Samstag, 28. Juli 2012

Meeresrausch

Ich habe es lange nicht gesehen, das Meer, doch nun, da ich, die nackten Füße im feuchten Sand, meinen Blick darein versenke, wie es gierig an der Küste leckt, verführt mich seine grüne Tiefe zu verwegensten Gedanken, und das Gleichmaß seines kraftvollen Drängens berauscht meine Sinne.

Vermißt habe ich es, das Meer und seinen rücksichtslosen Egoismus, mit dem es nicht wirbt und buhlt, sondern nimmt. Zuweilen bewundere und beneide ich diese meinem Wesen so ganz und gar fremden Eigenschaften und wünschte mir, weniger geworben und gebuhlt, berücksichtigt und geschont und stattdessen mehr genommen zu haben. Denn mein Werben und meine Rücksicht haben mich immer dann besonders lächerlich gemacht, wenn sie meinen sehnlichsten Zielen galten.

Zugleich empört es mich, das Meer, denn in seinem hartnäckigen Drängen liegt soviel Brutalität und Kompromißlosigkeit, daß mir sein Treiben nur gierig, triebhaft und geistlos, und in keiner Weise liebevoll vorkommt. Manchmal scheint es den Strand mit verspielt gekräuselten kleinen Wellen zu küssen, aber schon im nächsten Moment, als ob ihm die Zärtlichkeiten nicht mehr genügen, penetriert es ihn mit gewaltigen Brechern, und nichts bleibt dem Land, als die rohe Lust des Meeres über sich ergehen zu lassen.

Es zieht mich an, das Meer, in seiner Grobheit, seiner düsteren Gewalt. Es fasziniert mich, weil ich es erkenne, es verstehe, ohne selbst so sein zu können. Das Meer bekommt, was es will. Drängend, nehmend. Und was es hat, verschlingt und vernichtet es, macht es zum Teil seiner selbst, um sich noch mehr von dem zu nehmen, was es noch nicht hat.

Ich bin nicht wie das Meer. Konnte nie so sein. Wollte es auch nicht. Gebannt und wehrlos sehe ich zu, wie es sich Befriedigung verschafft und zugleich die Saat der Liebe, die ich an Land ausgestreut habe, achtlos davonspült. Seine grüne Tiefe verführt mich zu verwegensten Gedanken, derer ich keinen einzigen je werde umsetzen können.

Donnerstag, 12. Juli 2012

Wolkenleben

Die Wolken ziehen heute schnell am Julihimmel. Wie in Eile fliegen sie dahin. Fast so als hätten sie ein Ziel. Vielleicht glauben sie es sogar. Aber sie haben keins. Es ist nur der Wind, der sie treibt. Einige von ihnen zerfasert er, verwirbelt sie und löst sie auf. Sie lassen sich zerstören, indem sie sich treiben lassen, diese Wolken. Andere werden dicht, ballen sich zusammen und fliegen noch schneller dahin. Es sind, so möchte man glauben, die mächtigen Wolken, die sich selbst vom Wind, der sie treibt, nicht mehr sauber unterscheiden können. Sie vermögen die Sonne zu verdunkeln, das Land zu beregnen oder Blitze zu schleudern. Ganz wie es ihnen beliebt. Aber es ist dennoch nur der Wind, der sie treibt.

Hübscher anzusehen sind indes die kleinen, die verwirbelten Wolken, die, dem Spiel des Windes ausgesetzt, bald hierhin, bald dahin treiben, sich auflösen, um an anderer Stelle in neuer und erfreulicher Form wieder erscheinen. Sie lassen die Sonne durch und taugen nicht zum Regnen oder Blitzeschleudern. Sie sind einfach nur hübsch anzusehen, auch wenn sie dabei vergehen.

Mein Blick sinkt auf die Erde. Hier unten auf dem Platz vor der Alten Oper regt sich kein Lüftchen. Wie eine brütende Henne hat sich die Julihitze auf die Stadt gesetzt. Heiß und bewegungslos hat sie platzgenommen zwischen all den unbequemen Wolkenkratzern. Und dennoch eilen die Menschen umher, getrieben von einem Wind, der nur in ihnen weht. Auch sie glauben, ein Ziel zu haben, und ich frage mich, was das sein mag. Geld, Ansehen, Sinn? Oder laufen sie weg? Vor sich selbst, vor ihren Träumen? Nein, so sehen sie nicht aus. Sie schauen nach vorne, haben den Blick fest auf den nächsten Termin, den nächsten Erfolg gerichtet. Manche von ihnen sind eins geworden mit ihrem inneren Antrieb. Sie erreichen etwas, wie man so schön sagt. Nach Belieben beglücken oder verdammen sie ihre Welt. Die anderen werden getrieben, und ihr innerer Wind zerfasert nach und nach ihre Seele, solange bis sie vergehen und verwehen.

Ich selbst? Sitze nur so da. Es mangelt mir an Antrieb. Das habe ich schon oft gehört. So wird man nicht mächtig. Keine Blitze, kein Regen. Aber man zerfasert auch nicht. Man ist einfach nur. Und schaut.

Das Wolkenleben wäre wohl nichts für mich.

Samstag, 7. Juli 2012

Sepia

Ich sitze neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm lässig auf der Lehne abgelegt, weil man das hier so macht - lässig ist man; es paßt zu mir - und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel. Schmeichelhaft ist dieser Ton; er macht alles warm und weich. Den Himmel, das Rathaus, die leise rauschenden Bäume, den Asphalt des Platzes sogar. Er macht mich ganz ruhig. Eine Beruhigungsbrille ist es, die ich da trage. Man kann meine Augen sehen, aber nicht zu tief hineinschauen. Lässig läßt es sich so sitzen mit dieser Brille. Denn so macht man es hier schließlich.

Mädchen in leichten Sommerkleidern schlendern an mir vorbei, aber ansehen tut mich niemand, schon eine Weile nicht mehr. Ich habe meine Anziehungskraft verloren, bin unsichtbar geworden in dieser Stadt, die mich nie aufgenommen hat, gleich, wie sehr ich um ihre Gunst gebuhlt habe. Solange ich buhlte, sah man mich an. Aber ich suche keine Gunst mehr. Nicht die der Stadt, und auch nicht die der Mädchen. Und so sitze ich nicht eigentlich lässig hier, wie man es eben macht; das Wort trifft es nicht ganz. Eher gelassen. Gelassen von der eigenen Leine, an der ich mich führte, während ich buhlte. Gelassen aus dem würgenden Griff meiner rastlosen Gier.

Ich sehe sie an, die schlendernden Mädchen in ihren leichten Sommerkleidern, sehe durch meine Beruhigungsbrille ihren federnden Gang, ihre schlanken, nackten Arme, bei deren Anblick ich früher die übergeschlagenen Beine ein wenig aufeinander gepreßt hätte, um meine Erregung deutlicher zu spüren, und ihr unbeschwertes Lachen. Sehe es ohne Gier. Ohne den Drang zu buhlen. Gelassen.

Als ich damals in diese Stadt kam, die mich nie aufgenommen hat, wähnte ich mich frei. Frei von allem, was ich hinter mir gelassen hatte, frei von allen Zwängen und Engen, die mein altes Leben um mich zu legen begonnen hatte, und diese Freiheit, die auch immer ein wenig eine Leere ist, füllte ich eine Weile lang mit der gierigen Jagd nach allem, was neu und anders war als das, was ich zurückgelassen hatte. Grün waren meine Sonnenbrillengläser damals, und mein Blick zuckte suchend und buhlend hinter ihnen herum, um in der grünen Stadt irgendeinen Halt zu finden. Aber was dieser Blick auch erfaßte, entglitt ihm bald wieder und versank schweigend und kühl im grünen Asphalt. Es war, als lockte die Stadt, die mich nie aufgenommen hat, mein Bemühen nur zu dem einen Zweck hervor, es zu enttäuschen. Und gedüngt von dieser Enttäuschung wuchsen meiner Gier immer mehr Tentakel, die immer schneller in immer mehr Richtungen grabschten, um einen immer beliebigeren Halt zu finden. Sie umzappelten mich so wild, daß ich mich darin versponn und meine Gier mir den Atem nahm, sogar den zum Buhlen, während die grüne Stadt um mich herum ihren federnden Gang ging und unbeschwert lachte, lässig, so wie man es hier eben macht.

Und dann wurde es schattig. Jemand trat vor mich, verdeckte die Sonne und nahm mir die grüne Brille ab. Nahm sie und trat einen Schritt zurück. Und wie ein Kuß aus Feuer stach die Sonne tief in meinen Kopf, und die Tentakel erlahmten. Sie fielen von mir ab, und ich begann zu atmen. Klare, ungefärbte sonnige Erkenntnis. Und noch ehe mir klar wurde, daß meine Welt eine andere Farbe brauchte, hatte ich wie durch ein Wunder die Beruhigungsbrille auf, und die grüne Stadt wurde sepiabraun. Warm und weich. Und mein Blick auf all das Schlendern und Lachen und Rauschen um mich herum wurde gelassen.

So sitze ich hier neben einer Melange auf einem Korbstuhl vor dem Rathaus, die Beine übergeschlagen, einen Arm gelassen auf der Lehne abgelegt, und schaue durch braungetönte Brillengläser in einen strahlend blauen Sepiahimmel.

Samstag, 23. Juni 2012

Titel: ohne

Wie ich mich auf dem Balkone
meiner Bohne heut belohne
dafür, daß ich wie 'ne Drohne
(oder ihre tausend Klone)
faulem Volk zum groben Hohne
mich im Dienste der Ikone
fleiß'gen Tagewerks nicht schone -
ja, das ist mal gar nicht ohne!

Dienstag, 15. Mai 2012

Warum bist Du denn jetzt schon wieder offline?

Irrungen und Wirrungen einer virtuellen Beziehung
(Text zur Lesung am 2. Mai 2012)

Es ist so toll, daß es WhatsApp gibt! Twitter, Facebook, Skype! Besonders, wenn man – wie wir – eine Fernebziehung führt. Wie einfach ist doch die tägliche Kommunikation durch diese Medien geworden, die immer und überall verfügbar sind und obendrein nichts kosten! Wieviel leichter ist es geworden, in ständigem, innigen Austausch zu stehen, als damals, da man sich noch anrufen oder gar Briefe schreiben mußte! Schöne neue Welt, besonders für zwei Schreiberlinge, deren kraftvollster, intensivster Ausdruck von jeher im geschrieben Wort liegt – wie perfekt läßt sich so die räumliche Distanz ertragen, ja überbrücken gar!

Und geht’s vielleicht nur mir so? Wo man geht und steht, sieht man Menschen eifrig in ihre schlauen Telefone tippen. Nie war man sich so nah wie heute!

„Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.“

So etwas würde man sich am Telefon wohl eher selten sagen! Mit einem iPhone jedoch sind derlei vollkommene Liebesschwüre auch über 1000 km hinweg mal eben schnell dem anderen Herzen zugeeignet!

Gewiß, sie birgt zuweilen auch ihre Tücken, die Schriftlichkeit. Dem Durchschnittsmenschen mag die Intonation dabei fehlen, die Mimik und die Bedeutungsnuancen, die man nur in der Melodie des gesprochenen Wortes wahrnimmt, und so entstehen aus dem Mangel an Mündlichkeit hier und da Mißverständnisse, Streitigkeiten gar.

Nicht so bei uns Schreiberlingen! Unsereins weiß mit dem Wort doch ganz anders umzugehen, und wären wir nicht in der Lage, unsere Botschaften auch ohne kommunikative Banalitäten wie Mimik und Betonung klar und deutlich zu vermitteln, hätten wir wohl unseren Beruf verfehlt. Ich zeige Ihnen mal, was ich meine, und schreibe meiner Freundin schnell ein paar geistvolle, poetische Zeilen:

„Geliebtes Nasenbärchen“ (man sagt sich ja gern neckische Zärtlichkeiten) „ich denke gerade so sehr an Dich! Geht es Dir gut? Kuß!“

Und noch ein rotes Herzchen dazu! So. Ich bin schon sehr romantisch. Und sieh an – da kommt schon ihre Antwort! Schnelle neue Welt. Was schreibt sie denn…?

„Geliebtes Schielauge“ (naja, das finde ich jetzt nicht so zärtlich) „mir geht es ganz gut. Wo warst Du denn gestern abend? Hatte gedacht, ich höre noch von Dir, und hab mir Sorgen gemacht.“

Ein rosa Herz steht dahinter. Wieso denn nur rosa? Sonst sind sie immer rot! Bestimmt paßt ihr wieder nicht, daß ich mich gestern nicht mehr gemeldet habe. Mal sehen, was ich ihr Feinsinniges, Diplomatisches zurückschreibe…

„Ich war mit ein paar Freunden fort, und irgendwie finde ich es nicht gut, daß Du mir das immer zum Vorwurf machst. Habe nun mal hier auch ein Leben.“

Das mag erst mal genügen als liebevoller Hinweis darauf, daß sie doch ziemlich schnell zur Eifersucht neigt. Ich bin nämlich immer sehr liebevoll und einfühlsam, müssen Sie wissen. Sie ist aber auch schrecklich empfindlich. Ah, sie antwortet:

„Das war doch kein Vorwurf, mein Herz! Wollte bloß wissen, warum ich gestern nichts mehr von Dir gehört habe. Und wenn Du nur gereizt reagierst und nix erzählst, sondern nur sagst, Du warst mit irgendwelchen namenlosen Freunden unterwegs, dann ist das schon bißchen komisch, oder?“

Moment bitte. Ein wenig mehr Einfühlsamkeit scheint gefragt. Ihr geht es offenbar nicht so gut mit der Situation.

„DU bist komisch heute! Immer nur Vorwürfe, anstatt einfach mal zu vertrauen. Weißt Du, diese paranoide Attitüde…“

Oh. Tut mir leid, daß Sie das jetzt mitbekommen mußten. Ich schreibe ihr nachher noch mal. Wissen Sie, normalerweise klappt das besser mit der schriftlichen Kommunikation. Ich zeige Ihnen das später. Manchmal ist es eben mühsam. Ich meine, haben Sie mal versucht, mit einem Menschen zu diskutieren, der auf jede Aussage ausschließlich emotional und ohne einen Hauch rationaler Überlegung reagiert, in jedem Wort nicht ansatzweise den Kern dessen, was gemeint ist, sondern nur die Kränkung seiner Person sucht und in jeder noch so sanften Kritik, ja in jeder abweichenden Meinung nichts als eine Beleidigung sieht, die ihn sofort berechtigt, alles Gesagte abzuwehren und als unzulässig zu denunzieren?

Es ist schon recht anstrengend, wenn jemand sich empört auf einzelne Wörter stürzt, die ihm nicht passen, anstatt erst mal einen Gesamtzusammenhang entstehen zu lassen, zuzuhören, Gesagtes auf sich wirken zu lassen und sich wenigstens ansatzweise mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken und Verletzlichkeiten seines Gegenübers auseinanderzusetzen, kurz: wenn jemand sich sofort und mit allem nur angegriffen und abgewertet fühlt, anstatt zu begreifen, daß mit dem Diskurs nur ein spezifisches Phänomen, ein Einzelfall, nicht aber er als Mensch problematisiert wird. Ich tue das ja schließlich auch. Ich bin nämlich nicht nur sehr einfühlsam, sondern auch durchaus kritikfähig.

Oh. Moment. Was schreibt sie da?

„Wieso bist Du denn jetzt schon wieder offline?! Finde ich echt nicht okay, daß Du auf meine Nachricht nicht mal mehr antwortest. Wieder mit ‚Freunden‘ beschäftigt? Und dazu, daß ich am Wochenende kommen wollte, hast Du Dich auch noch nicht geäußert. Weißt Du, es reicht mir langsam. Wenn Du Dein lustiges Leben führen willst, dann mach das, aber ohne mich!“

Stimmt, ich habe ganz vergessen, ihr zurückzuschreiben, während ich mit Ihnen geplaudert habe. Dennoch - was denkt sie denn, was ich hier mache? Lustiges Leben, tze! Und KEIN Herzchen!! Entschuldigen Sie mich, ich muß das kurz klären!

„MIR reicht es langsam! Ich fühle mich derart kontrolliert von Dir, und Dein Mißtrauen ist unerträglich. So läßt sich doch keine Beziehung führen! Und auf Deinen Besuch freue ich mich eh, das habe ich doch schon gesagt!“

Das klingt jetzt natürlich ein wenig hart, aber tief in meinem Herzen bin ich gar nicht wirklich in Streitlaune. Ich bin liebevoll wie immer, und eigentlich ließe sich dieser Streit im Nu auflösen. Aber wissen Sie, jede Macke kann ich ihr ja nun auch nicht durchgehen lassen. Sie muß schon irgendwann begreifen, daß ihr Mißtrauen mehr Schaden als Nutzen bringt. Was schreibt sie da?

„Du freust Dich EH?! Ich kann auch daheim bleiben, wenn’s Dir so egal ist!“

Ah, die Tücken der Sprache! Das sagt man halt in Österreich so!!! Vielleicht sollte sie in dieser Stimmung wirklich zu Hause bleiben. Ich schreibe mal schnell was Versöhnliches, dann kann sie ja mal nachdenken, ob das alles so angemessen ist, was sie hier aufführt.

„Ja, vielleicht bleibst Du wirklich besser daheim! Das hält ja niemand aus so!“

So. Sie schreibt bestimmt gleich zurück und sieht ein, daß sie überempfindlich war. Ab und zu sieht sie ja auch mal was ein. Was vermutlich daran liegt, daß ich im Großen und Ganzen ja doch sehr liebevoll und einfühlsam mit ihr bin.

Hm. Einen Tag lang nichts gehört. Oh, nun hat sie mich bei Facebook gelöscht. Eine sehr harte Geste. Sie wird doch nicht ernsthaft denken, ich hätte Schluß gemacht? Das will ich doch gar nicht. Ich will doch nur, daß sie begreift, wie paranoid sie ist und wie unrecht sie mir tut.

Na gut, ich twittere mal was. Da schaut sie immer nach. Sie kann es ja doch nicht lassen, überall zu schauen, was ich mache und schreibe…

„Es gibt Menschen, die vor offenen Toren stehen und glauben, nicht hindurchgehen zu können, nur weil ihnen jemand sagte, sie seien verschlossen!“

Das ist sehr geistvoll. Und einfühlsam. Es soll ja gar nicht vorbei sein… Aber wenn ich ihr jetzt schreibe, verliere ich vollkommen mein Gesicht. Dann nimmt sie mich ja nie wieder ernst. Lieber noch ein versteckter Hinweis bei Twitter:

„Nur ein kleiner Schritt über den eigenen Schatten, aber ein gigantischer Sprung für die Liebe…“

Das müßte sie jetzt aber wirklich verstehen. Warum schreibt sie mir denn nicht? Schon den dritten Tag nicht. Hm. Sollten wir uns tatsächlich so mißverstanden haben? Wir Schreiberlinge? Kann doch eigentlich nicht sein. Eigentlich bestand doch gar kein echtes Problem. Ich war mit ein paar Freunden aus, daran ist nichts Unrechtes. Wir haben uns da wohl in etwas reingesteigert. Hm. Vielleicht war ich doch nicht einfühlsam genug… Ich denke, ich werde ihr schreiben. Über meinen Schatten springen. Und tatsächlich etwas einfühlsamer sein. Ich bin nämlich sehr gerne mit ihr zusammen.

Vielleicht rufe ich sie besser an.

Mittwoch, 18. April 2012

Gewinnen oder verlieren

Es war die seltsamste Spielschau, die man je gesehen hat. Die Kandidatin saß wie gelähmt an ihrem Pult und starrte auf die vier Antwortmöglichkeiten - A, B, C oder D. Rastlos zuckte ihr Blick auf dem Bildschirm herum, gerade so als sei vielleicht die richtige Antwort ein bißchen heller als alle anderen, und man müsse nur geduldig warten, bis der Unterschied auffällig genug würde, um ganz sicher zu gehen. Aber dergleichen passiert nicht in solchen Spielen. Der Druck war fraglos enorm - bei dieser Frage ging es um den berauschenden Millionengewinn oder den demütigenden Absturz auf die Null, und so wurde die Kandidatin immer verspannter.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Als sie das Scheinwerferlicht betreten und sich der Alternative zu gewinnen oder zu verlieren bedingungslos unterworfen hatte, waren ihr sogleich die Herzen des Publikums zugeflogen. Minutenlang hatte man ihr applaudiert, und sie hatte es sichtlich genossen. Mit jenem zauberhaften Lächeln, bei dem rechts stets ein kleiner Spalt zwischen ihren Lippen geöffnet blieb, auch wenn sie aufeinander lagen, und das die Frauen zauberhaft, die Männer hingegen geil fanden, hatte sie im Applaus geduscht und sich dann elegant auf den Hochstuhl gesetzt, auf dem sich ihr Schicksal entscheiden sollte. Die ersten Fragen hatte sie nicht ohne Zögern, aber fehlerlos beantwortet, und der Gewinn schien ihr gewiß.

Dann aber, gerade vor der Millionenfrage, fiel das Rechnersystem kurz aus, und der Bildschirm bot für ein paar Minuten keine Antwortmöglichkeiten. Eine Kleinigkeit, sollte man meinen, aber für die Kandidatin änderte sich in diesem Moment alles. Ihr Lächeln verschwand; ihr so schönes Gesicht verzerrte sich zu einer hysterischen Fratze, und sie schrie den Moderator an, daß sie das Spiel sofort verlassen wolle. Sie würde die Polizei rufen, wenn man sie nicht gehen ließe. Schrie's, sprang auf und rannte hinaus.

Es war still im Saal. Niemand regte sich. Niemand sprach. Ein leises Schluchzen aus den hinteren Reihen, das war alles, was man hörte. Auch der Moderator saß stumm auf seinem Stuhl und starrte durch sein Pult hindurch mit glasigen Augen ins Leere. Fast eine halbe Stunde saß man so, ohne daß etwas geschah.

Dann wurde das Publikum unruhig, und vom Eingang her breitete sich Gemurmel im ganzen Saal aus, das schließlich in einen erleichterten, prasselnden Applaus mündete - die Kandidatin war zurückgekehrt! Daß sie nach Nikotin roch und verweinte Augen hatte, war allenfalls dem Moderator bemerklich. Sie nahm Platz, und als wäre nichts geschehen, ließ der Moderator das Spiel weitergehen. Eigentlich hätte sie disqualifiziert werden müssen, aber das kam ihr nicht in den Sinn; vielmehr gefiel sie sich darin, überhaupt zurückgekehrt zu sein.

Dann stellte der Moderator die Millionenfrage, und die Kandidatin erstarrte. Sie verfiel in eine völlige Lähmung und schien nichts mehr wahrzunehmen. Einzig ihr Blick zuckte rastlos auf dem Bildschirm herum, gerade so als sei vielleicht die richtige Antwort ein bißchen heller als alle anderen. Der Moderator sah sie ermutigend an, aber sie bekam es nicht mit.

"C!" rief jemand aus dem Publikum, "die Antwort lautet C!"
Das war gegen die Regeln, aber mit einemmal schienen die ihre Gültigkeit verloren zu haben, und als ob sich das Publikum extra für sie zu einer Ausnahmesituation, zu einem Sonderrecht verschworen habe, erhoben sich immer mehr Stimmen und riefen "C! Wähle Antwort C!", bis es ein einziger Tumult aus Hilfe und Ermutigung war.

Die Kandidatin aber schien durch diese Hinweise erstrecht unsicher zu werden. Sie hielt sich die Ohren zu und schrie: "Nein, ich kann das nicht! Ich möchte aufhören!"
Schließlich legte der Moderator sanft die Hand auf ihren Arm, zog ihr behutsam die Hände von den Ohren und sagte: "Ihr Publikum hat recht! Es ist Antwort C. Drücken Sie auf C, und sie gewinnen die Million!"

"Das kann nicht sein!" schrie sie, "hier sind doch alle gegen mich! Ich habe so Angst davor, daß Ihr einfach nur gemein zu mir seid! Ich höre auf!" Und sie sprang auf und rannte abermals aus dem Saal.

Ein betroffenes Schweigen legte sich über die Menge. Dann stand einer nach dem anderen langsam und schweigend auf und ging. Bis der Moderator ganz allein war, mitten im Scheinwerferlicht, ohne Kandidatin, ohne Publikum, ohne Spiel und ohne Gewinner.

Als der Beleuchter begann, die Strahler abzuschalten, erhob sich der Moderator, ging hinaus und fuhr nach Hause. Von der Kandidatin hat er nie wieder etwas gehört.

Dienstag, 10. April 2012

Osterbegegnung

"Frohe Ostern!" ruft eine vertraute Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und stehe vor dem alten Mann, der mein Vater war.
"Dir auch!" antworte ich. Er umarmt mich. Es befremdet mich und dauert mir zu lange. Ich löse mich sanft. Dann entsteht eine kurze Pause.
"Geht es Dir gut? Bist Du gesund?" frage ich, denn das ist im Grunde alles, was mich interessiert. Ich wünsche dem alten Mann, der mein Vater war, nämlich von Herzen, daß es ihm gut geht.
"Ja, danke", antwortet er, "sehr gut geht es mir." Er hält inne. "Ich hätte so viel zu sagen", fährt er schließlich fort, "aber dafür reicht die Zeit wohl nicht aus. Wir müßten mal eine ganze Nacht lang reden."
"Dann sollten wir uns diese Gelegenheit schaffen", sage ich, "wenn Du das möchtest."
Insgeheim staune ich ein wenig über sein Bemühen. 15 Jahre hatten wir uns nichts zu sagen. Nun scheint ihm tatsächlich an einer Aussprache gelegen. Der alte Mann, der mein Vater war, scheint weiser geworden, ruhiger, versöhnlicher.
"Ich habe so viel nachgedacht", sagt er, "und es wurden sicher auf beiden Seiten Fehler gemacht."
Mein Erstaunen wächst. Solche Zugeständnisse bin ich nicht gewöhnt von dem alten Mann, der mein Vater war.
"Und ich habe mittlerweile erkannt", fährt er fort, und ich horche gespannt auf, "daß ich verdammt recht hatte!"
Ah. Jetzt erkenne ich ihn wieder. Nach all den Jahren ist sein Ansatz zu einem klärenden Gespräch, daß er recht hatte. Nun klingt der alte Mann wieder wie damals. Als er mein Vater war.
"Die Frage ist doch", sage ich langsam, bewußt nicht sofort auf seine Rechthaberei anspringend, "was wir zu gewinnen haben. Für mich jedenfalls funktioniert unser Verhältnis, so wie es ist, ganz gut..."
"Wir müssen einen Weg finden!" sagt er.
"Ich weiß nicht", erwidere ich, "es ist fraglos tragisch, wenn zwei Menschen sich durchaus nicht verstehen, besonders, wenn sie Vater und Sohn sind."
"Sehr tragisch!" betont er.
"Ja, ohne Frage. Aber man muß es irgendwann akzeptieren. Ich frage mich einfach, was gut für mich ist, und welcher Art von Gespräch oder Begegnung ich mich aussetzen möchte."
"Sag doch nicht immer nur 'ich' und 'für mich'", antwortet der alte Mann, der mein Vater war, fast etwas larmoyant, "das zeugt von einem so schlimmen Egoismus."
Hm, der Egoismusvorwurf mal wieder. Nun fehlt nur noch das Altersargument.
"Ich bin wahrlich kein egoistischer Mensch", sage ich und spüre, wie mein Staunen der üblichen Enttäuschung weicht, "aber ich habe, wie jeder Mensch, das Recht, mir für mein Leben sehr genau zu überlegen, was mir gut tut und was nicht, und Du hast mir eben sehr lange nicht gut getan."
"Allein schon diese Aussage!" sagt er, und seine Dramatik schwankt zwischen Wehklage und Vorwurf, "Du hattest so viele gute Jahre mit mir, und ich habe Dir alle Wege geebnet, alle Türen geöffnet und Dir alles ermöglicht, was man einem jungen Menschen ermöglichen kann!" Er seufzt tief und wendet sich halb ab. "Es war wohl doch ein Fehler, Dir heute nachzugehen..."
"Nun werd' mal nicht theatralisch", sage ich und spüre erstaunlicherweise nicht mehr wie früher die Versuchung in mir, die vielen Gemeinheiten, Machtspiele und Demütigungen aufzuzählen, von denen seine "Ermöglichungen" geprägt waren, "ich bin ja gar nicht gegen ein Gespräch! Ich frage mich nur, was wir zu gewinnen haben, wenn von vornherein feststeht, daß Du eh recht hattest."
"Man muß wohl doch älter werden", sagt er in schlecht inszenierter Erschütterung, "um das alles richtig sehen zu können!"
Das Alter. Da ist es.
"Ich bin fast 42 Jahre alt und habe auch schon einiges erlebt; ich bilde mir meine Sichtweise gewiß nicht aus jugendlichem Trotz." sage ich, und ich merke, wie das Gespräch mich zu belasten beginnt.
"Trotzdem", sagt er, "man muß noch älter werden."
Aha, denke ich.
"Aha." sage ich.
"Es war ein Fehler", sagt er leise, "mach's gut. Frohe Ostern." Er streckt mir die Hand hin und wendet sich halb zum Gehen. Das schlechte Gewissen, auf das diese Geste zielt, stellt sich indes nicht ein. Eher so etwas wie Wehmut.
"Dir auch!" sage ich. Ich lasse ihn gehen und wende mich meinerseits um. Gehe nach Hause.
Alles ist, wie es immer war. Er sieht sich im Recht. Es soll ihm gut gehen damit. Ich freue mich wirklich, wenn es dem alten Mann, der mein Vater war, gut geht. Er war schließlich mal mein Vater.

Donnerstag, 15. März 2012

Rezession

Verlassen und leer steht sie da, die Halle meiner Schreibwerkstatt, in der früher ein so produktives Treiben herrschte. Was war das für ein Rattern und Zischen der Ideen- und Gedankenmaschinen, ein Schütteln und eilfertiges Schnaufen der Wortfließbänder; kleine Gabelstapler fuhren umher, um die Berge von Themen und Erzählstoffen zu den richtigen Produktionsstätten zu bringen, und alles ward beschienen vom gleißenden Licht der Inspiration, das durch die großen Hallenfenster fiel.

Nun ist alles verstummt. Durch zerbrochene Fensterscheiben pfeift kühl-grauer Wind und verweht raschelnd die letzten Wortfetzen, die auf dem Hallenboden verstreut sind. Mein Namenszug, der einst am Giebel strahlte, blättert ab. Von irgendeinem Stahlträger hoch oben in der Dachkonstruktion tropfen Erinnerungen und schlagen glucksend auf dem steinigen Boden auf, ihr Echo an die weitläufige Leere verlierend. In den Ecken wuchern zerfallend modrige Pilze.

Die alte Halle wiederzubeleben, das ist mein Traum. Die rostigen Maschinen zu putzen, zu schmieren und wieder ans Laufen zu bringen, die Fließbänder in Bewegung zu versetzen und die Produktion wieder aufzunehmen - wie schön das wäre! Aber es fehlt an Stoff und an Licht. Ein wenig Öl gönne ich den Maschinen, damit sie nicht ganz verfallen. Aber produzieren tun sie derzeit nichts. Noch ist es nicht so weit. Noch herrscht Rezession.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Morgen

Es riecht nach Farbe im Stiegenhaus. Irgendwo streicht jemand eine Wand, eine Decke, ein Zimmer. Ein Zuhause.

Farbe macht alles hell.

Ich mag diesen Geruch. Er erinnert mich an meine Kindheit. Mein Großvater strich immer alles selbst, und hin und wieder durfte auch ich an unschädlichen Stellen mal den Pinsel führen.

Farbe macht alles neu.

Ich war glücklich, wenn beschlossen wurde, ein Zimmer neu zu streichen. Wenn die Möbel herausgeschafft und die Böden und Fenster abgeklebt wurden. Dann tat sich etwas. Etwas wurde schöner, besser.

Farbe schafft Wohlbefinden.

Man streicht nicht oft. Wenn man streicht, tut man es für die nächsten Jahre. Man malt sich eine Zukunft an die Wand. Wenn mein Großvater strich, bedeutete das für mich, daß er sich für viele weitere Jahre einrichtete. Daß er noch lange da sein würde.

Farbe bleibt lange.

Wenn wir fertig waren, sahen die Räume frisch und neu aus. So wie sie nun ein paar Jahre lang aussehen würden. Wenn mein Großvater sagte: "Vielleicht hätte ich noch ein wenig Ocker bemischen sollen!", sagte ich: "Das machen wir dann beim nächsten Mal!", damit er nur nicht vergaß, sich auch nach den Jahren der neuen Farbe noch für Jahre einzurichten.

Farbe gestaltet ein Morgen.

Es riecht nach Farbe im Stiegenhaus, und ich denke an meinen Großvater. Er ist auf den Tag genau 13 Jahre tot. Aber irgendjemand streicht ein Zimmer. Malt eine Zukunft an die Wand. Weil es ein Morgen gibt. Ein Morgen, für das wir es uns schön machen. Du und ich.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Sinkflug

Der seltsame Moment, wenn man anfängt, aufzuhören - wie sehr berührt er mich jedesmal aufs Neue. Wenn die Sekunden Dir heiser davon zu flüstern beginnen, eine aussterbende Spezies zu sein, deren Großteil Du schon getötet hast... Wenn Du aufhörst, in die Pedale zu treten, weil der Schwung für die verbleibende Strecke ausreicht... Wenn der Pilot durchsagt, man habe soeben die Reiseflughöhe verlassen und befinde sich im Landeanflug auf ein Ziel, von dem Du gar nicht weißt, ob Du hinmöchtest, ja das Du gar zu überfliegen gehofft hattest, und von dem Du doch wußtest, daß es unausweichlich das Ende der Reise sein würde, weil eben kein Treibstofftank groß genug ist für einen ewigen Höhenflug.

Es ist der Wandel, der uns traurig macht, der Zerfall von schönen Illusionen durch das Erkennen der ihnen zugrundeliegenden Wirklichkeit, und die Veränderung liebgewordener Zustände, die wir gern gehalten hätten, ungestört durch Lebensturbulenzen, eingefroren und wie den Faustschen Augenblick zum Verweilen überredet. Allein, nichts bleibt je, wie es ist, und so gut und wichtig das ist, so schmerzhaft kann es auch sein. Umdenken wird nicht leichter, und zugeben müssen, daß sich ein Zustand überlebt, ja daß man sich vielleicht sogar geirrt hat, ist wohl das Schwierigste am Leben. An meinem zumindest.

Doch wohnt jeder Veränderung auch eine Bewegung, eine Kraft inne, und jedem Anfang, wenn man es glauben mag, ein Zauber. Sie zu nutzen, diese Kraft, sich selbst und Liebgewonnenes zu entwickeln, voranzubringen, höheren Ebenen zuspülen zu lassen oder diese gar selbst zu erklimmen, ist das Geheimnis des Glücks, das ich noch lernen muß. Ich bin noch nicht perfekt darin. Aber ich arbeite dran.

Der seltsame Moment, wenn man anfängt, aufzuhören, ist auch immer der Moment, in dem man beginnt, anzufangen. Und plötzlich erscheint es gar nicht mehr so schlimm, ein Ziel zu haben, das man anfliegt. Wer hängt schon gern ewig in der Luft.

Donnerstag, 24. November 2011

Sinnhauch

Ein Hauch von Sinn hat mich gestreift.
Zart wehte mich die Ahnung an,
daß alles seinen Zweck doch hat,
sein Ziel und seinen Weg zum Glück
in diesem Erdenleben.
Ein Sinnhauch, warm und glückvoll war's,
nach kalter Leere, die da war -
ich schauderte. Wie‘s üblich ist
bei solchem herzenswarmen Wind.
Und glaubt‘ es kaum. Und staunte stumm,
daß mir dies Wunder widerfuhr.
Doch war es Trug. Ein Hauch. Mehr nicht.
Der selbstgefällig bald verflog,
den Nächsten zu umwehen.
Glaubte von sich, er gab sich hin.
Und ließ mich sinnlos stehen.


(Anmerkung des Autors:
Das Wort "Sinnhauch" ist eine freundliche Leihgabe der wunderbaren Autorin Susanne Bohne. Ihr gleichnamiges eBook kann hier direkt erworben werden.) 

Donnerstag, 3. November 2011

Der Segen der Vergänglichkeit

Das Leben ist schwer. Ich habe nie vermocht, es zu meistern. Und je älter ich wurde, desto schwerer erschien es mir. Mein Halt, mein einziger Trost ist die Gewißheit, daß dieses Leben eines Tages zu Ende und am Tag darauf vergangen sein wird.

Dabei gab es eine Zeit, da ich fest glaubte, es werde leichter. Mit dem Heranwachsen, der Entwicklung über Kindheit und Jugend hinaus wachse auch die Selbstbestimmung, die Anerkennung der Mitmenschen und die Fähigkeit, alle Herausforderungen des Lebens zu bestehen. Jede Phase meines Daseins auf dieser Erde war hauptsächlich davon geprägt, daß ich ihre Überwindung herbeisehnte in dem irrigen Glauben, danach komme eine, die ich erträglicher finden würde. Als Kleinkind haßte ich es, nicht laufen zu können – ohne daß ich konkrete Erinnerungen daran hätte, aber das Gefühl der Demütigung, die ich ob dieser Tatsache empfand, hallt deutlich in mir nach. Und also begegnete ich dieser Einschränkung mit Verweigerung. Ich krabbelte nicht, sondern bewegte mich einfach solange nicht vom Fleck, bis ich, zum Erstaunen meiner Mutter, eines Tages aufstand und ging.

Auch das Pflaster, das man mir über mein gesundes rechtes Auge klebte, als ich zwei Jahre alt war, um das bei meiner Geburt beschädigte linke zu trainieren, empfand ich als Demütigung, behinderte es doch meine klare Sicht und damit die Wahrnehmung meiner Welt, die ich mir doch gerade erst zu erschließen begonnen hatte. Kaum hatte ich eine Möglichkeit entwickelt und war an der Schwelle zu etwas Neuem angekommen, schränkte man sie mir ein. Ein Muster, das sich für den Rest meines Lebens erhalten und wie ein roter Faden durch mein Erdendasein ziehen sollte. Und also stolperte ich Kind durch die elterliche Wohnung, rannte an und sah meine Umwelt als verschwommenes, allenfalls impressionistisch anmutendes Bild. Ich glaube, schon damals ist mir mein Realitätssinn abhanden gekommen, und die Welt, das Leben und meine Mitmenschen begannen, mir surreal und ungreifbar vorzukommen.

Also harrte ich der Überwindung dieser Phase. Was nützte mir das Laufenkönnen, wenn ich nichts sah. Und tatsächlich, eines Tages begriffen sogar meine Eltern, daß an meinem Auge nichts zu heilen war, weil es nicht einfach schwach, sondern irreparabel beschädigt war. So wie meine Seele. Man nahm das Pflaster ab, und ich sah. Scharf, klar. Erschreckend. Jedes Detail. Jedes Staubkorn. Jede Regung in den Gesichtern der Erwachsenen, und jede Lüge in ihren Herzen. Und es widerte mich an. Fast meine ich mich zu erinnern, daß ich mir die impressionistisch verwaschene Welt der Pflastertage zurückwünschte. Vergänglichkeit in die Vergangenheit. Eine ewige Sehnsucht.

Ich wurde drei, vier, und das, was andere Menschen Realität nannten, war mir eine banale Lästigkeit. Im Kindergarten schlief ich, um nicht mit anderen, banaleren Kindern spielen zu müssen. Jeden Morgen kam ich an und wanderte schnurstracks durch den Saal ins Büro, wo mir die Kindergärtnerinnen, nachdem sie verstanden hatten, wie aussichtslos ihre Integrationsversuche waren, ein großes Kissen und eine Decke unter den Schreibtisch gelegt hatten. Ich ging dorthin und wartete nur darauf, daß der Vormittag verginge. Im süßen Schlaf Zeit vergehen lassen – welch angenehmer und einziger Lebenssinn.

Die Schule bot solche Rückzugsmöglichkeiten nicht mehr. Die Realität, der ich mich bis dahin erfolgreich entzogen, ja verweigert hatte, war nun unausweichlich. Und also gab ich einen Teil meines Widerstandes auf, um es mir nicht schwerer zu machen als nötig, und das erste Stückchen meiner autonomen, weltfernen Seele starb. Die schulische Realität war leicht, und ich bekam ausgezeichnete Noten. Ich wollte das auch – nicht aus Ehrgeiz, oder weil ich mich im Bewertungssystem der Realität möglichst weit oben positionieren wollte, sondern weil es mir Vergnügen machte, der Realität ihre eigene Belanglosigkeit dadurch vor Augen zu führen, daß ich sie so spielend leicht beherrschen konnte. Meine guten Noten waren meine Art, der Wirklichkeit zu zeigen, wie wenig ich von ihr hielt. Und so schrieb ich nebenbei meine ersten kindlichen Gedichte unter der Schulbank, als würzige kleine Pilze auf dem allzu faden Nährboden dessen, was den meisten anderen Kindern als Lebenswirklichkeit genügte und von ihnen vorbehaltlos als solche akzeptiert wurde. Sehr anregend war das alles indes nicht, und ich versprach mir eine erhebliche Erweiterung meiner Möglichkeiten durch die Überwindung der Grundschule und den Besuch des Gymnasiums. Welch ein Irrtum.

Denn kaum war ich auf dem Gymnasium, begriff ich, daß auch hier nicht mehr als Realität zu erwarten war. Zwar entführte man uns in die reiche Welt des Lateinischen und seiner Geschichten, brachte uns die erstaunlichen Wunder der Physik bei und zeigte uns erste kleine Odien des wunderbaren, riesigen Schatzes deutscher Literatur... aber anstatt dieser geistigen Welt eine heilige, unangetastete Existenz zu gewähren, zerhackte man sie in Lerninhalte, fragte sie in kleinlichen Tests ab und quetschte sie in das Bewertungssystem eben jener Realität, der sie doch ihrer phantastischen Natur nach nicht nur entzogen, sondern sogar übergeordnet waren. Ich fand das enttäuschend, ja empörend, und von diesem Moment an machten mir gute Noten auch als Mittel zur Bloßstellung der Realität keine Freude mehr. Und nichts wünschte ich mir mehr als diese kleinliche Sphäre schematischer Beurteilung zu überwinden. Wie gut, dachte ich, daß diese Phase vergeht. 

Mein Herz brach. Zum ersten Mal. Mit 17 verliebte ich mich glühend in ein Mädchen, das sich durchaus nicht für mich interessierte. Während sich ringsumher Pärchen bildeten und erste unbeschwerte Erfahrungen gemacht wurden (auch sie hatte plötzlich einen Freund, für den meine Träume wahr wurden), ließ mich die eine große, unerfüllte Liebe nicht los, und ich blieb allein. Mit meinem Schmerz. Er vergeht, dachte ich. Irgendwann vergeht der Schmerz. Aber das tat er nicht. Liebesschmerz ist überhaupt das Einzige im Leben, was nicht vergeht. Oder zumindest erst mit dem Tod. Vielleicht warte ich daher so sehnsuchtsvoll auf ihn. Jedenfalls hatte mich die Realität des Lebens nun vollends eingeholt – Schmerz und Enttäuschung.

Ich studierte, und mein Vater zahlte für meinen Unterhalt exakt den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestsatz. Immer wieder machte er Geld zum Druckmittel für meine Fügsamkeit, waren ihm als Musterbeispiel eines der allgemein akzeptierten Realität angepaßten Menschen meine weltfernen Exzentrizitäten doch zutiefst verhaßt und wohl auch peinlich. Seine ganz eigene Realitätsferne gestand er weder mir noch sich selbst ein... Als ich mir von den paar Mark, die ich mir zu ersparen vermocht hatte, einen 20 Jahre alten, rostigen Jaguar kaufte, anstatt einen ebenso alten rostigen Golf zum selben Preis oder gar ein Fahrrad zu erwerben, kürzte er mir zur Strafe den Wechsel mit dem Argument, wenn ich genug Geld habe, als Student einen Jaguar zu fahren, könne er mir ja durchaus etwas abziehen. Ich fand das unlogisch. Aber ich hatte keinerlei Gegenwehr zur Hand. Es geht vorbei, dachte ich mir. Die Phase der Abhängigkeit geht vorbei, und dann kannst Du machen, was Du willst.

Tatsächlich ging sie vorbei, diese Phase väterlicher Demütigung, und in den letzten 15 Jahren haben wir quasi nicht mehr miteinander geredet. Mir fehlt dabei nichts. Es ist alles gesagt. Es ist vergangen. Und das ist gut so. Ich tat, was ich wollte. Studierte ein weiteres Fach... heiratete schließlich und geriet dadurch in einen Lebenszustand, der seinem Wesen nach nicht auf Vergänglichkeit, sondern auf Bestand ausgelegt war. Vielleicht ist Bestand etwas, wovor mir graut, obschon ich mich zuweilen danach sehne. Vielleicht war ich die Vergänglichkeit von Lebensphasen so sehr gewöhnt, ja schätzte sie so hoch, daß ich nach 14 Jahren aus diesem Lebensbund ausbrach. Auswanderte gar. Nach Wien. Warum auch immer. Dies war das erste Mal, daß ich selbst, mehr oder minder bewußt, die Vergänglichkeit einer Phase herbeigeführt habe.

Dort lebte ich nun. Wartend auf etwas Neues, das ich nicht zu beenden hätte, sondern daß von allein verginge. Das Neue, das vergehen konnte, wurde gleichsam zu meinem Ideal. Ich begann ständig Neues, und zwar Affären oder Beziehungen zu Frauen, berauschte mich an den erregenden Anfängen und ließ sie wieder vergehen, wenn ihr Reiz im Lichte der alltäglichen Realität zu verblassen begann, das auch über den entrücktesten, romantischsten Verhältnissen irgendwann aufscheint. Ich ließ sie vergehen, wenn sie das wahre Leben zu berühren begannen, Perspektiven verlangten oder gar Pläne machten. Um wieder Neues zu beginnen. So süchtig war ich nach dem kurzen Zyklus des Erlebens, der unbedingten Haltlosigkeit, der Ungebundenheit an jede gültige Realität, daß ich zuweilen vier, fünf Verhältnisse gleichzeitig hatte, jedes voll und ganz gewollt und empfunden, aber doch nur um seiner Vergänglichkeit willen so innig erlebt. Vergänglichkeit macht sicher vor der Realität. Was man vergehen lassen kann, wird einen niemals binden, verpflichten oder auf dem Boden der Wirklichkeit festnageln können. Vergänglichkeit schützt vor Verantwortung. Dachte ich. Aber das war natürlich Unsinn.

Ich brach Herzen, zerstörte Hoffnungen und verletzte Seelen. Viele. Daß ich selbstverständlich Verantwortung für sie zu tragen gehabt hätte, war mir egal. Warum? Ich selbst war aufs Schrecklichste verletzt worden, und der Schmerz verging nicht. Er vergeht nie, der Liebesschmerz. Höchstens im Tod. Ich kam nach Wien, viel Vergangenes hinter mir lassend, und begegnete ihr. Dem Menschen, mit dem ich endlich etwas Unvergängliches zu beginnen bereit war. Nie habe ich so geliebt, nie war ich so entschlossen. Aber sie wollte mich nicht. Lockte mich, und stieß mich fort. Spielte mit mir, hielt mich hin, küßte mich – mehr nie – und stieß mich wieder fort. Spottete über meine Liebe, entfachte sie aber aufs Neue, wenn ich sie vergehen zu lassen begann. Erhörte einen anderen. Einen Unwerten, für den meine Träume wahr wurden. Und mein angebrochenes Herz wurde zerstört. Seither schien mir nur das Vergängliche, das Kurze, Innige, jeder Alltagsrealität entzogene erträglich, der Schein, das Spiel. Und ich brach Herzen.

Soll ich Ihnen nun vom Wunder meiner Heilung berichten? Von dem Menschen, der mich durch echte, reine Liebe herausholte aus dieser Scheinwelt? Dem Menschen, für den mein zerstörtes Herz seit Jahren und Jahren den ersten echten Schlag tat? Den ich lieben konnte und ewig und unvergänglich haben wollte? Es ist müßig. Was so plötzlich, so unerwartet meinem Leben Halt und Sinn zu geben schien, ist auch schon wieder vergangen. Das Leben... ich habe es nie zu meistern vermocht. Wann immer ich eine Chance auf Rettung, auf Heilung, auf eine nicht nur erträgliche, sondern gar erfüllende, beglückende Realität gehabt hätte, habe ich etwas getan, um sie zu verhindern. Aus Dummheit, aus Reflex, aus Routine... ich weiß es nicht. So bleibt eben alles vergänglich. Nur der Schmerz nicht. Ich wollte, er wäre vergänglich, so wie es all die guten Sachen sind. Diese Vergänglichkeit wäre ein Segen.

Aber es gibt sie nicht. Der Schmerz vergeht erst im Tod.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Jahr. Eins.

Zufall. Begegnung.
Verständnis. Nähe. Gefühl.
Zärtlichkeit. Zweifel.
Anzüglichkeit. Sehnsucht.
Hindernisse. Meteorit.
Distanz. Verletzung.
Traumata. Kompensation.
Pause.
Annäherung. Zweifel.
Blaues Licht.
Verschmelzung.
Innigkeit. Liebe.
Zeit. Raum. Bürden.
Lügen. Ehrlichkeit.
Abbruch 1.
Abbruch 2.
Abbruch 3.
Zweifel. Nähe. Zweifel.
Chancen. Los.
Liebe. Last. Lust.
Wollen. Können. Zweifel.
Spiralen. Kreise.
Jahrestage.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Netzgezappel 2.0

Am 24. August 1995, seinem 25. Geburtstag, setzte sich ein Trierer Jurastudent hin und schrieb all jene Gedanken nieder, die er glaubte, sich zu seinem silbernen Jubiläum auf Gottes schöner Erde machen zu müssen. Soeben finde ich dieses umfangreiche, handschriftliche Elaborat zufällig beim Aufräumen wieder, und also nehme ich mir ein paar Minuten Zeit und lese, was mein fünfundzwanzigjähriges Ich mir und der Welt mitzuteilen hat.

Ich muß schon sagen – was für ein zorniger junger Mann mir da seine Weisheiten entgegenschleudert! Es scheint ihm durchaus an Lebensmut und Zuversicht zu mangeln, und so läßt er sich denn seitenweise darüber aus, wie schlecht die Welt, wie labil ihre Systeme und wie ungerecht ihre Verteilung sei, wie viel gerechter gar die Zeit nach dem Krieg war, da es immerhin allen gleichermaßen schlecht gegangen sei. Den größten Ehrgeiz entwickelt er indes dabei, auf eine für die breite Bevölkerung recht neuartige Sache namens Internet zu schimpfen. Den Untergang jeder persönlichen Kommunikationskultur, aller sozialen Kompetenzen und des zwischenmenschlichen Empfindens an sich beschwört er in donnernden Worten, die Abstumpfung und Manipulierbarkeit der Massen, die bald, so eine der unterhaltsamsten Formulierungen, als Endverbraucher wie wehrlose Fische im weltweiten Netz zappeln würden, jeden Abstandes, jeder Kritik und jeder Individualität enthoben und auf ein gleichsam kollektives, elitären Interessen dienendes Bewußtsein reduziert.

Ich lasse das Manuskript sinken und sehe mich in meiner Wiener Wohnung um. Auf dem Sofa liegt ein iPad, ein iPhone lädt am Netzteil, ein anderes habe ich in der Hosentasche. Im nächsten Zimmer steht das MacBookPro, 24 Stunden am Tag online und meistens mit geöffneter Facebook-Seite. Nicht mein einziges soziales Netzwerk; ich habe auch Nutzerkonten bei Xing, LinkedIn, InterNations, MySpace, MeinVZ, twitter, foursquare und vermutlich noch ein paar, die ich schon vergessen habe.

Hm. Zappele ich? Habe ich meine Individualität, meine Sozialkompetenz, meine freie Meinungsbildung und meine Kritikfähigkeit verloren? Bin ich zum willenlosen, marketingtechnisch gerasterten Objekt wirtschaftlicher oder gar politischer Manipulation geworden?

Also, ganz ehrlich – ich glaube nicht, daß es so ist! Meine persönliche Entwicklung erfuhr ihre bedeutendsten Einflüsse, ihre gewaltigsten Umwälzungen ganz und gar im physisch-realen Leben. Meine engsten Freundschaften würden problemlos auch ohne soziale Medien funktionieren und werden durch die technischen Kommunikationsmöglichkeiten allenfalls bereichert. Vermutlich ist die Skepsis, die der weltweiten Vernetzung in ihrer Frühphase entgegen gebracht wurde, den soziokulturellen Bedenken nicht unähnlich, mit denen man seinerzeit der Einführung des Telefons begegnete, und mitnichten hat Alexander Graham Bells Neuerung das Briefeschreiben oder gar die persönliche Begegnung verdrängt.

Meiner Erfahrung nach hat das Internet und nunmehr auch das Web 2.0 ganz im Gegenteil menschliche Begegnungen ermöglicht, die zuvor, wenn nicht ausgeschlossen, so doch erheblich schwerer gewesen wären. Einige "Schrauber" zum Beispiel, die mir auf Grundlage eines gemeinsamen Interesses bei meinen Oldtimern mit Rat und Tat zur Seite standen, hätte ich ohne die einschlägigen Internetforen sicher nicht kennengelernt, und gerade die Möglichkeit der virtuellen Vernetzung erregt bei den meisten Menschen irgendwann den Wunsch nach der persönlichen Begegnung. Wir sind eben doch soziale Wesen.

Und so zappele ich heute gern im weltweiten Netz, als lebendiges, höchst individuelles Fischlein, und freue mich, wann immer ich möchte am Gezappel der anderen Fische teilhaben zu können. Die Hemmschwelle der Mitteilsamkeit sinkt fraglos, und Privatsphäre muß wohl neu definiert werden. Aber man ist ja nicht ohne Einfluß darauf, was die Mitwelt oder die Betreiber der einschlägigen Netzwerke über einen erfahren. Hin und wieder ein paar ausgewählte Freunde per foursquare wissen zu lassen, wo man gerade ist, scheint mir kaum geeignet, die abendländische Sozialkultur zu erschüttern.

Fröhliches Zappeln allerseits also, und willkommen in der Gegenwart!

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Kur perëndon dielli


"'Tis better to have loved and lost than never to have loved at all." (Alfred Lord Tennyson)

Wenn die Sonne untergeht und Dunkelheit sich auf das Leben niedersenkt, werden die Menschen traurig, und die Klagen beginnen. Von verwaisten Stränden hört man sie, aus tiefen Tälern, leeren Parks und vereinsamten Betten. Das Licht sei fort, die Wärme verschwunden, so jammern die Menschen, die den Tag erlebt haben.

Ich wandele durch die Düsternis, höre die Rufe und staune. Sonne?, frage ich leise, Ihr habt die Sonne gesehen? So ganz hoch und rund am Himmel? Ihr habt sie für Euch aufgehen sehen, steigen und wachsen, rot glühend zunächst und dann immer gleißender? Bis sie Euch ganz durchwärmt und erleuchtet hat? Ihr kennt den Tag, sein Erwachen, seinen Lauf bis zum Höhepunkt und das langsame, früh erkennbare und doch erst spät eingestandene Sinken? Ihr kennt die glückliche Erfüllung Eurer Hoffnung, es möge eine Sonne kommen, die Erregung, die man erlebt, wenn sie sich dann tatsächlich am Horizont zeigt und Lust, endlich ganz in ihr zu leben, zu lieben und zu schwelgen? Die paradiesische Freude, einen heißen Mittag lang sorgloseste Wonnen zu erleben im sicheren Glauben, sie werden nie enden?

Beneidenswert. Wie berauschend, wie über alle Maßen zum Jubeln muß der Tag sein! Wie wunderbar zu erleben, daß alles wahr wird, was man sich erträumt, und sei es auch nur für eine kurze, glückvolle Weile... Wie unvorstellbar schön ist wohl der erste Kuß des Morgenrots, das Schwellen des Lichts und die glühende Verschmelzung von Tag und Leben im Zenith... 

Ich weiß davon nichts. Um mich ist ewige Nacht. Gewiß, ganz selten erhellt sich auch meine Welt in zartem Morgenrot. Die Sonne schiebt ihren scharfen Rand ein paar Millimeter über den Horizont, aber kaum hat der erste glühende Strahl mein Herz mit Hoffnung erfüllt, zieht sie sich rasch wieder zurück, gerade so als habe man sie bei etwas Undenkbarem ertappt. Und so bleibt es dunkel um mich. Das Sonnenglück - es bleibt mir fremd. Wie gern nähme ich das Sinken in Kauf, dürfte ich nur einmal die wonnevollen Höhen erleben. Aber man gewöhnt sich dran.

Seid also dankbar. Ihr kennt den Tag, und jeder Nacht folgt für Euch ein neuer Sonnenaufgang, ein neues Glück. Ich, in meiner Dunkelheit, glaube an ewiges Licht. Ihr habt eine echte Chance.

Montag, 26. September 2011

Narrentanz

Seht her - der Hofnarr ist da! Wie drollig er sich bewegt, pulsierend am ganzen Leibe. Wie er sich windet und tanzt! Die ulkigsten Verrenkungen führt er vor, nur um zu gefallen. Schaut ihn an - er zerreißt sich geradezu für uns! Daß man sich so verbiegen kann! Da geht ein Lachen durch den Saal, daß es eine Freude ist. Ein wenig lassen wir ihn noch tanzen. 

Mach weiter, Narr! Laß nicht nach! Allzu komisch bist Du anzuschauen, und niemand könnte sagen, was unterhaltsamer ist - Dein Tanz oder das Schwinden Deiner Würde. Aber wer weiß - vielleicht darfst am Ende ein wenig von unserem Tische naschen. Vielleicht daran Platz nehmen für immer. Ausgeschlossen ist es nicht. Streng' Dich halt an!

Nein, so ist es nicht genug! Den Sprung hast Du gestern schon gezeigt! Und dieses Kunststück auch! Gib Dir mehr Mühe, Narr! Tanze! Beschenke uns mit Deinen Possen! Wirst Du Dich wohl bemühen?!

Du brichst Dir was! Nur weil wir Dich treten? Tanz weiter, Du Narr! Wir treten Dich, so oft wir wollen. Bewerfen Dich mit Messern. Weil Du uns gehörst und uns gehören willst. Wenn Du brichst, dann für uns. Für uns bist Du nur, was Du vorführst.

Nun wird's uns fad. Der Tanz stört das Gespräch. Längst locken andere Lustbarkeiten. Seht mal, den Bettler dort! Da, am Ende des Tisches! Er nimmst sich dreist von unseren Speisen, und wir haben es nicht bemerkt. Ohne Tanz, ohne Verdienst und Rücksicht hat er sich einfach bedient. Brav so, guter Mann! Nimm den ganzen Braten! Der Narr, er ist uns lästig.

Nun geh, Narr. Wir haben es uns überlegt. Du bist nun nicht mehr lustig. Hebe Deinen zerbrochenen Leib hinweg von uns und wisch' Dein Blut vom Boden auf. Der Braten ist ohnedies schon gegessen.

Montag, 12. September 2011

Jazzkeller, irgendwo in Wien

Schwarzgeklimper Kratzgitarre Rauchgefidel.
Rote Lampen versprühen schräge Töne
durch Schwaden grasiger Kultur.
Kunst ist das hier, einbrennsam
dem Offenen, klatschend sphärisch
erhobene Reisverschlußträger.

Freitag, 9. September 2011

Heißes Wasser

Ich öffne den Wasserhahn. In der Therme knistert hektisch der Zündfunke, und dann geschieht, was lange nicht ging: Mit einem dumpfen Fauchen entflammt das Gas, und langsam wird das ins Waschbecken sprudelnde Wasser warm. Ich kann mir ein breites Lächeln nicht versagen, als ich dem Installateur danke und ihn verabschiede.

Duschen also! Zwei Wochen, nachdem die Sanierungsarbeiten an den Gasleitungen des Hauses begonnen haben, endlich wieder heiß duschen. Ich ziehe den Vorhang zurück und steige in die Badewanne. Lasse das Wasser fließen, und das leise Fauchen des entflammenden Gases in der Therme bestätigt mir, daß es kein schöner Traum war. Es wird warm.

Ein leichtes Schaudern überläuft mich im ersten Moment, und meine Haut scheint sich zu sträuben, aus Gewohnheit vielleicht, als der erste Wasserguß auf mich niederregnet. Aber sogleich von der Wärme besänftigt, verfließt das Schaudern und weicht einem wohligen Geborgenheitsgefühl... "Duscho moja!" denke ich in einem höchst albernen deutsch-kroatischen Wortspiel und schließe die Augen vor Genuß und Wonne...

Sich ganz durchwärmen zu lassen von der prasselnden Flut, die Haare zu waschen, langsam und schäumend, und auch angesichts schrumpelnder Fingerkuppen noch ein paar Minuten länger zu verweilen, während Schwall um Schwall warmer Wasserstrahlen den Körper streichelt... welch ein Glück! Ja, das hat mir gefehlt. Und ich gleite ab, lasse mich berieseln, und in mir entstehen Bilder, wachsen Ideen... ein Traumland, das sich mir in der Geborgenheit aus Wärme und Plätschern erschließt... und ich weiß, was ich mit dem Tag anfangen werde.

Kalt geduscht hinterher, das muß sein, erfrischt und duftend ans Werk. Es geht mir gut. Daß man das jeden Tag haben kann, ist Luxus. Die Entbehrung hat mir das verdeutlicht. Tatsächlich ist sogar kaltes Wasser Luxus. Ich freue mich daran, bin glücklich über diese kleine, allzu selbstverständliche Alltäglichkeit. "Danke für die Mitteilung!" schrieb eine Freundin in jener gewohnt sarkastischen Art, für die ich sie so mag, auf meine Meldung bei Facebook, daß ich nun wieder heißes Wasser habe. Ich fand, es war eine Nachricht wert.

Dienstag, 16. August 2011

Ein Traum

Mir träumte, ich sei auf einem Fest zugegen. Im Hause eines Schulfreundes. Tatsächlich hatte er dieses Haus nie, aber wie so oft im Traum erkenne ich es unmißverständlich als seines. Es ist ein großes, modernes Haus mit einem Schwimmbecken und umlaufenden Arkaden, in denen Buffets und Theken aufgebaut sind. Es ist Abend, und die ganze Szene wird feierlich erhellt von kleinen Lampen, Fackeln, Lichterketten und der Beleuchtung des Beckens.

Mein Freund ist gerade nicht da, und so betrachte ich mir die anderen Gäste. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, was mir schon die ganze Zeit so seltsam vorkommt. Alle Anwesenden sind Ex-Freundinnen von mir, ehemalige Beziehungen, Affären, Romanzen oder speziell privilegierte Freundschaften. Ob viele Jahre oder nur ein paar Stunden - mit jeder der anwesenden Frauen hatte ich mal was. Männliche Begleitungen gibt es auch, aber sie tauchen nicht auf. Stattdessen scheinen alle Damen davon auszugehen, noch mit mir zusammen und folglich in meiner Begleitung auf dem Fest zu sein. Daß ich nicht jeder von ihnen meine volle Aufmerksamkeit widme, strafen sie mit eisigen Blicken, obschon ihnen klar sein müßte, daß ich nicht mit allen zugleich hergekommen sein kann.

Eine kurze Weile blicke ich von einer zur anderen. Ja, sie sind alle da. Manche haben nur meine Lust, wenige zudem mein Herz berührt. Manchen offenbarte ich meine Seele, manchen nur meine Körperlichkeit. Manche haben überrascht, manche enttäuscht. Aber sie sind alle da. Von jeder weiß ich, wie sie unter ihrem Cocktailkleid aussieht, wie sie riecht, wie sie schmeckt, wie sie sich bewegt, was sie erregt und wie sie seufzt.

Und dann merke ich, daß ich nach Dir suche, nur nach Dir, denn Du, ausgerechnet Du bist nicht da. Und so dränge ich mich durch die Schar, laufe treppauf, treppab, schaue in jedes Zimmer und suche nur Dich, nur Dich... Dich zu finden, zu halten, zu küssen und zu lieben, ist das Einzige, was mich interessiert. Aber Du bist nicht da.

Wie auch? Es ist ein Traum. Du aber bist meine Wirklichkeit. So traumhaft Du bist - in einem Traum hast Du nichts verloren. Denn Du bist echt. Und in der Wirklichkeit habe ich Dich gefunden.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Bundeshymne

Derzeit wird die Änderung der österreichischen Bundeshymne diskutiert. Statt der Zeile "Heimat bist du großer Söhne" soll es nunmehr heißen "Heimat großer Töchter, Söhne".
Da neben dieser schrecklichen sexistischen Diskriminierung noch weit mehr Formulierungen einer zeitgemäßen Aktualisierung bedürfen (werden durch die Nennung der Berge doch die Täler und durch die Erwähnung der Dome die Synagogen diskriminiert; ebenso die armen Wiesen und Parkplätze, die hinter den besungenen Äckern zurücktreten, oder die vielen fleißigen Werkzeuge, die im Text sprichwörtlich unter den Hammer kommen!), erlaube ich mir folgenden Vorschlag einer politisch korrekten Version des Textes. Auf Versmaß und Reim wurde zunächst keine Rücksicht genommen; das kann man bestimmt noch bißchen glätten.

Territorial-politische Einheit pluralistischer Landschaftsformationen,
territorial-politische Einheit an einem Abschnitt eines europäischen fließenden Binnengewässers,
territorial-politische Einheit polymorpher Bodenstrukturen
und vielfältiger Baulichkeiten zur Ausübung religiöser Überzeugungen und Rituale,
territorial-politische Einheit jeder Art von Werkzeug und anderer Produktionsmittel
mit tendenziell kalkulierbarer temporaler Perspektive!
Soziokultureller Hintergrund bist Du normüberschreitender Abkömmlinge,
Einwohnerschaft mit überdurchschnittlicher Begabung für ästhetisch als ansprechend Tolerierbares,
international positiv rezipiertes Österreich.

Donnerstag, 7. Juli 2011

Der Zweifelturm

Welch imposantes Konstrukt doch der Zweifelturm ist! Kaum ein berühmteres Bauwerk scheint es auf Erden zu geben, denn jeder, wirklich jeder kennt ihn! Seine Form ist unverkennbar: Auf vier gewaltigen Füßen ruhend, die in einem großflächigen Quadrat angeordnet sind, reckt er sich, immer schmaler werdend, in die Höhe. Drei der Füße stehen auf dem Fundament tiefer Zweifel an den Mitmenschen - dem Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit, ihrer Fähigkeit und ihres Nutzens. Der vierte Fuß ist auf den stärksten Grund gebaut - den Selbstzweifel.

Der Zweifelturm ist eine luftige und doch komplexe Stahlfachwerkonstruktion, ein Meisterwerk unserer gedanklich-emotionalen Ingenieurskunst, rostanfällig durchaus und ohne Wartung eines Tages einsturzgefährdet, aber nichts pflegen wir ja bekanntlich so liebevoll wie unsere Zweifel, und also darf angenommen werden, daß der Turm in alle Ewigkeit steht. Vier riesenhafte, nach innen geneigte und die Gesamtform damit verjüngende Bögen spannen sich zwischen den Füßen und tragen die erste Plattform, auf der stehend man seinen Zweifeln noch ganz nah ist und sozusagen vollständig auf ihnen ruht.

Von dort streben die vier Schenkel weiter nach oben und verbinden sich bald zur zweiten Plattform, die der sich verjüngenden Form des Bauwerks wegen schon viel kleiner und von den grundlegenden Zweifeln weiter entfernt ist. Wer möchte, kann von hier in einen anderen Aufzug umsteigen und bis in die Spitze hinauffahren.

Oberhalb der zweiten Plattform haben sich die vier Schenkel des Zweifelturms zu einer hohen Turmspitze vereinigt, die, sich nur noch gelinde verjüngend, in Richtung Himmel strebt. Wer es wagt, seinen Aufstieg hier fortzusetzen, hat die Chance, sich von seinen Zweifeln sehr weit zu entfernen, dem Himmel ein gutes Stück näher zu kommen und die schweren, drückenden Fundamente und Bögen am Fuß des Turms zu vergessen, ja, ein bißchen frei zu werden.

Natürlich weiß man nach wie vor, auf welchem Bauwerk man sich befindet, und worauf es fußt. Und ohne diese Konstruktion hätte man die luftigen Höhen der Turmspitze nicht erreicht. Niemand vermag, einfach so in einem zweifelsfreien Himmel zu schweben. Aber nicht am Boden zu verharren und stattdessen seine Zweifel zu nutzen, um über sie hinwegzuklettern - das ist das Geheimnis der grandiosen Aussicht, der neuen und weiteren Perspektive auf die Welt, auf das Leben, die man von der obersten Plattform genießt.


Sonntag, 3. Juli 2011

Eine Nachtmar

Es ist Nacht. Ich wache auf vom leisen Murmeln in meinem Kopf. So beginnt es immer. Angst beschleicht mich, denn ich weiß schon, was jetzt kommt – die schlimmste, die grausamste Plage von allen: meine eigenen Gedanken. Nacht für Nacht suchen sie mich heim, bösen Geistern gleich, die zu ewigem Spuk verdammt sind, um mich zu quälen.

Schon zieht sich die düsterste Stimmung über mir zusammen, schon umwogen mich leidvolle, schmerzliche Gedanken wie ein Meer aus schwarzem Gift, aus dem es böse flüstert:
„Du kriegst nicht, was Du Dir ersehnst...“
Und eine kalte Verzweiflung, ein namenloses Leid breitet sich in meiner Brust aus und lähmt meine Glieder.

Ängstlich pocht mein Herz, als wolle es sich freiklopfen von den Übeln, die es kalt umwehen. Die immer gleichen, schrecklichen Bilder erheben sich aus dem Dunkel, die Bilder von ihr und ihm, dem meine Träume erfüllt wurden, dessen Begehren über meine Liebe triumphiert hat, und lauter wird das Flüstern, höhnisch und bedrängend:
„Sie ist nicht Dein... sie war es nie und wird’s nie sein... Er aber hat sie. Er darf sie spüren, teilt ihr Leben... und auf die intimste, wonnevollste Weise darf er sich mit ihr vereinen...“
„Nein!“ wispere ich, „nein, bitte nicht...“
Aber er küßt sie und genießt sie trotzdem, und sie läßt es geschehen. Manchmal lächelt sie mich dabei böse an.

Übelkeit verschnürt meine Kehle... und doch lassen sie mich nicht los, die Gedanken, die Bilder... Sie umschweben mich, sie durchzucken mich, immer heftiger wird ihr erbarmungsloser Wirbel, und wie eine geschickt gelegte Fessel ziehen sie sich enger um mich zusammen, je mehr ich mich gegen sie wehre. Alle Freude, alle Hoffnung und Zuversicht weicht von mir; alles Gute in meinem Leben scheint im giftschwarzen Meer zu versinken, verschluckt von hämischen Wellen, die jetzt mit ihrer geliebten, süßen Stimme säuseln:
„Zuckersternchen... Du warst einfach nicht richtig.“
Es tut so weh, und ich kann nichts dagegen tun. Mein eigener Kopf peinigt mich, herzlos, weil Köpfe nun mal keine Herzen sind, und ohne Schonung.

Irgendwann schlafe ich ein. Nicht aus Ruhe, sondern aus Verzweiflung. Ich flüchte in den Schlaf. Manchmal wache ich nach solchen Nächten auf und frage mich, ob ich auf eine bizarre Art süchtig nach meinem eigenen Leid bin. Alles, was mich quält, ist in mir. Meine Erinnerungen, meine zerstörten Hoffnungen, meine enttäuschten Träume und unerfüllten Sehnsüchte. Sie erwachen jede Nacht, lösen sich aus mir heraus und führen ihren grauenvollen Tanz vor mir auf. Aber sie sind in mir. Ich sollte sie beherrschen, nicht umgekehrt. Vielleicht gelingt es mir ja heute nacht.

Vielleicht.

Donnerstag, 30. Juni 2011

Das Böhnchen II

Ein Böhnchen liegt am Meeresgrund
und fühlt sich dort nicht wohl.
Um sich nur Kälte, Dunkelheit.
Das Leben scheint ihm hohl.

So mag das Böhnchen nicht mehr sein,
und drum, mit letzter Kraft,
erhebt es sich vom nassen Grund
und geht auf Wanderschaft.

Es kriecht sich frei, es schwimmt empor
in helle Wasserhöh'n,
und wie es Licht und Wärme spürt,
wird's Leben wieder schön.

Und endlich wird es angespült
ans trockenwarme Land,
und wie vor langer Zeit schon mal
befindet's sich am Strand.

Doch will es dort nicht bleiben, nein!
Vom Meer und seinem Trug,
seiner Verführung, seinem Schein
hat's Böhnchen längst genug.

So wandert's weiter, tief ins Land,
durch Felder, Wiesen, Wald
und macht erst vor der steilen Wand
der blauen Berge halt.

Jetzt oder nie!, so sagt es sich
und fängt zu klettern an -
ein steiler Weg, von dem's nicht weiß,
ob es ihn schaffen kann.

Und sieh!, es fällt ihm spielend leicht!
Berauscht durch seinen Mut
kommt bald es auf dem Gipfel an
und fühlt sich frei und gut.

Nie hätte es am Meeresgrund
gedacht, daß es das schafft!
Auf seines Lebens Gipfel steht
es nun aus eig'ner Kraft!

Und hinter diesem Berg im Licht
liegt morgenfrisches Land,
ein Paradies, das es durch nichts
als starken Willen fand.

So lohnt es sich zuweilen schon,
vom Boden aufzusteh'n
und gegen alle Zweifel doch
den steilen Weg zu geh'n!

Freitag, 24. Juni 2011

Niemals

"Niemals!" sagte man mir neulich, "Um kein Geld der Welt!" Und damit war das Thema beendet, ein Thema freilich, das mich ohnehin nicht wirklich interessiert hat. Geärgert hat mich die Aussage trotzdem.

Denn es gibt ein paar Schlüsselwörter, die mich von jeher bis aufs Blut reizen und mit denen ich absolut nicht umgehen kann. "Niemals" gehört dazu. Genau wie "Du sollst" oder alles, was mit "dürfen" zu tun hat. Ich ertrage einfach die kategorische Begrenzung von Möglichkeiten nicht, und seien diese auch rein theoretisch. Mögliche Verläufe mit der kalten, starren Axt des unverrückbaren Prinzips abzuhacken und ihnen damit nicht nur als praktisches Geschehen, sondern sogar als gedankliches Konstrukt das Existenzrecht abzusprechen, erscheint mir wie ein grausames Gemetzel an allem, was denkbar ist, an der unendlichen Vielfalt von Möglichkeiten, von Ideen und Phantasien, aus der ja auch die Kunst, die Literatur ihre Inhalte schöpft...

Es ging mir schon als kleines Kind so - nicht ganz einfach für meine Eltern. Ich haßte von jeher Verbote, gleich, welchen Gegenstand sie betrafen. Und zwar nicht, weil ich alles, was mir verboten ward, tun wollte. Keinesfalls! Es leuchtete mir durchaus ein, daß manches besser nicht zu tun sei. Aber ich wollte nichts nicht dürfen. Was ich durfte, habe ich in der Regel ohnehin nicht getan; es hatte seinen Reiz allein darin, es tun zu dürfen. Die Umsetzung war, gemessen an der theoretischen Möglichkeit, fast banal und unwichtig. Aber verboten sein sollte nichts, und nichts sollte von vornherein, kategorisch und "um kein Geld der Welt" ausgeschlossen sein.

Das macht mich bis heute extrem unruhig. Ich empfinde es als äußerst arrogant, etwas derart absolut auszuschließen, maßt man sich damit doch an, all die tausend unberechenbaren Faktoren, alles Unerwartete und alles Überraschende, das dem Leben an sich und jeder einzelnen Situation immer wieder plötzlich eine völlig neue Wendung geben kann, unfehlbar beurteilen zu können und von vornherein als undenkbar, nichtig und wertlos für die Gestaltung des Zukünftigen abzustempeln. Dergleichen erregt meinen instinktiven Widerstand und macht eine praktische Verbotsübertretung viel wahrscheinlicher als die Verwirklichung von etwas an sich Erlaubtem, einfach nur, um der gebannten Möglichkeit auf rebellische Weise doch noch ihr Recht zu geben.

Die Vielfalt der Möglichkeiten, die Pluralität des Denkbaren, so glaube ich, ist es doch letztlich, die das Leben reizvoll und einigermaßen lebenswert macht. Nicht nur, aber auch.

Dienstag, 21. Juni 2011

Das Hohelied der Lücke

(Frei nach 1. Kor 13, 1-7)

Ich rede mit Menschen- und mit Engelszungen, doch ich habe die Liebe nicht, und also bin ich ein tönendes Erz, eine klingende Schelle. Ich rede prophetisch, kenne alle Geheimnisse und habe alle Erkenntnis, und ich habe den Glauben, daß ich Berge versetzen kann, doch ich habe die Liebe nicht, und also bin ich nichts. Und gäbe all meine Habe den Armen und ließe meinen Leib verbrennen, ich habe doch die Liebe nicht, und also ist mir's nichts nütze.

Die Liebe, so steht es geschrieben, sei langmütig und freundlich, die Liebe eifere nicht, die Liebe treibe nicht Mutwillen, sie blähe sich nicht auf, sie verhalte sich nicht ungehörig, sie suche nicht das Ihre, sie lasse sich nicht erbittern, sie rechne das Böse nicht zu, sie freue sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freue sich aber an der Wahrheit; sie vertrage alles, sie glaube alles, sie hoffe alles, sie dulde alles.

Ja. Muß schön sein.

Freitag, 17. Juni 2011

Einziger Sinn

(Ein literarischer Kuß)

Was ist's, das haltend mich noch kettet an dies Leben?
Die Seelen sind's, die mir verwandt. Die mir verbunden, liebend zugetan!
Das Wissen um die Bande, die mich halten - nicht grausam ist's, doch tröstend Sinn mir spendend.
Und nie, geliebte Freundin, möchte ich Deiner mehr entbehren, bist Du doch der rettenden Seelen mir die nächste.

Mittwoch, 8. Juni 2011

Dichterleben

Bleischwer hingen die Wolken über der Stadt; der Regen war längst überfällig. Ernst-Rüdiger saß am Fenster und zerknüllte ein eng beschriebenes Blatt Papier.
"Potzblitz!" murmelte er, "das Gedichtlein, der Liebsten Herz zu erweichen, will mir nicht recht gelingen!"
Dann stand er auf, öffnete das Fenster und sprang hinaus. Und zusammen mit Ernst-Rüdigers Kopf schlug endlich auch der erste Regentropfen auf dem Pflaster auf.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Zwei Erkenntnisse

oder: Warum man so leicht verlieren kann...

1.
Einem allzu festen Griff
Entwindet sich das Glück,
Löst sich auf, verfliegt im Wind
Und kehrt nie mehr zurück.

2.
Einem allzu schwachen Griff
Entschlüpft alsbald das Glück,
Macht sich frei und fliegt davon,
Kehrt niemals mehr zurück.

Montag, 23. Mai 2011

Geburtstagsgedanken

Da ist er nun, der 23. Mai. Was fällt mir dazu ein...?

Heute vor 62 Jahren wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. Ich denke oft an dieses Land, besonders, seit ich nicht mehr dort zu Hause bin, hinausgeschwemmt, verstoßen sogar irgendwie und mit allen Versuchen, mich zu bewähren, gescheitert.

Aber Heimat bleibt es mir doch, das Land, das mich genährt, geprägt und sozialisiert hat, in dem mir geholfen wurde, wenn ich in Not war, und dem ich so beklagenswert wenig zurückzugeben vermochte.

Zugegeben - es ist eine schwierige Heimat. Das Land hat Geld, und doch nie genug. Es ist wohlständig und neigt doch zur Unzufriedenheit. Seine Konfliktkultur ist unterentwickelt, und sein Wille, mit Pioniergeist die anstehenden Probleme anzugehen, ist weit weniger ausgeprägt als seine Bereitschaft, sich über halb leere Gläser zu beschweren. Und wenn dann etwas gut zu laufen beginnt, scheint eine Art ungläubige Panik um sich zu greifen, die blind macht für vieles Gute. Nein, Entwicklungen dankbar anzunehmen und zu nutzen ist nicht die Stärke dieses Landes.

Egal. Es bleibt die Heimat, der ich vieles verdanke, und der für immer mein Herz gehört. Vielleicht läßt sie sich aus der Ferne besser lieben, leichter, unkomplizierter, weil kein gemeinsames Leben mehr tägliche Bewährung erfordert. Aber aufhören werde ich nie.

Samstag, 21. Mai 2011

Ein bißchen Zeit

"Gib mir noch ein bißchen Zeit!" hatte sie ihm geschrieben. Sie hatten sich seit ihrer Trennung an jenem schrecklichen Dienstag nun schon ein paar Wochen nicht mehr gesehen, und auf seinen Vorschlag, sich mal wieder zu treffen, antwortete sie nun: "Gib mir noch ein bißchen Zeit, die brauche ich noch, dann machen wir das!"

Natürlich hatte er sofort zugestimmt. Daß er sie gern wiedergesehen hätte, war Ausdruck seiner Sehnsucht nach ihr, seines unbedingten Wunsches, ihre Beziehung vielleicht doch noch zu retten. Zwei Jahre waren sie zusammen gewesen, zwei schwierig-wundervolle Jahre. Er liebte sie. Allen Hindernissen und Mißverständnissen zum Trotze hätte er es gern noch einmal versucht. Aber sie bat ihn um ein bißchen Zeit.

Was sie von ihm verlangte, so dachte er, war nicht nur eine Schonfrist für verletzte Gefühle, nicht nur eine Phase, in der Fehler verstanden, enttäuschte Hoffnungen verarbeitet und mögliche Wunden geheilt werden sollten, damit man es in Zukunft besser machen könne. Nein. Für sie war es eine Zeit, um den Abstand zu vergrößern und die Trennung so manifest zu machen, daß ein Wiedersehen mit ihm keinerlei Versuchung mehr darstellte. Es war ihre Chance, sich von ihm zu entfernen und ihn als Kapitel in ihrem Leben endgültig abzuhaken. Sie würde ihn erst wiedersehen wollen, wenn sie sicher war, daß er ihr Herz nicht mehr zu berühren vermochte, und daß sie klar und entschieden und dauerhaft über ihn hinweg wäre.

Was sie von ihm verlangte, war nicht mehr und nicht weniger als ihr die Gelegenheit zu geben, seinen innigsten Wunsch für immer unerfüllbar zu machen, jeden Rückfall zu verhindern und ihre Liebe langsam und gründlich sterben zu lassen. Dann, erst dann würde sie ihn wiedersehen.

Er liebte sie. Und also gab er ihr die Zeit, um die sie ihn bat.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Ein freier Mensch

Freiheit! Das positivste Wort der Welt. Nun ja, außer Liebe vielleicht. Wer käme darauf, in der Freiheit eine Last zu sehen? Ich bin frei, ein freier Mensch. Frei, selbstbestimmt. Ungebunden. Allein. Ein bißchen einsam. Haltlos schwebend in der Grenzenlosigkeit meiner Möglichkeiten.

Ja, ich kann tun und lassen, was ich will. Ausgehen, "liebe Freundinnen" treffen, trinken, nach Hause kommen, wann und mit wem ich möchte... schauspielern oder echt sein, arbeiten oder in den Urlaub fahren, rote Hosen tragen oder nachts um zwei einen Liter Vanilleeis essen. Ich kann schlafen oder aufstehen, ich kann gehen oder bleiben, ich kann lachen, weinen, reden, schweigen, und niemanden geht's etwas an. Ich bin frei.

Es geht niemanden etwas an. Was immer ich tue oder lasse, ja mein ganzes Leben geht niemanden etwas an. Tja... Was niemanden etwas angeht, daran nimmt irgendwann auch niemand mehr Anteil.

Wie trügerisch der Götterfunke leuchtet. Freiheit. Ein Wort, hinter dem wir allzu gern unsere Bindungsangst verstecken... Ein Klischee, mit dem wir rechtfertigen, uns auf nichts einzulassen, uns nicht durch das enge Nadelöhr der Einschränkung zu quetschen aus Angst vor dem Glück, das dahinter lauern könnte...

Freiheit? Ich pfeife auf die Freiheit, wenn ich in Dir gefangen sein darf.

Samstag, 30. April 2011

Verwundert

"Warum bin ich denn besonders?" fragte das Wunder.
"Weil Du Du bist!" sagte der Mensch.
"Das wußte ich schon immer." sagte der Traum.

Donnerstag, 28. April 2011

Erste Nacht

Blaues Licht drängt durch die verschlungenen Stäbe seines Käfigs und behaucht die Landschaft aus weichen Bergen mit einer eiswarmen Dämmerung, die rote Seide schwarz färbt.
Vom kalten Gipfel stürzen sieben trockene Felsen zerstäubend ins taufeuchte Tal und verfließen entmachtet in der Dunkelheit. 
Alles verschmilzt zu einem Paradies.

Mittwoch, 20. April 2011

Verzicht und Entbehrung

Bis heute geben die 40 Tage vor Ostern, in denen Jesus einst die schrecklichsten Entbehrungen in der Wüste auf sich nahm, um rein und frei zu werden für die große Aufgabe, die vor ihm lag, vielen Menschen einen Anlaß, sich ein wenig einzuschränken. Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten - das sind wohl die gängigsten Annehmlichkeiten, auf die in der Fastenzeit verzichtet wird.

Ich finde das gut, denn freiwilliger Verzicht ist nicht mehr eben populär in unserer Gesellschaft. Kaum jemandem, der vieles nicht hat, wird geglaubt, daß er es auch nicht will, denn Haben ist Sein, und Besitz ist Bedeutung. Und wenn man den Menschen zuhört, vernimmt man zuvörderst ein Weinen und Wehklagen, ein Jammern und Beschweren, ein einziges langes Hadern mit all dem, was man nicht hat. Was uns fehlt, so möchte man meinen, bestimmt unser Selbstverständnis und unser Lebensgefühl viel intensiver als das, was vorhanden ist.

Schade eigentlich. Dabei kann uns die Fastenzeit (und eine auch auf den Rest des Jahres ausgeweitete Verzichtskultur) nicht nur zeigen, wieviel wir eigentlich gar nicht brauchen, sondern auch die Freude und das Bewußtsein dafür zurückgeben, was wir bereits haben und wie gut es uns im Großen und Ganzen noch geht.

Mir fällt Verzicht mittlerweile nicht mehr schwer. Ich habe umständehalber eine Weile lang gar keine andere Wahl gehabt als auf vieles, oft sogar auf das Nötigste zu verzichten, und es hat meinem Selbstverständnis keineswegs geschadet. Und so freue ich mich heute mehr denn je über Kleinigkeiten, eine Kugel Eis, eine iTunes-Karte, eine Taxifahrt... und lebe und genieße intensiver als im einstigen Wohlstand.

(Mein fliederfarbener Rolls-Royce fehlt mir trotzdem, ich gebe es zu. Der war einfach cool. ;-))

Freitag, 15. April 2011

Seelengefängnis

Die Liebe entmöglicht,
zerzweifelt im kalten Gefängnis
stahlscharfer Gedanken...
Wo Glaube fehlt,
Gelassenheit und Langmut
verliert die Seele ihre Flügel,
entsagt glückvollen Lebenshöh'n
und bleibt gefangen
immerdar.

Sonntag, 10. April 2011

Jenseits

Daß es kein Jenseits gibt, sagst Du? Wie traurig für Dich.

Ja, ich habe auch mal daran gezweifelt. Besonders, nachdem gerade in dem Jenseits, das ich zu kennen glaubte, zwei Paradiese auf einmal zerbrachen. Recht geschah mir. Wer wäre so dumm zu glauben, daß er in zwei Paradiesen gleichzeitig leben kann?

Aber heute weiß ich es wieder besser. Es gibt ein Jenseits. Zwei Engel haben es mir gezeigt. Das zerbrochene Paradies wächst neuerlich zusammen. Ewige Bande schmieden sich, und das Machbare scheint auf einmal genau so unendlich wie das Denkbare.

Es gibt ein Jenseits. Ich war dort, und es war begeisternd. Nun hat mich die Erde wieder. Ein Engel winkt mir kurz nach.

Mittwoch, 6. April 2011

20 Jahre U3

An den U3-Stationen sind heute putzige Hostessen vor orange-roten Bannern postiert, die leckere Mürbeteigplätzchen verteilen und mit einem zauberhaften Lächeln die Aufmerksamkeit der Fahrgäste auf die Tatsache lenken, daß die Linie U3 heute ihren 20. Geburtstag feiert.

Wiens schnelles Kellergeschoß ist noch nicht sehr alt. Jünger als ich sogar. Oh Himmel. Doch auch mit moderner Technik bleibt der Bau einer U-Bahn für mich ein Faszinosum. Wie sich gefräßige Maschinen in den kühlen Boden unter der Stadt, aufgeschichtet in Jahrhunderten aus Müll, Schutt, Asche und Erde, graben und tiefe Gänge in den Grund treiben können, der lange grabesstill dalag und seine mittelalterlichen Geheimnisse barg, ist ebenso spannend wie das, was dabei zutage tritt - unter dem Stephansplatz etwa fand man eine vollständig erhaltene Kapelle, um die man die neu entstehende U1/U3-Station respektvoll herumbaute. Durch ein dickes Glasfenster kann man nun also in den Kirchenraum schauen, der jahrhundertelang verschüttet und vergessen war.

Mir persönlich ist die U3 die liebste Linie, weil sie mich fast von meiner Haustür zu meinem Kaffeehaus führt, zum Stephansplatz zudem, zum Rochusmarkt, zur Mahü, zum Westbahnhof und zur Ottakringer Brauerei. Sehr nützlich, all das. Und natürlich wegen der weltweit einzigartigen und legendären Ansage "Tscheensch tu Sitti Ehrport Treen" in der Station Wien Mitte.

Herzlichen Glückwunsch also, U3, und allzeit gute Fahrt!

Dienstag, 5. April 2011

So wie ich es tue

(Eine Reminiszenz an Melissa Etheridge)

Lebt er dafür, Dich zu küssen
Und Dich täglich zu vermissen?
Lebt er, um Dein Glück zu mehren,
Oder nur für sein Begehren?

Lebt er, Sterne Dir zu schenken,
Jeden Tag an Dich zu denken?
Lebt er, Freude Dir zu machen?
Ist sein Glück Dein helles Lachen?

Lebt er, um Dich zu beschützen
Oder um Dich auszunützen?
Lebt er, alles zu vermeiden,
Was Dich weinen macht und leiden?

Lebt er, um Dich ganz zu schätzen?
Würde er Dich je verletzen?
Lebt er, weil sein ganzes Streben
Deinem Glück gilt, Deinem Leben?

Lebt er, um an schweren Tagen
Dich zu trösten und zu tragen?
Lebt er, um für Deine Sorgen
Zuversicht Dir auszuborgen?

Lebt er, auch die unbequemen
Seiten an Dir anzunehmen?
Lebt er, um Dich zu verstehen,
Jeden Weg mit Dir zu gehen?

Lebt er sehnend, ohne Ruhe?
Liebt er Dich, wie ich es tue?

Freitag, 1. April 2011

April, April

Wenn man sich das Treiben der kleinen Persönlichkeiten in großen Ämtern von Politik und Wirtschaft so anschaut, möchte man meinen, unsere Gesellschaft verliere sukzessive alle ihr einstmals zur Grundlage gemachten Werte. Die Hemmschwelle, aus schamlosem Opportunismus heute das eine und morgen das andere zu sagen, sinkt bedenklich, und Verbindlichkeit wird mehr und mehr zu einer Verhaltensnorm für altmodische Trottel, die sich den angeblich täglich wechselnden Erfordernissen nicht rückgratlos anzupassen imstande (oder willens) sind. Je offensichtlicher das System aus Gier und Eitelkeit versagt, desto großmäuliger geriert es sich, und die anmaßend behauptete Unfehlbarkeit seiner Träger nimmt im gleichen Maße zu wie ihre immer schlechter kaschierte menschliche Insuffizienz. Es wird gelogen, verdrängt, verteidigt und zur Not auch diffamiert.

Kurz: Für viele scheint jeder Tag der erste April zu sein, an dem man bedenkenlos alles behaupten und alles versprechen kann, um es dann, als sei es ein lustiger Scherz, ein kleines Versehen oder schlechterdings gar nicht so gemeint gewesen, wieder zurückzunehmen. Immer öfter erlebe auch ich, daß im geschäftlichen Bereich Versprechungen gemacht und Projekte in Aussicht gestellt werden, die von Anfang an unrealistisch waren. Es gilt nicht mehr als schlimm, sich über Vereinbarungen und Regeln hinwegzusetzen, Zahlungsfristen zu überschreiten oder Aufträge zurückzuziehen, nachdem man das Konzept abgegriffen hat.

All das empfinde ich als sehr abstoßend, und ich frage mich, ob solche Dampfplauderer sich in ihrer Substanzlosigkeit und Unverbindlichkeit wirklich wohlfühlen. Verläßlichkeit und Regeln braucht man schließlich nicht nur, damit das System menschlichen Zusammenlebens an sich funktioniert, sondern doch auch für sich selbst und jenen inneren Halt, den man im Opportunismus gewiß nie findet.

In diesem Sinne - fröhlichen 1. April! Ich hoffe, ab morgen steht wieder jeder zu dem, was er sagt.

Mittwoch, 23. März 2011

Frankfurt

Hier wird an den Wolken gekratzt. Hier wird Geschäft gemacht. Hier berauscht man sich an der eigenen Wichtigkeit. Glasriesen überragen hochmütig ihre Fachwerkvorfahren, aber man schafft Atmosphäre. In die gigantische Skulptur aus Türmen und Straßen sind ein paar schicke Bars und Restaurants eingestreut. Ein bißchen Kultur, ein bißchen Lifestyle. Man hat ja "Lebensqualität".

Nadelstreifen sitzen in Straßencafés und bestätigen sich gegenseitig darin, bedeutend zu sein. Sie halten sich immer noch für die lockeren, schwingenden Linien, die sie mit 20 waren, und laufen doch streng parallel.

Man muß ein wenig suchen, um etwas Liebenswertes an Frankfurt zu finden. Es gibt es gleichwohl. Ein paar kleine Gemüsestände, an denen hessische Bauersfrauen ihr Waren und ihre von allem Business Glamour völlig unbeeindruckte Lebensweisheit feilbieten. Ein winziges, halbprofessionelles Theater in einem schäbigen Hinterhof. Ein Antiquariat, das ums Überleben kämpft und doch nicht aufgibt. Und der Dom, der nicht mehr als höchstes Gebäude dasteht, die Blasphemie der umgebenden Hochhäuser jedoch mit erhabener Gelassenheit ignoriert.

Seltsam, wieder hier zu sein. Seltsam, die alten Wege zu gehen. Das vergangene Leben ist hier so stark, daß es das gegenwärtige fast verblassen läßt. Ich habe Termine. Ich trage Nadelstreifen. Der Rausch der Wichtigkeit, dem auch ich mich hier einst hingab, ist immer noch bestechend.

Und doch - nach 24 Stunden fehlt mir Wien bereits.

Mittwoch, 16. März 2011

Lob und Dank

Lob ist in der Regel eine erfreuliche Sache. Von manchen Menschen gelobt zu werden, sollte einem jedoch den nackten, brechreizenden Ekel in die Kehle treiben. Menschen, deren Ansichten und Handlungen frevelhaft und grausam sind, in ihrem Tun so weit zu bestärken, daß sie sich zu höhnischem Dank animiert fühlen, ist widerwärtig und sollte eigentlich tiefe Selbstzweifel und eine radikale Abkehr von allem bewirken, was ein solches "Lob" begründet.

"Man konnte sich auf keine gemeinsame Linie einigen" - das Tagungsergebnis der G8-Außenminister ist skandalös und zynisch. Als stünde die einzige gebotene "Linie" auch nur ansatzweise in Frage - Kampf dem Tyrannen und Rettung eines unterdrückten, unter Lebensgefahr um seine Freiheit ringenden Volkes. Stattdessen erklärt man schwammig, man werde den Druck verstärken und tut - nichts.

Es ist widerwärtig, und ich schäme mich als Mensch und als Deutscher dafür, daß "meine" Bundeskanzlerin in ihrer feigen Wirtschaftshörigkeit dem Despoten in Libyen Anlaß zu Lob und Dank gegeben hat. Ein solches Verhalten ist m.E. Beihilfe zum Völkermord, und wenn kein juristisch belegbares Verbrechen vorliegt, dann doch wenigstens ein moralisches.

Und allmählich frage ich mich, ob der Tatbestand des Artikels 20 Abs. 4 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland nicht längst erfüllt ist.

Samstag, 12. März 2011

Drei kleine Worte

Ich sehne mich so sehr danach,
Dir endlich "Ich Dich auch" zu sagen.
Doch wo der erste Satz nicht fällt,
Kommt auch die Antwort nicht zum tragen.

Freitag, 11. März 2011

Morgen

Das Morgen sorge für sich selbst, sagte neulich jemand. Heute sei es eben so und so, und was morgen sei, wisse man nicht. Das Morgen sorge für sich selbst. Sprach's und schwieg.

Mag sein. Ich bin kein Planer. Wahrlich nicht. Die paar Pläne, die ich überhaupt je hatte, sind grandios gescheitert. Ich mag und akzeptiere die Überraschungen, die das Leben jeden Tag bereithält. Aber das Morgen deshalb ganz und gar für sich selbst sorgen lassen? Nein.

Heute ist es so und so. Ganz recht. Aber schon heute können wir die Wege beschreiten, die wir morgen gehen möchten. Heute können wir uns um das bemühen, was wir uns für morgen ersehnen. Heute ist das Leben nur einen Tag länger als morgen.

Es kommt wie es kommt - gerade als Rheinländer weiß man das. Ja, irgendwie sorgt das Morgen für sich selbst. Aber damit sollte man sich nicht jeden Tag trösten, während das allzu kurze Leben verstreicht.

Wenn wir heute darauf warten, daß sich unsere Sehnsüchte morgen von alleine erfüllen, kommen wir nicht weiter. Und das wäre ja schade. Vielleicht scheitern wir. Vielleicht wird das Morgen nicht so, wie wir es erhoffen. Aber versuchen sollten wir es. Heute schon.

Dienstag, 8. März 2011

Blendwerk

Ein „Top Event“ mal wieder. Irgendwas mit „Elite“ und „hochkarätig“ hatte auf der Einladung gestanden. Unter Aufzählung diverser Vorstandsposten und Ehrenämter wird mir ein Mann als „Herr Mag. Dr. Soundso“ vorgestellt, den ich kurz zuvor dabei beobachtet habe, unsagbar feindselig mit seiner Frau umgegangen zu sein, und ich denke mir nur: Was für ein erbärmliches Arschloch.

Und abermals stelle ich fest, daß mich Titel, Ämter und Karrieren per se nicht beeindrucken. Vermutlich, weil mich immer nur der Mensch als solcher interessiert, dessen Persönlichkeit und Charakter durch Weihen und Würden allein keinerlei Aufwertung erfahren. Gewiß, akademische Grade und Titel indizieren einen spezifischen Bildungsweg und damit eine funktionale Qualifikation für bestimmte Positionen innerhalb des sozialen Systems, und daß diese Art Qualifikation für viele Aufgaben vonnöten ist, bleibt unbestritten.

Aber uns ist offenbar der Sinn dafür abhanden gekommen, die funktionale Pyramide, zu der sich eine Gesellschaft gemäß den Qualifikationen und Aufgaben ihrer Mitglieder zwangsläufig formt, von der menschlichen zu unterscheiden, die sich völlig unabhängig von der sozialen Stellung (und damit nach außen hin sehr viel schwerer erkennbar) aus charakterlicher Integrität und ethischen Werten, sprich: daraus ergibt, ob jemand einfach ein guter Mensch ist. Wer seine menschliche Insuffizienz mit sozialem Status übermalt, verdient kaum Bewunderung.

Der Mann genießt sein Ansehen und die Fragen der Speichellecker um ihn herum. Seine Frau steht steinern lächelnd neben ihm. Er hat einiges beizutragen zum Thema des Tages. Schließlich ist er in der Position dazu. Ich halte ihn immer noch für ein Arschloch.


P.S.: Damit man mich nicht falsch versteht: Ohne Zweifel gibt es auch Menschen, die ihren hervorragenden Charakter und ihre außerordentliche Persönlichkeit bemerkenswerten Karrieren nutzbar machen und innerhalb der funktionalen Pyramide weit aufsteigen, ohne in der menschlichen abzusinken. Ihnen gilt meine ganze Bewunderung. Aber bei ihnen ist das Erlangen von Titeln und Ämtern dann eben keine persönlichkeitsbildende (oder gar
-ersetzende) Maßnahme, sondern allenfalls Folge und Beiwerk ihres Lebensweges und hat somit mehr ästhetische als moralische Bedeutung.

Samstag, 26. Februar 2011

Somnul amorului

Mă uit la tine cum dormi, iubirea mea. Dormi atât de adânc, profund şi liniştit. Un somn binemeritat după atâtea sforţare. Cât te-ai mai străduit, cât de aprig ai luptat! Totul, ai dat totul, dar nimic nu s-a legat. Eşti epuizată, atât de epuizată încât nu mai eşti capabilă de nici-o mişcare. Odihneşte-te.

Mi-e dor de tine, iubirea mea. Atât timp cât dormi nu te pot simţi, nu te pot lăsa să te desfăşori în mine şi nici nu te pot împărtăşi cu altcineva. Atât timp cât dormi, nu poţi fi impulsul mișcărilor mele, nici motiv de speranţă şi nici spor pentru străduinţa eternă. Dar inţeleg că acum trebuie să dormi. Te-ai sfârşit cu totul.

Din când în când, iubirea mea, trece cineva prin vizită căruia aş vrea să te prezint. Dar nu vreau să te deranjez din somnul tău binemeritat. Câţiva dintre vizitarorii noştri au încercat să te trezească sărutându-te gingaş. Ar fi vrut să te cunoască. Dar nu le-a reuşit. Liniştit şi fără să te abaţi, respiri încontinuu. Eşti în viaţă, dar dormi atât de profund, aşa profund...

Aşa că dormi mai departe, iubirea mea. Odihneşte-te şi reînnoieşte-te. Într-o bună zi va veni cineva în vizită, care te va săruta şi care va reuşi să te trezească... cineva de departe de tot. Din orizontul strălucitor al viitorului sau din adâncimile trecutului. Cine stie. Tu te vei trezi şi vei trăi mult mai puternică decât până acum şi nu vei mai obosi nici odată.

Dar până atunci, iubirea mea – dormi...


(And on goes my language collection: Romanian by Irina-Ruxandra Alexandru)

Freitag, 25. Februar 2011

Usnula ljubav

Gledam te dok spavaš, ljubavi moja. Tvoj san je tako čvrst. Tako dubok i spokojan. Neka ti je dopušteno posle svih napora. Kako si se samo trudila, kako ogorčeno borila. Sve, sve od sebe si dala, a ništa ti se nije vratilo. Ti si iscrpljena, tako teško iscrpljena i ne osećaš ništa više. Ispavaj se.

Nedostaješ mi, ljubavi moja. Dok spavaš ja živim bez tebe. Dok spavaš ja ne mogu da te osetim, da se u potpunosti prepustim tvom dejstvu i da te dalje dam. Dok spavaš, ti ne možeš da budes osnova mojih postupaka, razlog za nadu i podsticaj mojih večitih napora. Ali ja razumem da ti sada moraš da spavaš. Ti si se u potpunosti istrošila.

S vremena na vreme dodje po neka poseta koju bih ti rado predstavio, ljubavi moja. Ali ne želim da prekidam tvoj san, zaslužila si ga. Neki od nasih posetilaca su pokusali da te nežnim poljupcima probude. Želeli su da te dožive. Ali nisu uspeli. Tvoj dah je tako ravnomeran i spokojan. Ti živis, ali spavas tako duboko, duboko…

Nastavi da spavaš onda, ljubavi moja. Odmori i obnovi se. Jednoga dana će neko doći ko će moći da te poljupcem probudi. Iz daleka. Sa svetlog horizonta buducnosti ili iz dubina proslošti. Ko zna. Ti ćeš se probuditi i živeti jača nego ikada i nikada se vise nećeš umoriti.

Do tada, ljubavi moja, spavaj…


(While we are at it - Serbian by Jelena Todoric)

Donnerstag, 24. Februar 2011

Love Asleep

I watch you sleep, my love. You sleep so soundly. So deep and calm. Granted shall it be to you after all the efforts you have made. How you hard you tried, how desperately you fought! You gave everything, and nothing ever came back to you. You are exhausted, so deeply exhausted, no longer capable of the slightest movement. Sleep now.

I miss you, my love. As long as you’re asleep I have to live without you. As long as you’re asleep I cannot feel you, cannot be immersed in you, and cannot pass you on. As long as you’re asleep you cannot be the foundation of my actions, not the cause of my hopes, and not the spur for my eternal endeavour. But I apprehend that you must sleep now. You have exhausted yourself completely.

Every now and then we have visitors that I would like to introduce to you, my love. But I do not want to disturb you in your well-deserved sleep. Some of our visitors have tried to wake you with tender kisses. They would have loved to experience you. But they could not make it. Steady goes your breath, and unperturbed. You are alive but you sleep so deeply, so deeply...

Sleep on then, my love. Recuperate and revive. One day, someone will come to visit us who will be able to wake you with a kiss. From far away. From the agleam horizon of the future or the depths of the past. Who knows. You shall awaken, and stronger then ever shall you live and tire no more.

Until then, my love – sleep...


This is the English version of my very favourite text "Liebesschlaf" for all those who keep asking me if there were any of my works available in English. I hope you'll like it! :-)

Mittwoch, 23. Februar 2011

Liebesschlaf

Ich sehe Dir beim Schlafen zu, meine Liebe. Du schläfst so fest. So tief und ruhig. Es sei Dir gegönnt nach all den Anstrengungen. Wie sehr hast Du Dich bemüht, wie verzweifelt gekämpft! Alles, alles hast Du gegeben, und nichts kam zurück. Du bist erschöpft, so tief erschöpft und zu keiner Regung mehr fähig. Schlaf Dich aus.

Du fehlst mir, meine Liebe. Solange Du schläfst, lebe ich ohne Dich. Solange Du schläfst, kann ich Dich nicht empfinden, nicht ganz und gar wirken lassen in mir und auch nicht weitergeben. Solange Du schläfst, kannst Du nicht Grundlage meines Handelns sein, nicht Anlaß zur Hoffnung und nicht Antrieb zum ewigen Bemühen. Aber ich verstehe, daß Du nun schlafen mußt. Du hast Dich ganz und gar verausgabt.

Hin und wieder kommt Besuch, den ich Dir gern vorstellen würde, meine Liebe. Aber ich möchte Dich nicht stören in Deinem verdienten Schlaf. Ein paar unserer Besucher haben versucht, Dich mit zarten Küssen zu wecken. Sie hätten Dich gern erlebt. Aber es gelang ihnen nicht. Ruhig und unbeirrt geht Dein Atem. Du lebst, aber Du schläfst so tief, so tief...

So schlafe denn weiter, meine Liebe. Erhole und erneuere Dich. Eines Tages wird uns jemand besuchen kommen, der Dich wachzuküssen vermag. Von weit her. Vom leuchtenden Horizont der Zukunft, oder aus den Tiefen der Vergangenheit. Wer weiß. Du wirst erwachen, und stärker denn je wirst Du leben und nie wieder ermüden.

Bis dahin, meine Liebe - schlaf...

Dienstag, 22. Februar 2011

Frischluftberuf

Auf der Straße in der Ferne
unter einer Gaslaterne
steht – zuweilen sogar gerne –
eine wartende Person.

Diese wartet bis die Kunden,
die den Weg zu ihr gefunden,
bald mit ihr im Haus verschwunden
sind für festen Lohn.

Drinnen spielt sie ihre Rolle,
zeigt, was man erwerben solle,
fragt den Kunden, was er wolle,
(meistens weiß sie’s schon!)

Ist das Ob und Wie entschieden,
einigt man sich schnell hienieden,
beide Seiten sind zufrieden,
ziehen froh davon.

Nun? Wer also ist die eine?
Die Person, die ich hier meine?
Wofür steht sie sich die Beine
krumm auf dem Perron?

Klar beschrieb’s der Wortekrakler:
Ohne Zweifel oder Wackler
ist‘s der Immobilienmakler!
Der kriegt Provision.