunen wächst. Solche Zugeständnisse bin ich nicht gewöhnt von dem alten Mann, der mein Vater war.
"Und ich habe mittlerweile erkannt", fährt er fort, und ich horche gespannt auf, "daß ich verdammt recht hatte!"
Ah. Jetzt erkenne ich ihn wieder. Nach all den Jahren ist sein Ansatz zu einem klärenden Gespräch, daß er recht hatte. Nun klingt der alte Mann wieder wie damals. Als er mein Vater war.
"Die Frage ist doch", sage ich langsam, bewußt nicht sofort auf seine Rechthaberei anspringend, "was wir zu gewinnen haben. Für mich jedenfalls funktioniert unser Verhältnis, so wie es ist, ganz gut..."
"Wir müssen einen Weg finden!" sagt er.
"Ich weiß nicht", erwidere ich, "es ist fraglos tragisch, wenn zwei Menschen sich durchaus nicht verstehen, besonders, wenn sie Vater und Sohn sind."
"Sehr tragisch!" betont er.
"Ja, ohne Frage. Aber man muß es irgendwann akzeptieren. Ich frage mich einfach, was gut für mich ist, und welcher Art von Gespräch oder Begegnung ich mich aussetzen möchte."
"Sag doch nicht immer nur 'ich' und 'für mich'", antwortet der alte Mann, der mein Vater war, fast etwas larmoyant, "das zeugt von einem so schlimmen Egoismus."
Hm, der Egoismusvorwurf mal wieder. Nun fehlt nur noch das Altersargument.
"Ich bin wahrlich kein egoistischer Mensch", sage ich und spüre, wie mein Staunen der üblichen Enttäuschung weicht, "aber ich habe, wie jeder Mensch, das Recht, mir für mein Leben sehr genau zu überlegen, was mir gut tut und was nicht, und Du hast mir eben sehr lange nicht gut getan."
"Allein schon diese Aussage!" sagt er, und seine Dramatik schwankt zwischen Wehklage und Vorwurf, "Du hattest so viele gute Jahre mit mir, und ich habe Dir alle Wege geebnet, alle Türen geöffnet und Dir alles ermöglicht, was man einem jungen Menschen ermöglichen kann!" Er seufzt tief und wendet sich halb ab. "Es war wohl doch ein Fehler, Dir heute nachzugehen..."
"Nun werd' mal nicht theatralisch", sage ich und spüre erstaunlicherweise nicht mehr wie früher die Versuchung in mir, die vielen Gemeinheiten, Machtspiele und Demütigungen aufzuzählen, von denen seine "Ermöglichungen" geprägt waren, "ich bin ja gar nicht gegen ein Gespräch! Ich frage mich nur, was wir zu gewinnen haben, wenn von vornherein feststeht, daß Du eh recht hattest."
"Man muß wohl doch älter werden", sagt er in schlecht inszenierter Erschütterung, "um das alles richtig sehen zu können!"
Das Alter. Da ist es.
"Ich bin fast 42 Jahre alt und habe auch schon einiges erlebt; ich bilde mir meine Sichtweise gewiß nicht aus jugendlichem Trotz." sage ich, und ich merke, wie das Gespräch mich zu belasten beginnt.
"Trotzdem", sagt er, "man muß noch älter werden."
Aha, denke ich.
"Aha." sage ich.
"Es war ein Fehler", sagt er leise, "mach's gut. Frohe Ostern." Er streckt mir die Hand hin und wendet sich halb zum Gehen. Das schlechte Gewissen, auf das diese Geste zielt, stellt sich indes nicht ein. Eher so etwas wie Wehmut.
"Dir auch!" sage ich. Ich lasse ihn gehen und wende mich meinerseits um. Gehe nach Hause.
Alles ist, wie es immer war. Er sieht sich im Recht. Es soll ihm gut gehen damit. Ich freue mich wirklich, wenn es dem alten Mann, der mein Vater war, gut geht. Er war schließlich mal mein Vater.
Donnerstag, 15. März 2012
Rezession
Verlassen und leer steht sie da, die Halle meiner Schreibwerkstatt, in der früher ein so produktives Treiben herrschte. Was war das für ein Rattern und Zischen der Ideen- und Gedankenmaschinen, ein Schütteln und eilfertiges Schnaufen der Wortfließbänder; kleine Gabelstapler fuhren umher, um die Berge von Themen und Erzählstoffen zu den richtigen Produktionsstätten zu bringen, und alles ward beschienen vom gleißenden Licht der Inspiration, das durch die großen Hallenfenster fiel.
Nun ist alles verstummt. Durch zerbrochene Fensterscheiben pfeift kühl-grauer Wind und verweht raschelnd die letzten Wortfetzen, die auf dem Hallenboden verstreut sind. Mein Namenszug, der einst am Giebel strahlte, blättert ab. Von irgendeinem Stahlträger hoch oben in der Dachkonstruktion tropfen Erinnerungen und schlagen glucksend auf dem steinigen Boden auf, ihr Echo an die weitläufige Leere verlierend. In den Ecken wuchern zerfallend modrige Pilze.
Die alte Halle wiederzubeleben, das ist mein Traum. Die rostigen Maschinen zu putzen, zu schmieren und wieder ans Laufen zu bringen, die Fließbänder in Bewegung zu versetzen und die Produktion wieder aufzunehmen - wie schön das wäre! Aber es fehlt an Stoff und an Licht. Ein wenig Öl gönne ich den Maschinen, damit sie nicht ganz verfallen. Aber produzieren tun sie derzeit nichts. Noch ist es nicht so weit. Noch herrscht Rezession.
Nun ist alles verstummt. Durch zerbrochene Fensterscheiben pfeift kühl-grauer Wind und verweht raschelnd die letzten Wortfetzen, die auf dem Hallenboden verstreut sind. Mein Namenszug, der einst am Giebel strahlte, blättert ab. Von irgendeinem Stahlträger hoch oben in der Dachkonstruktion tropfen Erinnerungen und schlagen glucksend auf dem steinigen Boden auf, ihr Echo an die weitläufige Leere verlierend. In den Ecken wuchern zerfallend modrige Pilze.
Die alte Halle wiederzubeleben, das ist mein Traum. Die rostigen Maschinen zu putzen, zu schmieren und wieder ans Laufen zu bringen, die Fließbänder in Bewegung zu versetzen und die Produktion wieder aufzunehmen - wie schön das wäre! Aber es fehlt an Stoff und an Licht. Ein wenig Öl gönne ich den Maschinen, damit sie nicht ganz verfallen. Aber produzieren tun sie derzeit nichts. Noch ist es nicht so weit. Noch herrscht Rezession.
Donnerstag, 2. Februar 2012
Morgen
Es riecht nach Farbe im Stiegenhaus. Irgendwo streicht jemand eine Wand, eine Decke, ein Zimmer. Ein Zuhause.
Farbe macht alles hell.
Ich mag diesen Geruch. Er erinnert mich an meine Kindheit. Mein Großvater strich immer alles selbst, und hin und wieder durfte auch ich an unschädlichen Stellen mal den Pinsel führen.
Farbe macht alles neu.
Ich war glücklich, wenn beschlossen wurde, ein Zimmer neu zu streichen. Wenn die Möbel herausgeschafft und die Böden und Fenster abgeklebt wurden. Dann tat sich etwas. Etwas wurde schöner, besser.
Farbe schafft Wohlbefinden.
Man streicht nicht oft. Wenn man streicht, tut man es für die nächsten Jahre. Man malt sich eine Zukunft an die Wand. Wenn mein Großvater strich, bedeutete das für mich, daß er sich für viele weitere Jahre einrichtete. Daß er noch lange da sein würde.
Farbe bleibt lange.
Wenn wir fertig waren, sahen die Räume frisch und neu aus. So wie sie nun ein paar Jahre lang aussehen würden. Wenn mein Großvater sagte: "Vielleicht hätte ich noch ein wenig Ocker bemischen sollen!", sagte ich: "Das machen wir dann beim nächsten Mal!", damit er nur nicht vergaß, sich auch nach den Jahren der neuen Farbe noch für Jahre einzurichten.
Farbe gestaltet ein Morgen.
Es riecht nach Farbe im Stiegenhaus, und ich denke an meinen Großvater. Er ist auf den Tag genau 13 Jahre tot. Aber irgendjemand streicht ein Zimmer. Malt eine Zukunft an die Wand. Weil es ein Morgen gibt. Ein Morgen, für das wir es uns schön machen. Du und ich.
Farbe macht alles hell.
Ich mag diesen Geruch. Er erinnert mich an meine Kindheit. Mein Großvater strich immer alles selbst, und hin und wieder durfte auch ich an unschädlichen Stellen mal den Pinsel führen.
Farbe macht alles neu.
Ich war glücklich, wenn beschlossen wurde, ein Zimmer neu zu streichen. Wenn die Möbel herausgeschafft und die Böden und Fenster abgeklebt wurden. Dann tat sich etwas. Etwas wurde schöner, besser.
Farbe schafft Wohlbefinden.
Man streicht nicht oft. Wenn man streicht, tut man es für die nächsten Jahre. Man malt sich eine Zukunft an die Wand. Wenn mein Großvater strich, bedeutete das für mich, daß er sich für viele weitere Jahre einrichtete. Daß er noch lange da sein würde.
Farbe bleibt lange.
Wenn wir fertig waren, sahen die Räume frisch und neu aus. So wie sie nun ein paar Jahre lang aussehen würden. Wenn mein Großvater sagte: "Vielleicht hätte ich noch ein wenig Ocker bemischen sollen!", sagte ich: "Das machen wir dann beim nächsten Mal!", damit er nur nicht vergaß, sich auch nach den Jahren der neuen Farbe noch für Jahre einzurichten.
Farbe gestaltet ein Morgen.
Es riecht nach Farbe im Stiegenhaus, und ich denke an meinen Großvater. Er ist auf den Tag genau 13 Jahre tot. Aber irgendjemand streicht ein Zimmer. Malt eine Zukunft an die Wand. Weil es ein Morgen gibt. Ein Morgen, für das wir es uns schön machen. Du und ich.
Donnerstag, 19. Januar 2012
Sinkflug
Der seltsame Moment, wenn man anfängt, aufzuhören - wie sehr berührt er mich jedesmal aufs Neue. Wenn die Sekunden Dir heiser davon zu flüstern beginnen, eine aussterbende Spezies zu sein, deren Großteil Du schon getötet hast... Wenn Du aufhörst, in die Pedale zu treten, weil der Schwung für die verbleibende Strecke ausreicht... Wenn der Pilot durchsagt, man habe soeben die Reiseflughöhe verlassen und befinde sich im Landeanflug auf ein Ziel, von dem Du gar nicht weißt, ob Du hinmöchtest, ja das Du gar zu überfliegen gehofft hattest, und von dem Du doch wußtest, daß es unausweichlich das Ende der Reise sein würde, weil eben kein Treibstofftank groß genug ist für einen ewigen Höhenflug.
Es ist der Wandel, der uns traurig macht, der Zerfall von schönen Illusionen durch das Erkennen der ihnen zugrundeliegenden Wirklichkeit, und die Veränderung liebgewordener Zustände, die wir gern gehalten hätten, ungestört durch Lebensturbulenzen, eingefroren und wie den Faustschen Augenblick zum Verweilen überredet. Allein, nichts bleibt je, wie es ist, und so gut und wichtig das ist, so schmerzhaft kann es auch sein. Umdenken wird nicht leichter, und zugeben müssen, daß sich ein Zustand überlebt, ja daß man sich vielleicht sogar geirrt hat, ist wohl das Schwierigste am Leben. An meinem zumindest.
Doch wohnt jeder Veränderung auch eine Bewegung, eine Kraft inne, und jedem Anfang, wenn man es glauben mag, ein Zauber. Sie zu nutzen, diese Kraft, sich selbst und Liebgewonnenes zu entwickeln, voranzubringen, höheren Ebenen zuspülen zu lassen oder diese gar selbst zu erklimmen, ist das Geheimnis des Glücks, das ich noch lernen muß. Ich bin noch nicht perfekt darin. Aber ich arbeite dran.
Der seltsame Moment, wenn man anfängt, aufzuhören, ist auch immer der Moment, in dem man beginnt, anzufangen. Und plötzlich erscheint es gar nicht mehr so schlimm, ein Ziel zu haben, das man anfliegt. Wer hängt schon gern ewig in der Luft.
Es ist der Wandel, der uns traurig macht, der Zerfall von schönen Illusionen durch das Erkennen der ihnen zugrundeliegenden Wirklichkeit, und die Veränderung liebgewordener Zustände, die wir gern gehalten hätten, ungestört durch Lebensturbulenzen, eingefroren und wie den Faustschen Augenblick zum Verweilen überredet. Allein, nichts bleibt je, wie es ist, und so gut und wichtig das ist, so schmerzhaft kann es auch sein. Umdenken wird nicht leichter, und zugeben müssen, daß sich ein Zustand überlebt, ja daß man sich vielleicht sogar geirrt hat, ist wohl das Schwierigste am Leben. An meinem zumindest.
Doch wohnt jeder Veränderung auch eine Bewegung, eine Kraft inne, und jedem Anfang, wenn man es glauben mag, ein Zauber. Sie zu nutzen, diese Kraft, sich selbst und Liebgewonnenes zu entwickeln, voranzubringen, höheren Ebenen zuspülen zu lassen oder diese gar selbst zu erklimmen, ist das Geheimnis des Glücks, das ich noch lernen muß. Ich bin noch nicht perfekt darin. Aber ich arbeite dran.
Der seltsame Moment, wenn man anfängt, aufzuhören, ist auch immer der Moment, in dem man beginnt, anzufangen. Und plötzlich erscheint es gar nicht mehr so schlimm, ein Ziel zu haben, das man anfliegt. Wer hängt schon gern ewig in der Luft.
Mittwoch, 4. Januar 2012
Donnerstag, 24. November 2011
Sinnhauch
Ein Hauch von Sinn hat mich gestreift.
Zart wehte mich die Ahnung an,
daß alles seinen Zweck doch hat,
sein Ziel und seinen Weg zum Glück
in diesem Erdenleben.
Ein Sinnhauch, warm und glückvoll war's,
nach kalter Leere, die da war -
ich schauderte. Wie‘s üblich ist
bei solchem herzenswarmen Wind.
Und glaubt‘ es kaum. Und staunte stumm,
daß mir dies Wunder widerfuhr.
Doch war es Trug. Ein Hauch. Mehr nicht.
Der selbstgefällig bald verflog,
den Nächsten zu umwehen.
Glaubte von sich, er gab sich hin.
Und ließ mich sinnlos stehen.
(Anmerkung des Autors:
Das Wort "Sinnhauch" ist eine freundliche Leihgabe der wunderbaren Autorin Susanne Bohne. Ihr gleichnamiges eBook kann hier direkt erworben werden.)
Zart wehte mich die Ahnung an,
daß alles seinen Zweck doch hat,
sein Ziel und seinen Weg zum Glück
in diesem Erdenleben.
Ein Sinnhauch, warm und glückvoll war's,
nach kalter Leere, die da war -
ich schauderte. Wie‘s üblich ist
bei solchem herzenswarmen Wind.
Und glaubt‘ es kaum. Und staunte stumm,
daß mir dies Wunder widerfuhr.
Doch war es Trug. Ein Hauch. Mehr nicht.
Der selbstgefällig bald verflog,
den Nächsten zu umwehen.
Glaubte von sich, er gab sich hin.
Und ließ mich sinnlos stehen.
(Anmerkung des Autors:
Das Wort "Sinnhauch" ist eine freundliche Leihgabe der wunderbaren Autorin Susanne Bohne. Ihr gleichnamiges eBook kann hier direkt erworben werden.)
Donnerstag, 3. November 2011
Der Segen der Vergänglichkeit
Das Leben ist schwer. Ich habe nie vermocht, es zu meistern. Und je älter ich wurde, desto schwerer erschien es mir. Mein Halt, mein einziger Trost ist die Gewißheit, daß dieses Leben eines Tages zu Ende und am Tag darauf vergangen sein wird.
Dabei gab es eine Zeit, da ich fest glaubte, es werde leichter. Mit dem Heranwachsen, der Entwicklung über Kindheit und Jugend hinaus wachse auch die Selbstbestimmung, die Anerkennung der Mitmenschen und die Fähigkeit, alle Herausforderungen des Lebens zu bestehen. Jede Phase meines Daseins auf dieser Erde war hauptsächlich davon geprägt, daß ich ihre Überwindung herbeisehnte in dem irrigen Glauben, danach komme eine, die ich erträglicher finden würde. Als Kleinkind haßte ich es, nicht laufen zu können – ohne daß ich konkrete Erinnerungen daran hätte, aber das Gefühl der Demütigung, die ich ob dieser Tatsache empfand, hallt deutlich in mir nach. Und also begegnete ich dieser Einschränkung mit Verweigerung. Ich krabbelte nicht, sondern bewegte mich einfach solange nicht vom Fleck, bis ich, zum Erstaunen meiner Mutter, eines Tages aufstand und ging.
Auch das Pflaster, das man mir über mein gesundes rechtes Auge klebte, als ich zwei Jahre alt war, um das bei meiner Geburt beschädigte linke zu trainieren, empfand ich als Demütigung, behinderte es doch meine klare Sicht und damit die Wahrnehmung meiner Welt, die ich mir doch gerade erst zu erschließen begonnen hatte. Kaum hatte ich eine Möglichkeit entwickelt und war an der Schwelle zu etwas Neuem angekommen, schränkte man sie mir ein. Ein Muster, das sich für den Rest meines Lebens erhalten und wie ein roter Faden durch mein Erdendasein ziehen sollte. Und also stolperte ich Kind durch die elterliche Wohnung, rannte an und sah meine Umwelt als verschwommenes, allenfalls impressionistisch anmutendes Bild. Ich glaube, schon damals ist mir mein Realitätssinn abhanden gekommen, und die Welt, das Leben und meine Mitmenschen begannen, mir surreal und ungreifbar vorzukommen.
Also harrte ich der Überwindung dieser Phase. Was nützte mir das Laufenkönnen, wenn ich nichts sah. Und tatsächlich, eines Tages begriffen sogar meine Eltern, daß an meinem Auge nichts zu heilen war, weil es nicht einfach schwach, sondern irreparabel beschädigt war. So wie meine Seele. Man nahm das Pflaster ab, und ich sah. Scharf, klar. Erschreckend. Jedes Detail. Jedes Staubkorn. Jede Regung in den Gesichtern der Erwachsenen, und jede Lüge in ihren Herzen. Und es widerte mich an. Fast meine ich mich zu erinnern, daß ich mir die impressionistisch verwaschene Welt der Pflastertage zurückwünschte. Vergänglichkeit in die Vergangenheit. Eine ewige Sehnsucht.
Ich wurde drei, vier, und das, was andere Menschen Realität nannten, war mir eine banale Lästigkeit. Im Kindergarten schlief ich, um nicht mit anderen, banaleren Kindern spielen zu müssen. Jeden Morgen kam ich an und wanderte schnurstracks durch den Saal ins Büro, wo mir die Kindergärtnerinnen, nachdem sie verstanden hatten, wie aussichtslos ihre Integrationsversuche waren, ein großes Kissen und eine Decke unter den Schreibtisch gelegt hatten. Ich ging dorthin und wartete nur darauf, daß der Vormittag verginge. Im süßen Schlaf Zeit vergehen lassen – welch angenehmer und einziger Lebenssinn.
Die Schule bot solche Rückzugsmöglichkeiten nicht mehr. Die Realität, der ich mich bis dahin erfolgreich entzogen, ja verweigert hatte, war nun unausweichlich. Und also gab ich einen Teil meines Widerstandes auf, um es mir nicht schwerer zu machen als nötig, und das erste Stückchen meiner autonomen, weltfernen Seele starb. Die schulische Realität war leicht, und ich bekam ausgezeichnete Noten. Ich wollte das auch – nicht aus Ehrgeiz, oder weil ich mich im Bewertungssystem der Realität möglichst weit oben positionieren wollte, sondern weil es mir Vergnügen machte, der Realität ihre eigene Belanglosigkeit dadurch vor Augen zu führen, daß ich sie so spielend leicht beherrschen konnte. Meine guten Noten waren meine Art, der Wirklichkeit zu zeigen, wie wenig ich von ihr hielt. Und so schrieb ich nebenbei meine ersten kindlichen Gedichte unter der Schulbank, als würzige kleine Pilze auf dem allzu faden Nährboden dessen, was den meisten anderen Kindern als Lebenswirklichkeit genügte und von ihnen vorbehaltlos als solche akzeptiert wurde. Sehr anregend war das alles indes nicht, und ich versprach mir eine erhebliche Erweiterung meiner Möglichkeiten durch die Überwindung der Grundschule und den Besuch des Gymnasiums. Welch ein Irrtum.
Denn kaum war ich auf dem Gymnasium, begriff ich, daß auch hier nicht mehr als Realität zu erwarten war. Zwar entführte man uns in die reiche Welt des Lateinischen und seiner Geschichten, brachte uns die erstaunlichen Wunder der Physik bei und zeigte uns erste kleine Odien des wunderbaren, riesigen Schatzes deutscher Literatur... aber anstatt dieser geistigen Welt eine heilige, unangetastete Existenz zu gewähren, zerhackte man sie in Lerninhalte, fragte sie in kleinlichen Tests ab und quetschte sie in das Bewertungssystem eben jener Realität, der sie doch ihrer phantastischen Natur nach nicht nur entzogen, sondern sogar übergeordnet waren. Ich fand das enttäuschend, ja empörend, und von diesem Moment an machten mir gute Noten auch als Mittel zur Bloßstellung der Realität keine Freude mehr. Und nichts wünschte ich mir mehr als diese kleinliche Sphäre schematischer Beurteilung zu überwinden. Wie gut, dachte ich, daß diese Phase vergeht.
Mein Herz brach. Zum ersten Mal. Mit 17 verliebte ich mich glühend in ein Mädchen, das sich durchaus nicht für mich interessierte. Während sich ringsumher Pärchen bildeten und erste unbeschwerte Erfahrungen gemacht wurden (auch sie hatte plötzlich einen Freund, für den meine Träume wahr wurden), ließ mich die eine große, unerfüllte Liebe nicht los, und ich blieb allein. Mit meinem Schmerz. Er vergeht, dachte ich. Irgendwann vergeht der Schmerz. Aber das tat er nicht. Liebesschmerz ist überhaupt das Einzige im Leben, was nicht vergeht. Oder zumindest erst mit dem Tod. Vielleicht warte ich daher so sehnsuchtsvoll auf ihn. Jedenfalls hatte mich die Realität des Lebens nun vollends eingeholt – Schmerz und Enttäuschung.
Ich studierte, und mein Vater zahlte für meinen Unterhalt exakt den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestsatz. Immer wieder machte er Geld zum Druckmittel für meine Fügsamkeit, waren ihm als Musterbeispiel eines der allgemein akzeptierten Realität angepaßten Menschen meine weltfernen Exzentrizitäten doch zutiefst verhaßt und wohl auch peinlich. Seine ganz eigene Realitätsferne gestand er weder mir noch sich selbst ein... Als ich mir von den paar Mark, die ich mir zu ersparen vermocht hatte, einen 20 Jahre alten, rostigen Jaguar kaufte, anstatt einen ebenso alten rostigen Golf zum selben Preis oder gar ein Fahrrad zu erwerben, kürzte er mir zur Strafe den Wechsel mit dem Argument, wenn ich genug Geld habe, als Student einen Jaguar zu fahren, könne er mir ja durchaus etwas abziehen. Ich fand das unlogisch. Aber ich hatte keinerlei Gegenwehr zur Hand. Es geht vorbei, dachte ich mir. Die Phase der Abhängigkeit geht vorbei, und dann kannst Du machen, was Du willst.
Tatsächlich ging sie vorbei, diese Phase väterlicher Demütigung, und in den letzten 15 Jahren haben wir quasi nicht mehr miteinander geredet. Mir fehlt dabei nichts. Es ist alles gesagt. Es ist vergangen. Und das ist gut so. Ich tat, was ich wollte. Studierte ein weiteres Fach... heiratete schließlich und geriet dadurch in einen Lebenszustand, der seinem Wesen nach nicht auf Vergänglichkeit, sondern auf Bestand ausgelegt war. Vielleicht ist Bestand etwas, wovor mir graut, obschon ich mich zuweilen danach sehne. Vielleicht war ich die Vergänglichkeit von Lebensphasen so sehr gewöhnt, ja schätzte sie so hoch, daß ich nach 14 Jahren aus diesem Lebensbund ausbrach. Auswanderte gar. Nach Wien. Warum auch immer. Dies war das erste Mal, daß ich selbst, mehr oder minder bewußt, die Vergänglichkeit einer Phase herbeigeführt habe.
Dort lebte ich nun. Wartend auf etwas Neues, das ich nicht zu beenden hätte, sondern daß von allein verginge. Das Neue, das vergehen konnte, wurde gleichsam zu meinem Ideal. Ich begann ständig Neues, und zwar Affären oder Beziehungen zu Frauen, berauschte mich an den erregenden Anfängen und ließ sie wieder vergehen, wenn ihr Reiz im Lichte der alltäglichen Realität zu verblassen begann, das auch über den entrücktesten, romantischsten Verhältnissen irgendwann aufscheint. Ich ließ sie vergehen, wenn sie das wahre Leben zu berühren begannen, Perspektiven verlangten oder gar Pläne machten. Um wieder Neues zu beginnen. So süchtig war ich nach dem kurzen Zyklus des Erlebens, der unbedingten Haltlosigkeit, der Ungebundenheit an jede gültige Realität, daß ich zuweilen vier, fünf Verhältnisse gleichzeitig hatte, jedes voll und ganz gewollt und empfunden, aber doch nur um seiner Vergänglichkeit willen so innig erlebt. Vergänglichkeit macht sicher vor der Realität. Was man vergehen lassen kann, wird einen niemals binden, verpflichten oder auf dem Boden der Wirklichkeit festnageln können. Vergänglichkeit schützt vor Verantwortung. Dachte ich. Aber das war natürlich Unsinn.
Ich brach Herzen, zerstörte Hoffnungen und verletzte Seelen. Viele. Daß ich selbstverständlich Verantwortung für sie zu tragen gehabt hätte, war mir egal. Warum? Ich selbst war aufs Schrecklichste verletzt worden, und der Schmerz verging nicht. Er vergeht nie, der Liebesschmerz. Höchstens im Tod. Ich kam nach Wien, viel Vergangenes hinter mir lassend, und begegnete ihr. Dem Menschen, mit dem ich endlich etwas Unvergängliches zu beginnen bereit war. Nie habe ich so geliebt, nie war ich so entschlossen. Aber sie wollte mich nicht. Lockte mich, und stieß mich fort. Spielte mit mir, hielt mich hin, küßte mich – mehr nie – und stieß mich wieder fort. Spottete über meine Liebe, entfachte sie aber aufs Neue, wenn ich sie vergehen zu lassen begann. Erhörte einen anderen. Einen Unwerten, für den meine Träume wahr wurden. Und mein angebrochenes Herz wurde zerstört. Seither schien mir nur das Vergängliche, das Kurze, Innige, jeder Alltagsrealität entzogene erträglich, der Schein, das Spiel. Und ich brach Herzen.
Soll ich Ihnen nun vom Wunder meiner Heilung berichten? Von dem Menschen, der mich durch echte, reine Liebe herausholte aus dieser Scheinwelt? Dem Menschen, für den mein zerstörtes Herz seit Jahren und Jahren den ersten echten Schlag tat? Den ich lieben konnte und ewig und unvergänglich haben wollte? Es ist müßig. Was so plötzlich, so unerwartet meinem Leben Halt und Sinn zu geben schien, ist auch schon wieder vergangen. Das Leben... ich habe es nie zu meistern vermocht. Wann immer ich eine Chance auf Rettung, auf Heilung, auf eine nicht nur erträgliche, sondern gar erfüllende, beglückende Realität gehabt hätte, habe ich etwas getan, um sie zu verhindern. Aus Dummheit, aus Reflex, aus Routine... ich weiß es nicht. So bleibt eben alles vergänglich. Nur der Schmerz nicht. Ich wollte, er wäre vergänglich, so wie es all die guten Sachen sind. Diese Vergänglichkeit wäre ein Segen.
Aber es gibt sie nicht. Der Schmerz vergeht erst im Tod.
Dabei gab es eine Zeit, da ich fest glaubte, es werde leichter. Mit dem Heranwachsen, der Entwicklung über Kindheit und Jugend hinaus wachse auch die Selbstbestimmung, die Anerkennung der Mitmenschen und die Fähigkeit, alle Herausforderungen des Lebens zu bestehen. Jede Phase meines Daseins auf dieser Erde war hauptsächlich davon geprägt, daß ich ihre Überwindung herbeisehnte in dem irrigen Glauben, danach komme eine, die ich erträglicher finden würde. Als Kleinkind haßte ich es, nicht laufen zu können – ohne daß ich konkrete Erinnerungen daran hätte, aber das Gefühl der Demütigung, die ich ob dieser Tatsache empfand, hallt deutlich in mir nach. Und also begegnete ich dieser Einschränkung mit Verweigerung. Ich krabbelte nicht, sondern bewegte mich einfach solange nicht vom Fleck, bis ich, zum Erstaunen meiner Mutter, eines Tages aufstand und ging.
Auch das Pflaster, das man mir über mein gesundes rechtes Auge klebte, als ich zwei Jahre alt war, um das bei meiner Geburt beschädigte linke zu trainieren, empfand ich als Demütigung, behinderte es doch meine klare Sicht und damit die Wahrnehmung meiner Welt, die ich mir doch gerade erst zu erschließen begonnen hatte. Kaum hatte ich eine Möglichkeit entwickelt und war an der Schwelle zu etwas Neuem angekommen, schränkte man sie mir ein. Ein Muster, das sich für den Rest meines Lebens erhalten und wie ein roter Faden durch mein Erdendasein ziehen sollte. Und also stolperte ich Kind durch die elterliche Wohnung, rannte an und sah meine Umwelt als verschwommenes, allenfalls impressionistisch anmutendes Bild. Ich glaube, schon damals ist mir mein Realitätssinn abhanden gekommen, und die Welt, das Leben und meine Mitmenschen begannen, mir surreal und ungreifbar vorzukommen.
Also harrte ich der Überwindung dieser Phase. Was nützte mir das Laufenkönnen, wenn ich nichts sah. Und tatsächlich, eines Tages begriffen sogar meine Eltern, daß an meinem Auge nichts zu heilen war, weil es nicht einfach schwach, sondern irreparabel beschädigt war. So wie meine Seele. Man nahm das Pflaster ab, und ich sah. Scharf, klar. Erschreckend. Jedes Detail. Jedes Staubkorn. Jede Regung in den Gesichtern der Erwachsenen, und jede Lüge in ihren Herzen. Und es widerte mich an. Fast meine ich mich zu erinnern, daß ich mir die impressionistisch verwaschene Welt der Pflastertage zurückwünschte. Vergänglichkeit in die Vergangenheit. Eine ewige Sehnsucht.
Ich wurde drei, vier, und das, was andere Menschen Realität nannten, war mir eine banale Lästigkeit. Im Kindergarten schlief ich, um nicht mit anderen, banaleren Kindern spielen zu müssen. Jeden Morgen kam ich an und wanderte schnurstracks durch den Saal ins Büro, wo mir die Kindergärtnerinnen, nachdem sie verstanden hatten, wie aussichtslos ihre Integrationsversuche waren, ein großes Kissen und eine Decke unter den Schreibtisch gelegt hatten. Ich ging dorthin und wartete nur darauf, daß der Vormittag verginge. Im süßen Schlaf Zeit vergehen lassen – welch angenehmer und einziger Lebenssinn.
Die Schule bot solche Rückzugsmöglichkeiten nicht mehr. Die Realität, der ich mich bis dahin erfolgreich entzogen, ja verweigert hatte, war nun unausweichlich. Und also gab ich einen Teil meines Widerstandes auf, um es mir nicht schwerer zu machen als nötig, und das erste Stückchen meiner autonomen, weltfernen Seele starb. Die schulische Realität war leicht, und ich bekam ausgezeichnete Noten. Ich wollte das auch – nicht aus Ehrgeiz, oder weil ich mich im Bewertungssystem der Realität möglichst weit oben positionieren wollte, sondern weil es mir Vergnügen machte, der Realität ihre eigene Belanglosigkeit dadurch vor Augen zu führen, daß ich sie so spielend leicht beherrschen konnte. Meine guten Noten waren meine Art, der Wirklichkeit zu zeigen, wie wenig ich von ihr hielt. Und so schrieb ich nebenbei meine ersten kindlichen Gedichte unter der Schulbank, als würzige kleine Pilze auf dem allzu faden Nährboden dessen, was den meisten anderen Kindern als Lebenswirklichkeit genügte und von ihnen vorbehaltlos als solche akzeptiert wurde. Sehr anregend war das alles indes nicht, und ich versprach mir eine erhebliche Erweiterung meiner Möglichkeiten durch die Überwindung der Grundschule und den Besuch des Gymnasiums. Welch ein Irrtum.
Denn kaum war ich auf dem Gymnasium, begriff ich, daß auch hier nicht mehr als Realität zu erwarten war. Zwar entführte man uns in die reiche Welt des Lateinischen und seiner Geschichten, brachte uns die erstaunlichen Wunder der Physik bei und zeigte uns erste kleine Odien des wunderbaren, riesigen Schatzes deutscher Literatur... aber anstatt dieser geistigen Welt eine heilige, unangetastete Existenz zu gewähren, zerhackte man sie in Lerninhalte, fragte sie in kleinlichen Tests ab und quetschte sie in das Bewertungssystem eben jener Realität, der sie doch ihrer phantastischen Natur nach nicht nur entzogen, sondern sogar übergeordnet waren. Ich fand das enttäuschend, ja empörend, und von diesem Moment an machten mir gute Noten auch als Mittel zur Bloßstellung der Realität keine Freude mehr. Und nichts wünschte ich mir mehr als diese kleinliche Sphäre schematischer Beurteilung zu überwinden. Wie gut, dachte ich, daß diese Phase vergeht.
Mein Herz brach. Zum ersten Mal. Mit 17 verliebte ich mich glühend in ein Mädchen, das sich durchaus nicht für mich interessierte. Während sich ringsumher Pärchen bildeten und erste unbeschwerte Erfahrungen gemacht wurden (auch sie hatte plötzlich einen Freund, für den meine Träume wahr wurden), ließ mich die eine große, unerfüllte Liebe nicht los, und ich blieb allein. Mit meinem Schmerz. Er vergeht, dachte ich. Irgendwann vergeht der Schmerz. Aber das tat er nicht. Liebesschmerz ist überhaupt das Einzige im Leben, was nicht vergeht. Oder zumindest erst mit dem Tod. Vielleicht warte ich daher so sehnsuchtsvoll auf ihn. Jedenfalls hatte mich die Realität des Lebens nun vollends eingeholt – Schmerz und Enttäuschung.
Ich studierte, und mein Vater zahlte für meinen Unterhalt exakt den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestsatz. Immer wieder machte er Geld zum Druckmittel für meine Fügsamkeit, waren ihm als Musterbeispiel eines der allgemein akzeptierten Realität angepaßten Menschen meine weltfernen Exzentrizitäten doch zutiefst verhaßt und wohl auch peinlich. Seine ganz eigene Realitätsferne gestand er weder mir noch sich selbst ein... Als ich mir von den paar Mark, die ich mir zu ersparen vermocht hatte, einen 20 Jahre alten, rostigen Jaguar kaufte, anstatt einen ebenso alten rostigen Golf zum selben Preis oder gar ein Fahrrad zu erwerben, kürzte er mir zur Strafe den Wechsel mit dem Argument, wenn ich genug Geld habe, als Student einen Jaguar zu fahren, könne er mir ja durchaus etwas abziehen. Ich fand das unlogisch. Aber ich hatte keinerlei Gegenwehr zur Hand. Es geht vorbei, dachte ich mir. Die Phase der Abhängigkeit geht vorbei, und dann kannst Du machen, was Du willst.
Tatsächlich ging sie vorbei, diese Phase väterlicher Demütigung, und in den letzten 15 Jahren haben wir quasi nicht mehr miteinander geredet. Mir fehlt dabei nichts. Es ist alles gesagt. Es ist vergangen. Und das ist gut so. Ich tat, was ich wollte. Studierte ein weiteres Fach... heiratete schließlich und geriet dadurch in einen Lebenszustand, der seinem Wesen nach nicht auf Vergänglichkeit, sondern auf Bestand ausgelegt war. Vielleicht ist Bestand etwas, wovor mir graut, obschon ich mich zuweilen danach sehne. Vielleicht war ich die Vergänglichkeit von Lebensphasen so sehr gewöhnt, ja schätzte sie so hoch, daß ich nach 14 Jahren aus diesem Lebensbund ausbrach. Auswanderte gar. Nach Wien. Warum auch immer. Dies war das erste Mal, daß ich selbst, mehr oder minder bewußt, die Vergänglichkeit einer Phase herbeigeführt habe.
Dort lebte ich nun. Wartend auf etwas Neues, das ich nicht zu beenden hätte, sondern daß von allein verginge. Das Neue, das vergehen konnte, wurde gleichsam zu meinem Ideal. Ich begann ständig Neues, und zwar Affären oder Beziehungen zu Frauen, berauschte mich an den erregenden Anfängen und ließ sie wieder vergehen, wenn ihr Reiz im Lichte der alltäglichen Realität zu verblassen begann, das auch über den entrücktesten, romantischsten Verhältnissen irgendwann aufscheint. Ich ließ sie vergehen, wenn sie das wahre Leben zu berühren begannen, Perspektiven verlangten oder gar Pläne machten. Um wieder Neues zu beginnen. So süchtig war ich nach dem kurzen Zyklus des Erlebens, der unbedingten Haltlosigkeit, der Ungebundenheit an jede gültige Realität, daß ich zuweilen vier, fünf Verhältnisse gleichzeitig hatte, jedes voll und ganz gewollt und empfunden, aber doch nur um seiner Vergänglichkeit willen so innig erlebt. Vergänglichkeit macht sicher vor der Realität. Was man vergehen lassen kann, wird einen niemals binden, verpflichten oder auf dem Boden der Wirklichkeit festnageln können. Vergänglichkeit schützt vor Verantwortung. Dachte ich. Aber das war natürlich Unsinn.
Ich brach Herzen, zerstörte Hoffnungen und verletzte Seelen. Viele. Daß ich selbstverständlich Verantwortung für sie zu tragen gehabt hätte, war mir egal. Warum? Ich selbst war aufs Schrecklichste verletzt worden, und der Schmerz verging nicht. Er vergeht nie, der Liebesschmerz. Höchstens im Tod. Ich kam nach Wien, viel Vergangenes hinter mir lassend, und begegnete ihr. Dem Menschen, mit dem ich endlich etwas Unvergängliches zu beginnen bereit war. Nie habe ich so geliebt, nie war ich so entschlossen. Aber sie wollte mich nicht. Lockte mich, und stieß mich fort. Spielte mit mir, hielt mich hin, küßte mich – mehr nie – und stieß mich wieder fort. Spottete über meine Liebe, entfachte sie aber aufs Neue, wenn ich sie vergehen zu lassen begann. Erhörte einen anderen. Einen Unwerten, für den meine Träume wahr wurden. Und mein angebrochenes Herz wurde zerstört. Seither schien mir nur das Vergängliche, das Kurze, Innige, jeder Alltagsrealität entzogene erträglich, der Schein, das Spiel. Und ich brach Herzen.
Soll ich Ihnen nun vom Wunder meiner Heilung berichten? Von dem Menschen, der mich durch echte, reine Liebe herausholte aus dieser Scheinwelt? Dem Menschen, für den mein zerstörtes Herz seit Jahren und Jahren den ersten echten Schlag tat? Den ich lieben konnte und ewig und unvergänglich haben wollte? Es ist müßig. Was so plötzlich, so unerwartet meinem Leben Halt und Sinn zu geben schien, ist auch schon wieder vergangen. Das Leben... ich habe es nie zu meistern vermocht. Wann immer ich eine Chance auf Rettung, auf Heilung, auf eine nicht nur erträgliche, sondern gar erfüllende, beglückende Realität gehabt hätte, habe ich etwas getan, um sie zu verhindern. Aus Dummheit, aus Reflex, aus Routine... ich weiß es nicht. So bleibt eben alles vergänglich. Nur der Schmerz nicht. Ich wollte, er wäre vergänglich, so wie es all die guten Sachen sind. Diese Vergänglichkeit wäre ein Segen.
Aber es gibt sie nicht. Der Schmerz vergeht erst im Tod.
Sonntag, 23. Oktober 2011
Jahr. Eins.
Zufall. Begegnung.
Verständnis. Nähe. Gefühl.
Zärtlichkeit. Zweifel.
Anzüglichkeit. Sehnsucht.
Hindernisse. Meteorit.
Distanz. Verletzung.
Traumata. Kompensation.
Pause.
Annäherung. Zweifel.
Blaues Licht.
Verschmelzung.
Innigkeit. Liebe.
Zeit. Raum. Bürden.
Lügen. Ehrlichkeit.
Abbruch 1.
Abbruch 2.
Abbruch 3.
Zweifel. Nähe. Zweifel.
Chancen. Los.
Liebe. Last. Lust.
Wollen. Können. Zweifel.
Spiralen. Kreise.
Jahrestage.
Verständnis. Nähe. Gefühl.
Zärtlichkeit. Zweifel.
Anzüglichkeit. Sehnsucht.
Hindernisse. Meteorit.
Distanz. Verletzung.
Traumata. Kompensation.
Pause.
Annäherung. Zweifel.
Blaues Licht.
Verschmelzung.
Innigkeit. Liebe.
Zeit. Raum. Bürden.
Lügen. Ehrlichkeit.
Abbruch 1.
Abbruch 2.
Abbruch 3.
Zweifel. Nähe. Zweifel.
Chancen. Los.
Liebe. Last. Lust.
Wollen. Können. Zweifel.
Spiralen. Kreise.
Jahrestage.
Dienstag, 18. Oktober 2011
Netzgezappel 2.0
Am 24. August 1995, seinem 25. Geburtstag, setzte sich ein Trierer Jurastudent hin und schrieb all jene Gedanken nieder, die er glaubte, sich zu seinem silbernen Jubiläum auf Gottes schöner Erde machen zu müssen. Soeben finde ich dieses umfangreiche, handschriftliche Elaborat zufällig beim Aufräumen wieder, und also nehme ich mir ein paar Minuten Zeit und lese, was mein fünfundzwanzigjähriges Ich mir und der Welt mitzuteilen hat.
Ich muß schon sagen – was für ein zorniger junger Mann mir da seine Weisheiten entgegenschleudert! Es scheint ihm durchaus an Lebensmut und Zuversicht zu mangeln, und so läßt er sich denn seitenweise darüber aus, wie schlecht die Welt, wie labil ihre Systeme und wie ungerecht ihre Verteilung sei, wie viel gerechter gar die Zeit nach dem Krieg war, da es immerhin allen gleichermaßen schlecht gegangen sei. Den größten Ehrgeiz entwickelt er indes dabei, auf eine für die breite Bevölkerung recht neuartige Sache namens Internet zu schimpfen. Den Untergang jeder persönlichen Kommunikationskultur, aller sozialen Kompetenzen und des zwischenmenschlichen Empfindens an sich beschwört er in donnernden Worten, die Abstumpfung und Manipulierbarkeit der Massen, die bald, so eine der unterhaltsamsten Formulierungen, als Endverbraucher wie wehrlose Fische im weltweiten Netz zappeln würden, jeden Abstandes, jeder Kritik und jeder Individualität enthoben und auf ein gleichsam kollektives, elitären Interessen dienendes Bewußtsein reduziert.
Ich lasse das Manuskript sinken und sehe mich in meiner Wiener Wohnung um. Auf dem Sofa liegt ein iPad, ein iPhone lädt am Netzteil, ein anderes habe ich in der Hosentasche. Im nächsten Zimmer steht das MacBookPro, 24 Stunden am Tag online und meistens mit geöffneter Facebook-Seite. Nicht mein einziges soziales Netzwerk; ich habe auch Nutzerkonten bei Xing, LinkedIn, InterNations, MySpace, MeinVZ, twitter, foursquare und vermutlich noch ein paar, die ich schon vergessen habe.
Hm. Zappele ich? Habe ich meine Individualität, meine Sozialkompetenz, meine freie Meinungsbildung und meine Kritikfähigkeit verloren? Bin ich zum willenlosen, marketingtechnisch gerasterten Objekt wirtschaftlicher oder gar politischer Manipulation geworden?
Also, ganz ehrlich – ich glaube nicht, daß es so ist! Meine persönliche Entwicklung erfuhr ihre bedeutendsten Einflüsse, ihre gewaltigsten Umwälzungen ganz und gar im physisch-realen Leben. Meine engsten Freundschaften würden problemlos auch ohne soziale Medien funktionieren und werden durch die technischen Kommunikationsmöglichkeiten allenfalls bereichert. Vermutlich ist die Skepsis, die der weltweiten Vernetzung in ihrer Frühphase entgegen gebracht wurde, den soziokulturellen Bedenken nicht unähnlich, mit denen man seinerzeit der Einführung des Telefons begegnete, und mitnichten hat Alexander Graham Bells Neuerung das Briefeschreiben oder gar die persönliche Begegnung verdrängt.
Meiner Erfahrung nach hat das Internet und nunmehr auch das Web 2.0 ganz im Gegenteil menschliche Begegnungen ermöglicht, die zuvor, wenn nicht ausgeschlossen, so doch erheblich schwerer gewesen wären. Einige "Schrauber" zum Beispiel, die mir auf Grundlage eines gemeinsamen Interesses bei meinen Oldtimern mit Rat und Tat zur Seite standen, hätte ich ohne die einschlägigen Internetforen sicher nicht kennengelernt, und gerade die Möglichkeit der virtuellen Vernetzung erregt bei den meisten Menschen irgendwann den Wunsch nach der persönlichen Begegnung. Wir sind eben doch soziale Wesen.
Und so zappele ich heute gern im weltweiten Netz, als lebendiges, höchst individuelles Fischlein, und freue mich, wann immer ich möchte am Gezappel der anderen Fische teilhaben zu können. Die Hemmschwelle der Mitteilsamkeit sinkt fraglos, und Privatsphäre muß wohl neu definiert werden. Aber man ist ja nicht ohne Einfluß darauf, was die Mitwelt oder die Betreiber der einschlägigen Netzwerke über einen erfahren. Hin und wieder ein paar ausgewählte Freunde per foursquare wissen zu lassen, wo man gerade ist, scheint mir kaum geeignet, die abendländische Sozialkultur zu erschüttern.
Fröhliches Zappeln allerseits also, und willkommen in der Gegenwart!
Ich muß schon sagen – was für ein zorniger junger Mann mir da seine Weisheiten entgegenschleudert! Es scheint ihm durchaus an Lebensmut und Zuversicht zu mangeln, und so läßt er sich denn seitenweise darüber aus, wie schlecht die Welt, wie labil ihre Systeme und wie ungerecht ihre Verteilung sei, wie viel gerechter gar die Zeit nach dem Krieg war, da es immerhin allen gleichermaßen schlecht gegangen sei. Den größten Ehrgeiz entwickelt er indes dabei, auf eine für die breite Bevölkerung recht neuartige Sache namens Internet zu schimpfen. Den Untergang jeder persönlichen Kommunikationskultur, aller sozialen Kompetenzen und des zwischenmenschlichen Empfindens an sich beschwört er in donnernden Worten, die Abstumpfung und Manipulierbarkeit der Massen, die bald, so eine der unterhaltsamsten Formulierungen, als Endverbraucher wie wehrlose Fische im weltweiten Netz zappeln würden, jeden Abstandes, jeder Kritik und jeder Individualität enthoben und auf ein gleichsam kollektives, elitären Interessen dienendes Bewußtsein reduziert.
Ich lasse das Manuskript sinken und sehe mich in meiner Wiener Wohnung um. Auf dem Sofa liegt ein iPad, ein iPhone lädt am Netzteil, ein anderes habe ich in der Hosentasche. Im nächsten Zimmer steht das MacBookPro, 24 Stunden am Tag online und meistens mit geöffneter Facebook-Seite. Nicht mein einziges soziales Netzwerk; ich habe auch Nutzerkonten bei Xing, LinkedIn, InterNations, MySpace, MeinVZ, twitter, foursquare und vermutlich noch ein paar, die ich schon vergessen habe.
Hm. Zappele ich? Habe ich meine Individualität, meine Sozialkompetenz, meine freie Meinungsbildung und meine Kritikfähigkeit verloren? Bin ich zum willenlosen, marketingtechnisch gerasterten Objekt wirtschaftlicher oder gar politischer Manipulation geworden?
Also, ganz ehrlich – ich glaube nicht, daß es so ist! Meine persönliche Entwicklung erfuhr ihre bedeutendsten Einflüsse, ihre gewaltigsten Umwälzungen ganz und gar im physisch-realen Leben. Meine engsten Freundschaften würden problemlos auch ohne soziale Medien funktionieren und werden durch die technischen Kommunikationsmöglichkeiten allenfalls bereichert. Vermutlich ist die Skepsis, die der weltweiten Vernetzung in ihrer Frühphase entgegen gebracht wurde, den soziokulturellen Bedenken nicht unähnlich, mit denen man seinerzeit der Einführung des Telefons begegnete, und mitnichten hat Alexander Graham Bells Neuerung das Briefeschreiben oder gar die persönliche Begegnung verdrängt.
Meiner Erfahrung nach hat das Internet und nunmehr auch das Web 2.0 ganz im Gegenteil menschliche Begegnungen ermöglicht, die zuvor, wenn nicht ausgeschlossen, so doch erheblich schwerer gewesen wären. Einige "Schrauber" zum Beispiel, die mir auf Grundlage eines gemeinsamen Interesses bei meinen Oldtimern mit Rat und Tat zur Seite standen, hätte ich ohne die einschlägigen Internetforen sicher nicht kennengelernt, und gerade die Möglichkeit der virtuellen Vernetzung erregt bei den meisten Menschen irgendwann den Wunsch nach der persönlichen Begegnung. Wir sind eben doch soziale Wesen.
Und so zappele ich heute gern im weltweiten Netz, als lebendiges, höchst individuelles Fischlein, und freue mich, wann immer ich möchte am Gezappel der anderen Fische teilhaben zu können. Die Hemmschwelle der Mitteilsamkeit sinkt fraglos, und Privatsphäre muß wohl neu definiert werden. Aber man ist ja nicht ohne Einfluß darauf, was die Mitwelt oder die Betreiber der einschlägigen Netzwerke über einen erfahren. Hin und wieder ein paar ausgewählte Freunde per foursquare wissen zu lassen, wo man gerade ist, scheint mir kaum geeignet, die abendländische Sozialkultur zu erschüttern.
Fröhliches Zappeln allerseits also, und willkommen in der Gegenwart!
Mittwoch, 5. Oktober 2011
Kur perëndon dielli
"'Tis better to have loved and lost than never to have loved at all." (Alfred Lord Tennyson)
Wenn die Sonne untergeht und Dunkelheit sich auf das Leben niedersenkt, werden die Menschen traurig, und die Klagen beginnen. Von verwaisten Stränden hört man sie, aus tiefen Tälern, leeren Parks und vereinsamten Betten. Das Licht sei fort, die Wärme verschwunden, so jammern die Menschen, die den Tag erlebt haben.
Ich wandele durch die Düsternis, höre die Rufe und staune. Sonne?, frage ich leise, Ihr habt die Sonne gesehen? So ganz hoch und rund am Himmel? Ihr habt sie für Euch aufgehen sehen, steigen und wachsen, rot glühend zunächst und dann immer gleißender? Bis sie Euch ganz durchwärmt und erleuchtet hat? Ihr kennt den Tag, sein Erwachen, seinen Lauf bis zum Höhepunkt und das langsame, früh erkennbare und doch erst spät eingestandene Sinken? Ihr kennt die glückliche Erfüllung Eurer Hoffnung, es möge eine Sonne kommen, die Erregung, die man erlebt, wenn sie sich dann tatsächlich am Horizont zeigt und Lust, endlich ganz in ihr zu leben, zu lieben und zu schwelgen? Die paradiesische Freude, einen heißen Mittag lang sorgloseste Wonnen zu erleben im sicheren Glauben, sie werden nie enden?
Beneidenswert. Wie berauschend, wie über alle Maßen zum Jubeln muß der Tag sein! Wie wunderbar zu erleben, daß alles wahr wird, was man sich erträumt, und sei es auch nur für eine kurze, glückvolle Weile... Wie unvorstellbar schön ist wohl der erste Kuß des Morgenrots, das Schwellen des Lichts und die glühende Verschmelzung von Tag und Leben im Zenith...
Ich weiß davon nichts. Um mich ist ewige Nacht. Gewiß, ganz selten erhellt sich auch meine Welt in zartem Morgenrot. Die Sonne schiebt ihren scharfen Rand ein paar Millimeter über den Horizont, aber kaum hat der erste glühende Strahl mein Herz mit Hoffnung erfüllt, zieht sie sich rasch wieder zurück, gerade so als habe man sie bei etwas Undenkbarem ertappt. Und so bleibt es dunkel um mich. Das Sonnenglück - es bleibt mir fremd. Wie gern nähme ich das Sinken in Kauf, dürfte ich nur einmal die wonnevollen Höhen erleben. Aber man gewöhnt sich dran.
Seid also dankbar. Ihr kennt den Tag, und jeder Nacht folgt für Euch ein neuer Sonnenaufgang, ein neues Glück. Ich, in meiner Dunkelheit, glaube an ewiges Licht. Ihr habt eine echte Chance.
Montag, 26. September 2011
Narrentanz
Seht her - der Hofnarr ist da! Wie drollig er sich bewegt, pulsierend am ganzen Leibe. Wie er sich windet und tanzt! Die ulkigsten Verrenkungen führt er vor, nur um zu gefallen. Schaut ihn an - er zerreißt sich geradezu für uns! Daß man sich so verbiegen kann! Da geht ein Lachen durch den Saal, daß es eine Freude ist. Ein wenig lassen wir ihn noch tanzen.
Mach weiter, Narr! Laß nicht nach! Allzu komisch bist Du anzuschauen, und niemand könnte sagen, was unterhaltsamer ist - Dein Tanz oder das Schwinden Deiner Würde. Aber wer weiß - vielleicht darfst am Ende ein wenig von unserem Tische naschen. Vielleicht daran Platz nehmen für immer. Ausgeschlossen ist es nicht. Streng' Dich halt an!
Nein, so ist es nicht genug! Den Sprung hast Du gestern schon gezeigt! Und dieses Kunststück auch! Gib Dir mehr Mühe, Narr! Tanze! Beschenke uns mit Deinen Possen! Wirst Du Dich wohl bemühen?!
Du brichst Dir was! Nur weil wir Dich treten? Tanz weiter, Du Narr! Wir treten Dich, so oft wir wollen. Bewerfen Dich mit Messern. Weil Du uns gehörst und uns gehören willst. Wenn Du brichst, dann für uns. Für uns bist Du nur, was Du vorführst.
Nun wird's uns fad. Der Tanz stört das Gespräch. Längst locken andere Lustbarkeiten. Seht mal, den Bettler dort! Da, am Ende des Tisches! Er nimmst sich dreist von unseren Speisen, und wir haben es nicht bemerkt. Ohne Tanz, ohne Verdienst und Rücksicht hat er sich einfach bedient. Brav so, guter Mann! Nimm den ganzen Braten! Der Narr, er ist uns lästig.
Nun geh, Narr. Wir haben es uns überlegt. Du bist nun nicht mehr lustig. Hebe Deinen zerbrochenen Leib hinweg von uns und wisch' Dein Blut vom Boden auf. Der Braten ist ohnedies schon gegessen.
Mach weiter, Narr! Laß nicht nach! Allzu komisch bist Du anzuschauen, und niemand könnte sagen, was unterhaltsamer ist - Dein Tanz oder das Schwinden Deiner Würde. Aber wer weiß - vielleicht darfst am Ende ein wenig von unserem Tische naschen. Vielleicht daran Platz nehmen für immer. Ausgeschlossen ist es nicht. Streng' Dich halt an!
Nein, so ist es nicht genug! Den Sprung hast Du gestern schon gezeigt! Und dieses Kunststück auch! Gib Dir mehr Mühe, Narr! Tanze! Beschenke uns mit Deinen Possen! Wirst Du Dich wohl bemühen?!
Du brichst Dir was! Nur weil wir Dich treten? Tanz weiter, Du Narr! Wir treten Dich, so oft wir wollen. Bewerfen Dich mit Messern. Weil Du uns gehörst und uns gehören willst. Wenn Du brichst, dann für uns. Für uns bist Du nur, was Du vorführst.
Nun wird's uns fad. Der Tanz stört das Gespräch. Längst locken andere Lustbarkeiten. Seht mal, den Bettler dort! Da, am Ende des Tisches! Er nimmst sich dreist von unseren Speisen, und wir haben es nicht bemerkt. Ohne Tanz, ohne Verdienst und Rücksicht hat er sich einfach bedient. Brav so, guter Mann! Nimm den ganzen Braten! Der Narr, er ist uns lästig.
Nun geh, Narr. Wir haben es uns überlegt. Du bist nun nicht mehr lustig. Hebe Deinen zerbrochenen Leib hinweg von uns und wisch' Dein Blut vom Boden auf. Der Braten ist ohnedies schon gegessen.
Montag, 12. September 2011
Jazzkeller, irgendwo in Wien
Schwarzgeklimper Kratzgitarre Rauchgefidel.
Rote Lampen versprühen schräge Töne
durch Schwaden grasiger Kultur.
Kunst ist das hier, einbrennsam
dem Offenen, klatschend sphärisch
erhobene Reisverschlußträger.
Rote Lampen versprühen schräge Töne
durch Schwaden grasiger Kultur.
Kunst ist das hier, einbrennsam
dem Offenen, klatschend sphärisch
erhobene Reisverschlußträger.
Freitag, 9. September 2011
Heißes Wasser
Ich öffne den Wasserhahn. In der Therme knistert hektisch der Zündfunke, und dann geschieht, was lange nicht ging: Mit einem dumpfen Fauchen entflammt das Gas, und langsam wird das ins Waschbecken sprudelnde Wasser warm. Ich kann mir ein breites Lächeln nicht versagen, als ich dem Installateur danke und ihn verabschiede.
Duschen also! Zwei Wochen, nachdem die Sanierungsarbeiten an den Gasleitungen des Hauses begonnen haben, endlich wieder heiß duschen. Ich ziehe den Vorhang zurück und steige in die Badewanne. Lasse das Wasser fließen, und das leise Fauchen des entflammenden Gases in der Therme bestätigt mir, daß es kein schöner Traum war. Es wird warm.
Ein leichtes Schaudern überläuft mich im ersten Moment, und meine Haut scheint sich zu sträuben, aus Gewohnheit vielleicht, als der erste Wasserguß auf mich niederregnet. Aber sogleich von der Wärme besänftigt, verfließt das Schaudern und weicht einem wohligen Geborgenheitsgefühl... "Duscho moja!" denke ich in einem höchst albernen deutsch-kroatischen Wortspiel und schließe die Augen vor Genuß und Wonne...
Sich ganz durchwärmen zu lassen von der prasselnden Flut, die Haare zu waschen, langsam und schäumend, und auch angesichts schrumpelnder Fingerkuppen noch ein paar Minuten länger zu verweilen, während Schwall um Schwall warmer Wasserstrahlen den Körper streichelt... welch ein Glück! Ja, das hat mir gefehlt. Und ich gleite ab, lasse mich berieseln, und in mir entstehen Bilder, wachsen Ideen... ein Traumland, das sich mir in der Geborgenheit aus Wärme und Plätschern erschließt... und ich weiß, was ich mit dem Tag anfangen werde.
Kalt geduscht hinterher, das muß sein, erfrischt und duftend ans Werk. Es geht mir gut. Daß man das jeden Tag haben kann, ist Luxus. Die Entbehrung hat mir das verdeutlicht. Tatsächlich ist sogar kaltes Wasser Luxus. Ich freue mich daran, bin glücklich über diese kleine, allzu selbstverständliche Alltäglichkeit. "Danke für die Mitteilung!" schrieb eine Freundin in jener gewohnt sarkastischen Art, für die ich sie so mag, auf meine Meldung bei Facebook, daß ich nun wieder heißes Wasser habe. Ich fand, es war eine Nachricht wert.
Dienstag, 16. August 2011
Ein Traum
Mir träumte, ich sei auf einem Fest zugegen. Im Hause eines Schulfreundes. Tatsächlich hatte er dieses Haus nie, aber wie so oft im Traum erkenne ich es unmißverständlich als seines. Es ist ein großes, modernes Haus mit einem Schwimmbecken und umlaufenden Arkaden, in denen Buffets und Theken aufgebaut sind. Es ist Abend, und die ganze Szene wird feierlich erhellt von kleinen Lampen, Fackeln, Lichterketten und der Beleuchtung des Beckens.
Mein Freund ist gerade nicht da, und so betrachte ich mir die anderen Gäste. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, was mir schon die ganze Zeit so seltsam vorkommt. Alle Anwesenden sind Ex-Freundinnen von mir, ehemalige Beziehungen, Affären, Romanzen oder speziell privilegierte Freundschaften. Ob viele Jahre oder nur ein paar Stunden - mit jeder der anwesenden Frauen hatte ich mal was. Männliche Begleitungen gibt es auch, aber sie tauchen nicht auf. Stattdessen scheinen alle Damen davon auszugehen, noch mit mir zusammen und folglich in meiner Begleitung auf dem Fest zu sein. Daß ich nicht jeder von ihnen meine volle Aufmerksamkeit widme, strafen sie mit eisigen Blicken, obschon ihnen klar sein müßte, daß ich nicht mit allen zugleich hergekommen sein kann.
Eine kurze Weile blicke ich von einer zur anderen. Ja, sie sind alle da. Manche haben nur meine Lust, wenige zudem mein Herz berührt. Manchen offenbarte ich meine Seele, manchen nur meine Körperlichkeit. Manche haben überrascht, manche enttäuscht. Aber sie sind alle da. Von jeder weiß ich, wie sie unter ihrem Cocktailkleid aussieht, wie sie riecht, wie sie schmeckt, wie sie sich bewegt, was sie erregt und wie sie seufzt.
Und dann merke ich, daß ich nach Dir suche, nur nach Dir, denn Du, ausgerechnet Du bist nicht da. Und so dränge ich mich durch die Schar, laufe treppauf, treppab, schaue in jedes Zimmer und suche nur Dich, nur Dich... Dich zu finden, zu halten, zu küssen und zu lieben, ist das Einzige, was mich interessiert. Aber Du bist nicht da.
Wie auch? Es ist ein Traum. Du aber bist meine Wirklichkeit. So traumhaft Du bist - in einem Traum hast Du nichts verloren. Denn Du bist echt. Und in der Wirklichkeit habe ich Dich gefunden.
Donnerstag, 14. Juli 2011
Bundeshymne
Derzeit wird die Änderung der österreichischen Bundeshymne diskutiert. Statt der Zeile "Heimat bist du großer Söhne" soll es nunmehr heißen "Heimat großer Töchter, Söhne".
Da neben dieser schrecklichen sexistischen Diskriminierung noch weit mehr Formulierungen einer zeitgemäßen Aktualisierung bedürfen (werden durch die Nennung der Berge doch die Täler und durch die Erwähnung der Dome die Synagogen diskriminiert; ebenso die armen Wiesen und Parkplätze, die hinter den besungenen Äckern zurücktreten, oder die vielen fleißigen Werkzeuge, die im Text sprichwörtlich unter den Hammer kommen!), erlaube ich mir folgenden Vorschlag einer politisch korrekten Version des Textes. Auf Versmaß und Reim wurde zunächst keine Rücksicht genommen; das kann man bestimmt noch bißchen glätten.
Territorial-politische Einheit pluralistischer Landschaftsformationen,
Territorial-politische Einheit pluralistischer Landschaftsformationen,
territorial-politische Einheit an einem Abschnitt eines europäischen fließenden Binnengewässers,
territorial-politische Einheit polymorpher Bodenstrukturen
und vielfältiger Baulichkeiten zur Ausübung religiöser Überzeugungen und Rituale,
territorial-politische Einheit jeder Art von Werkzeug und anderer Produktionsmittel
mit tendenziell kalkulierbarer temporaler Perspektive!
Soziokultureller Hintergrund bist Du normüberschreitender Abkömmlinge,
Einwohnerschaft mit überdurchschnittlicher Begabung für ästhetisch als ansprechend Tolerierbares,
international positiv rezipiertes Österreich.
Donnerstag, 7. Juli 2011
Der Zweifelturm
Welch imposantes Konstrukt doch der Zweifelturm ist! Kaum ein berühmteres Bauwerk scheint es auf Erden zu geben, denn jeder, wirklich jeder kennt ihn! Seine Form ist unverkennbar: Auf vier gewaltigen Füßen ruhend, die in einem großflächigen Quadrat angeordnet sind, reckt er sich, immer schmaler werdend, in die Höhe. Drei der Füße stehen auf dem Fundament tiefer Zweifel an den Mitmenschen - dem Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit, ihrer Fähigkeit und ihres Nutzens. Der vierte Fuß ist auf den stärksten Grund gebaut - den Selbstzweifel.
Der Zweifelturm ist eine luftige und doch komplexe Stahlfachwerkonstruktion, ein Meisterwerk unserer gedanklich-emotionalen Ingenieurskunst, rostanfällig durchaus und ohne Wartung eines Tages einsturzgefährdet, aber nichts pflegen wir ja bekanntlich so liebevoll wie unsere Zweifel, und also darf angenommen werden, daß der Turm in alle Ewigkeit steht. Vier riesenhafte, nach innen geneigte und die Gesamtform damit verjüngende Bögen spannen sich zwischen den Füßen und tragen die erste Plattform, auf der stehend man seinen Zweifeln noch ganz nah ist und sozusagen vollständig auf ihnen ruht.
Von dort streben die vier Schenkel weiter nach oben und verbinden sich bald zur zweiten Plattform, die der sich verjüngenden Form des Bauwerks wegen schon viel kleiner und von den grundlegenden Zweifeln weiter entfernt ist. Wer möchte, kann von hier in einen anderen Aufzug umsteigen und bis in die Spitze hinauffahren.
Oberhalb der zweiten Plattform haben sich die vier Schenkel des Zweifelturms zu einer hohen Turmspitze vereinigt, die, sich nur noch gelinde verjüngend, in Richtung Himmel strebt. Wer es wagt, seinen Aufstieg hier fortzusetzen, hat die Chance, sich von seinen Zweifeln sehr weit zu entfernen, dem Himmel ein gutes Stück näher zu kommen und die schweren, drückenden Fundamente und Bögen am Fuß des Turms zu vergessen, ja, ein bißchen frei zu werden.
Natürlich weiß man nach wie vor, auf welchem Bauwerk man sich befindet, und worauf es fußt. Und ohne diese Konstruktion hätte man die luftigen Höhen der Turmspitze nicht erreicht. Niemand vermag, einfach so in einem zweifelsfreien Himmel zu schweben. Aber nicht am Boden zu verharren und stattdessen seine Zweifel zu nutzen, um über sie hinwegzuklettern - das ist das Geheimnis der grandiosen Aussicht, der neuen und weiteren Perspektive auf die Welt, auf das Leben, die man von der obersten Plattform genießt.
Sonntag, 3. Juli 2011
Eine Nachtmar
Es ist Nacht. Ich wache auf vom leisen Murmeln in meinem Kopf. So beginnt es immer. Angst beschleicht mich, denn ich weiß schon, was jetzt kommt – die schlimmste, die grausamste Plage von allen: meine eigenen Gedanken. Nacht für Nacht suchen sie mich heim, bösen Geistern gleich, die zu ewigem Spuk verdammt sind, um mich zu quälen.
Schon zieht sich die düsterste Stimmung über mir zusammen, schon umwogen mich leidvolle, schmerzliche Gedanken wie ein Meer aus schwarzem Gift, aus dem es böse flüstert:
Schon zieht sich die düsterste Stimmung über mir zusammen, schon umwogen mich leidvolle, schmerzliche Gedanken wie ein Meer aus schwarzem Gift, aus dem es böse flüstert:
„Du kriegst nicht, was Du Dir ersehnst...“
Und eine kalte Verzweiflung, ein namenloses Leid breitet sich in meiner Brust aus und lähmt meine Glieder.
Ängstlich pocht mein Herz, als wolle es sich freiklopfen von den Übeln, die es kalt umwehen. Die immer gleichen, schrecklichen Bilder erheben sich aus dem Dunkel, die Bilder von ihr und ihm, dem meine Träume erfüllt wurden, dessen Begehren über meine Liebe triumphiert hat, und lauter wird das Flüstern, höhnisch und bedrängend:
Ängstlich pocht mein Herz, als wolle es sich freiklopfen von den Übeln, die es kalt umwehen. Die immer gleichen, schrecklichen Bilder erheben sich aus dem Dunkel, die Bilder von ihr und ihm, dem meine Träume erfüllt wurden, dessen Begehren über meine Liebe triumphiert hat, und lauter wird das Flüstern, höhnisch und bedrängend:
„Sie ist nicht Dein... sie war es nie und wird’s nie sein... Er aber hat sie. Er darf sie spüren, teilt ihr Leben... und auf die intimste, wonnevollste Weise darf er sich mit ihr vereinen...“
„Nein!“ wispere ich, „nein, bitte nicht...“
Aber er küßt sie und genießt sie trotzdem, und sie läßt es geschehen. Manchmal lächelt sie mich dabei böse an.
Übelkeit verschnürt meine Kehle... und doch lassen sie mich nicht los, die Gedanken, die Bilder... Sie umschweben mich, sie durchzucken mich, immer heftiger wird ihr erbarmungsloser Wirbel, und wie eine geschickt gelegte Fessel ziehen sie sich enger um mich zusammen, je mehr ich mich gegen sie wehre. Alle Freude, alle Hoffnung und Zuversicht weicht von mir; alles Gute in meinem Leben scheint im giftschwarzen Meer zu versinken, verschluckt von hämischen Wellen, die jetzt mit ihrer geliebten, süßen Stimme säuseln:
Übelkeit verschnürt meine Kehle... und doch lassen sie mich nicht los, die Gedanken, die Bilder... Sie umschweben mich, sie durchzucken mich, immer heftiger wird ihr erbarmungsloser Wirbel, und wie eine geschickt gelegte Fessel ziehen sie sich enger um mich zusammen, je mehr ich mich gegen sie wehre. Alle Freude, alle Hoffnung und Zuversicht weicht von mir; alles Gute in meinem Leben scheint im giftschwarzen Meer zu versinken, verschluckt von hämischen Wellen, die jetzt mit ihrer geliebten, süßen Stimme säuseln:
„Zuckersternchen... Du warst einfach nicht richtig.“
Es tut so weh, und ich kann nichts dagegen tun. Mein eigener Kopf peinigt mich, herzlos, weil Köpfe nun mal keine Herzen sind, und ohne Schonung.
Irgendwann schlafe ich ein. Nicht aus Ruhe, sondern aus Verzweiflung. Ich flüchte in den Schlaf. Manchmal wache ich nach solchen Nächten auf und frage mich, ob ich auf eine bizarre Art süchtig nach meinem eigenen Leid bin. Alles, was mich quält, ist in mir. Meine Erinnerungen, meine zerstörten Hoffnungen, meine enttäuschten Träume und unerfüllten Sehnsüchte. Sie erwachen jede Nacht, lösen sich aus mir heraus und führen ihren grauenvollen Tanz vor mir auf. Aber sie sind in mir. Ich sollte sie beherrschen, nicht umgekehrt. Vielleicht gelingt es mir ja heute nacht.
Irgendwann schlafe ich ein. Nicht aus Ruhe, sondern aus Verzweiflung. Ich flüchte in den Schlaf. Manchmal wache ich nach solchen Nächten auf und frage mich, ob ich auf eine bizarre Art süchtig nach meinem eigenen Leid bin. Alles, was mich quält, ist in mir. Meine Erinnerungen, meine zerstörten Hoffnungen, meine enttäuschten Träume und unerfüllten Sehnsüchte. Sie erwachen jede Nacht, lösen sich aus mir heraus und führen ihren grauenvollen Tanz vor mir auf. Aber sie sind in mir. Ich sollte sie beherrschen, nicht umgekehrt. Vielleicht gelingt es mir ja heute nacht.
Vielleicht.
Donnerstag, 30. Juni 2011
Das Böhnchen II
Ein Böhnchen liegt am Meeresgrund
und fühlt sich dort nicht wohl.
Um sich nur Kälte, Dunkelheit.
Das Leben scheint ihm hohl.
So mag das Böhnchen nicht mehr sein,
und drum, mit letzter Kraft,
erhebt es sich vom nassen Grund
und geht auf Wanderschaft.
Es kriecht sich frei, es schwimmt empor
in helle Wasserhöh'n,
und wie es Licht und Wärme spürt,
wird's Leben wieder schön.
Und endlich wird es angespült
ans trockenwarme Land,
und wie vor langer Zeit schon mal
befindet's sich am Strand.
Doch will es dort nicht bleiben, nein!
Vom Meer und seinem Trug,
seiner Verführung, seinem Schein
hat's Böhnchen längst genug.
So wandert's weiter, tief ins Land,
durch Felder, Wiesen, Wald
und macht erst vor der steilen Wand
der blauen Berge halt.
Jetzt oder nie!, so sagt es sich
und fängt zu klettern an -
ein steiler Weg, von dem's nicht weiß,
ob es ihn schaffen kann.
Und sieh!, es fällt ihm spielend leicht!
Berauscht durch seinen Mut
kommt bald es auf dem Gipfel an
und fühlt sich frei und gut.
Nie hätte es am Meeresgrund
gedacht, daß es das schafft!
Auf seines Lebens Gipfel steht
es nun aus eig'ner Kraft!
Und hinter diesem Berg im Licht
liegt morgenfrisches Land,
ein Paradies, das es durch nichts
als starken Willen fand.
So lohnt es sich zuweilen schon,
vom Boden aufzusteh'n
und gegen alle Zweifel doch
den steilen Weg zu geh'n!
Freitag, 24. Juni 2011
Niemals
"Niemals!" sagte man mir neulich, "Um kein Geld der Welt!" Und damit war das Thema beendet, ein Thema freilich, das mich ohnehin nicht wirklich interessiert hat. Geärgert hat mich die Aussage trotzdem.
Es ging mir schon als kleines Kind so - nicht ganz einfach für meine Eltern. Ich haßte von jeher Verbote, gleich, welchen Gegenstand sie betrafen. Und zwar nicht, weil ich alles, was mir verboten ward, tun wollte. Keinesfalls! Es leuchtete mir durchaus ein, daß manches besser nicht zu tun sei. Aber ich wollte nichts nicht dürfen. Was ich durfte, habe ich in der Regel ohnehin nicht getan; es hatte seinen Reiz allein darin, es tun zu dürfen. Die Umsetzung war, gemessen an der theoretischen Möglichkeit, fast banal und unwichtig. Aber verboten sein sollte nichts, und nichts sollte von vornherein, kategorisch und "um kein Geld der Welt" ausgeschlossen sein.
Das macht mich bis heute extrem unruhig. Ich empfinde es als äußerst arrogant, etwas derart absolut auszuschließen, maßt man sich damit doch an, all die tausend unberechenbaren Faktoren, alles Unerwartete und alles Überraschende, das dem Leben an sich und jeder einzelnen Situation immer wieder plötzlich eine völlig neue Wendung geben kann, unfehlbar beurteilen zu können und von vornherein als undenkbar, nichtig und wertlos für die Gestaltung des Zukünftigen abzustempeln. Dergleichen erregt meinen instinktiven Widerstand und macht eine praktische Verbotsübertretung viel wahrscheinlicher als die Verwirklichung von etwas an sich Erlaubtem, einfach nur, um der gebannten Möglichkeit auf rebellische Weise doch noch ihr Recht zu geben.
Die Vielfalt der Möglichkeiten, die Pluralität des Denkbaren, so glaube ich, ist es doch letztlich, die das Leben reizvoll und einigermaßen lebenswert macht. Nicht nur, aber auch.
Die Vielfalt der Möglichkeiten, die Pluralität des Denkbaren, so glaube ich, ist es doch letztlich, die das Leben reizvoll und einigermaßen lebenswert macht. Nicht nur, aber auch.
Dienstag, 21. Juni 2011
Das Hohelied der Lücke
(Frei nach 1. Kor 13, 1-7)
Die Liebe, so steht es geschrieben, sei langmütig und freundlich, die Liebe eifere nicht, die Liebe treibe nicht Mutwillen, sie blähe sich nicht auf, sie verhalte sich nicht ungehörig, sie suche nicht das Ihre, sie lasse sich nicht erbittern, sie rechne das Böse nicht zu, sie freue sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freue sich aber an der Wahrheit; sie vertrage alles, sie glaube alles, sie hoffe alles, sie dulde alles.
Ja. Muß schön sein.
Freitag, 17. Juni 2011
Einziger Sinn
(Ein literarischer Kuß)
Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.
Mittwoch, 8. Juni 2011
Dichterleben
Bleischwer hingen die Wolken über der Stadt; der Regen war längst überfällig. Ernst-Rüdiger saß am Fenster und zerknüllte ein eng beschriebenes Blatt Papier.
"Potzblitz!" murmelte er, "das Gedichtlein, der Liebsten Herz zu erweichen, will mir nicht recht gelingen!"
Dann stand er auf, öffnete das Fenster und sprang hinaus. Und zusammen mit Ernst-Rüdigers Kopf schlug endlich auch der erste Regentropfen auf dem Pflaster auf.
Dann stand er auf, öffnete das Fenster und sprang hinaus. Und zusammen mit Ernst-Rüdigers Kopf schlug endlich auch der erste Regentropfen auf dem Pflaster auf.
Mittwoch, 25. Mai 2011
Zwei Erkenntnisse
oder: Warum man so leicht verlieren kann...
Einem allzu festen Griff
Entwindet sich das Glück,
Löst sich auf, verfliegt im Wind
Und kehrt nie mehr zurück.
2.
Einem allzu schwachen Griff
Entschlüpft alsbald das Glück,
Macht sich frei und fliegt davon,
Kehrt niemals mehr zurück.
Montag, 23. Mai 2011
Geburtstagsgedanken
Da ist er nun, der 23. Mai. Was fällt mir dazu ein...?
Heute vor 62 Jahren wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Ich denke oft an dieses Land, besonders, seit ich nicht mehr dort zu Hause bin, hinausgeschwemmt, verstoßen sogar irgendwie und mit allen Versuchen, mich zu bewähren, gescheitert.
Aber Heimat bleibt es mir doch, das Land, das mich genährt, geprägt und sozialisiert hat, in dem mir geholfen wurde, wenn ich in Not war, und dem ich so beklagenswert wenig zurückzugeben vermochte.
Zugegeben - es ist eine schwierige Heimat. Das Land hat Geld, und doch nie genug. Es ist wohlständig und neigt doch zur Unzufriedenheit. Seine Konfliktkultur ist unterentwickelt, und sein Wille, mit Pioniergeist die anstehenden Probleme anzugehen, ist weit weniger ausgeprägt als seine Bereitschaft, sich über halb leere Gläser zu beschweren. Und wenn dann etwas gut zu laufen beginnt, scheint eine Art ungläubige Panik um sich zu greifen, die blind macht für vieles Gute. Nein, Entwicklungen dankbar anzunehmen und zu nutzen ist nicht die Stärke dieses Landes.
Egal. Es bleibt die Heimat, der ich vieles verdanke, und der für immer mein Herz gehört. Vielleicht läßt sie sich aus der Ferne besser lieben, leichter, unkomplizierter, weil kein gemeinsames Leben mehr tägliche Bewährung erfordert. Aber aufhören werde ich nie.
Samstag, 21. Mai 2011
Ein bißchen Zeit
"Gib mir noch ein bißchen Zeit!" hatte sie ihm geschrieben. Sie hatten sich seit ihrer Trennung an jenem schrecklichen Dienstag nun schon ein paar Wochen nicht mehr gesehen, und auf seinen Vorschlag, sich mal wieder zu treffen, antwortete sie nun: "Gib mir noch ein bißchen Zeit, die brauche ich noch, dann machen wir das!"
Natürlich hatte er sofort zugestimmt. Daß er sie gern wiedergesehen hätte, war Ausdruck seiner Sehnsucht nach ihr, seines unbedingten Wunsches, ihre Beziehung vielleicht doch noch zu retten. Zwei Jahre waren sie zusammen gewesen, zwei schwierig-wundervolle Jahre. Er liebte sie. Allen Hindernissen und Mißverständnissen zum Trotze hätte er es gern noch einmal versucht. Aber sie bat ihn um ein bißchen Zeit.
Was sie von ihm verlangte, so dachte er, war nicht nur eine Schonfrist für verletzte Gefühle, nicht nur eine Phase, in der Fehler verstanden, enttäuschte Hoffnungen verarbeitet und mögliche Wunden geheilt werden sollten, damit man es in Zukunft besser machen könne. Nein. Für sie war es eine Zeit, um den Abstand zu vergrößern und die Trennung so manifest zu machen, daß ein Wiedersehen mit ihm keinerlei Versuchung mehr darstellte. Es war ihre Chance, sich von ihm zu entfernen und ihn als Kapitel in ihrem Leben endgültig abzuhaken. Sie würde ihn erst wiedersehen wollen, wenn sie sicher war, daß er ihr Herz nicht mehr zu berühren vermochte, und daß sie klar und entschieden und dauerhaft über ihn hinweg wäre.
Was sie von ihm verlangte, war nicht mehr und nicht weniger als ihr die Gelegenheit zu geben, seinen innigsten Wunsch für immer unerfüllbar zu machen, jeden Rückfall zu verhindern und ihre Liebe langsam und gründlich sterben zu lassen. Dann, erst dann würde sie ihn wiedersehen.
Er liebte sie. Und also gab er ihr die Zeit, um die sie ihn bat.
Donnerstag, 5. Mai 2011
Ein freier Mensch
Freiheit! Das positivste Wort der Welt. Nun ja, außer Liebe vielleicht. Wer käme darauf, in der Freiheit eine Last zu sehen? Ich bin frei, ein freier Mensch. Frei, selbstbestimmt. Ungebunden. Allein. Ein bißchen einsam. Haltlos schwebend in der Grenzenlosigkeit meiner Möglichkeiten.
Ja, ich kann tun und lassen, was ich will. Ausgehen, "liebe Freundinnen" treffen, trinken, nach Hause kommen, wann und mit wem ich möchte... schauspielern oder echt sein, arbeiten oder in den Urlaub fahren, rote Hosen tragen oder nachts um zwei einen Liter Vanilleeis essen. Ich kann schlafen oder aufstehen, ich kann gehen oder bleiben, ich kann lachen, weinen, reden, schweigen, und niemanden geht's etwas an. Ich bin frei.
Es geht niemanden etwas an. Was immer ich tue oder lasse, ja mein ganzes Leben geht niemanden etwas an. Tja... Was niemanden etwas angeht, daran nimmt irgendwann auch niemand mehr Anteil.
Wie trügerisch der Götterfunke leuchtet. Freiheit. Ein Wort, hinter dem wir allzu gern unsere Bindungsangst verstecken... Ein Klischee, mit dem wir rechtfertigen, uns auf nichts einzulassen, uns nicht durch das enge Nadelöhr der Einschränkung zu quetschen aus Angst vor dem Glück, das dahinter lauern könnte...
Freiheit? Ich pfeife auf die Freiheit, wenn ich in Dir gefangen sein darf.
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