Dienstag, 1. April 2025

Land ohne Selbstbild

Das wird nix mehr mit Deutschland - gestern habe ich alle Hoffnung verloren! Wegen der Bürokratie? Nein. Wegen der schon vor ihrer Konstituierung moralisch gescheiterten Regierung? Auch nicht. Wegen der selbstgefälligen, innovationverweigernden Wirtschaft, die zwanzig Jahre geschlafen hat und jetzt andere dafür verantwortlich macht? Nah dran, aber nein.

Die Hoffnung habe ich gestern verloren, nachdem ich die erste Folge der deutschen Adaption einer britischen Erfolgsserie angeschaut habe, von der es zudem eine exzellente amerikanische Version gibt: "Ghosts". Schon mal gehört? 

Da geht es darum, daß ein junges Pärchen ein schloßartiges Haus erbt und in eine Frühstückspension umbauen will. In dem Haus leben jedoch auch Geister, die nach einem Unfall der jungen Frau mit ihr reden und von ihr gesehen werden können. Natürlich entwickeln sich daraus einige sehr unterhaltsame Komplikationen, aber der Witz und der Charme sowohl des britischen Originals als auch der amerikanischen Adaption erwachsen aus etwas anderem: dem jeweiligen Nationalkolorit, das sich über die Auswahl stereotypischer Vertreter sehr unterschiedlicher historischer Epochen vermittelt. Diese sind in ihrer Prägung, ihren Wertmaßstäben und ihrer ganzen Weltsicht natürlich äußerst verschieden, womit die Autoren großartige Möglichkeiten eröffnen, die Geschichte des eigenen Landes aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und immer wieder Momente des Verständisses und der Aussöhnung innerhalb der sehr diversen Gruppe von Geistern zu schaffen. Und dabei entsteht genau das, was wir Deutschen einfach nicht haben: eine Idee von uns selbst.

Denn in der deutschen Version fehlt dieser Aspekt einer humorvoll-ironischen und doch kritischen Auseinandersetzung mit unserer Geschichte, den Ideen und Deutungsmustern der verschiedenen Jahrhunderte und dem soziokulturellen Wertewandel so gut wie ganz. Alles ist viel plumper, viel generischer und ohne eine verbindendes historisches Gewebe. Die Figuren sind pure Klischees, denen es nicht ansatzweise gelingt, glaubhaft die Kultur ihres Landes in ihrer Zeit zu vermitteln, und ihr Humor ist, wie meistens in deutschen Sendeformaten, eher physisch als geistreich. Stattdessen ist mal wieder alles nach allen Seiten so offen, daß es nicht ganz dicht sein kann. Natürlich wird mit Sätzen wie "krassester See ever!" und "What the fuck?" gedenglischt, was das Zeug hält - ja, klar, auch von unserer Sprache haben wir keine andere Idee als sie mit möglichst vielen sinnfreien Anglizismen zu spicken, damit erst gar kein Verdacht einer allzu deutschen Selbstbetrachtung aufkommt - was selbstverständlich auch für die untermalende Musik gilt. Zelebriert wird einzig das Mittelmaß und Spießertum, das aus dem gutaussehenden amerikanischen Börsenmakler einen proletigen deutschen Versicherungsvertreter mit Assi-Schnauzbart macht.

Und genau das ist unser Problem in diesem Land: Wir haben keine Idee von uns selbst, kein großes Bild, das die verschiedensten Einflüsse und Prägungen eint und zu etwas liebens- und erhaltenswertem Heutigen zusammenführt, und damit auch keine Strategie, keinen Weitblick darauf, was und wie und wer wir als Gesellschaft eigentlich sein oder in Zukunft werden wollen.

Wenn man schon so einfallslos ist, gute Ideen abzuschreiben statt selbst mal welche zu haben, dann sollte man es wenigstens nicht so unterirdisch schlecht machen. Aber gut können's die Deutschen wohl nicht mehr - denn dafür müßte man halt buchstäblich originell sein, und das hieße zunächst mal, sich selbst zu kennen und zu mögen. 

Nein, irgendwie wird das nix mehr mit diesem Deutschland. Schade.

Freitag, 28. März 2025

Sehnsucht nach Stille

Kein Wunder, daß langsam alle verrückt werden - wir sind ja auch völlig überreizt! 

Überall wird auf uns eingeplärrt: Es dröhnt und flimmert und leuchtet und wummert, wo immer man hingeht. Kein Supermarkt ohne aufdringliche Musik, keine Bar ohne Beschallung, unter der man sich nur brüllend unterhalten kann, kein Kaufhaus ohne Hintergrundgedudel und hunderte Bildschirme, die uns mit grellen, hochfrequenten Bildern das nächste Konsumbedürfnis einbrennen... Nicht mal auf der wunderschönen Seebrücke von Sellin, wo man doch nichts als den rauschenden Wind, die Wellen der Ostsee und das Lachen der Möwen braucht, entgeht man dem soziokulturellen Diktat anglo-amerikanischer Popmusik, weil der Eisverkäufer meint, die Menschen wollen das. Dazu unser Alltag mit Teams Calls und Email-Hagel, und abends dann Netflix zur vermeintlichen Entspannung.

Ich möchte einfach mal Ruhe. Die Stille Stunde zum Einkaufen wäre genau mein Ding. Bietet aber niemand in der Gegend. Je älter ich werde, desto empfindlicher werde ich gegen die maximale, beständige und unausweichliche Reizüberflutung, die unsere kognitiven Fähigkeiten und unser neuronales System massiv überfordert, ohne daß wir es immer bewußt merken. Vielleicht ist sie uns als Ablenkung von den eigenen Gedanken, vom eigenen Wesen ja sogar willkommen. Aber sie macht uns kaputt. Reizbar. Und süchtig. Ruhe ertragen wir offenbar kaum mehr.

Kein Wunder, daß langsam alle verrückt werden und die Welt so ist, wie sie gerade ist. Wirklich kein Wunder.

Dienstag, 25. März 2025

Deutschlandblick

Zuweilen macht's mich wütend, dieses Deutschland, meine Heimat, auf die ich mit liebender Sorge blicke und eben auch mit wachsendem Ärger. Denn nirgendwo scheint irgendetwas besser zu werden, nirgends ist eine Lernkurve erkennbar, nirgends entsteht das Gefühl, daß langfristige Strategie, beherztes Handeln und gesunder Menschenverstand über Eitelkeit, Gier und Klientelinteressen triumphieren. Es muß was geschehen, aber es darf nichts passieren - dieser alte Wiener Grundsatz scheint auch in Deutschland das Handeln, oder eher das Nicht-Handeln zu bestimmen.

Besonders in dem, was sich anschickt, eine Koalition zu werden. Das Ärgerliche ist nicht mal die schuldenpolitische 180-Grad-Wende des Kanzlers in spe, die ein erschreckendes Maß an, nennen wir es mal: ethischer Flexibilität und damit charakterlicher Unzuverlässigkeit offenbart. Auch nicht die selbstgefällige Unbeirrbarkeit, mit der die rote Hälfte des kommenden Regierungsbündnisses, das noch einen knackigen Namen sucht, an den Grundzügen einer gescheiterten und deutlich abgewählten Politik festhält. Nein, das eigentlich Empörende ist die Planlosigkeit, die nicht enden wollende Ignoranz und die gedankenlose Neigung zu faulen Kompromissen und bequemen Lösungen - das übliche deutsche Mittelmaß, zum x-ten Male aufgekocht.

Amerikanische Kampfjets, Software-Lösungen von Peter Thiel, und dazu Lustigkeiten wie die Pendlerpauschale und das blinde Vertrauen auf ein schnelleres Pferd alias Verbrenner - man traut seinen Ohren nicht. Wo bitte bleibt die Zukunft, die realistische Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir heute leben und morgen (hoffentlich noch) leben werden?! Der ausgereifte Plan, der den Bedarf an Infrastruktur, Bildung, F&E, Einwanderung, Verteidigung und Klima klug ausbalanciert und nachhaltig bedient? Die Strategie, die mindestens 10 Jahre vorausdenkt, und nicht nur bis zur nächsten Landtagswahl? Ich sähe wirklich gern mal wieder Charakterköpfe, Strategen und Macher am Ruder in Politik und Wirtschaft, statt eitler Egomanen und gieriger Gewinnler. Ich sähe gern Kompromisse, die nicht auf kleinste gemeinsame Nenner und zahnloses Mittelmaß hinauslaufen, sondern die Synthese dessen abbilden, was die klügsten und engagiertesten Köpfe für Deutschlands Zukunft wichtig finden. Ich sähe gern einen plausiblen, ausgereiften Plan für das viele Geld statt des Refkexes, Löcher zu stopfen und veraltete Konzepte zu finanzieren.

Zuweilen macht's mich wütend, dieses Deutschland, weil es so träge, so kurzsichtig und bequem geworden ist, so jämmerlich und plump, weil es sonweit unter seinen Möglichkeiten bleibt und seine Brillanz hat verblassen lassen in einem diffusen Nebel aus Regelungsbesessenheit und Hypersensibilität. Aber ich will nicht wütend sein. Ich will, daß es blüht im Glanze seines Glückes, dieses schwierige, störrische deutsche Vaterland.

Mittwoch, 5. März 2025

Die Positiv-Lüge

Positiv solle man es sehen. Die neuen Chancen erkennen. Und daß jedem Anfang ein Zauber innewohne. Mit solchen Plattitüden versucht man heute gern, sich und anderen Niederlagen und Rückschläge schmackhaft zu machen. Das Scheitern hat in der Insta- und LinkedIn-polierten Erfolgswelt keinen Platz, und mit negativen Gefühlen soll man sich schon gar nicht aufhalten.

Warum ist das so? Was sagt es über unsere Kultur? Und provokant gefragt: Ist es denn ein Wunder, wenn unter diesem Positivitätsdruck immer mehr Menschen psychisch auffällig werden?

Jedem Anfang geht eben erst mal ein Ende voraus. Jeder neuen Chance eine vertane. Und jeder Möglichkeit das Scheitern des vorherigen Plans, eines Plans, an den sich einst Vorstellungen, Hoffnungen, ja Träume gar knüpften, die nun zerplatzen. Das dürfen, das müssen wir uns eingestehen, und darüber dürfen wir auch traurig, niedergeschlagen und verzagt sein. Diesen Teil unserer emotionalen Vielfalt einfach zu verdrängen, macht alles noch schlimmer.

Denn diese ganze "Aufstehen, Krönchen richten, weitergehen"-Ideologie ist zutiefst ungesund und verlogen, und sie geht von einem fundamentalen Irrtum aus: daß nämlich immer nur eine (1) Gefühlslage zu einer Zeit möglich ist. Das ist aber Unfug. Man kann am Boden zerstört sein und trotzdem schon die Euphorie des Neubeginns in sich spüren. Man kann tief enttäuscht sein und trotzdem bereits neue Ideen entwickeln. 

Wieso gönnen wir uns diese Komplexität nicht mehr? Wieso muß alles eindeutig und immer sofort positiv sein? Wieso werden negative Gefühle mit schlechten Gefühle gleichgesetzt, mit denen man sich nicht aufhalten soll - statt sie einfach zuzulassen, sie als Phase bewußt zu durchleben und Kraft und innere Sammlung daraus zu schöpfen? 

Bei mir jedenfalls sind die besten Ideen, die mächtigsten Entschlüsse immer, wirklich immer aus der Verletztheit, dem Schmerz, dem Verlust und der Traurigkeit erwachsen. Und so wird es wieder sein.

Dienstag, 4. März 2025

Ein Date mit mir selbst

Ich habe ein Date - mit mir selbst. Denn der Reiz romantischer Verabredungen liegt ja darin, sich näher zu kommen, Unbekanntes zu erfahren und vertrauter zu werden. Und genau das scheint mir mal wieder nötig. 

Seien wir ehrlich - in der Routine, dem täglichen Funktionieren, dem Erfüllen fremddefinierter Anforderungen und unserer Unterstützung der Ziele anderer Leute entfernen wir uns von uns selbst, verlieren uns gar und werden uns fremd. Ganz einfach, weil wir alles ausblenden, was uns von diesem Funktionieren ablenkt oder ihm gar widerspricht. Wir sortieren uns selbst in solche Facetten und Eigenschaften, die dem Ziel dienlich sind, und solche, die dabei stören, und die letzteren verdrängen wir dann, ignorieren und unterdrücken sie und gewähren ihnen keinen Raum in unserem Alltag. Und selbst wenn doch, dann höchstens als "Ausgleich". 

Unser "Alltag" ist aber unser Leben, die Zeit, die wir auf Erden haben! Eigenschaften unserer eigenen Persönlichkeit daraus zu verbannen, weil sie der Aufgabe nicht nützen, ist eine seelische Selbstamputation, eine Verstümmelung unseres eigenen Seins um obskurer Maßstäbe und Erwartungen willen. Nein danke.

Die Aussichtsplattform des Empire State Building gilt ja - zumindest dem Filmklischee nach - als klassischer Treffpunkt für romantische Begegnungen. Zeit also für ein Date mit mir selbst! Mal schauen, was da noch so ist. In mir. Was ich verdrängt, verloren, verleugnet habe in den letzten Jahren. Mal schauen, ob es da nicht noch Träume gibt, die es wert sind, erfüllt zu werden, Begabungen, die ausgelebt werden wollen, Ziele, die ich mir selbst setze statt setzen lasse! Mal schauen, wie ich mir wieder vertrauter werden kann. 

Höchste Zeit für ein Date mit mir selbst! Ich bin schon ein bißchen aufgeregt.

Montag, 17. Februar 2025

Demokratie braucht keine Disruption!

Könnten wir bitte ein wenig auf unsere Sprache achten? Und ich meine nicht nur die verrohten Wahlkampfpoltereien oder die besonders grellen, widerwärtigen Begriffe wie Remigration, sondern die subtilere, schleichende Brutalisierung der Sprache in Politik, im Alltag und in der Unternehmenskommunikation, die wir gern übersehen und sogar mitmachen.

Ein Beispiel: "disruptiv" – ein Begriff, der sich sukzessive ins Positive verdreht hat. "Disruptiv" wird heute mit entschlossenem, rücksichtslos-genialischem Handeln und besonderer Durchsetzungsstärke konnotiert. Die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes disrumpere ist aber zerstören, zerreißen.
Mir ist schon klar, wie das Wort gemeint ist und verwendet wird: nämlich im Sinne von neuen Geschäftsmodellen und Ideen, die das Alte, Bestehende radikal in Frage stellen. Was ja im Grunde auch gut und richtig ist. 

Aber wie wir Dinge benennen, sagt eben auch etwas über unsere mentale Verfassung aus, und wenn sich viele Menschen von der Disruption à la Musk angezogen fühlen, dann offenbart das eine uralte Psychodynamik. Denn die Revolution, die lustvolle Zerstörung dessen, was einen nicht mehr befriedigt, das Chaos und die Umkehrung aller Werte sind natürlich einfacher als der kontinuierliche Verbesserungsprozess, die mühsame, reformatorische Arbeit am Vorhandenen. Die Disruption bedient atavistische Triebe und schafft schnelle Befriedigung, die tatsächlich ein rein hormonell getriebener Rauschzustand ist, derselbe übrigens, der Rassisten und religiösen Eiferern dieses besoffene Gefühl von Kontrolle und Überlegenheit gibt, wenn sie Menschen beleidigen, angreifen und ausgrenzen: 
Erst mal das Machtgefühl, die Zerstörungswut, der Blutrausch - und dann sehen schon weiter.

Natürlich ist ein solcher Ansatz niemals gut für die Menschen – die brutalen Revolutionen der Weltgeschichte haben das gezeigt. Und so groß die Verlockung ist, erst mal kaputt zu machen, was einen angeblich kaputt macht, so sehr braucht es hier dringender denn je Besonnenheit und Impulskontrolle, einen validen Plan und vor allem eine sensible, inklusive Kommunikation.

Trump, Musk und Vance bieten nichts davon an, Putin sowieso nicht und die Rechtsextremisten, ob sie laut grölen oder nur maliziös lächeln, schon gar nicht. Alle betreiben sie nur zynische Machtspiele, und dafür spalten und hetzen sie Menschen gegeneinander auf und achten nicht der Opfer, die dieses Verhalten fordert – nicht von ihnen natürlich, sondern immer von anderen.

Laßt uns besser sein. Wir sind Europa, und für uns steht gerade alles auf dem Spiel. Alle Errungenschaften, alle Freiheiten, die Einheit, der Frieden und der Wohlstand. 
Aber wir sind Europa! Ein mächtiger Markt mit herausragenden Menschen und weit unterschätzten Möglichkeiten. Besinnen wir uns darauf und halten wir der Disruption neue Ideen, zukunftsfähige Pläne und unverbrüchliche Werte entgegen! Denn Demokratie braucht keine Disruption. Sie braucht leidenschaftliche Verteidiger, kritische Revision, beherzte Reformen, beharrliche Arbeit und echte Visionen. 

P.S.: Geht wählen!

Sonntag, 16. Februar 2025

1932 - kann ich auch!

Gut, spielen wir 1932. Die Rechtsextremen unserer Zeit und viel zu viele Populisten klingen eh schon fast wie damals. In Ordnung, ich mache mit!

Aber eben nur äußerlich. Die Ästhetik der 30er ist zugegebenermaßen mein unangefochtener Lieblingsstil - Kleidung, Autos und Design, das alles war unübertroffen schön. Politisch-inhaltlich hingegen ist an dieser Zeit nicht viel Vorbildhaftes zu finden - nicht die brutale Rhetorik, nicht die Gewalt auf der Straße, nicht die Aufwiegelung und Spaltung, nicht die Zerfaserung der Parteienlandschaft, nicht das naive "Laßt ihn erst mal machen, er wird sich schon selbst entzaubern!" und nicht das Versagen der demokratisch-republikanischen Kräfte, die Katastrophe entschlossen zu verhindern.*

Nein, der Wahlkampf von 1932 sollte uns insoweit kein Vorbild sein, und jeder, der sich gerade um ein politisches Amt bewirbt, sollte sehr genau darauf achten, was er wie sagt und mit wem er Kompromisse oder gar Bündnisse einzugehen bereit ist. 

1932 war äußerlich schön anzusehen - ich wünschte, mehr Menschen würden sich mit so viel Stil kleiden wie damals. Aber noch inniger wünsche ich mir, daß ganz, ganz viele Menschen sich hinter die Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2025 stellen und ihre freiheitlich-demokratische Grundordnung gegen Extremisten und Demagogen verteidigen. 

Am 23. Februar haben wir alle die Chance dazu.


*Ja, ich weiß - auch damals gab es anständige und aufrechte Demokraten, die dafür sogar zum Teil verfolgt und ermordet wurden! Diese Haltung ist selbstverständlich auch heute vorbildlich! Aber das ist hier nicht mein Punkt; letztlich ist die Weimarer Republik am fehlenden Rückhalt des Volkes und fundamentalen Vorbehalten gegen die Demokratie gescheitert - weil man sie halt nicht kannte. Wir hingegen haben eine starke demokratische Basis und Tradition - damit sind wir stärker als jene Kräfte, die auch heute wieder mit gezielten Ätzereien gegen die Medien und Institutionen das Vertrauen in die Republik untergraben wollen, und können die Geschichte diesmal anders verlaufen lassen!

Samstag, 8. Februar 2025

Anstand gewinnt!

Als "muffig" bezeichnet The Pioneer den Begriff Anstand. Ausgerechnet "mein" Schlüsselwort! Je nun. Wenn ich mich in der wahlkampferhitzten politischen Kommumikation so umschaue, begegnet mir deutlich Angestaubteres.

- Unsägliche Entwürfe zur Rolle der Frau.
- Wirre Vorstellungen von der Reinheit des Volkes.
- Atavistische Abwehrreflexe gegen alles Fremde.
- Bizarre Ideen zur Zukunft der Energieversorgung.
- Rückwärtsgewandte Wirtschaftsnostalgie.
- Weltferne Transformationsverweigerung.
- Primatenhafte Gegnerdresche.

Und was nicht noch alles. 

Nein, Anstand ist kein muffiger Begriff. Er ist ein zeitloser Wert, der niemals unmodern wird und nichts anderes bedeutet, als niemanden zu verletzen, niemandem zu schaden, niemandem Anlaß zu geben, sich schlecht zu fühlen, und in allem, was man tut oder läßt, die Folgen für andere Menschen mitzudenken und so gut es geht zum Wohle aller zu handeln. Kurz: Einfach kein egozentrisches Ar****och zu sein.
Ist derzeit vielleicht nicht der Megatrend, aber deshalb noch lange nicht muffig. 

Denn am Ende gilt: #anstandgewinnt.

Freitag, 24. Januar 2025

Patriotismus - eine romantische Erfindung

Über Patriotismus und meine besonders sentimentale Spielart dieses Phänomens habe ich mir offenbar schon immer Gedanken gemacht - zum Beispiel 1991 in einer dreizehnseitigen, handschriftlichen Abhandlung über das deutsche Problem mit der eigenen Nationalität, das nur Extreme zu kennen scheint, die romantischen Wurzeln des Patriotismus im Vormärz, die historische Bedeutung des schwarz-rot-goldenen Banners und den politischen Mißbrauch der Vaterlandsliebe. Ich schrieb das Stückchen mit zarten 20 Jahren. Hier ein Ausschnitt aus dem Manuskript, das mir heute beim Aufräumen in die Hände fiel, zur geneigten Unterhaltung - ich selbst fand vieles noch heute absolut zutreffend:

"[...] Warum wird in deutschen Spießerköpfen der sog. Patriotismus immer politisch definiert? Ist es nicht nicht viel eher ein romantisches Gefühl, welches sich aus kultureller Verbundenheit und Gemeinsamkeit zum Heimatland ergibt? Auch kindheitliche Erinnerungen können da eine Rolle spielen, oder die Landschaft, in der man aufgewachsen ist, oder die gemeinsame Sprache - was weiß ich, es ist halt ein Gefühl! Ein Gefühl romantischer Empfindung, und nicht ein Gefühl nationalistischer Überheblichkeit. Nur weil ich das, was mich umgibt, irgendwie liebe, heißt das doch nich, daß ich es für besser halte als das "Fremde". Es betrifft mich nur direkter. [...]"

Dienstag, 14. Januar 2025

Schweigen ist keine Option

Das Häßliche wird laut. Das Gemeine verschafft sich Gehör. Immer wirrer, immer reißerischer werden die Lügen, und die Sprache wird brutal.

Es ist schwer, jeden Tag dagegenzuhalten. Jeden Tag zu widersprechen und sich für das einzusetzen, woran man glaubt - eine ausgewogene, vernünftige Kommunikation. Zumal man oft genug das Gefühl hat, nur zur eigenen Filterblase zu sprechen und diejenigen gar nicht zu erreichen, die sich immer mehr in ihre gehässige Weltsicht verstricken.

Aber Widerspruch tut not, allein schon, um nicht jenen das Feld zu überlassen, die mit Ängsten spielen und üble Gefühle provozieren. Die in Putin den Befreier, in Musk den Macher und in der AfD die Rettung sehen. Die den Klimawandel leugnen und an eine Wirtschaft von gestern glauben. Und die in der Demokratie die Bedrohung und in der Autokratie die Befreiung sehen.

Drum widersprecht! Schreibt und teilt und kommentiert, in Foren und Gruppen und draußen im Alltag! Wir, die wir an die freiheitlich-demokratische Grundordnung glauben, an Gleichberechtigung und Menschenwürde, sind fraglos mehr! Aber wir müssen auch hörbarer, sichtbarer, unausweichlicher werden!

Schweigen ist in unseren Zeiten keine Option mehr. Erhebt Eure Stimme! Damit der Anstand gewinnt. Denn "nie wieder" ist jetzt

Mittwoch, 25. Dezember 2024

Zeit für Vorbilder

Zu Weihnachten dürfen wir uns mal überlegen, wer unsere Idole sind und an welchen Vorbildern wir unser Verhalten ausrichten und unsere Gesellschaft gestalten wollen. Denn hier und da scheint mir doch ein wenig Heuchelei und Widersprüchlichkeit mitzuschwingen.

So kann man meines Erachtens nicht die Geburt Jesu Christi feiern und zugleich beispielsweise Elon Musk bewundern. Man kann nicht einerseits Selbstlosigkeit, Güte und Nächstenliebe zum Anlaß gerührter Festlichkeit nehmen und andererseits Eitelkeit, Selbstsucht und Menschenverachtung als durchsetzungsstarkes Machertum bejubeln. Man kann nicht zur Verteidigung des christlichen Abendlandes auf die Straße gehen und zugleich ganze Menschengruppen mit Haß, Hetze und Ausgrenzung begeifern.

Jesu personifizierte Mildtätigkeit, Inklusion und Liebe, und zugleich jene sittliche Verrohung, die in unserer social-media-verzerrten Wirklichkeit immer mehr zum scheinbaren Erfolgsrezept wird - das paßt einfach nicht zusammen.

Es braucht keine Religion, nicht einmal einen Gottesglauben, um zu erkennen, daß Jesus das bessere Vorbild ist, denn die Qualität von Vorbildern muss sich immer daran messen lassen, welche Art von Gesellschaft sie schafft. Und da leisten die Musks dieser Welt gerade nichts Gutes.

Zu Weihnachten, vor einem schicksalhaften neuen Jahr 2025, ist es also eine gründliche Überlegung wert, wen wir uns zum Vorbild nehmen. In meinen Augen liefert Jesus da einfach überzeugender.

Freitag, 20. Dezember 2024

Die dunkle Seite des Erfolgs

Wie professionell sind eigentlich Ängste? Wie geschäftlich sind Zweifel? Und wie sehr schadet es dem Ruf, über Schwäche und Überlastung zu sprechen?

In geschäftlichen Umgebungen oder bei LinkedIn geht es immer um Höchstleistungen, um Ziele, Strategien und Erfolge, um den nächsten Job und das höchste Ansehen. Von den dunklen Seiten des Dauervolldampfs bekommt man selten etwas mit.

In persönlichen Gesprächen, die ich mit Führungskräften und Leistungsträgern führe, entsteht jedoch oft ein anderes Bild. Menschen erzählen mir von ihren Grenzen, von Ausgelaugtheit und Zweifeln. Die Palette reicht vom einfachen Lampenfieber über Leistungsdruck und Versagensängste bis hin zu fundamentalen Sinnfragen.

Es geschieht etwas unter der Hochglanzfassade der optimierten Profile und Persönlichkeitsmarken. Eine schleichende Überforderung der Hochleistungskultur, die kein Scheitern akzeptiert und nur Erfolgsgeschichten hören will. Und es ist nicht gut für uns.

Was die Seele zerreißt, den Geist überspannt und das Herz erdrückt, kann so erstrebenswert doch wohl nicht sein. Was Umsatz und Wachstum auf Kosten der mentalen und körperlichen Gesundheit  schafft, ist eine kritische Betrachtung wert. Gewiß, Wirtschaft ist wichtig für Wohlstand und Sicherheit - davon ist derzeit viel die Rede im Wahlkampf. Aber sie darf den Menschen nicht auffressen.

Denn alles im Leben hat nun mal zwei Seiten. Leistung muß auch mal Tiefpunkte erleben dürfen. Erfolg muß das Scheitern zulassen. Motivation muß Raum für Frust lassen und Wachstum muß zeitweiligen Stillstand ertragen können. Und das alles nicht nur im Sinne einer halbherzigen, stirnrunzelnden Toleranz, sondern einer ergänzenden Gegensätzlichkeit, eines Zusammengehörens der beiden Teile, die einander wie Yin und Yang bedingen.

Erst, wenn wir es zulassen und sogar begrüßen, daß Menschen auch über Ängste sprechen, ohne als Versager oder Verlierer diffamiert zu werden, und wenn wir jenen helfen, die mit Zweifel, Schwäche, Frust und Panik zu kämpfen haben, können wir guten Gewissens unsere Erfolge feiern.

Freitag, 29. November 2024

Laß uns reden

Kaum etwas belastet Beziehungen mehr als Unzuverlässigkeit - ganz gleich, ob Geschäfts- oder Liebesbeziehungen, Freund- oder Bekanntschaften. Wo jemand Wankelmütigkeit und erratisches Verhalten zeigt, belastet er sein gesamtes Umfeld.

Das fängt bei der Kommunikation an. Ich habe erlebt, daß jemand meine Nähe gesucht und den Umgang dann plötzlich abgebrochen hat, hernach um ein weiteres Gespräch bat und dann wieder in tiefes Schweigen verfiel. Schwierig, da eine vertrauensvolle Beziehung zu entwickeln, oder? 

Dieselbe Wankelmütigkeit kommt beim Aussageinhalt vor, bei dem, was jemand sagt: Heute wird dieses vereinbart, morgen auf jenes beharrt, und tags drauf soll alles noch mal geändert werden. So kann und will doch niemand arbeiten oder gar leben! 

Zuverlässigkeit ist wichtig und eine hohe Tugend, die selten zu werden scheint. Denn sie hat mit Disziplin und Respekt zu tun, und beides ist nicht mehr leicht zu finden. Gerade im geschäftlichen Kontext ist Zuverlässigkeit aber essenziell, wenn nicht gar existenziell wichtig.

Darum bitte: Sagen Sie, was Sie meinen, handeln Sie nach dem, was Sie sagen, und halten Sie sich an das, was vereinbart wurde. Das macht Ihr Leben einfacher, Ihre Beziehungen stabiler, Ihre Erlebnisse erfüllender und Ihr Geschäft lukrativer!

Dienstag, 26. November 2024

Deutschland - ein Fragezeichen

Während meiner Oberstufenzeit wollte ich Architekt werden, etwa so wie Helmut Jahn. Ich entwarf eifrig Kongresszentren, Stadien und Wolkenkratzer, baute Modelle dazu und entwickelte Visionen für das Deutschland, das mir für die nächsten 20, 30 Jahre vorschwebte.

Damals, um 1989/1990, standen wir an der Weltspitze in Forschung und Entwicklung, unsere Züge waren pünktlich und unsere Autobahnen makellos glatt. Wir bauten die besten Autos der Welt, waren die Nummer 1 im Export und hatten noch einen Platz in der Hochtechnologie. Ich glaubte fest, daß wir unsere Spitzenposition mit Fleiß, Innovation und Leidenschaft halten und das viele Geld nutzen würden, um unser Land permanent zu modernisieren und zukunftsfit zu machen.

Heute weiß ich, wie wir alle, daß nichts davon geschehen ist, und frage mich, warum es so zwingend dazu kommen mußte. Ja, sicher - man kann vieles herleiten. Aber um Analysen und Erklärungen geht es mir gar nicht. 

Dieses heutige Deutschland ist mir einfach rätselhaft. In vielerlei Hinsicht verstehe ich die Menschen, die Mentalität und die soziale und psychische Dynamik nicht mehr. Es fehlt diesem Land an Selbstvertrauen, an Gelassenheit, an einer Idee von sicht selbst und an einem unverbrüchlichen Einverständnis - nämlich dem einer auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung basierenden sozialen Marktwirtschaft, die damals eben kaum in Frage gestellt wurde. 

Nun sei es mir fern, nostalgische Sehnsüchte zu kultivieren (wozu ja gerade meine Generation Neigung und Anlaß hat) und im Glanz der Vergangenheit den Schlüssel zur Zukunft zu sehen. Wir haben eben gründlich den Anschluß verpaßt ans Weltgeschehen, an technologische Entwicklungen, an Innovation und Marktanforderungen. Da nützt auch keine Verbrennerromantik à la Söder & Co. 

Gleichwohl frage ich mich, wie wir das lösen, wie wir zurückfinden zu einem funktionalen Land mit motivierten Menschen und zukunftsfähigen Lösungen. Wo wir ansetzen müssen. Was die Prioritäten sind und welche Strategie die richtige ist. Und wie wir vor allem das Vertrauen in die Institutionen, die Gewaltenteilung und die Demokratie zurückgewinnen.

Ich habe da so meine Vorstellungen, aber vielleicht stecke ich ja auch in einer Blase fest, die meinen Blick verengt. 

Also ziehe ich mal den Publikums-Joker und frage - was meinen Sie?

Montag, 25. November 2024

Das erste Wort der Hymne lautet Einigkeit

Liebe Parteien*,

ich weiß, es ist Wahlkampf, und ich weiß, er ist kurz. Eigentlich haben wir alle keine rechte Lust drauf, aber da müssen wir jetzt durch.

Tut uns aber doch bitte einen Gefallen: Nervt uns nicht. Offenbar glaubt Ihr, in die knappe Zeit bis zur Wahl müsse man kommunikationsstrategisch möglichst krasse Aussagen und brutale Ab- und Ausgrenzungen quetschen. Aber das ist Unfug. 

Es ist jetzt schon anstrengend, einen SPD-Kanzlerkandidaten aufgezwungen zu bekommen, den kaum jemand will. Es ist zermürbend, sich ständig die larmoyant-beleidigten Sticheleien der FDP anzuhören, wo man konstruktive Vorschläge und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erwartet. Es ist ernüchternd, einen Grünen-Parteitag zu erleben, auf dem es so gut wie keine Selbstkritik gibt. Und es ist geradezu erschütternd, täglich die rüpelhaften Angriffe der CSU auf den vermeintlichen Hauptgegner ertragen zu müssen und in der CDU einen Kandidaten zu erleben, der vor lauter Gestrigkeit so gar keine Perspektive nach vorn anzubieten hat. Nervt. Und hilft niemandem.

Versteht mich nicht falsch - Ihr alle glaubt an irgendwas, und ich unterstelle besten Willens jeder von Euch ein Grundgerüst an Überzeugungen, Ideen und Absichten. Aber was Ihr da aufführt, trifft gerade nicht die Bedarfslage des Landes. Da draußen gibt es ein verbreitetes Bedürfnis nach Perspektive, nach einer Strategie für Deutschland, die Hoffnung macht und über die nächste Legislaturperiode hinausweist, nach beherztem Anpacken der immensen Mängel und Versäumnisse auf der Basis von Expertise und Vernunft, und nicht der Parteidoktrin, damit mal wieder Motivation und Zuversicht in unseren Herzen aufkeimen.

Kurz: Ich wünsche mir von Euch das große Bild, jenen echten Patriotismus, dem das Wohl des Landes und seiner Menschen über ideologische Grenzen geht, versöhnliche Töne hier und da, anschlußfähige Vorschläge und die Schaffung gemeinsamer Grundlagen und Chancen, um die Menschen mal wieder zu integrieren und die Probleme zu lösen. 

Das bedeutet ja nicht, sich plötzlich in allem einig zu sein oder bis zur Unkenntlichkeit anzupassen. Aber davon, sich gegenseitig zu beschimpfen und zu zerfleischen, profitieren am Ende nur eben jene Demokratie- und Staatsfeinde, die Deutschland nicht retten, sondern verraten wollen.

Liebe Parteien, nervt uns nicht. Setzt Euch zusammen und findet die optimale Lösung. Seid im besten Sinne Patrioten. Und bringt dieses großartige Land voran!

Danke! ❤️🇩🇪


*Mit Parteien meine ich hier jene, die unverbrüchlich auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und in Wesenskern, Programmatik und Zielsetzung demokratisch sind, nicht also die geifernden Hetzer der AfD und auch nicht die zynischen Putin-Schleimer des BSW.

Donnerstag, 14. November 2024

Der Glanz vergangener Zeiten

Sieh an - ein Grundig-Fernseher! Welch selten gewordene Entdeckung, die ich da in einem Hotel in Düsseldorf mache.

Grundig - eine deutsche Traditionsmarke. Und seit 2003 eben leider auch nicht mehr als das: eine Marke, an der ein anderes Unternehmen die Rechte hält. Denn das von Max Grundig gegründete Unternehmen, das seit 1930 besonders für Qualitätsprodukte der Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik bekannt ist und wesentlich zum westdeutschen Wirtschaftswunder beigetragen hat, gibt es seit 21 Jahren nicht mehr. Mangelnde Innovation, veränderte Weltmärkte, schärfere Konkurrenz, Veränderungsaversität, Insolvenz. Und das lange, bevor die Grünen regiert haben.

Wenn wir uns also fragen, wieso die vielbesungene deutsche Wirtschaft heute kaum noch wächst, ihre Entwicklungskraft verliert und ihren Status als Expertweltmeister längst eingebüßt hat, dann sollten einem nicht reflexhaft die Grünen in den Sinn kommen, sondern ein deutsches Grundproblem, das in Grundig exemplarisch sichtbar wird und sich heute gut an der Automobilindustrie nachvollziehen läßt: eine jahrzehntelang gärende Mischung aus Ignoranz und Unfähigkeit, aus Innovationsverweigerung und Lähmung.

Ja, all das hat auch politische Ursachen - Bürokratie, Energie, Steuern und viele mehr. Aber eben nicht nur. Auch Unternehmen, die in Zukunft am Weltmarkt - und besonders zwischen den Wirtschaftssupermächten USA und China - bestehen wollen, sind in der Pflicht, sich zu transformieren und anzupassen, und sich gegebenenfalls Nischen zu suchen, statt trotzig an überholten Geschäftsmodellen festzuhalten - Stichwort Verbrenner, Stichwort Digitalisierung. 

Können wir es nicht besser? Der deutsche Erfindergeist kann doch nicht so einfach weg sein, und die Herausforderungen, Potenziale und Möglichkeiten moderner Schlüsseltechnologien sind schier endlos. Da geht doch noch was für Deutschland, oder? 

Schön also, mal wieder jenen Schriftzug auf einen Elektronikprodukt zu sehen, der schon mein erstes Kassettendeck geziert hat. Aber eben auch ein bißchen traurig. 

Also, los jetzt!


Sonntag, 10. November 2024

Von der Schönheit des Scheiterns

"Die gescheiterte Hoffnung" wurde Caspar David Friedrichs Bild "Das Eismeer" bis 1965 genannt, und obwohl dieser Titel auf einer Verwechslung beruhte, paßt er gar nicht schlecht. Denn das zwischen den Eisschollen zermalmte Schiffswrack drängt dem Betrachter seine Metaphorik geradezu auf, und kaum jemand kann dieses Bild betrachten, ohne sich ein wenig darin wiederzufinden.

Wir scheitern. Hoffnungen bleiben unerfüllt. Die beste Lösung tritt nicht immer ein, und die richtige Idee wird oftmals abgelehnt. Das alles tut weh, frustriert und enttäuscht uns - und ist doch unvermeidlich.

In solchen Situationen denke ich oft an dieses Bild, das zu meinen unumstrittenen Lieblingsgemälden gehört, und besinne mich auf die erhabene Schönheit, mit der das Eis sein tödliches Werk verrichtet - das Aufbrechen allzu glatter Flächen, das Streben der Schollen aus ihrem Urgrund heraus zu etwas Neuem, etwas Höherem. Selbst das geborstene Schiff wird sich dem gewaltigen Zauber dieses Geschehens, dieser Transformation nicht vollends entziehen können.

Und so versuche ich, auch in meinem Scheitern, in jeder Ablehnung und dem Bersten von Ideen, an die ich glaubte, die Schönheit des Neubeginns zu sehen. Leicht istbdas nicht, aber es hilft, seine Kraft nicht in der Betrachtung des Gescheiterten aufzureiben, sondern der nächsten Idee, dem vielversprechenderen Weg zuzuwenden.

Denn wenn ich das Scheitern schon nicht immer vermeiden kann, dann möchte ich es wenigstens genießen!

Montag, 16. September 2024

Kultur versus Natur

oder: Der Faschismus als natürliche Lebensform? 

Wer den Maria-Theresien-Platz in Wien kennt, weiß, daß sich hier das Kunsthistorische und das Naturhistorische Museum gegenüberstehen, zwillingshaft gleich und doch ins genaue Gegenteil gespiegelt. Kunst und Natur als einander ergänzende Gegensätze bilden sich in dieser Architektur ab, und beide, so das Verständnis des ausgehenden 19. Jahrhunderts, unterliegen der Herrschaft des Menschen.

Liest man also die Kunst als Ausdruck des menschlichen Anspruchs, die Natur der Welt zu kultivieren, dann entstehen zwei Ebenen - eine grundlegende Ebene der Natur, aus der alles kommt, auf der alles fußt, und die nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, und eine darüber gelagerte Ebene der Kultur, die sich aus der ersteren herausformt und damit den ästhetischen, aber auch den praktischen, politischen, zivilisatorischen und logistischen Bedürfnissen des Menschen dienlich ist. Auf dieser Ebene ist unser Gemeinwesen organisiert. Hier finden sich unsere moralischen und gesetzlichen Regeln, unsere Umgangsformen und Manieren, unser künstlerischer Ausdruck, unsere Debatten und Diskurse, unser soziales Gefüge und unsere Vorstellungen von Anstand und Ordnung. Kultur - das ist in erster Linie Maß, Proportion und Gleichgewicht, eine ausgewogene, bewußte Gestaltung des Seins von apollinischer Schönheit.

Nun ist es für in diesem Sinne kultivierten Menschen schwer, sich dem Eindruck zu verweigern, daß genau diese Ebene unseres Seins zunehmend erodiert. Die Diskurse verrohen, die Manieren verlieren an Bedeutung (und eben jener Verlust, etwa beim Wegfall jeder Kleiderordnung, wird von manchen sogar als große Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen gefeiert), Kunst wird repetitiv, Anstand zur Interpretationssache, und die soziale Ordnung ächzt unter den Spannungen, die ihre immer extremeren Ränder verursachen. Der Mensch wird lauter und gröber, und das Ideal der starken, unerbittlichen Führung erlebt eine gruselige Wiedergeburt.

Aber warum? Freilich kann man das alles psychologisch ergründen - eine unbeherrschbar gewordene Welt, in der eine aus selbstsüchtiger Gier übermäßig geschundene Natur extreme Reaktionen zeigt, politische Ungewißheit überall, Kriege und Pandemien - zu viele Krisen, in denen sich der Mensch nach einfachen Antworten sehnt und jenen folgt, die sie versprechen. 
Aber auch das ist eine zu einfache Antwort. 

Ich frage mich zuweilen, ob wir nicht einfach kulturmüde sind. Ob wir einen seit 75 Jahren wildwuchernden Freiheitsbegriff nicht an einen Punkt haben gelangen lassen, an dem Freiheit vor allem als Freiheit von Zwang und Verantwortung verstanden wird. Als Freiheit von allem, was nicht in unser bequemes Selbstbild paßt. Denn Kultur ist immer auch Selbstzwang. Wenn ich mir zum Beispiel für eine Hochzeit bei 32 Grad einen Morning Coat anziehe, dann tue ich mir um des gesellschaftlichen Kodex' und des Gesamtbildes der Veranstaltung willen einen Zwang an - schon aus Respekt vor dem Brautpaar und der Festgemeinschaft. Der Wirkungshorizont meines Verhaltens erweitert sich über meine eigenen Bedürfnisse hinaus zu einem Teil des sozialen Ganzen. Natürlich gibt es da heutzutage auch welche, die ohne Rücksicht auf solche Erwägungen in kurzen Hosen kommen - "weil das ja bequem ist und sie eh machen dürfen, worauf sie Lust haben." Das sind die Menschen, die mir dann ganz gern raten, doch mal "locker" zu sein. Aber ihren Respekt vor der kulturellen Erhabenheit des Anlasses, den Respekt vor dem apollinischen Gesamtbild legen sie damit ab.

Diese schleichende Dekultivierung, die stufenweise Verrohung in allem, die Menschen, die sich auf der Straße wegen irgendwelcher Petitessen anschreien, der Groll, mit dem in den sozialen Netzwerken beleidigt, beschimpft, gelogen und gelästert wird, und der befreiende Rausch, mit dem man die eigene Weltanschauung herausbrüllt, weil man sich durch Gleichgesinnte bestärkt fühlt - all das wirkt auf mich viehisch. Der Mensch reanimalisiert sich, streift seine Kultur ab und löst Konflikte nach dem Recht des Stärkeren, Lauteren, Brutaleren. So wie es die Natur macht.

Eben jenes Überleben des Stärkeren ist indes das Wesen des Faschismus. Das tumbe Mitlaufen in der bequemen Verantwortungslosigkeit, die brutale Ausgrenzung alles Artfremden, die Abwertung schwachen Lebens als lebensunwert, die bedingungslose Führung des Starken und die blinde Gefolgschaft der Masse, das verantwortungslose Mitlaufen in einem ausschließlich auf Selbsterhaltung und Durchsetzung bedachten Gefüge - all das sind faschistische Prinzipien und haben mit apollinischer Balance nichts mehr zu tun. Wenn lächerliche Männchen mit bartlosen Hängebacken von der Wiederentdeckung der Männlichkeit faseln, dann ist damit nichts anderes gemeint als eben jenes Überleben des Stärkeren, dessen Selbstbehauptung in der Welt auf Rücksichtslosigkeit, Kampf und Sieg beruht. 

Der Faschismus, so möchte man sagen, ist der Versuch, die menschliche Gesellschaft zu renaturalisieren, oder im Umkehrschluß: das Wesen der Natur, auch der menschlichen, ist im Grunde eine faschistische Ordnung. 

Eine These, die angst macht. Tiefe Sorge und nackte Panik hervorruft. Denn in ihr schwingt etwas Unausweichliches mit, etwas Deterministisches. So als ob jede Phase kultureller Eindämmung der natürlichen Triebe irgendwann unter deren Druck wieder enden und ihnen neuerlich Raum geben muß, weil Instinkt eben doch wirkmächtiger ist als Vernunft, und der Trieb tiefer wurzelt als alle Erkenntnis. 

Und so schaue ich hin und her zwischen dem Kunsthistorischen und dem Naturhistorischen Museum und frage mich, warum uns der Ausgleich zwischen Natur und Kultur nicht gelingen will. Warum wir entweder in kultivierter Form erstarren oder uns rauschhaft dem ewigen Kampf der Natur hingeben, nach dem das Tier uns uns lechzt. Warum die apollinischer Balance nicht im Gleichgewicht bleibt und uns zu befriedigen oder gar glücklich zu machen vermag. 

Frag's mich und habe keine Antwort.

Dienstag, 13. August 2024

Freiheit, die ich meine

Freiheit - unser höchstes politisches Gut. Alle anderen Rechte und Vorzüge der Demokratie lassen unter diesen zentralen Begriff subsumieren. 

Für mich ist Freiheit immer eine europäische und sowohl in Deutschland als auch in Österreich nicht ohne die starke Gemeinschaft der EU denkbar. Ich bin froh und glücklich, in zwei stabilen EU-Staaten zu leben, und halte alle Austrittsphantasien, die hüben wie drüben von manchen diskutiert werden, für absurd.

Seien wir mal doch wieder ein bißchen dankbar und setzen uns ein für das immense Privileg der Freiheit, in der wir leben, statt das Erfolgsmodell EU schlecht zu reden und uns über angebliche Pommes-frites-Längenverordnungen aufzuregen. Mich jedenfalls beruhigt und beglückt es, über all meinen Wohnsitzen das nachtblaue Sternenbanner wehen zu sehen!

Denn es steht für jene Freiheit - die Freiheit, die ich meine!

Die Macht der wohlgewählten Worte

Worte sind irgendwie immer nur auf Platz zwei. "Taten zählen mehr als Worte", sagen die Menschen, oder gar "ein Bild sagt mehr als tausend Worte." Und so richtig diese Aussagen einerseits sind, so falsch kommen sie mir andererseits vor.

Denn Worte werden darin irgendwie gegen die anderen Ausdrucksformen ausgespielt, als Gegensatz oder Alternative dargestellt, die zur gleichen Zeit dem gleichen Zweck dient und sich dabei als minderwertig erweist.

Mich schmerzt diese Diskreditierung der Worte als Instrument der Kommunikation, denn ich liebe die Sprache und sehe in ihr nicht nur ein wunderbares Kulturphänomen, sondern auch das wichtigste und mächtigste Ausdrucksmittel überhaupt. Und zugleich erscheint es mir unfair, Bilder, Taten und Worte so kompetitiv gegeneinander zu stellen.

Natürlich ist es besser, jemand tut etwas, statt nur zu labern. Natürlich kann ein expressives Bild mehr spontane Gefühle evozieren als ein Text.

Aber darum geht es doch gar nicht.

Worte, unsere Sprache ist das, was uns menschlich macht. Sie ist (anders als Bilder) in der Lage, komplexe Sachverhalte umfassend zu beschreiben, zu differenzieren, Interessen klarzustellen und auszugleichen, und Menschen zueinander zu bringen. Würde mehr geredet - im Sinne echten Austauschs, Zuhörens und Verstehens -, gäbe es weniger Kriege, weniger Streit, weniger Scheidungen. 

Aber die Sprache wird immer mehr abgewertet. In einer audio-visuellen Medienwelt, in der wir in jedem Supermarkt, jedem Lokal und jedem Kaufhaus mit Musik behämmert werden, uns überall bunte Bilder bestrahlen und die Hälfte unserer Lebenszeit Bildschirme vor unseren Augen flimmern, nimmt die Tiefe, die Komplexität und Feinheit der Sprache ab. Unser Austausch wird standardisierter und simpler, und unsere Denkfähigkeit paßt sich nach unten an.

Weil ich das nicht gut finde, schreibe ich so gern. Weil ich das nicht gut finde, rate ich als Coach und Privatnensch, die Sprache nicht zu vernachlässigen, sondern sie zu lieben und zu pflegen. Denn wenn wir uns irgendwann nur noch angrunzen oder anbrüllen, wie man es im Alltag bereits beobachten kann, oder nur noch über stilisierte Bilder kommunizieren, dann haben wir unsere Menschlichkeit endgültig verloren.

Donnerstag, 18. Juli 2024

Mit dem Strom, gegen den Strom

 "Man muß gegen den Strom schwimmen. Bloß nicht Mainstream sein." Solche Formulierungen scheinen heute der Ausweis schlechthin zu sein für ein besonders eigenständiges, aufgeklärtes, moralisch und intellektuell überlegenes Denken. Und ich kann kaum in Worte kleiden, wie sehr mir das auf die Nerven geht.

Denn dieses Axiom, daß einen bloßes Dagegensein bereits über andere erhebt, daß ein stumpfes Bestreiten mehrheitlicher Meinungen und Wahrnehmungen in irgendeiner Weise elitär sei, dient doch nur einem Zweck: sich eine destruktive Mission zu geben und ein Narrativ der Überlegenheit zu schaffen. Es ist arrogant, weil es Mehrheiten als willenlose, breite Masse denunziert, und es ist undemokratisch, weil es eben jenen Mehrheitswillen nicht anerkennt. 

Vielleicht ist, was manche verächtlich "Mainstream" nennen, ja oft einfach nur gesunder Menschenverstand. Vielleicht fließt der Strom, gegen den die Selbstprofilierer so gerne schwimmen, ja genau deshalb so, weil das der für viele überzeugendste Weg ist.

Man verstehe mich nicht falsch - kritisches Denken ist sehr erwünscht! Allgemeine Überzeugungen immer wieder in Frage zu stellen, zu validieren oder zu optimieren, ist unser aller demokratische Pflicht. Mich stört nur das prinzipielle Dagegensein, das reflexhafte Ablehnen und Schlechtreden von allem, was eine Mehrheit für gut und richtig hält, nur um andere zu diskreditieren. 

Das ist nicht edel, widerständig und aufgeklärt, sondern spalterisch, selbstgefällig und eben viel zu simpel.

Sonntag, 7. Juli 2024

Der Mensch, der ist

Eine Selbstanalyse

„Ich möchte den Menschen sehen, der ist“, sagt sie, „nicht den, der geworden ist. Nicht das perfekt inszenierte Bild, das du mir zeigst.“
 
Seltsam, wie tief mich diese Worte treffen. Verletzen. Denn ich habe sie schon einmal gehört, vor langer Zeit. Sie berühren einen sehr alten, sehr wunden Punkt. Aber das kann sie natürlich nicht wissen. Sie hört nicht, wie mein Herz bricht, an derselben alten Stelle. Tief unter dem Bild, das sie von mir hat. Und das sie für inszeniert hält.
 
Aber ich höre es. Höre tief in mich hinein. Suche den Menschen, der ist unter dem Sediment lebenslangen Werdens. Und finde, wie immer – nichts.
 
Ist es überhaupt möglich zu sein, ohne geworden zu sein?, möchte ich ihr reflexhaft entgegenwerfen. Ist nicht schon das Neugeborene durch eine neunmonatige Erfahrung von Herz- und Atemgeräuschen, Stimmen, Hormonen, Nährstoffen und Gefühlen gegangen, durch den gedämpften Hall des mütterlichen Alltags? Die anstrengende Geburt und den ersten Schrei in der grellen Kälte? Wurden wir nicht alle spätestens in jenem Moment?
 
Aber ich weiß ja, was sie meint. Und ich will ihr nicht ausweichen, indem ich den Sinn ihrer Worte durch derlei Spitzfindigkeiten verzerre.
 
Wieder einmal suche ich ihn in mir. Den Menschen, der ist. Denn jetzt hat sie mich neugierig gemacht. Buchstäblich: gierig auf Neues. Denn da, in mir, ist nichts. Und war nie etwas. Nichts, was ich je gespürt hätte. Nichts, was je einfach nur war. So ganz ohne Werden. Ohne Suchen. Nichts, das es auch nur verdient, mit „ich“ bezeichnet zu werden. 
Andere tun sich da leichter. Andere, die ganz hier sind. Die sich mühelos konkretisieren in diesem Leben. Ich habe sie stets bewundert. Schon im Kindergarten: da waren kleine Menschen, die genau wußten, daß sie sind. „Ich“ sagten sie. Ganz überzeugt von der Bedeutung dieses Wortes. Und ich spürte sie. Nahm ihr Selbstbild wahr, ihr Stärke, ihre Echtheit. Aber auch ihre Sehnsucht, ihre Schwäche. Jedes Gefühl der Welt schien in mich hineinzufließen. Mein Reich hingegen war irgendwie nicht von dieser Welt. Und auch heute sehe ich Menschen, die ihre Identität messerscharf ausdefiniert haben – aus dem Seienden ganz folgelogisch zum Gewordenen. „Verwirklicht“ ist das Wort, das sie verwenden. Und es trifft: Das, was sie sind, in dem zu verwirklichen, was sie werden – das schaffen sie. Mir bleibt dieses Gefühl fremd. Denn ich bin ja nicht. 
 
Das, was sie Bild nennt, ist auch für mich selbst nicht leicht überwindbar. Für meinen Blick in mich selbst. Denn mehr als dieses Bild habe ich nicht.
 
Ich horche weiter. In mich. Auf andere. Suche. Frage. 
Und plötzlich ist da doch etwas. Sehr schemenhaft, sehr schwer greifbar. Ein Ahnen, mehr nicht. Ein Anhauch von universellem Sein, von Herkunft und Zugehörigkeit und Rückkehr. Leise und tief in meiner Seele flirrt es, webt sich hinaus ins Unendliche, oder von dort in mich hinein. Und das ist das Selbe, denn das Unendliche hat keine Richtung. Es zieht an mir, bindet mich. Läßt sich nicht benennen. Viel zu allgemein, viel zu wenig konkret, um daraus eine individuelle Substanz für mich selbst zu machen. Eine Wesentlichkeit. Für den Menschen, der ist. Im Gegenteil – es „enticht“ mich. Denn es gehört mir ja nicht. Sondern allem.
 
Einsam macht dieses Ahnen. Kaum jemand, der es spürt. Kaum jemand, der das schreckliche Alleinsein im Unendlichen mit mir teilt. Bis heute.
 
Je mehr ich mich auf sie eingelassen habe, meine Ahnung des Universellen, um Identität und Sinn in ihr zu finden, desto mehr hat sie mich isoliert. Wie paradox – das Universelle, das mich vereinzelt. Das Große, das mich verkleinert. Das Allgemeine, das mich von den Menschen trennt. Gefühligkeit. Traurigkeit. Schwermut. 
Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes. Mehr wiegt eben schwerer. Wer viel ahnt von der Unendlichkeit des Seelenseins, der trägt eben schwer. Spürt das schlafende Lied in allen Dingen. Sehnt und strebt. Das Leben wird größer. Schwerer. Aber eben auch größer. Depression? Das sagt man heute viel zu schnell. Darin klingt Niedergedrücktheit. 
Nein, meine Schwermut war nie depressiv. Aber Sehnsucht lag darin. Wenigstens zu verstehen, was da ist. Einen Begriff, eine Idee, irgendetwas Greifbares. Das in diese Welt einzuordnen ist. Und mich in diese Welt einordnen könnte. Aber das hatte ich nicht. Ich war nur einsam. Zu fremd, zu fern dieser Welt, um in ihr zu bestehen.
 
Also griff ich nach ihr. Der Welt. Schuf mir Substanz aus dem, was mich umgab. Worin Sein lag. Worin ich Abbilder des Erahnten erspürte.
 
Die Weisheit und der Anstand meines Großvaters. Die Liebe meiner Mutter. Die Geborgenheit des großelterlichen Paradiesgartens, in dem die restliche Welt nicht galt. Eine Zwischenwelt, ein Tor zu dem, was ich im Ganzen ahnte. 
In allem aber war eines fühlbar – Liebe. Eine Liebe, die ich als Widerhall des Unendlichen, des unsichtbar Universellen und ewig Gültigen spürte. In allem. Und in mir. 
Wer viel Liebe hat, braucht viel Kraft. Liebe ist anstrengend. Nur, wer unendlich viel davon hat, wird nie erschöpft sein. Bald spürte ich sie überall. In Kunst und Kultur, dargestellter Schönheit als unvollkommenes Abbild der unergründlichen, grenzenlosen Schönheit des Seins. In virtuosem Handwerk, im Schöpfergeist und der Hingabe des Meisters an sein Werk. In Bildung und Wissen, in dem sich eine wesensgleiche Miniatur des universellen Bewußtseins herausbildet. Im Sex, in der körperlich-intimen Begegnung, weil sie – neben der Musik – das ist, was im Weltlichen der Verschmelzung mit dem universellen Sein, der vereinenden Begegnung von Seelen am nächsten kommt. Wenn man sie denn in dieser Dimension zu erleben vermag. Nur wenige Seelenbeziehungen verdienen diesen besonderen Ausdruck von Nähe, die mit schnellem Spaß oder viehischem Trieb freilich nichts zu tun haben kann. 
 
Der Ahnung auf die Schliche kommen. Sie echt und erlebbar machen. Zu einem Wesenskern meines Daseins. Das wurde mein Lebensziel. 
 
Ich schaue mich an. Mein Spiegelbild. Das Ahnen, Suchen, Zweifeln, Sehnen. Heimlich überfordert von den Wirkmechanismen der Welt. Nicht wirklich fähig, dieses erdige, grobe Leben ganz und gar zu leben. Voller Sehnsucht, anzukommen. Angenommen zu werden von dieser Welt. Und sie zugleich scheuend. 
Der Mensch, der ist. Er muß Teil von ihr werden. Sich verstecken, inszenieren in dem, was die Welt begreifen kann. Um sich dann wieder zu öffnen. Ganz zu zeigen. Sehr wenigen gegenüber. Die sich die Zeit nehmen.
Die Begriffe verschmelzen mir zu etwas Unendlichem. Das ich nie ganz begreifen kann. Liebe. Sehnsucht. Schönheit. Lust. Vollkommenheit, Ewigkeit. Sein. Alles wird mir eins. Ich suche nach Gleichgewicht. Harmonie. Nach Entsprechung des Innen und des Außen. Mein unendliches Seelensein und mein beschränktes Weltleben, ausbalanciert auf dem Lagerpunkt universeller Liebe. Einer Liebe, die beiden Seiten gilt. Und sie vereint. Ich möchte der Liebe ein Ziel geben. 
Nicht ich zähle hier, sondern das Maß, in dem ich die universelle Liebe, die mich durchfließt, in der Hiesigkeit verwirkliche. Auch das macht einsam. 
Was der Mensch, der ist, wirklich ist? Ich kann es immer noch nicht sagen. Aber ich kann aus dieser Ungewißheit, dieser Weltferne einen guten Lebensentwurf machen. Für mich und für andere. 
So ist das Bild, das perfekt inszenierte Bild, das sie sieht, eben nicht irgendein Bild. Es ist nicht einmal inszeniert. Inszeniert ist nur der Schein, der keine Entsprechung, kein Fundament im Sein hat. Mein Bild ist nicht so. Sondern es ist unvermeidbar entstanden, erwachsen aus mir. Aus dem Menschen, der ist. Und den es abbildet.
 
„Ich möchte mich nicht auf dich einlassen“, sagt sie, „ich suche Menschen, denen das Äußerliche, die schönen Dinge, der schnelle Spaß egal sind.“
 
Widerspricht sich das nicht? Wie gelange ich denn in jemandes Tiefe, jenseits der Oberfläche, wenn ich mich nicht einlasse?
Schneller Spaß. Falscher könnte sie mich wohl nicht deuten. 
Universelle Liebe. Die Sehnsucht nach völliger Einswerdung im Rahmen des weltlich Möglichen. Nach Rückkehr ins Ganze, Auflösung im Ewigen. Nach Verstehen. Verstanden werden. Annehmen. Verschmelzen in einem Moment der Unendlichkeit. Das trifft es wohl eher.
Schöne Dinge. Ja, die machen mir Freude, keine Frage. Aber nie um ihrer selbst willen. Nicht als Statussymbole. Wie lächerlich wäre das! 
Sie machen mir Freude, weil sie ihrerseits Ausdruck von etwas Höherem sind, dem Streben nach Perfektion, nach Schönheit, nach dem Edlen, Ungewöhnlichen, ein bißchen Überirdischen. Die Kunst. Das Handwerk. Weltenthobenheit. Eskapismus. Und weil es mir Freude macht, andere daran teilhaben zu lassen. Schöne Erfahrungen zu ermöglichen. Und sie zu teilen.
Aber ja, ich verstehe die Mißverständnisse. Und daß ich bei manchen Klischees bediene, über die ich selbst nur den Kopf schütteln kann. 
 
„Worte sind das eine“, sagt sie, „sich zeigen das andere. Und bei dir spüre ich die Brücke nicht. Daher ziehe ich mich zurück.“ Und geht. 
 
Es passiert mir öfter, daß ich zur Projektionsfläche für Dinge gemacht werde, die gar nichts mit mir zu tun haben. Mit einer Hartnäckigkeit werden sie mir angeklebt, die mich bestürzt. Und gegen die ich mich nicht wehren kann. Denn ich habe noch keinen Weg gefunden, diesen Zwiespalt aufzulösen. Die Brücke zu schlagen. 
Worte seien das eine. Nein. Für mich nicht. Für mich sind Worte alles. Ich habe sie früh geliebt. Sie mir zueigen gemacht, sie ergründet und geschliffen, gesammelt und gehegt. Sie sind meine einzige Chance. Die einzige Möglichkeit, in Austausch zu kommen mit der Welt, mit den Menschen. Und verstanden zu werden. Holprig, lückenhaft und stümpernd auszudrücken, zumindest anzudeuten, was ich ahnend in mir, im Seelensein spüre. Ich möchte verstanden werden. Es geschieht selten. 
Wie schade, wenn Menschen freiwillig so viel verpassen. Weil sie lieber projizieren und imaginieren als hinzusehen. Schutzbehauptungen ängstlicher Schwäche. Oder kalten Eigennutzes. Was weiß ich.
 
„Du zeigst der Welt ein Bild“, sagt sie, „und mit diesem Bild kann man bestimmt eine tolle Zeit verbringen. Aber ich will das nicht mehr.“
 
Eigentlich lernt man mich recht schnell kennen. Mich. Dieses liebende Sehnen nach dem Schönen, Großen, das sich nie konkret gefunden hat, sondern ein bißchen traurig und verzweifelt umherirrt und irgendwo einen Widerhall sucht. Vielleicht sogar etwas, das ich in der Begegnung mit anderen „ich“ nennen darf. Aber ganz decken wird sich das bei mir nie. Und so bleibt der Mensch, der ist, immer nur in dem erkennbar, was er geworden ist. 
Ja, ich bin weltlicher geworden in den letzten Jahren. Dem Anschein nach. Seit Kurzem lasse erstmals bewußt auf die Wirkmechanismen der Welt ein. Habe mir einen Platz geschaffen, den ich aushalte. Aus Verantwortung. Weil ich nicht mehr nur für mich leben und planen kann. Sondern für meine Tochter. Manchmal ist die Versuchung groß, mich hinter mir zu lassen. Also mein echtes Ich. Das Ich, das sucht und Angst hat und nicht recht hierher gehört. Mich ganz dem Weltlichen hinzugeben. Eine Ersatzidentität zu schaffen im Hier und Jetzt. Die verstanden wird. Und anerkannt. Wie so viele das so erfolgreich tun. Aber ich kann das nicht. Die Rolle bleibt unzureichend. Sie ist nicht unauthentisch. Aber bildet eben nur einen Bruchteil von mir ab. Eisberghaft.
Dünnes Eis. Was ich darstelle, wirkt auf die Außenwelt sehr viel überzeugender als es für mich selbst ist. Nie bin ich ganz davor gefeit, in mich zurückzufallen. Meinen Platz intuitiv und lustvoll zu sabotieren. 

Dabei habe ich Glück. Für mein Weltleben darf ich Dinge tun, die ich gern tue. Und die wiederum eine Brücke schlagen zum Großen, Universellen, Schöpferischen. Zum Ahnen, das zu skizzieren und abzubilden mir mein Gewordenes ermöglicht. Zur Liebe, die ich dazu nutze, Menschen zu helfen. 
 
Der Mensch, der ist. Er wird mir langsam klar. Sein Wesenskern ist Liebe. War es schon immer. Ihre Behauptung hat mir immerhin geholfen, ihn zu erkennen. 

Samstag, 6. Juli 2024

Der alltägliche Wahnsinn

Fühlen Sie sich beobachtet? Sind Sie überzeugt, alles und jeder habe sich verschworen, um Sie mundtot zu machen? Glauben Sie, als einer von wenigen begriffen zu haben, wie Regierung und ÖRR uns allen das Hirn waschen? Sehen nur Sie, daß wir längst in einer Diktatur leben, während alle anderen blind sind und schlafen?

Dann wäre es vielleicht ratsam, sich Hilfe zu holen. Gestern habe ich jedenfalls wieder feststellen müssen, wie abgedriftet manche Zeitgenossen mittlerweile sind. Ein Linkedin-Beitrag von mir, der eine sehr hohe Aufmerksamkeit bekam und viele Diskussionen ausgelöst hat, regte offenbar auch sehr verwirrte Menschen an, ihre kruden Thesen auszurollen. Es ist erschreckend, was manche gegen jeden gesunden Menschenverstand, jede offenbare Logik für plausibel halten, und wie sehr windigen Plattformen, vertrollten Portalen und einschlägig interessierten Kanälen bereitwilliger vertraut wird als einem alles in allem immer noch unabhängigen Rundfunk.

Um es mal ganz klar zu sagen:
Wer sich in einer Diktatur wähnt, ohne zu merken, daß er/sie genau das ohne jede Folge und Restriktion offen sagen kann, leidet unter Realitätsverlust.
Wer den Westen oder die deutschen Regierungsparteien als Kriegstreiber bezeichnet und einen Frieden mit Putin fordert, wohl wissend oder schamlos ignorierend, daß das für die Ukraine das Ende der Freiheit bedeutet, ist entweder dumm oder moralisch verkommen.
Und wer behauptet, verbaler Widerstand gegen die demokratisch legitimierte AfD, so wie ich ihn in meiner gestrigen Polemik geleistet habe, sei antidemokratisch und sogar demokratiefeindlich, dem seien zum Zurechtrücken der Maßstäbe die Geschichtsbücher empfohlen.

Ich bin wahrlich erschüttert, wie viele willige Vollstrecker, Schwafler und Schwurbler, Hetzer und Schufte Herr Putin mittlerweile findet - interessanterweise oft solche mit nichtssagenden Berufsbezeichnungen, von denen man sich fragen darf, ob es überhaupt echte Profile echter Menschen sind.

Ist es wirklich so schwer, anständig zu bleiben? Mal zu schauen, wer was mit welchen Mitteln will? Und daran einen moralischen Kompaß anzulegen, der recht eigentlich zur guten Erziehung gehören sollte?

Gottlob haben sich die meisten Menschen, die auf meinen Beitrag reagiert haben, sehr vernünftig und positiv geäußert. Das macht Hoffnung.

Freitag, 5. Juli 2024

Weißt Du noch...?

"Nostalgie", sagt mir neulich jemand, "ist für mich das sanfte Zurückblicken auf Augenblicke. Es ist eine emotionale Bindung an Zeiten oder Ereignisse, die in der Vergangenheit liegen und nicht mehr gegenwärtig sind."

Ich geb's zu: Ich bin ganz furchtbar nostalgisch. Aber diese Definition hat mich doch zum Nachdenken gebracht. Nein, als bloßes Zurückblicken habe ich meine Nostalgie nie empfunden. Für mich sickert mit dem Eintauchen ins Vergangene auch immer ein wenig Vergangenes in die Gegenwart ein und gibt mir Gelegenheit, das, was ist, zu messen an dem, was war. Und wo es lohnend sein kann, Verlorenes wiederzugewinnen.

Vielleicht liegt das daran, daß ich Zeit nie streng linear wahrzunehmen imstande - oder willens - war. Vielleicht auch daran, daß manches, das war, nur deshalb vergangen ist, weil seine Zeit noch nicht gekommen, der nötige Reifegrad noch nicht erreicht war. Und das macht es jederzeit möglich und wünschenswert, Aspekte des Vergangenen erneut, mit einem erneuerten Blick zu betrachten und gegebenenfalls wieder zur Gegenwart zu machen. Können tun wir das in vielen Fällen. Oft wollen wir's nur nicht. Aus Scheu, aus Bequemlichkeit.

Denn die Vergangenheit hat einen Vorteil: Sie ist vergangen. Sie ist uns in ihrem Verlauf vollständig bekannt und damit beherrschbar. Sie überrascht und überrumpelt uns nicht mehr. Wenn ich Teile von ihr in die Gegenwart zurückhole, beginnt wieder die Ungewißheit, die Vielfalt der möglichen Verläufe in der Zukunft. Und die können wir eben nicht immer ganz beherrschen.

Ich glaube trotzdem, daß es sich lohnt, Zeit ein wenig fluider wahrzunehmen. Und Nostalgie nicht nur für sentimentale Rückschau, sondern dafür zu nutzen, die Gegenwart immer wieder zu evaluieren. Und manchmal mit vergangen Geglaubtem zu vervollständigen.

Sonntag, 30. Juni 2024

Einen Dreck regiert ihr!

In Essen ist AfD-Parteitag. Das bartlose Thüringer Männchen mit dem Oma-Gesicht betont, keinen Fußball zu schauen, einige Zuschauer bekennen auf ihren Leiberln ihre Loyalität zu einem feisten, korrupten Vaterlandsverräter, der Saal geilt sich an ethnischen Säuberungsphantasien auf und das blond gefärbte Doppelspitzchen faselt von Regierungsverantwortung.

Draußen vor der Halle überwiegt der Anstand - 70.000 demonstrieren gegen die Rechtsextremisten und zeigen die wahren Mehrheitsverhältnisse in diesem Deutschland.

Regieren wollt ihr Wichte, die ihr euren tumben Nationalismus so miserabel unglaubwürdig als Patriotismus zu verschleiern sucht, während ihr Deutschland schamlos an die verratet, die es zerstören wollen? Ihr geschichtsvergessenen Würstchen, die ihr keine Ahnung habt, wofür unsere wunderbare Flagge wirklich steht und das schwarz-rot-goldene Banner der Freiheit und Demokratie für euer ätzendes, hassvolles Geifern mißbraucht und damit schändet?

Einen Dreck regiert ihr. 
Nicht, solange wir so viel, viel mehr sind als ihr Giftspritzen.
Nicht, solange dieses Land frei und demokratisch und pluralistisch ist.
Nicht, solange unser nobles und ehrenwertes Grundgesetz gilt. Nicht, solange unsere großartige Nationalmannschaft genau so vielfältig und stark ist wie die Gesellschaft, in der wir leben.

Schwafelt weiter. Ihr werdet uns nicht überwinden.

Mittwoch, 19. Juni 2024

Verpaßte Chance

Eine Erinnerung

Ein Schwärmen und Schweben, 
Ein Klopfen und Beben, 
Ein Aufruhr im Herzen, 
Und wonnige Schmerzen, 
Ein süßes Behagen 
Im kribbelnden Magen, 
Ein ständiges Harren 
Und unruhiges Scharren, 
Zum Rechner getrieben, 
Ob Du mir geschrieben. 
Ein Glück, dann zu lesen, 
Was Dein schönes Wesen 
So klug mir zu sagen 
Hat, oder zu klagen... 

Die Sehnsucht, die Liebe, 
Die lustvollen Triebe, 
Das Spielen und Wollen, 
Das fragliche Sollen, 
Gedanken, Ideen, 
Der Wunsch, sich zu sehen, 
Die glückliche Segnung 
Der ersten Begegnung – 
Mit glühenden Sinnen 
Einander gewinnen, 
Versprechen zu halten, 
Nur halb zu entfalten, 
Was ganz noch zu werden, 
Nie schaffte auf Erden... 

Das Klammern, das Sehnen. 
Die zahllosen Tränen. 
Das Hoffen und Leiden, 
Dein deutliches Meiden... 

Das Damals – vergangen. 
Und doch noch gefangen. 
Das Falsche besteht nicht, 
Das Echte vergeht nicht.

So hat sich’s ergeben, 
So will ich es leben, 
Und wenn mir nichts bliebe 
Als daß ich Dich liebe.

Montag, 10. Juni 2024

Die Lust am rechten Rand

Das Ergebnis der Europa-Wahl ist zutiefst verstörend. Ein Erstarken rechtsradikaler Positionen in ganz Europa und ein immenser Erfolg der AfD bei den Unter-30-jährigen - das ist schwer zu fassen. Junge Menschen, die wie keine andere Generation vom Projekt Europa profitieren, favorisieren eine Partei, die es beenden will - ich bin sprachlos. Entgleitet uns die vielgelobte GenZ? Was macht den rechten Rand so attraktiv? Und ist die Mischung von Unbildung, Egozentrik und Social Media-Dauerbedröhnung vielleicht doch schädlicher für die Gesellschaft als irgendjemand zugeben will?

Klar ist, daß es gute Gründe gibt, mit der Regierung unzufrieden zu sein. Klar ist auch, daß die großen Probleme unserer Zeit, von Krieg über Migration und Pandemie bis zum Klimawandel, uns kognitiv und emotional überfordern und in vielen Menschen den Reflex auslösen, alles in Frage zu stellen und lieber einem radikalen Umbruch zuzustimmen als dem beharrlichen Lösen der komplexen Herausforderungen. Denn die Revolution gibt stets ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, die als Gegenteil der Ohnmacht wahrgenommen und ersehnt wird.

Klar ist aber auch, daß die etablierte Politik in kommunikativer Hinsicht vollkommen versagt hat. Miserable Wahlplakate, selbstgefällige Talk Shows, lineares Fernsehen und ein Kanzler, der uns auf angeblich "hanseatisch-zurückhaltende" Art immer wieder im informationellen Nirgendwo hängen läßt - damit erreicht man junge Menschen nicht. Das immerhin hat die AfD verstanden und ohne Widerstand die Lufthoheit über die sozialen Netzwerke ergriffen. 

Das Wahlergebnis zeigt uns also auch: Um politische Inhalte geht es vielen Wählern kaum noch, sondern um Präsenz. Spitz gesagt: Die Menschen kaufen jeden Quatsch, solange er häufig genug aufpoppt.

Wie kriegen wir das in den Griff? Mit besserer, pragmatischerer, an den Bedürfnissen der Menschen orientierten Politik, die nicht weltanschaulich agiert und ihre Energie mit Partikularinteressen verschwendet. Und ganz, ganz, ganz unbedingt mit klarerer, ehrlicherer, leidenschaftlicherer, verbindlicherer und viel besser kanalisierter Kommunikation, die die Menschen sowohl medial als auch emotional erreicht.

Aber das will halt gekonnt sein.

Donnerstag, 23. Mai 2024

Verweigert niemals ein Gespräch!

Ich blicke auf mein Leben, das ich der Kommunikation gewidmet habe, und finde haufenweise Fehler, bei mir und überall, wo Menschen miteinander umgehen. Manchmal geht einfach alles schief; wir haben einen schlechten Tag, nehmen uns nicht genug Zeit, um besonnen und konstruktiv zu agieren, und lassen uns von Gefühlswallungen zu Aussagen hinreißen, die ein völlig falsches Bild zeichnen.

Das Wunderbare an der Kommunikation ist jedoch, daß sie die größten Zerwürfnisse nicht nur zu schaffen, sondern auch zu heilen vermag - einfach durch ein klärendes Gespräch, einen besonnenen Austausch unter neuen Voraussetzungen. Man muß sich nur darauf einlassen. 

Daher kann ich nur raten: Verweigert niemals, wirklich niemals jemandem ein Gespräch, der darum bittet! Denn offenbar hat sich ja etwas geändert. Offenbar gibt es neue Einsichten und Perspektiven, die den bisherigen Austausch ergänzen, bereichern und erweitern können. Wo auch nur die geringste Chance auf eine Klärung, eine neue Lösung, eine Entschuldigung, ein gewachsenes Verständnis oder auch nur einen versöhnlichen Abschluß besteht, sollte man miteinander reden. 

Leider tun das nicht alle. Zu tief sitzen oft die Verletzungen, die Ängste und die Vorurteile. Zu fest glauben wir, auf Grundlage der bisherigen Erfahrungen schon vorher zu wissen, was unser Gegenüber sagen, tun und fordern wird, und viel zu sehr versteifen wir uns damit auf Axiome, Annahmen und Assoziationen, die mit der Wirklichkeit vielleicht gar nichts (mehr) zu tun haben, weil sie reine Projektion unseres eigenen Denkens sind. "Mit Dir rede ich nicht mehr!" Wie unendlich traurig.

Wirklich: Verweigert niemals jemandem ein Gespräch, der darum bittet! Wir verpassen Chancen auf unvermutete Erkenntnisse, auf ansonsten ungelebtes Leben und auf wunderbare Erfahrungen und Überraschungen. Und immer tragen wir unfertige, wunde Stellen auf unserer Seele davon.

Diesen Grundsatz immerhin habe ich bei allen Fehlern, die ich im Leben kommunikativ gemacht habe, stets gewahrt, sogar bei Menschen, die mich sehr verletzt haben. Jeder und jede verdient eine zweite, vielleicht sogar eine dritte Chance. Und ich bin damit noch nie schlecht gefahren.

Im kommunikativen Nirgendwo

Manchmal kommt man an, ohne irgendwo zu sein.
Manchmal blickt man auf ein Gespräch zurück und staunt, wie viel Inhalt, Meinung, Bedürfnis aneinander vorbeirauschen kann.
Manchmal glaubt man so leidenschaftlich an die eigene Sicht, daß man versäumt, Fragen zu stellen.
Manchmal will man so sehr Recht haben, daß man das Ziel verliert.
Manchmal dreht sich eine Lage so schnell, daß man vom falschen Ende her mit ihr umgeht.
Manchmal geht einfach alles schief.
Manchmal geht gute Kommunikation in einer Flut gut gemeinter, schlecht gemachter Erklärungen unter.
Manchmal wünschte man, das Leben hätte eine Rückspultaste.
Manchmal kommt man an, schaut sich um und ist mittendrin - im kommunikativen Nirgendwo.

Mittwoch, 22. Mai 2024

Bedauern

Mich reut das ungelebte Leben
und alles, was ich nicht getan,
wo Möglichkeiten mir gegeben,
und mich doch hemmte banger Wahn.

Mich reuen die Gelegenheiten,
die zu ergreifen ich vermied,
anstatt beherzt mir zu erstreiten,
was mir das Leben grad beschied.

Mich reuen all meine Bedenken,
durch die mir manche Lust entging,
und was das Schicksal an Geschenken
mir anbot, die ich nie empfing.

Mich reu'n Ideen, die verschwiegen
und Lippen, die ich nicht geküßt,
Gefühle, die verborgen liegen,
obschon man sie ausleben müßt.

Mich reut die Furcht, die ich verschleiert
als Stolz der Welt entgegenhielt -
ich hab' als Selbstrespekt gefeiert,
was meine Ängste überspielt'.

Mich reut, daß ich nicht loszulassen
imstande war, und zu vertrau'n,
anstatt in Ängsten zu erblassen
und Chancen hinterherzuschau'n.

Und jetzt, da in den Tod ich gleite,
wird meinem alten Herzen klar,
welch wunderbare Lebensweite
in allem zu gewinnen war.

Samstag, 4. Mai 2024

Nein.

Ein klares, unerschrockenes Nein zu eurer Gewalt, ihr feigen Schläger, ihr tumben Verräter an allem, was dieses Land großartig und lebenswert macht, ihr Verächter des Geistes von Hambach und der Freiheit, für die unsere Vorfahren 1848 auf die Barrikaden gegangen sind und sich in der Paulskirche versammelt haben - unter Schwarz, Rot und Gold, diesen wunderbaren Farben der Demokratie, die ihr so dummdreist für euer hassvolles Geifern zu vereinnahmen versucht. 

Aber es sind nicht eure Farben, es ist nicht euer Land. Schwarz-Rot-Gold sind die Farben aller Menschen, der hier in Frieden und Freiheit leben möchten, das Recht respektieren und bereit sind, sich einzubringen, ganz gleich, welcher Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Sexualität sie sind. 

Ihr aber habt zum Gedeihen Deutschlands nichts beizutragen, und nichts sät ihr je aus als Hass, Zerstörung, Frust und Gewalt. Eure Anführer dienen willfährig fremden, bösen Herren und sind bereit, ihre Heimat gegen Geld der Düsternis und Knechtschaft auszuliefern. Nein, mit euch ist kein Staat zu machen - und es wird auch nicht geschehen. 

Denn wisset dies: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir sind mehr. Und wir verteidigen diese Demokratie, diese Freiheit und dieses Land, das seine Herausforderungen nur in Einigkeit und Recht und Freiheit bewältigen kann und im Glanze dieses Glückes erblühen wird, wenn wir zusammenhalten, einander respektieren und gemeinsam eine menschenwürdige Zukunft schaffen. 

Und genau das machen wir jetzt.

Mittwoch, 24. April 2024

Pluralistisches Gewusel

Da stehe ich nun oben auf dem Haus des Meeres und blicke auf diese Stadt, die so sehr meine geworden ist, seit ich im März 2007 verwirrt und auf der Suche nach Antworten hier gestrandet bin. Und ich freue mich über dieses bunte, vielfältige und kreative Gebilde da unten, in dem ich so vollständig und gern aufgegangen bin. 

So will ich leben. So wünsche ich mir die Gesellschaft - als ein pluralistisches Gewusel, in dem man sich um die lokale Tradition, die Geschichte und die Kultur schart wie um ein wärmendes, erleuchtendes Feuer, in das jeder seinen Scheit hineinwerfen kann, von wo auch immer er oder sie ihn angeschleppt hat, damit noch mehr Licht, noch mehr Wärme entsteht und das Feuer weiterlodert. 

Ja, der Pluralismus zeitigt seine Probleme. Integration gelingt nicht überall, und ein paar mißbrauchen die Vergünstigungen, ohne die Werte mitzutragen. Aber das scheint mir, wie ich so auf mein Wien schaue, lösbar - hier und in meiner deutschen Heimat. Es braucht nur guten Willen und vor allem Perspektiven. 

Schaffen wir sie! Überlassen wir die Bedarfslücken an Identität, Werten, Integrationspunkten, Arbeit und Aufstieg, Kultur und Symbolen nicht den bösen, hohlen Heilsversprechen der Extremisten jeglicher Couleur, sondern schaffen wir eine Gemeinschaft mit klaren Regeln und echten Chancen! 

Wer ist dabei?

Montag, 8. April 2024

Vorbild Russland?

Gerhard Schröder wird 80, und die AfD feiert. Denn die von Anstandsreflexen unbeleckte Treue, mit der der Altkanzler an seiner Männerfreundschaft zu dem russischen Diktator, Kriegsverbrecher, Lügner und Serienmörder Putin festhält, beeindruckt den rechten Pöbel. Und so wird auch dort von strategischen Partnerschaften und Friedensverhandlungen phantasiert, die doch nichts anderes bedeuten können als die Auslieferung der Ukraine an ein Monster. 

Warum aber gerade Russland? Was fasziniert die neuen Nazis so sehr an jenem Land, das bis heute den Sieg über die alten Nazis feiert? Vielleicht, daß dort das Recht des Stärkeren gelebt wird, das rücksichtslose Gesetz der Gewalt, der Traum von der rauhen Natur, den besonders jene träumen, die sich zu Kultur und Zivilisation nicht in der Lage sehen. Stattdessen stilisieren sie den viehischen Kampf* vermeintlicher Rassen, in dem nur der Beste überlebt, zu einem heroischen Akt der Selbstbehauptung und faseln wirres Zeug von Männlichkeit - was wohl ein Euphemismus für archaische Brutalität ist. Lustig, daß gerade das Männlein in Thüringen mit seinem bartlosen Oma-Gesicht und seiner Pennälerstimme so lauthals die Maskulinität beschwört, die es wiederzuentdecken gelte – herrje, wieviel Autosuggestion mag in derlei Forderungen stecken? 

Es ist fast mitleiderregend, wie schwach jene Gestalten in ihrem beflissenen Streben nach Stärke wirken, wie klein der Traum von Größe macht. Wie viel Angst müssen sie haben, um sich permanent bedroht zu fühlen, wie bröckelig muß ihre stolze deutsche Identität sein, wenn sie sie ständig in Gefahr sehen? Fast mitleiderregend – wenn es nicht so verachtenswert wäre. Denn jedem anständigen, fühlenden, denkenden Menschen muß das Warum ein Rätsel bleiben – warum kann man ein autoritäres System wollen? Warum will man in einer Diktatur leben? Warum macht man sich gern und freiwillig zum Erfüllungsgehilfen der Träume anderer? 

Nein, Russland unter Putin ist kein Partner. Kein Vorbild. Kein Ideal. Es ist ein verachtenswerter, kriegstreiberischer Terrorstaat unter einem entmenschten Diktator, der nichts will als Macht und der Welt nichts bringt als Leid, Zerstörung, Not und neue Gewalt. Wo bleiben Kultur, Wissenschaft, Lösungen zu Umwelt, Ernährung, Bildung, Menschlichkeit? Wo bleibt das Gute, das fraglos in der russischen Seele steckt? Daran ließe sich anknüpfen. Aber dafür muß Putin weg! 


*Bevor sich die Tierfreunde wieder aufregen: Ja, ich weiß – Tiere führen keine derart organisierten Kriege! Aber der Kampf um Lebensraum und Ressourcen, das Ausstechen und Überwinden von Rivalen ist nun mal ein tierischer, der Evolution geschuldeter Trieb, den Menschen in der Regel kulturell zu bändigen wissen. Manche jedoch nutzen fatalerweise ihren Intellekt, um ihrem tierischen Instinkt Geltung zu verschaffen, was menschliches Handeln ungleich schrecklicher macht als tierisches. Aber der Impuls kommt eben aus der Natur.

Mittwoch, 28. Februar 2024

Die Wut

“Paß doch auf, du Ar***loch!“ 

Schon wieder ist es passiert. Ein Fußgänger und ein Radfahrer waren sich nicht ganz einig, wen ihre Begegnung zu welcher Kursänderung hätte veranlassen sollen, und so machten sie ihrem Frust in gegenseitigen Beschimpfungen Luft. Menschen, die sich überhaupt nicht kennen, schreien sich auf der Straße an. Mich bestürzt so etwas.  

Denn ich verstehe einfach nicht, warum einen solche Petitessen derart zu erzürnen vermögen. Wie viel aufgestaute Wut, wie viel Frust und wie viel Angst muß ein Mensch in sich tragen, um auf so wenig so heftig zu reagieren? Angst, fragt Ihr? Ja, Angst. Denn Wut ist evolutionär betrachtet ja nur ein Abwehrmittel gegen Bedrohungen. Und Alter, scheinen wir uns alle bedroht zu fühlen! 

Nun gut, es ist verständlich. In Teilen. Wir leben in einer Polykrise, und die Errungenschaften unserer Zivilisation haben unserer Resilienz nicht eben gutgetan. Dann wiederum läßt sich fragen: Wenn wir schon mit so vielen großen Krisen konfrontiert sind, wieso schaffen wir uns dann obendrein noch massenhaft kleine? 

Ich denke, wir sind einfach überreizt. Nicht nur von den globalen Krisen. Wir haben uns eine Kultur der Reizüberflutung geschaffen. Überall wummert Musik, LEDs blinken uns an, Bildschirme zappeln grell um uns herum, wir werden zugedröhnt von scheinbarem „Content“, der nichts als Informationsmüll ist, und nirgends herrscht mehr Ruhe. Echte, tiefe Ruhe. 

Und so wächst die Nervosität, die Gereiztheit, und der kleinste Auslöser zeitigt extreme Reaktionen. Die wiederum zur Überreizung beitragen. Es scheint eine unaufhaltsame Abwärtsspirale zu sein. 

Zum Glück glaube ich nicht an Unaufhaltsamkeit. Ich glaube an Kommunikation. Auch und besonders die nonverbale. Neulich etwa: eine typische Gehsteigsituation – man geht aufeinander zu, und beide weichen in die gleiche Richtung aus. Es entsteht ein kurzes Stocken, ein Hin und Her, bis man aneinander vorbei findet. Mich macht so etwas lächeln; man kann daraus etwas Charmantes machen. Die Dame gegenüber aber zischte mir im Vorbeigehen nur ein zorniges „Idiot!“ zu. Sehr seltsam und irgendwie mitleiderregend. Aber vielleicht nimmt sie mein Lächeln als Erinnerung mit und reagiert beim nächsten Mal nicht ganz so aggressiv. 

Wir können auch einfach mal nett zueinander sein. Freundlich und großmütig. Eine positive Grundannahme pflegen, einen axiomatischen Glauben daran, daß der andere nichts Böses im Sinn hat, auch wenn sein Verhalten uns gerade nervt. Die vielen negativen Reize werden wir nur minimieren, wenn wir positive dagegensetzen. Wenn wir rücksichtsvoller, gelassener und nachsichtiger miteinander umgehen und uns gegenseitig zeigen, daß wir einander respektieren und die kleinen Unannehmlichkeiten des Alltags bei Weitem nicht unsere größte Sorge sind. 

Das Leben wird so viel leichter, schöner, erfreulicher und produktiver, wenn wir freundlich sind! Wie wär’s – macht Ihr mit?