Dienstag, 16. August 2011

Ein Traum

Mir träumte, ich sei auf einem Fest zugegen. Im Hause eines Schulfreundes. Tatsächlich hatte er dieses Haus nie, aber wie so oft im Traum erkenne ich es unmißverständlich als seines. Es ist ein großes, modernes Haus mit einem Schwimmbecken und umlaufenden Arkaden, in denen Buffets und Theken aufgebaut sind. Es ist Abend, und die ganze Szene wird feierlich erhellt von kleinen Lampen, Fackeln, Lichterketten und der Beleuchtung des Beckens.

Mein Freund ist gerade nicht da, und so betrachte ich mir die anderen Gäste. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, was mir schon die ganze Zeit so seltsam vorkommt. Alle Anwesenden sind Ex-Freundinnen von mir, ehemalige Beziehungen, Affären, Romanzen oder speziell privilegierte Freundschaften. Ob viele Jahre oder nur ein paar Stunden - mit jeder der anwesenden Frauen hatte ich mal was. Männliche Begleitungen gibt es auch, aber sie tauchen nicht auf. Stattdessen scheinen alle Damen davon auszugehen, noch mit mir zusammen und folglich in meiner Begleitung auf dem Fest zu sein. Daß ich nicht jeder von ihnen meine volle Aufmerksamkeit widme, strafen sie mit eisigen Blicken, obschon ihnen klar sein müßte, daß ich nicht mit allen zugleich hergekommen sein kann.

Eine kurze Weile blicke ich von einer zur anderen. Ja, sie sind alle da. Manche haben nur meine Lust, wenige zudem mein Herz berührt. Manchen offenbarte ich meine Seele, manchen nur meine Körperlichkeit. Manche haben überrascht, manche enttäuscht. Aber sie sind alle da. Von jeder weiß ich, wie sie unter ihrem Cocktailkleid aussieht, wie sie riecht, wie sie schmeckt, wie sie sich bewegt, was sie erregt und wie sie seufzt.

Und dann merke ich, daß ich nach Dir suche, nur nach Dir, denn Du, ausgerechnet Du bist nicht da. Und so dränge ich mich durch die Schar, laufe treppauf, treppab, schaue in jedes Zimmer und suche nur Dich, nur Dich... Dich zu finden, zu halten, zu küssen und zu lieben, ist das Einzige, was mich interessiert. Aber Du bist nicht da.

Wie auch? Es ist ein Traum. Du aber bist meine Wirklichkeit. So traumhaft Du bist - in einem Traum hast Du nichts verloren. Denn Du bist echt. Und in der Wirklichkeit habe ich Dich gefunden.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Bundeshymne

Derzeit wird die Änderung der österreichischen Bundeshymne diskutiert. Statt der Zeile "Heimat bist du großer Söhne" soll es nunmehr heißen "Heimat großer Töchter, Söhne".
Da neben dieser schrecklichen sexistischen Diskriminierung noch weit mehr Formulierungen einer zeitgemäßen Aktualisierung bedürfen (werden durch die Nennung der Berge doch die Täler und durch die Erwähnung der Dome die Synagogen diskriminiert; ebenso die armen Wiesen und Parkplätze, die hinter den besungenen Äckern zurücktreten, oder die vielen fleißigen Werkzeuge, die im Text sprichwörtlich unter den Hammer kommen!), erlaube ich mir folgenden Vorschlag einer politisch korrekten Version des Textes. Auf Versmaß und Reim wurde zunächst keine Rücksicht genommen; das kann man bestimmt noch bißchen glätten.

Territorial-politische Einheit pluralistischer Landschaftsformationen,
territorial-politische Einheit an einem Abschnitt eines europäischen fließenden Binnengewässers,
territorial-politische Einheit polymorpher Bodenstrukturen
und vielfältiger Baulichkeiten zur Ausübung religiöser Überzeugungen und Rituale,
territorial-politische Einheit jeder Art von Werkzeug und anderer Produktionsmittel
mit tendenziell kalkulierbarer temporaler Perspektive!
Soziokultureller Hintergrund bist Du normüberschreitender Abkömmlinge,
Einwohnerschaft mit überdurchschnittlicher Begabung für ästhetisch als ansprechend Tolerierbares,
international positiv rezipiertes Österreich.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Der Zweifelturm

Welch imposantes Konstrukt doch der Zweifelturm ist! Kaum ein berühmteres Bauwerk scheint es auf Erden zu geben, denn jeder, wirklich jeder kennt ihn! Seine Form ist unverkennbar: Auf vier gewaltigen Füßen ruhend, die in einem großflächigen Quadrat angeordnet sind, reckt er sich, immer schmaler werdend, in die Höhe. Drei der Füße stehen auf dem Fundament tiefer Zweifel an den Mitmenschen - dem Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit, ihrer Fähigkeit und ihres Nutzens. Der vierte Fuß ist auf den stärksten Grund gebaut - den Selbstzweifel.

Der Zweifelturm ist eine luftige und doch komplexe Stahlfachwerkonstruktion, ein Meisterwerk unserer gedanklich-emotionalen Ingenieurskunst, rostanfällig durchaus und ohne Wartung eines Tages einsturzgefährdet, aber nichts pflegen wir ja bekanntlich so liebevoll wie unsere Zweifel, und also darf angenommen werden, daß der Turm in alle Ewigkeit steht. Vier riesenhafte, nach innen geneigte und die Gesamtform damit verjüngende Bögen spannen sich zwischen den Füßen und tragen die erste Plattform, auf der stehend man seinen Zweifeln noch ganz nah ist und sozusagen vollständig auf ihnen ruht.

Von dort streben die vier Schenkel weiter nach oben und verbinden sich bald zur zweiten Plattform, die der sich verjüngenden Form des Bauwerks wegen schon viel kleiner und von den grundlegenden Zweifeln weiter entfernt ist. Wer möchte, kann von hier in einen anderen Aufzug umsteigen und bis in die Spitze hinauffahren.

Oberhalb der zweiten Plattform haben sich die vier Schenkel des Zweifelturms zu einer hohen Turmspitze vereinigt, die, sich nur noch gelinde verjüngend, in Richtung Himmel strebt. Wer es wagt, seinen Aufstieg hier fortzusetzen, hat die Chance, sich von seinen Zweifeln sehr weit zu entfernen, dem Himmel ein gutes Stück näher zu kommen und die schweren, drückenden Fundamente und Bögen am Fuß des Turms zu vergessen, ja, ein bißchen frei zu werden.

Natürlich weiß man nach wie vor, auf welchem Bauwerk man sich befindet, und worauf es fußt. Und ohne diese Konstruktion hätte man die luftigen Höhen der Turmspitze nicht erreicht. Niemand vermag, einfach so in einem zweifelsfreien Himmel zu schweben. Aber nicht am Boden zu verharren und stattdessen seine Zweifel zu nutzen, um über sie hinwegzuklettern - das ist das Geheimnis der grandiosen Aussicht, der neuen und weiteren Perspektive auf die Welt, auf das Leben, die man von der obersten Plattform genießt.


Sonntag, 3. Juli 2011

Eine Nachtmar

Es ist Nacht. Ich wache auf vom leisen Murmeln in meinem Kopf. So beginnt es immer. Angst beschleicht mich, denn ich weiß schon, was jetzt kommt – die schlimmste, die grausamste Plage von allen: meine eigenen Gedanken. Nacht für Nacht suchen sie mich heim, bösen Geistern gleich, die zu ewigem Spuk verdammt sind, um mich zu quälen.

Schon zieht sich die düsterste Stimmung über mir zusammen, schon umwogen mich leidvolle, schmerzliche Gedanken wie ein Meer aus schwarzem Gift, aus dem es böse flüstert:
„Du kriegst nicht, was Du Dir ersehnst...“
Und eine kalte Verzweiflung, ein namenloses Leid breitet sich in meiner Brust aus und lähmt meine Glieder.

Ängstlich pocht mein Herz, als wolle es sich freiklopfen von den Übeln, die es kalt umwehen. Die immer gleichen, schrecklichen Bilder erheben sich aus dem Dunkel, die Bilder von ihr und ihm, dem meine Träume erfüllt wurden, dessen Begehren über meine Liebe triumphiert hat, und lauter wird das Flüstern, höhnisch und bedrängend:
„Sie ist nicht Dein... sie war es nie und wird’s nie sein... Er aber hat sie. Er darf sie spüren, teilt ihr Leben... und auf die intimste, wonnevollste Weise darf er sich mit ihr vereinen...“
„Nein!“ wispere ich, „nein, bitte nicht...“
Aber er küßt sie und genießt sie trotzdem, und sie läßt es geschehen. Manchmal lächelt sie mich dabei böse an.

Übelkeit verschnürt meine Kehle... und doch lassen sie mich nicht los, die Gedanken, die Bilder... Sie umschweben mich, sie durchzucken mich, immer heftiger wird ihr erbarmungsloser Wirbel, und wie eine geschickt gelegte Fessel ziehen sie sich enger um mich zusammen, je mehr ich mich gegen sie wehre. Alle Freude, alle Hoffnung und Zuversicht weicht von mir; alles Gute in meinem Leben scheint im giftschwarzen Meer zu versinken, verschluckt von hämischen Wellen, die jetzt mit ihrer geliebten, süßen Stimme säuseln:
„Zuckersternchen... Du warst einfach nicht richtig.“
Es tut so weh, und ich kann nichts dagegen tun. Mein eigener Kopf peinigt mich, herzlos, weil Köpfe nun mal keine Herzen sind, und ohne Schonung.

Irgendwann schlafe ich ein. Nicht aus Ruhe, sondern aus Verzweiflung. Ich flüchte in den Schlaf. Manchmal wache ich nach solchen Nächten auf und frage mich, ob ich auf eine bizarre Art süchtig nach meinem eigenen Leid bin. Alles, was mich quält, ist in mir. Meine Erinnerungen, meine zerstörten Hoffnungen, meine enttäuschten Träume und unerfüllten Sehnsüchte. Sie erwachen jede Nacht, lösen sich aus mir heraus und führen ihren grauenvollen Tanz vor mir auf. Aber sie sind in mir. Ich sollte sie beherrschen, nicht umgekehrt. Vielleicht gelingt es mir ja heute nacht.

Vielleicht.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Das Böhnchen II

Ein Böhnchen liegt am Meeresgrund
und fühlt sich dort nicht wohl.
Um sich nur Kälte, Dunkelheit.
Das Leben scheint ihm hohl.

So mag das Böhnchen nicht mehr sein,
und drum, mit letzter Kraft,
erhebt es sich vom nassen Grund
und geht auf Wanderschaft.

Es kriecht sich frei, es schwimmt empor
in helle Wasserhöh'n,
und wie es Licht und Wärme spürt,
wird's Leben wieder schön.

Und endlich wird es angespült
ans trockenwarme Land,
und wie vor langer Zeit schon mal
befindet's sich am Strand.

Doch will es dort nicht bleiben, nein!
Vom Meer und seinem Trug,
seiner Verführung, seinem Schein
hat's Böhnchen längst genug.

So wandert's weiter, tief ins Land,
durch Felder, Wiesen, Wald
und macht erst vor der steilen Wand
der blauen Berge halt.

Jetzt oder nie!, so sagt es sich
und fängt zu klettern an -
ein steiler Weg, von dem's nicht weiß,
ob es ihn schaffen kann.

Und sieh!, es fällt ihm spielend leicht!
Berauscht durch seinen Mut
kommt bald es auf dem Gipfel an
und fühlt sich frei und gut.

Nie hätte es am Meeresgrund
gedacht, daß es das schafft!
Auf seines Lebens Gipfel steht
es nun aus eig'ner Kraft!

Und hinter diesem Berg im Licht
liegt morgenfrisches Land,
ein Paradies, das es durch nichts
als starken Willen fand.

So lohnt es sich zuweilen schon,
vom Boden aufzusteh'n
und gegen alle Zweifel doch
den steilen Weg zu geh'n!

Freitag, 24. Juni 2011

Niemals

"Niemals!" sagte man mir neulich, "Um kein Geld der Welt!" Und damit war das Thema beendet, ein Thema freilich, das mich ohnehin nicht wirklich interessiert hat. Geärgert hat mich die Aussage trotzdem.

Denn es gibt ein paar Schlüsselwörter, die mich von jeher bis aufs Blut reizen und mit denen ich absolut nicht umgehen kann. "Niemals" gehört dazu. Genau wie "Du sollst" oder alles, was mit "dürfen" zu tun hat. Ich ertrage einfach die kategorische Begrenzung von Möglichkeiten nicht, und seien diese auch rein theoretisch. Mögliche Verläufe mit der kalten, starren Axt des unverrückbaren Prinzips abzuhacken und ihnen damit nicht nur als praktisches Geschehen, sondern sogar als gedankliches Konstrukt das Existenzrecht abzusprechen, erscheint mir wie ein grausames Gemetzel an allem, was denkbar ist, an der unendlichen Vielfalt von Möglichkeiten, von Ideen und Phantasien, aus der ja auch die Kunst, die Literatur ihre Inhalte schöpft...

Es ging mir schon als kleines Kind so - nicht ganz einfach für meine Eltern. Ich haßte von jeher Verbote, gleich, welchen Gegenstand sie betrafen. Und zwar nicht, weil ich alles, was mir verboten ward, tun wollte. Keinesfalls! Es leuchtete mir durchaus ein, daß manches besser nicht zu tun sei. Aber ich wollte nichts nicht dürfen. Was ich durfte, habe ich in der Regel ohnehin nicht getan; es hatte seinen Reiz allein darin, es tun zu dürfen. Die Umsetzung war, gemessen an der theoretischen Möglichkeit, fast banal und unwichtig. Aber verboten sein sollte nichts, und nichts sollte von vornherein, kategorisch und "um kein Geld der Welt" ausgeschlossen sein.

Das macht mich bis heute extrem unruhig. Ich empfinde es als äußerst arrogant, etwas derart absolut auszuschließen, maßt man sich damit doch an, all die tausend unberechenbaren Faktoren, alles Unerwartete und alles Überraschende, das dem Leben an sich und jeder einzelnen Situation immer wieder plötzlich eine völlig neue Wendung geben kann, unfehlbar beurteilen zu können und von vornherein als undenkbar, nichtig und wertlos für die Gestaltung des Zukünftigen abzustempeln. Dergleichen erregt meinen instinktiven Widerstand und macht eine praktische Verbotsübertretung viel wahrscheinlicher als die Verwirklichung von etwas an sich Erlaubtem, einfach nur, um der gebannten Möglichkeit auf rebellische Weise doch noch ihr Recht zu geben.

Die Vielfalt der Möglichkeiten, die Pluralität des Denkbaren, so glaube ich, ist es doch letztlich, die das Leben reizvoll und einigermaßen lebenswert macht. Nicht nur, aber auch.

Dienstag, 21. Juni 2011

Das Hohelied der Lücke

(Frei nach 1. Kor 13, 1-7)

Ich rede mit Menschen- und mit Engelszungen, doch ich habe die Liebe nicht, und also bin ich ein tönendes Erz, eine klingende Schelle. Ich rede prophetisch, kenne alle Geheimnisse und habe alle Erkenntnis, und ich habe den Glauben, daß ich Berge versetzen kann, doch ich habe die Liebe nicht, und also bin ich nichts. Und gäbe all meine Habe den Armen und ließe meinen Leib verbrennen, ich habe doch die Liebe nicht, und also ist mir's nichts nütze.

Die Liebe, so steht es geschrieben, sei langmütig und freundlich, die Liebe eifere nicht, die Liebe treibe nicht Mutwillen, sie blähe sich nicht auf, sie verhalte sich nicht ungehörig, sie suche nicht das Ihre, sie lasse sich nicht erbittern, sie rechne das Böse nicht zu, sie freue sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freue sich aber an der Wahrheit; sie vertrage alles, sie glaube alles, sie hoffe alles, sie dulde alles.

Ja. Muß schön sein.

Freitag, 17. Juni 2011

Einziger Sinn

(Ein literarischer Kuß)

Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Dichterleben

Bleischwer hingen die Wolken über der Stadt; der Regen war längst überfällig. Ernst-Rüdiger saß am Fenster und zerknüllte ein eng beschriebenes Blatt Papier.
"Potzblitz!" murmelte er, "das Gedichtlein, der Liebsten Herz zu erweichen, will mir nicht recht gelingen!"
Dann stand er auf, öffnete das Fenster und sprang hinaus. Und zusammen mit Ernst-Rüdigers Kopf schlug endlich auch der erste Regentropfen auf dem Pflaster auf.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Zwei Erkenntnisse

oder: Warum man so leicht verlieren kann...

1.
Einem allzu festen Griff
Entwindet sich das Glück,
Löst sich auf, verfliegt im Wind
Und kehrt nie mehr zurück.

2.
Einem allzu schwachen Griff
Entschlüpft alsbald das Glück,
Macht sich frei und fliegt davon,
Kehrt niemals mehr zurück.

Montag, 23. Mai 2011

Geburtstagsgedanken

Da ist er nun, der 23. Mai. Was fällt mir dazu ein...?

Heute vor 62 Jahren wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Ich denke oft an dieses Land, besonders, seit ich nicht mehr dort zu Hause bin, hinausgeschwemmt, verstoßen sogar irgendwie und mit allen Versuchen, mich zu bewähren, gescheitert.

Aber Heimat bleibt es mir doch, das Land, das mich genährt, geprägt und sozialisiert hat, in dem mir geholfen wurde, wenn ich in Not war, und dem ich so beklagenswert wenig zurückzugeben vermochte.

Zugegeben - es ist eine schwierige Heimat. Das Land hat Geld, und doch nie genug. Es ist wohlständig und neigt doch zur Unzufriedenheit. Seine Konfliktkultur ist unterentwickelt, und sein Wille, mit Pioniergeist die anstehenden Probleme anzugehen, ist weit weniger ausgeprägt als seine Bereitschaft, sich über halb leere Gläser zu beschweren. Und wenn dann etwas gut zu laufen beginnt, scheint eine Art ungläubige Panik um sich zu greifen, die blind macht für vieles Gute. Nein, Entwicklungen dankbar anzunehmen und zu nutzen ist nicht die Stärke dieses Landes.

Egal. Es bleibt die Heimat, der ich vieles verdanke, und der für immer mein Herz gehört. Vielleicht läßt sie sich aus der Ferne besser lieben, leichter, unkomplizierter, weil kein gemeinsames Leben mehr tägliche Bewährung erfordert. Aber aufhören werde ich nie.

Samstag, 21. Mai 2011

Ein bißchen Zeit

"Gib mir noch ein bißchen Zeit!" hatte sie ihm geschrieben. Sie hatten sich seit ihrer Trennung an jenem schrecklichen Dienstag nun schon ein paar Wochen nicht mehr gesehen, und auf seinen Vorschlag, sich mal wieder zu treffen, antwortete sie nun: "Gib mir noch ein bißchen Zeit, die brauche ich noch, dann machen wir das!"

Natürlich hatte er sofort zugestimmt. Daß er sie gern wiedergesehen hätte, war Ausdruck seiner Sehnsucht nach ihr, seines unbedingten Wunsches, ihre Beziehung vielleicht doch noch zu retten. Zwei Jahre waren sie zusammen gewesen, zwei schwierig-wundervolle Jahre. Er liebte sie. Allen Hindernissen und Mißverständnissen zum Trotze hätte er es gern noch einmal versucht. Aber sie bat ihn um ein bißchen Zeit.

Was sie von ihm verlangte, so dachte er, war nicht nur eine Schonfrist für verletzte Gefühle, nicht nur eine Phase, in der Fehler verstanden, enttäuschte Hoffnungen verarbeitet und mögliche Wunden geheilt werden sollten, damit man es in Zukunft besser machen könne. Nein. Für sie war es eine Zeit, um den Abstand zu vergrößern und die Trennung so manifest zu machen, daß ein Wiedersehen mit ihm keinerlei Versuchung mehr darstellte. Es war ihre Chance, sich von ihm zu entfernen und ihn als Kapitel in ihrem Leben endgültig abzuhaken. Sie würde ihn erst wiedersehen wollen, wenn sie sicher war, daß er ihr Herz nicht mehr zu berühren vermochte, und daß sie klar und entschieden und dauerhaft über ihn hinweg wäre.

Was sie von ihm verlangte, war nicht mehr und nicht weniger als ihr die Gelegenheit zu geben, seinen innigsten Wunsch für immer unerfüllbar zu machen, jeden Rückfall zu verhindern und ihre Liebe langsam und gründlich sterben zu lassen. Dann, erst dann würde sie ihn wiedersehen.

Er liebte sie. Und also gab er ihr die Zeit, um die sie ihn bat.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Ein freier Mensch

Freiheit! Das positivste Wort der Welt. Nun ja, außer Liebe vielleicht. Wer käme darauf, in der Freiheit eine Last zu sehen? Ich bin frei, ein freier Mensch. Frei, selbstbestimmt. Ungebunden. Allein. Ein bißchen einsam. Haltlos schwebend in der Grenzenlosigkeit meiner Möglichkeiten.

Ja, ich kann tun und lassen, was ich will. Ausgehen, "liebe Freundinnen" treffen, trinken, nach Hause kommen, wann und mit wem ich möchte... schauspielern oder echt sein, arbeiten oder in den Urlaub fahren, rote Hosen tragen oder nachts um zwei einen Liter Vanilleeis essen. Ich kann schlafen oder aufstehen, ich kann gehen oder bleiben, ich kann lachen, weinen, reden, schweigen, und niemanden geht's etwas an. Ich bin frei.

Es geht niemanden etwas an. Was immer ich tue oder lasse, ja mein ganzes Leben geht niemanden etwas an. Tja... Was niemanden etwas angeht, daran nimmt irgendwann auch niemand mehr Anteil.

Wie trügerisch der Götterfunke leuchtet. Freiheit. Ein Wort, hinter dem wir allzu gern unsere Bindungsangst verstecken... Ein Klischee, mit dem wir rechtfertigen, uns auf nichts einzulassen, uns nicht durch das enge Nadelöhr der Einschränkung zu quetschen aus Angst vor dem Glück, das dahinter lauern könnte...

Freiheit? Ich pfeife auf die Freiheit, wenn ich in Dir gefangen sein darf.

Samstag, 30. April 2011

Verwundert

"Warum bin ich denn besonders?" fragte das Wunder.
"Weil Du Du bist!" sagte der Mensch.
"Das wußte ich schon immer." sagte der Traum.

Donnerstag, 28. April 2011

Erste Nacht

Blaues Licht drängt durch die verschlungenen Stäbe seines Käfigs und behaucht die Landschaft aus weichen Bergen mit einer eiswarmen Dämmerung, die rote Seide schwarz färbt.
Vom kalten Gipfel stürzen sieben trockene Felsen zerstäubend ins taufeuchte Tal und verfließen entmachtet in der Dunkelheit. 
Alles verschmilzt zu einem Paradies.

Mittwoch, 20. April 2011

Verzicht und Entbehrung

Bis heute geben die 40 Tage vor Ostern, in denen Jesus einst die schrecklichsten Entbehrungen in der Wüste auf sich nahm, um rein und frei zu werden für die große Aufgabe, die vor ihm lag, vielen Menschen einen Anlaß, sich ein wenig einzuschränken. Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten - das sind wohl die gängigsten Annehmlichkeiten, auf die in der Fastenzeit verzichtet wird.

Ich finde das gut, denn freiwilliger Verzicht ist nicht mehr eben populär in unserer Gesellschaft. Kaum jemandem, der vieles nicht hat, wird geglaubt, daß er es auch nicht will, denn Haben ist Sein, und Besitz ist Bedeutung. Und wenn man den Menschen zuhört, vernimmt man zuvörderst ein Weinen und Wehklagen, ein Jammern und Beschweren, ein einziges langes Hadern mit all dem, was man nicht hat. Was uns fehlt, so möchte man meinen, bestimmt unser Selbstverständnis und unser Lebensgefühl viel intensiver als das, was vorhanden ist.

Schade eigentlich. Dabei kann uns die Fastenzeit (und eine auch auf den Rest des Jahres ausgeweitete Verzichtskultur) nicht nur zeigen, wieviel wir eigentlich gar nicht brauchen, sondern auch die Freude und das Bewußtsein dafür zurückgeben, was wir bereits haben und wie gut es uns im Großen und Ganzen noch geht.

Mir fällt Verzicht mittlerweile nicht mehr schwer. Ich habe umständehalber eine Weile lang gar keine andere Wahl gehabt als auf vieles, oft sogar auf das Nötigste zu verzichten, und es hat meinem Selbstverständnis keineswegs geschadet. Und so freue ich mich heute mehr denn je über Kleinigkeiten, eine Kugel Eis, eine iTunes-Karte, eine Taxifahrt... und lebe und genieße intensiver als im einstigen Wohlstand.

(Mein fliederfarbener Rolls-Royce fehlt mir trotzdem, ich gebe es zu. Der war einfach cool. ;-))

Freitag, 15. April 2011

Seelengefängnis

Die Liebe entmöglicht,
zerzweifelt im kalten Gefängnis
stahlscharfer Gedanken...
Wo Glaube fehlt,
Gelassenheit und Langmut
verliert die Seele ihre Flügel,
entsagt glückvollen Lebenshöh'n
und bleibt gefangen
immerdar.

Sonntag, 10. April 2011

Jenseits

Daß es kein Jenseits gibt, sagst Du? Wie traurig für Dich.

Ja, ich habe auch mal daran gezweifelt. Besonders, nachdem gerade in dem Jenseits, das ich zu kennen glaubte, zwei Paradiese auf einmal zerbrachen. Recht geschah mir. Wer wäre so dumm zu glauben, daß er in zwei Paradiesen gleichzeitig leben kann?

Aber heute weiß ich es wieder besser. Es gibt ein Jenseits. Zwei Engel haben es mir gezeigt. Das zerbrochene Paradies wächst neuerlich zusammen. Ewige Bande schmieden sich, und das Machbare scheint auf einmal genau so unendlich wie das Denkbare.

Es gibt ein Jenseits. Ich war dort, und es war begeisternd. Nun hat mich die Erde wieder. Ein Engel winkt mir kurz nach.

Mittwoch, 6. April 2011

20 Jahre U3

An den U3-Stationen sind heute putzige Hostessen vor orange-roten Bannern postiert, die leckere Mürbeteigplätzchen verteilen und mit einem zauberhaften Lächeln die Aufmerksamkeit der Fahrgäste auf die Tatsache lenken, daß die Linie U3 heute ihren 20. Geburtstag feiert.

Wiens schnelles Kellergeschoß ist noch nicht sehr alt. Jünger als ich sogar. Oh Himmel. Doch auch mit moderner Technik bleibt der Bau einer U-Bahn für mich ein Faszinosum. Wie sich gefräßige Maschinen in den kühlen Boden unter der Stadt, aufgeschichtet in Jahrhunderten aus Müll, Schutt, Asche und Erde, graben und tiefe Gänge in den Grund treiben können, der lange grabesstill dalag und seine mittelalterlichen Geheimnisse barg, ist ebenso spannend wie das, was dabei zutage tritt - unter dem Stephansplatz etwa fand man eine vollständig erhaltene Kapelle, um die man die neu entstehende U1/U3-Station respektvoll herumbaute. Durch ein dickes Glasfenster kann man nun also in den Kirchenraum schauen, der jahrhundertelang verschüttet und vergessen war.

Mir persönlich ist die U3 die liebste Linie, weil sie mich fast von meiner Haustür zu meinem Kaffeehaus führt, zum Stephansplatz zudem, zum Rochusmarkt, zur Mahü, zum Westbahnhof und zur Ottakringer Brauerei. Sehr nützlich, all das. Und natürlich wegen der weltweit einzigartigen und legendären Ansage "Tscheensch tu Sitti Ehrport Treen" in der Station Wien Mitte.

Herzlichen Glückwunsch also, U3, und allzeit gute Fahrt!

Dienstag, 5. April 2011

So wie ich es tue

(Eine Reminiszenz an Melissa Etheridge)

Lebt er dafür, Dich zu küssen
Und Dich täglich zu vermissen?
Lebt er, um Dein Glück zu mehren,
Oder nur für sein Begehren?

Lebt er, Sterne Dir zu schenken,
Jeden Tag an Dich zu denken?
Lebt er, Freude Dir zu machen?
Ist sein Glück Dein helles Lachen?

Lebt er, um Dich zu beschützen
Oder um Dich auszunützen?
Lebt er, alles zu vermeiden,
Was Dich weinen macht und leiden?

Lebt er, um Dich ganz zu schätzen?
Würde er Dich je verletzen?
Lebt er, weil sein ganzes Streben
Deinem Glück gilt, Deinem Leben?

Lebt er, um an schweren Tagen
Dich zu trösten und zu tragen?
Lebt er, um für Deine Sorgen
Zuversicht Dir auszuborgen?

Lebt er, auch die unbequemen
Seiten an Dir anzunehmen?
Lebt er, um Dich zu verstehen,
Jeden Weg mit Dir zu gehen?

Lebt er sehnend, ohne Ruhe?
Liebt er Dich, wie ich es tue?

Freitag, 1. April 2011

April, April

Wenn man sich das Treiben der kleinen Persönlichkeiten in großen Ämtern von Politik und Wirtschaft so anschaut, möchte man meinen, unsere Gesellschaft verliere sukzessive alle ihr einstmals zur Grundlage gemachten Werte. Die Hemmschwelle, aus schamlosem Opportunismus heute das eine und morgen das andere zu sagen, sinkt bedenklich, und Verbindlichkeit wird mehr und mehr zu einer Verhaltensnorm für altmodische Trottel, die sich den angeblich täglich wechselnden Erfordernissen nicht rückgratlos anzupassen imstande (oder willens) sind. Je offensichtlicher das System aus Gier und Eitelkeit versagt, desto großmäuliger geriert es sich, und die anmaßend behauptete Unfehlbarkeit seiner Träger nimmt im gleichen Maße zu wie ihre immer schlechter kaschierte menschliche Insuffizienz. Es wird gelogen, verdrängt, verteidigt und zur Not auch diffamiert.

Kurz: Für viele scheint jeder Tag der erste April zu sein, an dem man bedenkenlos alles behaupten und alles versprechen kann, um es dann, als sei es ein lustiger Scherz, ein kleines Versehen oder schlechterdings gar nicht so gemeint gewesen, wieder zurückzunehmen. Immer öfter erlebe auch ich, daß im geschäftlichen Bereich Versprechungen gemacht und Projekte in Aussicht gestellt werden, die von Anfang an unrealistisch waren. Es gilt nicht mehr als schlimm, sich über Vereinbarungen und Regeln hinwegzusetzen, Zahlungsfristen zu überschreiten oder Aufträge zurückzuziehen, nachdem man das Konzept abgegriffen hat.

All das empfinde ich als sehr abstoßend, und ich frage mich, ob solche Dampfplauderer sich in ihrer Substanzlosigkeit und Unverbindlichkeit wirklich wohlfühlen. Verläßlichkeit und Regeln braucht man schließlich nicht nur, damit das System menschlichen Zusammenlebens an sich funktioniert, sondern doch auch für sich selbst und jenen inneren Halt, den man im Opportunismus gewiß nie findet.

In diesem Sinne - fröhlichen 1. April! Ich hoffe, ab morgen steht wieder jeder zu dem, was er sagt.

Mittwoch, 23. März 2011

Frankfurt

Hier wird an den Wolken gekratzt. Hier wird Geschäft gemacht. Hier berauscht man sich an der eigenen Wichtigkeit. Glasriesen überragen hochmütig ihre Fachwerkvorfahren, aber man schafft Atmosphäre. In die gigantische Skulptur aus Türmen und Straßen sind ein paar schicke Bars und Restaurants eingestreut. Ein bißchen Kultur, ein bißchen Lifestyle. Man hat ja "Lebensqualität".

Nadelstreifen sitzen in Straßencafés und bestätigen sich gegenseitig darin, bedeutend zu sein. Sie halten sich immer noch für die lockeren, schwingenden Linien, die sie mit 20 waren, und laufen doch streng parallel.

Man muß ein wenig suchen, um etwas Liebenswertes an Frankfurt zu finden. Es gibt es gleichwohl. Ein paar kleine Gemüsestände, an denen hessische Bauersfrauen ihr Waren und ihre von allem Business Glamour völlig unbeeindruckte Lebensweisheit feilbieten. Ein winziges, halbprofessionelles Theater in einem schäbigen Hinterhof. Ein Antiquariat, das ums Überleben kämpft und doch nicht aufgibt. Und der Dom, der nicht mehr als höchstes Gebäude dasteht, die Blasphemie der umgebenden Hochhäuser jedoch mit erhabener Gelassenheit ignoriert.

Seltsam, wieder hier zu sein. Seltsam, die alten Wege zu gehen. Das vergangene Leben ist hier so stark, daß es das gegenwärtige fast verblassen läßt. Ich habe Termine. Ich trage Nadelstreifen. Der Rausch der Wichtigkeit, dem auch ich mich hier einst hingab, ist immer noch bestechend.

Und doch - nach 24 Stunden fehlt mir Wien bereits.

Mittwoch, 16. März 2011

Lob und Dank

Lob ist in der Regel eine erfreuliche Sache. Von manchen Menschen gelobt zu werden, sollte einem jedoch den nackten, brechreizenden Ekel in die Kehle treiben. Menschen, deren Ansichten und Handlungen frevelhaft und grausam sind, in ihrem Tun so weit zu bestärken, daß sie sich zu höhnischem Dank animiert fühlen, ist widerwärtig und sollte eigentlich tiefe Selbstzweifel und eine radikale Abkehr von allem bewirken, was ein solches "Lob" begründet.

"Man konnte sich auf keine gemeinsame Linie einigen" - das Tagungsergebnis der G8-Außenminister ist skandalös und zynisch. Als stünde die einzige gebotene "Linie" auch nur ansatzweise in Frage - Kampf dem Tyrannen und Rettung eines unterdrückten, unter Lebensgefahr um seine Freiheit ringenden Volkes. Stattdessen erklärt man schwammig, man werde den Druck verstärken und tut - nichts.

Es ist widerwärtig, und ich schäme mich als Mensch und als Deutscher dafür, daß "meine" Bundeskanzlerin in ihrer feigen Wirtschaftshörigkeit dem Despoten in Libyen Anlaß zu Lob und Dank gegeben hat. Ein solches Verhalten ist m.E. Beihilfe zum Völkermord, und wenn kein juristisch belegbares Verbrechen vorliegt, dann doch wenigstens ein moralisches.

Und allmählich frage ich mich, ob der Tatbestand des Artikels 20 Abs. 4 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland nicht längst erfüllt ist.

Samstag, 12. März 2011

Drei kleine Worte

Ich sehne mich so sehr danach,
Dir endlich "Ich Dich auch" zu sagen.
Doch wo der erste Satz nicht fällt,
Kommt auch die Antwort nicht zum tragen.

Freitag, 11. März 2011

Morgen

Das Morgen sorge für sich selbst, sagte neulich jemand. Heute sei es eben so und so, und was morgen sei, wisse man nicht. Das Morgen sorge für sich selbst. Sprach's und schwieg.

Mag sein. Ich bin kein Planer. Wahrlich nicht. Die paar Pläne, die ich überhaupt je hatte, sind grandios gescheitert. Ich mag und akzeptiere die Überraschungen, die das Leben jeden Tag bereithält. Aber das Morgen deshalb ganz und gar für sich selbst sorgen lassen? Nein.

Heute ist es so und so. Ganz recht. Aber schon heute können wir die Wege beschreiten, die wir morgen gehen möchten. Heute können wir uns um das bemühen, was wir uns für morgen ersehnen. Heute ist das Leben nur einen Tag länger als morgen.

Es kommt wie es kommt - gerade als Rheinländer weiß man das. Ja, irgendwie sorgt das Morgen für sich selbst. Aber damit sollte man sich nicht jeden Tag trösten, während das allzu kurze Leben verstreicht.

Wenn wir heute darauf warten, daß sich unsere Sehnsüchte morgen von alleine erfüllen, kommen wir nicht weiter. Und das wäre ja schade. Vielleicht scheitern wir. Vielleicht wird das Morgen nicht so, wie wir es erhoffen. Aber versuchen sollten wir es. Heute schon.

Dienstag, 8. März 2011

Blendwerk

Ein „Top Event“ mal wieder. Irgendwas mit „Elite“ und „hochkarätig“ hatte auf der Einladung gestanden. Unter Aufzählung diverser Vorstandsposten und Ehrenämter wird mir ein Mann als „Herr Mag. Dr. Soundso“ vorgestellt, den ich kurz zuvor dabei beobachtet habe, unsagbar feindselig mit seiner Frau umgegangen zu sein, und ich denke mir nur: Was für ein erbärmliches Arschloch.

Und abermals stelle ich fest, daß mich Titel, Ämter und Karrieren per se nicht beeindrucken. Vermutlich, weil mich immer nur der Mensch als solcher interessiert, dessen Persönlichkeit und Charakter durch Weihen und Würden allein keinerlei Aufwertung erfahren. Gewiß, akademische Grade und Titel indizieren einen spezifischen Bildungsweg und damit eine funktionale Qualifikation für bestimmte Positionen innerhalb des sozialen Systems, und daß diese Art Qualifikation für viele Aufgaben vonnöten ist, bleibt unbestritten.

Aber uns ist offenbar der Sinn dafür abhanden gekommen, die funktionale Pyramide, zu der sich eine Gesellschaft gemäß den Qualifikationen und Aufgaben ihrer Mitglieder zwangsläufig formt, von der menschlichen zu unterscheiden, die sich völlig unabhängig von der sozialen Stellung (und damit nach außen hin sehr viel schwerer erkennbar) aus charakterlicher Integrität und ethischen Werten, sprich: daraus ergibt, ob jemand einfach ein guter Mensch ist. Wer seine menschliche Insuffizienz mit sozialem Status übermalt, verdient kaum Bewunderung.

Der Mann genießt sein Ansehen und die Fragen der Speichellecker um ihn herum. Seine Frau steht steinern lächelnd neben ihm. Er hat einiges beizutragen zum Thema des Tages. Schließlich ist er in der Position dazu. Ich halte ihn immer noch für ein Arschloch.


P.S.: Damit man mich nicht falsch versteht: Ohne Zweifel gibt es auch Menschen, die ihren hervorragenden Charakter und ihre außerordentliche Persönlichkeit bemerkenswerten Karrieren nutzbar machen und innerhalb der funktionalen Pyramide weit aufsteigen, ohne in der menschlichen abzusinken. Ihnen gilt meine ganze Bewunderung. Aber bei ihnen ist das Erlangen von Titeln und Ämtern dann eben keine persönlichkeitsbildende (oder gar
-ersetzende) Maßnahme, sondern allenfalls Folge und Beiwerk ihres Lebensweges und hat somit mehr ästhetische als moralische Bedeutung.

Samstag, 26. Februar 2011

Somnul amorului

Mă uit la tine cum dormi, iubirea mea. Dormi atât de adânc, profund şi liniştit. Un somn binemeritat după atâtea sforţare. Cât te-ai mai străduit, cât de aprig ai luptat! Totul, ai dat totul, dar nimic nu s-a legat. Eşti epuizată, atât de epuizată încât nu mai eşti capabilă de nici-o mişcare. Odihneşte-te.

Mi-e dor de tine, iubirea mea. Atât timp cât dormi nu te pot simţi, nu te pot lăsa să te desfăşori în mine şi nici nu te pot împărtăşi cu altcineva. Atât timp cât dormi, nu poţi fi impulsul mișcărilor mele, nici motiv de speranţă şi nici spor pentru străduinţa eternă. Dar inţeleg că acum trebuie să dormi. Te-ai sfârşit cu totul.

Din când în când, iubirea mea, trece cineva prin vizită căruia aş vrea să te prezint. Dar nu vreau să te deranjez din somnul tău binemeritat. Câţiva dintre vizitarorii noştri au încercat să te trezească sărutându-te gingaş. Ar fi vrut să te cunoască. Dar nu le-a reuşit. Liniştit şi fără să te abaţi, respiri încontinuu. Eşti în viaţă, dar dormi atât de profund, aşa profund...

Aşa că dormi mai departe, iubirea mea. Odihneşte-te şi reînnoieşte-te. Într-o bună zi va veni cineva în vizită, care te va săruta şi care va reuşi să te trezească... cineva de departe de tot. Din orizontul strălucitor al viitorului sau din adâncimile trecutului. Cine stie. Tu te vei trezi şi vei trăi mult mai puternică decât până acum şi nu vei mai obosi nici odată.

Dar până atunci, iubirea mea – dormi...


(And on goes my language collection: Romanian by Irina-Ruxandra Alexandru)

Freitag, 25. Februar 2011

Usnula ljubav

Gledam te dok spavaš, ljubavi moja. Tvoj san je tako čvrst. Tako dubok i spokojan. Neka ti je dopušteno posle svih napora. Kako si se samo trudila, kako ogorčeno borila. Sve, sve od sebe si dala, a ništa ti se nije vratilo. Ti si iscrpljena, tako teško iscrpljena i ne osećaš ništa više. Ispavaj se.

Nedostaješ mi, ljubavi moja. Dok spavaš ja živim bez tebe. Dok spavaš ja ne mogu da te osetim, da se u potpunosti prepustim tvom dejstvu i da te dalje dam. Dok spavaš, ti ne možeš da budes osnova mojih postupaka, razlog za nadu i podsticaj mojih večitih napora. Ali ja razumem da ti sada moraš da spavaš. Ti si se u potpunosti istrošila.

S vremena na vreme dodje po neka poseta koju bih ti rado predstavio, ljubavi moja. Ali ne želim da prekidam tvoj san, zaslužila si ga. Neki od nasih posetilaca su pokusali da te nežnim poljupcima probude. Želeli su da te dožive. Ali nisu uspeli. Tvoj dah je tako ravnomeran i spokojan. Ti živis, ali spavas tako duboko, duboko…

Nastavi da spavaš onda, ljubavi moja. Odmori i obnovi se. Jednoga dana će neko doći ko će moći da te poljupcem probudi. Iz daleka. Sa svetlog horizonta buducnosti ili iz dubina proslošti. Ko zna. Ti ćeš se probuditi i živeti jača nego ikada i nikada se vise nećeš umoriti.

Do tada, ljubavi moja, spavaj…


(While we are at it - Serbian by Jelena Todoric)

Donnerstag, 24. Februar 2011

Love Asleep

I watch you sleep, my love. You sleep so soundly. So deep and calm. Granted shall it be to you after all the efforts you have made. How you hard you tried, how desperately you fought! You gave everything, and nothing ever came back to you. You are exhausted, so deeply exhausted, no longer capable of the slightest movement. Sleep now.

I miss you, my love. As long as you’re asleep I have to live without you. As long as you’re asleep I cannot feel you, cannot be immersed in you, and cannot pass you on. As long as you’re asleep you cannot be the foundation of my actions, not the cause of my hopes, and not the spur for my eternal endeavour. But I apprehend that you must sleep now. You have exhausted yourself completely.

Every now and then we have visitors that I would like to introduce to you, my love. But I do not want to disturb you in your well-deserved sleep. Some of our visitors have tried to wake you with tender kisses. They would have loved to experience you. But they could not make it. Steady goes your breath, and unperturbed. You are alive but you sleep so deeply, so deeply...

Sleep on then, my love. Recuperate and revive. One day, someone will come to visit us who will be able to wake you with a kiss. From far away. From the agleam horizon of the future or the depths of the past. Who knows. You shall awaken, and stronger then ever shall you live and tire no more.

Until then, my love – sleep...


This is the English version of my very favourite text "Liebesschlaf" for all those who keep asking me if there were any of my works available in English. I hope you'll like it! :-)

Mittwoch, 23. Februar 2011

Liebesschlaf

Ich sehe Dir beim Schlafen zu, meine Liebe. Du schläfst so fest. So tief und ruhig. Es sei Dir gegönnt nach all den Anstrengungen. Wie sehr hast Du Dich bemüht, wie verzweifelt gekämpft! Alles, alles hast Du gegeben, und nichts kam zurück. Du bist erschöpft, so tief erschöpft und zu keiner Regung mehr fähig. Schlaf Dich aus.

Du fehlst mir, meine Liebe. Solange Du schläfst, lebe ich ohne Dich. Solange Du schläfst, kann ich Dich nicht empfinden, nicht ganz und gar wirken lassen in mir und auch nicht weitergeben. Solange Du schläfst, kannst Du nicht Grundlage meines Handelns sein, nicht Anlaß zur Hoffnung und nicht Antrieb zum ewigen Bemühen. Aber ich verstehe, daß Du nun schlafen mußt. Du hast Dich ganz und gar verausgabt.

Hin und wieder kommt Besuch, den ich Dir gern vorstellen würde, meine Liebe. Aber ich möchte Dich nicht stören in Deinem verdienten Schlaf. Ein paar unserer Besucher haben versucht, Dich mit zarten Küssen zu wecken. Sie hätten Dich gern erlebt. Aber es gelang ihnen nicht. Ruhig und unbeirrt geht Dein Atem. Du lebst, aber Du schläfst so tief, so tief...

So schlafe denn weiter, meine Liebe. Erhole und erneuere Dich. Eines Tages wird uns jemand besuchen kommen, der Dich wachzuküssen vermag. Von weit her. Vom leuchtenden Horizont der Zukunft, oder aus den Tiefen der Vergangenheit. Wer weiß. Du wirst erwachen, und stärker denn je wirst Du leben und nie wieder ermüden.

Bis dahin, meine Liebe - schlaf...

Dienstag, 22. Februar 2011

Frischluftberuf

Auf der Straße in der Ferne
unter einer Gaslaterne
steht – zuweilen sogar gerne –
eine wartende Person.

Diese wartet bis die Kunden,
die den Weg zu ihr gefunden,
bald mit ihr im Haus verschwunden
sind für festen Lohn.

Drinnen spielt sie ihre Rolle,
zeigt, was man erwerben solle,
fragt den Kunden, was er wolle,
(meistens weiß sie’s schon!)

Ist das Ob und Wie entschieden,
einigt man sich schnell hienieden,
beide Seiten sind zufrieden,
ziehen froh davon.

Nun? Wer also ist die eine?
Die Person, die ich hier meine?
Wofür steht sie sich die Beine
krumm auf dem Perron?

Klar beschrieb’s der Wortekrakler:
Ohne Zweifel oder Wackler
ist‘s der Immobilienmakler!
Der kriegt Provision.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Der Versuch

Sie habe es versucht, sagte sie, und glaubte es sogar selbst. Doch ihr Versuch war nicht echt gewesen. Sie hatte ihm keine Lebenswirklichkeit gegeben. Ein ferner Gedanke in einem fernen Land, den sie verwarf, bevor sie ihn lebte. Eine Theorie, die sie nie zur Praxis werden ließ. Das war alles.

Und so kehrte sie zurück und versuchte nichts mehr. Sie habe es ja versucht, sagte sie und lächelte. Aber wer weiß, was noch passiert?, ergänzte sie. Endgültig sei schließlich nichts. Stand auf und ging. Lächelnd.

Sie meinte es ehrlich. Sie glaubte wirklich, den Gedanken versucht zu haben, wo sie doch nur den Versuch gedacht hatte. Der Unterschied war ihr nicht bewußt. Eines Tages würde sie ihn begreifen. Und wer weiß, was dann noch passieren würde?

Endgültig ist schließlich nichts.

Montag, 14. Februar 2011

Herzenslogik

Manche Menschen haben Widerhaken. Sie graben sich wie ein Parasit ins Herz, verletzen es, saugen es aus und bereiten unerträgliche Schmerzen, und je mehr man sich windet und an ihnen reißt, um sie loszuwerden, desto tiefer fleischen sie sich ein. Und wenn man nach Jahren glaubt, sie endlich, wenn auch unter einigen Qualen, herausgeeitert zu haben, kommen sie erneut an, berühren hier und da die wunden Stellen und verschaffen sich instinktsicher Aufmerksamkeit, gerade bevor sie endgültig in Vergessenheit geraten würden.

Das wäre an sich nicht schlimm. Ein geheiltes und abgehärtetes Herz kann solchen Versuchungen widerstehen. Es kennt die Strategie und die Gefahr des Parasiten und weiß sich also aus leidvoller Erfahrung wirksam zu schützen.

Die Frage ist nur, ob es das auch will.

Denn ein abgehärtetes Herz fühlt und spürt nicht mehr viel. Gewiß, es ist gereift, erfahren, geschützt und immun, und so kann ihm an sich nichts Schlimmes mehr widerfahren. Aber es ist auch leer und gefühllos, und dafür ist es nun mal nicht gemacht. Und so beginnt es tatsächlich, sich heimlich nach dem Parasiten zu sehnen, nach dem Schmerz, nach dem Gefühl leidvoller Erfülltheit und dem täglichen Kampf ums Überleben... Denn so quälend dergleichen ist - es IST zumindest.

Und also bemerkt das harte, sehnende Herz zu seinem fassungslosen Erstaunen, daß es ein kleines bißchen enttäuscht ist, wenn der Parasit, die Abhärtung erkennend, aufhört, sich um neuerliches Eindringen zu bemühen... und es wünscht sich, er würde sich noch ein bißchen mehr Mühe geben, einfach nur, um wieder irgendetwas spüren zu können...

Seltsame Sache, so ein Herz. Von Logik keine Spur. Sehnsüchtig nach dem Gefühl, und sei es auch ein schmerzendes. Vielleicht, so denkt es nicht ganz unberechtigt, bewirkt ja die Abhärtung, daß der Parasit, aufs Neue hereingelassen, nicht mehr böse wehtun, sondern nur noch angenehm kribbeln kann... Aber wissen kann es das nicht.

So bleibt das Herz eben immer Herz. Und das ist - gut so?

Mittwoch, 9. Februar 2011

Der Geist der Freiheit

(Ein Versuch in Schillerschem Pathos)

Erzittert, Tyrannen, und wisset: Der Mensch ist frei, und läge er auch in Ketten. Fürchtet, Ihr Unterdrücker, den Geist der Freiheit, der machtvoll sich erhebt und Euch hinwegwehen wird vom Angesicht der Erde. So rettet denn, wenn Ihr's für wert erachtet, Euer nacktes Leben, und betet, dem gerechten Zorne Eurer Völker zu entgehen. Eure Untaten sind Eure Schande, nicht minder denn die Eurer Freunde, welche, in Euch den eigenen Vorteil schützend, jene Freiheit dreist verrieten, die so wortreich sie beschworen.

Am schwarzen Himmel der Unterdrückung verkündet ein roter Dämmerstreifen eine neue Zeit, und wenn dereinst die goldene Sonne der Freiheit über der ganzen Welt erstrahlt, werdet Ihr ins Dunkel der Vergessenheit sinken.

Freitag, 4. Februar 2011

Das Böhnchen

Ein Böhnchen sitzt am Strand und sieht
aufs weite Meer hinaus.
Wie schön schaut doch der Lichtertanz
dort auf den Wellen aus.

Ein tausendfaches Glitzerspiel,
ein blendend schöner Traum,
so hell, so frei, so leicht und kühn -
das Böhnchen faßt es kaum.

Eins dieser Lichter will es sein
und schweben so wie sie,
getragen werden, sonnenhell,
und sorgenfrei wie nie.

So springt es auf, dem Wasser zu,
ergibt sich ganz dem Meer,
der Sonne und dem Wellenspiel,
als ob's für immer wär'.

Es schwebt im Glück, in Leichtigkeit,
es blinzelt in das Licht,
es schwimmt ganz oben und bemerkt
noch sein Verhängnis nicht.

Denn durch die zarte Bohnenhaut
dringt langsam Wasser ein.
Es saugt sich voll und wird ganz schwer,
fast wie ein Kieselstein.

So sinkt das Böhnchen bald hinab
ins dunkeltiefe Blau,
entschwindet rasch dem Sonnenlicht,
und seiner Glitzerschau...

Und traurig liegt's am Meeresgrund
und fragt sich, was geschah,
und warum ihm sein kleines Glück
so kurz vergönnt nur war.

Es hat den falschen Traum gelebt,
und das war nicht gesund.
Damit ein Böhnchen lebt und wächst,
gehört's auf festen Grund.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Selbstfindung

Allzu gern wird die heutzutage so ungemein populäre Suche nach dem Selbst mit der Suche nach einem Stärkegefühl verwechselt. Die für insuffizient gehaltenen, in Wirklichkeit aber so wichtigen Eigenschaften des eigenen Wesens wie etwa Sensibilität, Verletzlichkeit, Angst und Sehnsucht zu verdrängen und mit kühl lächelndem Hochmut oder einem oberflächlichen Leben zu überspielen, mag verlockend sein, führt jedoch gerade nicht zu einer umfassenden Selbsterkenntnis, zur Erkenntnis also all dessen, was man ist und was man hat, sondern zum genauen Gegenteil. Denn indem man sich seinen zentralen Persönlichkeitsmerkmalen verschließt und sie verdrängt und leugnet, weil man Angst vor ihren Folgen und Auswirkungen im täglichen Leben hat, verliert man sich, anstatt sich zu finden.

Das Durchschnittliche gibt der Welt – und auch dem einzelnen Menschen – den Bestand, das ist wohl wahr, und an sich selbst durchschnittliche, massentaugliche Eigenschaften zu kultivieren, auch wenn sie nicht der eigenen Persönlichkeit entsprechen, ist zuweilen leicht und bequem. Selbsterkenntnis und Identität ergeben sich jedoch nicht aus dem, was man sein WILL, denn dann wären sie lediglich SelbstERfindung. Sie ergeben sich aus dem, was man IST, ob es einem paßt oder nicht.

Und auch das reicht noch nicht aus, ein echtes, lebendiges Selbstgefühl zu entwickeln. Denn solange die Eigenschaften des Charakters nur erkannt, nicht aber auch akzeptiert und gelebt werden, bleiben sie eine unbefriedigende Theorie. Das echte, lebendige Selbst ergibt sich erst daraus, wie diese unsere ureigensten Eigenschaften innerhalb anderer, externer Lebensbereiche wirken und funktionieren, denn erst die Beziehungen, auf die wir uns einlassen, und die Zusammenhänge, in die wir uns stellen, geben ihnen (und also uns) eine Form und eine wahrnehmbare Gestalt. Die Eigenschaften, zu denen wir uns bekennen, unsere von uns selbst akzeptierte und ins Leben hinausgetragene Identität ist Außerordentliche an uns, das der Welt und dem Leben Wert gibt.

Sonntag, 30. Januar 2011

Halber Tod

Namenloser Schmerz. Das Leben erstarrt. Alle Hoffnung zerstört, alle Freude vergangen. Und während kalte Übelkeit das Gedärm durchfriert und das Herz zu eisigen Splittern zerspringt, vernebelt dumpfe Sinnlosigkeit den fassungslosen Blick. Düster, kalt, leer. Ein Versinken in wattigem Nichts.

Schwindlig vor Leid fällt die Seele ins Koma. Nichts fühlen, nichts denken. Längst rollen keine Tränen mehr aus den brennenden Augen. Ein halber Tod. Alle Wege sind gegangen, alle Kämpfe gekämpft. Was bleibt, ist Ohnmacht.

So geht es zu Ende.

Freitag, 28. Januar 2011

In der Schwebe (2)

Das Warten ist das Einfachste. Die Leichtigkeit, mit der man sich Entwicklungen hingibt, die man mit der Kraft seiner Liebe und seines Glaubens zärtlich beeinflußt... wie bei einer Seifenblase, die man in die Luft haucht, und die schillernd und schwerelos umherwabert, immer in der Gefahr, an einem Stein zu zerplatzen oder einem allzu scharfen Gedanken... Und also ist es an uns, sie feinfühlig abzufangen, sie hier und da in eine neue Richtung zu pusten und uns an ihrem Flug zu erfreuen, solange er eben dauert.

Sie schwebt, anmutig, leicht und frei, und wenn die Luft mild ist und wir gut aufpassen, schwebt sie hoch hinauf in ungeahnte Dimensionen... Vielleicht wird sie in einer günstigeren Umgebung, irgendwo auf Wolke sieben, wo kein Gedanke je hingelangt, weich aufgefangen, zugelassen, wird fest und echt wie Kristall, so daß sie glänzt bis ans Ende der Welt. Vielleicht platzt sie auch irgendwann. Diese Gefahr ist nie zu bannen. Aber bis dahin ist sie so schön, so beglückend, daß sich das Warten nicht nur lohnt, sondern eine Freude an sich ist.

Seifenblasen sind fragil. Die meisten vergehen. Wenn wir sie aber absichtlich zum Platzen bringen, bevor ihr Flug beendet ist, weil wir denken, es sei ja doch unvermeidlich, nehmen wir uns selbst die Chance auf glückvolle Momente, wie sie auch und gerade in der Schwebe zu erleben sind.

Freitag, 21. Januar 2011

In der Schwebe (1)

Das Warten ist das Schwerste. Die Ohnmacht, mit der man Entwicklungen ausgesetzt ist, die man nicht mehr beeinflussen kann. Wie bei einem Pfeil, der, einmal abgeschossen, sein Ziel trifft, oder eben nicht - nichts bleibt uns als seinen Flug bangend und hoffend zu verfolgen.

Ruhiger Mut, heitere Gelassenheit - sich darein zu finden ist wohl die Kunst in solchen Lebensphasen. Der Pfeil fliegt, ob wir uns nun grämen, zerfleischen, mit dem Fuß aufstampfen oder eben gleichmütig den Ausgang erwarten. Den eigenen Wunsch nicht zum Maß dessen zu erheben, was geschieht, macht frei.

Leicht gesagt. Viel leichter als gelebt. Denn erstens liegt es nicht in unserer Natur, daran zu glauben, daß wir die Dinge nicht mehr beeinflussen können. Unserem kindisch-trotzigen Willen dichten wir noch während des Fluges eine gestaltende Kraft an und hadern weniger mit dem Schicksal als mit unserer vermeintlichen Schwäche, wenn er sich nicht verwirklicht. Und zweitens mag eine Ungewißheit gelassen-heiter zu ertragen sein. Dutzende hingegen überfordern und verdüstern unser Gemüt.

Wir brauchen einen Halt. Wir brauchen berechtigten Anlaß zur Hoffnung. Wir ersehnen kleine Zeichen, die uns Mut machen, die zumindest eine Tendenz andeuten, ein liebes Wort, einen Spalt in der Tür, ein Zwischenlob. Vielleicht sogar brauchen wir beizeiten Zeichen, die unsere Hoffnung dämpfen, damit wir uns auf eine Enttäuschung einstellen und vorbereiten können. Und es ist menschlich und absolut berechtigt, daß wir solche Zeichen wollen. Der ganz und gar orientierungslose Schwebezustand ist es, den wir nicht ertragen.

Vieles ist in der Schwebe. Immerzu. Und im Moment ganz besonders. Berufliches, Privates. 2011 - ein Schwebejahr. Es fällt mir nicht leicht, damit umzugehen, und meine Sehnsucht nach eindeutigeren Zeichen wächst. Aber ich werde nicht mit dem Fuß aufstampfen. Nein, nein. Ich bin ruhigen Mutes. Heiter und gelassen. Ich blicke den vielen Pfeilen nach, die ich nach bestem Können und mit klaren Zielen abgeschossen habe. Und ich glaube daran, daß sie treffen. Bis ihr Flug beendet ist.

Und auf einen blicke ich ganz besonders gespannt.

Mittwoch, 19. Januar 2011

Winter

Ja, es ist Januar. Winterzeit. Und doch wurde mir gerade unendlich viel Wärme gegeben. Als ich schon glaubte, alles sei erfroren - mein Herz, meine Hoffnung, meine Seele, mein Leben - bestrahlte die Sonne einer herbststurmerprobten Liebe meine vereiste Welt und machte das Erstarrte neuerlich sich regen...

Der Winter währt nicht ewig. Was erstorben scheint, gewinnt neues Leben; was erkaltet wirkt, reckt wohlig sich nach Wärme, und wo die Zuversicht fast eingegangen wäre, wird sie neu genährt. Die Kälte wird vergehen, und das Leben erneut sich seine Bahn brechen, bunter vielleicht und unendlicher in seiner Vielfalt denn je zuvor. Jeder Zweig des Lebensbaumes tropft sich vom Eise frei, drängt zartgrüne Triebe durch die nasse Rinde zum gierigen Verzehr von Licht und Luft, und das Tauwasser versickert entmachtet im Boden. Nicht einmal Glaube ist nötig, um daran festzuhalten, sondern lediglich Geduld, denn der Verlauf, so quälend langsam er sich unserer sehnsuchtsvollen Wahrnehmung darstellen mag, ist unaufhaltsam.

Meine liebe beste Freundin, dies ist die dritte Jahreszeit, die ich Dir widme, und ich tue es in tiefer Dankbarkeit dafür, daß Du mein Eis stets zu schmelzen vermagst, bevor es mich ganz einschließt. Ich möchte Dich nicht missen, zu keiner Zeit des Jahres, und jedem, der zu erfrieren droht, wünsche ich einen Sonnenmenschen wie Dich.

Ljubim te.

Samstag, 15. Januar 2011

Grundsätzlichkeiten

Zuweilen trifft man Menschen, die auf, wenn nicht alle, so doch viele Fragen mit "Grundsätzlich ja!" antworten.

Es verwirrt zunächst ein bißchen, weil man eindeutigere Aussagen erwarten oder doch zumindest vorziehen würde. Beim gebrannten Kind setzt also zunächst die Wirkung der negativen Konnotation ein, die diese Antwort hat - "grundsätzlich ja" kann eben auch bedeuten: "Aber hier und jetzt sicher nicht!"

Schließlich jedoch versöhnt man sich mit dem Grundsatz, denn - soviel begreift man gerade noch rechtzeitig - mehr als ein solcher ist er ja nun mal nicht. "Grundsätzlich" bedeutet, daß im Einzelfall durchaus alle wünschenswerten Möglichkeiten gegeben sind. "Grundsätzlich ja" ist immerhin eine positive Entscheidung im Allgemeinen, ein generelles Ja, das im Besonderen nur dann eine Ausnahme erfährt, wenn gewichtige Gründe dies nahelegen.

"Grundsätzlich ja" ist kein "Hier-und-jetzt-Ja". Aber es ist immerhin weit davon entfernt, ein "Nein" zu sein. Damit kann ich vorderhand sehr gut leben.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Schicksal

Warum es Probleme gibt? Weil es echt ist.
Nur die Illusion funktioniert reibungslos. Wer sie wählt, hat - für eine Weile - keine Probleme. Außer der heimlichen Sehnsucht nach dem Echten.
Das Schicksal fällt nicht meteoritengleich vom Himmel. Es bietet sich an und will durch die Überwindung von Schwierigkeiten verdient werden.
Darin allein liegt Kühnheit, und wer sie wagt, gewinnt alles. Für immer.

Dienstag, 11. Januar 2011

Alles auf Anfang

Nur wenige Lebensläufe weisen einen schnurgeraden, schnörkellosen Verlauf ohne Rückschläge, Zweifel, Niederlagen, Abwege und Sackgassen auf. Und mal ehrlich - diese Lebensläufe sind auch denkbar langweilig. Das Leben ist nun mal nicht bis ins Kleinste berechenbar. Wir vertrauen einem Menschen, und er enttäuscht uns. Wir bitten um Geduld und werden verlassen. Wir beginnen zu lieben und werden verletzt. Wir hoffen auf einen Erfolg, und er bleibt aus. Und zuweilen treffen uns Schläge, die uns zu Boden schmettern und fast zerstören. Sie treffen uns an unseren empfindlichsten Stellen, an Stellen vielleicht, die gerade erst wieder verheilt sind, und reißen klaffende Wunden genau dahin, wo wir sie am schmerzhaftesten spüren. Fassungslos, starr vor Entsetzen und gelähmt vor Schmerz stürzen wir ins Nichts. So ist das Leben zuweilen.

Aber das ist in Ordnung. Man kann jederzeit mit allem neu beginnen. Man kann sich Menschen, die einem wehgetan haben, fürderhin vom Leib halten; man kann nach einem Mißerfolg ein paarmal durchatmen und dann anfangen, sich der nächsten Aufgabe zu stellen, vielleicht eine oder zwei Stufen tiefer, aber man kann neu beginnen. Für eine Herausforderung, an der man scheitert, war man eben noch nicht reif genug, und ein Mensch, der einen wissentlich verletzt, war unsere Freundschaft, unsere Liebe niemals wert.

Niemals aufgeben. Zurück ins Rennen. Ein Mantra, das sich zugegebenermaßen leichter aussprechen als umsetzen läßt, aber doch eine unverzichtbare Voraussetzung des Überlebens. Dazu gehört wohl auch, sich nicht vom unabänderlichen Vergangenen lähmen zu lassen, so sehr uns die Niederlage auch schmerzt. Was war, interessiert nicht die Bohne. Überwinden, vergessen, zur Not auch verdrängen, aber keinesfalls sollte Geschehenes mehr Macht über unser Handeln, unseren Mut und unsere Offenheit, kurz: unser Leben haben als das, was an wunderbaren Möglichkeiten noch vor uns liegt.

Dieses Jahr fordert mich heraus, und ich habe meine erste herbe Enttäuschung bereits hinter mir. Aber ich mache weiter. Ich versuche es wieder und wieder.

Alles auf Anfang.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Neue Wege

In einem stillen,
tiefen Bach er-
säuft' ich
meine Liebe.
Versuchte es
zumindest.
Doch schwamm sie
obenauf, anstatt
gurgelnd hinab
zu sinken,
ward munter gar vom
tiefen Bach er-
faßt und neuen
Ufern zugespült.
Wohin genau,
das weiß ich nicht.
Ich folge ihr
und warte.

Freitag, 31. Dezember 2010

Jahreswechsel

Wie schön der Rauch einer ausgepusteten Kerze ist. In einer feinen Säule steigt er zunächst ganz gerade nach oben, und man möchte meinen, diese saubere, zarte Linie setzt sich unendlich fort. Dann aber gerät er in die bewegteren Luftschichten; winzige Verwirbelungen, das unsichtbare Spiel kalter und warmer Lüfte, unvorhersehbar und doch unausweichlich...

Und die kleine, machtvolle Atmosphäre um die Kerze herum zerreißt den rauchigen Faden, zerpflückt ihn, treibt ihn in wilden Locken, in duckenden, weichenden, strebenden und scheuen Kringeln und Fasern auseinander und schafft die bizarrsten Formen, die abenteuerlichste Wirrnis, ein silbergraues Spiel aus Gestalten und Wegen, das sich in unendlicher Vielfalt fortsetzen könnte, wenn nicht der Docht irgendwann erkaltete und die letzten Schwaden sich tanzend in der Luft verlören.

So ist das Leben nun einmal. Von der gradlinigen Planung, den einfachen Hoffnungen, Erwartungen, Vorstellungen und Träumen bleibt nicht viel übrig, wenn man in den Wirbel der Lebenswirklichkeit gerät. Und andererseits sind die grotesken Formen, die überraschenden Wendungen, die ungeplanten Verläufe und die vielfältigen Gestalten, die daraus entstehen, viel reizvoller, schöner, stimulierender und bereichernder als eine gerade, fade Rauchsäule...

Natürlich stelle ich mir zu Silvester vor, daß ein simpler Datumswechsel, wie er eigentlich jeden Tag erfolgt, einen Neubeginn, eine Lebenswende und viele grandiose Chancen markiert. Und natürlich plane ich traditionellerweise einen schnurgerade zu all meinen Zielen führenden Verlauf des neuen Jahres. Aber ich weiß doch, daß es Unsinn ist. Und heimlich freue ich mich auf die Verwirbelungen, die Überraschungen und die Neuerungen, die ich jetzt noch nicht erahne... Und ich lasse mich darauf ein, ganz und gar, und mit allen Risiken, weil ich sonst nicht weiterkomme. Denn so ist das Leben. Nicht nur am 31. Dezember, sondern jeden Tag. Und das ist gut so.

Prosit 2011!

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Die Weihnachtsnacht

(Mein erstes Weihnachtsgedicht von 1979 (da war ich neun))

In der Dämm'rung dieses Abends
liegt so stille Seligkeit;
jeder Mensch des kleinen Dorfes
weiß genau: Es ist soweit!

Vom Himmel leuchten viele Sterne
auf das schneebedeckte Land,
und in Stuben überglücklich
steh'n die Menschen Hand in Hand.

Draußen auf den weißen Feldern
bis zum tiefen Wald hinan
hört man leise Glocken klingen –
glücklich ist heut' jedermann.

Und wenn man's genau beachtet,
horchend mit gespitztem Ohr,
hört man leise aus dem Himmel
singen einen Engelschor.

Er singt so still und auch so leise
hinab auf unsre Erde,
er singt auf wunderbare Weise,
daß es bald Friede werde!

Sonntag, 19. Dezember 2010

Erkenntnis des Tages

So schmeckt Glück:

...

(Ja, ganz recht. Dieses Glück hat keine Worte.)

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Freiheit

Der süße Geschmack der Freiheit. Die unbeschreibliche Leichtigkeit, die sich einstellt, wenn Beklemmendes und Hemmendes von einer Sekunde auf die andere seine Macht verliert. Fassungslos vor Glück, ja ungläubig gar, ob es wirklich wahr sein kann, wenn das, was unser ganzes Dasein bestimmt und bedrückt hat, von jetzt auf gleich völlig bedeutungslos wird durch nur einen einzigen souveränen Akt unseres eigenen, freien Willens... Es ist so unglaublich toll, das Leben zu leben und sich nicht von ihm leben zu lassen.

Mit einemmal reißen alle Himmel auf; die schwersten Tore öffnen sich und lassen einen frischen Wind mitten hineinfahren in die abgestandene, verbrauchte Luft jahrelanger Gefangenschaft... Der Duft aller Möglichkeiten liegt in diesem Wind, der würzige Geruch der neu gewonnenen, ganz und gar freien Entscheidung.

Nicht das Versprechen einer vollkommenen Zukunft trägt er herein. Aber die echte Chance, sich eine solche zu schaffen. Es braucht keinen Mut. Nur einen weiten Blick und einen ersten Schritt. Ich bin so frei, ihn zu gehen. Wer kommt mit?

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Das Ende der Bescheidenheit

Mein Leben, so stelle ich rückblickend fest, war in den letzten Jahren privat und beruflich geprägt von einem ewigen Fragen und Bitten, Werben und Schmeicheln. Ich habe mich bemüht, gewunden, habe mich zuweilen bis zur Selbstverleugnung der mutmaßlichen Nachfrage angepaßt, nur um ein Stück weiterzukommen oder meine verzweifelte Position wenigstens zu halten.

Der Erfolg war indes mäßig, und wo er sich dennoch einstellte, war sein Beigeschmack höchst unbefriedigend. Selbstmitleidiges Flehen ist erbärmlich und keineswegs geeignet, die Attraktivität zu steigern - auch nicht jene, die man für sich selbst empfinden sollte. Also mache ich es nun anders. Ich zeige Interesse, ich mache eindeutige Angebote. Wer sie nicht annimmt, ist selbst schuld. Wer mich mißverstehen will, möge es tun. Ich werde mich nicht dreimal erklären. Wer mich hassen möchte - nur zu. Man kann nicht allen gefallen.

Ich will die coolen Jobs, die großen Projekte, das Spitzenteam, den aufgeschlossenen Verlag, die wahren Freunde und die Eine, mit der ich bedingungslos mein Leben teile. Und ich will nicht darum bitten. Ich will angenommen werden. Das Angebot liegt auf dem Tisch. Lange genug.

Was habe ich zu verlieren? Was ich jetzt nicht habe, danach greife ich. Wenn es sich meinem Griff entzieht, lasse ich es los, und alles bleibt, wie es sowieso schon ist. Wenn es sich jedoch greifen läßt, haben beide Seiten gewonnen.

Ich will es ganz oder gar nicht, das Leben, den Beruf, die Menschen. Einseitigkeiten, Asymmetrien und höhere Einlagen als Gewinne kommen im neuen Jahr nicht mehr in Frage.

Das wird mein 2011.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Nein.

Nein zu Deiner Nachricht.
Nein zu jedem weiteren Kontakt.
Nein dazu, daß Du mich ißt, fallen läßt, wenn Du satt bist, und nur wiederkommst, wenn Du Hunger hast.
Nein dazu, daß Du aus Deinem Kreis nicht heraustrittst, sondern mein Licht absorbierst, um kurzzeitig Dein Dunkel zu erleuchten, anstatt Dich endlich hinausführen zu lassen.
Nein dazu, bei Dir stehenzubleiben und mich verbrauchen zu lassen, anstatt zu wachsen und meinen Weg zu gehen.
Nein dazu, mich wegstoßen und verletzen zu lassen, während Du anderen ostentativ Deine Nähe gewährst.
Nein zu Deinem Hochmut.
Nein zu Deiner Gemeinheit.
Nein zu Deinem unerträglichen Narzissmus.
Nein zu Deiner Schlechtigkeit, Deiner rücksichtslosen Egozentrik und Deiner Unwilligkeit, Dich in die Gefühle, Bedürfnisse und Verletzlichkeiten anderer einzufühlen.
Nein zu einem Herzen, das nur für sich selbst warm schlägt.
Nein zu Deinem Selbstmitleid.
Nein zu Deinen Lügen, Deinen Tatsachenverdrehungen und Deinen Ausreden.
Nein zu Deinem Welt- und Menschenbild.
Nein zu neuen Chancen nach den dutzenden, die ich Dir gab.
Nein zu einer Liebe, die Du nie verdient hast.
Nein zu all dem.

Nein zu Dir.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Die Geburt der Tragödie

Es wird ja Tag für Tag so einiges geboren - Menschen und Tiere, aber auch Ideen, Entwicklungen... und eben Tragödien, die irgendwo ihren Anfang und also ihre Geburtsstunde haben.

Glaubt man Nietzsche, dann wurde die klassische griechische Tragödie aus dem Geiste der Musik geboren, ein apollinisch geordnetes, für die Menschen erträgliches Traumbild, das aus dem dionysischen, also musikalischen Urgrund allen Seins erwächst. Und da scheint mir etwas dran zu sein.

Denn Musik erhebt, beflügelt, lullt die Sinne ein und rührt an die tiefsten, verstecktesten Urgründe unserer Sehnsüchte, unserer empfindsamsten Instinkte... umso mehr, wenn sie gemeinsam erlebt oder gar gemacht wird... und ehe wir's uns versehen, lassen wir uns hinreißen zu Taten und Unterlassungen, die unbedacht, brodelnd und dunkel, leidenschaftlich und in ihrem Kern bereits tragisch sind... Wir erglühen, verbinden uns, verschmelzen ganz und gar, und im dionysischen Rausch der Musik entspinnt und verselbständigt sich eine Handlung, die ihre ganz eigene Macht gewinnt, unwiderstehlich Besitz von uns ergreift und sich alsbald jeder Kontrolle entzieht, ein tragisches, schicksalhaftes Geschehen, das uns beherrscht, willkürlich steuert und in einen heißen Strudel des lustvollen Untergangs zieht...

Das Ende, wenn wir es erleben, ist ein hartes Aufschlagen auf dem Boden entrauschter Wirklichkeit. Die unvereinbaren, ja untragbaren Handlungsstränge unserer irren, wirren Reise haben sich bis zum Wahnsinn ineinander verschlungen und dann plötzlich in einem gewaltigen Knall aufgelöst. Die Musik ist verklungen, und eine schmerzhafte Benommenheit läßt nur in kleinen Portionen die Erkenntnis zu, daß wir uns vollkommen verirrt und im Netz unserer Lust unrettbar verfangen hatten.

Es wird kalt. Still. Man bleibt allein. Der Boden der Realität ist hart und steinig. Die Tragödie hat ihren Lauf genommen. Den Rausch möchte man nicht missen, aber der Preis war zu hoch. Man gedenkt der Geburtsstunde des tragischen Verlaufes und wünscht sich dahin zurück, um alles besser zu machen und die Tragödie in apollinischen Bahnen zu halten. Klassisch. Geordnet. Erträglich. Aber das geht nicht. Geschehen ist geschehen.

Nächstes Mal dann.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Klimawandel

Wenn mitten im Dezember die Maiglöckchen sprießen,
wenn bei Minusgraden die Vöglein in den Bäumen ihre Liebeslieder zwitschern,
wenn durch den Schnee hindurch die buntesten Blumen blühen,
wenn in der kalten Luft ein warmer Windhauch Dein Gesicht küßt,
wenn vom eisgrauen Himmel eine freundliche Sonne scheint,
wenn also im tiefsten Winter plötzlich Mai ist...

...dann stimmt etwas nicht.

Oder es stimmt alles.

Samstag, 4. Dezember 2010

Barbara-Tag

Heute ist Barbara-Tag, der Gedenktag der Heiligen Barbara von Nikomedien, die im 3. Jahrhundert als Märtyrerin gestorben sein soll. Der Überlieferung nach war sie klug, schön und willensstark. So wie fast alle Frauen dieses Namens, die ich kenne.

Ihr Vater, der ein König, ein reicher Kaufmann oder ein einflußreicher Höfling gewesen sein mag, sperrte sie in einen Turm, um sie von der Außenwelt abzuschirmen. Ihre Hinwendung zum Christentum versuchte er durch Peinigungen zu verhindern, aber Barbaras Glaube festigte sich unter der Folter erstrecht. Sie ließ als Symbol der Dreifaltigkeit ein drittes Fenster in den Gefängnisturm brechen und empfing die Taufe. Dem Beschluß des Vaters, sie zu töten, entging sie zunächst durch eine wundersame Flucht, wurde dann aber doch gefaßt und auf die grausamste Art umgebracht.

So berichtet es die Legende. Mich hat die Geschichte immer fasziniert, nicht nur der unbedingten Glaubensstärke wegen, die Barbara bewiesen hat, sondern auch, weil es mir so grotesk erschien, diesen Beweis ausgerechnet gegen die rücksichtslosen Grausamkeiten des eigenen Vaters führen zu müssen. Zudem ist Barbara die Schutzheilige unserer Familie, und seit Jahrhunderten wird in fast jeder Generation ein Mädchen auf den Namen Barbara getauft, zuletzt meine Großmutter und meine Mutter.

Zugegeben, dieser Text hat keine echte Pointe, aber ich wollte den bedeutendsten Namenstag unserer Familie nicht unerwähnt verstreichen lassen. Für einige Barbaras, die mir im Leben begegnet sind, bin ich zutiefst dankbar. Drei von ihnen gehören zu den wunderbarsten Menschen, die ich je traf. Schön, klug und willensstark sind sie und spornen mich damit täglich dazu an, auch meinerseits ein besserer Mensch zu werden.

Alles Gute zum Namenstag und danke für alles.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Advent

Der Advent ist da, jene wenigen Wochen vor Weihnachten mithin, die ich als Kind schon geliebt habe, und die mir, so quälend langsam sie im Hinblick auf das fiebernd erwartete Fest einerseits zu vergehen schienen, andererseits doch nie lang genug sein konnten. Denn diesen Wochen wohnte ein ganz eigener, unvergleichlicher Zauber inne, den zu spüren vielleicht nur Kindern gegeben ist, oder solchen Menschen, die es im Herzen geblieben sind.

Ganz und gar anders als alle Wochen und Monate des Jahres schien mir diese Zeit. Ein Adventus, eine Ankunft war es, die sich spürbar vorbereitete, die Ankunft des Christkindes, des Gottessohnes und Erlösers und damit der Beginn einer besseren Zeit. Ein Hauch des Wunderbaren, des Göttlich-Bedeutsamen lag in der Luft und durchwirkte alles Sein, erhöhte den Alltag und gab jedem Gefühl, jedem Gedanken und jedem Tun etwas durch und durch Festliches. Es war für mich ganz selbstverständlich, daß, was ich so deutlich spürte, auch allen anderen erkennbar sein mußte, und so schien mir die Welt freudig erregt, zugleich milder gestimmt als sonst und erhoben im Geist des göttlichen Geschehens... Das Leben fühlte sich an, als habe es jemand mit feinem Goldstaub gepudert.

Heute ist dieser Zauber nicht mehr ganz so deutlich spürbar, und das nicht nur, weil die Konsummaschinerie heute lauter, greller und amerikanisierter als in meiner Kindheit alles Ahnungsvolle, leise sich Anbahnende überlärmt. Ich habe mir zwar eine sehr sentimentale Wahrnehmung der Advents- und Weihnachtszeit bewahrt, aber das Leben hat auch mich abgeklärt und gewährt nicht immer den Raum, den das freudige Erwarten wundersamer Veränderungen vielleicht erfordert. Gleichwohl, so denke ich oft, warten wir ständig auf irgendetwas, auf den Durchbruch, den richtigen Partner, die Erkenntnis und auf uns selbst... Wir ersehnen Veränderungen, Entwicklungen und den Beginn neuer Lebensabschnitte. Und während wir darauf warten, daß "das Leben" endlich beginnt, findet es längst statt und zieht vorbei.

Vielleicht war und ist die Adventszeit so beglückend, weil diesem Warten tatsächlich eine Ankunft folgt, weil das, worauf wir warten, wirklich geschieht. Ob man nun an die Geburt Christi glauben mag oder nicht, ob man in Jesus eine Allegorie des Höchsten, Besten und Edelsten sieht, zu dem wir Menschen fähig sind, oder ob einem dergleichen per se als abergläubischer Humbug erscheint - man hat zumindest die Gelegenheit, sich ein wenig zu sammeln, zu besinnen und an Weihnachten vielleicht Dinge zu tun, die man übers Jahr vernachlässigt hat. Das alltägliche Warten auf den Beginn des eigentlichen Lebens hingegen bleibt unbefriedigend, solange wir in Passivität verharren.

Der Gedanke des Advent, der Ankunft in unserem eigenen Leben, läßt sich aber dennoch nutzen, wenn man die Vorphase des Ankommens nicht als Wartezeit, sondern als Entwicklung begreift, die man täglich steuern und vorantreiben kann. Das Warten wird zum Tun, und die Vorfreude verschmilzt mit dem unbedingten Willen zur Veränderung. Immer wieder aus eingefahrenen Kreisen, aus Komfortzonen und dem begrenzten Blick auf sich selbst herauszutreten und neue Sphären des eigenen Seins zu erschließen - darin liegt für mich das, was uns der Advent sagen will.

In erster Linie sind wir unsere eigenen Erlöser. Und vielleicht bestäubt irgendwer von irgendwo unser Bemühen mit feinem Goldpuder.

Dienstag, 16. November 2010

Gebet

Lieber Gott,

Du weißt, ich glaube an Dich, so sehr es aller Erkenntnis und allem Verstand widerspricht. Ich glaube daran, daß Du hier und da Dinge fügst, denn die kindliche Hoffnung auf wundersame Wirkmechanismen, die sich jeder Begründung und Erklärbarkeit entziehen, ist stärker als die ganze Nüchternheit des reifen Geistes.

Und so sehe ich denn Deine Zeichen. Sehe sie, und verstehe sie nicht. Denn was als Hinweis, als göttlicher Wink mit dem heiligen Zaunpfahl ohne weiteres zu erkennen ist, erschließt durch sein bloßes Erscheinen noch lange nicht seinen eigenen Sinn. Mag sein, daß das Gemüt des reifen Mannes sich den Instinkt für Höheres bewahrt, ohne sich jedoch die kindlich-naive Fähigkeit zur Deutung zu erhalten.

Und Du weißt das. Du weißt immer alles. Es steht in Deiner Tätigkeitsbeschreibung als einzig wahrer Gott. Und also stellt sich die Frage – warum sendest Du Zeichen, von denen Dir klar sein muß, daß sie mehr Fragen aufwerfen als sie zu lösen vermögen? Macht es Dir Freude, die Ahnungslosigkeit Deiner Menschlein zur Schau zu stellen, indem Du ihnen unlösbare Rätsel aufgibst? Wenn es so ist – ich nehme es Dir nicht übel. Es ist ganz lustig, irgendwie.

Heute hast Du mir ein Zeichen gesandt. Ein solches freilich, dem Du so unendlich viele Deutungsmöglichkeiten beigegeben hast, daß es mir rein gar nichts nützt; daß es, im Gegenteil, erhebliche Verwirrung stiftet in meinem jüngst so geordneten Dasein.

Wie dem auch sei – Du bist Gott. Du darfst das. Ich nehme Dein Zeichen also an. Aber ich bin so frei, daran keine Handlungsfolgen zu knüpfen. Tatsächlich werde ich es einfach ignorieren, so gut es geht. Sei mir nicht böse. Aber das Spiel spiele ich nicht mit.

Danke gleichwohl. Es ist lieb, daß Du an mich denkst. Und an sie. Und an uns. Danke. Aber wenn ich wirklich etwas tun soll, mußt Du schon ein bißchen deutlicher werden.

Verbunden,
Dein Christopher

Donnerstag, 4. November 2010

Leere

Zuweilen ist da diese Leere, eine Leere, die all das hinterlassen hat, was wir verspielt, verloren oder verschwendet haben, und die durch nichts aufzufüllen ist. Sie schmerzt, wie nur ein Nichts schmerzen kann, wo eigentlich etwas sein sollte. Sie zieht und windet sich, gierig nach Ersatz für das, was fehlt, und franst dabei doch nur ihre wunden Ränder aus.

Nach vorne schauen, positiv denken, an einer Zukunft arbeiten und aus der Vergangenheit lernen. Das sagt man dann so leichthin. Und doch vermag keine Zukunft die Leere zu füllen, die Verlorenes in unsere Seelen reißt. Man mag das Loch der Vergangenheit ummanteln mit dem Jetzt; man mag die Fäden der Zukunft so spinnen, daß sie den Hohlraum vernähen, der in uns gähnt... doch ausgefüllt, bereichert und geheilt wird er dadurch nicht. Manche Verluste sind nie, niemals wieder gutzumachen.

Zuweilen ist sie da, die Leere. Zuweilen ist ihre Kraft so groß, daß sie alles Gegenwärtige und alles Zukünftige, allen Sinn und alle Hoffnung wie ein schwarzes Loch anzieht und verschlingt. Das Leben, das vor einem liegen könnte, verschwindet im unwiderstehlichen im Abgrund des Vergangenen.

Zuweilen ist es eben so. Manche Verluste sind nicht zu ertragen.

Dienstag, 26. Oktober 2010

Wirklichkeit

Jemand, den ich nicht als Freundin, ja kaum als Bekannte bezeichnen kann, da wir uns nur über ein soziales Netzwerk und also nicht „persönlich“ kennen, hat mir eine Karte geschrieben. Eine echte Postkarte aus Papier, beschrieben mit echter Tinte in einer individuellen Handschrift. Ich erhielt sie und mußte schlucken.

Es ist süß, wenn Menschen aneinander denken und einander damit Bedeutung geben... Mich rührt es immer wieder zutiefst, daß unter den Milliarden Menschenwesen auf der Welt sich tatsächlich einzelne etwas bedeuten und sich daran freuen, daß genau der Eine, an den sie gerade denken, lebt und existiert...

Diese ergreifende, liebevolle kleine Dimension des Lebens kann ich nicht immer gut wahrnehmen... Zuweilen fühle ich mich so unendlich überflüssig... so verzichtbar in diesem riesigen Ameisenhaufen, in dem ohne mich ebenso unsystematisch herumgewuselt würde wie mit mir...

Und dann kommt sie, jemand, den ich gar nicht kenne, und sie nimmt sich Zeit, sie setzt sich nieder und schreibt mir eine Karte... mir, einfach so, ob der guten Gespräche, die wir in der virtuellen Welt geführt haben über ganz unvirtuelle Themen. Und ich muß ein bißchen weinen... weil es mich tief berührt, ohne daß ich es verstehe.

Da ist diese Sehnsucht nach dem Kleinen, nach dem Echten, Individuellen... Die Sehnsucht danach, sie zu sehen und fest in den Arm zu nehmen, mitten im unbeeindruckten Gewühl des Ameisenhaufens, einfach nur, um zu spüren, daß es sie, daß es überhaupt jemanden wirklich gibt, und daß ich ihr nah sein kann. Und zugleich wirkt diese Vorstellung unsagbar irreal...

Ich weiß nicht, ob es sie gibt, und wenn, ob es irgendeine Relevanz hat... ebenso wenig wie ich es von mir selbst weiß.

Montag, 25. Oktober 2010

Raumzeitgedanken

Die Jahre gehen ins Land, und das Land kommt in die Jahre...

Ein ewiges Spiel von Raum und Zeit, ein Tanzen und Schweben umeinander, unüberwindliche Abhängigkeit ohne eine andere Erlösung als das Vergehen im Nichts...

Ein gegenseitiges Besuchen, bis beide sich nichts mehr zu sagen haben und alles begreifbare Sein endet.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Leseprobe...

(...aus meiner neuesten Novelle, die leider noch keinen Titel hat und auch noch nicht lektoriert ist, aber ich stelle sie dennoch mal hier ein und bin gespannt auf Eure Rückmeldungen!)

Sie schrieben sich jeden Tag, mehrfach sogar, verlegten sich irgendwann auf das noch direktere Chatten und verbrachten auf diese Weise oft Stunden miteinander. Bald begann Karin, auch von ihren relativ zahlreichen Affären und Beziehungsversuchen zu erzählen, die meist ebenso kurz wie schmerzhaft waren, weil sie sich schon beim ersten oder zweiten Treffen auf Intimitäten einließ, lange also bevor sie wirklich etwas über den derart Privilegierten und seine Absichten wußte, und somit die Einschlägigkeit der Interessen immer wieder unterschätzte, die ihr die meisten ihrer Männerbekanntschaften entgegenbrachten. Für Gabelsdorf war das durchaus anregend. Sein eigenes Liebesleben war nach vierzehn Jahren Beziehung mehr als dürftig, und über Erinnerungen, von denen er hätte zehren, über einen Schatz an Erfahrungen, die ihm das saturierende Gefühl hätten geben können, seinen gerechten Anteil an dieser unendlich weiten Erlebniswelt gehabt zu haben, verfügte er so gut wie nicht, da er in seiner Jugend das war, was man einen Spätzünder nennt, und die Beziehung mit seiner späteren Frau sehr jung begonnen hatte. Der Mangel an Erfahrung und Befriedigung auf erotischem Gebiet, den er bislang mehr schlecht als recht sublimiert hatte, stand dabei in einem zunehmend gespannten Verhältnis zu seiner doch recht ausgeprägten Libido, und so boten ihm Karins Erzählungen von spontanen Abenteuern und Wochenendaffären reichlich Stoff für sein gieriges Kopfkino. Gleichwohl übte er sich ihr gegenüber in äußerster Zurückhaltung, ließ sie sogar beiläufig wissen, daß er verheiratet sei, und hörte ihren Geschichten mit freundschaftlichem Interesse zu. Er tröstete sie, wenn sie traurig war, kritisierte ihre impulsive und viel zu unüberlegte Art, sich auf Männer einzulassen, die sie dann verletzten, redete wohlmeinend auf sie ein oder ließ sie einfach ihr Herz ausschütten, je nach dem, was sie gerade brauchte, kurz: Er war ein Musterbeispiel an Ritterlichkeit, jederzeit für sie da und auf behutsam-strenge Weise verständnisvoll.
Und sie nahm es dankbar an.
Zugleich ertappte sich Gabelsdorf immer häufiger dabei, ungeduldig auf Nachricht zu warten, wenn Karin gerade nicht an ihrem Rechner war. Die schriftlichen Dialoge mit ihr wurden zum Hauptgegenstand seiner Aufmerksamkeit, und je mehr er sich auf den Austausch mit Karin Abild einließ, desto schwieriger wurde es, seine Frau nichts davon merken zu lassen, welch großen Raum die ferne Sängerin in seinem Denken und Fühlen mittlerweile einnahm. Nicht, daß er sich verliebt hätte. Aber Karin erschloß ihm Lebensbereiche, von denen er sich hochgradig angezogen fühlte, die jedoch in seinem Alltag so gut wie nicht vorkamen – Kunst und Impulsivität, Sex und Lust, Freiheit, Ungebundenheit, Ausdruck und Leidenschaft... Sie erlebte, erfuhr und erlitt alles, was Gabelsdorfs eigenem gleichförmigen Dasein abging.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Experiment 2 - Die gescheidlichen riter

(Auszug aus einem mittelhochdeutschen Versepos, verfaßt von mir im Jahre 2000)

Do kam ein riter nach der stat
der sunder ruom und ritertat
die schuolaere wolde leren
an in iren sin ze keren
und Fridericus vliehen -
so dahte er sich ze ziehen.
Sin lip was groz und grobelich
sin lere und kunde tobelich
sin kleit was groezer dann sin muot
an sinem ruom was lützel guot
wan er truoc in sich alsolhen wan
daz er im wane wande han
durch truge und ruor der werlde pris
und niht durch guottat unde vliz.
Do Friderici stolzecheit
was dises riters staetes leit
und er den ruom vergunde
begunde er bi der stunde
ze harren uf diu rehte zit
do er kunde stillen sinen nit
und rechen sine smaehe groz
als erz in sinem sin besloz.
Beide Fridericus unde er
die stouweten ire vientschaft mer
unz an ein maz do ez wart vol
sus daz ez einest überquol.
Ez qual daz mer der vientschaft
do niht durch rehte riterschaft
der strit wart geschieden under beiden
dar muosten beide under leiden.
Wan swer der tjoste niht enmac
der blibet gellic manegen tac.

Montag, 18. Oktober 2010

Ein vollkommenes Bild

Inmitten des Trubels aus eiligen Menschen, die dem U-Bahnschacht entquellen und den unter heiserem Klingeln grob heranpolternden Straßenbahnen zustreben, steht sie und liest in einer Zeitung, völlig entrückt der Welt, die sie umgibt, und ganz und gar ihrer Innerlichkeit zugekehrt, die von außen zu berühren sie in diesem Moment keinem anderen Reiz als dem Artikel gestattet, den sie liest.

Auf ihren Lippen liegt ein versonnenes Lächeln. Ihr schwarzes Haar fällt in großen weichen Locken um ihr leicht nach vorn geneigtes Gesicht, und ihre schönen Hände halten das Blatt auf die denkbar anmutigste Weise.

Sie ist hübsch, auffallend hübsch sogar, eine fast vollkommene Erscheinung. Ihre lesenden Augen sind groß und dunkel, glänzen interessiert in die Zeitung hinein und wandern lebhaft darin herum. Das kurze schwarze Mäntelchen, eng gegürtet und weit ausgestellt, flüstert subtil von den Verlockungen ihres schlanken, feinen Körpers, der doch unerreichbar bleibt... Ihre Füße hat sie mädchenhaft über Kreuz gestellt, und obwohl diese Haltung äußerst instabil wirkt, steht sie ganz ruhig und fest da, unerschütterlich und durch nichts von sich selbst abzulenken.

Es ist faszinierend - ohne den geringsten Anteil an der Außenwelt zu nehmen, beeinflußt sie sie dennoch, erregt in ihrem Umfeld eine Aufmerksamkeit, ein Hinschauen und Kontaktsuchen, das ins Leere gehen muß, weil es in der Gedankenverlorenheit, der Abgeschiedenheit dieses ganz in sich ruhenden, beseelten Seins nicht wahrgenommen wird und an dieser Ignoranz leise und belanglos zerstäubt...

Wie unsagbar schön dieses zeitungslesende Mädchen ist, das ich nur für ein paar Sekunden sehe... Wie zauberhaft, berauschend ihr wunderbarer Stilbruch des hektischen Lebens. Ein vollkommenes Bild, das ich dankbar und still beglückt durch den Rest des Tages trage.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

The Importance of Not Being A Lemon

It will always remain a mystery to me why some women come close just to back off the very next second and treat you like you have tried to violate them. They cross your way, they trust you immediately... they pour their heart out and come very close, mentally, and, in some cases, even physically...

A relationship like that is bound to become very emotional - and therein lies the trap. Because everything is fine as long as you do not show any emotions except deep sympathy and sweet understanding. But go and use one wrong word, make one comment that is not one hundred per cent affirmative, and you will raise hell. Neither a wholehearted apology nor a thousand good deeds will make up for one little, inconsiderate mistake.

All the affection they might have felt before turns into disdain. Suddenly they dispise what they were about to love, and every attempt to talk it over and calm down some of the emotion involved in order to keep the whole thing in perspective is rejected with an attitude so cool it might freeze your soul. I never really got that, because I stronlgy believe that a single bad moment is not worth letting pass by what might have been a great chance for both parties.

The only explanation I can think of is that the moment you show the slightest sign of a critical perception they feel deceived and lose their faith and immediately start to feel embarrassed about all the weak spots they revealed to you and the secrets they let you in on. So, in a belated (and as much irrational as incomprehensable) attempt to arm and to protect themselves by hindsight, they start acting cool, like nothing you learned about their delicate, vulnerable souls had ever been true... and they love to leave you with the impression that you were the worst thing that ever happened to them.

Well, poor things. Being in pain, or suffering from some bad experiences in the past does not humiliate anyone. It is absolutely natural, and after all it is what makes us human. And lovable. Nobody has to be ashamed of their wounds and weaknesses... But denyal will not ease the pain, and to push away people who have seen "too much" of one's soul will not make you stronger. The answer is talking it over, and I am good and ready to do so.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Wiener Wahlwunderlichkeiten

Nun ist er ausgekämpft, der "Kampf um Wien", wie es auf einem der unzähligen (und zum Teil unerträglich geistlosen) Plakate hieß, mit denen die Stadt seit Monaten gespickt ist. Die Wahl ist vorbei, und so wenig überraschend das Ergebnis ist, so bitter bleibt der Nachgeschmack.

27% des Wiener Wahlvolkes haben ihre Stimme einem Mann gegeben, der außer bösen Parolen nichts anzubieten hat. Keine Lösungen, keine Konzepte, keine Ideen. Das unsägliche Wahlmotto der FPÖ "Mehr Mut für unser Wiener Blut - zu viel Fremdes tut niemandem gut" ist, von seiner literarischen Letztklassigkeit abgesehen, auch inhaltlich bodenlos und übertrifft an ungehemmter Dreistigkeit sogar die biologistischen Entgleisungen Thilo Sarrazins um Längen. Schamlos und ohne rhetorischen Filter wird hier der Wert von Menschen für das Gemeinwesen an die blutsmäßige Zugehörigkeit gekoppelt, während die bestehenden Probleme pauschal den Ausländern angelastet werden.

Natürlich läßt sich der Wahlausgang erklären, und natürlich ist der Gesamtsituation zu entnehmen, daß nicht jeder FPÖ-Wähler automatisch ein überzeugter Ausländerfeind und Strache-Fan ist. Es galt, die absolute Mehrheit der SPÖ zu brechen, und dafür wäre ein Kreuzchen bei der ÖVP nur bedingt geeignet gewesen, weil diese ja schon vor der Wahl beiderseits erklärtermaßen der Lieblingskoalitionspartner einer in die Minderheit geratenen SPÖ war. Also läuft der enttäuschte Protestwähler zu den Blauen über, wohl wissend und hoffend, daß sich mit Herrn Strache ohnehin niemand ins Bett legen und die FPÖ also auch mit ihrem Zugewinn keinen echten politischen Einfluß bekommen wird. Alles erklärbar.

Aber dieses Spiel mit dem Feuer bleibt gefährlich, und ein aus welchen Gründen auch immer erstarkter rechter Rand hat, wenn schon keinen politischen, so doch einen atmosphärischen Einfluß auf das Leben in dieser Stadt. Stimme ist Stimme - der demokratische Prozeß differenziert nun einmal nicht zwischen Überzeugungstätern und Protestwählern, und die FPÖ wird, auch wenn das niemand wirklich will, ein Stückchen hoffähiger.

Wehret den Anfängen. Um der SPÖ einen Denkzettel zu verpassen, hätte man auch grün wählen können. Wer sein Mitbestimmungsrecht als Bürger nutzt, um seine Stimme einem Mann zu geben, der sich mit unsäglicher Hetze gegen "das Fremde" profiliert, macht sich am sukzessiven Einsickern solchen Denkens in die Gesellschaft mitschuldig, gleich, welche strategischen Erwägungen ihn dazu gebracht haben, sein Kreuz bei der FPÖ zu machen.

Als Deutscher gehöre ich gewiß nicht zu der Art Ausländer, die nun verstärkt Diffamierungen zu befürchten hat. Gleichwohl fühle ich mich in meinem geliebten Wien seit Sonntag ein kleines bißchen unwohler.