Dienstag, 26. Oktober 2010

Wirklichkeit

Jemand, den ich nicht als Freundin, ja kaum als Bekannte bezeichnen kann, da wir uns nur über ein soziales Netzwerk und also nicht „persönlich“ kennen, hat mir eine Karte geschrieben. Eine echte Postkarte aus Papier, beschrieben mit echter Tinte in einer individuellen Handschrift. Ich erhielt sie und mußte schlucken.

Es ist süß, wenn Menschen aneinander denken und einander damit Bedeutung geben... Mich rührt es immer wieder zutiefst, daß unter den Milliarden Menschenwesen auf der Welt sich tatsächlich einzelne etwas bedeuten und sich daran freuen, daß genau der Eine, an den sie gerade denken, lebt und existiert...

Diese ergreifende, liebevolle kleine Dimension des Lebens kann ich nicht immer gut wahrnehmen... Zuweilen fühle ich mich so unendlich überflüssig... so verzichtbar in diesem riesigen Ameisenhaufen, in dem ohne mich ebenso unsystematisch herumgewuselt würde wie mit mir...

Und dann kommt sie, jemand, den ich gar nicht kenne, und sie nimmt sich Zeit, sie setzt sich nieder und schreibt mir eine Karte... mir, einfach so, ob der guten Gespräche, die wir in der virtuellen Welt geführt haben über ganz unvirtuelle Themen. Und ich muß ein bißchen weinen... weil es mich tief berührt, ohne daß ich es verstehe.

Da ist diese Sehnsucht nach dem Kleinen, nach dem Echten, Individuellen... Die Sehnsucht danach, sie zu sehen und fest in den Arm zu nehmen, mitten im unbeeindruckten Gewühl des Ameisenhaufens, einfach nur, um zu spüren, daß es sie, daß es überhaupt jemanden wirklich gibt, und daß ich ihr nah sein kann. Und zugleich wirkt diese Vorstellung unsagbar irreal...

Ich weiß nicht, ob es sie gibt, und wenn, ob es irgendeine Relevanz hat... ebenso wenig wie ich es von mir selbst weiß.

Montag, 25. Oktober 2010

Raumzeitgedanken

Die Jahre gehen ins Land, und das Land kommt in die Jahre...

Ein ewiges Spiel von Raum und Zeit, ein Tanzen und Schweben umeinander, unüberwindliche Abhängigkeit ohne eine andere Erlösung als das Vergehen im Nichts...

Ein gegenseitiges Besuchen, bis beide sich nichts mehr zu sagen haben und alles begreifbare Sein endet.

Sonntag, 24. Oktober 2010

Leseprobe...

(...aus meiner neuesten Novelle, die leider noch keinen Titel hat und auch noch nicht lektoriert ist, aber ich stelle sie dennoch mal hier ein und bin gespannt auf Eure Rückmeldungen!)

Sie schrieben sich jeden Tag, mehrfach sogar, verlegten sich irgendwann auf das noch direktere Chatten und verbrachten auf diese Weise oft Stunden miteinander. Bald begann Karin, auch von ihren relativ zahlreichen Affären und Beziehungsversuchen zu erzählen, die meist ebenso kurz wie schmerzhaft waren, weil sie sich schon beim ersten oder zweiten Treffen auf Intimitäten einließ, lange also bevor sie wirklich etwas über den derart Privilegierten und seine Absichten wußte, und somit die Einschlägigkeit der Interessen immer wieder unterschätzte, die ihr die meisten ihrer Männerbekanntschaften entgegenbrachten. Für Gabelsdorf war das durchaus anregend. Sein eigenes Liebesleben war nach vierzehn Jahren Beziehung mehr als dürftig, und über Erinnerungen, von denen er hätte zehren, über einen Schatz an Erfahrungen, die ihm das saturierende Gefühl hätten geben können, seinen gerechten Anteil an dieser unendlich weiten Erlebniswelt gehabt zu haben, verfügte er so gut wie nicht, da er in seiner Jugend das war, was man einen Spätzünder nennt, und die Beziehung mit seiner späteren Frau sehr jung begonnen hatte. Der Mangel an Erfahrung und Befriedigung auf erotischem Gebiet, den er bislang mehr schlecht als recht sublimiert hatte, stand dabei in einem zunehmend gespannten Verhältnis zu seiner doch recht ausgeprägten Libido, und so boten ihm Karins Erzählungen von spontanen Abenteuern und Wochenendaffären reichlich Stoff für sein gieriges Kopfkino. Gleichwohl übte er sich ihr gegenüber in äußerster Zurückhaltung, ließ sie sogar beiläufig wissen, daß er verheiratet sei, und hörte ihren Geschichten mit freundschaftlichem Interesse zu. Er tröstete sie, wenn sie traurig war, kritisierte ihre impulsive und viel zu unüberlegte Art, sich auf Männer einzulassen, die sie dann verletzten, redete wohlmeinend auf sie ein oder ließ sie einfach ihr Herz ausschütten, je nach dem, was sie gerade brauchte, kurz: Er war ein Musterbeispiel an Ritterlichkeit, jederzeit für sie da und auf behutsam-strenge Weise verständnisvoll.
Und sie nahm es dankbar an.
Zugleich ertappte sich Gabelsdorf immer häufiger dabei, ungeduldig auf Nachricht zu warten, wenn Karin gerade nicht an ihrem Rechner war. Die schriftlichen Dialoge mit ihr wurden zum Hauptgegenstand seiner Aufmerksamkeit, und je mehr er sich auf den Austausch mit Karin Abild einließ, desto schwieriger wurde es, seine Frau nichts davon merken zu lassen, welch großen Raum die ferne Sängerin in seinem Denken und Fühlen mittlerweile einnahm. Nicht, daß er sich verliebt hätte. Aber Karin erschloß ihm Lebensbereiche, von denen er sich hochgradig angezogen fühlte, die jedoch in seinem Alltag so gut wie nicht vorkamen – Kunst und Impulsivität, Sex und Lust, Freiheit, Ungebundenheit, Ausdruck und Leidenschaft... Sie erlebte, erfuhr und erlitt alles, was Gabelsdorfs eigenem gleichförmigen Dasein abging.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Experiment 2 - Die gescheidlichen riter

(Auszug aus einem mittelhochdeutschen Versepos, verfaßt von mir im Jahre 2000)

Do kam ein riter nach der stat
der sunder ruom und ritertat
die schuolaere wolde leren
an in iren sin ze keren
und Fridericus vliehen -
so dahte er sich ze ziehen.
Sin lip was groz und grobelich
sin lere und kunde tobelich
sin kleit was groezer dann sin muot
an sinem ruom was lützel guot
wan er truoc in sich alsolhen wan
daz er im wane wande han
durch truge und ruor der werlde pris
und niht durch guottat unde vliz.
Do Friderici stolzecheit
was dises riters staetes leit
und er den ruom vergunde
begunde er bi der stunde
ze harren uf diu rehte zit
do er kunde stillen sinen nit
und rechen sine smaehe groz
als erz in sinem sin besloz.
Beide Fridericus unde er
die stouweten ire vientschaft mer
unz an ein maz do ez wart vol
sus daz ez einest überquol.
Ez qual daz mer der vientschaft
do niht durch rehte riterschaft
der strit wart geschieden under beiden
dar muosten beide under leiden.
Wan swer der tjoste niht enmac
der blibet gellic manegen tac.

Montag, 18. Oktober 2010

Ein vollkommenes Bild

Inmitten des Trubels aus eiligen Menschen, die dem U-Bahnschacht entquellen und den unter heiserem Klingeln grob heranpolternden Straßenbahnen zustreben, steht sie und liest in einer Zeitung, völlig entrückt der Welt, die sie umgibt, und ganz und gar ihrer Innerlichkeit zugekehrt, die von außen zu berühren sie in diesem Moment keinem anderen Reiz als dem Artikel gestattet, den sie liest.

Auf ihren Lippen liegt ein versonnenes Lächeln. Ihr schwarzes Haar fällt in großen weichen Locken um ihr leicht nach vorn geneigtes Gesicht, und ihre schönen Hände halten das Blatt auf die denkbar anmutigste Weise.

Sie ist hübsch, auffallend hübsch sogar, eine fast vollkommene Erscheinung. Ihre lesenden Augen sind groß und dunkel, glänzen interessiert in die Zeitung hinein und wandern lebhaft darin herum. Das kurze schwarze Mäntelchen, eng gegürtet und weit ausgestellt, flüstert subtil von den Verlockungen ihres schlanken, feinen Körpers, der doch unerreichbar bleibt... Ihre Füße hat sie mädchenhaft über Kreuz gestellt, und obwohl diese Haltung äußerst instabil wirkt, steht sie ganz ruhig und fest da, unerschütterlich und durch nichts von sich selbst abzulenken.

Es ist faszinierend - ohne den geringsten Anteil an der Außenwelt zu nehmen, beeinflußt sie sie dennoch, erregt in ihrem Umfeld eine Aufmerksamkeit, ein Hinschauen und Kontaktsuchen, das ins Leere gehen muß, weil es in der Gedankenverlorenheit, der Abgeschiedenheit dieses ganz in sich ruhenden, beseelten Seins nicht wahrgenommen wird und an dieser Ignoranz leise und belanglos zerstäubt...

Wie unsagbar schön dieses zeitungslesende Mädchen ist, das ich nur für ein paar Sekunden sehe... Wie zauberhaft, berauschend ihr wunderbarer Stilbruch des hektischen Lebens. Ein vollkommenes Bild, das ich dankbar und still beglückt durch den Rest des Tages trage.

Donnerstag, 14. Oktober 2010

The Importance of Not Being A Lemon

It will always remain a mystery to me why some women come close just to back off the very next second and treat you like you have tried to violate them. They cross your way, they trust you immediately... they pour their heart out and come very close, mentally, and, in some cases, even physically...

A relationship like that is bound to become very emotional - and therein lies the trap. Because everything is fine as long as you do not show any emotions except deep sympathy and sweet understanding. But go and use one wrong word, make one comment that is not one hundred per cent affirmative, and you will raise hell. Neither a wholehearted apology nor a thousand good deeds will make up for one little, inconsiderate mistake.

All the affection they might have felt before turns into disdain. Suddenly they dispise what they were about to love, and every attempt to talk it over and calm down some of the emotion involved in order to keep the whole thing in perspective is rejected with an attitude so cool it might freeze your soul. I never really got that, because I stronlgy believe that a single bad moment is not worth letting pass by what might have been a great chance for both parties.

The only explanation I can think of is that the moment you show the slightest sign of a critical perception they feel deceived and lose their faith and immediately start to feel embarrassed about all the weak spots they revealed to you and the secrets they let you in on. So, in a belated (and as much irrational as incomprehensable) attempt to arm and to protect themselves by hindsight, they start acting cool, like nothing you learned about their delicate, vulnerable souls had ever been true... and they love to leave you with the impression that you were the worst thing that ever happened to them.

Well, poor things. Being in pain, or suffering from some bad experiences in the past does not humiliate anyone. It is absolutely natural, and after all it is what makes us human. And lovable. Nobody has to be ashamed of their wounds and weaknesses... But denyal will not ease the pain, and to push away people who have seen "too much" of one's soul will not make you stronger. The answer is talking it over, and I am good and ready to do so.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Wiener Wahlwunderlichkeiten

Nun ist er ausgekämpft, der "Kampf um Wien", wie es auf einem der unzähligen (und zum Teil unerträglich geistlosen) Plakate hieß, mit denen die Stadt seit Monaten gespickt ist. Die Wahl ist vorbei, und so wenig überraschend das Ergebnis ist, so bitter bleibt der Nachgeschmack.

27% des Wiener Wahlvolkes haben ihre Stimme einem Mann gegeben, der außer bösen Parolen nichts anzubieten hat. Keine Lösungen, keine Konzepte, keine Ideen. Das unsägliche Wahlmotto der FPÖ "Mehr Mut für unser Wiener Blut - zu viel Fremdes tut niemandem gut" ist, von seiner literarischen Letztklassigkeit abgesehen, auch inhaltlich bodenlos und übertrifft an ungehemmter Dreistigkeit sogar die biologistischen Entgleisungen Thilo Sarrazins um Längen. Schamlos und ohne rhetorischen Filter wird hier der Wert von Menschen für das Gemeinwesen an die blutsmäßige Zugehörigkeit gekoppelt, während die bestehenden Probleme pauschal den Ausländern angelastet werden.

Natürlich läßt sich der Wahlausgang erklären, und natürlich ist der Gesamtsituation zu entnehmen, daß nicht jeder FPÖ-Wähler automatisch ein überzeugter Ausländerfeind und Strache-Fan ist. Es galt, die absolute Mehrheit der SPÖ zu brechen, und dafür wäre ein Kreuzchen bei der ÖVP nur bedingt geeignet gewesen, weil diese ja schon vor der Wahl beiderseits erklärtermaßen der Lieblingskoalitionspartner einer in die Minderheit geratenen SPÖ war. Also läuft der enttäuschte Protestwähler zu den Blauen über, wohl wissend und hoffend, daß sich mit Herrn Strache ohnehin niemand ins Bett legen und die FPÖ also auch mit ihrem Zugewinn keinen echten politischen Einfluß bekommen wird. Alles erklärbar.

Aber dieses Spiel mit dem Feuer bleibt gefährlich, und ein aus welchen Gründen auch immer erstarkter rechter Rand hat, wenn schon keinen politischen, so doch einen atmosphärischen Einfluß auf das Leben in dieser Stadt. Stimme ist Stimme - der demokratische Prozeß differenziert nun einmal nicht zwischen Überzeugungstätern und Protestwählern, und die FPÖ wird, auch wenn das niemand wirklich will, ein Stückchen hoffähiger.

Wehret den Anfängen. Um der SPÖ einen Denkzettel zu verpassen, hätte man auch grün wählen können. Wer sein Mitbestimmungsrecht als Bürger nutzt, um seine Stimme einem Mann zu geben, der sich mit unsäglicher Hetze gegen "das Fremde" profiliert, macht sich am sukzessiven Einsickern solchen Denkens in die Gesellschaft mitschuldig, gleich, welche strategischen Erwägungen ihn dazu gebracht haben, sein Kreuz bei der FPÖ zu machen.

Als Deutscher gehöre ich gewiß nicht zu der Art Ausländer, die nun verstärkt Diffamierungen zu befürchten hat. Gleichwohl fühle ich mich in meinem geliebten Wien seit Sonntag ein kleines bißchen unwohler.

Samstag, 9. Oktober 2010

Streitkultur

Haben Sie mal versucht, mit einem Menschen zu diskutieren, der auf jede Aussage ausschließlich emotional und ohne einen Hauch rationaler Überlegung reagiert, in jedem Wort nicht ansatzweise den Kern dessen, was gemeint ist, sondern nur die Kränkung seiner Person sucht und in jeder noch so sanften Kritik, ja in jeder abweichenden Meinung nichts als eine Beleidigung sieht, die ihn sofort berechtigt, alles Gesagte abzuwehren und als unzulässig zu denunzieren?

Mir sind in meinem Leben drei Menschen begegnet, die auf diese Weise gesprächsunfähig waren und mit denen ich gleichwohl eine Verständigung gesucht habe - zuerst mein Vater, dann ein Borderline-Syndrom in Menschengestalt, an das ich drei Jahre meines Lebens (und meiner Liebe) verschwendet habe, und schließlich jemand, mit dem ich gestern in eine solche Situation geraten bin.

Es ist schon recht anstrengend, wenn jemand so überemotionalisiert ist, daß man keinen Satz zu Ende sprechen, keinen Gedankengang vollenden und kein Argument platzieren kann, weil der Gesprächs"partner" immer wieder unterbricht, sich empört auf einzelne Wörter stürzt, die ihm nicht passen, anstatt erst mal einen Gesamtzusammenhang entstehen zu lassen, sich gar selbst im Gespräch versichert, völlig in Ordnung zu sein und damit über alle (Selbst)Kritik erhebt, zugleich aber unfähig ist, zuzuhören, Gesagtes auf sich wirken zu lassen und sich wenigstens ansatzweise mit den Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken und Verletzlichkeiten seines Gegenübers auseinanderzusetzen, kurz: wenn jemand sich sofort und mit allem nur angegriffen und abgewertet fühlt, anstatt zu begreifen, daß mit dem Diskurs nur ein spezifisches Phänomen, ein Einzelfall, nicht aber er als Mensch problematisiert wird.

Grundsätzlich versuche ich mir abzugewöhnen, mit derart überemotionalisierten, kritikunfähigen, irrationalen und labilen Menschen überhaupt einen sinnvollen Diskurs zu suchen, da er schlechterdings nicht zu finden ist. Mit meinem Vater zum Beispiel werde ich gewiß nicht mehr reden, und auch die Borderline-Frau ist mir keinerlei Bemühen mehr wert. Wenn ich es aber trotzdem tue, weil mir an dem Menschen liegt, kommt es vor, daß ich bei aller Anstrengung auf das Fehlen jeder Logik und ein ausschließlich emotionales und oft sehr heftiges Verhalten nicht unbegrenzt ruhig und überlegt reagieren kann. Recht lange zwar, aber irgendwann bringt es mich doch auf die Palme, und dann, in ganz seltenen Fällen, schlage ich auf die gleiche Weise zurück - leider bin ich ziemlich gut darin, und wenn ich das scharfe Schwert des Wortes erst mal emotional zu führen beginne, ist der Schaden oft fürchterlich.

Das tut mir dann leid, und ich suche nach einer Abkühlungsphase die Klärung und Versöhnung. Zuweilen funktioniert das. Finde ich diese Bereitschaft aber bei meinem Gegenüber nicht mehr, ist es freilich ganz und gar vorbei. Dergleichen muß man einsehen und akzeptieren.

Mittwoch, 29. September 2010

Nachtgedanken

Vor 38 Jahren ging meine Sonne auf. Vor 18 Jahren erreichten mich erstmals ihre Strahlen. Ich buck einen Marmorkuchen, um sie zu begrüßen. Seither beschien sie mein Leben... wunderbar warm und hell...

So hell irgendwann, daß es mich blendete. So warm, daß ich mich nicht mehr regen konnte. Gleißend und heiß brannte sie auf mich herab, hoch, unerreichbar, ihre ganze Kraft darauf verwendend, ja sich ausbrennend geradezu dafür, daß ich es gut haben möge. Und ich hatte ihr nichts entgegenzuhalten. Kein kleiner Glanz, den ich erwarb, vermochte, in ihrem Licht zu bestehen.

Also floh ich in die Nacht, die mich kühl und lockend umfing, mich verführte zu verschwiegenen, verantwortungslosen Wonnen im wohligen Schutz entfremdender Dunkelheit... und ich fiel darein, immer tiefer, wurde aufgesogen von einer Sphäre, in der nichts sichtbar war und also auch nicht erklärt werden mußte. Nur Nacht, Stille, Kühle...

Nun ist mir kalt. Meine Augen sehnen sich nach Licht. Ich renne dem Horizont zu, sehnsuchtsvoll hoffend zu finden, aufs neue zu gewinnen, was ich einst floh. Doch meine Sonne scheint nicht mehr. Um mich bleibt nur die Nacht.




Donnerstag, 23. September 2010

Bewegung

Suchende, irrende und scheiternde Menschen faszinieren mich. Es zieht mich an, wenn jemand mit sich selbst im Unreinen ist, dies jedoch erkennt und strebend sich bemüht, ganz zum eigenen Selbst und damit zu seinem Platz in dieser Welt zu finden. Die Entwicklung, die Vorwärtsbewegung, die Selbstzweifel der leidenden Seele und ihre unbedingte Bereitschaft, sich um der Selbsterkenntnis willen auch unangenehmen Einsichten auszusetzen - all das fasziniert mich an einem Menschen.

Viele derart veranlagte Menschen neigen zum künstlerischen Ausdruck. Im gestaltenden Schöpfungsakt konkretisiert sich der Wille zur Ausformung eines Gefühls, einer Erkenntnis, einer Meinung und letztlich vielleicht einer Identität.

Dieses Bedürfnis nach Ausdruck kann jedoch zur Falle werden. Das aus Intelligenz, Talent und mangelndem Selbstwertgefühl geborene Werk wird oft zum Selbstzweck, übertönt das Wesen des Schaffenden, anstatt seiner Auffindung zu dienen, und wird euphemistisch "Selbstverwirklichung" genannt, um den Umstand zu verschleiern, daß das tatsächliche Selbst ja eigentlich schon immer wirklich war, nur leider nicht entdeckt werden konnte und also durch ein neues, im Werk erfundenes Selbst ersetzt wurde.

Natürlich schafft dergleichen keine echte Befriedigung. Ein kurzer, aus der Anerkennung der Mitmenschen gespeister Rausch mag den Schmerz lindern, aber im tiefsten Grunde weiß die Seele doch, daß sie ihr Glück in einer allgemein beklatschten Fassade allein nicht finden kann. In der Hoffnung, irgendwann doch zur völligen Übereinstimmung von Tun und Sein zu gelangen, wird also weitergeschaffen, und die im Werk manifestierte Ersatzidentität wächst und gewinnt immer mehr Macht. Jedem Gefühl, jeder Laune, jeder kurzzeitigen Idee wird Ausdruck gegeben in der Hoffnung, irgendwann füge sich daraus ein die Seele spiegelndes und also erkennbar machendes Gesamtbild.

Dem ist aber nicht so. Stattdessen beginnt sich derjenige, der in der Kunst sein Heil sucht, um sich selbst zu drehen und jede Regung seines Herzens oder seines Kopfes nur noch werkzentriert zu verstehen. Er entfernt sich von den Menschen, obwohl er vielleicht immer mehr Bewunderung erfährt, verliert sich selbst und sieht sein Leiden nicht mehr als Motivation seiner Suche, sondern nur noch als Rechtfertigung seiner rücksichtslosen Egozentrik.

Sich um sich selbst zu drehen, ist keine Vorwärtsbewegung, und rastlos in den eigenen Launen herumzuwühlen und seine Mitwelt damit zu penetrieren, schafft keinen echten Außenbezug. Selbstfindung kann nur glücken, wenn man sich selbst und anderen als Mensch unmittelbar erkennbar bleibt. Niemand wird in seinem Werk, sondern bestenfalls um seines Werkes willen geliebt. Dies jedoch bleibt unbefriedigend, weil es an menschlicher Nähe fehlt.

P.S.: Der gleiche Mechanismus gilt natürlich für bürgerliche Berufe, die zur Identitätsstiftung herangezogen werden, sowie für alle anderen Ersatzbefriedigungen. Die Kunst war hier nur das wohl intensivste Beispiel.

Donnerstag, 16. September 2010

Routinebruch

Professionell, cool, glatt und makellos, im Londoner Maßanzug, der ebenso perfekt sitzt wie die Maske des Geschäftsmanns, die ich zu solchen Gelegenheiten trage. 500 Menschen, die trinken, reden, essen, Erfolge feiern. Ich mittendrin, das Weinglas lässig in der siegelberingten Hand, gewandt plaudernd, charmant und witzig. Das Übliche eben - netzwerken, Karten verteilen. Geschickte Selbstdarstellung, während man überzeugend so tut als interessiere man sich noch viel mehr für die Selbstdarstellung des Gegenübers. Ein Routinetermin.

Das war der Plan.

Aber da bist Du. Und ich kann meinen Blick nicht von Dir wenden. Ich kann mich mit niemandem unterhalten, nichts mehr interessiert mich. Mein Herz rast, meine Zunge ist trocken, mein ganzer Leib gelähmt in stummer Anbetung. Du plauderst, mit wem eigentlich?, leuchtest, lächelst, bist schön... und ich möchte vergehen vor Wonne. Ich klebe an Dir, starre Dich an voller Ungläubigkeit, daß es so etwas Wundervolles geben kann...

...und trinke zuviel Wein.

Ich versuche, mich möglichst normal zu geben und falle dadurch erstrecht auf, rede Unsinn, stammele vor mich hin, ernte fragende Blicke... bis ich es nicht mehr aushalte und fliehe, fliehe auf die Bühne, wo irritierte Musiker mich gewähren lassen, als ich das Mikro nehme und ein Lied singe, ja ernsthaft, vor allen Leuten, aber nur für Dich...

Du hast den Teil, der einst mein Herz war. Warum nimmst Du mich nicht ganz?

Montag, 13. September 2010

Herbst

Wer dachte, der Frühling bliebe für immer? Er zog heran, ganz leise, zart und neu, die wundervollsten Verheißungen eingestickt in sein buntes Flatterband... Er wuchs, gedieh... schwoll an, ergriff mein liebend' Herz und sprach uns warm von Ewigkeit.

Voll erblüht entlud er sich in sommerlicher Pracht. Sonnenglut, Windrausch. Leben. Ein Augenblick schönen Scheins.

Und dann schwand seine Kraft. Das Leben wich. Es wurde ruhig. Nun ist er fort, verweht in totem Laub. Der Herbst ist da, und in ihm kein Warten mehr, kein Hoffen.

Kein Frühling bleibt für immer. Kein Augenblick währt ewig. Ich ziehe mich zurück, ich richte mich ein auf ein Dasein ohne Blütenträume. Ich gedenke der schönen Stunden...

...und lasse die Liebe sterben.

Donnerstag, 9. September 2010

Gedanken zur Integration

"In the first place, we should insist that the immigrant who comes here in good faith becomes an American (…). There can be no divided allegiance here. Any man that says he is an American, but something else also, isn't an American at all. We have but room for one flag, and that is the American flag. We have but room for one language here, and that is English. And we have but room for one sole loyalty, and that is loyalty to the American people. For a citizen to vote as a German-American, an Irish-American, or an English-American is to be a traitor to American institutions (…)."

Immigration und Integration sind derzeit in aller Munde, und so sehr ich mich auch bemühe, diesen Elfenbeinblog von politischen Fragstellungen freizuhalten, so wenig kann ich mich der Allgegenwart des Themas entziehen. Und wie ich mich also recherchierend und lesend mit der Sache beschäftige, stolpere ich über das obige Zitat von Theodore Roosevelt, seines Zeichens ein glühender Verfechter der Immigration, und ja, es regt mich zum Nachdenken an.

Daß sich Roosevelts Aussage in dieser Härte und Absolutheit nicht halten läßt, ist unbestritten. Die Wortwahl ist martialisch, der Inhalt undifferenziert. Aber ist der Grundgedanke, daß eine Gesellschaft eine gemeinsame Identität, eine gemeinsame Vision und eine gemeinsame Sprache braucht, nicht vollkommen berechtigt? Darf eine Gesellschaft, die massenweise neue Mitglieder aufnimmt, von diesen nicht durchaus Loyalität und das redliche Bemühen um Integration und Mitarbeit verlangen, so wie es jeder Schrebergartenverein tut? Und ist das Erlernen der Sprache und das Bekenntnis zu den Werten und Zielen unseres Landes nicht eine unbedingte Voraussetzung dafür, daß unsere pluralistische Gesellschaft dauerhaft funktioniert? Warum wird in Deutschland etwas, das völlig normal sein sollte, um einer verlogenen „politischen Korrektheit“ willen als „Zwangsgermanisierung“ denunziert? Warum erregt jeder Verweis auf eine deutsche Identität den Verdacht reaktionärer, faschistoider Realitätsverweigerung, obwohl „deutsch“ ja mittlerweile längst kein ethnisch-völkischer Begriff mehr sein sollte? Wenn wir selbst uns schon nicht mit unserem Land identifizieren, wie könnten wir es dann von Einwanderern verlangen?

Diese Fragen kommen mir in den Sinn. Ich selbst sehe keinen Widerspruch im Verhältnis von gemeinsamer Identität und pluralistischer Vielfalt. Es geht ja nicht darum, die Menschen verschiedener kultureller Herkunft systematisch zu vereinheitlichen – Gott bewahre, das wäre ja unerträglich fad! Nein, es geht darum, dem bunten Haufen von Menschen einen Integrationspunkt zu geben, einen gemeinsamen Nenner, zu dem alle sich bekennen können, weil er jedem entgegenkommt, jedem gerecht wird und niemanden ausgrenzt, und auf dem Vielfalt, Toleranz und Gleichberechtigung erst gedeihen können.

Wie das gehen soll? Ich habe nur ein paar Fragen gestellt. Meine Meinung zu dem Thema ist längst nicht ausgereift, und ich bin offen für eine Diskussion.

Mittwoch, 8. September 2010

Sprachgedanken

Kürzlich fiel einer aufmerksamen Leserin auf, daß ich mich hartnäckig der alten Rechtschreibung bediene, und ich erklärte ihr, diese Entscheidung beruhe auf linguistischen, ästhetischen und politischen Gründen. "Wieso auf politischen Gründen?", wurde ich gefragt, und ich finde, diese Frage verdient ein paar Gedanken, sei es nur als Diskussionsgrundlage, denn umfassend und eingedenk aller möglichen Argumente läßt sich ein so komplexes Thema in ein paar Blog-Zeilen natürlich nicht behandeln.

In aller Kürze (und ich bin mir der Ironie wohl bewußt, die darin liegt, ausgerechnet dieses Thema zu "vereinfachen"...) wäre also dies meine Antwort: Politische Gründe deshalb, weil die Simplifizierung der Sprache und die Auslöschung und Unkenntlichmachung ihrer historischen und ethymologischen Wurzeln die Breite ihrer Wissens- und Bildungsinhalte ebenso wie die Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten beschneidet und damit letztlich auch ein tiefgreifendes, kritisches Denken beschränkt. Denn Sprache ist nun mal der wichtigste Bewußtseinsträger und das unverzichtbarste Mittel zur Entwicklung und Formulierung von Ideen und Gedanken. Nicht umsonst hat Big Brother in Orwells "1984" als erstes die Sprache radikal vereinfacht, alle Synonyme abgeschafft und die Fähigkeit seines Volkes zum pluralistischen Ausdruck auch linguistisch beschnitten. Wer den Menschen eine komplexe, differenzierungsfähige Sprache nimmt, vereinfacht auf lange Sicht ihr Denken und macht sie manipulierbarer, weil sie sukzessive einfachen Antworten zugänglich werden.

Natürlich geht es bei all diesen Befürchtungen nicht darum, ob man Delphin mit f oder ph schreibt - diese Veränderung allein öffnet keiner Gedankenkontrolle Tür und Tor, das ist mir auch klar. Und natürlich hat sich Sprache, gerade die deutsche, immer entwickelt. Aber hier geht es nicht um den organischen Wandel einer lebendigen Sprache, sondern um eine staatlich verordnete Nivellierung. Es geht um eine in vielen Lebensbereichen unserer Gesellschaft erkennbare Tendenz, den Horizont der Dümmsten zum Maßstab des Zumutbaren macht, und dagegen wehre ich mich eben schon in den Anfängen.

Dienstag, 7. September 2010

Rückblende

Es ist unglaublich, wie sich manche Daten, Erlebnisse und Stimmungen bestimmter Lebensabschnitte im Kopf, im Herzen festsetzen und angelegentlich unmerklicher Schlüsselreize aus tiefster, jahrzehntelanger Versenkung wieder auftauchen. Heute zum Beispiel mußte ich unwillkürlich an meine allererste Freundin denken, Stefanie, ein zauberhaft hübsches 16-jähriges Mädchen mit blonden Locken und blauen Augen. Von ihr bekam ich den ersten richtigen Kuß meines Lebens.

Und so umhüllte mich den ganzen Tag genau jene Stimmung, jene Atmosphäre, in der ich damals, 1988, lebte. Alles schien so zu riechen, zu klingen und auszusehen wie damals, unzählige Erinnerungen an Menschen, Ereignisse und Gefühle jener Zeit durchzuckten mich wie ein Film, der blitzartig abläuft, und vorhin ertappte ich mich sogar dabei, die Kassette zu hören, zu der wir damals oft geschmust haben - eine recht bunte Mischung aus Grönemeyers "Ö", George Michaels Debüt-Album (ja, sein Debüt!), BAP, Falco, ein paar zeitlosen Klassikern von Dean Martin und Glenn Miller, die ich immer schon mochte, und schließlich Dooley Wilsons "As Time Goes By", das sozusagen "unser Lied" war.

Na gut, es ist längst keine Kassette mehr - ich habe vor ein paar Jahren alle Lieder, die ich damals wild aus dem Radio aufgenommen hatte, als mp3 heruntergeladen und in der originalen Reihenfolge in einem eigenen iTunes-Ordner abgelegt. Die Kassette hatte ich 1988 mit "Steffi-Kassette" beschriftet, und genau so heißt bis heute der Ordner.

Und eben fiel mir ein, warum diese schöne, jugendliche Erinnerung heute so außerordentlich präsent war - es ist ihr Geburtstag! Die süße 16-Jährige wird heute 38. As time goes by... Alles Liebe und Gute, Steffi!

Montag, 6. September 2010

Baut es.

Robin Gibb, der ehemalige Sänger der Bee Gees, bekommt endlich, was er wollte - ein Ehrenmal für die Bomberpiloten der Royal Air Force, die im Zweiten Weltkrieg deutsche Städte bombardierten und zuletzt Dresden in Schutt und Asche legten. Mitten im Londoner Green Park wird ihr Einsatz nun gewürdigt.

Warum ausgerechnet Gibb sich so sehr dafür eingesetzt hat, die britische Luftwaffe zu ehren, mag dahinstehen. Viel offensichtlicher drängt sich die Frage auf, ob nicht die Ehrung von Männern, die in einer Nacht 25.000 Zivilisten und eine der schönsten Städte Deutschlands auslöschten, als - gelinde gesagt - Geschmacklosigkeit gesehen werden muß.

Wollte man sich auf eine Diskussion deutscher und britischer Standpunkte einlassen, so kämen von beiden Seiten gut vertretbare Argumente. Gibb selbst bringt zum Beispiel vor, die Piloten seien Helden gewesen, die Deutschland letztlich Frieden und Freiheit gebracht hätten. Dagegen ließe sich einwenden, daß die Vernichtung Dresdens im Februar 1945 mitnichten kriegsentscheidend gewesen ist. Dennoch, so könnte die britische Argumentation weitergehen, war es doch wohl Deutschland, das den Krieg begonnen und ihn später sogar "total" geführt habe. Wer sich so verhalte, müsse damit rechnen, daß die angegriffenen Völker ihre Freiheit mit denselben Mitteln verteidigten. Auch richtig. Gleichwohl widerspricht die planmäßige Tötung von Zivilisten der Genfer Konvention und wird bis heute auch im Fall Dresden von vielen Experten als Kriegsverbrechen gewertet.

Und so könnte man ewig fortfahren. Der kleinste gemeinsame Nenner ist, daß Krieg an sich blöd ist, aber er hat nun einmal stattgefunden. Alle weiteren Konflikte entspringen dem allzu menschlichen Phänomen der unterschiedlichen, historischer Perspektive und Prägung geschuldeten subjektiven Wahrnehmung und sind daher nicht vollständig auflösbar.

Ja Himmel, dann baut halt Euer dämliches Ehrenmal, wenn Ihr Euch dann besser fühlt! Alle britischen Waffengattungen außer der RAF haben eins, sogar die Spürhunde, die in den Londoner Trümmern eingesetzt wurden, und das Königreich braucht Helden, denn der Komplex, daß eine abtrünnige Kolonie dem einst mächtigen Empire auf gut Amerikanisch gesagt "den Arsch retten" mußte, wiegt ebenso schwer wie die Erkenntnis, daß Deutschland seither in vielerlei Hinsicht sehr viel besser dasteht als Großbritannien. "Who won the war, anyway?" Tja...

Natürlich erscheint es einem aufgeklärten, zeitgemäß denkenden Menschen befremdlich bis lachhaft, in bronzenem Kitsch verstaubtes Heldentum zu zelebrieren. Indes - belassen wir es doch dabei. Mag im Green Park nun ein Bomberdenkmal stehen oder nicht - meinen vielen Freundschaften im Vereinigten Königreich und meiner glühenden Liebe zu London wird das nicht den geringsten Schaden zufügen. Heute ist heut'.

P.S.: Das vom britischen Volk gestiftete und vom Sohn eines Bomberpiloten gefertigte Turmkreuz auf der wiederaufgebauten Dresdener Frauenkirche spricht eine andere Sprache als die dumpfe Heldenverehrung. Solche Gesten gibt es heutzutage gottlob auch.

Donnerstag, 2. September 2010

Ode an den Biber

Was für ein wunderbares Tier der Biber ist! Fleißig nagt er Tag für Tag Bäume nieder, um daraus Dämme zu bauen, Bäche aufzustauen und somit einen sicheren und lebensgünstigen Wasserstand zu schaffen. Er lebt in Einehe und beherbergt seinen Nachwuchs, bis dieser alt genug ist, die elterliche Burg zu verlassen und selbst für den Bestand der Art zu sorgen. An sein Leben im Wasser ist er mit seiner Kelle (dem paddelartigen Schwanz), den Schwimmhäuten an den Hinterfüßen und seinen 23.000 Haaren pro Quadratzentimeter Fells bestens angepaßt; er existiert in vollkommener Harmonie mit seiner Umgebung, seiner Familie und seiner täglichen Beschäftigung.

Harmonie und Sicherheit... das zeichnet so ein Biberleben aus. Eine monogame Beziehung, liebende Brutpflege, tägliches Werken am sicheren Damm und das zufriedene Dasein in einer artgerechten Umgebung. Ein ebenso bescheidener wie berechtigter Anspruch ans Leben; eine freiwillige Selbstbeschränkung, in der für diese Tiere das ganze Glück der Welt liegt.

Beneidenswert, irgendwie. Ein Lebensentwurf, der von Beständigkeit, von verläßlichen Größen und festen Werten definiert wird. Keine Ablenkungen, keine Zweifel, keine hochfliegenden Ideen, Phantasien und Ambitionen, die den eigenen Horizont und letztlich auch die eigene Lebensfähigkeit weit überspannen und am Ende zum Scheitern verurteilt sind... Ein realistisches, in den dieser Spezies gegebenen Möglichkeiten und Normen verwurzeltes Dasein. Wunderbar.

Hasen hingegen, um ein konträres Beispiel zu geben, hoppeln nur blöd herum, boxen sich ebenso wichtigtuerisch wie albern mit Rivalen, rammeln, was nicht bei drei weiß Gott wohin geflüchtet ist, und leben in der ständigen, ohrenspitzen Panik, etwas zu übersehen oder zu verpassen. Sie bauen noch nicht einmal unbedingt ein dauerhaftes Nest, sondern suchen in zufälligen Bodenvertiefungen ihren kurzfristigen Schutz. Recht erbärmlich, wenn man es mit der soliden Lebensweise der Biber vergleicht. Aber eben Hasennatur. Wer wollte darüber urteilen?

Zu vermuten ist jedoch, daß mancher Hase, der weiter als seine durchschnittlich begabten Artgenossen zu blicken und tiefer als jene zu empfinden imstande ist, sich heimlich und gegen seine offenkundige Natur nach einem Biberleben sehnt. Nicht nach dem Wasser vielleicht, auch wenn Hasen sehr gute Schwimmer sind und letztlich wohl sogar mit dem nassen Element zurecht kämen. Aber doch nach der dauerhaften Gültigkeit der Verhältnisse, nach der Verbindlichkeit des Lebensmodells, das den Verlust an launenhaften, unbegrenzten Selbstverwirklichungsmöglichkeiten tausendfach mit Halt und Verläßlichkeit entgilt.

Vielleicht hat der Biber das Zuhause, das der Hase sich wünscht. Ob sie aber jemals zusammenleben könnten, steht dahin.

Mittwoch, 1. September 2010

Postmortale Wünsche

Immer wieder erstaunt mich, welch genaue Vorstellungen viele Menschen davon haben, was nach dem Ableben mit ihrem Körper geschehen soll. Mancher wünscht sich, unter einer Trauerweide begraben zu werden, ein anderer möchte einen Rosenstock auf dem Grab haben. Wieder andere wollen verbrannt werden und ihre Asche an einer bestimmten Stelle - in ihrem Garten, an der Klippe ihrer Lieblingsküste oder auf dem Meer - verstreut wissen.

Irgendwie rührt mich das zutiefst... und bleibt mir doch fremd. Ich empfinde solche Vorstellungen als sehr "lebend" gedacht, sehr im Diesseits verhaftet, und eigentlich belastet man damit das eigene Dasein bis zum Tode mit der überflüssigen Ungewißheit, ob denn wenigstens diese letzten Wünsche erfüllt werden - einer für meinen Geschmack allzu weltlichen Frage.

Mir ist es offen gestanden völlig gleichgültig, was mit meinem Kadaver geschieht. Meinetwegen kann man meine Überreste auf dem nächsten Acker unterpflügen, kompostieren oder zu Fischfutter verarbeiten. Es ist nur ein toter Körper, der zu nichts da war als mich durch das Erdendasein zu tragen, solange dieses eben währte. Wenn ich mir bange Gedanken darum machte, was nach meinem Dahinscheiden damit geschieht, würde ich den ganzen Reiz, der im Tode liegt, doch von vornherein ad absurdum führen.

Denn das wirklich Nette am Totsein ist doch, daß man mit einemmal völlig frei wird von aller Körperlichkeit, leicht und weit erhaben über aller Mühsal der physischen Existenz schwebt und mithin die Sorgen, Wünsche, Nöte, Hoffnungen und Ziele des irdischen Lebens so wunderbar belanglos werden, daß man lächeln könnte ob der Kleinheit des lebendigen Denkens und Empfindens, wenn man denn noch einen Mund dafür hätte... Man sieht plötzlich das große Ganze, jede einzelne Faser des universellen Gewebes, das alles trägt und alles prägt was kreucht, fleucht, lebt, liebt, irrt, sündigt und strebt. Man sieht es, man versteht es, und man ist ganz und gar versöhnt mit allem, weil man an einem höheren, einem universellen Bewußtsein teilhat, dem es gleich ist, wie und wo sich der Leib denn diesmal zu Erde zersetzt, weil jedes Molekül des Körpers schon unzählige Male in unzähligen Wesen gelebt hat und gestorben ist.

So stelle ich es mir jedenfalls vor. Oder aber - auch das ist denkbar - es kommt nichts, absolut gar nichts nach dem Tode. Dann ist es erstrecht egal, wo man verrottet.

(Den Aspekt, daß es den Hinterbliebenen Trost geben mag, einen Verstorbenen an einer bestimmten Grabstelle physisch-real "besuchen" zu können, habe ich hier zugegebenermaßen außer acht gelassen... Na gut, dann pflügt mich halt doch nicht unter.)

Dienstag, 31. August 2010

Das Meer

Jedesmal berührt, erfaßt, durchspült es mich - das Meer. So vielfältig ist es beschrieben und besungen worden, daß ich mich fast scheue, ihm einen eigenen Text zu widmen - als Ursprung des Lebens und als Verführung zum Tode, als Sinnbild der Leidenschaft und zugleich der ewig sich wiederholenden Gleichförmigkeit des Seins.

Mir ist das Meer ein alter Freund. Seine unendliche Weite, sein ewiges Rauschen, seine Launen, seine Tiefe und Unergründlichkeit... all das sind Eigenschaften, die ich als anziehend und verwandt empfinde, und die mir Ruhe und Kraft geben.

Vielleicht, weil die Seele genau die gleichen Eigenschaften besitzt. Wie das Meer rauscht sie tief und unergründlich in uns, ist mal sanft und perlend, mal zerstörerisch tobend, nährt das vielfältigste Leben unserer Innerlichkeit und vernichtet es im nächsten Moment, und so gern sie Menschen an sich heranläßt, ja in sich aufnimmt, auf daß sie sich erfrischen und erfreuen, so einsam bleibt sie im Grunde immerdar.

Es mag Zufall sein, daß das Wort "Seele" mit "See" beginnt. Aber es kommt mir gerade sehr sinnig vor.


Dienstag, 17. August 2010

Ein Lied in allen Dingen

Momentweise habe ich sie noch, jene intensive Weltwahrnehmung, die mir als Kind ganz alltäglich war. Alles schien mir damals beseelt, das Wesen eines jeden Gegenstandes, jeden Ortes und jeden Geschehens spürbar.

Sachen, die von Menschen gemacht wurden, enthielten für mich ohnehin stets ein Stückchen des schöpferischen Geistes und der handwerklichen Hingabe, die jemand darauf verwendet hatte, aber auch natürliche Dinge wie heruntergefallene Äste oder Steine am Wegesrand erschienen mir von einem universellen, göttlichen Geist durchdrungen, der alles zusammenhielt und allem Sinn gab. Das Welken eines braunen Blattes etwa, das im Herbst zu Boden gefallen war, erschien mir edel, weil es damit erstens einem höheren lebenszyklischen Sinn diente, und sich zweitens obendrein bemühte, zu jener wundervollen Herbststimmung beizutragen, die ich so liebte. Ich konnte all das spüren, und still dankte ich dem Blatt für sein rührend-schönes Opfer.

Wenn ich auf einem Spaziergang einen Stock aufsammelte, um eine Weile damit zu gehen oder zu spielen, war ich schon nach Minuten nicht mehr imstande, ihn wieder wegzuwerfen, nicht etwa, weil ich ihn unbedingt hätte haben wollen - meistens wurde er mir sogar recht bald lästig - sondern weil ich eine weltgeistige Beziehung zu ihm entwickelt hatte und vermutete, daß dies irgendwie, und sei es auf einer höheren Ebene, auch umgekehrt der Fall sei, daß also der Stock, nachdem er mit mir in Berührung gekommen war und mich ein Stück Weges begleitet hatte, nicht mehr nur ein beliebiges Stück Holz war, das sich beim Wegwerfen sogleich wieder in den Waldboden einfügen würde, sondern mich vielmehr "vermissen" und sich verstoßen fühlen werde.

Heute ist meine Weltwahrnehmung natürlich ein wenig abgestumpft, und die kindliche Vorstellung davon, daß alles lebt und fühlt und denkt, ja daß man nur ein Zauberwort zu treffen habe, um die Welt zum singen zu bringen, ist einer etwas pragmatischeren Sicht der Dinge gewichen. Und dennoch ertappe ich mich dabei, mich von vielen Dingen nicht trennen zu wollen, weil sie mir "leid tun", oder mich bei einem Hotelzimmer zu verabschieden und für die Beherbergung zu bedanken, wenn ich es mit gepackten Koffern verlasse...

Ich lächele dann meist über mich selbst, über das Kind in mir. Es ist schon ein wenig exzentrisch. Aber ganz verlieren möchte ich den Glauben an die Beseeltheit der Welt denn doch nicht.


Samstag, 14. August 2010

Experiment 1 - Drei Bilder

1.
Ein Haar bricht ab.
Heraus tropft Blut.
Ist das normal?

2.
Licht fällt auf die Hand.
Das ist ihr peinlich.
Dem Licht nicht.

3.
Regen spritzt aus dem Boden
und flieht in die Wolken.
Die Blumen schütteln den Kopf.
Wasser ist doch dumm.

Freitag, 13. August 2010

Von Altem und Neuem

Das Leben, so wenig originell diese Feststellung ist, besteht aus vielen Veränderungen, und so erscheint es durchaus sinnvoll, einzelne Lebensphasen danach zu unterscheiden, was sie prägt, was während ihrer Dauer richtig und wichtig erscheint und was irgendwann im Reich der Erinnerungen versinken muß, sei es, weil es seinen Zweck erfüllt hat, sei es, weil es uns nicht mehr gut tut, sei es auch, weil sich etwas Neues, etwas Besseres entwickelt hat.

Oft jedoch, wenn eine Gegebenheit wichtig und prägend war, fällt es nicht leicht, sie abzuschließen und zu überwinden. Unserer rationalen Erkenntnis ist längst bewußt, daß wir loslassen und einen Schritt weiter gehen sollten, aber bis diese Einsicht endlich auf die Handlungsebene durchsickert, vergeht Zeit.

Viele Menschen argumentieren in solchen Phasen, sie seien für Neues nicht offen, da sie schließlich das Alte noch zu überwinden im Zuge seien. Neue Möglichkeiten, so sagen sie, kämen in diesen Phasen einfach zur falschen Zeit. Eine Weile lang ist das auch absolut verständlich, aber irgendwann läuft man Gefahr, dieses Argument zur Ausrede für die eigene Unbeweglichkeit zu machen.

Denn etwas Altes überwinden zu wollen, indem man sich gegen das Neue sperrt, und damit ein inneres Vakuum zu schaffen, in dem der Trennungsschmerz auf nicht absehbare Zeit weitergären kann, erscheint widersinnig, und ein Mensch in dieser Situation sollte zumindest den Gedanken zulassen, daß das ausgerechnet im Umbruch sich darbietende Neue nicht nur nicht zur falschen, sondern sogar genau zur richtigen Zeit ins Leben gekommen sein könnte, ja, ob nicht, etwas pathetisch ausgedrückt, neue Möglichkeiten ein Angebot des Schicksals an uns sind, genau das zu bekommen und anzunehmen, was wir gerade brauchen, ohne daß wir uns dessen bereits völlig bewußt sind.

Die Frage also, die wir uns in jeder Umbruchphase unseres Lebens stellen sollten, ist, ob wir allen sich unerwartet ergebenden Möglichkeiten zum Trotz auf der prinzipiellen Entscheidung beharren, gerade nicht offen zu sein, oder ob wir uns zumindest insoweit auf das Neue einlassen als wir den Gedanken an seine mögliche Richtigkeit zum Teil unseres Entwicklungsprozesses machen und vielleicht gerade dadurch endlich vom Alten loskommen.

Donnerstag, 12. August 2010

Nacht der Sternschnuppen

Nacht der Sternschnuppen, Nacht der Wünsche... Nacht vielleicht auch der Enttäuschungen, denn oft genug verglühen unsere hochfliegenden Wünsche in der Atmosphäre des Lebens wie eben jene Meteoritentrümmer, die so gar nichts von einem Stern haben und uns in der Schönheit ihrer Erscheinung doch nur Zeugen ihres Vergehens werden lassen - welch wunderbar faustisches Opfer!

Doch die wunscherfüllende Wirkung der Sternschnuppen bleibt ein Aberglaube, und so rührend dergleichen ist, so lebensfern ist es auch. Gewiß mag es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geben, als sich unsere Schulweisheit träumen läßt - ohne diese Überzeugung wäre mir das Leben unendlich fad. Aber um sich etwas zu wünschen, braucht man keine Sternschnuppe. Das darf man immer. Und wenn man dem Wunsch das Bemühen um Erfüllung beigesellt, das leidenschaftliche Streben und Werben darum, daß das Gewünschte wahr wird, dann lebt man ganz bei sich und wird verschmerzen können, wenn man hier und da vergebens sich bemüht. Nur unversucht darf man es nicht lassen.

Über Wien sind übrigens keine Sternschnuppen zu sehen. Die Stadt ist zu hell, zu stumpf vielleicht gegen die Feinheit kosmischer Erscheinungen. Aber das macht nichts. Ich wünsche mir trotzdem etwas. Und ich werde mich nach Kräften darum bemühen.

Montag, 9. August 2010

Sinn und Seligkeit

Neulich wollte jemand, der gerade mit einer bestimmten Lebenslage haderte, von mir wissen, ob man nicht einen Teil seines Herzens zu Eis mache, wenn man sich angewöhne, nicht immer alles verstehen zu müssen.

Nun - schon die Frage ist irreführend. Denn man gewöhnt sich das Nichtverstehenmüssen ja gar nicht an. Vielmehr akzeptiert man lediglich die Tatsache, daß man ohnehin nicht alles verstehen kann. Das Leben ist hochkomplex, und die Menschen sind nun mal verschieden. Kaum ein Verhalten folgt einer Logik, und wenn doch, dann einer sehr individuellen, die von ganz persönlichen Erfahrungen geprägt und damit für andere nicht nachvollziehbar ist.

Dabei ist der Drang, alles verstehen zu wollen, durchaus nachvollziehbar. Man möchte das Leben verstehen, um es zu ertragen. Denn an sich ist es ja eine Zumutung! Man wird ungefragt auf die Welt geworfen, und je älter man wird, desto mehr Aufgaben und Probleme stellen sich. Wir rackern uns ab, suchen nach dem Sinn und wünschen uns ein Stückchen Glück. Den Sinn glauben wir nur zu finden, wenn wir alles, was geschieht, irgendwie begründen können. Das Leben aber verläuft nicht anhand starrer Muster, sondern wabert herum und nimmt oft unberechenbare Wendungen, die uns enttäuschen oder verletzen, weil sie unserer Denk- und Erwartungslogik nicht entsprechen. Und genau so verhalten sich die Menschen. Damit kann man hadern – oder man kann es akzeptieren und in jedem Rückschlag eine Chance auf positive Veränderung sehen. Und schon ist man dem Sinn des Lebens und dem Glück ein Stückchen näher.

Wenn wir also akzeptieren, daß Menschen immer wieder auf eine uns absolut nicht erklärbare Weise handeln, dann vereisen wir nicht unser Herz, sondern wir erwärmen es sogar mit einer großmütigen, verständigen Toleranz gegenüber dem unsagbar menschlichen Faktum, daß nun mal einjeder anders tickt und nicht zwingend unseren Erwartungen entsprechen muß. Nicht alles verstehen zu müssen wird somit zu einer höheren Stufe der Menschlichkeit.

Donnerstag, 5. August 2010

Ein neuer Tag

Ein neuer Tag, ein neues Leben. Alles strahlt, als habe jemand den Himmel frisch gestrichen, ihm kunstvoll kleine Wölkchen aufgetupft und nebenbei noch schnell die Sonne poliert. Die Luft ist klar, die Bäume duften.

Ich bin allein. Meine Seele hat sich gehäutet und schnuppert zart, verletzlich, behutsam und doch neugierig ins Leben hinaus...

Kein Zwang, etwas zu tun. Kein Druck, etwas zu erreichen. Leidenschaft muß sich nicht zwingen. Begeisterung braucht keinen Druck. Das Leben geschieht. Es wabert verspielt umher wie eine Qualle, der man gelegentlich einen kleinen Schubs gibt, um die Grundrichtung zu wahren. Packt man sie und stößt sie grob voran, wird sie niemals ihre elegante Leichtigkeit und jene unbeschreibliche Schönheit entfalten können, zu der sie in der schwerelosen Freiheit ihres Elementes veranlagt ist.

Alles findet sich. Heute ist ein neuer Tag.

Mittwoch, 4. August 2010

Leben

Leben:
Liegen, lernen, laufen, lachen.
Löchern, loben, lästern, laben.
Lodern, lieben, leiden, lassen.
Locken, lagern, lecken, lutschen.
Lügen, lösen.
Legen.
Lüften.

Dienstag, 3. August 2010

Groß sein

Groß sein ist toll! Man ist erwachsen (oder wird zumindest allenthalben so wahrgenommen) und darf deshalb alles tun, was man als Kind nicht durfte. Zum Beispiel kann mir heute niemand verbieten, um 2 Uhr nachts einen Liter Vanilleeis zu essen, wenn mir spontan danach ist. Oder lange aufzubleiben. Oder Kaffee oder Alkohol zu trinken.

Und dennoch, so seltsam das ist, muß ich auch heute immer erst den Reflex überwinden, das ja eigentlich nicht zu dürfen.

Dabei bin ich nicht allzu streng oder gar autoritär erzogen worden. Aber es gab doch klare Grenzen und Regeln, und manches war aus durchaus vernünftigen Gründen eben nicht gestattet. In Unmengen und zu Unzeiten Eis zu essen zum Beispiel, wirft ja nun unbestritten sowohl medizinische als auch moralische Probleme auf, und so wurde mir dergleichen eben mit liebevoller Strenge untersagt.

Heute hingegen entscheide ich über diese Dinge selbst, und wenn die kindliche Lust im entscheidenden Moment alle gesundheitlichen und ethischen Bedenken überwältigt, dann esse ich eben Eis! Das Schöne daran ist, daß sich das Kind in mir die Hemmschwelle jener heimlichen Einsicht, dergleichen nicht tun zu sollen, bewahrt hat und umso lustvoller und bewußter den Bannkreis kindlicher Reglementiertheit durchbrechen und ungehindert in die freie Sphäre erwachsener Autonomie eindringen kann...

Die Freude darüber durchrieselt mich jedesmal aufs Intensivste. Sie ist nur dem Gefühl vergleichbar, das man als Kind hatte, wenn etwas an sich Verbotenes ganz unerwartet und ausnahmsweise doch gestattet wurde.

In Gegenwart meiner Mutter machen derartige Grenzüberschreitungen übrigens noch mehr Spaß! Sie versucht natürlich (wie alle Mütter auf der Welt) immer noch, mir nahezubringen, was gut und was schlecht für mich ist, und ich finde das süß und liebe sie sehr dafür. Und ich bin ihr dankbar für die Regeln und Grenzen, die sie mir als Kind auferlegte, denn sie befähigen mich heute dazu, die Freude an den Dingen, die ich mir gönne und gewähre, viel intensiver und bewußter zu empfinden, als wenn alles schon immer selbstverständlich gewesen wäre.

Danke, Mülein. Groß sein, wenn man sich ein wenig klein zu halten weiß, ist wirklich toll.

Montag, 2. August 2010

Möglichkeiten

Mit dem Zählen der Sandkörner in der Wüste bin ich fertig. Es sind weniger als ich dachte. Nun sitze ich auf dem Rand des Universums und lasse die Beine ein wenig im Nichts baumeln. Das kribbelt immer so schön.

Vielleicht pflücke ich mir einen Stern vom Himmelszelt - einen, der noch strahlt, und nicht einen längst ausgebrannten, der uns mit jahrtausendealtem Licht belügt - und erhelle mir damit den Weg zum Ende des Regenbogens. Ich könnte mir ein Einhorn fangen und hinreiten; das habe ich lange nicht mehr gemacht.

Heute traue ich mir alles zu, und nichts scheint unmöglich. Wie kommt das nur?


Freitag, 30. Juli 2010

Seelenmeer

Mein Herz wird an Dir brechen
wie eine Welle an der Klippe.
Ich weiß es wohl,
und brande doch heran
mit aller Kraft.
Vielleicht, daß ein Tropfen bleibt,
der Deinen Stein einst höhlt.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Die Kraft in der Ruhe (Teil 2)

Zuweilen wundere ich mich über mich selbst. Über all die Entwicklungen, die ich durchgemacht habe, und die mich - meiner unerschütterlichen Überzeugung zum Trotze, ich würde mir auf ewig das innere (ein bißchen jähzornige) Kind bewahren - haben reifen und über viele ursprüngliche Anlagen meines Wesens hinauswachsen lassen.

Ich bin ruhig geworden, so ruhig, daß kaum mehr etwas mich aus dieser Ruhe zu bringen vermag. Die Verbissenheit, mit der ich Menschen zu beeinflussen versuchte, und die Ungeduld, wenn etwas nicht sofort so lief, wie ich es mir vorstellte - all das ist mir zutiefst fremd geworden. Dinge, die mich bis vor kurzem maßlos aufregten, verärgerten, zu zorniger Verzweiflung trieben und ein meiner gediegenen Erscheinung zugegebenermaßen kaum anzumerkendes Temperament anstachelten, Menschen, die mich in ihrer Sturheit und Engstirnigkeit einfach nur wütend machten, Enttäuschungen, die bange Hoffnungen ebenso grausam wie gründlich zerstörten - all das vermag ich zu meinem eigenen Erstaunen heute mit heiterer Gelassenheit zu betrachten, wie ein Vogel, der aus der Luft auf das große Ganze eines Labyrinthes und all die Gestalten, die darin herumirren, hinabblickt.

Damit man mich nicht mißversteht: Weder beschreibe ich einen Zustand der Teilnahmslosigkeit, noch einen solchen der Überheblichkeit! Ich bin einfach nur gelassener geworden. Die letzten Jahre, die mich in einen Strudel des heil- und haltlosen Chaos' gezogen und mein Leben von innen nach außen gekehrt haben, die mich immer wieder zu den höchsten, vermessensten Trugbildern emporrissen, um mich hernach in tiefste Täler hinabzuschleudern, haben mich nun auf einer höheren Bewußtseinsstufe wieder ausgespuckt und mir damit eine Perspektive eröffnet, die mich weit mehr als früher (wenngleich nicht alles) verstehen und verzeihen läßt.

Natürlich ist mir nicht alles egal, und natürlich bleibe ich verletzlich, wenn mich etwas enttäuscht. Aber ich kann es besser einordnen und die vielen, vielen anderen, guten, schönen und richtigen Dinge im Leben erkennen und dagegenhalten.

Ja, meine Kraft liegt in der Ruhe. Sie befähigt mich, seit Jahren erstmals wieder zu schreiben, für andere da zu sein, zu streben, zu lieben und zu hoffen, ohne daß es mich zerstört, wenn dabei nicht alle Blütenträume reifen...

Die Kraft in der Ruhe (Teil 1)

Wien ist keine beruhigende Stadt. So gemächlich die Wiener erscheinen, so langsam das Leben vonstatten geht, und so sehr die imperiale Pracht der Bauwerke Kontinuität vorzutäuschen versucht - so dunkel und stark ist doch die Beunruhigung, die einem unsichtbaren, tödlichen Nebel gleich aus dem Boden aufzusteigen und unbemerkt bis in die Seelen der Menschen zu sickern scheint, jener Menschen zumindest, die Wien ganz zu spüren vermögen...

Wien hat etwas Bedrohliches, etwas Mystisches, und das vielzitierte "Morbide" der Stadt, das in allen Gassen hängt, beunruhigt allein dadurch, daß es uns die Vergänglichkeit allen Seins und damit auch irgendwie die verzweifelte Sinnlosigkeit unseres Strebens auf so subtile und doch deutliche Weise spüren läßt. Denn so sehr wir uns an den alten Bauten erfreuen, und so prächtig und mächtig die Anlagen, Plätze und Palais uns erscheinen, so sehr kann sich etwas in uns nicht gegen die Erkenntnis wehren, daß all dies eine tote Zeit repräsentiert, eine hochfliegende, selbstherrliche Epoche, deren Ewigkeitsanspruch in einem düsteren Blutfest ruhmlos unterging...

Genau dieser tiefen Abgründigkeit wegen, die Wien hinter seinem fröhlich-modernen Stadtleben verbirgt wie ein peinliches Gespenst in einem Schloßhotel, ist seine Wirkung nachgerade mephistophelisch. Es vermag einen Menschen genial zu machen, aber es fordert dafür seine Seele.

Ziemlich trübe, hm? Wie läßt es sich leben in einer solchen Stadt?, mag mancher fragen. Nun, gar nicht schlecht. Fordern kann Mephisto ja, was er will. Meine Seele bekommt er nicht, und das Gespenst läßt sich bestens ignorieren, wenn es einem gut geht und man - der beunruhigenden Wirkung Wiens zum Trotz - gerade ganz ruhig und ausgeglichen ist. Dann werde ich eben nicht genial, sondern bescheide mich mit der Hausgebrauchsbegabung, die mir auch ohne das kurzsichtige Eingehen teuflischer Pakte mitgegeben wurde.

Denn in der Ruhe liegt tatsächlich alle Kraft, ganz besonders in jener Ruhe, die sich inmitten der latenten Ruhelosigkeit zu behaupten vermag. Und ruhig bin ich zurzeit.

Doch dazu mehr im zweiten Teil! (Das wollte ich immer schon mal sagen!)

Dienstag, 27. Juli 2010

Fragment

Ist ein abgeschloss’nes Glück
Nicht viel leichter zu ertragen
Als ein ruheloses Jagen
Zu der einen Chance zurück?

Montag, 26. Juli 2010

Tag vor dem Abend

Normalerweise habe ich irgendetwas im Kopf, bevor ich zu schreiben beginne - eine Idee, ein Thema, ein Leitmotiv, wenigstens einen Wortwitz. Heute jedoch ist da nichts, und ich schreibe einfach drauf los.

Es war ein blöder Tag für mich. Wien ist grau, kühl und windig, und mir wollte seit dem Aufstehen nichts gelingen, nichts einfallen. Menschen, von denen ich mir seit Tagen ein kleines Signal ersehne, blieben stumm, und andere, auf deren Wortspenden ich gut hätte verzichten können, belatscherten mich mit Nichtigkeiten.

Den ganzen Tag umgab mich meine eigene Mißstimmung wie eine bleigraue, giftige Wolke. Ich war traurig, reizbar, egozentrisch und kleinlich. Was ich mir vorgenommen hatte, tat ich nicht. Stattdessen verbrachte ich den Tag unproduktiv und selbstmitleidig in meiner Wohnung. Ich las nichts, schrieb nichts, sprach mit niemandem und gammelte nur herum. Nur einmal ging ich kurz hinaus, kaufte um 30 Euro Eis und Süßigkeiten und versuchte, mithilfe eines gründlichen Zuckerschocks meine Stimmung zu heben.

Bis mir meine beste Freundin schrieb. Ob wir am Abend telefonieren wollten, fragte sie. Eigentlich war ich verabredet, und zänkisch, wie ich war, warf ich ihr in knappen Worten hin, daß ich keine Zeit haben würde. Aber was sind Verabredungen, wenn man ein so schlechter Gesellschafter ist wie ich es heute bin. Und wenn die beste Freundin, dieses ferne, kaum je erreichbare Wesen, in einem plötzlichen Liebesanfall telefonieren will.

Und dann tat sie etwas Seltsames. Sie schrieb mir einen Brief in einem eigens angelegten Blog. Und es beglückte und befremdete mich gleichermaßen... Und wir telefonierten... und klärten... und verstanden... und beschlossen, den Blog zur Literatur zu machen und ihn eine eigene, von unserem tatsächlichen Verhältnis ganz unabhängige Entwicklung nehmen zu lassen.

Nun gibt es ihn. Ein neues Projekt. Neugeboren, zart, voller Möglichkeiten. Und es gibt uns. Sie und mich. Erprobt, feuergetauft und einander in freundschaftlicher Liebe zugetan.

Und plötzlich ist mein Tag gar nicht mehr so schlecht.

Sonntag, 25. Juli 2010

Eine Affäre

Es ruht in meinem Herzen, und mein Herz in ihm, meinem Geheimnis, das nur wir beide kennen. Es durchwebt mein Denken, mein Tun, mein Leben, geheim, geborgen, ganz bei mir. Ständig lausche ich seiner Stille. Es schweigt so laut, daß ich fürchte, jeder müsse es hören. Es hält mich so fest, daß ich mich endlich frei fühle.

Meine Zuflucht, meine heimliche Heimat, mein geheimstes Geheimnis. In dieser Sondersphäre meines Seins, die der alltäglichen Wirklichkeit enthoben scheint, bin ich, wie ich sein will. Im Verborgenen offenbart sich das Leben. Im Dunklen erst sehe ich absolut klar.

Weil ich Dich finde, ohne zu suchen.

Freitag, 23. Juli 2010

Eben

Wolkenschweben,
Herzensbeben.
Worte weben,
weitergeben.
Niemals kleben,
sich erheben,
höher streben.
Leben leben.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Ewige Jugend

Oft wird sie beschworen, die ewige Jugend, und für viele Menschen scheint sie allen Ernstes erstrebenswert zu sein. Mit Cremes und Fitnessprogrammen, ja sogar mit Operationen wird dem Altern ein Kampf geliefert, der insoweit besonders tragisch wirkt als man ihn letztlich doch nur verlieren kann.

Dabei gibt es durchaus Bereiche, in denen die ewige Jugend kein Traum, sondern unbedingte Realität ist, und ich muß bekennen, daß mich das eher irritiert als erfreut. In der Liebe zum Beispiel. Mal ehrlich - sind wir nicht alle ewig 17, wenn wir uns verlieben? Werden wir nicht genauso unsicher und verlegen wie damals, wenn wir mit klopfendem Herzen und grummelndem Magen an die Eine denken? Und obschon wir diese Liebesnarretei an uns selbst altersweise belächeln, stellen wir uns doch dieselben Fragen: Soll ich es ihr sagen? Und wenn, dann wie? Und was mache ich nur, wenn sie nicht interessiert ist?

Und so drücken wir uns eine gute Weile um eine deutliche Erklärung unserer ewig jugendlichen Gefühle herum, um ja nichts falsch zu machen, das geliebte Wesen nicht zu verschrecken und die schöne Illusion, es könne alles gut enden, nicht durch die grausame Gewißheit zu verdrängen, daß man vergebens geliebt und sich bemüht hat und niemals erwidert bekommen wird, was man so glühend empfindet... Also schicken wir kleine Geschenke und senden liebe Grüße... und umgekehrt keine Signale zu erhalten (was man vernünftigerweise zu deuten wissen müßte), ist uns - eine Zeitlang - lieber als die eine endgültige Absage, die unseren Traum wie eine Seifenblase zerplatzen läßt... denn der Traum ist schön, beglückend und erhebend, solange er eben dauert...

Ewige Jugend, und kein Zeichen von Reife und Weisheit, wenn der Flammenpfeil das Herz durchbohrt. Irgendwie rührend. Liebe braucht keine Cremes. (Eine Herzbruchsalbe wäre freilich fein.)


(Anmerkung: Liebe Leser, hört auf, mich zu fragen, ob ich verliebt sei! :-) Dies ist ein Blog, kein Tagebuch! Es sind Gedanken, Literatur, Essays... und keine Eins-zu-eins-Beschreibung meines aktuellen Lebens. Natürlich bin ich NICHT verliebt! Welche Anzeichen könnte es dafür schon geben? Und wer bitt' schön (jetzt wird's Wienerisch) sollt' "die Ane" leicht sein...?)

Freitag, 16. Juli 2010

Neues aus der Forschung

Habe ich eigentlich schon meine hochwissenschaftliche Studie erwähnt, die ich seit etwa drei Jahren in Wien und Umgebung durchführe? Nein? Dann wird es höchste Zeit, denn eine Forschungsarbeit von so außerordentlicher gesellschaftlicher Bedeutung kann und darf der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden!

Kurz gesagt geht es um die Ermittlung des sogenannten Schnitzelbissenpreises (SBP), des Wertes also, den unter Berücksichtigung des in der Speisekarte ausgewiesenen Preises ein einzelner Bissen eines Wiener Schnitzels hat. Man errechnet ihn ganz logisch, in dem man die Bissen zählt, die sich von einem Schnitzel herunterschneiden lassen, und den Preis in der Speisekarte dann durch diese Anzahl teilt. Kostet ein Schnitzel beispielsweise 10 Euro und läßt sich in 25 Bissen verspeisen, so erhält man einen SBP von 0,40 Euro.

Nun mag mancher einwenden, die Bissen seien kein objektiver Wert, da sie ja nicht alle gleich groß seien. Dem ist entgegenzuhalten, daß sich im Laufe einer solchen Langzeitstudie eine Abschneidroutine einstellt, die aufs Ganze gesehen durchaus so etwas wie einen "Durchschnittsbissen" generiert. Man merkt das daran, daß man im selben Lokal immer wieder auf ungefähr die gleiche Bissenanzahl kommt.

Weiters werde ich oft danach gefragt, welche Rolle Qualität, Geschmack oder Beilagen für die Studie spielen. Die Antwort ist einfach: Keine! Es geht ausschließlich um die Frage, wo ich wieviel reines Schnitzel um welchen Preis erhalte. Ich könnte mich vielleicht noch zu einer Unterscheidung von Kalbs- und Schweineschnitzel hinreißen lassen, denn das sind immerhin zwei unterschiedliche Preiskategorien, und ein direkter Vergleich des SBP wäre nicht ganz fair. Andererseits geht es ja bei der Studie nur darum, wo in Wien ich mich auf billigste Weise mit Schnitzel vollstopfen kann, und da hat das Kalb dann eben Pech, daß es so teuer ist.

Wenn ich also ausschließlich vom Preis pro Bissen ausgehe, ganz gleich, was es dazu gibt, wie es schmeckt oder um welches Fleisch es sich handelt, dann reicht die Spanne des SBP in Wien zurzeit von 9 Cent (sagenhafte 94 Bissen Schweineschnitzel in meinem Lieblingsbeisl im 7. Bezirk um 8,50 Euro) bis 71 Cent (26 Bissen Kalbsschnitzel in meinem Kaffeehaus im 1. Bezirk um 18,50 Euro). Dazwischen gibt es natürlich viele andere Lokale. Der durchschnittliche SBP in Wien liegt derzeit bei etwa 36 Cent.

Noch ein Wort zur Qualität: Nur weil diese in der Studie nicht berücksichtigt wird, heißt das ja nicht, daß man sich jeden Fraß reinziehen muß. Wenn es einem nicht schmeckt, nützt auch der günstige Preis nichts. Und wer bildungsbürgerlicherweise durchaus nur Kalbsschnitzel essen will ("woil jo nur dos KOLBSschnützel dos ÖCHTE Wüner Schnützel üst!"), der zahlt eben per se mehr.

Ich habe Glück - das günstigste Schnitzel in der Stadt ist zugleich auch wirklich, wirklich gut, und so suche ich mein Lieblingsbeisl auf der Burggasse immer wieder gern auf, sitze im Schatten der alten Kastanie im Hof und mümmele genußvoll meine 94 Bissen in mich hinein.

Danach bin ich dann aber auch wirklich satt, und die Studie wird für mindestens zwei Wochen ausgesetzt.

Donnerstag, 15. Juli 2010

Ein Augenblick

(Meiner besten Freundin)

Du sitzt mir gegenüber. Während sich die Dämmerung auf den Garten niedersenkt und der heiße Sommertag langsam einer kühlen Stille weicht, schaust Du mit konzentriertem Blick auf den Bildschirm Deines Rechners und arbeitest. Ab und zu nimmst Du mit steifen Fingern einen Zug von Deiner Zigarette und ziehst dabei leicht die Augenbrauen zusammen, ohne den Blick abzuwenden. Ich sehe Dich an, und Du bist schön.

Wenn man Dich in Zeitschriften oder im Fernsehen sieht, bist Du stets makellos, perfekt zurechtgemacht, sexy, jugendlich und unangreifbar. Eine Ikone, eine Kunstfigur mit massenhafter Anziehungskraft. Aber erst jetzt, in der scheinbaren Unvollkommenheit dieses Augenblicks, da Du ohne Schminke und ein bißchen übermüdet vor mir sitzt, offenbart sich mir die unendliche Schönheit Deiner Seele.

Ich möchte Dir ganz nah sein und Dich zum Teil meines Lebens machen.
Ich möchte alles wissen, was Du weißt, alles fühlen, was Du fühlst.
Ich möchte Dich halten, so fest es geht, bis wir miteinander verwachsen für alle Zeit.

Du bist schön. Das bleiche Licht des Bildschirms macht Deine Züge hart und verrät das Schwinden der Jugend... Und doch warst Du mir nie schöner als in diesem Moment, da wir einander so nah sind im Schöpfergeiste, daß sich unsere Seelen küssen...

Mittwoch, 14. Juli 2010

Kleine Weisheit

Nichts erwarten.
Nicht besitzen.
Nicht den Wunsch zum Maß erheben.
Nur erleben.
Einfach lassen.
Was geschehen soll, geschieht.

Dienstag, 13. Juli 2010

liebesleben.app

Mit dem Liebesleben ist es wie mit dem iPad. Alle scheinen darüber zu reden, viele haben es, und wenn ich hier und da mal eines sehe, greift spontan der "Haben wollen"-Reflex - um sogleich von der kühlen Überlegung abgelöst zu werden, ob ich dergleichen im Moment wirklich brauchen kann, und ob der praktische Nutzen eines solchen Besitzes tatsächlich den phantastischen Vorstellungen entspricht, die man sich davon macht, solange man es nicht hat.

So ein Liebesleben hat ja durchaus seine Vorteile. Man kann es mit zahlreichen Applikationen versehen, trägt es immer bei sich und empfindet das Leben fürderhin als einfacher. Es gibt einem Halt und Orientierung, läßt sich leicht und spielerisch ebenso verwenden wie mit jenem tiefen Ernst, den man großen Aufgaben widmet, je nach Tagesstimmung halt, und wenn man den Drang verspürt, dem einen und einzigen Menschen eine liebe kleine Botschaft zu schicken, dann kann man das ohne weiteres tun.

Andererseits besteht die Gefahr, daß man sich allzu sehr auf das Liebesleben fixiert, daß man es, wenn nicht zum einzigen, so doch zumindest zum zentralen Gegenstand seines Lebens macht, hohe Erwartungen daran richtet, immer und überall, gleich was man gerade tut, darauf schielt und seine ganze Aufmerksamkeit darauf verwendet, kleinste Bewegungen, Veränderungen oder sonstige Signale zu registrieren. Über das Frustrationspotenzial, daß im Ausbleiben solcher Signale liegt, sei hier vorsichtshalber geschwiegen.

So hat denn das Liebesleben durchaus seine zwei Seiten. Wenn man denn unbedingt eines haben will, sollte man darauf achten, daß es sich um die neueste und stabilste Version handelt. Und wenn die nicht verfügbar ist, dann wartet man eben - und wird zuweilen staunen, wie gut es sich auch ohne leben läßt.

Wie dem auch sei - ich will ein iPad.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Selbstabschaffung

Wenn jemand beschließt, sich selbst abzuschaffen, ist das immer tragisch. Sein Leben zu beenden, weil man darin keine Hoffnung, keinen Sinn und keine Freude mehr findet, ist ein unsagbar trauriger Schritt, nicht nur des eigenen Verlustes an Perspektiven und Möglichkeiten, sondern auch des unendlichen Leides wegen, dem man seine Hinterbliebenen aussetzt.

Auf der Fahrt von München nach Wien wurde ich gestern Zeuge einer solchen Entscheidung. Als der Zug kurz vor Amstetten plötzlich bremste, war mir intuitiv klar, was passiert war, und die vielen Polizisten, Notärzte und Feuerwehrleute, die kurz darauf erschienen und später einen schlichten braunen Sarg an der Seite des Zuges entlang trugen, machten die längst kursierende Vermutung zur grausigen Gewißheit.

In den vier Stunden, die unser Zug auf offener Strecke stand, habe ich mir viele Gedanken über das Phänomen der Selbstabschaffung gemacht. Es ging mir seltsam nah, in einem Zug zu sitzen, der gerade zum Werkzeug eines Freitodes gemacht wurde. Aber was auch immer diesen Menschen getrieben haben mag - irgendwie erschien er mir bewundernswert konsequent.

Denn noch tragischer als ein vollständiger Freitod kommt mir zuweilen jene Art der Selbstabschaffung vor, bei der jemand nur seine Seele, nicht aber seinen Leib tötet. Wenn jemand beschließt, sein zartes, verletzliches Herz in einen Panzer aus Kälte, Härte und einem ebenso dummen wie häßlichen Hochmut einzusperren, dann ist das unendlich schade. Wenn jemand sich hinter einer lächerlichen und unglaubwürdigen Fassade aus kühler Gleichgültigkeit, ja aus Herablassung und Unhöflichkeit zu verbergen sucht, weil er nicht möchte, daß seine Angst vor und seine Sehnsucht nach echter Liebe offenbar werden (obwohl sie es längst sind), dann hat er sich verloren. Und wer gar meint, seine ganze Lebensführung auf der Oberflächlichkeit schneller und unverbindlicher Vergnügungen aufbauen zu müssen, um Situationen zu vermeiden, in denen ein bißchen Mut zum Bekenntnis, zur Entscheidung und zum Vertrauen gefragt wäre, der wird sein Glück niemals finden.

Ich kannte mal eine zarte, wundervolle Seele, sprühend vor Phantasie und Neugier, und in ihrer scheuen Vorsicht unglaublich anziehend. Wenige Augenblicke hatte ich das unsagbare Glück, ihr ganz nah zu sein, sie ganz echt und unverschanzt zu erleben. Sie war glücklich wie nie zuvor (und nie danach), einem anderen Menschen gegenüber ganz und gar sie selbst sein zu dürfen, und ich liebte sie für ihre Zartheit und hätte sie bis ans Ende meiner Tage beschützt. Fast hätte sie begonnen, in ihrer verletzlichen Zartheit keine Schwäche mehr, sondern einen ganz besonderen Wert zu sehen. Dann aber bekam sie Angst und verschloß sich... nicht vor mir, sondern vor der Größe und Echtheit dessen, was zwischen uns entstand. Und Stück für Stück schaffte sie alles ab, was an ihr liebenswert und besonders gewesen war, gab sich auf, vergrub ihre Sehnsucht nach Liebe tief in ihrem starren Herzen und bekräftigte damit letztlich den Sieg all derer, die ihr jemals wehgetan haben.

Nicht in der Selbstabschaffung liegt der Ausweg aus dem Leiden, sondern in der Wertschätzung dessen, was man hat und was man ist. Nicht in der Härte findet man sein Glück, sondern in der Erfahrung, seine Verletzlichkeit einem Menschen anvertrauen zu können, der sie annimmt, liebt und schützt für alle Zeit.

Dienstag, 6. Juli 2010

Ein Geburtstagsgruß

Alles Nützt Neuen Erkenntnissen,
Aber Nennt Nichts Eindeutiges.
Anfängliche Nähe, Notwendige Entfernung.
Ablehnung; Nur Nicht Erinnern...
Aber Noch Nagt Erlebtes
An Nerven, Nährt Empfindungen...
Ausgeweinte Nächte, Nebel, Einsamkeit.
Annäherung Noch Nicht Erwünscht.
Auch Nicht Nach Einsichten.
Abschied Nehmen, Nichts Erwarten...
Andererseits – Nein. Niemals Ergeben.
Ansprechbar, Noch Nicht Entschwunden.

Montag, 5. Juli 2010

Mein Tag

Aufwachen (an Dich denken), duschen (an Dich denken), anziehen (an Dich denken), frühstücken, Leute treffen, Gespräche führen (an Dich denken, an Dich denken, an Dich denken)... ein Mittagessen in der Sonne einnehmen (an Dich denken), zum nächsten Termin eilen (an Dich denken), präsentieren und überzeugen (Dich, Dich, Dich), ins Kaffeehaus setzen und schreiben (an Dich denken!!!), nach Hause gehen, frisch machen, Freunde auf ein abendliches Getränk treffen (An. Dich. Denken.), wieder nach Hause gehen, ausziehen, niederlegen, die Augen schließen... und (endlich!) sehnend und glühend und liebend an Dich denken.

So ist mein Tag.

Samstag, 3. Juli 2010

Schwarz-rot-goldene Lumpen

Dem einen oder anderen mag es aufgefallen sein - es ist Fußballweltmeisterschaft. Jedes Bekleidungsgeschäft, jede Bäckerei und jeder Friseursalon in Deutschland schmückt sich derzeit mit Schwarz-Rot-Gold; an den Autos und aus den Fenstern von Millionen von Bürgern wehen die Nationalfarben, und die gesamte Gastronomie schwelgt geradezu im Rausch der deutschen Trikolore.

Ich finde das schön. Nicht nur, weil es mich an das Sommermärchen von 2006 erinnert, da wir als Gastgeber der WM alle miteinander eine vierwöchige Party feierten und uns auch vom Ausscheiden unserer Elf im Halbfinale die Stimmung nicht verderben ließen; nicht nur, weil wir Deutschen endlich, endlich einen entspannten und ideologiefreien Umgang mit unserer Nationalität gelernt haben, sondern auch, weil es auch aus historischen Gründen einfach richtig ist, sich an diesen Farben zu freuen.

Das sehen viele, aber nicht alle so. Eine linksradikale Gruppe ruft derzeit dazu auf, bundesweit "schwarz-rot-goldene Lumpen zu erbeuten" und damit gegen den deutschen Patriotismus vorzugehen. Sie reißen Fahnen von Autos und Häusern und werfen sie achtlos auf einen Haufen, um stolz davor zu posieren.

Das gibt zu denken. Schon einmal in unserer Geschichte hat eine politische Gruppe die Farben Schwarz, Rot und Gold gehaßt und diffamiert. Sie nannte sich NSDAP, und was sie in Deutschland und der Welt angerichtet hat, bedarf wohl keiner Beschreibung. Aus dem Stadtarchiv meiner Heimatstadt Koblenz ist mir eine Photographie bekannt, auf der braun uniformierte SA-Leute die schwarz-rot-goldenen Fahnen der Weimarer Republik durch den Dreck hinter sich herziehen, um sie auf der Festung Ehrenbreitstein feierlich zu verbrennen...

Es ist nicht verwunderlich, daß die Nazis unsere Fahne gehaßt haben. Denn die Farben Schwarz, Rot und Gold stehen seit 178 Jahren für all das, was wir auch während der WM 2006 erlebt haben – Offenheit, Freundschaft, Verständigung, und den unbedingten Glauben daran, daß man gemeinsam alle Ideale erreichen und verwirklichen kann. Nicht umsonst wurde unsere Fahne in ihrer heutigen Form zum erstenmal bei einem Fest gezeigt – dem Hambacher Fest 1832, einer fröhlichen und friedlichen Party, bei der alle in der Begeisterung für eine gemeinsame, völkerverbindende Idee aufgingen. Niemals wurde unter der schwarz-rot-goldenen Fahne ein Krieg geführt – das würde auch allem widersprechen, wofür diese Farben von Anfang an standen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, und die friedliche Verständigung aller Völker und Rassen. In diesem Sinne ist unsere Fahne eigentlich kein streng „nationales“, oder jedenfalls kein völkisches Symbol. Schwarz, Rot und Gold sind die Farben jedes Menschen, der in diesem Land friedlich und gesetzestreu lebt.

Und also auch die Farben jener arabisch-stämmigen Gewerbetreibenden in Berlin, die ihr Haus mit einer 20 Meter langen Deutschlandfahne geschmückt haben und sie bereits zweimal von linksradikalen Ideologen zerstört bekamen. Wie unglaublich absurd! Da finden sich endlich Menschen verschiedener Herkunft, Rasse oder Religion unter einem Symbol des Friedens und der Verständigung zusammen, leben aktiv die Integration und begeistern sich für das freie und wunderbare Land, in dem sie leben, arbeiten, hoffen, träumen, lieben und wachsen... und dann wird ihnen von ein paar Verbohrten per Straftat erklärt, das sei ungesund und faschistoid.

So leid es mir tut, das ist einfach nur bescheuert. Nur meine zwei Pfennige.

(Quelle für die erwähnte Geschichte: Berliner Zeitung, 03. Juli 2010; http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/301228/301229.php)


Mittwoch, 30. Juni 2010

The moon and the wind

English version of "Mondgeschichte"

The moon stood full and bright over Vienna bathing streets, squares and houses in a silver-matt light. So close did he hold his crater-scarred face over the city that one could reach for it, and with a gentle look of worldly wisdom he watched the wind blowing through the streets.

The latter seemed particularly displeased today. He rushed in the trees, shook the shutters, tore the awnings, drove a few old newspapers in a wild chase and howled miserably at every corner. When he blew a particularly strong gust through Gumpendorfer Straße, a little angel, who had sat in the moonlight on number 131, flew away just in time, otherwise it would have simply been blown away.

The moon looked at the bustle of the wind for a while. Then he asked him:
"What are you doing? Why are you so wild?"
"Oh," the wind replied, casually knocking over a parasol, "I'm sad and desperate."
"Why is that?" the moon asked.
"To tell you the truth, because I envy you," replied the wind.
Now the moon was a little surprised.
"You envy me? What is it about?", he asked.
"Well, look," said the wind, "You stand so strong and self-confident in the sky, so calm and proud, and immerse the whole world in such a magical light that people start dreaming, poets start writing and lovers begin to kiss... "I, on the other hand, cannot do anything that touches hearts."

The moon thought in silence for a while. Then he replied calmly and considerately:
"Yes, I think I understand what you mean. And if you are so open-hearted, then I will gladly confess to you that I also envy you from time to time. For I stand so full and strong in the sky only a few days of the month. The rest of the time I have to spend growing patiently or shrinking painfully. The light with which I illuminate the earth is not even my own; I must borrow it and may only pass it on. And if a few feeble clouds please to wrap me up, my effect is gone.
You, on the other hand, are moving something! Through your power you blow the sails of the ships sailing around the earth. You drive the mills where grain is ground into flour. You carry the seed of plants across the land and keep it fertile. And finally, you let colourful flags wave on festive days and make people happy. All this is good and important, and without you life would be much harder. I delight the senses and yet I am senseless. But you lay the foundations of life."

So the moon spoke, and the wind paused to listen to him. Then they were both silent for a long time. Suddenly the little angel, who had returned to its place in the meantime, spoke out in the silence:
"You're both right, of course," it said, "and so everyone has a purpose. The poet needs the moonlight, and the miller needs the wind. Do not envy one another for the effect, but be glad and eager to accomplish your task as best you can. For the whole lives on diversity, and everyone must do what they can."

They saw this, and henceforth, the moon shone as willingly and without envy as the wind blew.

Mondgeschichte

(Für Dich, Engelchen - wie versprochen)

Voll und groß stand der Mond über Wien und tauchte Straßen, Plätze und Häuser in ein silbermattes Licht. So nah hielt er sein kraternarbiges Gesicht über die Stadt, daß man danach greifen mochte, und mit dem sanften Blick weiser Welterfahrenheit sah er dem Wind zu, der durch die Gassen wehte.

Dieser schien heute besonders ungehalten. Er rauschte in den Bäumen, rüttelte an den Fensterläden, riß an den Markisen, trieb in wilder Hetzjagd ein paar alte Zeitungen vor sich her und heulte an jeder Hausecke erbärmlich auf. Als er eine besonders starke Böe durch die Gumpendorfer Straße blies, flog ein Engelchen, das auf der Nummer 131 im Mondlicht gesessen hatte, gerade noch rechtzeitig davon, sonst wäre es einfach fortgeweht worden.

Der Mond sah sich das Treiben des Windes eine Weile an. Dann fragte er ihn:
"Was tust Du denn da? Warum bist Du so wild?"
"Ach", antwortete der Wind und warf beiläufig einen Sonnenschirm um, "ich bin traurig und verzweifelt."
"Warum denn das?", fragte der Mond.
"Ehrlich gesagt - weil ich Dich beneide!", entgegnete der Wind.
Nun war der Mond doch etwas erstaunt.
"Du beneidest mich? Worum denn bloß??", fragte er.
"Naja, schau", sagte der Wind, "Du stehst so stark und sicher am Himmel, so ruhig und stolz, und tauchst die ganze Welt in ein so zauberhaftes Licht, daß Menschen zu träumen, Dichter zu schreiben und Liebende sich zu küssen beginnen... Ich hingegen vermag nichts zu tun, was Herzen berührt."

Der Mond dachte eine Weile schweigend nach. Dann entgegnete er ruhig und besonnen:
"Ja, ich glaube, ich verstehe, was Du meinst. Und wenn Du schon so offen bist, dann will ich Dir gern bekennen, daß auch ich Dich zuweilen beneide. Denn so voll und stark stehe ich nur wenige Tage des Monats am Himmel. Den Rest der Zeit muß ich darauf verwenden, geduldig zu wachsen oder schmerzhaft zu schrumpfen. Das Licht, mit dem ich die Erde beleuchte, ist nicht einmal mein eigenes; ich muß es mir leihen und darf es lediglich weiterschicken. Und wenn es ein paar schwächlichen Wolken gefällt, mich einzuhüllen, ist meine Wirkung dahin.
Du hingegen bewegst etwas! Durch Deine Kraft blähst Du die Segel der Schiffe, die um die Erde fahren. Du treibst die Mühlen, in denen Korn zu Mehl gemahlen wird. Du trägst den Samen der Pflanzen übers Land und hälst es fruchtbar. Und schließlich läßt Du an festlichen Tagen bunte Fahnen flattern und erfreust damit die Menschen. All dies ist gut und wichtig, und ohne Dich wäre das Leben viel schwerer. Ich erfreue die Sinne und bin doch sinnlos. Du aber schaffst die Grundlagen des Lebens."

So sprach der Mond, und der Wind hielt inne, um ihm zuzuhören. Dann schwiegen beide lange. In die Stille hinein meldete sich plötzlich das Engelchen zu Wort, das inzwischen an seinen Platz zurückgekehrt war:
"Ihr habt natürlich beide recht", sagte es, "und so hat eben einjeder seinen Zweck. Der Dichter braucht das Mondlicht, und der Müller den Wind. Neidet einander nicht die Wirkung, sondern seid froh und eifrig dabei, Eure Aufgabe zu erfüllen, so gut Ihr es vermögt. Denn das Ganze lebt von der Vielfalt, und jeder muß tun, was er kann."

Das sahen sie ein, und fürderhin schien der Mond ebenso gern und neidlos, wie der Wind wehte.

Was vom Tage übrigblieb

So liebe ich Dich nach wie vor
und kann es nicht verwinden,
daß solcher Nähe tiefes Glück
uns ewig zu verbinden
so sicher schien, und so bald starb,
weil ich zu lange säumte.
Ich trieb Dich fort, weiß nicht wohin.
Weiß doch, was ich erträumte.

Montag, 28. Juni 2010

Verachtung

"Ich verachte dich zutiefst!" Diesen Satz hört wohl niemand gern. Schon gar nicht, wenn er von einem Menschen kommt, der vor einem Jahr noch Dinge sagte wie "Ich liebe dich auf immer". Ich habe Anlaß, über das Phänomen der Verachtung nachzudenken, denn mir wurde dieser Satz letzte Woche gesagt. Von einem Menschen, der vor einem Jahr noch ganz anders sprach.

Die Umstände des Einzelfalls tun nichts zur Sache. Ja, ich habe ihr unrecht getan - ein schwerer Fehler, der (wie ich hoffe und glaube) mehr einer tiefgreifenden Verwirrung meiner Seele als einem per se verderbten Charakter geschuldet war, und den ich hernach mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln wiedergutzumachen versucht habe. Aber es hat nicht gereicht; ich war in dieser Lebensphase wohl zu schwach. Nun verachtet mich dieser Mensch also, den ich nach wie vor als eine der wundervollsten, bereicherndsten und außergewöhnlichsten Begegnungen meines Lebens betrachte.

Ob ich ihre Verachtung unterm Strich verdient habe oder nicht, mag dahinstehen. Ich verstehe sie immerhin. Mich interessiert die Frage, wie Verachtung überhaupt entsteht, was sie bedeutet, und ob irgendein Mensch auf der Welt es verdient hat, verachtet zu werden.

Denn Verachtung bezeichnet ja nicht die Mißbilligung einzelner Eigenschaften, persönlicher Fehler oder charakterlicher Schwächen eines Menschen. Jemanden zu verachten bedeutet vielmehr, ihn als Ganzes abzulehnen und seiner Existenz jeden Wert abzusprechen. Und ich bin nicht sicher, ob man dergleichen tun sollte.

Egal, wie verachtenswert jemand handelt - er ist immer durch irgendwelche persönlichen Gründe dahin geraten, so zu sein, wie er eben ist, und niemand von uns weiß, wie er selbst sich unter vergleichbaren Umständen entwickelt hätte. Natürlich entschuldigt das nicht alles! Es gibt ohne jeden Zweifel zutiefst verachtenswerte Einstellungen, Handlungsweisen und Charaktereigenschaften! Aber Verachtung ist ein so endgültiges, so vernichtendes Gefühl, daß sie doch immer nur diesen speziellen Merkmalen gelten und niemals den Menschen als Ganzes betreffen sollte. Unser Mitleid sollte unerschöpflich sein, bevor wir uns in die Verachtung verirren. Wer einen Menschen als Ganzes zu verachten imstande ist, hat seine Menschlichkeit verloren.

Es tut weh, von jemandem verachtet zu werden, den man immer noch freundschaftlich liebend im Herzen trägt, und mit dem man viele, viele unsagbar gute Stunden verbracht hat. Ich kriege es einfach nicht hin, Menschen vollumfänglich zu verachten, denen ich mal so nah war. Und sie auch nicht wirklich, glaube ich. Zu einem Teil bin ich für sie wohl auch Projektionsfläche für vieles andere, was schief gelaufen ist; so viel habe ich begriffen. Aber das ist in Ordnung.

Sonntag, 27. Juni 2010

Turmzimmergedanken

Als ich kürzlich im Turmzimmer meines Luftschlosses in einem Schaukelstuhl aus Wind saß und auf mein Wolkenreich hinausblickte, kam mir folgender Gedanke:

Viel Geld. Warum möchten so viele Leute viel Geld haben? Viel Geld bräuchte ich eigentlich nur, um glaubhafter spielen zu können, ich hätte viel Geld...

Nachsatz: Mit "spielen" ist natürlich nur das kindliche innere Spiel gemeint, die imaginäre Wirklichkeit, die man sich zuweilen schafft, um das Leben ein wenig abwechslungsreicher zu machen, nicht aber das Schau"spiel" anderen gegenüber. Ich habe in dieser Hinsicht niemandem etwas vorzuspielen, und die Beurteilung von Menschen nach ihren Vermögensverhältnissen ist so erbärmlich uninteressant, daß ich mich ihr niemals anbiedern würde...

Montag, 21. Juni 2010

Deutschland (2)

Es ist seltsam, im Land seiner Ahnen zu weilen, wenn man bereits seit ein paar Jahren im Ausland lebt. Plötzlich ist der "bundesdeutsche Akzent" kein Alleinstellungsmerkmal mehr, und kleine, heimatsehnsüchtige Reflexe, wie zum Beispiel unbewußt auf deutsche Kennzeichen zu achten, werden auf rührende Weise lächerlich, da eben alle Autos hier solche Kennzeichen haben...

Ich gehe durch die Straßen der WM-gemäß verschwarzrotgoldeten Stadt, in der ich sieben Jahre lang gelebt, gehofft, geplant und geirrt habe, wie man durch ein Museum geht - man erkennt alles wieder, aber man benutzt es nicht mehr. Die ganze Stadt stellt sich als eine Sphäre dar, in der sich die Erinnerungen an frühere Gewohnheiten, vertraute Wege, Erlebnisse und Menschen, die einem damals nahe waren, schattenhaft über die nunmehr neutralisierte Gegenwart legen.

Verbunden fühle ich mich mit Deutschland, keine Frage. Es ist meine Heimat, mein "schwieriges Vaterland". Aber an seinem Alltag habe ich keinen Anteil mehr. Ich bin auf Besuch, und wenn ich das deutsche Leben betrachte, dann sehe ich es von Wien aus. Auch hier in Deutschland.

Einerseits macht mich das ein bißchen wehmütig. Wo man seine Wurzeln hat, da hätte man vielleicht auch gedeihen wollen. Andererseits schafft der Abstand mehr Raum. Raum für jene verklärende Liebe, die so viele Ausländer für ihre ferne Heimat empfinden. Raum aber auch für neue Perspektiven und eine Zukunft, die keine ständig präsente Vergangenheit mit sich herumschleppt.

Ich gehe nun ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Und vielleicht werde ich an der Kasse nach einem Sackerl fragen.

Samstag, 19. Juni 2010

Ein Liebestod

Eine Frau traf zwei Männer. Der eine begehrte sie, der andere liebte sie. Das Begehren des einen hielt sie für Liebe, und so bekam er sehr bald, was er wollte, tat ihr weh, ließ sie fallen und entschwand.

Die Liebe des anderen hielt sie für Begehren, und weil der eine sie so tief verletzt hatte und sie nichts mehr dagegen tun konnte, bestrafte sie den anderen dafür, indem ihn fortstieß und wie Dreck behandelte.

An der Oberfläche ihrer zarten Seele fühlte sich das gut an. Es gab ihr einen Rausch von Kontrolle und Stärke. Tief in ihrem Herzen jedoch verriet und verlor sie sich selbst. Denn sie hätte den Liebenden gern geliebt. Die Verletzung durch den Begehrenden jedoch machte sie kalt und hart.

Und so blieb sie. Und wurde nicht mehr froh für den Rest ihrer Tage. So ist es, wenn das Begehren über die Liebe triumphiert.


Donnerstag, 17. Juni 2010

12 Stunden

Es ist mir selbst fast unbegreiflich, aber gestern habe ich sage und schreibe 12 Stunden im Kaffeehaus gesessen. In Worten: zwölf Stunden. Und es war gar nicht fad. Der Raum war wie immer erhebend, die Gäste unterhaltsam, die Begegnungen bereichernd und die Kellner fürsorglich.

Ich kam um 9:30 Uhr an und bestellte den üblichen "Kaffee verkehrt" (ja, ich bestellte ihn! Der Kellner war neu und wußte nicht, daß er ihn mir einfach bringen darf und soll). Dann hatte ich eine Besprechung, die sehr gut und fruchtbar war, arbeitete hernach ein paar Stunden, aß zu Mittag, bekam spontan lieben Besuch an meinen Tisch, arbeitete noch ein paar Stunden, skypte ein bißchen, aß zu Abend... und auf einmal war es 21:30 Uhr.

So war der Tag, den ich im Kaffeehaus verbracht habe. 12 Stunden lang übrigens, falls ich es noch nicht erwähnt habe. Ja, wirklich - 12. Ich habe das lange nicht mehr getan. Naja, tatsächlich habe ich noch nie zuvor 12 Stunden am Stück im Kaffeehaus verbracht. Aber auch zwei, drei Stunden waren es eine gute Weile nicht mehr. Manchmal tun wir Dinge, die wir eigentlich mögen, lange Zeit nicht. Wir finden nicht die Muße, sind in Gedanken woanders... und so entstehen Pausen, die zuweilen erfrischend, manchmal aber auch entfremdend wirken können. Ich fand's erfrischend.

Das war's schon. Die Geschichte hat keine Pointe, und ich kann auch keine außergewöhnlichen Erlebnisse berichten, keine originellen Begebenheiten und keine geistreich-witzigen Schlußfolgerungen. Ich war einfach mal 12 Stunden im Kaffeehaus, und ich finde, daß diese Tatsache in unserer hektischen Welt eine kleine, fußnotenhafte Erwähnung verdient.

Gell?